Was ich mir wünsche – Gedichte aus Liebe

Was ich mir wünsche – Gedichte aus Liebe

In der Bibliothek Suhrkamp zum 75-jährigen Jubiläum des Verlages erscheinen die letzten Gedichte aus der Feder des Dichter, Dramatikers, Filmschaffenden und Übersetzers Thomas Brasch (1945–2001). Obwohl er nur 56 Jahre alt wurde, hat er ein reichhaltiges Werk hinterlassen. Die vorliegende Texte stammen aus Braschs Nachlass und werden erstmals publiziert.

Gedichte der Liebe aus dem Nachlass

Seine Texte standen stets in der Tradition der Romantik und der europäischen Avantgarde, schreibt Thomas Wild im Nachwort. Seine “Gedichte aus Liebe” über die Abwesenheit von Liebe sind oft nur Skizzen, Augenblicksnotizen, Momentaufnahmen und dennoch verschaffen sie einem genau die Atempause, die wir alle brauchen. “Erzähle heißt atmen lernen”, heißt es da ja auch an einer Stelle, Lesen heißt Zuhören und der eigenen Resonanz auf die Stimme eines anderen zu lauschen. Bei den vorliegenden Texten aus dem Nachlass, die hier erstmals publiziert werden, werden jene, die keine klaren Titeln tragen mit den Anfangszeilen als Incipit in Majuskeln wiedergegeben, um sie auffindbar zu machen. Auch wenn Thomas Braschs Ansicht nach ein Gesicht auch titellos mit dem ersten Vers beginnen können müsse. Der Gedichtzyklus zum Mädchenmörder Brunke, ein älteres Werk von Brasch, wird hier ebenfalls wiedergegeben und gibt Rätsel auf. Denn der tatsächliche Kriminalfall ist bis heute ungelöst. “Jetzt is Brunke/berühmt.Jeder kenn ihn. Er ist/bekannt und wird schon vermißt/Keiner gibt ihm mehr die Hand/jetzt ist er schon wieder unbekannt“. Der kurze Ruhme eines vielleicht zu Unrecht Verdächtigten?

Gedanken aus Liebe (über sich selbst)

“Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber/wo ich bin will ich nicht mehr bleiben, aber/die ich liebe will ich nicht verlassen, aber/die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber/wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber/wo ich sterbe, da will ich nicht hin:/Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“. In diesen Zeilen fasst Thomas Brasch wohl das Dilemma eines jeden jungen Menschen zusammen, der auf der Suche nach Orientierung durch die Wälder des Lebens streift. Oft ist es die erste Liebe, die als Kompass durch die Wogen des Meeres kaum taugt: “Ich will dein Land sein. Sei mein Rest.” Dieses Land wolle er lieben, aber er hasst es dennoch, wie es sich darin lebt: “(…)Es klebt/mir an meinen Schuhen und/mein Weggehn schwer/aber spricht aus meinem Mund/und macht meine Hände leer“. Und wenn das Land die Metapher für die Liebe ist, dann wird darum “gejammert/doch mich mich selber entbehrt./Mein eigenes Haus zum Theater gemacht/drin eingeschlossen und ausgedacht.” Sind es wirklich die Annas und Sophies, die Lisas und Ritas oder gar Sybille und Marie, die ihm ein Zuhause geben können? “Dich beobachtet keiner“, muss er bald einsehen, “daß du der einzige bist der ohne Pause über dich nachdenkt“.

In der Liebe die Unabhängigkeit zu verlieren, davor hatte er Angst, vor dem Verlassen werden, aber auch davor, “zu viel geredet und zu selten geschwiegen” zu haben. Dabei suchen wir doch alle die Ferne in der Nähe und dann schnell das Weite. “Schön, wie Verlust die Lust ersetzen kann”, heißt es dann lakonisch. Denn er will nicht mehr das Spiel zwischen Mann und Frau spielen, das alle spielen. Aber dafür ist kein Mensch gemacht, “daß er allein lebt Tag und, schlimmer, Nacht.”

Thomas Brasch
Was ich mir wünsche
Gedichte aus Liebe | 75 Jahre Bibliothek Suhrkamp
Herausgegeben von Thomas Wild
2026, fester Einband mit Schutzumschlag, 96 Seiten
ISBN: 978-3-518-24457-9
Suhrkamp Verlag
18,00 €


Genre: Gedichte
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Der Schatz – Eine böhmische Familiengeschichte

Der Schatz – Eine böhmische Familiengeschichte

Der deutsche Sozial- und Kulturhistoriker Philipp Ther überrascht mit einem sehr persönlichen Buch über seine böhmische Familie. Frei nach dem Motto “das Persönliche ist politisch” gräbt er einen alten Familienschatz voller Archivalien und Ego-Dokumenten, wie man etwa persönliche Briefe in der Fachsprache nennt, aus.

Eine böhmische Familiengeschichte

Der Wittgenstein-Preisträger ist auch Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seine Werke “Ethnische Säuberungen” im modernen Europa” (2011), “Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa” (2014) und “Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa” (2017) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Mit seiner persönlichen, “böhmischen Familiengeschichte” legt er die Verstrickungen der eigenen Familie in den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei und des Nationalsozialismus bloß und rekonstruiert das Schicksal der jüdischen Mieter des Familienbesitzes und die Traumata seines Vaters, der mit sechzehn gleich zweimal zum Volkssturm musste. Ein quasi realhistorischer Familienroman wird so einem Porträt einer bestimmten zentrapeuropäischen Region, die lange im Schatten des Eisernen Vorhangs lag und gemeinhin als mitteleuropäisches Schicksal bezeichnet werden kann. Denn nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns war diese Region dem Zugriff der beiden dominierenden Großmächte – Deutschland und Russland – immer wieder ausgesetzt. Eine Identität also, die sich durch Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt der Bedrohung durch vielleicht manchmal übertriebene Nationalpolitik auszeichnete. Denn eines gelang weder den Nazis noch den Kommunisten: aus Mitteleuropa eine homogene eintönige ethnische und kulturelle Landschaft zu machen.

Repatriation oder Heimatverlust

Philipp Ther schreibt aber nicht nur über die makrohistorischen Zusammenhänge wie etwa die Revolution von 1989, die aus der Tschechoslowakei 1991 dann zwei Staaten machte, sondern auch über mikrohistorische. Er bereist mit seinem Vater, ebenfalls ein ambitionierter Historiker, die Orte ihrer gemeinsamen Familiengeschichte, trifft sich mit Überlebenden und kostet auch von der Knödeln, wie er lustvoll beschreibt. So gelten etwa Gräber in Tschechien immer noch als privates Eigentum, was sogar von den Menes-Dekreten unangetastet blieb. So kommt Eher zur familiären Familiengruft in Hohenelbe, die allerdings erst restauriert werden muss. Aber auch dafür findet der vife Historiker eine intelligente Lösung. Der Leser wird auch in die grundlegenden Ausspracheregeln des Tschechischen eingeweiht, die auf den Theologen Jan Hus zurückgehen, der von den Katholiken 1415 am Altstädter Ring in Prag öffentlich verbrannt wurde. Als Sozialhistoriker wolle er “sich nicht mit dem Einzelfall wie meinem Vater begnügen, um einen größeren Zusammenhang aufzuzeigen, hier zwischen Heimatverlust und intimen Beziehungen, oder noch etwas abstrakter gefasst, zwischen Hass und Liebe.” Deshalb greife er auch auf die Geschichte “seiner weiteren Familie samt ihrer angeheirateten Mitglieder” zurück, so Ther. Es geht im aber um nicht um das Begleichen alter Rechnungen, sondern vielmehr um eine neue Bewertung der Vertreibung der “Deutschen”. Letztere sei einfach eine “schnellere und einfachere Alternative” zu juristischen Prozessen gewesen, wenngleich um den Preis, “dass zahlreichen Nationalsozialisten ungeschoren davon kamen”.

Philipp Ther
Der Schatz
Eine böhmische Familiengeschichte
Mit zahlreichen Abbildungen
2026, fester Einband mit Schutzumschlag, 271 Seiten, dekoratives Vorsatzpapier
ISBN: 978-3-518-43324-9
Suhrkamp Verlag
28,00 €


Genre: Familiengeschichte
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

German Glück

Das Luxusresort “Eden” steht im Mittelpunkt dieses neuen Gesellschaftsromans, der die Befindlichkeit der deutschen Mittelklasse in der mecklenburgischen Provinz pointiert und witzig überliefert. Sieben Schicksale prallen im Eden aufeinander.

Panorama der gescheit-erten Existenzen

“Echte Männer spüren keinen Schmerz. Außer Heimweh.” So auch Roger Ross, der sich – frisch gefeuert und ohne Gepäck – im Luxusressort geradezu neu erfindet: “Die Frage lautet weniger, wer man ist. Sondern vielmehr, wer man sein will.” Eine Einstellung, die wohl auch auf unzählige Influencer zutrifft. Vielleicht auch etwas auf Caroline, die resolute Hotelchefin des wirtschaftlich schwer angeschlagenen fiktiven Fünf-Sterne-Resorts Eden. Ihre Direktionsassistentin Regina schmiedet indessen an einen mörderischen und kriminellen Plan, um das Hotel vor dem Untergang zu retten. Dann spielt auch noch ein namenlose Tabakmanager, Martin von Winterfeld, auf der Flucht vor der Alterseinsamkeit, dessen Ehefrau sich mitsamt ihrem Hausfreund dem radikalen Klimaaktivismus verschrieben hat, eine Rolle in der turbulent geschriebenen Gesellschaftssatire voller Slapstick und pointierter Satire. So auch das eineiige Zwillinspaar, die ihre Autos, Identitäten und Frauen zum eigenen Vergnügen untereinander tauschen und sich in der kriselnden Werbebranche kaputtgewirtschaftet haben. Johann und Frederick leben von der Rente ihrer Mutter und fliegen alsbald auf. Und dann wäre da noch die ausgebrannte TV-Komikerin, Sandra Beckmann alias Frau Mensch, deren Karriere nach einem heftigen Shitstorm implodiert ist und die im Wellness-Resort heimlich an ihrem großen Bühnen-Comeback feilt. Als außenstehenden Beobachter auf die deutsche Befindlichkeit hat der Autor noch den Ukrainer Lew in die Handlung eingeflochten, von dem eingangs zitierter Satz stammt. Dass Deutsche lustig sein können, war auch im vorher unklar.

Rituale und Ersatzhandlungen fürs German Glück

“Nach dem Schmerz kam die Taubheit”. Geschäftsmodell “Auszeit, Depression, Therapie, Trimiparin” resümiert die Komikerin ihre Zukunftschancen während der Massage. Denn selbstverständlich ist auch sie von der “heiligen Familie” gehetzt, das letzte Tabu unserer Gesellschaft, wie Urban süffisant hinzufügt. Wie schön es sein kann etwas Sinnloses zu tun, da es in einem das Gefühl der Alterslosigkeit auslöst, muss auch Frederick, der eine der beiden Zwilling, bald feststellen. “Damit hatte sich seine Frage geklärt: Das Unglück war deutsch. Und deshalb waren die Deutschen unglücklich”, denkt sich Lew der Kellner bei einem Pilsner, aber dass sie es dann doch noch zum German Glück schaffen ist allein dem Autor zu verdanken, der seine Figuren genüsslich bis an den Rand des Zusammenbruchs führt. Rituale sind schließlich der einfachste Weg, “um die Zeit zu besiegen, den tröstlichen Anschein zu erwecken, das Leben sein ein langer guter Tag, der niemals enden würde”. Vielleicht ist ja genau das das Glücksrzept: Rituale? Dass eine Seife eine wichtige Rolle in einer Erzählung spielen kann, das wissen wir schon von “Fight Club”. In German Glück wird die Hotelseife zur Vorankündigung des bevorstehenden Untergangs, der nicht durch eine feindliche Übernahme realisiert wird, sondern durch die eigene marode Verfassung des Hotels Deutschland. Es bedarf wohl keiner großen Fantasie die Anspielungen von Simon Urban auf den Zustand einer ganzen Nation umzumünzen. Denn während sich das Land in Identitätskonflikten wie LGBTQIAPK2S zusehends in Trübes aufspaltet und das Gemeinsame verloren geht, reibt sich ein anderer Herr bereits die Hände…

Simon Urban
German Glück
Roman
2026, gebunden, 400 Seiten
ISBN: 978-3-462-00647-6
Kiepenheuer & Witsch
24,00 €


Genre: Gesellschaftsroman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Fiasko: “Freaking Epicness”

Non-Fiction als Fiction: Fiasko

In sieben “Fiktionen” beschreibt der aus Brooklyn, N.Y. stammende Autor die privaten Zerwürfnisse unserer Zeit. Identitätspolitik und Gender Gap werden hier ebenso durch den Kakao gezogen wie die Widersprüche liberaler Glaubenssätze. Eine Nabelschau aus dem “belly of the beast”, demRalph Aldo Emersons “doch lieber sind uns jene, die uns zurückweisen” richtungsweisend vorangestellt wird.

Fiasko: Freaking Epicness

In der ersten Geschichte, “Der Feminist” beschreibt Tulathimutte die Wirrungen eines Campus-Zöglings, der es einfach nicht schafft, die Aufmerksamkeit von jenen Frauen zu bekommen, die ihm gefallen: “Auf dem Campus bekommen weiterhin die Reichen, Schönen und Breitschultrigen die ganze Aufmerksamkeit”. Der Protagonist hat sehr schmale Schultern und wundert sich über die “promisken Lurche” die sogar noch vor ihm zum Zug kommen. Beim Online-Dating wird ihm dann schnell klar, dass man die Wahl hat “zwischen Täuschung und einer Form von Ehrlichkeit, die mit Täuschung nicht mithalten kann”. Aber als letzter “Dudebro” oder “Creep” will er definitiv nicht überbleiben. Die zweite Geschichte, “Pics” ist in einem ähnlichen Milieu angesiedelt, hat aber eine Frau, Alison, zur Hauptperson, die sich im Chat-Room mit ihren Freundinnen stets über ihre Fortschritte absichert. Die Chats sind vom Autor so geschrieben, als würde man wirklich bei einer fremden Person mitlesen und schreien geradezu vor Ironie und Sarkasmus. Denn wenn sich Menschen wirklich so unterhalten und das alles ist, ist es vielleicht doch besser zu schweigen. “Ahegao oder: Die Ballade von der unterdrückten Sexualität” legt weitere Wunden der Millenials offen. “Alles ist watteweich und unspektakulär”, schreibt er über Kant, den Protagonisten dieser Geschichte, der sich sein Leben darauf ausgerichtet hat, “das Fehlen von Beziehungen zu kompensieren”. Eine witzige Szene mit einer Sexpuppe und “ein paar Aspirin gegen Schmerzen und Blutgerinnung” zeigen wie humorvoll Tulathimutte mit den Wehleidigkeit seiner Generation umzugehen weiß.

“Unsere Zukunft wird Dope” und gucci

“Ihre Kompatibilität beruht auf der geteilten Vorliebe dafür, sehr viel Zeit gemeinsam schweigend zu verbringen.” Ist dieser Satz der Ausdruck absoluter Traurigkeit und Einsamkeit oder drückt er vielmehr die Verbundenheit zweier Personen aus, die ganz ohne Worte auskommen und sich dennoch vertraut sind? In der vierten Geschichte “Unsere Zukunft wird Dope” läuft der Autor zur Hochform auf. Das verwendete Denglisch – typisch für die junge Generation – ist dermaßen witzig verbraten, dass man sich frägt, ob es im englischen Original überhaupt genauso lustig sein könnte. “Ich kenne safe mehr Slangwörter als irgendwer sonst, deshalb kann ich mit wirklich jedem chillen – Alter, Herkunft, Klasse, Race, Kultur egal -, und es ist immer Gucci. Der Protagonist schäumt förmlich über vor Sprachpointen, ein köstliches Abenteuer das in Melanoglossie enden könnte, wenn da nicht…”Main Character”, “Sechzehn Metaphern” und “Aw: Fiasko” schließen diesen Erzählrausch ab und machen Hoffnung auf eine neue Literaturentdeckung, die sogar mit ihrer eigenen Veröffentlichung seine Späße treibt. Der Brief seines (fiktiven) Herausgebers in “Aw: Fiasko” ist gleichzeitig eine Persiflage auf die Literaturkritik als auch eine bitterböse Abrechnung mit selbsternannten Auskennern der Literaturgeschichte aka Verlagsleitern. Das Durchbrechen der vierten Wand gelingt Tony Tulathimutte damit wie keinem zuvor. “Every rejection is God’s protection” ist der sarkastische Schlusssatz, der den Kritiker vor dem Autor und den Autor vor dem Kritiker schützt. Oder um es anders zu sagen “Rejection.Fiction” – so der Originaltitel – ist das Buch zur Stunde und voller Humor, Selbstironie und einer Sehnsucht nach Nähe, die heutzutage wohl nur mehr gute Literatur gewähren kann… Nominiert für den National Book Award, Best Book of the Year in The New York Times, Time Magazine, New Yorker u. v. m.

Tony Tulathimutte
Fiasko
Fiktionen
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr
2026, Hardcover, 4. Auflage, 384 Seiten
ISBN: 978-3-423-28577-3
dtv
26,00 €


Genre: Fiction
Illustrated by dtv

Endzeitfaschismus und der Kampf um unsere Welt

“Kein amerikanischer Bürger sollte nach Entrichtung seiner Steuern ein Nettoeinkommen von mehr als 25.000 Dollar pro Jahr haben“, schrieb kein Geringerer als Präsident Franklin Delano Roosevelt. Das wären heute (2026) 513.773 Dollar, ein Taschengeld für Schwerverdiener wie Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Elon Musk u.a. Wieso also keine Vermögenssteuer?

Wasser, Luft und Menschenleben

Dabei wäre die Rechnung doch ganz einfach: Die Technik-Konzerne, die “ihren Erfolg öffentlichen Innovationen verdanken und ihre Schulden begleichen, indem sie Wahlen kaufen und ebenjene Strukturen attackieren, denen sie ihre Unternehmen und Karrieren verdanken“, wie Klein/Taylor schreiben, sollten einfach einmal zur Kassa gebeten werden. Stattdessen verhalten sich die Technik-Barone völlig illoyal gegenüber ihren Städten, Staaten und Nationen, die ihre Umweltsünden erdulden. Sie bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit immer noch mehr und machen uns alle arbeitslos indem sie KI-Rechenzentren errichten, die unseren Strom und unser Wasser verbrauchen und zudem die Luft mit Stickoxiden verpesten, so Klein. Und das Schlimmste daran ist, dass sie sich aufgrund ihres Reichtums, der zumeist einfach nur vererbt ist, so weit von der Bevölkerung entfernen, dass sie glauben, auf einer Wolke zu leben und etwas Besseres zu sein. Ein konkretes Beispiel geben die beiden Autorinnen mit Boxtown nähe Memphis, Tennessee, wo Elon Musk seinen Supercomputer genau dort ansiedelte, wo die arme, schwarze Bevölkerung lebt, weil er glaubte, diese könnten sich ohnehin nicht wehren. Aber sie haben sich gewehrt.

“No Space for Bezos“

Genauso wie die Bevölkerung von Minneapolis, Minnesota, wo ICE dieses Frühjahr Migrant:innen schikanierte und zwei friedliche Demonstrant:innen tötete. Genauso wie die Bewohner:innen von New York, die einem Kandidaten die Chance gaben, der zu Beginn des Wahlkampfs nur 1% Zustimmung in den Umfragen hatte. Und genauso wie die Bevölkerung von Ungarn, die Putin’s Verbündeten in der EU mit einer klaren zwei Drittel Mehrheit abwählte. Oder die Anwohner:innen von Venedig, die Jeff Bezos gigantische Hochzeit in der ehrwürdigen Lagune zumindest minimieren konnten. All diese Beispiele, die Klein/Taylor geben, sollen Hoffnung machen, dass eine Veränderung immer noch möglich ist, obwohl genau diejenigen das Geld und die Waffen haben, die unseren Planeten nur als Profitmaximierung sehen. “They got the Guns, but we got the numbers”, sang schon Jim Morrison in “Five to One”. Inzwischen steht die Weltuntergangszeituhr übrigens auf 83 sec. vor Armageddon…

Millenarismus und religiöse Rechte

In ihren Definitionen von “Endzeitfaschismus” machen die beiden Autoren klar, dass es zwar Ähnlichkeiten zu den Zwanzigern/Dreißigern des 20. Jahrhunderts gibt, der Unterschied aber in der Subtilität liegt. Das Spiel mit der Apokalypse, die unmittelbar bevorstehe, wird von einer religiös verbrämten Rechten absichtlich lanciert, um genau das durchzusetzen, was ihnen politisch vorschwebt. Mit den Naturkatastrophen lässt sich nämlich auch sehr viel Geld verdienen. Das Johannes-Evangelium wird quasi zum Strategiepapier der Tech-Milliardäre mit dem sie ihre Interessen durchsetzen können, so die Autorinnen sarkastisch. Denn die Beschwörung des Armageddon und die damit verbundene Heilserwartung begünstigt ja gerade jene, die sich ihnen unterordnen. Wer also auf die Arche möchte, bemühe sich rechtzeitig Speichel zu lecken…

Apocalypse, New oder…

Das ambitionierte und engagierte Werk der beiden Autorinnen Naomi Klein/Astra Taylor lädt zu Diskussionen ein und gibt einen Einblick in Vorgänge, die von Außen gesehen vielleicht (noch) harmlos erscheinen mögen. Aber Kulissenschieber wie die im Buch Genannten, wissen längst, dass der eigentliche von der Rechten beschworene “Große Austausch” nicht die “weiße Rasse” ist, sondern die gesamte Menschheitsrasse, die durch die Rechenmaschinen ausgetauscht werden, so Klein/Taylor in Verballhornung einer der bekanntesten Verschwörungstheorien von Thiel und Konsorten. Die 500 reichsten Menschen der Welt erwirtschafteten laut Bloomberg 2025 einen Gewinn von 2,2 Billionen Dollar und ein Viertel dieser Gewinne floss auf die Konten von nur acht Milliardären, so Klein/Taylor. Wer so viel Geld und damit Macht und Einfluß hat, kann sich ganze Staaten kaufen oder die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzen. Denn genau diese Instabilität nützt wiederum der Profitmaximierung.

…Paradise, Now

Der Ruf nach dem starken Mann wird zwar immer lauter, aber die eingangs von den Autorinnen genannten Beispiele zeigen auch, dass es noch nicht zu spät ist, Widerstand möglich ist. “Ich entdeckte, dass die Schönheit nicht dort draußen liegt, sondern hier unten, bei uns allen“, soll der neunzigjährige William “Captain Kirk” Shatner bei einem von Bezos gesponserten Propaganda-Flug ins Weltall gesagt haben. Entgegen den Absichten seines Spenders, sprach er von der “Kälte des Weltalls” und der Einsicht, dass es keinen Planeten oder Plan B gäbe. Ein klare Abfuhr also an die Besiedlung des Weltraums, den Cyberspace oder “Seastanding” oder eben KI, den Brandstifter, der als Feuerwehrmann verkauft wird. Oder wie es die Navajo ausdrücken: “In diesem Moment befinden wir uns im Himmel. Wir sind hier, und solange wir hier sind, müssen wir auf alles um uns herum achtgeben.” Ein flammender Appell sich zu organisieren und nicht auf ein besseres Leben zu warten. “We want the world and we want it now!”

Naomi Klein/Astra Taylor
Endzeitfaschismus und der Kampf um unsere Welt
2026, Hardcover, 464 Seiten
ISBN: 978-3-10-397821-6
S. FISCHER
28,00 €


Genre: Faschismus, Krieg, Politik

Plastik. Fotografien 1989 – 2003

Gefäße, Flaschen und Becher aus farbigem Kunststoff, die in der Industrie und im Alltag, in Küche, Bad und Waschküche, Verwendung finden stellt der Düsseldorfer Meisterschüler von Bernd Becher, Claus Goedicke, in das Zentrum seiner Objekt- und Sachfotografie.

Vom Markenartikel zum Objekt

Geoedicke’s “Ding der Dinge” wurde der farbige Kunststoff, dessen strengem, gebrauchsorientierten Gestaltungstil er durch seine Art der Fotografie seine eigenen Gesetze der Sinnlichkeit verleiht. Dabei hat das Plastik eine durchaus ambivalente Grundkomponente: es gilt wegen seiner unbegrenzten Haltbarkeit als ökologisch problematisch. „Dieses Moment zwischen Versprechen und Katastrophe, den ständigen Kipppunkt zwischen Schönheit und Desaster, an dem sich die Dinge der Konsummoderne heute befinden, fasst Claus Goedicke in seinen Bildern auf einmalige Weise.“, schreibt der Kunsthistoriker und Journalist Niklas Maak in seiner Einleitung “Eine Form von Versprechen” zu dem vorliegenden hochwertigen Fotoband des Schirmer/Mosel Verlages im Großformat. Seit spätestens 1967 hat der Kunststoff wohl auch aufgrund seiner bunten Farbgebung seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Seither haben sich neun Milliarden Tonnen Kunststoff, also eine Tonne pro Kopf der Weltbevölkerung (!), angehäuft. 80 Prozent des Plastiks landen auf dem Müll oder in der Umwelt. Der Great Pacific Garbage Pitch (viermal Deutschland) schwimmt sogar im Ozean. Claus Goedicke entfernt auf den Objekten, die er in seinen Fotografien verewigt, zumeist die Etiketten und knüpft damit an die Stillleben vergangener Künstlergenerationen an und legt sie auf den “Operationstisch des Fotostudios” (Maak). “Wei ein Maler interessiert erst sich für Fragen des Kolorismus, für die Effekte von Licht und Schatten”, Komposition, Rhythmus und Flächenverteilung spielen ebenso eine Rolle, wie olfaktorische oder haptische Momente die beim Betrachten seiner Fotografien in Erinnerungen wachgerufen werden. Aus diesem Grund nennt Maak sie – in Anlehnung an Proust – auch die “Madeleines der Kunstmoderne”.

Die Tücke der Farbe

Im Nachwort von Heinz Liesbrock, “Inmitten der leuchtenden Dinge”, vergleicht Heinz Liesbrock, Goedickes Fotografie mit dem Schauspiel: ein Objekt wird aus seinem Sinnzusammenhang, quasi nackt, gerissen und auf die Bühne (vor die Linse) gestellt. “Die Analogie zur Bühne und zum Ensemble der Schauspieler ist unschwer zu erkennen”, so Liesbrock. Er stellt ihn auch in Zusammenhang zur Literatur, etwa Sebalds “Ringe des Saturn” und weist den Zusammenhang zur Geschieht, die sich “wie Mahlstein” uns allen um den Hals legt, hin. “Aus farbigen Plastikflaschen baut er Stillleben wie bildhafte Skulpturen”, so Liesbrock. Der verführerische sinnliche Schein wird durch Goedickes Fotografie aber auch konterkariert. Die Farbe schaffe den eigentlichen ästhetischen Reiz der beliebigen Massenware, aber worauf schon Josef Albers 1963 hinwies, täuscht Farbe prinzipiell fortwährend. Dem “Januscharakter der Farbe” huldigt Goedicke auch durch seine “tiefste Versenkung wie Hingabe an den Reiz des Banalen”, so der Künstler selbst. Die Widersprüchlichkeit ist der gleichzeitige Reichtum, aber auch die Bedrohung. “Plastik ist auch der Ausdruck der schamlosen Kommerzialisierung, Verhüllung und Zerstörung dieser Welt. Diese Gefäße sind die Büchse der Pandora”, so der Fotograf selbst über seine Lieblingsobjekte, das “Ding der Dinge” der modernen Welt.

Claus Goedicke
Plastik
Fotografien 1989 – 2003
Mit Texten von Heinz Liesbrock und Niklas Maak
Design: Claudia Ott
2026, 160 Seiten, 113 Tafeln
ISBN 978-3-8296-1049-0
Schirmer/Mosel
€ 58,- € (Ö) 59,70 CHF 66,70


Genre: Kunst

Mehr (gutes) Essen essen

Suppen, Kuchen, Fish und Fleisch sowie ein “Vegetarisches Festessen” bietet die Fortsetzung des XX erschienen “Essen essen”, also “mehr Essen essen”. Denn was echtes Essen ist, das zeigen nicht nur die bunten Illustrationen von Kat Menschik, sondern auch ein “paar Albernheiten”, die das Leben und die Lust erheitern.

Rezepte ohne Tabus

Ab und zu trinkt die Autorin schon noch was, mittags eine kleine Mahlzeit, tagsüber Yoga und kalte Duschen. Wo bliebe da sonst der Spaß? Ihre Reise durch das bunte Gemüse lässt sie am Silvester beginnen, darauf folgt die Fastenzeit, die zeigt wie reichhaltig und abwechslungsreich man sich ernähren kann – ganz ohne Fisch und Fleisch. Rotkrautsalat, Spiegelei in Stulle, Eintopf mit Kichererbsen und Berglinsen und Ras El Hanout oder eine Tasse Goldenen Milch? Was das genau ist, erklärt die Illustratorin in knalligen Farben und großzügigen Schriftzügen, die über die ganze Doppelseite federn. Kurkuma, Ingwer und Muskat machen aus jeder x-beliebigen Hafermilch einen goldenen Genuss, der von innen wärmt. Ebenso das Rezept für das selbstgemachte Sauerteigbrot, das besonders gesund ist, wenn man Roggenmehl verwendet. Bald ist dann schon Ostern und man findet sogar ein Kuchenrezept mit Frischkäse und Mascarpone, also eine Schlemmerei, die die Fastenzeit beendet. Auch ein Schokoladekuchen darf es mal sein, Hauptsache selbstgemacht und nicht aus der Retorte. Dazwischen auch mal ein Gin Tonic mit gefrorenen Himbeeren? Die Farben mit denen Kat Menschik sind so bestechend, dass man am liebsten gleich loslegen möchte, wäre da nicht der lästige Weg zum Garten hinaus, wo selbstverständlich alles schon wächst. Wir haben wieder Frühling!

Ein Familienfest der Lebensfreude

Inspirierend und auf die schöne Zeit vorbereitend, gerade jetzt, wo sich die Natur verabschiedet, sind aber auch die Herbstrezepte von Kat Menschik oder “Kochen mit der Lieblingsfarbe”. Gefüllte Paprika geht aus Liebe zu den Tieren übrigens auch ohne Fleisch, wie das köstliche Rezept von Menschik zeigt. Die von ihr gezeichneten Paprika sind so knackig, dass sie auf der Seite frisch zu glänzen scheinen, als wären sie gerade geerntet und gewaschen worden. Das Weihnachtsessen-Rezept am Ende des wohl buntesten Kochbuches der Geschichte der Kulinarik führt die ganze Familie wieder an einem Tisch zusammen und es lässt sich dabei gut beraten, was dieses Jahr an Silvester wohl passieren wird oder am Tisch steht: Red Velvet Cake, knallpinke Rote-Bete-Suppe, Mama Olgas Blaumohnkuchen oder der legendäre Ketchup-Nudel-Auflauf von Schwiegermutter Christl?. Kat Menschiks Reihe Lieblingsbücher gilt als eine der schönsten Buchreihen der Welt. Zahlreiche von ihr ausgestattete Bücher wurden schon prämiert. Zuletzt erschienen: Lieblingsmärchen, Westend und Wer bist du?

Kat Menschik
Mehr Essen essen
Illustrierte Lieblingsbücher, Band 22
2026, Hardcover, 112 Seiten
ISBN: 978-3-86971-339-7
Galiani-Berlin
Euro 23,00


Genre: Illustration, Kochen, Lebenskunst
Illustrated by Galiani

Trauma: individuell, generationell, universell

Trauma: Wer unter uns leidet nicht darunter?

Die studierte Kulturwissenschafterin Julia Tautz engagiert sich politisch im Bereich Awareness und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Mit “Trauma” legt sie ein Seher persönliches Werk, der das Private weit ins Politische extrapoliert.

Das Trauma, “die eiternde Wunde”

Trauma ist ein Konzept über Verletzlichkeit und seine Geschichte und hat viele Gesichter: Krieg, Gewalt, Vertreibung, Resilienz, Flashback, Dissoziation und transgenerationelles Trauma bis hin zu Erinnerung und Verarbeitung. Natürlich hat in Zeiten wie diesen jede/r irgendwie ein Trauma, was die Bedeutung des Wortes zunehmend verwässert. Julia Tautz verknüpft Erkenntnisse aus Medizin, Psychologie, Geschichte, Kulturwissenschaften und Poesie um den Begriff besser festnageln zu können und daraus eventuell Hilfe für die Zukunft ableiten zu können. Als “Schwanken zwischen ständigem Schuldbewusstsein und absolutem Entkommen bzw Eskapismus” beschreibt sie ihren Zustand, bevor sie sich mit dem Thema Selbstwirksamkeit beschäftigte. Anpassungsstörung und Dissoziation wurden ihr attestiert, “Concept creep/semantic creep” nannte der australische Psychologe Nick Haslam 2016 das, also jemand der auf die schleichende Vergrößerung der Bedeutung von Begriffen, die sich auf Schaden, Trauma oder psychische Probleme beziehen, übermäßig reagiert. Durch ein Trauma spalte sich alles in ein Davor und Danach, man spricht auch von “satterem assumptions”, da sich durch das Trauma alles als anders herausstellt als es zuvor war. “Ein Trauma ist eine eiternde Wunde”. Aber statt sich in Isolation und Einsamkeit zu flüchten, wäre Solidarität mit anderen Betroffenen doch heilsamer.

Hypervigilanz, DIS und die Siksika

Jede Psyche strebe nach Wiederholung des Erlebten, “um die aufgestauten Reize unbewusst zu verarbeiten”, wusste schon Sigmund Freud. Pierre Janet (1859-1947) widersprach in dem er die traumatischen Erlebnisse als Realität der Betroffenen interpretierte und nicht als Fantasie, wie Freud. Daraus entwickelte sich später das Konzept der PTBS von der heute sehr oft gesprochen wird. Männer würden dabei eher vermeiden und unterdrücken, Frauen blockieren und in stereotype Opferhaltungen verfallen, so die Klinische Psychologin Silke Gahleitner, die von Tautz zitiert wird. Man unterscheidet dabei auch ein Hyper- und ein Hypoarousel. Ersteres könne im Dauerzustand auch zu Fatigue, Antriebslosigkeit, Entzündungen oder diffusen Schmerzen im ganzen Körper (Fybromyalgie) führen. Die Amygdala ist dabei immer für den absoluten Notfall gewappnet und setzt alle Schalter auf Alarm: Hypervigilanz ist der Fachausdruck für diese übertriebene Wachsamkeit. Bei der Überwindung dieser Symptome könne vor allem die Familie, Freunde oder die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft helfen, wie Abraham Maslow 1938 nach einem sechswöchigen Aufenthalt bei den Siksika (Blackfoot) herausfand und darauf aufbauend seine berühmte Bedürfnispyramide entwickelte, die in vorliegender Publikation sogar farbig abgebildet ist.

Babybooomer vs. Generation Snowflake

John Bowlbys Bindungstheorie bläst in eine ähnliches Horn, baue aber auf eurozentrischen, dyadischen und monokulturellen Annahmen der westlichen Bildungsschicht auf. Die ständige Re-Inszenierung der eigenen Glaubenssätze der Kindheit führt oft zur falschen Partnersuche und alte Traumata werden so auch bei den eignen Kindern wiederum re-enacted. Hier spreche man dann sogar von transgenerationeller Weitergabe von Traumata. Durchbrechen kann man Trauma nur durch Kommunikation, “denn Schweigen ist für ein Trauma wie Sauerstoff für ein loderndes Feuer”, so Tautz. Ein abschließendes Kapitel zu “Therapieansätze: Konfrontation und Fürsorge” schließt diese äußerst aufschlussreiche und kompakt wiedergegebene Einführung in das Reich des Traumas weiterführen ab. Das kapitalistische Imperativ der Selbstoptimierung durch die Überwindung des Traumas, das heute in Schnellkursen angeboten wird, dient allerdings nur der Re-Kapitalisierung und nicht der Heilung: Konflikte werden zugespitzt, Gemeinsamkeiten unterrepräsentiert. DAs ist aber nicht der Sinn der Sache, worauf auch Tautz dezidiert hinweist. Ein starkes Bild zum Abschluss ist auch die Schneeeflocke, die sofort bei jeder Belastung schmilzt und keine Widerstandskräfte besitzt, dafür aber individuell wie jeden Schneeflocke ist.

“Aber vor der Tür steht bereits eine rechte Bedrohung, die alles vernichten könnte, wofür bereits seit den 1960ern gekämpft wurde”, warnt die Autorin eindringlich und appelliert an die Generation Snowflake, sich nichts mehr gefallen zu lassen.

Julia Tautz
Trauma. 100 Seiten
Von Krieg, Gewalt, Vertreibung, Resilienz, Flashback, Dissoziation und transgenerationellem Trauma bis zu Erinnerung und Verarbeitung
Reihe: Reclam 100 Seiten
2026, Taschenbuch, 100 Seiten – 5 farbige Abbildungen, 1 Schaubild, mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
ISBN: 978-3-15-020798-7
Reclam
EUR 12,00


Genre: Psychologie, Therapie
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Lucas Museum of Narrative Art

Das Lucas Museum of Narrative Art eröffnet dieser Tage in Los Angeles, California

Am 22. September 2026 eröffnet das “Lucas Museum of Narrative Art” in Los Angeles, California. Begleitend dazu erscheint bei TASCHEN der hier vorliegende zweibändige Kataloge im Schuber mit mehr als 800 Seiten Fantasy! Das Vorwort verfasste George Lucas himself und Guillermo del Toro, ein ebenfalls begnadeter Filmemacher.

Lucas Museum der Fantasy!

Der zweibändige Katalog zeigt eine einzigartige Sammlung erzählender Kunst, die anhand von Gemälden, Fotografien, Comics und Filmarchiven illustriert wird. Es kommen sowohl die narrative Kunst unserer Kultur als auch die Fantasie zu Wort und lassen uns so die narrative Kunst auch visuell erleben. Herausgeberin Jessica Hundley arbeitet nicht nur als Autorin, Filmemacherin und Journalistin, sondern hat auch einen spezifischen Fokus auf die metaphysischen, psychodelischen und magischen Aspekte der Gegenkultur der Sechziger/Siebziger Jahre. Davon zeugen auch ihre anderen bei TASCHEN erschienen Publikationen wie ihre Bücher über Künstler wie Dennis Hopper, David Lynch und Gram Parsons. Sie hat u.a. auch schon für Medien wie die Vogue, Rolling Stone und die New York Times geschrieben.

Ein Museum der erzählenden Kunst

Die reiche Geschichte des visuellen Erzählens über Generationen und künstlerische Disziplinen hinweg steht ganz im Mittelpunkt dieser weiteren Prachtpublikation des TASCHEN Verlages, die auf hochwertigem Papier gedruckt wurde. Von Malerei, Illustration und Fotografie über Comics bis hin zum Film ist alles vertreten, was unsere visuelle Kultur und Wahrnehmung prägte. Freie Kunst wird mit Populärkultur verbunden und dokumentiert, wie sich Geschichten von einem einfachen Notizblock auf riesige Kinoleinwände übertragen haben. Von Norman Rockwell und Frank Frazetta bis hin zu zahlreichen legendären Fotografen, Comic-Schaffenden und Kinderbuch-Illustratoren zeigt die Auswahl des neuen Lucas Museums eindrucksvoll, wie visuelle Kunst uns bildet, inspiriert und neue Horizonte eröffnet.

Lucas Museum of Narrative Art

Ein eigenes Kapitel widmet sich auch der Entstehung von Lucas’ Star Wars mit einer Reise durch originale Produktionskunst, Konzeptgemälde, Kostüme und Fahrzeuge. Diese Exponate gewähren einen Einblick in den gemeinsamen Schaffensprozess, der einfache Skizzen und Prototypen in eine der einflussreichsten Erzählwelten der Geschichte verwandelte. Kurator Ryan Linkof ist auch der Direktor des Film Programmes des Lucas Museums of Narrative Art. Zuvor arbeitete er beim Los Angeles County Museum of Art (LACMA) und publizierte und editierte eine Vielzahl an Publkationen über Fotografie, Film und Erzählkunst. Ein Blick auf die Homepage des Museum lohnt sich ebenfalls: schon die Architektur ist atemberaubend fantastisch!

Jessica Hundley
Lucas Museum of Narrative Art
20206, Hardcover, 2 Bände im Schuber, 24.3 x 30.4 cm, 6.13 kg, 832 Seiten
Ausgabe: Englisch
ISBN 978-3-7544-0564-2
TASCHEN
€ 175

 


Genre: Bildband, Fantasy Art
Illustrated by Taschen Köln

Patti Smith: Godmother of Punk

Patti Smith gilt gemeinhin als Miterfinderin des US-amerikanischen “Punk”, der u.a. im New Yorker CBGB Mitte der Siebziger entstanden war. Als weitere Vorläufer gelten u.a. aber auch Velvet Underground, MC 5, The Stooges und natürlich die Ramones.

Godmother of Punk und für immer jung

Dennoch sind die Sex Pistols immer noch diejenigen, die die Bewegung in Großbritannien so richtig medienwirksam lostraten und in ihrem legendären Interview für’s britische Fernsehen mit der Anklage “You dirty old man!” dem TV Moderator Bill Grundy, der die junge Siouxie Sioux – während der Sendung – sexistisch belästigete, Sexismus für die Bewegung ausschlossen. Punk war nämlich von Anfang an gegen Geschlechterstereotype und sozusagen non-binär. Kersty Grether und Sandra Grether, die erst geboren wurden als Punk entstand, gehören nun wiederum zu den Erfinderinnen des Pop-Feminismus in Deutschland, einerseits als Journalistinnen, andererseits als deutschsprachige Riot-Grrrl-Band oder als Noise-Pop-Band The Doctorella. Dass die beiden Schwester, in ihrer hier vorliegendem Patti Smith Hommage, ihr ausgerechnet ihre vermeintlich anti-feministische Haltung zum Vorwurf machen, mag verwundern. Aber es handelt sich eben um unterschiedliche Wellen des Feminismus. Während Patti Smith in ihrer ganzen Existenz wohl dem Feminismus der Tat und weniger dem der Theorie zuzurechnen ist, ist diese Haarspalterei und Kritik an Patti Smith als “Godmother des Punk” doch eher belustigend zu lesen. Denn gerade in ihrem androgynen Auftreten brach Patti Smith klassische Geschlechterrollen auf und entwarf die Vision einer Musik, die losgelöst von Zuschreibungen einfach nur lauten Rock machte. Bis dahin eine Domäne der Männer, ja, aber keinesfalls für Frauen unzugänglich. Ganz im Gegenteil, wie die Geschichte der Rockmusik ja beweist. Das war eben “Punk”.

Drei große Karrierephasen der Ausnahmekünstlerin im Rückblick

Auf den Vorwurf Patti Smith hätte Debbie Harry (Blondie) damals geghostet oder kompetitiv abgefertigt folgen einige Bemerkungen zu einzelnen Songs des Debütalbums, “Horses” und viele Zitate aus den von Patti Smith selbst verfassten autobiographischen Texten, ihren Büchern, die vor allem beim KIWI-Verlag auf Deutsch erschienen. Eine nicht ganz ausgegorene Erwähnung, dass der Punk in New York eine “jüdische Schlagseite” gehabt hätte, wird nur noch von einigen selbstreferentiellen Ergänzungen übertroffen, etwa wie die beiden Schwestern den Tod Kurt Cobains verarbeitet hätten oder welche Rolle eine gewisse Mitschülerin im Leben der beiden gespielt hatte, die inzwischen eine millionenschwere Künstlerin sei. Eine Gesangskunstanleitung, sein eigenes singendes Inneres zu entdecken, macht Lust auf lautes Gekreische und Aufschreien, aber dann geht es doch munter weiter mit bio- und discographischen Fakten zu der ersten Phase von Smith’s Schaffen vor ihrem Rücktritt ins Private. Auch hier folgt prompt der feministische Vorwurf, sie hätte sich in ihrem Privatleben auf ihre Mutterrolle zurückgezogen. Aber nicht von den Grether Schwestern, sondern von anderen Zeitgenossen. Anscheinend soll Fred Sonic Smith, ihre Ehemann, ehemals bei MC5, Patti Smith sogar dazu gezwungen haben. Als das Album “Dream of Life”, die zweite Phase ihrer gemeinsamen Karriere eröffnen sollte, leider aber kläglich floppte, war Smith 2 ohnehin nur mehr ein Schatten seiner selbst.

Patti Smith: Musikerin, Rebellin, Literatin, Poetin

1994 starb dann nicht nur Kurt Cobain, sondern auch Fred Sonic Smith und der Bruder von Patti. Dank Bob Dylan hätte sich Patti aber zu einer zweiten und dritten Karriere aufgerafft. Inzwischen ist sie fast schon 80 Jahre und brachte in ihrer dritten Karrierephase zwar weniger Alben als vielmehr Bücher hervor, zählt aber immer noch zu den einflußreichsten Musikerinnen der Punk Ära. Auf ihren Tournee covert sie auch gerne junge Künstlerinnen wie Lana del Rey oder eben Nirvana (die Ewigjunggebliebenen).
Zuletzt erschien von den Grethers auch bei Reclam “Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik”. Seit 2025 betreiben die Schwestern außerdem die Sommerhaus KaffeeBar in Prenzlauer Berg.

 

Kersty Grether, Sandra Grether
Patti Smith. 100 Seiten
Biografie der Punk-Ikone
2026, Taschenbuch, Reihe 100 Seiten, 100 Seiten, 11 farbige Abbildungen, 1 Schaubild
ISBN: 978-3-15-020820-5
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Verlag

Moskau – Die Grenze

Nach “Mendelsohn auf dem Dach” und “Leben mit dem Stern” veröffentlicht Wagenbach nun auch Jiři Weils umstrittensten Roman, sein Debüt, das im Moskau der dreißiger Jahre spielt. Die Hauptfiguren: Ri und Jan Fischer.

Jiří Weil: Ein verbotener Schriftsteller

Jiří Weil selbst kann durchaus als Überlebender zweier totalitärer Regime bezeichnet werden. 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy geboren, ging er 1933 – vorerst vom Kommunismus begeistert – nach Moskau und kehrte schon 1935 nach Prag zurück. Als die Nationalsozialisten 1939 seine Heimat besetzten, konnte er sich der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord entziehen. Aber nach dem Krieg erging es ihm nicht viel besser. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Jiří Weil schließlich 1956 endlich rehabilitiert wurde. Allerdings starb er schon drei Jahre später an Leukämie. Sein schriftstellerisches Werk war nicht nur durch ein siebenjähriges Publikationsverbot stark eingeschränkt worden, sondern auch zensiert. “Moskau – die Grenze” erschien erstmals 1937 in Prag, wurde aber nach 1945 als “zersetzendes Werk” aus den tschechoslowakischen Bibliotheken entfernt. Weil selbst wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und musste sich schließlich sogar von seinem Romandebüt distanzieren. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst in Berlin 1992. Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild und heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.

“Das wahre Leben ist nur in der Fabrik”

“Ja, ohne Kaffee wird es schwer sein”, heißt es da schon auf der ersten Seite und der Hinweis wiegt schwer, denn er umschreibt treffend die kulturellen Unterschiede zwischen Mitteleuropa und Russland. Der Mann von Ri, der Protagonistin des ersten Teils des vorliegenden Romans, arbeitet als Vertragsingenieur in der SU, um den Sozialismus aufzubauen. Aber Kaffee gibt es dort keinen, weil dort keiner getrunken wird. “…bald endet Europa, und dann kommt die Grenze (…). Hier begann schon Asien, und es konnte mancherlei geschehen”. Aber erst beschreibt Weil Ri’s Zeit im Kibbuzim in Israel, wo sie Eisenfuss, einem “tollwütigen Kommunisten” begegnet, der die eigentlichen wie im wahren Kommunismus lebenden Kibbuzbewohner aufwiegeln würde, als ob es hier Kapitalisten geben würde. Ri sei ein “süßes Kätzchen” sagt Karl, denn sie wisse nicht, dass “Kommunisten schlimmer sind als Engländer, Araber und die Malaria zusammen”. “Wenn sie nur nicht ständig zweifeln müsste, dass auch dieser Traum vergeht, wie der Traum der Brüderschaft aller in Palästina vergangen ist und dahinter die widerwärtige Fratze Asiens hervorguckt, von Aussatz zerfressen.”Aber anders als sich aus diesen Sätzen schließen lässt, entwickelt sich Ri gegen Ende ihres Kapitels doch noch zu einer strammen “Aktivistin”. Aber dann “berührt” Jan Fischer “was sie längst vergessen glaubte, und er hatte in ihr nebelhafte und dennoch verlockende Bilder wachgerufen, die immer noch auf sie wirkten”.

“Pioniere weinen nicht”

Den sozialistischen Alltag von Ri beschreibt Jiří Weil, wohl so, wie er ihn Anfang der Dreißiger Jahre auch selbst erlebt hatte. Bestechend ist vor allem wie Weil seine Protagonistin mit dem neuen Vokabular des neuen Russlands bekannt macht. Da gibt es etwa die Domrabotniza, die “blat” (Bestechung), ein Wort aus der Gaunersprache oder die vielen Abkürzungen wie Partorg, Komsorg oder Insnab (Geschäfte für Ausländer, später als Intershops bekannt geworden). Das Ausfüllen vieler Fragebögen, die überbordende Bürokratie, die wohl auch durch die eingeforderten Denunziationen viel zu tun bekam, sind weitere Kennzeichen eines unmenschlichen Systems, in dem sich Ri auch durch die “Habichtsaugen Stalins” (noch lange vor Orwell’s großem Bruder) beobachtet sieht. Der traurigste und wohl eindringlichste Abschnitt zu den Säuberungen gemahnt auch an die Absurditäten eines totalitären Systems in dem die Partei immer recht hat und der Einzelne nichts bedeutet. Selbst die großen industriellen Errungenschaften werden von
Zwangsarbeitern gebaut, wie etwa Ri angesichts eines Kanals ihres Ingenieurmannes, Robert, bemerkt. Mangelwirschaft (keine Flaschen in Apotheken) oder dass sie einmal in einer Moskauer Straßenbahn zum Sitzen kommt, kommt einem Wunder gleich. Und bei der Großen Parade? Zuletzt kommen die “nicht Organisierten” vors Publikum”: kleine Handwerker, Schuhputzer, Mützenmacher, Verkäufer.. für sie interessiert sich aber keiner mehr. Zwei weitere Kapitel zeigen wie Jan Fischer und Rudolf Herzog den Sozialismus erleben. Im Nachwort von Bettina Kaibach kommen nochmals alle jene zu Wort, die der Sozialismus vergessen hat.

Jiří Weil
Moskau – Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
2026, gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-8031-3394-6
Wagenbach
32,– €


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte

Schon Lilith sei eine Femme fatale gewesen, schreibt die Wienerin Samra Kljajic in ihrem in die 4. Auflagen gehenden Bestseller über die weiblichen Akteurinnen in der Geschichte der Menschheit. Denn Frauen waren nicht nur die Mütter von Herrschern, sondern legten auch selbst Hand an.

Pandora’s Box

Der Ausdruck Femmes Fatales suggeriert, dass männliche Schwäche eine Folge von weiblicher Manipulation sei. Weibliche Sexualität werde dabei als Bedrohung inszeniert, das gelte für damals ebenso wie für heute. Dabei wäre es in frühen Kulturen des Neolithikums noch primär als Ursprung und nicht als Gefahr gesehen worden, wie etwa die Venus von Willendorf (29.000 Jahre) beweise. “Der Körper als kosmische Ressource.” In der Antike etablierte sich erst jene männliche Ordnung, von der heute noch einige profitieren. So würde Athene ihre Macht vor allem aus ihrer Jungfräulichkeit beziehen, Macht gedeihe also nur “stark getrennt von Sexualität bzw. Geschlechtlichkeit”. Athene wurde zur “Hüterin männlicher Ordnung, indem sie jene Frauen entmachtet, die außerhalb des akzeptierten Rahmens handeln”. Sie ist “die Ausnahme, die die Regel bestätigt”, ein “paradoxes Modell weiblicher Macht” also. Die wandernde Gebärmutter, die zur Hysterie führe, blieb bis ins 19.Jahrhundert präsent und wissenschaftlicher Konsens. Selbst Kant attestierte Frauen zwar “schönen Verstand”, also Intuition, aber keine Vernunft. Philosophische Erkenntnis blieb für ihn wie für viele andere männlich. Die mythische Legende in der griechischen Mythologie von Pandora, die “All-Begabte”, so die wörtliche Übersetzung ihres Namens, öffnete das Zeus’sche Gefäß und es entwichen Krankheit, Leid und Tod, die Hoffnung aber blieb zurück… Kleopatra und Jeanne d’Arc über Anne Boleyn, Madame de Pompadour, Katharina de’ Medici, Hürrem Sultan und Maria Theresia bis zu Marie Antoinette, Lola Montez und Mata Hari zeigten wie es auch anders geht.

Querelles des Femmes

Samra Kljajic unternimmt in ihrer Darstellung der “weiblichen Macht im Schatten der Geschichte” einen wilden Ritt durch Nationen, Länder und Adelsgeschlechter, aber auch durch Frühzeit, Antike, Mittelalter, Renaissance sowie die Gegenwart. Sie greift die klassischen Narrative der Geschichtswissenschaft, die von Jules Michelet und Jacob Burkhardt geprägt wurden an und beklagt die Unsichtbarkeit von Frauen in der (männlichen) Geschichtsschreibung. Dieser setzt sie ihre teilweise auch kurzbiographisch gehaltenen Essays entgegen, die zeigen, was für eine wichtige Rolle Frauen in der Geschichte – tatsächlich immer schon – gespielt haben. Nicht nur als Heilige, Opfer oder negative Vorbilder, sondern durchaus auch als das genaue Gegenteil. So erfahren wir etwa auch, dass das Wort “wip”, später “Weib” eine neutrale Bezeichnung für Frau gewesen sei, während die “frouwe” die Herrin im Hause war. Auch ob Krieg tatsächlich immer nur Männersache gewesen sei, stellt die Autorin in Frage und liefert gleich einige Gegenargumente: “konnotiert ja, praktiziert nein”, schließt sie etwa aus den Kreuzzügen. Besonders interessant ist das Kapitel über das Haus Osman, also die türkische Geschichte: “Durch den Verzieht auf politische Heiraten mit mächtigen Dynastien blieb das unmittelbare Umfeld des Sultans frei von rivalisierenden Schwiegerfamilien.” Die Mutter des Sultans hätte entschieden, welche Konkubine (des Harems) Zugang zu ihrem Sohn erhielt. Auch die Kira – Vermittlerinnen zwischen Harem und Außenwelt – spielten eine wichtige Rolle im Machtgefüge. Und wie trug eigentlich die Halskette der Königin zum Sturz einer ganzen Dynastie bei?

Samra Kljajic
Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte
2026, Taschenbuch, 4. Auflage, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-35271-0
dtv
15,00 €

 


Genre: Biographie, Frauengeschichte
Illustrated by dtv

Elvis Presley’s Tochter und Enkelin

“Pookie, ich weiß nicht mehr wie ich mein Buch schreiben soll. Kannst du es mir nicht schreiben?” Lisa Marie Presley, die einzige Tochter von Elvis Presley, verstarb 2023 im Alter von nur 54 Jahren. Ihre Tochter Riley “Pookie” Keough stellte anhand von Tonbandaufnahmen ihrer Mutter die vorliegende Autobiographie zusammen, die auch für andere Trauerende eine Botschaft enthält.

Wie die Mutter so die Tochter

Nur einen Monat nach der – fast – Fertigstellung ihrer Memoiren verstarb Lisa Marie überraschend. Danny Keough, der Vater von Riley, blieb bis zum letzten Augenblick ein treuer Freund, auch während ihrer Ehe mit Michael Jackson. So kann man das Buch auch als eine Dankesrede an Danny verstehen, der auch dann nicht von ihrer Seite wich, als sie mit einem anderen Michael weitere zwei Kinder bekam. Lisa Marie und Danny hatten auch noch einen Sohn, Ben, der Bruder von Riley, der mit nur 28 ebenfalls viel zu früh verstarb: er hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Der Verlust ihres Sohnes und gesundheitliche Probleme führte auch zum Tod von Lisa Marie, die in vorliegender Doppel-Biographie in eigenen Worten von ihrer schwierigen Kindheit erzählt. Riley gibt dies ungeschminkt weiter und so entsteht das Bild von einer aufmüpfigen Teenagerin, die sich stets gegen die Auflagen ihrer strengen Mutter, Priscilla, und die der Gesellschaft wehrte. Schon als Teenager nahm sie allerhand Drogen und rebellierte gegen ihre Mutter, die wiederum selbst von ihrer Mutter mit Elvis bekannt gemacht wurde. Priscilla war damals gerade einmal 14, “ihre Eltern erlaubten das“, schreibt Lisa Marie. Elvis, ihr Vater, hatte manchmal Wutausbrüche, erzählt sie, aber es war eine “witzige Wut” und sie konnte viel mit ihm lachen. Auch nach der Scheidung von Priscilla soll er nie schlecht über sie geredet haben. Wahrscheinlich kamen seine Anfälle ohnehin von den “Medikamenten“, die seine Ärzte ihm verschrieben hatten.

Heavy Metal im Happy Valley

“Es war ein Doppelschlag: Er ist tot, und jetzt bleibt mir nur sie.“, schreibt Lisa Marie. Sie musste Graceland zwar verlassen, aber manchmal konnte sie auch mit ihren Kinder, Ben und Riley, noch in das Schlafzimmer des King zurückkehren. Die Privaträume im oberen Stock wurden nie Teil der öffentlichen Ausstellung des Hauses. Lisa Marie war nur neun Jahre alt, als ihr Vater starb und als ihr Stiefvater Edwards sie unsittlich zu berühren begann und ihre Mutter ihr nicht glaubte, begannen ihre rebellischen Jahre. Priscilla versuchte sogar sie bei Scientology abzuladen, aber erst durch Danny bekam sie so etwas wie ein echtes Zuhause, auch wenn sie sich später wieder von ihm trennte. “Mit zwanzig war ich verheiratet, mit einundzwanzig Mutter, fast so wie meine eigene Mutter“, schreibt Lisa Marie. Auch über Billy Idol, Gottfried Helnwein und Nicolas Cage erzählt sie Unerwartetes, bis die Sucht wieder eskaliere. 80 Tabletten pro Tag (!) habe sie nach eigenen Aussagen zu sich genommen, bis ihr Sohn sich das Leben nahm. Spätestens jetzt schaffte sie den Entzug und Riley war richtig stolz auf sie, dass sie bis zu ihrem Tod durchhielt. Sie blieb “ihm zu Ehren komplett clean“. Allerdings bewahrte sie seinen Leichnam auf Eis gekühlt fast zwei Monate im Keller ihres Hauses auf und bestattete ihn erst dann. Riley spürte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Mutter daran zerbrechen würde. Dennoch wollte sie anderen Menschen noch helfen, das wäre auch der Sinn einer Autobiographie, schreibt Lisa Marie und ihre Tochter Riley machte genau das möglich, in dem sie das vorliegende Buch herausgab, das auch vielen anderen Trauernden helfen kann zu überleben: “Anderen zu helfen, das wäre erfüllend“.

Lisa Marie Presley/Riley Keough
From Here to the Great Unknown – Von hier ins Ungewisse
2026, Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-328-60378-8
Pinguin Verlag
€ 28,00


Genre: Autobiographie, Biographie
Illustrated by Penguin

MM: Ein wunderschönes Kind

Truman Capote war es, der Marilyn Monroe Mitte der 1950er Jahre an die Schauspiellehrerin Constance Collier vermittelte. Das erklärt auch die Vertrautheit der beiden, die in dem den Fotografien vorangestellten Text zu Tag tritt und der im Jahre 1955 spielt.

Auf ein Kribbelwasser beim Chinesen

In diesem Jahre hatte sie ihre eigene Produktionsfirma gegründet und war nach New York gezogen, wo sie auch an der Lee Strasberg School Actors Studio Schauspiel lernte. Zudem lernte sie auch Arthur Miller kennen, der bald ihr Ehemann werden sollte. Das von Truman Capote aufgezeichnete Gespräch hat einen sehr freundschaftlichen und unvermittelten Ton. So scheut auch Marilyn nicht vor Kraftausdrücken zurück, während sich Capote im Vergleich doch eher vornehm ausdrückt. In einem chinesischen Restaurant konsumieren sie eine Flasche “Kribbelwasser”, wie MM den Champagner nennt, und nehmen schließlich ein Foto zur Staten Island Ferry. Aber interessant ist natürlich genau das, was dazwischen passiert. Die 48 abgedruckten Photographien von Eve Arnold bis Weegee 1945-1962, von Farbe bis S/W, zeigen ein “wunderschönes Kind”, so soll Constance Collier sie einmal genannt haben, auf dem Gipfel ihres Ruhms. Aber natürlich war sie weit mehr als ein Kind, schließlich hatte sie mit 29 Jahren schon die Firma Marilyn Monroe Productions gegründet und bereits einige Erfolge gelandet. Collier sah in ihr vor allem eine Ophelia, womit sie letztendlich auch recht behielt, denn MM starb viel zu früh im Alter von nur 36 Jahren unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen.

Eine Freundschaft mit viel Flair

Davon konnte der Schriftsteller (Frühstück bei Tiffany, Die Glasharfe, Kaltblütig), Drehbuchautor und brillante Chronist der New Yorker Society 1955 als das Gespräch stattfand natürlich noch nichts wissen. Umso überraschender wirken die Hinweise auf ihren frühen Tod, den Collier schon irgendwie antizipierte. Dafür errät Capote den Namen ihres Schriftstellers aus dem sie zuerst noch ein Geheimnis machen möchte. “Ich bin in ihren Anblick” versunken, sagt MM als sie sich vor dem Badezimmerspiegel ihren Lippenstift nachzieht. Capote hatte sie dort aufgesucht, weil sie ihn mal wieder so lange warten ließ. Die 48 Photographien machen die als Norma Jeane Baker in LA zur Welt gekommene Ikone zwar nicht wieder lebendig, aber nicht umsonst hat der Schirmer/Mosel Verlag zum 100. Geburtstag in vergrößertem Format neu aufgelegt: “Sie gleicht einem fliegenden Kolibri”, so Collier einmal, denn hinter all der Fassade und dem Make-up ist sie leicht, federleicht und zerbrechlich. Mit einer Gesamtedition von bisher elf Titeln ist Schirmer/Mosel der führende Photobuchverlag, wenn es um Marilyn Monroe geht. Der vorliegende Band versammelt frühe Pin-ups, Filmbilder und Publicity Stills, Portraitaufnahmen großer Photographen wie Richard Avedon, Cecil Beaton und Philip Halsman bis zu den eindrucksvollen Bilder der letzten Photosession mit Bert Stern im Juni 1962.

Marilyn Monroe
Ein wunderschönes Kind
48 Photographien von Eve Arnold bis Weegee 1945-1962
Mit dem Essay von Truman Capote
120 Seiten, 48 Tafeln in Farbe und Duotone
ViBi Magnum, broschiert
ISBN 978-3-8296-1047-9
Schirmer/Mosel
€ 14,80


Genre: Biographie, Essay, Fotografie
Illustrated by schirmer/mosel

Ein Notizbuch: viel weißes Papier zu Semesterbeginn

Notizbuch um Notizbuch: Für viele Studentinnen und Studenten beginnt bald wieder die Universität und anders als bei den Schülerinnen und Schülern bekommen diese keine Schultüten, um den Beginn des Ausbildungsjahres zu versüßen. Aber dafür gibt es Kalender und Notizbücher, die nicht nur praktischen Gesichtspunkten, sondern auch Ansprüche an Design und Charme befriedigen können. Die bekanntesten dieser Art sind natürlich die kleinen schwarzen von moleskine, die anscheinend schon von Vincent Van Gogh bis Pablo Picasso, von Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin. benutzt wurden und so auf eine lange Tradition zurückblicken können. Aber längst gibt es auch originelle neue Ideen, die designtechnisches keine Wünsche offen lassen. Wir haben uns etwas umgeschaut und stellen neue Varianten des beliebten „immer dabei“-Buches hier vor.

100 Seiten. Notizbuch

Das neueste Notizbuch kommt aus dem Hause Reclam und orientiert sich an der erfolgreichen Reihe “100 Seiten” zu Themen der Popkultur, Philosophie etc. Natürlich hat es 100 Seiten und ein Format von 170 mm x 114 mm und passt somit in jede Jackentasche oder Jeans. Das Softcover trägt auch ein paar Schlagworte zur Inspiration. Zum 10. Geburtstag der beliebten Reihe eignet sich als Bullet Journal, Planer oder Tagebuch.

Diogenes: Klassiker in Rot

Das Notizbuch des Diogenes Verlags ist in Zusammenarbeit mit Hieronymus, einem der exklusivsten Schreibwarenhersteller der Schweiz, entstanden. Das Diogenes Notizbuch gibt es in drei Größen – small, medium, large und lässt in Sachen Beweglichkeit, Schlankheit, Papierqualität und einfachem Heraustrennen der Seiten keine Wünsche offen. Diogenes Notes sind fadengeheftet, in Leinen gebunden.

Reclam Universal Notizbuch in allen Farben

“Ich werd nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier”, heißt es in notiz3einem Song der deutschen Band Element of Crime. Am Anfang steht damit also die Überlegung, ob man lieber blanko oder kariert wählt. Das Universal-Notizbuch von Reclam gibt es in beiden Varianten und dazu sogar noch einen Bleistift geschenkt. „Record your ideas“ steht avantgardistisch auf dem Kartoncover (Schutzfunktion) zum Notizbuch und tatsächlich hat es auch sein einen Preis damit gewonnen: den red dot design award. Das Reclam-Notizbuch ist gelb und sieht damit genauso aus wie die unzähligen Klassiker der Reihe im praktischen Taschenformat. „Jede Notiz ein Klassiker“ steht auf der Rückseite des eigentlichen Notizbuch-Covers und so steht dann den eigenen Ideen nichts mehr im Wege. Keine lästigen Daten-, Wetter- oder Geburtstagseintragungen mehr, wie bei anderen Notizbüchern, sondern einfach nur das unbeschriebene weiße Papier, Raum für Gedanken, die vielleicht bald die Welt oder zumindest die eigene Fantasie beflügeln können. Weißes Papier: egal ob blanko oder kariert, seit neuestem auch im Schuber in allen Farben der Reclam Publikationen erhältlich.

Suhrkamp Literatur als Notizbuch

Quasi nackt – also ohne schützenden Karton und Bleistift – kommt das notiz1Notizbuch des Suhrkamp Verlages daher, dafür trägt es aber den hochtrabenden Titel eines Literaturklassikers, der bei Suhrkamp 1988 erschienen ist, darauf. „Chronik der laufenden Ereignisse“, das Buch von Peter Handke wird hier zitiert und das Notizbuch sieht genauso aus wie ein Taschenbuch von Suhrkamp, denn in glänzenden Lettern steht der Titel groß auf der Vorderseite. „Schreiben geht nicht ohne Glanz“, ein Zitat von Peter Handke schmückt wiederum den Buchrücken in schillernden blauen Lettern auf schwarzem Grund. Es gibt aber auch andere Ausführungen, etwa “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust. Das Notizbuch des Suhrkamp Verlages ist vom Format her etwas größer als das Universal-Notizbuch von Reclam, aber immer noch handlich genug, dass es im Notfall in einer Gesäßtasche einer Jeans Platz hat. Das Notizbuch von Suhrkamp bietet genug Platz für Eintragungen, die durch nichts eingeengt werden, einzelne Seiten ließen sich auch herausreißen ohne Spuren zu hinterlassen, sollte man einmal einem Kollegen ein Blatt Papier borgen müssen. Aber würde das gerne tun? Zu schön ist der Anblick dieser hohen Literatur, die noch geschrieben werden muss. notiz4Als Verbesserungsvorschlag könnte man noch anführen, dass es cool wäre, wenn die Umschlagseiten einklappbar wären, um schneller zu der jeweiligen aktuellen Seite zu gelangen. Es sei dann man schreibt immer auf der ersten Seite, weil man an die Kollegen zu viele leere Seiten verteilt hat. Ist das so gedacht? Egal, auf jeden Fall ein Schmuckstück in jeder Handtasche oder Hosentasche.

Retro und Vintage: das Insel Notizbuch

Zuletzt sei noch auf das Notizbuch der Insel-Bücherei hingewiesen, das es in verschiedenen Farbdesigns gibt und etwas Retro- und Vintagemäßig daherkommen. Sie unterscheiden sich nicht nur durch ihr größeres Format von anderen Notizbüchern, sondern auch durch ihr hartes Karton-Cover, das sowohl innen wie außen in unterschiedlichen Farben designt ist. Der Vorteil ist damit aber auch sein einziger Nachteil, denn es ist weder knick- noch faltbar und außerdem viel zu schön dafür. notiz2Das altmodische Design macht es zu einem wirklichen Designklassiker, dessen Schönheit an ein altes Schulheft erinnert, einer Zeit also, in der man selbst noch Schultüten bekam und die Süßigkeiten noch nicht so bitter schmeckten, sondern einen mit ihrem orientalischen Zauber aus Zucker und Honig einlullten, bereit für die Welt da draußen. Einen schönen Schul- resp. Unibeginn wünscht die Redaktion.

Diogenes Notes
Small (8.5 x 12.5 cm)
Medium (10.5 x 15.5 cm) und
Large (12.8 x 18.8 cm)
144 Seiten
€ (D) 15.00* / sFr 20.00* / € (A) 15.00*

Universal-Notizbuch
Record your ideal
Blanko oder kariert, mit Bleistift
In allen Farben der Universal-Bibliothek
Design: Blum, Wolfgang
Je 128 S., blanko, original UB-Papier mit integriertem Bleistift im Schuber
Format inkl. Schuber: 10,5 x 14,9 cm
ISBN: 9783159003023
5.-€

Chronik der laufenden Ereignisse
Notizbuch
Suhrkamp
Taschenbuch
160 Seiten
ISBN: 9783518467596
4,2.-€

Notizbuch
Insel-Bücherei
ISBN: 9783458177142
8.-€