Marilyn Monroe. 100 Seiten

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Journalistin und Schriftstellerin Jenni Zylka huldigt den Filmen der Filmikone Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag am 1. Juni 2026. Ihre “Marilyn Monroe. 100 Seiten” sind keine Biographie, sondern Filmjournalismus, eine Analyse ihrer Rollen hinter und vor der Leinwand.

Marilyn zwischen Femme Fatale und Fragile

Bereits 1946, gerade einmal 20 Jahre alt, war Norma Jean Baker – so ihr bürgerlicher Name – auf 33 Magazincovern abgebildet. Sie nahm in diesem Alter aber auch schon Schauspielunterricht im Actor’s Lab, einer Schule, die politisch links stand und sich gegen Rassentrennung aussprach. Einiger ihrer Mitglieder kamen später auch auf Hollywoods Schwarze Liste, weiß die Autorin. Ihre inzestuös-missbräuchlich klingenden Daddy-Lieder bekommen ebenfalls einen anderen Beigeschmack, wenn man ihre Peggy Martin Interpretationen in “Ladies of the Chorus” (1948) mit starkem Blues-Timbre vernimmt, was später leider nie mehr zu hören war. Während sie in “Dont bother to Knock” noch gleichzeitig als Femme Fatale und Fragile zu sehen war, wird sie später auf ein doch eher klassisches weibliches Rollenbild festgeschrieben. Wogegen sich MM aber auch zu wehren wusste, wie ihre spätere Karriere zeigt, in der sie eine eigene Produktionsfirma, Marilyn Monroe Productions Incorporated, gründete. Eine weitere Anekdote zeigt, dass Marilyn durchaus fortschrittlich war: bei einem Konzert von Ella Fitzgerald im segregierten Colorado habe sich MM erfolgreich gegen die übliche rassistische Praxis, Schwarze Künstler:innen über den Seiteneingang in den Club zu schicken, gewehrt. So erzählt von Ella herself in ihrer Autobiographie, schreibt Jenni Zylka.

MM und ihre Rollen im Film

“Blondinen bevorzugt”, “Manche mögen’s heiß”, “Das verflixte 7. Jahr” oder “The Misfits” u.v.a.m. Der naive Filmcharakter, in der Theatersprache “ingénue” bezeichnet, das blonde Dummchen, ihre Rollen als “the girl” waren wohl die Rollen, die das männliche Publikum sich für eine Frau ihrer Träume damals wünschte. Aber zeitlebens tanzte Marilyn auch aus der Reihe, etwa in der köstlichen Komödie von Billy Wilder “Some like it hot”, in der klassische Genderrollen scharf an der Filmzensur vorbei neu interpretiert wurden. Marilyn in ihrer Rolle als “Sugar” (schon das eine eher klassische Rollenzuschreibung) habe ihren Mann allein durch Liebe zu dem Mann gemacht, den sie wolle, schreibt Zylka. “Sie ist bei genauer Betrachtung keine echte Hauptrolle, aber bildet das körperlich-emotionale Zentrum des Films, dessen Integrität, Naivität und Weichheit dazu dienen, die handelnden Männer zu veredeln, bei ihnen eine Entwicklung in Ganz zu setzen”, so Zylka über Sugar. “Für mich spiegeln Marilyn Monroes Charaktere die Rollen, die Frauen in der Gesellschaft zugestanden wurden und werden. Marilyn ist eine Kämpferin in einem starren System”, meint die Autorin abschließend und hat doch gerade in ihren 100 Seiten bewiesen, wie sehr sich Marilyn Monroe selbst zu einer emanzipierten Frau entwickelte. Immerhin war sie ja erst 36 als sie unglücklicherweise an einer Überdosis Barbiturate am 4.8.1962 verstarb. Von Jenni Zylka ist bei Reclam zuletzt auch “Tina Turner. 100 Seiten.” erschienen.

Jenni Zylka
Marilyn Monroe. 100 Seiten
Die Ikone des 20. Jahrhunderts
2026, 100 Seiten – 12 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder. Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
ISBN: 978-3-15-020793-2
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Verlag

Meine Woche mit Marilyn

100 Jahre Marilyn Monroe: Meine Woche mit Marilyn. Auch nach mehr als 60 Jahren ist Marilyn Monroe immer noch ein Mythos. Aber aus Anlass ihres Geburtstages am 1.6.1926 erscheint eine Vielzahl von Publikationen, die mehr Licht in das Rätsel um die eigentliche Norma Jean Baker bringt

Der dritte Produktionsassistent und die weltberühmte Diva

“Soll ich sie spielen?”, frägt die private Marilyn ihren neu auserkorenen Schützling Colin Clark. Mit “sie” meint sie ihre andere Persönlichkeit, die Filmdiva, auf die sie getrimmt wurde und an der andere Millionen verdienten. Das “Showgirl” oder “Revuegirl” – die ewig gleiche Rolle – konnte sie erst durchbrechen und sich mit Marilyn Monroe Productions selbständig machte. Ungefähr zur Zeit dieses ersten eigenständigen Films, “Der Prinz und die Tänzerin“, spielt auch die Episode, die Colin Clark in vorliegender “wahrer Geschichte” erzählt. Seine “Woche mit Marilyn” erzählt von der Begegnung im Herbst 1956 in England in den Londoner Pinewood Studios. Die Dreharbeiten mit Sir Laurence Olivier drohen ob der vermeintlichen Allüren der Diva zu scheitern, jedoch gibt es einen, der eisern zu ihr hält: Colin Clark, der Erzähler. Eigentlich kam er über seine Eltern, die Olivier persönlich kannten, zur Filmproduktion. Als dritter Regieassistent ist er Mädchen für alles und muss u.a. die suizidgefährdete Marilyn durch eine Leiter an ihr Fenster retten. Aber alles löst sich in Wohlgefallen auf, denn der vermeintliche Vamp ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der einfach nur etwas Liebe sucht. Dass sie dann auch noch ihre Ehemann, der Dramatiker Arthur Miller, verlässt, gibt ihr erneut das Gefühl des Verlassenwerdens, ihr eigentliches Drama seit ihrer Kindheit. Doch Colin versteht es, ihr das zu geben, was sie auf den rechten Pfad zurückbringt: und sieh da, sie erscheint pünktlich morgens um sieben Uhr zu den Dreharbeiten.

Splish Splash, ein feuchter Kuss im Pool

Natürlich kann alles, was Colin Clark in seinem Tagebuch damals aufgeschrieben hatte, in Zweifel gezogen werden. Aber immerhin versucht er der Legende menschliche Züge abzugewinnen und allein dafür hat er sich ja schon Sympathien verdient. Er ist nicht nur ihrem Ehemann gegenüber kritisch eingestellt, sondern auch Milton H. Greene, ihrem Geschäftspartner in der eigenen Produktionsfirma und Paula Strasberg, ihrem Coach. Die ihm und Marilyn nachgesagte Affäre hat aber eigentlich nie stattgefunden, auch wenn Marilyn in seiner Darstellung auch ein ziemliches Boxluder gewesen zu sein scheint. Insofern ist die Erzählung, dass er als einziger ihr widerstehen konnte und es sogar schaffte sie künstlerisch zu disziplinieren, schon etwas hochgeschraubt, zumal er ja auch noch um sechs Jahre jünger war. Selbst als sie ihn nach dem Nacktschwimmen einen feuchten Kuss auf die Lippen drückt, steht er seinen Mann und widersteht. Man muss anerkennen, dass Clark sie einfach als menschliches Wesen beschreibt, das einfach auch mal sie selbst sein wollte, mit ihm, Colin Clark, konnte sie das scheinbar, wenn auch nur für eine Woche. Und selbst in dieser einen Woche muss sie “sie” spielen. Die Folgen kann sich jeder ausmalen: als sie nämlich “sie” spielt, befinden sich Clark und MM im Windsor Castle und in Null Komma Nichts sind sie von einem Menschenauflauf umringt und die Wachen haben alle Hände voll zu tun. Marilyn diente vielen Männern als perfekte Projektionsfläche ihrer eigenen Phantasien und hatten eigentlich nichts mit MM selbst zu tun, das arbeitet auch Clark gut heraus.

Marilyn Monroe, geb. am 1.6.1926 in Los Angeles als uneheliche Tochter einer Filmcutterin wuchs bei Verwandten und diversen Pflegefamilien auf. Sie war u.a. mit dem Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und dem Dramatiker Arthur Miller (1956-61) verheiratet und starb am 4.8.1962 mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Colin Clark: Meine Woche mit Marilyn ist der literarische Band der Schirmer/Mosel Centennial-Edition 2026, die vier Titel zu Marilyn Monroe umfasst.

Colin Clark
Meine Woche mit Marilyn
Eine wahre Geschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Bernadette Ott
2026, gebunden, mit Lesebändchen, 224 Seiten
ISBN 978-3-8296-0599-1
Schirmer/Mosel Verlag
€ 7,95 €(Ö) 8,20 CHF 9,15


Genre: Erzählung
Illustrated by schirmer/mosel

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt. Thanos steht im Griechischen für eine Kurzform von Athanasios (Athanasius) und bedeutet „der Unsterbliche“. Aber auch Thanatos, der Tod, spielt als Vorläufer des Namens eine Rolle, denn die Comicfigur Thanos von Titan, ist gekommen, um die Menschheit zu vernichten. Oder zumindest das Weltall um die Hälfte zu entvölkern.

Humor, die unerprobte Geheimwaffe

Der in den Achtzigern weit verbreitete Glaube, das eigentliche Problem der Menschheit sei die Überbevölkerung und nicht die Umverteilung, erhält in vorliegendem Comic einen schlagkräftigen Vertreter: Thanos von Titan. Der Marvel Held hat nicht unbedingt einen sehr hohen IQ, denn mit seinem Vorhaben will er vor allem Lady Death beeindrucken. Diese legt allerdings wenig wert auf seine abgöttische Zuneigung und benutzt ihn einfach für ihre Zwecke. Um sein Ziel, die Ausrottung der Hälfte allen Lebens um die andere Hälfte zu retten, zu erreichen, will er allerdings zuerst die fünf magischen Steine ausfindig machen, damit ihm die Vernichtung auch tatsächlich erfolgreich und effizient gelingen kann. Aber er hat nicht mit dem Silver Surfer gerechnet, der in der hier vorliegenden MUST HAVE Gesamtausgabe des Abenteuers, das sich bis in die Neunziger zog, auch einer ganz neuen, (für ihn) unerwarteten Waffe bedient: des Humors.

“Das Universum gehört mir!”

Der kosmische Held, dessen Energie nicht von seinem Surfboard betrieben wird, sondern aus seiner intrinsischen Motivation, muss allerdings selbst erst einige Selbstzweifel abschütteln, bevor er sich dem großen Kampf gegen einen seiner wohl häßlichsten Gegner richtig stellen kann. So begegnet ihm nicht nur das Böse in Form eines kleinen außerirdischen Babies, sondern auch ein Kobold namens Impossible Man treibt sein Unwesen in seinem Kopf oder im Weltall, je nach dem. Dieser kann sich verwandeln und ihm Torten ins Gesicht werfen, bis Silver Surfer endlich kapiert, dass es sich mit einem Lächeln im Gesicht einfach besser lebt. Und so begibt er sich selbst auf den Titan, einem künstlichen Mond des Saturns, wo der sanftmütige Herrscher Mentor residiert. Dieser will ihn mit seinen Söhnen, Eros und Drax, im Kampf gegen Thanos unterstützen, jedoch erweist sich dieser Dienst eher als Schuss ins Knie.

Die beeindruckenden Zeichnungen entführen die Leser:innen in ein unbevölkertes Weltall, wo sich die Titanen einen Kampf auf Leben und Tod liefern und so letztendlich die Frage lösen, wem das Universum wirklich gehört. Die Autoren Jim Starlin und Scott Edelman sowie Zeichner Mike Zeck und Ron Lim liefern eine spannende Vorgeschichte zur legendären Storyline um den Infinity-Handschuh. Plus: Thanos’ erster Solo-Auftritt!

 

Jim Starlin/Scott Edelman
Marvel Must-Have
Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt
(Original Storys: Silver Surfer (1987) 34–38, Thanos Quest (1990) 1–2, Logan’s Run (1977) 6)
2026, Hardcover, 240 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647147
Panini
39,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Sandman – Death

               Sandman – Death, ein Mitglied der The         Endless Family

Sandman – Death. Der Tod in Gestalt eines hübschen, jungen Goth-Punk-Girls spielte bei der legendären Sandman-Saga von Schöpfer Neil Gaiman von Anfang an eine wichtige Rolle. Als Mitglied der The Endless Familie rangiert er gleichberechtigt neben Delirium, Desire, Despair, Destiny, Destruction und Dream, also Sandmann selbst. In der neu übersetzten Serie (zwei Death-Mini-Serien gibt es schon), die Neil Gaiman gemeinsam mit Zeichner Chris Bachalo realisierte hat Death an einem einzigen Tag an dem auch sie sterblich ist, die Welt der Menschen zu erforschen und erfahren.

Das Herz im Verborgenen

Death, der Tod in Gestalt eines hübschen Punk-Girls, tauchte in Neil Gaimans Bestsellerserie Sandman sehr früh auf und avancierte nicht nur zur Lieblingsfigur, sondern bekam auch zwei Miniserien spendiert, die ebenfalls längst Klassiker sind. Hier sind die Storys, in denen Death u.a. für einen Tag sterblich ist, in einem Band. In der dreiteiligen Geschichte “Der Preis deines Lebens” (Death: The High Cost of Living 1–3, 1993) geht es um den jungen Ausreißer Sexton, der etwas dem 1994 verstorbenen Grunge-Musiker Kurt Cobain ähnelt. Er wird von Death aus einer mißlichen Lage befreit und glaubt ihr dennoch kein Wort. Aber ihre Geschichte ist ja auch mehr als unglaubwürdig, denn wer würde schon hinter der unschuldigen Fassade des jungen Mädchens das mächtigste Mitglied der berühmten Endless-Familie vermuten? Doch auch Mad Hettie gibt dem jungen Sexton einige Rätsel auf, denn sie will ausgerechnet ihr Herz zurückbekommen und er soll ihr dabei helfen. Die Zeichnungen sind im klassischen Neunziger Jahre stil, sehr düster und auf die Abfallplätze unserer Gesellschaft abonniert. Ein New York kurz vor dem Untergang, aber dennoch sehr lebendig. Und am Ende findet man heraus, welchen Schatz eine hölzerne Babuschka-Puppe wirklich beinhalten kann.

Rockstar sucht Familie

Die zweite Geschichte in vorliegendem Band, The Time of Your Life 1–3, 1996, erzählt von Foxglove, dem kommenden Rockstar des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihr Album “Slits of Love” wird gerade veröffentlicht und die Promotiontour dafür, führt sie weit weg von ihrer Geliebten, Hazel, u.a. nach L.A. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Alvie, und müssen sich entscheiden, wen von ihnen Death nun denn holen darf. Auch wenn man mit ihr eigentlich nicht handeln kann, weil sie nur das ausführt, was festgelegt ist, eröffnet sich dennoch eine neue Option. Und vielleicht können die drei doch noch die Zeit ihres Lebens, the time of their life, gemeinsam verbringen? Eine Geschichte die zeigt, dass auch das Leben als Rockstar seine Schattenseiten haben kann und Ruhm nicht alles ist. Vor allen Dingen die eine unstillbare Sehnsucht, irgendwo daheim zu sein, ein Zuhause zu haben, nicht stillen kann. Auch erhältlich als Hardcover-Variant!

Neil Gaiman/Chris Bachalo
Sandman – Death
(Original Storys: Death: The High Cost of Living 1–3, The Time of Your Life 1–3)
2026, Softcover, 176 Seiten
ISBN: 9783741648748
Panini
24,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Die Fremde

Die Fremde. “Manchmal haben wir einander tief verletzt, doch es war das Bemühen, sich verständlich zu machen“, schreibt die 1984 in Brooklyn geborene Claudia über die Beziehung zu ihrer Mutter. Sie wurde als CODA (children of deaf adults) geboren, Tochter zweier gehörloser Eltern, die sich einst am Ponte Sisto in Rom kennengelernt hatten. Er versuchte sich von der Brücke zu stürzen, sie rettete ihn. Oder war es doch ganz anders?

Die Tochter der Stummen

In der Version ihres Vaters rettete natürlich er sie, vor einem Überfall am Bahnhof Trastevere. Aber egal welcher Erzählung man lauscht, es ist doch der heimliche Wunsch eines jeden Erdenbürgers von einem anderen gerettet zu werden. Aber das würde man nie zugeben. Ihre italoamerikanische Familie belegt sie ohne schlechtes Gewissen mit Stereotypen, wie sie schreibt, die sich auf “Verbrechen und Leidenschaft beziehen“. Das seien die größenwahnsinnigen Phantasien, denen sie anhingen: “Es sind die Filme, die sie gesehen haben, die Lieder, die sie gehört haben“. Beim Festival von San Remo, die italienische Version des Eurovision Songcontests, achtet sie mit ihrer Mutter auf die Texte, denn die Texte sind das, was sie verbindet. “Meine Mutter und ich liebten Texte, wenn sie wahr waren, aber um uns herum gab es nur Fiktionen.” Die Musik, die ihre Mutter nicht hören konnte, konnte sie aber zumindest berühren, um sie zu erfahren. Die technischen Geräte wie CD-Player oder Walkman, gaben ihr ein Gefühl des Klanges. “Gehörlose begreifen sich selbst vor allem als eine Sprachgemeinschaft“, schreibt die Autorin, aber dennoch lebt sie die meiste Zeit alleine und die Geräusche sind alles, was sie hat.

Benennen: Ein Akt der Liebe

“Wenn sie sagen will, dass etwas wunderschön ist, sagt sie, es sei abstrakt“. Claudia und ihr Bruder hatten sich oft darüber lustig gemacht, wenn etwa das Ende eines Films, ein Gemälde, die Geburt ihres Enkels oder ein Kleid im Schaufenster “abstrakt” waren. Claudia wuchs in dem Glauben heran, dass sie für immer gerettet würde, wenn sie sich einem andern Menschen anvertraute, schreibt sie. Und sie glaubt immer noch daran, dass dieses “luzide Sich-Anvertrauen etwas Bedeutsames hat“. “Etwas zu benennen, ist ein Akt der Liebe.” Hin- und hergerissen zwischen Heimweh und Migration, Anpassung und Auflösung beschreitet sie die “scorciatoia”, die “desire paths” zu sich selbst: “Die Zukunft war all das, was vor einem Weggang kam.” Der Titel des vorliegenden Buches bezieht sich auf die polnische Schriftstellerin Maria Kuncewiczowa, die 1940 ihren Roman „cudzoziemka“ veröffentlichte.

Burning Desire und die Taxonomie der Liebe

Aber es geht Claudia Durastanti nicht nur um das Leben ihrer Eltern, sondern auch um eine Momentaufnahme ihres eigenen Lebens, das sie oft mit Filmen, Stimmungen und Bildern beschreibt. Auch die Oxycontinkrise in den USA beschreibt sie, weil ihre Freundin Malinda davon betroffen ist: “Als würden sie sich eine Sustanz spritzen, die sie unter Formaldehyd konservierte, eine Taxidermie, bei der sie immer aufgespürte Tiere blieben, aber in einem Wald ohne Jäger.” Das Burning Desire eines anderen drogenabhängigen Freundes beschreibt sie mit seinem Ehrgeiz seinen Körper wieder auf ganz gesund zu trimmen, um sich danach wieder hemmungslos der Droge hingeben zu können. Dadurch bekommt man einen Körper, “der keine Eroberung ist, sondern die Summe all seiner Gravuren, eine Brailleschrift aus Irrtümern“. Als “Teil des Subproletariats” (O-Ton) beginnt sie sich erst an der Universität zu begreifen und es ist ihr klar, dass ohne den Wohlfahrtsstaat es ihr nie gelungen wäre, sich als Frau zu befreien, zu reisen, ja, eine Frau zu werden, wie sie schreibt.

Der Raum zwischen zwei Menschen

Im vorletzten Kapitel, “Liebe“, schreibt sie, dass diese vor allem eine Frage des Wiedererkennens sei: “Denn in all den Jahren, die ich tatenlos verbracht hatte, weil ich dachte, ich würde verschwinden, hatte ich einfach nur auf jemanden gewartet. Nach ihm gesucht.” Die wohl schönste Beschreibung der heutigen Twens, der Millenials. “Eine Liebesgeschichte ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, und wenn keine Vorzeichen da sind, muss man sie erfinden, damit alles bedeutend wird.” Der “Raum zwischen zwei Menschen” wird durch Gespräche durchmessen, aber am Ende steht die neuerliche Einsamkeit: “Als ich gescheitert war, als er versagt hatte, fehlte mir nicht nur er, sondern auch das Gefühl, unsterblich zu sein“.

Claudia Durastanti
Die Fremde
Übersetzt von Annette Kopetzki
WAT [887]
2026, 288 Seiten. 12 x 19 cm. Broschiert
ISBN 978-3-8031-2887-4
Wagenbach
15,– €


Genre: Autobiographie, Roman
Illustrated by Wagenbach

Die Wechseljahre als Comic

Peri Meno. Rinah Lang arbeitet gerne mit Tusche, Buntstift, Schere und Papier – auch wenn sie immer wieder merkt, dass digitales Arbeiten manchmal echt praktischer ist. In ihrem neuesten Buch beim Carlsen Verlag widmet sie sich einem höchst tabuisierten Thema: den Wechseljahren, anders gesagt der Menopause.

Auf den Spuren eines gesellschaftlichen Tabus

Aufmunternd beginnt der Comic mit einer Neujahrsfeier unter einer Discokugel. Wie die Jahre vergehen! Erst noch Mutter und plötzlich erwachsene Kinder und dann klopft schon die Menopause an. Nicht bei jeder Frau zum selben Zeitpunkt, aber meistens früher als erwartet und zumeist erwünscht. Was zuerst mit einer vermeintlichen Erleichterung der Monatsblutung beginnt und sich hormonell vielleicht sogar durch größere sexuelle Aktivität auswirken kann, schlägt schnell in das Gegenteil um. Kopfweh, Schlafstörungen, Hitzewallungen/Schwitzen, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen etc. gehören zu den unangenehmen Nebenwirkungen der Wechseljahre, die bis zu zehn Jahre oder sogar länger andauern können. Auf die Mischung kommt es an: Östrogen, Progesteron und auch Testosteron befinden sich zunehmend im Ungleichgewicht und sorgen für das, was Rinahs Schwiegermutter mit “Streitsucht” umschreibt. Auf der Grundlage von Sheila de Liz ordnet Rinah den drei Hormonen drei Schauspielerinnen zu: Drew Barrymore, Cameron Diaz und Lucy Liu, was sich zeichnerisch richtig witzig liest und zudem die Vorstellungskraft erweitert. Viele anderen Angaben sind natürlich wissenschaftlich untermauert, etwa die Prämeno, Perimeno, Meno und Postmenopause. Was an dem Ganzen allerdings eine “Pause” sein soll, das fragen sich schon seit mehreren Generationen viele Frauen…

Aufklärung ist Teilnahme und Fürsorge

Rinah Lang hat eine unterhaltsame Geschichte gezeichnet und getextet, die früher oder später alle Frauen betrifft. Dass das Thema endlich ent-tabuisiert wird, weil nur das zur Aufklärung beiträgt, ist ohnehin schon ein sehr wichtiges Anliegen, das hier auf amüsante Weise gelöst wird. “Edutainment” at its best möchte man sagen. Ihr Fazit: man muss einfach mit und nicht gegen die eigenen Ressourcen arbeiten. Aber das ergibt sich ohnehin durch das fortschreitende Alter. Als positiver Nebeneffekt der Menopause nennt sie auch, dass man endlich das macht, was man immerhin schon machen wollte. Zum Beispiel seinen Brotjob zu kündigen und einen lesenswerten Comic über die Menopause zu verfassen und zu illustrieren. Übrigens auch Männer haben eine Menopause. Sie nennt sich Andropause, ist weit weniger schlimm als die weibliche Version der hormonellen Umstellungsphase in der Mitte des Lebens, aber vielleicht auch einen weiteren Comic der Autorin wert?

Peri Meno Pause und Andropause

Wir werden sehen. Klug, kurzweilig und informativ erzählt Rinah Lang von dieser (vorletzten) Lebensphase mit all ihren Herausforderungen, Vorteilen und Nachteilen. Sie macht sich auf die Suche nach Zusammenhängen, besucht Expert:innen und begibt sich in regen Austausch mit ihren Freundinnen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und Vivantes Klinikum Neukölln, Autorin, Podcasterin. “Aufklärung ist eben kein Luxus – sondern Fürsorge“, so Dr. Mertcan Usluer, Gynäkollege.

Rinah Lang
Peri Meno
2026, Hardcover, 192 Seiten, Größe: 175 mm x 246 mm
ISBN: 978-3-551-80568-3
Carlsen Verlag
26,00 €


Genre: Frauen, Gesellschaft, Gesundheit
Illustrated by Carlsen Comics

Nur das Allerbeste

Ein frommer Wunsch, “Nur das Allerbeste” wird zum Anfangs- und Endpunkt dieses Romans direkt von der Bowery in New York in Ihr Wohnzimmer gehext. Denn die beschriebene Dinnerparty ist so authentisch und live beschrieben, dass sie auch genau da stattfinden könnte: in Ihrem Wohnzimmer.

Ein (Gedanken-)Fluß ohne Wiederkehr

Dass die Floskel “Nur das Allerbeste” sogar besser passt als die im Amerikanischen Original verwendete Grußformal “Happiness and Love” ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass “Holzfällen” (1984) von Thomas Bernhard zum Ausgangspunk ihres Debütromans wurde, wie die Autorin selbst in ihrer Anmerkung statt eines Nachworts schreibt. Zu danken ist natürlich auch der Übersetzerin, die wohl das Werk von Bernhard ebenso gut kennen dürfte wie das Debüt von Dubno, die schreibt: “Holzfällen ist zum Verständnis meines Buchs nicht notwendig, aber absolut empfehlenswert“. Und tatsächlich liest sich “Nur das Allerbeste” wie in einem Fluß, so beschwingt ist der Flow und der Stream dieses Gedankenreigens. Eine zufällige Begegnung auf einer Trauerfeier, ein geselliges, “künstlerisches” Abendessen wird zum Ausgangspunkt eines inneren Monologs, eines stream of consciousness, der einen schnell die mondäne Umgebung, ein Penthouse in New York, vergessen lässt. Denn der Gedankenstrudel von Zoe Dubno reißt einen mit in einen Fluß ohne Wiederkehr, bei dem nur Leichen überbleiben können. Bis am Schluss dann die Grußformel “Nur das Allerbeste” vielleicht doch alles wieder rettet?

Trauerfeier als Performance

Die beiden Wohltäter und Mäzene, Nicole und Eugene, die eine New Yorker Künstlerclique durch Parties über Wasser hält wird derartig genüsslich und appetitlich durch den Kakao gezogen, dass einem tatsächlich die Spucke wegbleibt. Die etwas jüngere Protagonistin, die “Neunzehnjährige”, die inzwischen auch schon bald in ihren Dreißigern angelangt sein dürfte, kommt von ihrem fünfjährigen Europaaufenthalt zurück und erfährt, dass Rebecca “zu viele Pillen” geschluckt hat und das Zeitliche segnete. Auf der Trauerfeier in dem Apartment der Mäzene Nicole und Eugene treffen sich alle ihre ehemaligen alten Bekannten und warten auf eine Schauspielerin. Diese soll für die ehemalige Schauspielerin Rebecca die Trauerrede halten, die dann allerdings etwas aus dem Ruder gerät. Obwohl die Erzählerin immerhin den Atlantische Ozean zwischen diesen Menschen und sich als Pufferzone errichtet hatte, stößt ihr sofort alles das, was sie damals so ihnen verabscheute, wieder auf. Denn die zur Schau getragene Großzügigkeit der beiden Vampire ist in Wirklichkeit nichts als ein gewinkelter Schachzug an neue Ideen von anderen ranzukommen. Aus einem Vierliter-Ziploc-Beutel, der weitergereicht wird, entnehmen die Anwesenden die Asche Rebeccas und streuen sie in den Wind während die Protagonistin sich in Erinnerungen verliert und ihre Abscheu immer größer wird. Doch dann trifft endlich die Schauspielerin ein und nimmt ihr quasi die Worte aus dem Mund…

Middle Brow, Content Farmen, Leverage Buyout, Corporate Governance und die “Performativität von Objekten”

Eine lesenswerte Abrechnung mit einer Kulturschickeria, bei der Performance den eigentlichen Wert von Kunst längst ausgehöhlt hat und der bloßen Profitmaximierung dient. Selbst die Filme die sie sich ansehen tun nur so als ob sie diese angeprangerte Kultur kritisieren würden, inszenierten sie jedoch gerade und legten die eigentliche Sehnsucht der Regisseure oder Drehbuchschreiber, selbst Kapitalist sein zu wollen, bloß. Zoe Dubno rockt in ihrem Debütroman richtig ab und reicht beim Schimpfen auf die Kulturelite ihres Landes selbst Bernhard das Wasser, sie spricht wohl vielen aus der Seele, wenn sie gesteht, dass auch sie schon einmal ihre Seele zum Dumpingpreis an die Kulturindustrie verkauft hat. But what can a poor girl do, but sing in a rock and roll band? Mit einem Wort: Großartig!

Zoe Dubno
Nur das Allerbeste.
Roman
Originaltitel: Happiness and Love
Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
2026, Hardcover, 288 Seiten, Format : 11,8 x 19,5 cm
ISBN : 978-3-423-28521-6
dtv
EUR 24,00 [DE] – EUR 24,70 [AT]


Genre: Debüt, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik und Literatur, Roman
Illustrated by dtv

Das toxische Schweigen der Narzissten

Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.

Der Narzisst und das Schweigen

Schweigen ist eben nicht “Gold”, wie es in einem vielzitierten Sprichwort heißt, sondern geißelt als Omertà die Menschheit. Es gibt viele Formen des Schweigens. Eine unlängst entdeckte nennt man PTED, anglehnt an den Begriff des PTBS, nach der englischen Abkürzung Posttraumatic Embitterment Disorder. Ein als extrem ungerecht empfundenes Lebensereignis kann einen nachhaltig emotional belasten und zu einem depressionsähnlichen Zustand führen. Während sich dieses Schweigen dann allerdings eher gegen sich selbst richtet, kann der Narzisst durch sein Schweigen besonders andere aus dem Gleichgewicht bringen. Seine “fünf großen E” (Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Entwertung anderer, Empfindlichkeit) scheinen wie geschaffen, für die Machtübernahme dieses so zärtlich gebauten Menschenschlags. “Sofern das toxische Schweigen tatsächlich viel mit Empathiemangel zu tun hat – eine Hauptthese dieses Buches – begünstigt diese Seite des Narzissmus das Schweigen“, schreibt Haller. Der tiefenpsychologische Hintergrund des Narzissmus sei eigentlich der Neid auf andere und die damit verbundene Entwertung anderer. Selbst aber reagieren sie mehr als überempfindlich auf Kritik und sinnen bald schon auf Rache. “Knallhart beim Austeilen, extrem empfindlich im Einstecken“, ergänzt der Psychiater. Man muss aber kein ausgewachsener Narzisst sein, um durch Schweigen andere zu kränken. Denn tatsächlich wird Schweigen auch gerne als psychologische Waffe eingesetzt, besonders in Paarbeziehungen.

Be A Rock of Gibraltar

Schweigen kann in der Partnerschaft sogar als emotionale Erpressung eingesetzt werden. Denn wo keine Worte sind, bleibt viel Raum für Interpretation und Spekulation. Zu viel. Wenn zudem noch emotionale Nähe, Zärtlichkeit und echte Gespräche fehlen, spricht man sogar von passiv-aggressivem Verhalten, das zusätzlich ausgrenzt und verletzt. “Ohne offene Kommunikation kann keine Beziehung stehen“, resümiert Reinhard Haller und gibt in seinem neuesten Buch auch viele Tipps wie man sich dem widersetzen und etwas entgegensetzen kann, wenn man nur mehr angeschwiegen wird. Sogar ein Filmtipp (“Le chat“) ergänzt die Hilfestellungen des Psychiaters, der sich dem Thema in all seinen Facetten annimmt: Ghosting, Mutismus, Zivilcourage, Stalking, Stonewalling, etc., alle diese Begriffe werden von ihm erklärt und in Zusammenhang gesetzt. So entsteht ein komplexes Bild eines Verhaltens, das letztendlich niemandem nützt. Denn am Ende ist auch der Narzisst einsam, einsam in seiner Sucht nach sich selbst. Im vorletzten Kapitel, “Das Leid der Angeschwiegenen“, findet man weitere wertvolle Tipps zur proaktiven Gestaltung seiner eigenen Lebensumwelt und gegen die verbreitete “Los-igkeit“. Das letzte Kapitel listet sogar 12 Regeln auf, wie man Schweigeblockaden durchbrechen kann und wieder zu einem lebenswerten Umgang miteinander finden kann. Nur so viel: Appelle an die Vernunft des Schweigenden bringen nicht viel, da das toxische Schweigen ja ein emotionales Problem ist.

Reinhard Haller
Toxisches Schweigen.
Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen.
2026, Paperback, 272 Seiten
ISBN: 9783689690724
now Verlag
€22,00


Genre: Psychologie
Illustrated by now Verlag

The Gourmand’s Mushroom.

Der dritte Streich von The Gourmand: Pilze

The Gourmand. Pilze sind derzeit in aller Munde. In der dritten TASCHEN Publikation von The Gourmand erwartet die Leser:innen eine mykologische Reise. Als Pilot:innen stehen hinter dem Projekt David Lane und Marina Tweed, die zusammen die gleichnamige Food- und Kulturzeitschrift im Jahr 2011 in London gegründet haben.

The Gourmand: Pilze in aller Munde

Die Arbeiten von The Gourmand wurden in der New York Times, The Guardian, Die Zeit und Le Monde gewürdigt und sogar schon im Design Museum London ausgestellt. Das besondere daran ist, dass sie zwar nur das universelle Thema Essen erkunden, es aber durch Publikationen, Filme und Ausstellungen in den Kontext von Kunst, Design, Literatur, Film, Mode und Musik stellen. Pilze waren schon in der Antike spirituelle Helfer, aber nicht nur ihre psychoaktive und oftmals auch medizinische Wirkung wird geschätzt, sondern sie schmecken auch köstlich.

Pilze: das unsichtbare Netz

Seit bekannt ist, dass die Pilze auch unterirdisch ein quasi weltumfassendes Netzwerk bilden, das der Versorgung aller Beteiligten dient, sind Pilze ohnehin zu den Rockstars unter den Lebensmitteln aufgestiegen. Die Kulturkarriere des Pilzes in der Moderne lassen den Pilz wie ein Kunstwerk erscheinen, dem in vorliegender Publikation in vielen Geschichten und Originalrezepten gehuldigt wird. In der Einleitung teilt übrigens der renommierte Koch und “Food”-Autor Jeremy Lee in einer Art lyrischen Reflexion seine Gedanken über Vergänglichkeit, Nahrungssuche und kulinarische Erinnerungen. Ein Fest der Sinne nicht nur für Mykologen!

Eine mykolgisch-kulturelle Reise

The Gourmand’s Mushroom. A Collection of Stories & Recipes ist eine köstliche Lektüre voller kulinarischer Innovationen. Ein Leckerbissen, ein Festmahl das sowohl als Nahrung, Heilmittel, Sakrament und Symbol eine jahrtausendealte Kulturgeschichte hat. Die kulinarische Praxis mit kultureller Reflexion, die auch für die beiden anderen Publikationen von The Gourmand so stilbildend war, wird auch in The Gourmand’s Mushroom weitergepflegt: in Essays, deren Themen von Mythologie über Toxikologie bis hin zu Kunst, Architektur, Mode, Film und sogar Raumfahrt reichen. Begleitet wird der Intellektuelle und kulturelle Reigen auch von visuellen Inspirationen: Fotos, die Pilze als Formen, Strukturen und fast skulpturale Erscheinungen feiern.

The Gourmand: Mushrooms in Cinemascope

Unter den Künstlern finden sich bekannte wie unbekannte, darunter Bosch und Beatrix Potter, María Sabina und die CIA, Yayoi Kusama und Takashi Murakami. Aber auch Comicfiguren oder Todesboten, in Feenkreisen oder Kriminalromanen, ob Fliegenpilz oder Knollenblätterpilz, Heilmittel oder Halluzinogen sind Pilze essentieller Bestandteil der großen Erzählung der Menschheitsgeschichte. Die umfangreiche Sammlung von Originalrezepten huldigt der erdigen, umami-reichen Köstlichkeit. Von delikaten kantonesischen gefüllten Pilzen und knusprigem Tempura über Pierogi, Risotto, Ramen-ähnlichen Relishes, Ravioli mit Waldpilzen und klassischer Duxelles bis hin zum einfachen Pilzketchup.

David Lane und Marina Tweed
The Gourmand’s Mushroom.
A Collection of Stories and Recipes
Ausgabe: Englisch
2026, Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.40 kg, 292 Seiten
ISBN 978-3-8365-8661-0
TASCHEN
€ 40


Genre: Design, Film, Kulturgeschichte, Kunst, mediterrane Küche, Mode, Musik, Musik und Literatur
Illustrated by Taschen Köln

Prince. 100 Seiten

Zehn Jahre ist er tot: Prince, unvergessen!

Prince. 100 Seiten. April 2016: Prince ist tot. Gerade einmal 57 Jahre alt geworden (*7. Juni 1958) ereilte ihn das Schicksal des “Club 27” dreißig Jahre später. Eine Überdosis von Schmerzmitteln, die Autorin spricht von Fentanyl, hatte dem begnadeten Visionär, Genie und Ikone der LGBTIQ+ wohl eher unabsichtlich dahingerafft.

Prince: Club 27 mit 57

Berühmt für seine rücksichtslosen Tanzeinlagen hatte sich der Spätberufene Zeuge Jehovas Hüft-, Knie- und Gelenksschmerzen eingehandelt, die ihm – je älter er wurde – derart zu schaffen machten, dass er es ohne Schmerzmittel nicht mehr aushielt. Als Zeuge Jehovas war ihm eine lebensrettende Operation – die Bluttransfusion zur Folge gehabt hätte – schlichtwegs nicht erlaubt. Am 16. April soll er bei einem letzten Konzert in seinem Paisley Park Anwesen noch die unheilvollen Worte “Wait a new days, before you waste any prayers” abgesetzt haben, 5 Tage später, am 21. April fand man ihn tot im Aufzug von Paisley Park.

Prince: Das bescheidene Genie

Der nur 157cm große Künstler war einer der letzten wirklich Großen der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche. Sein zurückgelassenes Werk wird auf weitere 58 Alben geschätzt, so fleißig und ehrgeizig war der aus zerrütteten Verhältnissen in Minneapolis stammende Musiker, Performer und auch Tänzer gewesen. Aber auch bescheiden, wie ihm folgendes berühmtes Zitat bescheinigt: “If you seek somethin else but music in me, then it’s something inside of you that’s lackeng“. Pointiert, intelligent und sharp, ganz so wie sein Bühnen-Ich. “Fuckability” fällt in diesem Zusammenhang als Stichwort der Musikexpress-Journalistin.

Riesiges Vermächtnis eines Ausnahmekünstlers

Dabei hatte ihn selbst seine fatale Begegnung mit seinem Vorbild Graham (Sly & the Family Stone) das Leben gekostet. Graham war es nämlich der ihn zu den JW missioniert hatte und so wurde ihm die Beziehung schließlich zum Verhängnis, wie die Autorin anmerkt. Enttäuscht zeigt sich die – widerwillige – Biographin übrigens von seinem Verhältnis zur nur 16-jährigen Mayte Garcia, dabei hatte Prince doch stets Augenhöhe in Beziehungen propagiert. So auch zu seinen lesbischen Co-Künstlerinnen und Bandmitglieder:innen Wendy und Lisa, die er stets mit Respekt behandelte. Indirekt war Prince auch für die Gründung der von Tipper Gore propagierten PAEL-Stickers verantwortlich. Sein Song “Darling Nikki” war so sexy, dass Tipper Gore ihre Zensur-Organisation PMRC gründete.

Prince: Off Records und In Records

Ein Interview mit dem deutschen Tontechniker Hans-Martin Buff ergänzt die ansonsten doch sehr gut gelungene Lektüre über einen der größten Musiker unserer Tage. Natürlich wird auch nicht auf seine “Schauspieler”-Karriere vergessen, deswegen unter Anführungszeichen, weil er ja doch hauptsächlich sich selbst spielte. So etwa in dem unvergessenen “Purple Rain” (1984), “Under the Cherry Moon” (1986) und “Sign o’ the Times” (1987). Zwischen 1978 und 2015 erschienen 39 Studioalben, ein Vermanschen seines Nachlasses wurde bisher noch nicht registriert. Aber der bevorstehende Geburtstag am 7. Juni wird für die von Prince schon zu Lebzeiten verhasste Industrie sicherlich ein guter Anlass sein, seine Alben neu aufzulegen.

Die Autorin und Journalistin für taz, konkret, KaputMag und Musikexpress betreibt auch den Podcast “Rebecca räumt auf”. 2025 erschien ihr Buch Mega!, das Kolumnen, Essays und Kommentare zu popkulturellen Themen versammelt.

Rebecca Spilker
Prince. 100 Seiten
Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
2026, 100 Seiten – 17 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder
ISBN: 978-3-15-020797-0
Reclam
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister! Die Kultur der Diné steht im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Comics von Schauspiel- und Regielegende Jamie Lee Curtis. Als Zeichner werkten Karl Stevens und Russell Goldman und gemeinsam setzten sie eine Geschichte in Gang, die tatsächlich passiert ist. Bis halt auf ein paar fiktionale Einschübe…

Kampf dem Klimawandel

Die Four-Corners, der Südwesten der USA, also Colorado, Utah, Arizona, New Mexico, sind der Teil, wo auch heute noch am meisten Ressourcen abgebaut werden. Nicht ganz zufällig ist das auch die Gegen der Staaten, wo die meisten Indigenas überleben konnten und es noch Reservate gibt, die theoretisch unantastbar sind. Aber man kennt ja den Hunger der Erdölkonzerne und anderer Energieriesen: er ist unersättlich. In der vorliegenden Geschichte geht es um zwei Generationen von Frauen, die den Raubbau von “Mutter Natur” miterleben müss(t)en. Nova Terrel, die schon als Kind miterleben musste, wie ihr Vater bei einem experimentellen Ölförderungsprojekt unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, steht im Mittelpunkt. Die Firma, für die ihr Vater gearbeitet hat, verhält sich augenfällig seltsam, es stimmt etwas nicht, wie sie schnell bemerkt. Einerseits produziert sie mit dem „Mother Nature“-Projekt sauberes Wasser in Catch Creek, andererseits wird Radium in diesem Trinkwasser gefunden. Als sie erwachsen ist, stellt sich Nova gegen den Ölgiganten und macht eine schreckliche Entdeckung.

Vom Öko-Horrorfilm zum Mystery-Comic

Die künstlerischen Aspekte, also die Zeichnungen sind durchaus als bemerkenswert zu bezeichnen, auch wenn man der Erzählung selbst anmerkt, dass es sich eigentlich um eine Drehbuchvorlage handelt. Das Verbindende von Bild und Text, das andere Graphic Novelle auszeichnet, wird hier eher ausgespart zugunsten unklarer Schockmomente, wie es in einem Film vielleicht funktionieren würde. Der Diné Autor Brian Lee Young hat das Nachwort verfasst indem er das Anliegen, seine Kultur in der Öffentlichkeit breiter zu repräsentieren, lobt. “Mother Nature” spreche vielschichtige Themen wie “Muttersein, Erbe, Klimawandel und Hoffnung auf eine bessere Zukunft” an. Eigentlich entstand der Comic nach einem Filmdrehbuch wie man in einem kurzen Interview am Ende des Bandes erfährt. JLC nennt es darin ein Drehbuch für einen “Öko-Horrorfilm”, aber ganz so drastisch ist die Graphic Novel dann doch nicht geworden. Der reale Kampf der indigenen Gemeinden der USA gegen den Klimawandel dauert immer noch an. Auch die vorliegende Graphic Novel ist Teil dieses internationalen Kampfes auf den in jeder Weise hingewiesen werden muss. Zeichnerisch wirklich gelungen!

Jamie Lee Curtis
Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!
2026, Hardcover, 184 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 9783741638275
Panini
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Daredevil – Das Leben des Jack Murdock

In der Reihe Marvel Must-Have wurde “Daredevil – Das Leben des Jack Murdock” von den Autoren Carmine Di Giandomenico und Zeb Wells sowie Zeichner Carmine Di Giandomenico neu aufgelegt. Der Vater des blinden Rechtsanwalts Matt Murdock war der Boxer Jack Murdock, der sich leider mit den falschen Leuten anlegte.

Wie der Vater, so der Sohn…

Sein Debüt hatte er in der Serie Daredevil (1964), aber in der vorliegenden Geschichte, die im Original Battlin’ Jack Murdock heißt und aus dem Jahre 2007 stammt, läßt er es so richtig krachen. Als alleinerziehender Vater tut er sein Bestes, seinen noch minderjährigen Sohn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Seine Mutter, Maggie Grace, hatte die beiden verlassen, und nun muss Jack für den Kleinen sorgen. Damit sich dieser keine Sorgen mehr über seine Mutter macht, erzählt er ihm, dass sie schon tot sei. Eine Notlüge, um ihm das Leben zu erleichtern. Aber wie wir alle wissen sind es genau diese kleinen Notlügen, die große Konsequenzen zeitigen. Jack, der sein Geld weiterhin als Boxer verdient gerät auf die schiefe Bahn, da das Boxwesen von der Unterwelt durchdrungen ist. Bei einem Kampf soll er in der vierten runde runtergehen, um die Wettgewinne beim Mob zu erhöhen. “Manche Lehrer sind nicht gut für einen“, heißt es das kryptisch. Manche Vorbilder ebensowenig.

Vorbilder und Ebenbilder

Im düsteren Noir-Stil zeigt der vorliegende Comic von Ausnahmekünstler Carmine Di Giandomenico, Autor und Zeichner, der mit der Miniserie „Examen“ für den Verlag Phoenix und „Conan der Barbar“ für Marvel Italia bekannt wurde, wie das Boxermilieu funktioniert. Eine zeitlose Geschichte, in wechselnden Panels erzählt, zeigt Kante und vergisst dabei nicht auf detailreiche Milieustudien. Dass Jack erst einmal richtig absaufen muss, um dann wieder ein Phoenix wiederaufzuerstehen, hat er vor allem den dunklen Hintermännern des Mob zu verdanken. Denn er war schon einmal ganz unten, bevor ihm ein weiteres Angebot wieder zu kämpfen wieder auf die Beine half. “Dachtest du etwa der liebe Gott entscheidet den Kampf? Vergiss es, das tut allein der Fixer“, ermahnt ihn der Ringrichter in der dritten Runde. Noch hat Jack Zeit zu überlegen, ob nicht auch er einmal “Gott” spielen kann. Zudem hat Josie ihr gesamtes Trinkgeld auf ihn gesetzt…

Eine hieb- und stichfeste, knallharte Geschichte die man sich nicht entgehen lass sollte: nicht zuletzt deswegen erschient sie in der Reihe Reihe Marvel Must-Have, um noch einmal eine letzte Chance zu bekommen, so wie Jack…

Marvel Must-Have
Carmine Di Giandomenico, Zeb Wells
Daredevil – Das Leben des Jack Murdock
Original Storys: Daredevil: Battlin’ Jack Murdock (2007) 1–4
2026, Hardcover, 112 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647130
Panini
25,00 €

 

 

 


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Der Sterbliche Thor 1

“Vom Staube stammen die Sterblichen“, heißt es in der nördlichen Erzählung Edda von Saemundor Sigfusson., so das Zitat, das die vorliegende mehrteilige Serie über den sterblichen Thor einleitet. In Teil 1/3 wird die Realität neu geschrieben: Donald Blake, früher einmal die menschliche Erscheinung von Thor, ist jetzt sein böses alter ego.

Der Sterbliche Thor 1

Thor muss es in vorliegendem Abenteuer nicht nur gegen die Machenschaften des Konzernriesen Roxxon aufnehmen, sondern auch gegen die Schrecken des finsteren Reichs der Utgard und das Gedächtnis der Menschen: Sie haben die Götter Asgard vergessen und können sich nicht mehr an sie erinnern. Aber der Sterbliche Thor tut alles, um sie ihnen wieder in Erinnerung zu rufen: irgendwo in New York erwacht ein Mann mit einem Hammer und eine Legende nimmt ihren Lauf. “Ich schade nicht anderen, um mich selbst zu bereichern“, sagt der wie ein alternder Hippie aussehende Thor zu einem ihn verführenden Geschäftsmann. Auch die anderen Erdenbewohner sind nicht gerade freundlich zu ihm und halten ihm ein Messer unter die Kehle. “Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht. Er säumt selten. Wenn er solches vernimmt.”, so der Ausspruch der Seherin Völuspa aus schon zitierter Schrift. Aber die anderen glauben viel mehr an einen Thor des Zorn, der Willenskraft, der Macht, der Stärke. Und nicht einen der auf Liebe und Frieden setzt. Also bekommen sie auch den, den sie sich wünschen.

Die Schöpfung vom Vater der Lüge

Zeichner Pasqual Ferry entfesslt eine Geschichte die viele Zweikämpfe zeigt (meist zwei gegen einen allerdings) und auch sonst an Dynamik nichts zu wünschen übrig lässt. Die Farbgebung ist düster bis bunt und stets schwarz umrandet. Als die Sons of a Serpent antreten wird es vielleicht etwas zu düster, denn ihre geschlossenen Reihen erinnern doch sehr stark an Formationen, die man sich besser nicht zurückwünschen sollte. Sonst trifft es am Ende noch die, die sich genau das immer für die anderen wünschten. Aber wie wusste schon Goethe: den Zauberlehrling, den ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Düstere Kräfte aller Orten, im Comic und in der Realität. Gut, dass Thor es gleich gegen eine ganze Armee dieser Finsterlinge aufnimmt. Am Ende, Kapitel “Vater der Lüge” stellt sich dann doch die Frage, ob dies nicht alles vom Göttervater selbst herrührt. War etwa die ganze Schöpfung auf einem Irrtum begründet? Fortsetzung folgt in “Der Sterbliche Thor 2“. ABO-TIPP: keine Ausgabe verpassen! Im Panini Abo-Shop gibt es Thor im flexiblen Abo und Thor im Jahresabo.

Al Ewing/Pasqual Ferry
Der Sterbliche Thor 1
Original Storys: Mortal Thor (2025) 1-3
2026, Klebebindung, 72 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741646799
Panini
9,99 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

DJT: Alle Scheinwerfer auf mich!

Die Geburt des Präsidenten aus dem Fernsehen

Alle Scheinwerfer auf mich! James Poniewozik, Fernsehkritiker der New York Times, Kolumnist und Medienkritiker des Time Magazine, knöpft sich #45 von seinen Wurzeln her auf, also Trump1, nicht die jetzige Periode. Trump wurde vom Fernsehen geformt und überhaupt erst ermöglicht. Und er wusste genau, was das Fernsehen will: Konflikt.

TV Nation: Real Estate, unreal estate

Der 45. US-Präsident verfügt über eine unbändige darstellerische Energie. Seine 24/7 Dauersendung läuft unnachgiebig und stellt vor allem eine Person immer wieder in den Mittelpunkt: ihn selbst. Nach seiner Wahl wurde das Weiße Haus zu Trump Bühne und die US-Geschichte zur Fernsehshow. “Die ganze Welt ist jetzt die Kulisse von Trump Reality-Show”, schreibt der Autor und erklärt, dass die Dystopie Schöne Neue Welt eher zu den heutigen USA passt als 1984. Denn in Huxleys Klassiker wurden die Menschen nicht durch Gewalt und Propaganda, sondern durch Brot und Spiele in das System eingespannt. “Spiele, Drogen und phänomenal immersive Unterhaltungsangebote” würden die USA prägen, ganz so wie es Neil Postamt schon 1985 in seinem Bestseller prophezeite: Wir amüsieren uns zu Tode. Das Fernsehen appelliert weniger an den Verstand, als an die Emotion und Unterhaltung wird ganz groß geschrieben. Der “eitle, angeberische Geck” beherrscht dieses Spiel perfekt, er ist das Fernsehen, verschmolzen zu einer Art MenschMaschine wie einst Max Headroom. Dafür – also für diese These – spricht sein enormer Fernsehkonsum (16 Stunden/Tag) und natürlich auch seine One-Man-Show. Als Immobilienmaklererbe weiß DJT, dass das Fernsehen ein Geschäft des Überflusses ist, Immobilen eines der Knappheit. Als Wrestling-Aficionado verstand es DJT beide Sujets zu verknüpfen und in seiner Person zu Synthese zu verhelfen. Er ging ins Immobiliengeschäft und nahm das Showgeschäft mit, wie er selbst einmal sagte.

Die Herrschaft des Simulacrums

So wie Hugh Hefner oder Walt Disney machte DJT sein Produkt bekannt und begehrenswert indem er es als sein berühmtester Kunde bewarb. Er umgab sich ebenso mit Models wie Hefner, aber auch mit Roy Cohn, einem ehemaligen McCarthy Mitarbeiter, und anderen kontroversiellen Figuren. Alle wussten schon von Anfang an, dass er log, aber er brachte eine gute Show und das liebten die Medien, die ihn schnell zu ihrem Darling machten. In einem atemberaubenden und sehr spannenden Monolog beschreibt James Poniewozik den Aufstieg des Fernsehens in Amerika, der gleichzeitig auch ein Aufstieg DJT war. Poniewozik zählt einige der wichtigsten US-Fernsehserien und ihre Protagonisten auf und zeigt, wie sich DJT diese Archetypen des weißen Amerika zum Vorbild nahm. Alsbald verkörperte er den Traum der Arbeiterklasse: “Geld, mit dem einem alles scheißegal sein kann”. Er findet auch eine gute Erklärung für die Vorliebe DJTs für Gold, nämlich die Idee von Gold, also nicht das 24-karätige echte Gold, sondern Katzengold, das zwar spiegelt, aber eben nur glänzt und so zum Simulacrum wird: sein goldblondes Haar, sein Teint, sein Tower: alles glänzt in diesem falschen Gold, ganz so wie in der Legende von König Midas. Alles, um die Begierde zu wecken, die sich die meisten nicht befriedigen konnten. Die Herrschaft des Simulacrums bedeutet, ein Zeichen oder eine Repräsentation einer Sache, die die bezeichnete Realität ersetzen. So erklären sich auch eine ellenlangen Lügen und sein Verhältnis zur Wahrheit: leugnen, leugnen, leugnen, wenn einmal etwas nicht so gut lief…

Alternative Fakten

Der Teleholiker wird in Teil 2 vorliegender TV-Geschichte zu “dem” Anti-Helden schlechthin. Denn die 90er gehörten ganz Personen wie Walter aus “Breaking Bad”, der sich in “Heisenberg” verwandelt. Ganz Amerika kannte DJT inzwischen vom Fernsehen durch “The Apprentice“, ein Image, das er nie mehr loswerden sollte, denn er spielt darin nichts weniger als sich selbst. Durch Fox News formulierte er seine Verleumdungen noch erfolgreicher, denn er benutzte Fox als “Echtzeit-Feedback-Mechanismus”. Alles was Applaus/Aufmerksamkeit generierte baute er noch aus und so machte er es später auch bei Twitter: Schock, Beleidigung oder Wut wurden zu seinen Werkzeugen. Am besten von allem funktionierte übrigens “Baut die Mauer!” Wie kein anderer verstand DJT es, die Nostalgie als politische Kraft zu nutzen und sein Nostalgie-Unternehmen zu einem Palimpsest der 80er zu machen. Für viele seiner Fans, sagte er einfach was er dachte, ungefiltert und auch wenn es nicht wahr war, so war es zumindest wahrhaftig für sie, echt. Wie ein Wrestler, der Regeln nur dann anerkennt, wenn sie ihm nützen. Seine hyperbolische Maskulinität war genauso eine Inszenierung wie sich als auf Aufsteiger darzustellen, als einfachen Mann. Denn er gehörte qua seiner Geburt längst zu den Superreichen. “Trump wurde gewählt. Aber das Fernsehen wurde Präsident“, schreibt Poniewozik pointiert. “Das Symbol, das wusste Trump, ist mächtiger als die Realität: es schafft die Realität“. Die Realität hinderte ihn auch nicht daran von mehr Teilnehmer:innen bei seiner Angelobung als bei Obama zu sprechen und sogar – obwohl Livebilder Regen zeigten – von schönem Wetter zu sprechen. Von seinen Anhänger:innen verlangt er Loyalität: dies beinhalte eben auch, sich über die Wahrheit hinwegzusetzen und an die Wahrheit zu glauben, die seinem Team nützt. Die Wahrheit ist (nicht) die Wahrheit.

James Poniewozik
Alle Scheinwerfer auf mich!
Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas
Aus dem Amerikanischen von Sean Carty und Clara Schilling
2025, Paperback, 424 Seiten
ISBN 978-3-89320-331-4
Edition Tiamat
32.- Euro


Genre: Kulturgeschichte, Politik, Präsidentschaft, TV, Unterhaltungskultur, USA
Illustrated by edition TIAMAT

Florama

Florama. Die Grafikerin und Illustratorin aus Lausanne, Lisa Voisard, legt mit “Florama” ein kunterbuntes Werk für alle künftigen Blumen-Expertinnen und -Experten vor.
Ihre farbenfrohen Illustrationen sind auch von Tieren und Pflanzen inspiriert, etwa auch in “Ornithorama”, “Arborama”, “Insektorama” und “Natur auf dem Teller”, alle beim Schweizer Verlag Helvetiq.

Porträts von Blüten und Blumen

Die bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Illustratorin zeigt in ihrem neuen Buch in drei Kapiteln “Porträts“, “Besondere Blüten” und “Das Leben der Blumen” die Vielfalt der Pflanzenwelt in unseren Breiten. Durch die gut getroffenen Zeichnungen lassen sich die Blumen dann auch von Laien leicht erkennen und beim Nachmalen lernt man vielleicht sogar noch mehr dazu. Eine Blüte, das Fortpflanzungsorgan der Pflanze, zieht Insekten an, die für die Verbreitung der Sporen sorgen. Erst nach der Befruchtung wird aus der Blüte eine Frucht, die wiederum Samen enthält, die keimen und neue Pflanzen hervorbringen können, erklärt die Autorin gleich zu Beginn die wichtigsten Begriffe. In den Porträts erhält man nähere Informationen zu einzelnen Blumen, wie etwa zur Gartenhortensie. Ihre Farbe variiert je nach Boden: in saurem Boden blau, in alkalischem rosa, die Blütezeit beginnt im Juni und endet im September. Aufgrund ihrer Blatt- und Blütendichte verstecken sich allerdings gerne Schnecken unter ihrer Pracht, was die Gärtner:innen dann weniger freut. Die Schlüsselblume, bei uns auch als Primel (von prima: die erste, die im Frühling blüht) bekannt, ist übrigens auch essbar. Ein Tee aus ihren Blüten hilft gut gegen Husten. Ein Bestimmungsleitfaden ermöglicht es auch Verwechslungsgefahren auszuschließen.

Duftende Blumen in bunten Gärten

In “Besondere Blüten“, dem zweiten Kapitel werden gleich mehrere “Kunstwerke der Natur” näher beleuchtet: Papageienblume, Prachtnelke, Schachbrettbluem, Zygopetalum-Orchidee lauten die illustren Namen, die jeweils von einer schönen Illustration begleitet werden. Die Mimose klappt bei Berührung ebenso zusammen wie die Venusfliegenfalle, wenn auch mit viel weniger deutlichen Absichten. Eine Weltkarte zeigt die Verbreitung der unterschiedlichen Blumen und Blüten, die längst auch in unsere Badezimmer Einzug gehalten haben. Allerdings in verarbeiteter Form. “Das Leben der Blumen“, das dritte Kapitel, zeigt die verschiedenen Wurzeln und Lebenszyklen, aber auch die Fortpflanzung sowie den Beitrag der vielfältigen Fauna zum Gelingen der bunten Flora. Und noch ein Tipp zum Schluss: Regenwasser wird von den Pflanzen eher bevorzugt als kalkhaltiges Leitungswasser. Eine Regentonne kann also helfen. “Je mehr man über die Natur weiß, desto mehr möchte man sie auch schützen“, sagt auch die Autorin, der die Arbeit mit Blumen auch aufgrund des guten Geruchs sehr viele Freude bereitete. Ein Index am Ende des Bandes hilft auch beim schnellen Auffinden der gesuchten Blume und so steht einer eigenen Entdeckungsreise in die Natur nichts mehr im Wege…
Lisa Voisard
Florama
2026, Hardcover, 184 Seiten, Alter 8+
ISBN 978-3-03964-131-4
Helvetiq
24,90 €

Genre: Bilderbuch Familie
Illustrated by Helvetiq, Helvetique