Eine kurze Geschichte der RAF

Eine kurze Geschichte der RAF

Eine kurze Geschichte der RAF. Vor bald 51 Jahren wurde der 27-jährige Kleinkriminelle Andreas Baader bei einem Bibliotheksbesuch den staatlichen Behörden durch eine Befreiungsaktion entzogen. Er hätte gerade mal noch zwei Monate seiner wegen Brandstiftung gefassten Strafe zu verbüßen gehabt. Denn nach Verbüßung der Hälfte seiner Strafe hätte er die vorzeitige Entlassung auf Bewährung beantragen können. Aber an jenem 14. Mai 1970 begann ein beispielloser Amoklauf, der in der Geschichte der BRD hoffentlich einzigartig bleibt.

„Hitler’s Kinder“?

Die sogenannte Stadtguerilla oder Baader-Meinhof Bande und selbsternannte RAF war natürlich kein Einzelphänomen, wie Kellerhoff glaubhaft darstellt. Es gab auch die Bewegung 2. Juni oder andere terroristische Kommandos, die glaubten durch ihre Taten eine Art „Volkskrieg2 entfesseln zu können. Die Bilanz fällt allerdings weit nüchterner aus: zwischen 1970 und 1993 starben 34 unschuldig Opfer, 230 Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Auf Seiten der Terroristen starben fünf, sechs nahmen sich das Leben, zwei weitere starben bei misslungenen Anschlägen und bei Unfällen. Mit rund 40 Banküberfällen hatten sie insgesamt sieben Millionen Mark erbeutet. Durchschnittlich saßen die meisten RAF-Mitglieder, die zu lebenslänglich verurteilt worden waren, 20 Jahre in Haft. Seit 2011 ist kein früheres RAF-Mitglied mehr in Haft, schreibt Kellerhoff. Die von den Studenten zum „Schweinesystem“ ernannte Gesellschaft der Bundesrepublik hatte also durchaus Milde walten lassen. Zumindest stellt Kellerhoff dies glaubhaft so dar, genauso wie er bemüht ist, festzuhalten, dass stets die Terroristen zuerst schossen und immer die RAF das Feuer eröffnete. Ein Staat in der Defensive?

Prada-Meinhof und Radical Chic

Besonders beachtenswert ist an der Geschichte der RAF, dass nicht nur viele Anwälte anzog, sondern auch eine Reihe anderer Sympathisanten der Zivilgesellschaft. Ohne diese wäre der RAF wohl gar kein „Erfolg“ zuteil geworden, wenn man die Bewaffnung der Bundesrepublik und die Aufrüstung von Polizei und Militär denn als solchen werten möchte. Kellerhoff fasst in seiner kurzen und sehr lesenswerten Geschichte der RAF die wichtigste Ereignisse zusammen und gliedert sein Buch nach den drei Generationen der RAF, wobei letztere vielleicht sogar nur mehr ein Phantom war. Über weite Strecken liest sich seine Erzählung wie ein spannender Krimi, der allerdings real ist und keine Fiktion, wie die Western und Nouvelle Vague Filme, die die RAF in ihrer Jugend offensichtlich als Vorlage für ihren Amoklauf sichteten. Dass die Veränderung der Gesellschaft ein langsamer, evolvierender Prozess ist und keineswegs durch Gewalt erreicht werden kann, bleibt als Erkenntnis zurück. Aber dafür mussten zu viele Unschuldige sterben.

Kellerhoff erhielt 2012 den Ehrenpreis der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Zuletzt erschien bei Klett-Cotta sein Buch über „Mein Kopf“ und dessen Folgen. „Mein Kampf – Die Karriere eines deutschen Buches“, ist eine erste umfassende und allgemeinverständliche Aufklärungsschrift über das Machwerk Hitlers und natürlich auf dem Stand der aktuellen Forschung.

Sven Felix Kellerhoff

Eine kurze Geschichte der RAF

1.Aufl. 2020, 208 Seiten, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-608-98221-3

18,00 EUR (D), 18,50 EUR (A)

Klett-Cotta

 


Genre: BRD, Kalter Krieg, Politik, Terrorismus, Zeitgeschichte
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie

Thomas Bernhard: Die unkorrekte Biografie

Wer bleibt denn da überhaupt übrig, den Sie nicht für einen Idioten halten?“ – „Na keiner, das ist es eben.“ In 99 rasant-komischen Bildern wird die Biographie des am 12. Februar 1989 in Gmunden verstorbenen enfant terrible Österreichs erzählt. Dazu einige der besten und humorvollsten Zitate der „Zwiderwurzn“, die auch heute noch das Herz erwärmen. Dieses Jahr jährt sich sein Geburtstag am 9. Februar zum 90. Mal. Schade, dass er nicht mehr lebt und die Gemüter erhitzt. So wie damals.

Den Nagel auf den Kopf getroffen, die Österreicher ins Herz

1. Thomas Bernhard muss Burgtheater-Direktor werden, 2. Es ist alles sehr kompliziert, 3. Ich nehme zur Kenntnis, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd“. Diese pointierte Zusammenfassung der Innenpolitik der Achtziger stammt vom damaligen österreichischen Bundeskanzler Fred Sinowatz. Das Theaterstück „Holzfällen“ von Thomas Bernhard schlug in dieses innenpolitische Klima ein wie eine Bombe und machte den Schriftsteller zum meistgehasstesten Mann Österreichs, aber gleichzeitig auch zum Aushängeschild eines Landes, das seine Vergangenheit so lange wie möglich verdrängt hatte. Aber ich den Achtzigern kam alles hoch und Bernhard schwamm auf einer Welle, die ihn bis ganz nach oben brachte. Im oberösterreichischen Ohlsdorf hatte er sich einen Denk- und Schreibkerker eingerichtet, von wo aus er nicht nur die Republik, sondern auch ihre Bewohner regelrecht beschimpfte.

Gegen Männer, Nationalsozialismus und Katholizismus

Dabei war sein Hass auf Österreich vor allem auch ein Selbsthass: „Ich habe die Wiener Kaffeehäuser immer gehasst, weil ich in ihnen immer mit Meinesgleichen konfrontiert gewesen bin… Ich ertrage mich selbst nicht, geschweige denn eine ganze Horde von grübelnden und schreibenden Meinesgleichen.“

Auch die Männer an sich kamen bei ihm nicht gut weg. „Ich vertrage Männer nicht. Männergespräche halte ich nicht aus. Die machen mich narrisch. Männer reden immer das gleiche. Über ihren Beruf oder über Frauen. Da sind mir schwätzende Frauen noch lieber.

Sein abwesender, alkoholkranker Vater und sein Heranwachsen in den Vierzigern hatten auch seinen Hass auf den Nationalsozialismus und den Katholizismus bestärkt. Beides erkannte Bernhard als kennzeichnende Wesensmerkmale des Österreichers. Und lehnte sich zeitlebens dagegen auf. Nicolas Mahler hat einige von Bernhards besten Zitaten aufgespürt und mit seinen Bildern versehen, die auch ein Schlaglicht auf den Menschen Bernhard werfen. Bernhards Preise und Skandale, seine Krankheit, sein Lebensmensch Hedwig Stavianicek oder das Verhältnis zu seinem Verleger Siegfried Unseld: Nicolas Mahler lässt nichts aus.

Nicolas Mahler

Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie

2021, Hardcover, suhrkamp taschenbuch 5125, Gebunden, 119 Seiten

ISBN: 978-3-518-47125-8

D: 16,00 € / A: 16,50 € / CH: 23,50 sFr

Suhrkamp Verlag


Genre: Biographien, Comic, Österreich, Schriftsteller
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

1984

George Orwell’s 1984 in Neuübersetzung

George Orwell’s 1984. Neuübersetzung. „Alle Kinder sind Schweine.“ Es ist ein heller, kalter Apriltag und die  Vorbereitungen für die allmonatliche Hasswoche laufen auf Hochtouren. Winston Smith, 39, ist nur ein kleiner, weiterer Mitarbeiter im „Ministerium für Wahrheit“ und er begeht eines der größten Verbrechen dieser totalitären Gesellschaft der Zukunft: er verliebt sich.

1984: Liebe in Zeiten des Krieges

Eigentlich ist es vielmehr Julia, die sich in ihn verliebt, steckt sie ihm doch insgeheim einen Zettel zu auf dem die drei so aufrührerischen, aber eigentlich harmlosen Worte stehen. Ich liebe dich. Aber im ENGSOZ der Zukunft gilt dies schon als gefährlich. Zudem wenn man auch noch Tagebuch führt und glaubt, man könne dies von der allgegenwärtigen Gedankenpolizei geheim halten. Eigentlich gibt es sogar vier Ministerien. Aber das beängstigendste ist das Ministerium der Liebe. Es hat keine Fenster. Die anderen Ministerien heißen Frieden und Fülle und alle vier haben sie ihre eigenen Abkürzungen im Neusprech des Engsoz. Es wird viel Gin getrunken und es darf auch geraucht werden. Der Markennamen lautet jeweils Victory. Denn das ist auch die Losung im Krieg gegen Eurasien: Sieg. Aber auch im Inneren tobt ein Krieg. Ein Krieg gegen die Bruderschaft, der ein gewisser Emmanuel Goldstein vorsteht. Äußerlich ähnelt er von der Beschreibung her Trotzki, was den Großen Bruder aber noch lange nicht zu einem Stalin macht. Alle die in Opposition sind werden verdampft. Vaporisiert, wie es im Original heißt. Und täglich rauchen die Kamine.

Orwell’s Dystopie des homo hominis lupus

George Orwell hat 1948 einen Roman geschrieben, der heute noch als Klassiker der Dystopie gilt. Er nahm Anleihen beim Nationalsozialismus und beim Stalinismus, ohne direkt darauf Bezug zu nehmen. Denn was in 1984 passiert, könnte überall passieren, in jeder Gesellschaft, in jedem Jahrhundert. Auch das 21. Jahrhundert ist nicht gefeit davor, was Orwell in so treffenden Worten wie kein anderer beschrieben hat: homo hominis lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Selbst die (unschuldigen) Kinder machen mit und werden zu gemeinen Denunzianten, jagen ihre Beute wie Hunde. Werden zu Schweinen. Auch Winston war ein solches. Er ließ seine Schwester und seine Mutter im Stich. Jetzt plagt ihn sein Gewissen. Er will rebellieren. Doch letztendlich besteht seine Revolte darin, ein verbotenes Buch zu lesen und Julia zu lieben. Der einzige Trost, der ihm bleibt, ist, sie nicht zu verraten: „Ein Geständnis ist kein Verrat. Was man sagt oder tut, ist nicht entscheidend, nur Gefühle zählen. Wenn sie mich dazu brächten, dich nicht mehr zu lieben – das wäre der wahre Verrat.“

Im Anhang befindet sich auch eine genaue Erklärung des Engsoz Neusprech, dessen wichtigste Vokabeln längst Eingang in unsere Alltagssprache gehalten haben. Man denke nur an Doppeldenk, Big Brother oder Thinkpol. 1984ist eine Offenbarung. Man kann es nicht oft genug lesen.

George Orwell

1984 – Roman

Neuübersetzung von Eike Schönfeld

2021, Gebunden, 382 Seiten

ISBN: 978-3-458-17876-7

Insel Verlag

D: 20,00 € / A: 20,60 € / CH: 28,90 sFr


Genre: Dystopie, Roman, Science-fiction
Illustrated by Insel Frankfurt am Main

Fahrenheit 451

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Ray Bradbury: Fahrenheit 451. 1953 entstanden zählt auch der hier vorliegende Roman zu den radikalsten dystopischen Zukunftsvisionen, gleich neben „1984“ von George Orwell oder „Brave New World“ von Aldous Huxley. In nur neun Tagen soll ihn der damals 33-jährige frischgebackene Vater, Ray Bradbury, geschrieben haben, wie Peter Torberg in seinen Anmerkungen am Ende des Romans schreibt.

Bradury’s feuerlegende Feuer(-wehr-)männer

In seiner editorischen Notiz erklärt er auch manche Widersprüche, Unklarheiten oder nicht ganz aufgelöste Stellen im Text durch die Übersetzung. Als Beispiel nennt er etwa auch das englische „fireman“, dem die Doppeldeutigkeit der deutschen Übersetzung mit „Feuerwehrmann“ gänzlich abgeht. Deswegen wählte Peter Torberg für Guy Montag, den Protagonisten des Romans auch „Feuermann“: „In der Welt die Ray Bradbury für seine Leserinnen erschaffen hat, in der Lesen geächtet und Wissen nicht erwünscht ist, in der auf Buchbesitz Strafe steht und die Menschen mit Entertainment und Dauerberieselung unmündig gehalten werden, dort ist die Bedeutung einer Feuerwehr durch das Umschreiben der Menschheitsgeschichte schlicht unbekannt.“ Die Feuermänner in „Fahrenheit 451“ löschen nämlich kein Brände, sondern sie legen sie, sie sind gleichsam dazu da, zu vernichten und zu strafen, Bücher zu verbrennen oder manchmal auch ganze Häuser, notfalls auch zusammen mit den Bewohnern.

Fahrenheit 451: Zeitalter des Papiertaschentuchs

Wie Parfüm wirkt das verwendete Kerosin der Feuerbrigade auf ihn, schwärmt Montag seiner Angebeteten Clarisse vor. Ebenso schwärmerisch antwortet sie ihm: „Ich rieche gerne an Dingen und schaue sie mir an, und manchmal bleibe ich die ganze Nacht auf, gehe spazieren und schaue zu, wie die Sonne aufgeht“. Die beiden leben nicht umsonst im „Zeitalter des Papiertaschentuchs“: „Man schneuzt sich mit einer Person, zerknüllt sie, spült sie hinunter, greift nach der nächsten, schneuzt sich, zerknüllt, spült hinunter“. Aber Clarisse ist jedenfalls anders als seine Frau Mildred. Diese bevorzugt es zu Fernsehen und das Bücherlesen ist ihr ein Grauen. Sie steht auch für die Mehrheit der Bevölkerung in Bradburys Roman die Bücherlesen per se ablehnen, da es sie in eine schlechte Stimmung bringe und zu nachdenklich mache. Ray Bradbury hat in späteren Interviews betont, dass der Roman in einer Zeit entstanden sei (50er Jahre) in der das Fernsehen die Schrift ablöste, als Bücher und Zeitungen immer weniger konsumiert wurden. Genau davor sollte sein Roman warnen.

Fahrenheit 451 und die korrekten Zahlen

Bei der Titelwahl hatte er allerdings schlicht Celsius mit Fahrenheit verwechselt, denn Papier entzündet sich erst bei 451 Grad Celsius, nicht Fahrenheit (451 Grad Fahrenheit wären nur 232,7 Grad Celsius), so Gary Dexter, der in seinem Blog  den alternativen Titel „Fahrenheit 843“ vorschlägt, der tatsächliche Temperatur Celsius also bei der sich Papier selbst entflammt. Dass das Internet-Zeitalter Ray Bradburys Schreckensvision von 1953 längst überflügelt hat, mag den Autor vielleicht noch erreicht haben. Er starb am 5. Juni 2012 in Los Angeles und meinte über Michael Moore, der einen seiner Filme Fahrenheit 9/11 (2004) nannte, einen „dämlichen Drecksack“, weiter zitiert ihn die deutsche FAZ: „So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen.“ Gary Dexter hätte hier wohl das letzte Wort, wenn er Ray Bradbury einen „dämlichen Drecksack“ nennen würde. Tut er aber nicht.

Ray Bradbury

Fahrenheit 451

Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg

2020, Hardcover Leinen

272 Seiten

ISBN: 978-3-257-07140-5

€ (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70

Diogenes Verlag


Genre: Dystopie, Roman, Science-fiction, Zukunftsvision
Illustrated by Diogenes, Diogenes Zürich

Gedichte

251 Jahre Friedrich Hölderlin

251 Jahre Hölderlin. Gedichte. Eine Auswahl„Ich verstand die Stille des Äthers/Der Menschen Worte verstand ich nie.“, schreibt Hölderlin in „Da ich ein Knabe war…“. Das inzwischen wohl etwas weniger als 250 Jahre her, dennoch wurde der Knabe immerhin 73 Jahre alt. „Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden,/Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.“ Dem großen Dichter der Weltliteratur wurde zu seinen Lebzeiten die Anerkennung allerdings versagt. Und das trotz seines erreichten hohen Alters.

Hölderlin: Elegien, Oden und Hymnen

Im 20. Jahrhundert wurde Friedrich Hölderlin (20.3.1770 Lauffen a. N. – 7.6.1843 Tübingen) wiederentdeckt, inspirierte Stefan George, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke und Paul Celan und ist bis heute sogar in Übersetzungen und Vertonungen weltweit präsent, nicht nur aufgrund der Feierlichkeiten zu seinem 250. Geburtstag, die leider aufgrund der Pandemie etwas untergingen. Die vorliegende Auswahl reicht von den Jugendgedichten und den ersten lyrischen Werken seiner Tübinger Studentenzeit über die Diotima-Gedichte an seine Liebe Susette Gontard bis hin zu seinen großen Hymnen und Elegien. Hölderlins wunderbare Lyrik ist somit in vorliegendem 140 Seiten starken Werk in all ihrer Kühnheit, Intensität und Schönheit wieder neu zu entdecken. Ab 1797 bildete Hölderlin einen eigenen Stil heraus, der wie in den Gedichten Heidelberg oder An die Parzen in der individuellen Erneuerung antiker Gedichtformen, z. B. der Elegie oder der Ode bestand. Aus diesen seinen literarischen Experimenten entstand später auch sein Roman Hyperion, der das Pathos der Französischen Revolution in ein Freiheitskonzept überführen wollte. Aber auch seine unvollendete Tragödie „Der Tod des Empedokles“ darf hier an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, da er den Versuch einer Dramatisierung philosophischer Themen beinhaltete und darin einzigartig blieb.

Gedichte: Heimat unter den Birnen

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben,/Siehst du das Eine recht, siehst du das andere auch.“ Unvergessen bleibt auch nach nur einmaligem Lesen aber auch seine Ode an die Heimat in der es u.a. heißt: „Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst,/Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,/Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich/Komme, die Ruhe noch einmal wieder?“  Selbst ist er in seiner Todesstunde nicht mehr dorthin zurückgekehrt, aber vielleicht hätte auch die Heimat seine Leiden durch ihrer Wälder Ruhe nicht mehr stillen können. Spätestens seit 1806 – also noch Jahrzehnte vor seinem Tod – galt der begabte Dichter seinen Zeitgenossen als wahnsinnig. Ab 1807 bewohnte er bei der Familie Zimmer in Tübingen ein Turmzimmer, was alsbald als Hölderlin-Turm bezeichnet wurde. Um diese Zeit (1805) entstand auch eines seiner letzten Gedichte „Hälfte des Lebens“: „Mit gelben Birnen hänget/Und voll mit wilden Rosen/Das Land in den See,/Ihr holden Schwäne,/Und trunken von Küssen/Tunkt ihr das Haupt/Ins heilignüchterne Wasser.//Weh mir, wo nehm’ ich, wenn/Es Winter ist, die Blumen, und wo/Den Sonnenschein,/Und Schatten der Erde?/Die Mauern stehn/Sprachlos und kalt, im Winde/Klirren die Fahnen.“

Friedrich Hölderlin

Gedichte

Eine Auswahl

Hrsg. und Nachw.: Kurz, Gerhard

2020, Softcover, 143 Seiten

ISBN: 978-3-15-020600-3

Reclam Verlag

8,00 €t

 


Genre: Französische Revolution, Heimat, Jubiläum, Lyrik
Illustrated by Reclam Verlag

Venedig. Augenreise/Kochbuch

Venedig – Augenreise

Venedig Augenreise und Kochbuch. Venedig ist immer eine Reise wert. Und in Zeiten von Pandemien eben eine Augenreise. Oder mit dem Venedig-Kochbuch von Russell Norman eine kulinarische Reise durch die eigene Küche. Die beiden 2020 im Dorling Kindersley Verlag erschienen Bücher sind beide gleich prachtvoll in ihrer Ausstattung: Hardcover, großes Format von 200 x 266 mm und dick im Umfang. Darüber hinaus glänzen sie durch wunderschöne Fotografien, die eigens für die beiden Bücher angefertigt wurden. Die Fotos vom Kochbuch stammen von Jenny Zarins, die der Augenreise von Guillaume Dutreix.

Venedig – eine Augenreise

Die wohl „einzige Stadt mit menschlichen Ausmaßen“ wäre gerade dieser Tage eine Reise wert, da Venedig aufgrund der Pandemie wieder den Bewohnerinnen und Bewohnern überlassen ist. Auch die Kreuzfahrtschiffe bedrohen die kleinen Kanäle nicht und es sollen sogar wieder Fische darin zurückgekehrt sein. Von der Lagune ausgehend nähert sich die Autorin dem eigentlichen Venedig, denn ohne die Lagune, ein eigenes Biotop, gäbe es auch die Serenissima nicht. Auf Burano, Venedig vorgelagert und durch seine bunten Häuschen weltbekannt, lebt kein Geringerer als Philippe Starck, der auch im Zentrum Venedigs schon einige Spuren hinterlassen hat. Die Gemüseinsel Sant’Erasmo wird ebenso besucht wie San Michele oder die Friedhofsinsel Murano. Mit San Marco wird dann auch das erste Sestiere (deutsch: Sechstel) der Wasserstadt in all seiner Pracht gezeigt. Eine kleine Kaffeekunde zeigt wie vielfältig die Kunst des Brauens auch in Venedig ist. Als weitere berühmte Persönlichkeit, die mit Venedig verbunden ist, stellt uns die Autorin den Architekten Carlo Scarpa vor. Sein „Negozio Olivetti“ ist Legende unter den zahlreichen Architektur-StudentInnen in der Stadt. Denn Venedig ist nicht nur für seine Ca’Fosari bekannt an der man mehr als 40 Sprachen studieren kann, sondern auch für die IUAC (Istituto Universitario di Architettura di Venezia). Lucie Tournebize zeigt eine lebenswerte Stadt, die vor allem von seinen BewohnerInnen geliebt wird, nicht nur von TouristInnen. Am Canal Grande von Palazzo zu Palazzo ist ein vorgeschlagener Stadtspaziergang, aber viel schöner noch ist es, sich in den unzähligen calli der Stadt zu verirren. Denn wer sich noch nicht verirrt hat, war noch nicht in Venedig.

Venedig – Das Kochbuch

Venedig – Das Kochbuch

Was passt besser zum obigen Augenschmaus, der Augenreise, denn ein Kochbuch, das auch die kulinarischen Genüsse einfängt. Denn Venedig ist ja bekanntlich vor allem auch eine Stadt die riecht, manchmal sogar nach Orient, manchmal nach Okzident. Den Buchrand und die Titelschrift ganz in Gold gefasst, zeigt das vorliegende Kochbuch nach Jahreszeiten geordnet die Genüsse der Lagunenstadt. „Im Frühling gibt es eine Suppe aus wildem Knoblauch, eine Pizza mit roten Zwiebeln oder eine Frittata mit Garnelen und Dill. Im Sommer genießen Sie Panzanella, Spinat-Ricotta-Malfatti oder Bellini-Sorbet. Der Herbst schmeckt mit geröstetem Kürbis, geräucherter Makrele oder gegrillter Polenta einfach wunderbar. Den Winter essen Sie sich mit Pasta- und Bohnensuppe, Wild- und Pilzrisotto oder Rosmarin-Lammkeule warm.“ Natürlich mit vielen Adressen und einem Register im Anhang. 14 Monate lebte der Hobbykoch Russell Norman in einer „winzigen Wohnung an den Giardini“ und kochte alle Rezepte nach, die er auf Märkten in Erfahrung bringen konnte. Risi e Bisi auf venezianische Art zum Beispiel oder Artischockensalat aber auch Spaghetti Cassopipa, alles Rezepte, die natürlich mit lokalen Produkten gekocht werden entweder vom Rialto oder direkt von der Gemüseinsel Sant’Erasmo. Denn auch das ist das „menschliche Maß“ Venedigs: gäbe es keine Touristen, könnte sich die Stadt ohne Mühe selbst versorgen und wäre sogar autark. Erfahren Sie also mehr über Themen wie das Ökosystem der Lagune, Karneval in Venedig, Venezianische Renaissance, Das Haus Venini oder Unentbehrliche Brücken. Porträts von Venezianern, ob dort geboren oder zugezogen, und natürlich über die Küche Venedigs.

Lucie Tournebize/Guillaume Dutreix
Venedig. Eine Augenreise
ISBN 978-3-7342-0309-1
Oktober 2020
256 Seiten, 200 x 266 mm, fester Einband
Mit über 300 Fotos
Dorling Kindersley Verlag
28,00 €

Russell Norman
Venedig. Das Kochbuch
ISBN 978-3-8310-3587-8
Juni 2018
320 Seiten, 184 x 253 mm, fester Einband (Goldschnitt, Lesebändchen und Cover mit Folienprägung), 140 Fotografien
Dorling Kindersley Verlag
29,95 €


Illustrated by Dorling Kindersley Starnberg

Versprich es mir. Über Hoffnung

Joe Biden – Versprich es mir

He, Joe“, meinte Barack einmal zu Biden, „man kauft das Schlimme mit dem Guten ein“. Schon während der Präsidentschaft hatten die beiden Bs eng zusammengearbeitet. Biden war der Vizepräsident Barack Obamas und hätte 2016 auch selbst kandidiert. Doch dann kam die Krankheit seines Sohnes Beau dazwischen und Biden entschied sich für die Familie. Donald Trump gewann daraufhin gegen Bill Clinton die Wahlen. Aber 2019 übernahm Joe Biden das Ruder. Am 20.1.2020 wurde er als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Und er übernimmt ein gespaltenes Land in der Corona-Krise mit einer Rekordarbeitslosigkeit und schlechten Wirtschaftsdaten. Aber Joe Biden verkörpert das, was in einer krisengeschüttelten Zeit wie der unseren das Wichtigste ist: Hoffnung.

Biden: Hoffnung für die Welt?

Biden wurde von seinen Gegnern gerne als „Trauerredner der Nation“ abgetan, was angesichts der Dinge, die er in seinem Leben schon mitmachen musste, geradezu pietätlos wirkt. Denn nicht nur, dass er 2015 seinen erst 45-jährigen Sohn Beau verlor, nein, schon Jahre zuvor gingen seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall von dieser Welt. Aber Joe Biden gab nicht auf und setzte sich seine Ziele, die ihn nun bis an die Spitze seines Landes brachten. Und seine Programm liest sich gar nicht so schlecht: Kampf dem Supperlobbyismus, Besteuerung der Vermögen statt der Arbeit, Ende der Steuerschlupflöcher und Steuernachlässe, Mindestlohn von 15 Dollar und Abschaffung der Studiengebühren an den öffentlichen Colleges und Universitäten. Schon während seiner Vizepräsidentschaft war er auch für die Homosexuellenehe und deren rechtliche Gleichstellung eingetreten. Und nicht zuletzt ein Mondfahrtprogramm zur Bekämpfung von Krebs. Now hope and history rhyme.

Joe oder The Luck of the Irish

Die vorliegende, äußerste lesenswerte Kampfschrift ist nicht nur gut geschrieben, sondern auch sehr persönlich gehalten. Biden schreibt über den Kampf seines Sohnes Beau gegen den Krebs, aber auch von seinen eigenen politischen Erfolgen im Irak oder seinen Vermittlungsbemühungen in Mittelamerika und der Ukraine. Dabei behält er auch eine gewisse subtile Form von Humor bei, was ihn noch sympathischer macht. Gerade weil er als Außenseiter startete und „against all odds“ die Vorwahlen und die eigentlichen Wahlen gewann und weil er sich durch seine schlimmen Schicksalsschläge nicht unterkriegen ließ, möchte man diesem Präsidenten nur das Beste wünschen. Denn für die Aufgaben, die vor ihm liegen, wird er jede Unterstützung brauchen. Man vertraut und glaubt seinen Worten. Was man nicht erfährt, ist seine Vorgeschichte. Das Buch handelt hauptsächlich in der Zeit der 10er Dekade des 21. Jahrhunderts, es erschien in den USA 2017, aber bereits nach der Angelobung von Trump. Der Vorwurf er würde aus dem Tod seines Sohnes politisches Kapital schlagen wollen und all die andere Schmutzwäsche, die gegen ihn lief, wird Lügen gestraft. Für seine Kritiker gilt: einen schönen Gruß von Onkel Ed. Und gerne nimmt man ihm auch das Versprechen ab, das er seinem Sohn gab: Die Welt wieder zu einem besseren Platz zu machen.

Joe Biden

Versprich es mir.

Über Hoffnung am Rande des Abgrunds

Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind und Friedrich Pflüger.

ISBN: 978-3-406-76713-5

2020, Hardcover, 250 S

C.H.Beck Verlag

22,00 €


Genre: Autobiografie, Politik
Illustrated by C.H. Beck München

Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Hermann Hesse
Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Jeder Mensch hat etwas in sich, jeder hatte etwas zu sagen. Aber es nicht zu verschweigen und nicht zu stammeln, sondern es auch wirklich zu sagen, sei es nun mit Worten oder mit Farben oder mit Tönen, darauf einzig kam es an!“, schreibt Hermann Hesse voller Begeisterung über sein Tun und Lassen, denn der Schriftsteller war ja eben vor allem als solcher und weniger als Maler bekannt. „Dem allen bin ich davongelaufen, es gibt jetzt für ein paar Stunden keine Bücher, keine Studierzimmer mehr. Es gibt nur die Sonne und mich, und diesen hellzarten, apfelgrün durchschimmerten Septembermorgenhimmel, und das strahlende Gelb im herbstlichen Laub der Maulbeerbäume und der Reben.

Chiffren des Unsterblichen

Volker Michels spricht in seinem Nachwort zu vorliegender reich bebilderter Schmuckausgabe mit Bildern von Hermann Hesse von der geradezu „existentiellen Notwendigkeit“ zu der das Malen für Hesse geworden war. Das Eigenständige und Unverkennbare an Hesses Malerei sei „die enge Wechselwirkung zwischen der Abstraktion, Farbigkeit und Musikalität seiner Bilder mit denselben Komponenten in seiner Lyrik und Prosa“, schreibt Michels. „In seinen Dichtungen und Bildern vermittelt Hesse nicht ein Abbild der Wirklichkeit, sondern ihr Sinnbild.“ Denn die positive Tendenz der Zuversicht und Heiterkeit, die sich in Hesses Büchern erst nach langwierigen, krisenhaften Entwicklungen herauskristallisieren würden und „mit Chiffren wie das ‚Lachen der Unsterblichen’ (im ‚Steppenwolf’) oder ‚Die Goldene Spur’ (in ‚Narziß und Goldmund’) bezeichnet wird“, trete in seinen Aquarellen bereits augenfällig zu Tage.

Malen als Frühling der Seele

Oh, es gab auf der Welt nichts Schöneres, nichts Wichtigeres, nichts Beglückenderes als Malen, alles andre war dummes Zeug, war Zeitverschwendung und Getue.“ Im Alter von 40 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, hatte Hermann Hesse zu malen begonnen und es ist auch für den Leser eine wahre Wonne, zu lesen, mit welchen Worten er seine Begeisterung für das Malen teilt: „Aber Tage wie heute, das war etwas anderes und Besonderes, an diesen Tagen konnte man nicht malen, sondern mußte malen. Da blicket jedes Fleckchen Rot oder Ocker so klangvoll aus dem Grün, jeder alte Rebenpfahl mit seinem Schatten stand da so nachdenklich schön in sich versunken und noch im tiefsten Schatten sprach jede Farbe klar und kräftig.“ Es ist förmlich zu spüren, wie ihm selbst das Herz aufgeht bei dieser neuen Tätigkeit, bei der er sich fast noch mehr entfalten kann als beim Schreiben. Es war ihm ein „Ausweg, um auch in bittersten Zeiten das Leben ertragen zu können“, wie er selbst an einer Stelle schreibt, „und um Distanz von der Literatur zu gewinnen“. „Das Produzieren mit Feder und Pinsel ist für mich der Wein, dessen Rausch das Leben so weit wärmt, dass es zu ertragen ist.“

Magie des Malens

Seine Malausflüge im Tessin zeitigten zusammenhängende Bilderfolgen und Aquarellalben und aus einem dieser Alben von 1922 erscheint hier eine Folge seiner reizvollsten Arbeiten, aber auch Blätter aus späteren Jahren. Zusammen mit seinen Betrachtungen über seine Malerei und Selbstzeugnisse aus seinen Briefen lässt dieser kleine schmale und doch so bunte Band den Leser an der Begeisterung teilhaben und einen sogar mitten im Winter eine Art Frühlingsaufbruch erspüren.

Hermann Hesse

Magie der Farben – Aquarelle aus dem Tessin.

Mit Betrachtungen und Gedichten

Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Volker Michels

D: 14,00 € / A: 14,40 € / CH: 20,90 sFr

2019, Hardcover, Insel-Bücherei 1465, Gebunden, 104 Seiten

ISBN: 978-3-458-19465-1

Insel/Suhrkamp Verlag

 

 

 


Genre: Bildband, Essay, Malerei
Illustrated by Insel Frankfurt am Main

Nestor Burma – Bambule am Boul‘ Mich‘

Nestor Burma – Bambule am Boul‘ Mich‘

Nestor Burma – Bambule am Boul‘ Mich‘. Es schneit so schön am Cover dieser Retroausgabe von 2016, dass man sich dieser Tage sofort in das Paris des Jahres 1986 versetzt fühlt. „Micmac moche au Boul’Mich“ – so der Originaltitel entführt in das studentische Milieu im 5. Arrondissement, Rive Droite, wo sich die Universität von Paris, die Sorbonne, viele Studentencafés und Buchhandlungen befinden. Aber auch der Jardin des Plantes, das Muséum national d’histoire naturelle und die elegante Ruhmeshalle für die Helden der Nation, das Panthéon.

Nestor Burma: Recherche im Stripteaseclub

Nestor Burma ermittelt für die hübsche Studentin der Schauspielkunst, Jacqueline Carrier, die um ihren toten Liebsten trauert. Am Quai Saint-Bernard hatte man die Leiche eines jungen Mannes gefunden, Paul Leverrier, 20, Sohn eines Arztes am Bou Mich und selbst künftiger Arzt. Aber wieso sollte ein junger Mann, mit so einer vielversprechenden Zukunft und einer Freundin wie Jacqueline, die noch dazu im Cabaret als Burgfräulein einen formidablen Striptease hinlegt – wovon sich Burma selbst überzeugen kann – sich umbringen? Bald stellt sich heraus, dass es um ein Buch geht. Ein wertvolles Buch. Aber wer hat es entwendet? Und was hat das mit dem Tod von Paul Leverrier zu tun? Eine geheimnisvolle Tote, Yolanda Lachal, und ihr Geliebter, Toussaint Lanouvelle, spielen beim Verschwinden des Buches eine wichtige Rolle, doch bald befindet sich Burma zwischen zwei Leichen: Yolanda auf dem Bett und Toussaint erschossen auf ihm. Vom Mörder keine Spur.

Bambule zwischen zwei Leichen

Der Leichen nicht genug, findet Burma auch noch den Inspektor Masoultre im Branntkalk in seine Einzelteile zerlegt. Und schon steckt Burma ein Eisenstück zwischen seinen Rippen. Mit etwas Glück entkommt er auch dieser Bedrohung und kann sich endlich wieder seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden widmen. „Ich löschte das Licht und schloss die Augen, um konzentriert nachzudenken.“ Und siehe da, ecce homo, die Lösung befindet sich zwischen den Buchdeckeln! Im hinteren Teil der vorliegenden Ausgabe eines weiteren spannenden Abenteuers des anarchistischen Kommissars Nestor Burma befindet sich auch eine Karte von Paris, die die Schauplätze des Abenteuers verzeichnet haben. So fällt die Orientierung auch im 5. Arrondisement leichter und man lernt Paris noch etwas besser kennen. Denn ob es schneit oder nicht, sie ist und bleibt zu jeder Jahreszeit die schönste Stadt der Welt.

Abenteuer in allen Pariser Arrondissements

Die Romane von Lèo Malet und den Figuren von Tardi, die alle in einem anderen Bezirk (Arrondissement) von Paris spielen, wurden in vorliegendem Fall von Nicolas Barral als Comic umgesetzt. Aber es gibt noch viele weitere lesenswerte Abenteuer. Beim Schreiber&Leser Verlag sind viele davon in einer neuen Edition erschienen. Das derzeit neueste Abenteuer spielt im 14. Arrondissement und sein Titel lautet „Nestor Burma – Die Ratten im Mäuseberg“.

Léo Malet/Nicolas Barral

Nestor Burma – Bambule am Boul‘ Mich‘

Zeichnung: Nicolas Barral · Szenario: Leo Malet

96 Seiten | gebunden | Farbe | € 19,80

ISBN: 978-3-943808-67-4

Schreiber&Leser


Genre: Graphic Novel, Krimi, Paris
Illustrated by Schreiber&Leser

Bad Regina. Roman

Bad Regina – David Schalko

Bad Regina. Roman. Schalkos Medium ist eindeutig der Film und vielleicht weniger die Literatur. „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ oder „Braunschlag“ stammen nicht nur aus der Feder des enfant terrible der österreichischen Serienlandschaft, sondern entstanden auch unter der Regie desselben. Die vor dem Eindruck der realen Tragödien von Bad Gastein und Hallein entstandene absurde Groteske, Bad Regina, schreit geradezu nach einer Verfilmung, denn wem würde die düster-dekadente Atmosphäre, die im Roman gezeichnet wird, eingebettet in die pittoreske Landschaft des Salzkammerguts, keinen wohligen Schauer über die Wirbelsäule zaubern?

Bad Regina: der Untergang des Abendlandes?

Streckenweise besteht der „Roman“ hauptsächlich aus Dialogen, die partout nicht unter Anführungszeichen gesetzt, sondern nur mit Bindestrich vom Fließtext abgehoben werden. Aber auch die Zeichnung seiner Figuren ist nicht gerade unbedingt üppig geraten, vielleicht am ehesten noch der Othmar, der einen DJ pflegt, der aufgrund seiner Einladung einen Schiunfall hatte und darauf im Rollstuhl landete. Dieser Othmar ist einer der letzten „Verbliebenen“ in Bad Regina, einem Dorf in den Salzburger Alpen, das nur mehr von 46 Personen bewohnt wird. Vor eineinhalb Jahrzehnten waren es noch mehr als fünfmal so viele, jedoch hatte ein gewisser Chen aus China, der Strohmann eines ehemals nach Amerika vertriebenen Juden aus Bad Regina, begonnen, den Einwohnern so hohe Preise zu bezahlen, dass die meisten abwanderten. Als reales Vorbild diente David Schalko der Salzburger Kurort Bad Gastein, der ehemals das Monte Carlo der Alpenregion gewesen war, bis eben der endgültige Ausverkauf begann. Dieser Chen will jedenfalls eine Art Themenpark in Bad Regina errichten, bei dem die Einwohner als Statisten sich selbst spielen könnten. Das erinnert etwas an den ebenfalls realen Hintergrund der Marktgemeinde Hallstatt, das in Luoyangzhen, in der südchinesischen Provinz Guangdong, als Kopie aufgebaut wurde. Allerdings ohne die dazugehörigen oberösterreichischen Einwohner.

Kriminalfall Ausverkauf Heimat

Die Handlung des Romans befördert natürlich den Zweck der Gesellschaftskritik, aber David Schalko schießt damit etwas über das Ziel hinaus. Als Satire für den Film würde Bad Regina sicherlich gut funktionieren, aber als Roman fehlt Bad Regina leider der Zusammenhalt und eine klare erzählerische Struktur, die zielsicher auf einen Höhepunkt zusteuert. Nicht, dass es einen solchen in Bad Regina nicht gäbe! Ganz im Gegenteil. Die satirische Groteske wächst sich alsbald zu einem Kriminalfall aus, der im Inneren der Bergwerksdisco von Othmar, dem Kraken, nicht nur die österreichische Seele im Stile eines Thomas Bernhard seziert, sondern auch die aktuelle Lebenssituation vieler anderer Österreicher bloßlegt, die in Fremdenverkehrsregionen leben und vom Tourismus abhängig sind. Die Piefke-Saga (R: Felix Mitterer) zeigte dies schon Anfang der Neunziger auf. Aber das ist jetzt auch schon 30 Jahre her. Dass am Ende auch noch die „Stammesbrüder“ des DJs aus Afrika auftauchen, um den Roman stimmungsmäßig aufzuhellen, mag vielleicht im Film funktionieren, in der Literatur wirkt es aber leider nur fehl am Platz.

Bei aller Zustimmung, die man mit dem Konstrukt des Romans (die Kritik am Ausverkauf der Heimat) teilen mag, wirkt es doch beinahe antisemitisch (der vertriebene Jude, der hinter Chen steht und alles aufkauft) und rassistisch (die Afrikaner als Stimmungsaufheller) in welche Fahrwasser die Handlung gerät. Natürlich ist der Autor diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben, eh klar. Schließlich bekommen auch die Österreicher einiges Fett weg und das sind für mich sicherlich die lesenswertesten Passagen dieses beinahe 400 Seiten langen Film-Drehbuchs. Aber es gibt auch noch sehr viele interessante und lesenswerte Stehsätze, die selbst Hartgesottene zum Nachdenken anregen, etwa diesen: „Wir sind alle dem Untergang geweiht.“

David Schalko

Bad Regina. Roman

2021, Hardcover, 400 Seiten

ISBN: 978-3-462-05330-2

Kiepenheuer&Witsch Verlag


Genre: Groteske, Heimat, Krimi, Provinzposse, Satire
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Der parfümierte Mann

Der parfümierte Mann. „(…) Man hat keine Zeit und keine Kraft mehr für die Zeremonien, für die Verbindlichkeit mit Umwegen, für allen Esprit der Unterhaltung und überhaupt für alles Otium“ bemängelt Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“. Vielleicht sollte man sich gerade in Zeiten wie diesen wieder dieses Otiums bewusst werden und bewusster das Odor wahrnehmen, das einen umgibt. Denn auch wenn der Geruchsinn (lat.: odoratus) zu den „nachgereihten Sinnen“ des Menschen gehört, wie Divjak nun – 138 Jahre nach Nietzsche – bemängelt, seien Düfte doch wie Tagebücher. Erinnerungen, die bleiben. Für immer.

Die „Colognisierung“ der Welt schreitet voran

Die Erinnerung, die durch einen Duft ausgelöst wird, ist nämlich alles andere als vergänglich, sondern vielmehr nachhaltig. Wer hatte noch nie ein solches Erlebnis, das durch einen zarten Duft in der Nase die Kindheit (oder noch weiter Zurückliegendes) im Herzen wieder wachgerufen wird? In den Oasen der Sprachlosigkeit führe der Duft ein anarchisch-poetisches Eigenleben, schreibt Divjak in seiner Einleitung, denn als promovierter Philosoph und gelernter Parfümeur weiß er, dass Düfte und Duftkreationen molekulare Kunstwerke sind. „Das Medium des Parfums ist die Zeit“, zitiert er gleich eingangs Madalina Diaconu, die an einem WWTF geförderten Forschungsprojekt zum Thema „Tast- und Duftdesign. Ressourcen für die Wiener Kreativwirtschaft“ arbeitete. Aber auch Barthes, Proust oder eben Nietzsche werden für seine „olfaktorischen Briefe an die Liebsten“, wie er  Düfte poetisch benennt, bemüht. Die Werbefigur des parfümierten Mannes ist zwar relativ jung, jedoch schreitet die Colognisierung der Welt stetig voran, wie er süffisant anmerkt. Ein Exkurs also in eine verborgene Welt, die zwar nicht visuell erfahrbar ist, dafür aber durch die Nase gezogen wird. Vielleicht hilft es auch ganz einfach einmal die Augen zu schließen und tief einzuatmen: ein neuer Kontinent wartet da. Ein Duft-Universum.

Ein Plädoyer für mehr Odor und Otium

Das Lateinische per fumum bedeutet nichts anderes als „durch Rauch, durch Dunst“ und sicherlich ist Divjak nicht der erste, der sich damit beschäftigt. Seit der Antike wird mit Düften gearbeitet, um durch das Odor jenes Otium wiederherzustellen, dessen Verlust in der Moderne Nietzsche so bedauerlich bemängelte. Nach einem Kapitel mit Literaturhinweisen past and present schreibt Divjak über seine eigenen ersten prägenden Dufterfahrungen und weiß: „We smell with our mind. Your mood affects the way you smell“ (Bernhard Chant). Die Erinnerungen, die ein Duft auslöst, sind wie ein Parfum für die Seele und scheinen uns in eine andere Welt zu tragen, die uns dann doch sehr vertraut erscheint. Im Anhang befindet sich eine exklusive Parfum-Chronologie ausgewählter Herrendüfte, die selbst Connaisseure erblassen lässt, so ausführlich ist sie geraten. Freudian Wood, Mandarino di Amalfi, Pomelo Paradis oder Cuirs Nomades heißen nur vier der hier rezensierten Parfüms, die Divjak in seinem außergewöhnlichen Buch beschreibt. Ein interessantes Statement in einer Zeit in der wir uns gerade das abtrainieren, was uns so prägte: Erinnerungen, ausgelöst durch Düfte. Mund- und Nasenschutz bitte nicht vergessen!

 

Paul Divjak

Der parfümierte Mann

2020, Hardcover, 152 Seiten

ISBN: 978-3-903005-40-0

Edition Atelier


Genre: Chronologie, Duft, Mann und Männlichkeit, Parfum
Illustrated by Edition Atelier

John Constantine – Hellblazer 1

John Constantine – Hellblazer 1: „Ich bin eine Trauma-durchmangelte schizotypische Persönlichkeit. Ein aggressiv psychotisches Individuum, das an total überzeugenden Wahnvorstellungen leidet. Ich bin, kurz gesagt, etwas irre.“, so der britische Okkultist John Constantine über sich selbst. Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung, aber Constantine legt nach: „Irrsinn ist die einzige Konstante“.

Hellblazer: Am Rande des Irrsins

In Neil Gaiman’s erster Storyline zu dem Kultklassiker SANDMAN 1989 involvierte er s John Constantine, den eigentlich Alan Moore, Stephen R. Bissette, Rick Veitch und John Totleben schon 1985 für die Saga vom Swamp Thing erschaffen hatten. Simon Spurrier, der Autor vorliegender John Constantine Hellblazer Geschichte hat schon das SANDMAN Universum mit THE DREAMING wiederbelebt und erzählt nun auch die Geschichte von John Constantine, dem Okkultisten zu neuem Leben erweckt. Nach 300 Episoden seiner Soloserie zwischen 1988 und 2013 erlebte er diverse Reinkarnationen auch im Superhelden-Universum von DC. Simon Spurrier lässt ihn ins SANDMAN Universum zurückkehren und bietet einen perfekten Einstiegspunkt für Neueinsteiger und Fans. Der Dialog mit seinem Taxi-Fahrer Chas bei dem Constantine natürlich das letzte Wort behält ist jedenfalls eine gute Eröffnung für ein Abenteuer voller Überraschungen: „Du bist das Schlimmste, was mir je passiert ist, John Constantine!“

John Constantine: Saubere Tricks u.ä.

Der kettenrauchende Antiheld und Zyniker kämpft auch in vorliegendem Abenteuer erneut gegen Dämonen, Engel und alles dazwischen –¦und trifft dabei auf den jungen Zauberer Timothy Hunter. „In diesem grünen schönen Land“ präsentiert nicht nur den Haruspex, sondern auch düstere Szenen in Abbruchhäusern der Slums der ältesten Demokratie der Welt oder William Blake als Vorbild einer Comicgeneration die die düsteren Abgründe der Welt bevorzugt. „Ich gehe durch gekaufte Strassen, nah der gekauften Thems’ ich geh. Und seh in jedem Gesichte Schwäche und nur und Weh.“ Zwei weitere Geschichten in diesem Band widmen sich auch den „Sauberen Tricks“. Schönes Artwork voller abenteuerlicher Überraschungen also.

Simon Spurrier

(Original Storys: Books of Magic (2018) 14, John Constantine – Hellblazer (2020) 1-6, Sandman Universe: John Constantine – Hellblazer 1)

Zeichner: Aaron Campbell, Matías Bergara

Mit John Constantine, Timothy Hunter

2020, Softcover, Horror, 220 Seiten

ISBN: 9783741620195

Panini

23,00 €


Genre: Comic, Graphic Novel, Phantasy, Sandman
Illustrated by Panini Comics

The WHITE ALBUM. The Beatles

The WHITE ALBUM The Beatles „Whatever else it is or isn’t, it is the best album they have ever released, and only The Beatles are capable of making a better one. You are either hip or you ain’t. In short it ist he new Beatles record and it fulfils all our expectations of it“. So launisch kommentierte der Rolling Stone das Unikum „White Album“. Es war der 22. November 1968. Das einzige Doppelalbum der Beatles erscheint. Es ist ihr erstes und letztes. Und voller versteckter Botschaften.

Post-psychodelischer Minimalismus

In den ersten beiden Jahren ihrer Existenz spielten sie 279 gigs in vier verschiedenen Clubs allein in Deutschland. Das letzte offizielle Konzert fand in San Francisco’s Candlestick Park im Jahre 1966 statt. Es war die ca. 1400ste Show ihrer Karriere. Sgt. Pepper erschien im im Mai 1967 und zementierte ihren Ruf. Erst am 3. Februar 1968 kehrten die Fab Four in ihr Abbey Road Studio zurück und begannen mit den Aufnahmen für das White Album. Mit dabei war ein ungebetener Gast: Yoko Ono. Tatsächlich soll sie während der ganzen Aufnahmen dabei gewesen sein und natürlich ein gewisses Unbehagen bei den Restbeatles ausgelöst haben. „The Beatles were ‚flabbergasted’“, schreibt Brian Southall. Die unbehagliche Atmosphäre während der Sessions widerspiegle sich auch auf dem Album. „The unsettling nature of its creation resonate through almost every track“, meinte zumindest American Womack. Die meisten Songs (30-40) wurden während ihres Aufenthalts in Indien geschrieben. Aber nicht nur der Inhalt war revolutionär („Revolution Nr. 9“), sondern auch die Covergestaltung, war es doch quasi die Antithese zu dessen Vorgänger Sgt. Pepper’s Lonely Heartclub Band.

The WHITE ALBUM: 4 in 1 oder 5-4=-1

Post-psychodelischer Minimalismus hin oder her, wer ein Originalalbum mit limitierter Nummerierung in seinem Besitz hat, würde heute zwischen 790.000 (Seriennummern unter 100) und 19.000 Pfund (Seriennummer darüber) dafür bekommen. Der Designer erhielt für seinen Job übrigens läppische 200 Pfund. Andere die an der Produktion beteiligt waren Exemplare mit Seriennummern weit über 450.000. Das Stilkonglomerat (Balladen, Heavy Metal, Reggae, Avantgarde) und die unbefriedigende Komposition des Konzeptes veranlassten böse Stimmen dazu, das Album als drei Soloalben zu bezeichnen, die unter der Schirmbezeichnung The Beatles den weiteren Karriereweg der Protagonisten vorwegnahm. Nichtsdestotrotz ist das White Album immer noch das viertbeste bei den Verkäufen und das obwohl es dabei mit anderen Alben und nicht Doppelalben verglichen wird.

Der ehemalige Sportreporter Brian Southall hat nicht nur das Album „The WHITE ALBUM. The Beatles“ und seine Songs in vorliegender Publikation recherchiert, sondern auch das Jahr 1968 in dem es erschien. Nach einer Vorstellung der Protagonisten und Lieder zeigt Brian Southall die Ereignisse des Jahres von Jänner bis Dezember und bettet das Album in den Kontext ein in dem es entstanden ist. Viele farbige und s/w Fotos zeigen nicht nur die beiden Athleten Tommie Smith und John Carlos im Kampf für eine bessere Welt, sondern auch andere Bands, den ersten Zombie Film oder den Star Trek in dem Cpt. Kirk erstmals eine Schwarze im Kino/TV küsst. Mit einem Vorwort von Chris Thomas.

Brian Southall

The WHITE ALBUM

Revolution, Politics & Recording: The Beatles and the World in 1968

Englische Originalausgabe/Original English Edition

Foreword by Chris Thomas

192 Seiten mit über 150 meist farbigen Fotos.

Fester Einband im Format 25 × 25 cm.

ISBN-13: 978-3-283-01287-8

€ (D): 25,– / € (A): 25,– / sFr.: 32.50

Edition Olms Zürich


Genre: Musik, Popkultur
Illustrated by Edition Olms

Selbstverteidigung – Eine Philosophie der Gewalt

Selbstverteidigung – Eine Philosophie der Gewalt. In ihrem Prolog zum Buch stellt die Philosophie-Professorin eine Foltermethode des beginnenden 19. Jahrhunderts den Geschehnissen um die Ermordung von Rodney King durch das LAPD im 20. Jahrhundert gegenüber. In beiden Fällen galt, dass je mehr sich der „Delinquent“ wehrte, desto mehr wurde er geschlagen oder gefoltert. Der Prozess um die Polizisten endete mit einem Freispruch. Rodney King hatte sich verteidigt, doch indem er sich verteidigte, wurde er unverteidigbar. Der Inhalt des Zeugen-Videos wurde in seiner Bedeutung einfach umgedreht. Schuldumkehr.

Selbstverteidigung: Tanz als Widerstand

Die Ergebnisse des Freispruchs sind bekannt. Die als „L.A. Riots“ in die Geschichte eingegangenen Unruhen von 1992 kosteten weitere 63 Tote und 2000 Verletzte sowie einen Sachschaden in Milliardenhöhe. Die Geschichte der USA ist vor allem auch eine Geschichte von Rassismus. Die USA waren eine Sklavenhaltergesellschaft, deren Opferbilanz insgesamt sogar höher als der Holocaust ausfällt. Man schätzt, dass er 40 Millionen (schwarze) Leben kostete. „Jede Verknüpfung von Tanz, Gesang und Musik, deren Aufführung in einem Kreis eine agonistische Disposition annimmt, stellt eine Kampfkultur mit bloßen Händen dar und loste eine weiße Panik aus“, schreibt die Autorin. Dennoch entstanden Kampftänze, die zu den kodifizierten Formen der Gegenkultur gehörten, die als traditionelle Kultur bis heute überlebten. Während in Übersee die Sklaven also entwaffnet und unterworfen blieben, machte sich das französische Kolonialrecht mit Hilfe einer schwarzen Streitmacht auf eine Mission der Zivilisierung der Welt. Sie wurden sogar als „Geheimwaffe gegen Deutschland“ gehandelt, da die personellen Ressourcen unerschöpflich schienen.

Gewalt: Vigilanten und weiße Justiz

In einem weiteren Kapitel beschreibt die Autorin den Aufstand des Warschauer Ghettos als ein Beispiel der Zeugnisse der Selbstverteidigung (Kapitel 3). Eines der interessantesten Kapitel ist die Beschreibung des Vigilantismus in der jungen Nation der USA, der sich im Grunde bis heute erhalten hat. Während der gesamten Kolonisierung Amerikas schlossen sich Gruppen von Männern zu Verteidigungsmilizen zusammen, die sich selbst das außerordentliche Recht der Gerichtsbarkeit (Justiz und Polizei) einräumten. „Der Vigilant ist der große Verteidiger der amerikanischen Nation, der Held, der immer bereit ist, sie zu verteidigen: Die Kultur des Vigilantismus hält so das Narrativ von der weißen Rasse in Gang und aktualisiert es ständig.“ Diese sog. „Weiße Justiz“ (Kapitel 5) schreckte auch vor Lynchmorden nicht zurück, ein Begriff übrigens der auf den tatsächlich existenten Charles Lynch zurückgeht, der in Virginia, zur Zeit der Amerikanischen Revolution seinen Männern eine Blankovollmacht gab, um Pferdediebe und andere Banditen „auszumerzen“. Aber natürlich auch zur Verfolgung von Landstreichern, Fremden, weißen Dissidenten sowie schwarzen Sklaven und Rebellen. Die Legende vom Black Beast Rapist – dem schwarzen Vergewaltiger weißer Frauen -wurde dabei zur treibenden Kraft. Eines der düstersten Kapitel der „besten Demokratie auf Gottes Erden“. Etwa wenn man vom Waco-Horror von 1916 spricht, bei dem ein unschuldiger Schwarzer gelyncht und Teile seines Körpers als Souvenir verkauft und Fotos der Szene in Form pittoresker Postkarten verbreitet wurden, „um den Tourismus in der Stadt anzukurbeln“ (sic!).

Geschichte des Widerstands gegen den weißen Mann

Weitere Kapitel beschäftigen sich u.a. auch mit Martin Luther King, „der besten Waffe des weißen Mannes“ oder den Black Panthern for Self-Defense sowie feministischen Organisationen wie den Suffragetten oder der Association of Southern Women for the Prevention of Lynching oder auch anderen. Ein wichtiges Buch, das zwar keine Antwort auf

Die Autorin wurde mit dem Frantz Fanon Prize 2018 und dem Prix de l’Écrit Social 2019 ausgezeichnet.

 

Elsa Dorlin

Selbstverteidigung – Eine Philosophie der Gewalt

Aus dem Französischen von Andrea Hemminger

D: 32,00 € / A: 32,90 € / CH: 42,90 sFr

2020, Gebunden, 315 Seiten

ISBN: 978-3-518-58756-0

Suhrkamp Verlag

 


Genre: Black Panther, Philosophie, Politik, Selbstverteidigung
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe.„…äh…“, lautete die Antwort des President-elect Donald Trump auf die Frage eines Fox-Reporters nach seinen Plänen für die nächsten vier Jahre. Die beiden Spitzenjournalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby betonen, nicht zu scherzen. Denn tatsächlich hat Donald Trump kein politisches Programm außer sich selbst. „Der Herrscher ist das Programm.“ L’etat c’est moi, meinte auch der Sonnenkönig von sich. Aber das war im 18. Jahrhundert. In Frankreich, einer Monarchie.

Im Wahn: Der Staat bin ich

Was lief damals, im 18. Jahrhundert, als die USA sich formierten, eigentlich falsch? Warum gaben sich die Gründungsherren der ersten Demokratie der Welt so ein abstraktes und konfuses Wahlsystem (electoral vs. people’s vote), das es einem Mann wie Donald Trump ermöglichte, an die Macht zu kommen? Das vorliegende Buch kann diese Frage zwar nicht beantworten, dafür aber viele andere. Es wurde sehr gut recherchiert und die beiden Journalisten hatten interessante Gesprächspartner. Sie ziehen durchaus nachvollziehbare Parallelen zu Richard Nixon und warnen eindringlich vor einem Mann, der alle vier Erkennungsmerkmale einer sterbenden Demokratie für die USA verwirklicht hat. Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, zwei Historiker, erforschten diese vier Kriterien als Gründe für die Selbstabschaffung einer Demokratie wie folgt: Der Anführer verpflichtet sich demokratischen Regeln nicht; er leugnet die Legitimation seiner Gegner; er toleriert oder fördert Gewalt; er schränkt Bürgerrechte und Pressefreiheit ein. Mit Ausnahme Richard Nixons hätte kein Präsidentschaftskandidat im letzten Jahrhundert auch nur eines der vier Kriterien erfüllt. „Trump erfüllt alle vier“.

Die amerikanische Katastrophe

Schonungslos decken die beiden Journalisten die Propagandalügen eines Präsidenten, der außer sich selbst kein Programm hat, und auch die seines „Haus- und Hofsenders Fox“ auf. Auch die Auseinandersetzungen um den Mord an George Floyd und der jahrhundertealte Rassismus in den USA werden in Bezug zu Black Lives Matter thematisiert. Aber auch der institutionelle Umbau, der aus dem an und für sich unparteiischen Supreme Court eine politische Institution machen soll, wird bloßgestellt und kritisch beurteilt. Dass sogar jemand wie Donald Trump, der zweimal bankrott ging, einmal Vorbilder hatte, wird ebenso erzählt. Rush Limbaugh, ein Talk-Radiomoderator, der schon in den Achtzigern durch seine populistischen Reden auffiel kann als solches gelten. Ihm wurde von der Präsidentengattin Melania die „Presidential Medal of Freedom“ bei der State of the Union Rede 2020 verliehen. Allein diese Tatsache spricht Bände, handelt es sich bei Limbaugh doch um einen gnadenlosen Verdreher von (Un-)Wahrheiten. Oder sollte man die 20.555 Lügen und Unwahrheiten allein in den ersten 1267 Amtstagen erwähnen, die die Post bei Donald Trump gezählt hat und belegen kann?

We, the people…

Das amerikanische Volk hat entschieden, wen es zu seinem Präsidenten haben möchte, das war auch bei Hillary Clinton so. Jedoch entscheidet in letzter Instanz das electoral vote. Oder die Gerichte. „Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe“ ist das Buch zur Zeit. Jeder der mitdiskutieren möchte und sich versucht zu erklären, warum ein Mann wie Trump die Welt in Atem hält, sollte es lesen. In einer Gesellschaft in der Hollywood wesentlich an der Gestaltung der Realität mitarbeitet, braucht es einen aber eigentlich auch nicht zu verwundern, wenn ein Serienstar („The Apprentice“) zum Präsidenten wird. Aber vielleicht wird Trump ja jetzt bald selbst von „seinem Wahlvolk“ seinen Stehsatz aus der Serie zu hören bekommen: „You’re fired!

Brinkbäumer, Klaus / Lamby, Stephan

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

ISBN: 978-3-406-75639-9

2020, Hardcover, 4. Auflage, 391 S., mit 25 Farbabbildungen im Tafelteil, Gebunden

C.H. Beck Verlag

22,95 €


Genre: Politik und Gesellschaft, Sachbuch, Zeitgeschichte
Illustrated by C.H. Beck München