Die Wahrheit ist auch der Bachmann zumutbar

Eine kritische Reflexion auf Autorin und Mensch Bachmann wird in dieser ganz anderen Biographie auf interessante und sehr lesenswerte Art von Ina Hartwig aufbereitet. Zu Wort kommen auch Zeitgenossen und natürlich die Schriftstellerin und ihr Werk.

Die Wahrheit ist auch Bachmann zumutbar

Die “Biographie in Bruchstücken” ist eine neue Form eines neuen erfrischenden Narrativs, das sich weniger an biographischen Daten als vielmehr an Zeugnnissen in Leben und Werk orientiert. Die Literaturredakteurin bei der “Frankfurter Rundschau” Ina Hartwig versteht ihr Handwerk. Die erweiterte Neuausgabe zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns am 25. Juni 2026 wurde selbstverständlich aktualisiert und mit einem eigenen Kapitel versehen, in dem auch auf die Biographie des Bruders Heinz und andere neuere Entwicklungen in der Bachmann Forschung eingegangen wird. Als “roter Faden” – wie die Biographin selbst schreibt – zieht sich die Freundschaft zu Henry Kissinger durch die vorliegende Erzählung über eine der wohl kontroversiellsten Schriftstellerinnen unserer Zeit. Ingeborg Bachman war für ihre divenhaften Auftritte, ihre Beziehungen zu berühmten Kollegen wie Celan, Frisch oder Enzensberger bekannt, ihren spektakulären Tod (Selbstmord?), aber natürlich vor allem durch ihr einzigartiges Oeuvre. Promiskuitiv, medikamentenabhängig – um nicht zu sagen drogensüchtig – und gerne einem Gläschen Wein zugetan, so kennt man die Bachmann als Mensch. Mehr über sie erfährt man von Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Peter Handke oder Henry Kissinger, die Hartwig eigens für die vorliegende Publikation persönlich aufsuchte.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Der “Kritiker der Nation”, MRR (Marcel Reich-Ranicki, attestierte ihr das zitierte “divenhafte” Auftreten und legte in ihren Flüsterton eine “maximale Aufmerksamkeits-forderung“. Sie habe immer die absolute Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, so MRR, “sie umarmte die ganze Welt gewissermaßen flüsternd“. Die männlichen Protagonisten ihrer Romane nennt er “hysterische Mädchen mit männlichen Vornamen“. Aber sie bekam immer was sie wollte: als sie bei der Einreise in die USA ihren Pass verschlampt hatte intervenierte Kissinger persönlich und sie konnte einreisen. Das will was heißen, denn die US-Einreisebehörden sind auch damals schon für ihre Strenge bekannt. Dass der Kalte Krieg auch als ein “Finanzierungsmodell für Künstler und Schriftsteller” gelesen werden kann, exemplifizier Hartwig am Fall Bachmann, denn sie erhielt gleich mehrere amerikanische Geldströme. Die selbstattestierte “Hydra der Armut” könnte also durchaus ins Reich der Legenden verwiesen werden. In der Frontstadt Berlin war sie “kein Mauerblümchen” und lebte während ihres 30-monatigen, finanzierten Aufenthaltes auf, bis sie nach Italien übersiedelt. Aber sie reiste auch viel und konnte daraus viel Kraft fürs Schreiben schöpfen. Der Frisch-biograph Julian Schütt errechnet dass die beiden seltsam länger als vier Wochen gemeinsam an einem Ort verbracht haben, schreibt Hartwig, die gleichzeitig Frisch für das Scheitern der Beziehung rehabilitiert.

 

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken
Erweiterte Neuausgabe zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns am 25. Juni 2026
Mit zahlreichen Abbildungen
2026, Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-596-71307-3
FISCHER Taschenbuch


Genre: Biographie
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

250 Jahre Amerika: América

América. Reich und arm, oben und unten, liberal und konservativ: Welten prallen aufeinander in diesem Roman, der 1995 unter dem Original-Titel “The Tortilla Curtain” erstmals erschien. Boyle beschreibt in “América” genau das Klima, das den Aufstieg eines gewissen Mannes mit rotblondem Haarschopf zum US-Präsidenten ermöglichte.

Das Land der unbegrenzten Gegensätze

“América” ist der Name einer illegalen mexikanischen Einwanderin, die mit Cándido, dem Mann ihrer Schwester Resurrecion, in den USA ihr Glück versucht. Gerade einmal 17 Jahre alt ist sie und Cándido doppelt so alt aber leider nicht doppelt so intelligent. Wie der Candide in Voltaire’s 1759 erschienen “Candide ou l’optimisme” stolpert Boyle’s Anti-Held durch diesen Roman und führt den Optimismus eines Emigranten genauso ad absurdum wie einst Candide in Voltaire’s satirischem Schelmenstück. Es scheint als hätte Cándido alles Pech der Welt für sich gepachtet, zuerst wird er von dem rotblonden Nachfahren deutscher Einwanderer, Delaney Moosbacher, mit dem Auto angefahren und dann muss er es zulassen, dass seine 17-jährige Frau, América, für ihn arbeiten geht. Das verletzt ihn ebenso in seinem männlichen Stolz wie die Tatsache, dass er ihr nicht einmal eine Unterkunft bieten kann und sie gezwungen sind, in einem Canon zu campen. Illegal selbstverständlich. In einer gekonnten Parallelmontage beschreibt Boyle aber auch die Welt des “Pilgers” Delaney, der ab und zu ein paar Artikel über die Natur Kaliforniens schreibt und sich ansonsten von seiner Frau Kyra, der gutverdienenden Immobilienmaklerin, versorgen lässt. Natürlich haben sie auch einen Sohn, zwei Hunde, eine Katze und ein Eigenhäuschen. Aber auch diese Besitztümer sind bald gefährdet: die Hunde durch die umherstreifenden Coyoten, die Katze durch andere “Fleischfresser” und das Haus durch ein wild wütendes Feuer. Zwischen seinen Wanderungen streitet sich der Liberale Delaney mit seinen Nachbarn, die unbedingt eine Mauer (sic!) um ihr Viertel errichtet haben wollen, “…but he won’t back down”.

Von einer (hausgemachten) Naturkatastrophe zur nächsten

Wohlgemerkt: der Roman wurde Mitte der Neunziger Jahre geschrieben und dennoch enthält er bereits alles, was dieses unglaubliche Land, Amerika, heute bis an den Rand der Zerstörung bringt: Rassismus, Sexismus, Klassismus. Natürlich hält T. C. Boyle am Ende seines Romans auch eine ordentlich Pointe bereit, aber allein das abwechselnde Lesen der beiden unterschiedlichen Erlebniswelten, Delaney und Cándidos, bereitet schon sehr viel Vergnügen und kann als Momentaufnahme des Klimas gewertet werden, das den jetzigen US-Präsidneten an die Macht brachte. Mit beißender Ironie beschreibt Boyle die Auseinandersetzungen Delaney’s mit seinen Nachbarn und ihrer kleinen Probleme. Umso präziser ist er noch in der Beschreibung des Elends der Migranten unter denen es natürlich genauso viel Gute wie Schlechte gibt, ebenso wie bei den weißen Amerikanern. Allerdings bleibt einem bei aller Ironie das Lachen oft im Halse stecken, wenn man bedenkt, wozu diese Diskussionen und Einstellungen geführt haben. “Eine Mauer hochziehen. Genau das hatten sie vor. Deshalb waren sie zusammengekommen. Das war der Zweck des Treffens.” Das Schüren von Ressentiments von unverantwortlichen Politikern gegen alles Fremde, die mit Hilfe ihres Populismus einfach nur ihre Macht erhalten wollen, zeichnet die konservative Rechte nicht nur in den USA aus. Im zweiten Kapitel “El Tenksgivih” in dem Boyle die ureigenste Tradition des Erntedankfestes, “Thanksgiving”, aufs Korn mit kulminiert die Handlung schließlich in einem Feuer, wie es viele Bewohner Los Angeles 2025 tatsächlich erleben mussten. Doch im dritten Kapitel wird “Soccorro” geboren, eine waschechte Nordamerikanerin. Ihr Vater: Cándido, ein “Versager, Narr, ein Bauerntölpel, ein Dummkopf”. Ein rasanter Showdown läuft dann auf ein Duell zwischen Delaney und Cándido hinaus, doch es wartet schon die nächste Naturkatastrophe.

T. C. Boyle
América
Roman
Übersetzung: Übersetzt von Werner Richter
2025/2006, 17. Auflage, Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-20935-9

dtv
15,00 €


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Peter Beard. The End of the Game

Fotograf und Yale-Absolvent Peter Beard (1938–2020) gilt als Afrika-Fan der ersten Stunde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren arbeitete Beard im Tsavo-Nationalpark, im Aberdare-Gebirge und am Rudolfsee in Kenia. Einige der dabei entstandenen Collagen seiner Fotografien zeigt der neu erschienene Fotoband “The End of the Game” im Sonderformat.

Fotografien, Collagen, Dokumentationen…

“The End of the Game” kann zweierlei bedeuten: endlich aufhören zu spielen oder zu begreifen, dass es kein Spiel mehr ist, nie eines war. Denn die bedrohte Tierwelt Afrikas steht am Scheideweg. Der Kontinent, der durch die menschliche Idee von „Fortschritt“ so ausgebeutet wurde wie kein anderer, glänzte einst durch seine Vielfalt in Fauna und Flora. Elefanten, Nashörner und Flusspferde, aber auch Löwe, Leopard, die „Big Five“ also, bevölkern den inzwischen 1,5 Milliarden zählenden Kontinent von Gibraltar bis Kap der Guten Hoffnung. Die Fotografien von Peter Beard, die über Jahrzehnte hinweg entstanden, zeigen nicht nur, was wir verloren haben, sondern auch, wie gefährdet sowohl Fauna, Flora als auch Mensch heute sind. „Je tiefer der weiße Mann nach Afrika vordrang, desto schneller entwich das Leben aus den Steppen und dem Buschland… es verschwand in der unüberschaubaren Masse an Jagdtrophäen, Fellen und Kadavern.“, gibt Peter Beard über den unstillbaren Eroberungshunger des Europäers in Afrika zu Protokoll. Die verheerende Wirkung der westlichen Zivilisation auf Afrika stellt Peter Beard in einer eindringlichen und berührenden Bild- und Textcollage in vorliegender TASCHEN-Publikation zusammen. Peter Beard dokumentiert zugleich das obszöne Massentöten zehntausender von Elefanten, Nashörnern und Nilpferden in den Tiefebenen von Tsavo, Kenia, und später den Reservaten in Uganda in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Not “The End of the Game”

Copyright Peter Beard TASCHEN Verlag

Peter Beards Klassiker über die Tierwelt Afrikas erscheint hier in einer Neuausgabe. Über zwei Jahrzehnte arbeitete Peter Beard an diesem Werk, das hier mit neuem Material aktualisiert wird. Seine Fotos und Schriften werden durch historische Aufnahmen und Zitate ergänzt. Er stellt sich dem Kanon der Erzählung von selbsternannten Entdeckern, Forschern, Missionaren und Großwildjägern wie u.a. Theodore Roosevelt, Frederick Courteney Selous, Karen Blixen (Isak Dinesen), Philip Percival, J. A. Hunter, Ernest Hemingway und J. H. Patterson entgegen und erzählt die wahre Geschichte eines Kontinents, der sich heute mehr denn je zur Wehr setzt. Die vorliegende Neuausgabe enthält zudem ein Interview mit dem Naturschützer Dr. Esmond Bradley Martin sowie Essays aus früheren Ausgaben, etwa von Schriftsteller Paul Theroux oder des Ökologen Dr. Richard M. Laws. Das Nachwort verfasste der Agrarwissenschaftler Dr. Norman Borlaug, der auch auf die Entfremdung von der Natur, die Überbevölkerung, den Überlebensdruck sowie den Verlust des gesunden Menschenverstands angesichts der drohenden Klimakatastrophe hinweist. Das Spiel ist also noch lange nicht aus, sondern hat erst begonnen. Aber vielmehr als ein Spiel, ist es längst bitterer Ernst geworden. Nur (noch) nicht für die Profiteure Situation.

Peter Beard. The End of the Game
2026, Hardcover im Schuber, 24.5 x 27.2 cm, 1.90 kg, 304 Seiten
Ausgabe: Englisch
ISBN 978-3-7544-0271-9
TASCHEN Verlag
€ 80

 


Genre: Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Fullmoon: Vollmond über der Landschaft

Diese erweiterte Ausgabe mit über 370 Bildern – von Yosemite zur japanischen Küste, von Patagonien nach Bermuda, von den Alpen in die englische Heide – zeigt in einer nächtlichen Reise rund um den Globus den Vollmond in seiner ganzen Pracht.

Nocturne: Eine nächtliche Reise

Der englische Fotograf Darren Almond arbeitet als Konzeptkünstler in den Bereichen Fotografie, Film und Bildhauerei und setzt sich vorrangig mit den Themen persönliche Erinnerung, Kulturgeschichte und Zeit auseinander. Almond hatte schon Einzelausstellungen in London (ICA und Tate Britain), Zürich (Kunsthalle), Düsseldorf (K21), Essen (Museum Folkwang), Santa Fe (SITE) und in Japan (Art Tower Mito). In seinen Fullmoon-Fotografien erleuchtet ausschließlich das Mondlicht die Landschaft auf geheimnisvolle Weise mit seinen Ideen von Natur und Zeit. Man fühlt sich teilweise an überragende Gemälde erinnert, aber nichts ist natürlich überwältigender als die Realität der Natur und das noch im Mondlicht. Eine wahre Nocturne, eine nächtliche Reise rund um den Globus erwartet die Betrachter dieses Prachtbandes aus dem Hause TASCHEN. Spektakulär sind nicht nur die Fotos, sondern auch die vermittelte Atmosphäre von “Fullmoon”, denn Almonds gibt der Natur durch lange Belichtungszeiten quasi die Zeit, “sich auszudrücken”, wie er selbst pointiert anmerkt.

Almond: Im Licht des Vollmonds

Mit Belichtungszeiten von mehr als einer Viertelstunde erleuchtet Darren Almond Flüsse, Wiesen, Berge und Küsten in seinem ganz eigenen (Al)Mond-Licht. Er zeigt majestätische amerikanische Berge, karge arktische Eisfelder, malerische Felsen an Japans Küste und, aus nächster Nähe, die Natur Großbritanniens mit ihren vertrauten, stillen Motiven. Man möchte fast von Vollmond-Romantik sprechen, wenn man sich die vorliegende erweiterte Ausgabe, die von der Jahrhundertwende bis heute reicht, näher ansieht. Mit einer Einleitung von Sheena Wagstaff, Leiterin der Abteilung für moderne und zeitgenössische Kunst am Metropolitan Museum of Art in New York, sowie einem umfassenden Essay des Schriftstellers und Kritikers Brian Dillon wird die Präsentation des Vollmondes aber auch wissenschaftlich beleuchtet. Das Buch “Fullmoon” von Darren Almond ist zudem in zwei signierten und nummerierten Art Editions erhältlich – jeweils mit einem signierten Print. „Bei Langzeitbelichtungen kann man nie sehen, was man fotografiert“, sagt Almond ehrlicherweise, „aber man gibt der Landschaft mehr Zeit, sich auszudrücken.“ Ein wunderbares Beispiel also für eine exzessive Entschleunigung, denn das Betrachten der Fotografien von Darren Almond vermittelt genau diese Ruhe und Gelassenheit, die wir heute mehr denn je brauchen.

Copyright: Darren Almond, TASCHEN Verlag

 

Darren Almond
Fullmoon
Ausgabe: Mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Französisch)
2026, Hardcover, 30 x 30 cm, 3.73 kg, 564 Seiten
ISBN 978-3-7544-0710-3
TASCHEN Verlag
€ 100


Genre: Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Reading Journal – Das Panini Lesejournal

Reading Journal. Wer Bücher liest, will sich auch erinnern. Eine Gedächtnis-stütze dafür liefert das vorliegende Panini Reading Journal im edlen Kunstledereinband und mit Goldschnitt und Platz für 114 Reviews gelesener Bücher.

Das Panini Lesejournal für Leser:innen

Ein schmucker Begleiter durch die Welt der Literatur für angehende Rezensenten. Oder einfach nur, um sich zu erinnern. Die besten Szenen eines Buches können hier in verschiedenen Rubriken für die Nachwelt festgehalten werden und mit Notizen ergänzt werden. Für Kurz- und Langreviews ist ausreichend Platz vorhanden, um alle Gedanken und Gefühle festzuhalten und jede Geschichte in Stichworten unvergessen zu machen. Zudem sind Zitate berühmter Autoren oder Dichter in das Journal mit eingebunden und können durchaus auch als Inspiration verstanden werden. Es gibt die Rubriken Titel, Ja oder Nein, Dieses Buch ist…, Ähnliche Titel, Lieblingstelle, Charaktere und Mini Moodboard sowie natürlich genügend Platz für das eigentliche Review sowie Gedanken und Reflexionen. “Wer liest, reist, ohne den Platz zu verlassen” leitet ein in den Jahresrückblick am Ende des liebevoll gestalteten Kunstlederbandes mit Raum für neue Wege der Literaturbetrachtung. Wer Hilfe beim Ausfüllen braucht, dem ist auch ein “kleiner Wegbegleiter” beigelegt, der für die Einträge zusätzlich inspiriert. Zwei Lesebändchen helfen für das schnellere Auffinden des nächsten Eintrages.

Gedächtnisprotokolle und Gesprächsstoff

Wer sich über seine gelesenen Bücher auch mit Dritten austauschen möchte findet mit diesem Reading Journal auch die Möglichkeit, sich über alle Grenzen hinweg über Literatur zu unterhalten. Aber auch das Bücher Bingo liefert einige Möglichkeiten auch einmal analog als Spieler aktiv zu werden. Denn im Mittelpunkt steht die Kommunikation, entweder mit sich selbst und den Büchern oder auch mit Nachbarn, Freunden und solchen die es noch werden wollen. Zeig mir dein Reading Journal und ich zeige dir meines, das könnte doch der Beginn einer jahrhundertelangen Freundschaft werden… Ein echter Anker der Entschleunigung zum Glück, ganz persönlich und individuell und auf haptischem Papier. Kreiere deine eigene Literaturseite und bleib dabei Herr über deine Gefühle, Emotionen, Überlegungen. Erinnerungswürdiges mit dem Stift auf Papier festzuhalten, das könnte bald auch wieder im 21. Jahrhundert modern werden!

Panini Books (Autor)
Das Panini Lesejournal
2026, Hardcover, Kunstledereinband, 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3833247309
Panini Verlags GmbH
30,5.-€


Genre: Lesebuch
Illustrated by Panini Comics

Kegeljungen-Anekdoten

Kegeljunge. Der “Autor mit subtilem Witz”, Otto Jägersberg, erinnert sich an die Zeit, “als es noch Kegeljungen” gab. Aber auch über zeitgenössische Absurditäten macht er sich Gedanken und trägt diese in sein beim diogenes Verlag erschienes Journal ein. Notizen, Anekdoten, Gedanken…alle durchnummeriert bis Eintrag 160.

Alles auf den Kopf gestellt

Der als freier Autor und Filmemacher und in Baden-Baden lebende Autor, Jahrgang 1942, ist am Zeitgeschehen aktive teilnehmender Zeitgenosse. Er liest Zeitungen, schaut Filme oder sinniert über Nachrichten aus dem WWW. Aber er erinnert sich auch gerne daran, wie es früher war. Etwa an die Kegeljungen, die den gefährlichen Platz hinter den Kegeln einnehmen mussten und die umgeschossenen Kegel wieder aufstellen mussten. “Rums!” und schon eilte er wieder hinter die Schutzwand. Frauen und Männer schossen dabei unterschiedlich, sangen oder grölten und der Kegeljunge malochte ununterbrochen. “Gut Holz”,hieß es dann am Ende. “Als es noch Kegeljungen gab”. Bitter schmeckte auch das Gulasch, als Jägersberg seine spannende Biografie las. Die war so spannend, dass er vergaß nach seinem Gulasch zu schauen. “Alles verdorben, dank Stalin”. Noch bitterer ist da allerdings sein 52. Eintrag in dem er davon schreibt, dass die Ukrainer heute gegen Russland vorgeschoben würde, mit deutschen Waffen und deutscher Propaganda. Nur diesmal kämpften eben nicht mehr die Deutschen gegen Russland, sondern die Ukrainer: “Verlieren wie das letzte Mal kommt nicht infrage. Logisch.” Es liest sich vielleicht etwas missverständlich, aber die bittere Ironie zeigt einfach in was für absurden Zeiten wir heute alle leben müssen. Alles auf den Kopf gestellt.

Heimatgefühl einmal anders

“Alles falsch. Rechtschreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde nicht so aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt.” So beschreibt Jägersberg das Ankommen in der Moderne, die mit einem gewissen Freud in Freiberg vor Nikolsburg begann. Dort lebte der Begründer der Psychoanalyse laut Jägersberg bis zum sechsten Lebensjahr als er dann mit seiner Familie nach Wien zog. Denken, manche können gar nichts anderes als denken, klagt der alte Mann, der gerne noch mal ein Bier trinkt, müffelt und den Morgenmantel gerne bis mittags trägt. Die Zwiebel gibt ihm ein Heimatgefühl, denn wenn sie schon vom Herd her duftet, gibt es gleich was zu essen, schreibt er. Ein anderer Mann hat mit Fischsoße ein Vermögen gemacht. Er erfand das Garum, das Maggi der Antike: alte Fische, Molusken und Zucker mit Salz. Aber trotz allem verliert Jägersberg niemals den Humor, etwa wenn er Trachtenträgern gerne eine Tracht auf den Hintern geben würde. “Ich bin über 80 und am Biedersee, Sonne scheint, gleich gibts Artischocken, und ich trinke Helvetia-Bier”, schreibt Jägersberg, wohl überglücklich. Im Vergleich zu Freud, der im selben Alter vom vielen Zigarrenrauchen Gaumenkrebs hatte und aus Wien flüchten musste. Natürlich ist jeder Vergleich unzulässig, aber Jägersberg sei sein Glück gegönnt: “Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.” (Eintrag 160) Wollen wir’s alle hoffen!

 

Otto Jägersberg
Kegeljunge
2026, Hardcover Leinen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-257-07376-8
diogenes
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70


Genre: Anekdoten
Illustrated by Diogenes

Ganz zu schweigen von: Offene Rechnung

Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.

Arbeitslos, impotent, voyeuristisch

Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…

Ganz zu schweigen von…

“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…

Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

JR. La Caverne du Pont Neuf

Screenshot

Der französische Künstler JR wirkt mit seinen Arbeiten schon länger im öffentliche Raum der Großstadt Paris. Mit “La Caverne du Pont Neuf” hat er eine Arbeit geschaffen, die auch als Hommage an Christo und Jeanne-Claude zum 40. Jahrestag von „The Pont Neuf Wrapped” verstanden werden kann und dennoch die Dimensionen des Projekts von 1985 noch weiter extrapoliert.

Ort der Wunder: Pont Neuf

Eine Brücke wird zum Berg. Papier wird zu Fels. Mitten in Paris tut sich eine Höhle auf. Einen Blick hinter die Kulissen der atemberaubenden und flüchtigen Verwandlung der ältesten Brücke von Paris ermöglicht die vorliegende Publikation des TASCHEN Verlages, die schon während der Installation selbst erschienen ist (Juni 2026). Auch der französische Regisseurs Leos Carax beschäftigte sich 1991 in seinem Spielfilm “Die Liebenden von Pont-Neuf (Originaltitel: Les Amants du Pont-Neuf) mit der historischen, ältesten Brücke (*1578) mitten im Zentrum von Paris. Aber auch in der Malerei fand sie vielfache Resonanz, etwa bei William Turner, Auguste Renoir, Claude Monet, Camille Pissarro etc. um nur die bekanntesten zu nennen. Dass nun, Juni 2026, der Fotograf und Streetartkünstler JR sich mit einer weiteren seiner überlebensgroßen Installationen mit der ersten Pariser Brücke ohne Häuschen (deswegen auch “neuf” für “neu”) beschäftigt, verstärkt den Dialog über die Geschichte des monumentalen Bauwerks auch in der jetzigen Postmoderne. Der Arbeitstitel seiner Installation, “La Caverne du Pont-Neuf“, verwandelt die Brücke in eine riesige visuelle Höhle. Um den Brückenkörper herum bedruckte JR mit Schwarzweiß-Fotos von Felsen in einem aufblasbaren Gewebe die Felsformation, teils von Vegetation überwuchert, teils simuliert. Im Mittelpunkt der Installation steht dabei die Vorstellung eines Steinbruchs, aus dessen Material für den Bau der Brücke und der Stadt gewonnen wurde. Insgesamt etwa 120 Meter lang und 20 Meter breit, mit einer Höhe zwischen 12 und 18 Metern, hat JR auch eine 18900 m² aus Textil bestehende Hülle darüber gedeckt 2.400 m² Fläche und wird auf einer ebenfalls textilen Unterkonstruktion mittels eins Vakuums in Form gehalten. Die vollständig von privaten Sponsoren finanzierte Aktion wird durch eine Klanginstallation von Thomas Bangalter sowie optische Illusionen und Lichtspiele erweitert. Aber auch an die sensorische Wirkung wurde gedacht: eine Duftkomposition des Parfümhauses Odore Scola trägt zu einem bleibenden Sinneseindruck bei. Das Pariser Büro von Snap Inc. ermöglicht mittels Snap Spectacles zudem erweiterte Realität und interaktive Immersivität, so die Ausstellungsmacher.

Locus Mirabilis: eine Pariser Brücke

Die vorliegende XL Publikation aus dem Hause TASCHEN ermöglicht Einblicke in die Entstehung von JRs La Caverne du Pont Neuf aktuellem Kunstobjekt unmittelbar und sogar noch während seiner Inauguraton im Juni 2026 (!). Anhand von Aufnahmen hinter den Kulissen und Vorbereitungsmaterial dokumentiert “JR La Caverne du Pont Neuf” von der Konzeption bis zur Installation, einschließlich früherer Arbeiten mit Höhlen und Trompe-l’œil-Motiven das Schaffen des französischen Künstlers JR als eine unheimliche geologische Fantasiewelt. Mit einem Interview mit Hans Ulrich Obrist über die visuellen Vorbilder punktet auch der Fließtext dieser außergewöhnlichen Publikation. „Ich habe einen Weg gefunden, Wände zu nutzen, um uns zusammenzubringen.“, sagt der Künstler selbst über sein neuestes Projekt, geradezu einem “Coup an der Seine”. Ebenfalls zu Wort kommen in einem von Hans Ulrich Obrist moderierten Gespräch mit JR, Christos Neffen und Projektdirektor Vladimir Yavachev sowie Thomas Bangalter von Daft Punk. Künstlerische Freiheit, Kühnheit und die Frage, wie man ein Werk dieser Größenordnung außerhalb der üblichen Förder- und Kontrollmechanismen zum Leben erweckt sind Inhalte dieser Auseinandersetzung im kontemporären öffentlichen Raum.

Hans Ulrich Obrist
JR. La Caverne du Pont Neuf
Ausgabe: Mehrsprachig (Englisch, Französisch)
2026, Softcover mit Klappen, 25 x 34.5 cm, 1.51 kg, 240 Seiten
ISBN 978-3-7544-0728-8
Taschen
€ 40


Genre: Kunst
Illustrated by Taschen Köln

Ein Königreich für eine Schnecke 

276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.

Agentur “Romeo Meets Julija”

Die Schwestern Nastja und Sol besitzen ein Unternehmen. “Romeo Meets Julija” nennt sich ihre Heiratsvermittlungsagentur die berufstätige Unternehmer aus dem Westen mit arbeitssuchenden Frauen aus dem Osten zusammenbringen will. Gegen eine zusätzliche Gebühr selbstverständlich, denn der Aufwand die westlichen Junggesellen, die zu wenig Zeit haben selbst auf Brautschau zu gehen, weil sie ja so viel arbeiten müssen, ist recht umfangreich. Reisekosten, Verpflegung, Unterbringung, Dolmetscherinnen, Werbekosten und vieles mehr. Die Ehevermittlungen basieren aber nicht nur auf einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, sondern auch auf der Tatsache, dass in der Ukraine auf zehn Frauen nur 2,5 Männer kommen. Das liegt nicht nur am Alkohol oder am Krieg, sondern auch an der Auswanderung von Ukrainern. Für Nastja ist dieses Geschäftsmodell aber derart suspekt, dass sie dagegen etwas unternehmen will. Schließlich arbeiten sie einer Agentur zu, die wiederum von einer Mascha geleitet wird, die eventuell selbst noch weitere Verwicklungen in andere dubiose Geschäftspraktiken pflegt. Und als Nastja Jewa, die Schneckenzüchterin, kennenlernt, schließt sich für sie der Kreis: das Wohnmobil soll 12 Junggesellen entführen, um so international für Aufsehen zu sorgen und das Ende aller Heiratsvermittlungen einzuleiten. Aber zuerst muss sie Jewa, die alles andere als begeistert von der Idee ist, überzeugen. Doch denn bekommt sie den Tipp dass ein Exemplar ihrer aussterbenden Arten – sogenannte “Endlinge” – hinter der Front auf einem Baum lebt. Ein gefundenes Fressen für ihren Schützling “Lefty”, der sehnsüchtig auf eine Partnerin wartet.

Schneckenvermitllung auf Kanadisch

Doch dann macht nicht nur der Krieg mit Russland ihren Plänen ein Ende, sondern auch der Romanidee selbst. Maria Reva, die Autorin, hat kurzerhand die Ereignisse vom 20.2.2022 in ihren Roman mitaufgenommen und so den geplanten Plot ihres Romans über den Haufen geschmissen. Der Mittelteil sorgt zunächst also für etwas Verwirrung, wird aber dann im letzten Teil zu einem gelungenen Roman zusammengeführt, der zeigt, wie sehr der Krieg alle Ebenen der Gesellschaft durchdringt, erfasst und schließlich zerstört. Der “Tag der Himmlischen Hundertschaft” wird zum Stichtag der Entführung der 12 Männer durch die drei Frauen, der dicht hinter die russischen Kampflinien führt und in einer Schwejkschen Tragikomödie mit dichtem schwarzen Humor gepflastert ist. Als Tochter der fiktiven Frauenrechtlerin Jolanta Tschernow wird Nastja gezwungen in einem Film auf offenem (Schlacht-)Feld mit Brot und Salz die Okkupanten willkommen zu heißen. Aber ob sich aus dieser brenzligen Situation mit aufrechtem Rückgrat entziehen wird können, dafür hat die Autorin eine gute Lösung gefunden. Ebenso wie für die Fertigstellung ihres Romans während eines Krieges, der längst zu Ende sein sollte. Die aus der Ukraine stammende Autorin lebt in Vancouver/Kanada und wurde von der russischen Regierung 2022 mit Einreiseverbot belegt und hat bereits folgende Nominierungen und Auszeichnungen erhalten: Booker Prize (Longlist), Atwood Gibson Writers’ Trust Fiction Prize, Gordon Burn Prize (Shortlist), Climate Prize für Fiction (Longlist). Mehr zu Buch und Autorin hier. Ob Lefty am Ende doch noch eine Partnerin findet und somit nicht als Endling enden muss, verrät das Ende dieses außergewöhnlichen Romans einer vielversprechenden Autorin.

Maria Reva
Ein Königreich für eine Schnecke
Roman
Originaltitel: Endling
Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Kleiner
2026, Hardcover, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-28548-3
diogenes
EUR 26,00 [DE] – EUR 26,80 [AT]


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Sehnsucht – eine Meditation über Zeit

Wenn ich die Lächerlichkeit fürchten würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden.” Gleich dreimal Erwin Piontek lässt Szczepan Twardoch in seinem neuen Roman “Sagen wir, Piontek” (Originaltitel) auferstehen. Oder ist es ein Mensch mit drei Leben? Die Wahrnehmung der Zeit und die Rolle des Individuums sowie dessen Sehnsucht im Fokus.

Die Zeit und ihre Manifestationen

Der Piontek der Gegenwart, ein Bergmann im Ruhestand, kauft sich eine Segeljolle und kreist auf dem etwa zwölf Kilometer südlich von Plichowice gelegenen Stausee Rybnik. Durch die Wiederholung der Kreisbewegung fällt er in eine zeitliche Elipse 100 Jahre zurück und findet sich plötzlich in der Wüste Deutsch-Südwestafrikas inmitten eines Völkermords an den dortigen Hereros. Aber auch in eine düstere Zukunft lässt Twardoch blicken, wenn er das Leben des dritten Erwin Piontek in der heutigen Zukunft schildert. Als Doppelgänger ähnlich “Der Gefangene von Zenda” wird Erwin Piontek Präsident eines aus der NATO ausgetretenen von Russland besetzten Volksstaates Polen. Mit diesem tritt der Autor selbst, Szczepan Twardoch, in einen Dialog und sie einigen sich darauf, dass ersterer seine Geschichte selbst erzählen soll und der Autor ihn nicht mehr – in kursiv – unterbrechen solle. So wird aus dem Gespräch eine muntere Unterhaltung über die Fantasie eines Autors und der Freiheit gegenüber den von ihm erschaffenen Figuren. Ganz nebenbei will Szczepan Twardoch auch die historischen Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts erzählen und entwirft eine Dystopie, die wohl Europa auch als Warnung dienen soll. Aber noch ist Polen nicht verloren…

Die Vierte Wand

Du bist es jetzt, der sich selbst erzählt, Erwin, durch mich. Ich mache dich nicht mehr. Du selbst machst dich. Du selbst bist für dich verantwortlich.” Das Stilmittel “Sagen wir, …“, das Twardoch im Originaltitel des Romans verwendet, wird auch des öfteren im Roman selbst verwendet. Damit will er wohl andeuten, dass alles auch erfunden sein könnte, was es ja auch ist. Ein paar vulgäre Einsprengsel über das, was Matrosen auf hoher See sich gegenseitig für Gefallen tun erläutert Twardoch anhand der Erlebnisse des ersten Piontek. Dieser segelte mit Kapitän Schumacher auf der Ex Silesia Lux und musste dem Kapitän selbst diesen Gefallen des öfteren tun. Teilweise handelt es sich ja auch um Twardochs Familiengeschichte, wie er in einem Interview bekennt, aber wohl nicht in diesem pikanten Detail. Piontek (*1868), Piontek (*1946) und Piontek (*1979) dienen Twardoch also auch zur Darstellung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Twardoch scheut auch nicht davor zurück die Bibel und die Bhagavadita zu zitieren oder sich selbst als Schriftsteller durch Piontek III als “Schweinhund” beschimpfen zu lassen. Aber am Ende versammeln sich alle drei Pionteks, ihre Angehörigen und der Autor friedlich um ein Lagerfeuer und Festmahl. Und so kommt zu Heidegger, “Moby Dick”, “Der Gefangene von Zenda” auch noch “Asterix” als Inspiration dieses wohl ersten humoristischen Romans Twardochs hinzu.

Szczepan Twardoch
Sehnsucht
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
2026, Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0232-2
Rowohlt
24,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Opernball

Da sitzt sie, in der Loge der Wiener Oper, neben sich zwei Bierdosen (natürlich Wiener Lager) und eine Schnitzelsemmel in der Hand. Stefanie Sargnagel, die Poetin aus dem Gemeindebau hätte sich das wohl so nie träumen lassen. Aber andererseits ist es vielleicht auch ein Verrat? Hat sie gar die Seiten gewechselt?

Klassenkampf in der Kantine

Übertreibungen und Superlative zieren gleich die erste Seite: Bussi, Bussi, Bussi (+10), eine Verballhornung der dazugehörigen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die sich alljährlich am Opernball trifft, die “Hautevolee”, wie es im Untertitel schon angedeutet wird. Ob es bei einem Besuch bleiben wird? Tatsächlich trifft sie sogar einige Leute am Opernball, die sie kennt und sie in ihre jeweiligen Logen einladen. Sie sind ganz inklusiv, die Opernballbesucher:innen, ganz anders als die Mitarbeiter der Mitarbeiter:innenkantine. Diese reagieren eher schroff als Stefanie dort mit ihrer Freundin, der Kellnerin, und dem Museumswärter auftaucht. Hier haben nur Mitarbeiter zutritt baut sich ein “Mitarbeiter” vor den dreien auf. “Ihr, ihr gehört’s zu den Gespritztn!” Aber genau das gibt Stefanie zu denken, denn sie ist ja doch nur zu Besuch hier, als Schriftstellerin, als Beobachterin, als Kommentatorin. Die drei ärgern sich vor allem aber auch deswegen, weil in der Mitarbeiter:innenkantine der Weiße Spritzer nur 3,90€ statt den ortsüblichen 20€ kostet. Der “Ball der Künstler:innen” ist nämlich sauteuer, rund 400€ Eintritt kostet die billigste Karte und die Preise der Verköstigungen am Ball sind legendär. Da bleibt man leicht am Trockenen, wenn man nicht ein paar Sponsoren findet. Aber hier, am Wiener Opernball, trifft alles aufeinander: Kultur, Kapital und Klassenkampf in der Kantine.

Alles Wiener Blut

“Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf”, schreibt die Besucherin Sargnagel und es könne sehr schnell gehen, dass man “für die Elite vom unangenehmen Schmarotzer zum bewunderten Kultkünstler wird. Schneller als einem recht ist”. Sie spricht wohl aus Erfahrung, denn Beispiele dafür gibt es genüge. Frau Sargnagel wird da sicher nicht zum Präzedenzfall werden. Das erste Mal sei sie ja schon vor zehn Jahren am Opernball gewesen. Damals wären die Kartenabreisser und sie noch “gleich” gewesen, schreibt sie, wohl nicht ganz unstolz, einen solchen Aufstieg in so kurzer Zeit auf’s Tanzparkett hingelegt zu haben. Im Johann Strauss Jahr resümiert sie auch darüber, ob nicht auch er ein Roma gewesen sei, ob seines dunklen Teints. “Wisst ihr, wie schwer sie es damals Johann Strauss gemacht haben, an die Oper zu gelangen? Obwohl er ein Weltstar war, haben sie ihn lange nicht an die Oper gelassen. Es war sein großer Traum. Und jetzt sind wir hier. Ihm zu ehren”, ergänzt ihr Freund der Museumswärter. Und auch ihm wächst dabei etwas der Hals, wie die Autorin ein paar Seiten weiter so treffend bemerkt: “So zieht sich der Hals über die Jahrhunderte weiter in die Länge wie eine Raupe”. 

Je länger nämlich der Hals, desto tiefer kann man auf andere runtersehen. Auf die Eleven, der Hauptact des Abendprogramms beim Opernball, können dann alle runtersehen. Sie sind noch so jung und klein und voller Enthusiasmus. Ob das wohl am “berühmten Stock in den Arsch” liegt, wie die Sargnagel schreibt? Weitere amüsante literarische Höhepunkte hat die Sargnagel dann noch im Ärmel und am Ende wird ganz viel Wiener Blut verspritzt. Aber nicht beim Walzer. Das gleichnamige Theaterstück wurde im Wiener Rabenhof im Februar 2025 auf die Bühne gebracht.

Stefanie Sargnagel
Opernball.
Zu Besuch bei der Hautevolee
2026, Hardcover, 80 Seiten
ISBN: 978-3-498-00882-6
Rowohlt Hundert Augen
18,00 €


Genre: Novelle
Illustrated by Rowohlt

… und dann wurden sie Nazis

Martin Haidinger ist Historiker und Journalist beim Österreichischen Rundfunk, aber auch für BR Alpha und Deutschlandfunk. In seinem neuen Buch schreibt er über das problematische Verhältnis Hitlers zu seinen Landsleuten oder eher umgekehrt. Sein Buch baut vor allem auf Zeitzeug:innen-Berichten auf und zitiert diese teilweise in voller Länge.

Die Anhänger Hitlers in Österreich

Ein Hitlerjunge berichtet von Sprengstoffanschlägen, ein BDM-Mädchen schildert ihren Weg zwischen Überzeugung und Naivität, ein Widerstandskämpfer erklärt, warum er sich als Täter sieht. Die Wiedergabe und Aneinanderreihung von Zitaten aus jener Zeit geht allerdings auf Kosten der Analyse, wie politische Rattenfänger Menschen tatsächlich blenden können, wie Nationalismus, Populismus und Führerkult funktionieren. Deutlich hervor tritt aber auch, dass der Nationalsozialismus auf verschiedenen Ebenen die Überzeugungen der Bevölkerung infiltrierte: den einen gefiel der Antisemitismus, den anderen der Sozialismus. Gemeinsam ließen sie sich vor einen Karren sperren, der vor allem jenen nützte, die ihrerseits wiederum Hitler benutzten. Sein Buch soll nicht “zum tausendsten Mal biografische Details im Leben Hitlers aufbacken, wie der Autor in seiner Einleitung schreibt, sondern “vor allem jene analysieren, die von ihm fasziniert waren und ihm fanatisch anhingen”. 

Die Lebensfähigkeit Österreichs vor dem Anschluss

Außerdem geht es natürlich um den Anteil der Austro- oder klerikalfaschistischen Diktatur des Dollfuß-Regimes und inwieweit sie eine Vorbereitung auf das war, was danach kam. Als unumstritten gilt, dass die christlich-soziale Partei das Parlaament ausschaltete und die Opposition einkerkerte. Dadurch wollte natürlich niemand mehr für dieses “Rumpfösterreich” kämpfen und die Überzeugung nur ein Aufgehen im größeren Wirtschaftsraum Deutschlands könne Österreichs Überleben sichern war in allen politischen Lagern weit verbreitet. Wie Martin Haidinger betont, wäre dieses Österreich allerdings sehr wohl lebensfähig gewesen: 540 Millionen in Gold, 1909 Lokomotiven, 249 elektrische Triebfahrzeuge und eine Menge von Staatsbetreiben fielen 1938 in die Hände der Deutschen und finanzierten somit die zweiten großen Krieg wesentlich mit. Sogar Göring hätte das gesagt.

Zeitzeugenberichte über mehrere Jahrzehnte

Dass die “Arisierung” in Wien resp. Österreich von wilden unorganisierten Plünderungen gekennzeichnet war, die sogar im Reich selbst Empörung hervorrief und diese durch Bürckel besser strukturieren ließ ist ein weiteres trauriges Faktum des sog. “Anschlusses” Österreichs ans Deutsche Reich. Aber auch 1358 Selbstmorde wurden allein in Wien 1938 registriert, einer davon war Egon Friedell. Weitere Themen sind der katholische Widerstand (das Rosenkranzfest) oder die Verwicklung von Filmgrößen wie den Hörbigers oder Mosers ins Regime. Die führende Rolle von Österreichern in Konzentrationslagern und an der Ostfront wird ebenso erklärt wie deren unrühmliche Rolle bei der Bekämpfung von Widerstand in den besetzten Gebieten. Martin Haidinger hat in Anbetracht der Tatsache, dass die letzten Zeugen der NS-Zeit als Gesprächspartner verlorengehen, noch einmal das Gespräch gesucht, teilweise sogar über mehrere Jahrzehnte hinweg, wie er schreibt. Das macht die vorliegende Publikation zu einem wertvollen und wichtigen Beitrag über das dunkelste Jahrzehnt unserer Geschichte.

Martin Haidinger
… und dann wurden sie Nazis
Faszination Hitler
2025, Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7886-8
Ueberreuter Verlag
€ 25,00


Genre: Geschichte, Nationalsozialismus, Zeitgeschichte
Illustrated by Ueberreuter

Die Frau als Mensch: Schamaninnen

Der unterrepräsentierten Rolle der Frau in der Ur- und Frühgeschichte wird in der Fortsetzung, Teil 2 von Die Frau als Mensch: Schamaninnen, nochmals laut widersprochen. “Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte”, also Teil 1, wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. 

Von Jägern und Sammler:innen?

Europäische Altstädte sind vollgestellt mit Zeugnissen männlicher Omnipräsenz, schreibt Ulli Lust. Für Spaziergängerinnen eigentöich eine Zumutung, denn Frauenbilder im Stadtraum zeigen meist mythische Wesen oder Allegorien, womöglich noch erotisch oder sexuell aufgeladen. Aber warum ist dem so?, lautet die wohl berechtigste Frage seit der Erfindung des Lagerfeuers. Schließlich waren es die Frauen, die den Hauptteil der Reproduktionsarbeit übernommen haben, nicht nur was die Rekreation, die Geburten angeht, sondern auch was die Ernährung betrifft. Frauen filterten aus den Birken Medizin oder gerbten Kleidung aus Tierhäuten, etc etc. “Manche Märchen und Mythen ähneln sich frappierend” bemerkt Ulli Lust ein Kapitel weiter, denn Jagdtechniken, Kleidung, Schwitzhütte, Pflanzeheilkunde und die Schamanen:innentrommel gab es in fast allen Ur- und Frühkulturen. Auch die Vorstellung, dass ein Jäger ein Tier gar nicht töte, sondern es nur einer anderen Welt zugänglich machte, erleichterte die Schuld des Tötens auf den Schultern einer Kultur. So entstand wohl auch der Aberglaube eines Jenseits, da, wo es diese Tiere besser haben würden oder eventuell sogar wiedergeboren werden und so auch zu Ahnen des Menschen werden. Schaman:innen wurden zu Mittlern zwischen den Welten, denn ihre Magie war die Kunst in Urform, wie Ulli Lust in einer kleinen Hommage an den renommierten Comiczeichner Alan Moore auch in Band 2 wieder zitiert.

Edutainment im Comic

Ob die Venus von Willendorf tatsächlich neben ihren Schamlippen auch eine Klitoris trägt, konnte bei Redaktionsschluss zwar nicht restlos geklärt werden, aber das NHM (Naturhistorisches Museum) Wien beherbergt eine schlüssige Antwort unter seinem Dach. Die mehr 29.500 Jahre alte Statuette scheint es Ulli Lust jedenfalls angetan zu haben, denn sie nimmt immer wieder auf sie Bezug. Eine Erklärung wer und warum sie angefertigt wurde, kann aber schlussendlich auch von ihr nicht geklärt werden. Auch verschiedene Höhlenmalereien zitiert sie und zeichnet die Unterschiede männlicher und weiblicher Interpretationen nach. Beim femininen Pfad würde der Schwerpunkt nämlich nicht auf Geburt und Tod, sondern auf der Fähigkeit Orgasmen zu empfinden und auf dem Glücksgefühl, das die Sorge für einen Säugling bereitet. Die Betonung der Geburt anstelle von Wiedergeburt ergebe sich eine mächtige Metapher, die sich auch auf andere Rituale übertragen ließe, zitiert Lust die Anthropologin Barbara Tedlock. Aber was kann man wirklich wissen? Ulli Lust führt in ihrem Edutainment-Comic durch die Jahrtausende weiblichen Wirkens und menschlicher Schöpfungskraft und bringt das Genre an die Grenzen seiner Kapazitäten. “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” kann durchaus als ein Aufklärungsbuch betrachtet werden in dem althergebrachte Meinungen auf den Kopf gestellt werden und neue Fragen gestellt werden. 

Graphic Novel mit Esprit

Ob es sich in der Frühgeschichte um Matriarchate gehandelt hat und wann und wo sich das Patriarchat durchsetzte wird zwar nicht geklärt, aber dankbar nimmt man jeden Hinweis auf, der zeigt, wie männlich Geschichtsschreibung bisher funktionierte: Von Männern für Männer könnte man sagen. Da ist Ulli Lusts “archäologische” Arbeit ein willkommener Gegenpol als der er auch verstanden werden will. Denn nur aus These und Antithese erwächst die Synthese. Schließlich ist ohnehin jede historische Erzählung immer auch spekulativ, also rein auf Indizien basierend. Ulli Lust macht nichts weniger als einen Mythos umzuschreiben: den von der vermeintlichen Überlegenheit des Mannes, durch die er seine Herrschaft jahrtausendelang legitimierte. Aber ein genauer Blick zeigt: ohne Frau, keine Kultur.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Schamaninnen
2026, Hardcover, 304 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-494-8
Reprodukt
€29,00


Genre: Comic, Frauen, Graphic Novel
Illustrated by Reprodukt

Achtsamkeit. 100 Seiten: Tips zur Entschleunigung

In diesen miesen Zeiten, in denen Emotionen ständig getriggert werden, sinnlose Ablenkungen und Zerstreuungen über uns hereinbrechen und “immer mehr medial vermittelt, aber immer weniger real erlebt wird“, ist es dringend notwendig, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Fokus zu finden und alles Überflüssige wegzulassen. “Entschleunigung” ist wieder angesagt!

Fokus statt Multitasking

Gelassenheit resp. Achtsamkeit (auf Englisch übrigens: mindfulness) muss als Kompetenz erst wieder neu erlernt werden. Früher wollte man “Multitasking” sein, heute ist genau das der Denkfehler. Denn Achtsamkeit lässt sich nur dann erreichen, wenn man sich auf genau das konzentriert, was man in dem Moment gerade macht. Das verlängert btw auch das Leben, denn wer ganz im Moment lebt, dessen Zeit (ver)fließt langsamer. “Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“, schrieb schon Viktor Frankl und genau diesen Raum wollen wir uns wieder zurückerobern, so auch Hammer. Ein Ende der Dauerstimulation durch Bildschirme, Brillen, EarPods oder Kopfhörer kann nur durch Dissoziation erreicht werden. Der erste wichtige Schritt ist wohl eine strikte Trennung der Off- und der Onlinezeiten und ein damit verbundenes achtsames Atmen. Denn der Atem ist “ein äußerst stabiles Seil auf dem Weg“, weiß Hammer. Hirnforscher Daniel Siegel brachte es auf die Formel COAL: Curiosity, Openness, Acceptance und Love, in der Zen-Tradition auch “shoshin” oder “Anfängergeist” genannt, denn wie ein Kind mit offenen Augen sollten wir immer neugierig, staunend und interessiert das betrachten, was uns umgibt. So kann es auch hilfreich sein, seine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen, statt ihnen allzu sehr nachzuhängen. Die Bahnhof-Metapher passt da auch ganz gut.

Wieder über die Welt staunen

Statt einer Verschmelzung mit den Gedanken (also Fusion oder Verschmelzung) plädiert Hammer für eine De-Fusion wie in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Denn Gedanken, die Emotionen hervorrufen sind gar flüchtige Gesellen, “vorübergehende Phänomene, die kommen und gehen wie Wellen“. Um die Amygdala (Steuerung von Flucht/Kampf-Reaktion) zu beruhigen, reicht es oft schon, etwas Selbstmitgefühl zu entwicklen. Auch im Umgang mit sich selbst könne das für das Glück so notwendige Oxytocin ausgeschüttet werden. Matthias Hammer lenkt in seinen 100 Seiten Achtsamkeit also nicht nur unsere Gedanken in neue Bahnen, sondern empfiehlt auch einige Übungen, die uns dabei helfen können, “auf den Wellen zu reiten“. So kann man das altbekannte “Craving“, das nicht nur für Drogensucht, sondern für alle Süchte verwendet wird, etwa damit umgehen, dass man Handlungen neu kodiert. Statt zum Handy zu greifen also ein Glas Wasser trinkt oder durch Meditation zum Digital Detox kommt. Als kleine Meditationsanleitung reicht es oft schon, eine Pause zu machen, durchzuatmen oder einfach ein freundliches Wort an jemanden zu richten. Zum Beispiel sich selbst. Alles in allem also eine wertvolle Lektüre deren vollen Wert man erst ermessen kann, wenn man es selbst einmal ausprobiert hat und so eine wirkliche Kompetenz für die Zukunft entwickelt: abschalten.

Matthias Hammer
Achtsamkeit. 100 Seiten
Entschleunigung und Gelassenheit als Kompetenz für die Zukunft
2026, Taschenbuch, 100 Seiten, 4 farbige Abbildungen, 1 Schaubild
ISBN: 978-3-15-020796-3
Reclam
12,00 €


Genre: Ratgeber
Illustrated by Reclam Verlag

Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol

Ich bin von Ort zu Ort gerannt und allmählich von allen und allem weggerissen worden, was ich liebte.” Bereits in der 3. Auflage ist die autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman, die dem Lager Reichenau entkam und die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer überlebte. Der erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht schildert das Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.

Auf der Flucht vor der Gestapo

Nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto nahm ihre Mutter die Deportation nach Treblinka auf sich, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Leokadia gelang mit ihrem Vater dann sogar die Flucht nach Tirol. Bis sie an die Gestapo verraten wurden, überlebten sie dort unter falschen Identitäten. Nach der Ermordung ihres Vaters im Lager Reichenau entkam Leokadia mit einer Freundin aus der Haft und versteckte sich in der Nähe von Innsbruck. Besonders dramatisch ist der Augenblick, als sie als Jüdin erkannt wird und ihr Schicksal somit besiegelt erscheint. Als sie im Auto der Gestapo sitzt, fahren sie an ihrem Vater vorbei und sie darf natürlich nicht zeigen, wie sehr sie sich freut, dass er lebt, denn sonst hätte sie ihn ebenfalls als Juden enttarnt. Aber auch andere Momente in den schwierigsten Jahren ihres Lebens, lassen einem den Atem stocken. Aber ihre Geschichte ist so spannend erzählt, dass man gleich weiterliest, denn man will unbedingt wissen, wie sie es schaffte zu überleben. Wie für so viele andere, war dies nur möglich in dem sie ihre wahre Identität verheimlichte und sich als polnische Wanderarbeiterin ausgab. Einmal rettet sie ihre Freundin Helena vor der Enttarnung und damit Deportation, indem sie ihr eine andere Arbeit besorgt. Doch genau diese Helena sollte später indirekt dafür verantwortlich werden, dass eine polnische Untergrundzelle von der Gestapo aufgedeckt wurde. 100 Polen wurden dadurch dem schrecklichen Schicksal des Lagers ausgeliefert und das alles nur, weil Helena einem eingeschleusten Agent Provocateur, der sie immer gut behandelte, allzu viel Vertrauen schenkte. Ihre Naivität und ihr vermeintliches privates Glück kostete viele Menschen das Leben. Aber Leokadia kann ihr keinen Vorwurf machen, denn Helena war einfach zu naiv.

Tiroler Widerstand(skraft) in den Bergen

Immer wieder findet Leokadia aber auch gute Worte für die Österreicher, die sie und ihre Freundin nach der abenteuerlichen Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck halfen. Ausgerechnet bei einem Polizisten fanden sie (vorläufig) Unterschlupf und seine Erzählungen von einer tirolerischen Untergrundarmee von 1200 Mann, die in den Bergen warteten, klangen zwar unglaubwürdig, waren aber nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich gab es die Operation Greenup,bei der drei Widerstandskämpfer von den Alliierten in den Tiroler Bergen abgesetzt wurden um so logistische Unterstützung für den Machtwechsel zu bekommen. Auch darüber ist im Tyrolia Verlag ein Buch erschienen, das selbst den Tarantino-Film “Inglorious Basterds” in ein authentischeres Licht stellt. Auch das Schicksal des österreichischen Beamten Alois Lechner schildert Leokadia. Ihre Freundin Marysia und sie kommen bei seiner Witwe unter, die zwei Söhne hat. Der eine Sohn erzählt beim Fronturlaub von seiner Vorahnung, dass er im Krieg sterben wird und schildert das Schicksal vieler Österreicher: “Aber genau so, wie Sie gezwungen wurden, Ihre Heimat zu verlassen, bin ich dazu gezwungen worden, das zu sein, was ich jetzt bin. Einer von denen. In den Reihen der Henker meines Vaters…ergibt das irgendeinen Sinn?” Nach dem Krieg findet Leokadia Justman trotz ihrer langen Leidensgeschichte ihre Fassung wieder und schafft es sogar durch die Wiederbegründung des Jüdischen Hilfskomittes am Adolf Pichler Platz anderen Jüdinnen und Juden zu helfen, den sie brauchten ein eigenes Komitee, da sie nicht als “eigene Nation” galten, wie ihr erklärt wird. Und genau auf diesem Platz sang die Jüdische Brigade das Hatikvah-Lied, das Lied der Hoffnung und tanzten den Nationaltanz Hora. Für die ganzen versteckten Alt-Nazis, die es auch lange nach dem Krieg noch gab, ein Fingerzeig, dass schlussendlich doch die Gerechtigkeit gesiegt hatte.

Nie wieder!

Die unglaubliche Lebensgeschichte der Leokadia Justman wurde von ihr selbst verfasst und von Dominik Markl und Niko Hofinger herausgegeben, im Anhang befindet sich auch ein ausführliches Personenregister der handelnden Personen. Die Übersetzerinnen Birgit Salzmann und Susanne Costa brachten die englische Ausgabe in ein sehr lesenswertes, fast literarisches Deutsch. Für die Herausgabe der vorliegenden Übersetzung war aber auch die Kenntnis der frühen polnischen Versionen, die unmittelbar nach dem Krieg erschienen, unerlässlich. Die englische Ausgabe entstand lange vor der deutschen, da Leokadia Justman und Joseph Wisnicki 1950 nach New York auswanderten und dort zwei Kinder bekamen. Der Text ist mit vielen Illustrationen, Abbildungen und Fotos versehen und vermittelt ein authentisches Bild der tatsächlichen Ereignisse. Dass der Text erst 80 Jahre in die Region zurückkehrt, wo er sich ereignet hat ist eine dankenswerte Aufgabe und eine eindringliche Mahnung, dass das, was passiert ist, nie wieder passieren darf. Natürlich ist das Buch keine Reinwaschung der Österreicher, Justman erzählt auch, wie viele Nazis auch nach dem Krieg unbehelligt wurden. Aber es gab selbst während des Nationalsozialismus noch aufrechte Menschen in der sog. “Ostmark” und Leokadia hatte das Glück einige von ihnen zu treffen.

Leokadia Justman
Brechen wir aus!
Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte
2026, 3. Auflage, Hardcover, 432 Seiten; 112 farb. und 9 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4275-6
Tyrolia
33.00 €

 


Genre: Autobiographie
Illustrated by Tyrolia