Ikigai – japanische Lebenskunst

Ikigai. Der Hirnforscher Ken Mogi gibt in vorliegender Publikation nicht nur Einblicke in die japanische Lebenskultur, sondern zeigt auch, dass das japanische Ikigai der Schlüssel für ein langes, gesundes und erfülltes Leben ist. Ikigai bedeutet „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Der 92-jährige Jiro Ono, der älteste mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Koch etwa, hat sein Ikigai gefunden. Aber man muss dafür nicht so alt werden.

Des Ikigais fünf Säulen

Auch die Obstbauern von Sembikiya oder der Keramiker Sokichi Nagae sind Beispiele, die Ken Mogi anführt, um zu zeigen, dass man zufriedener lebt, wenn man sein „ikigai“ gefunden hat. Denn damit man Sinn und Freude im Leben wiederfindet, reicht es schon, die fünf Säulen des ikigai zu beherzigen: 1. Klein anfangen, 2. Loslassen lernen, 3. Harmonie und Nachhaltigkeit leben, 4. Die Freude an kleinen Dingen entdecken,
5. Im Hier und Jetzt sein. Der japanische Neurowissenschaftler Ken Mogi erklärt anhand obiger und anderer inspirierender Lebensgeschichten und fundiert durch wissenscha liche Erkenntnisse in vorliegendem Buch die japanische Philosophie, die hilft, Erfüllung, Zufriedenheit und Achtsamkeit im Leben zu finden.

Praktikables Ikigai

Als eines seiner Beispiel führt Ken Mogi Jiro Ono an, der in dem Film „Jiro und das beste Sushi der Welt“ (Regie: David Gelb) porträtiert wird. Der 2010 erschienene Film ist bei Koch Media als BluRay und DVD erschienen und zeigt die kleine Sushi-Bar in einer U-Bahn Station in Tokio mit nur zehn Sitzplätzen, die Jiro sein ikigai finden hat lassen. Sein Restaurant Sukiyabashi Jiro wurde 2009 mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet und gilt heute als das beste Sushi-Restaurant der Welt. Jiro Ono wird in Japan geradezu verehrt und sein Restaurant ist jetzt schon eine Legende. Sein Sohn Yoshikazu Ono, der bald in seine Fußstapfen treten wird, hat es nicht leicht, das Sukiyabashi Jiro zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen. Denn wer kann schon eine Legende übertreffen?

 

Ken Mogi
IKIGAI. Die japanische Lebenskunst
Übersetzung: Sofia Blind
176 Seiten, gebunden mit gestaltetem, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen
2018
ISBN 978-3-8321-9899-2
Dumont Buchverlag


Genre: Japan, Kochen, Lebenskunst, Philosophie
Illustrated by DuMont

Prinz Eisenherz

Prinz Eisenherz. Der zweite Band der restaurierten Heftserie zum 1954 als Kinofilm produzierten Prinz Eisenherz ist im März 2020 bei Bocola in einem großformatigen Hardcover-Band erschienen. Die Zeichnungen stammen von Bob Fujitani und erschienen erstmals in loser Folge ab 1958. Sechs weitere Hefte mit Abenteuergeschichten des Prinzen aus Thule wurden danach noch veröffentlicht. Die restaurierte Heftserie erscheint bei Bocola in zwei Bänden mit Zusatzinformationen und dem lesenswerten Vorwort von Uwe Baumann.

Von Nova Scotia nach Hollywood

Prince Valiant machte 1954 seinen Weg von Nova Scotia nach Hollywood. Der aufwendig produzierte Film mit Robert Wagner und Janet Leigh richtete sich zwar nach der 1937 erstmals erschienenen Comic-Serie von Hal Foster, hielt sich aber nur lose an dessen Vorlage. Henry Hathaways Verfilmung des Prinzen Eisenherz war einer der ersten Filme in CinemaScope. Gedreht wurde nicht nur in den Fox-Studios in Los Angeles, im San Fernando Valley, sondern auch in Großbritannien, wo unter anderem das schottische Dorf Dornie sowie Alnwick Castle, Warwick Castle, Caernarfon Castle, Braemar Castle, Duart Castle und Eilean Donan Castle zu Schauplätzen des Films wurden. „Die Wikingerwelt Thules der Dell-Comics lässt sich als eine Welt im Umbruch zwischen altem Götterglauben und Christianisierung charakterisieren“, schreibt Uwe Baumann über den vorliegenden Comic. Bekanntlich gilt König Harald Blauzahn Gormsson (936-987) als erster christlicher König Nordeuropas und so kann man die vollständige Christianisierung der Wikinger also erst ca. 300 Jahre nach dem Handlungsrahmen der Prinz Eisenherz Saga als abgeschlossen betrachten.

Prinz Eisenherz, der Kosmopolit

In vorliegendem zweitem Band der Dell-Reihe geht es aber auch um die Erfindung des griechischen Feuers und die Tafelrunde König Arthurs. Eine besondere Herausforderung stellt auch Urgen, König der Shetland-Inseln dar. Später taucht auch Gandor, der Held des Ostens auf und schließlich die Suche nach dem Heiligen Gral. Von den Wäldern Thules bis zur nordafrikanischen Wüste und ins Heilige Land führt der Handlungsbogen, bei dem man auch viel über die Wikinger lernt. Neben dem ausgezeichneten Vorwort von Uwe Baumann enthält dieser Band auch eine Galerie mit Fujitani-Porträts der Prince Valiant Hauptfiguren sowie ein Interview mit Sir Robert von Dell.

 

Bob Fujitani

Prinz Eisenherz
Die kompletten Dell-Hefte. Band 2
Text: Paul S. Newmann
Großformatiger (23,5 x 32 cm) Hardcover-Band,
124 Seiten, Farbe
Vorwort: Uwe Baumann
Übersetzung: Wolfgang J. Fuchs
ISBN 978-3-939625-44-5
26,90 EUR [D] / 27,70 EUR [A] / 36,- sFr [CH]
Bocola Verlag


Genre: Comic, Film, Hollywood
Illustrated by Bocola

Wien zum Verweilen

„Zum Verweilen“ ist eine neue Reihe beim Reclam Verlag die es in den Formaten „Notes“ – zum eigenen Aufschreiben, „Magnet“ und als Buch mit Textnachweisen gibt. Dieses neue Format ist bisher zu den Städten Wien, Berlin und Hamburg in allen drei Varianten erschienen.

Original oder ursprünglich: Sachertorte?

Der deutsche Reisejournalist Ralf Nestmeyer widmet sich in der „Wien zum Verweilen“ Variante dem literarischen Wien. Gemeinsam mit Dichterinnen und Denkern strawanzt er durch die Straßen Wiens und sieht alles Dargebotene mit deren und eigenen Augen. So besichtigt er etwa mit Stefan Zweig das Wiener Konzerthaus, mit Ingeborg Bachmann das Ungargassenland (der 3. Bezirk) und Ralf mit Friedrich Torberg geht er gar auf eine Sachertorte ins Sacher. Damals wurde sich noch so zubereitet, wie man sie heute nur noch im Demel bekommt. Denn die Marmeladenschicht war nicht in der Mitte angebracht, sondern nur am Rand. Dennoch ist die Sacher aus dem Sacher die „Original-Sachertorte“, wie unlängst ein Gerichtsurteil (II. Instanz) amtlich feststellte. Dennoch ist die eigentlich originale Sachertorte heute als „Sachertorte“ nur im Demel zu verköstigen, wie Nestmeyer recherchierte.

Orignal und ursprünglich: Wien

Aber ursprünglich und original ist in Wien halt nicht dasselbe, wie auch viele der folgenden von Ralf Nestmeyer zusammengetragenen Geschichten beweisen. Einer kurzen Einführung zum jeweiligen Thema durch Nestmeyer stellt der Herausgeber eine Textstelle eines berühmten Autors hintan. So erfährt der Leser u.a. über Graham Greenes in der Kanalisation Wiens versteckten dritten Mann, Klaus Manns Wendepunkt im Hotel Bristol oder auch Robert Seethalers Freud-Hommage im „Trafikant“. Dem „längsten“ Bauwerk Wiens, dem Karl Marx Hof wird durch eine Textpassage aus Claudio Magris’ Donaubuch gewürdigt. Weitere Themen sind der Stephans- und Michaelerplatz in Wiens Mitte, der Zentralfriedhof am Rande der Stadt und natürlich der Prater, Wiens Lunge. Ein Textverzeichnis und Stadtpläne auf der Coverinnenseite haben die 17 beschriebenen Sehenswürdigkeiten miteingezeichnet. Ursprünglich hatte Wien ja nur einen Bezirk (die Innere Stadt), aber inzwischen gilt auch alles außerhalb der Stadtmauer als „Original“. Nicht nur die Sachertorte!

Ralf Nestmeyer
Wien zum Verweilen
Mit Geschichten die Stadt entdecken
Ill.: Reinke, Katinka
Klappenbroschur. Format 11,4 x 17 cm
112 S.
ISBN: 978-3-15-020566-2
Reclam Verlag


Genre: Literatur, Reiseführer
Illustrated by Reclam Verlag

Postdemokratie. Das neue Zeitalter

Postdemokratie als Begriff bezieht sich auf die Tatsache, dass heute (Erstauflage 2008) mehr Nationalstaaten als jemals zuvor demokratische Verfahren zur Bestimmung ihrer Regierung praktizierten. Allerdings mag deswegen noch kein Optimismus aufkommen, denn die Art und Weise wie diese durchgeführt wurden steht auf einem anderen Blatt. Dennoch spricht der Begriff, Postdemokratie, für die Phase der Demokratie in der wir uns seither befinden und die u.a. durch Politikverdrossenheit, Sozialabbau und Privatisierung gekennzeichnet ist.

Stichwort: sound bites

Colin Crouch spitzt die Beschreibung unserer politischen Systeme noch derart zu, dass er bemerkt, dass die demokratischen Institutionen zwar weiterhin formal existieren, diese aber von Bürgern und Politikern nicht mehr länger mit Leben gefüllt werden. Denn längst hätten Interventionen kapitalistischer Interessensgruppen die Demokratie ausgehöhlt. Politiker werden gekauft und vertreten im Parlament die Interessen ihrer jeweiligen pressure groups. Die Bevölkerung selbst geht gar nicht mehr zur Wahl oder verschwendet ihre Stimmen an populistisiche Systemzerstörer. Natürlich spielen auch die Medien eine wichtige Rolle in der Postdemokratie: Konkurrierende Teams professioneller PR-Experten würden Politik zu einem Spektakel verkommen lassen, bei dem nur mehr über Probleme diskutiert werde, die zuvor von Experten ausgewählt worden wären. „Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt (die Demokratie, AP) zunehmend mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert.“ Stichwort: sound bites.

Das Ende der Demokratie?

Ist der „demokratische Augenblick“ der Menschheitsgeschichte bald vorbei? Im Mutterland der Demokratie, den USA, ist seit Ronald Reagan das wohlfahrtsstaatliche Projekt abgewickelt, die Gewerkschaften marginalisiert, die Spaltung zwischen Arm und Reich auf einem Niveau, das man eigentlich nur aus Ländern der Dritten Welt kennt. „Dass sich diese Rückentwicklung“, schreibt Crouch, „ausgerechnet in den USA, der am stärksten zukunftsorientierten Gesellschaft der Welt, einem Land, das in der Vergangenheit der Vorreiter des demokratischen Fortschritts war, am radikalsten vollzieht, lässt sich allein mit dem Modell des parabelförmigen Verlaufs der Demokratie erklären.“ Bedeutet Postdemokratie auch das Ende der politischen Kommunikation? Auch in seinem Folgewerk, „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“, stellt Crouch unbequeme Fragen. Es sind die gigantischen transnationalen Konzerne, unter denen die Demokratie und das Marktmodell leiden. Crouch entwirft aber auch ein Modell des Widerstands: indem wir uns auf unsere Werte und unsere Macht als Verbraucher besinnen. Das ist Crouchs optimistische Vision einer sozialen und demokratischen Marktwirtschaft, die er in diesem Essay der Hegemonie der Konzerne entgegenhält.

Colin Crouch
Postdemokratie
Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm
D: 10,00 € / A: 10,30 € / CH: 14,90 sFr
2008, edition suhrkamp 2540, Taschenbuch, 159 Seiten
ISBN: 978-3-518-12540-3

Suhrkamp Verlag


Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

John Heartfield. Fotografie plus Dynamit.

John Heartfield: In Berlin, Zwolle, London sollte dieses Jahr noch die Ausstellung des Werkes von John Heartfield stattfinden. Bis dahin kann man sich mit dieser Publikation zur Ausstellung schon schlau machen. Denn der vorliegende Band umfasst nicht nur 250 Abbildungen der Montagen von Heartfield in Farbe, sondern auch Beiträge von M. Gough, P. Krishnamurthy, Angela Lammert, Rosa v. d. Schulenburg, Anna Schultz, J. Toman, A. Zervigón u.a. sowie Statements von R. Deacon, T. Dean, M. Lammert, M. Odenbach, J. Wall.

Heartfield: politisches Dynamit

Die Zeiten der politischen Karikatur begleiten die Menschheitsgeschichte schon von Anfang an, aber keiner brachte sie zu einer so pointierten Sprengkraft wie John Heartfield (1891-1968). Sein Werk ist untrennbar mit der Weimarer Republik verbunden, denn seine Fotomontagen und collagierten Buchumschläge, die ihre Herkunft in der Berliner Dada-Szene haben und sich gegen den Faschismus richteten, keimte in ihrem Untergrund. Die scheinbar dokumentarischen und „objektiven“ Pressefotos stellte Heartfield auf den Kopf indem er sie mit pointiertem Humor neu arrangierte und ihnen jene Sprengkraft verlieh, für die sein Werk so berühmt ist. Mit scharfer Beobachtungsgabe, Witz und Kompromisslosigkeit setzte er seine Kunst bildgewaltig und aktiv gegen Krieg und Faschismus ein.

Heartfields Waffe gegen den Krieg

Zusätzlich zu seinen bekanntesten Collagen werden in der hier vorliegenden Publikation des Hirmer Verlages aber auch erstmals seine Trickfilme und seine Theaterarbeit im Kontext von Kunstwerken, Archivalien und Arbeitsmaterialien berücksichtigt. Statements zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, die Heartfields Werk im Zeitalter von Fake News beleuchten, ergänzen diesen Prachtband, der zurecht das „Dynamit“ im Untertitel trägt. „Man ist sich bei den Henkern im Lande genau darüber im Klaren,“, schrieb einst Oskar Maria Graf 1938 in der Exilzeitung Deutsche Volkszeitung, „was für eine unschätzbare Waffe Heartfields Montage ist. Sie wissen welchen Feind sie in dem kleinen, unscheinbaren Johnny haben. Sie hassen ihn wie kaum einen anderen, und wehe, wenn sie seiner habhaft werden!

Heartfield-Ausstellungen im Herbst

Folgende Veranstaltungen sind dieses Jahr zum Werk von John Heartfield geplant: Berlin | Akademie der Künste 02.06.2020 – 22.08.2020; Zwolle | Museum de Fundatie 27.09.2020 – 03.01.2021; London | Royal Academy of Arts 27.06.2021 – 26.09.2021.

Anna Schultz, Angela Lammert, Rosa von der Schulenburg (Hg.)
John Heartfield. Fotografie plus Dynamit.
Hardcover, 312 Seiten, 250 Abbildungen in Farbe
21,5 x 27,5 cm, gebunden
ISBN: 978-3-7774-3442-1
39,90.-

Hirmer Verlag


Genre: Collage, Karikatur, Montage, politische Karikatur, Weimarer Republik
Illustrated by Hirmer

100 Jahre Charles Bukowski

Am 16. August 2020 würde der amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski (eigentlich: Henry Charles Bukowski, Jr.) seinen 100. Geburtstag feiern. Der Sohn eines US-Besatzungssoldaten und einer Deutschen veröffentlichte ab 1960 Prosa und bis zu seinem Tod am 9. März 1994 mehr als vierzig Bücher (Romane, Gedichte, Prosa).

Im rheinischen Andernach geboren wurde Bukowski bald zum US-Amerikaner, da die Familie nach Los Angeles umzog. Seine Wanderjahre als Jugendlicher und junger Erwachsener brachten ihn aber auch in Städte wie New Orleans, Miami Beach, New York, Atlanta, Chicago und Philadelphia. Als physisch und mental untauglich für den Militärdienst eingestuft und nach Psychiatrie- und Gefängnisaufenthalten fing Bukowski im Alter von 34 Jahren an zu schreiben. Er arbeitete als Briefsortierer bei der Post von Los Angeles und lebte in East Hollywood deren Bewohnerinnen und Bewohner er in seinen Kolumnen für The Outsider oder Open City liebevoll porträtierte. Im deutschen Sprachraum erschienen diese gesammelten Kurzgeschichten unter dem Titel „Aufzeichnungen eines Außenseiters“ (Notes of a Dirty Old Man) erstmals bei Fischer 1970.

Bukowski „Mädchen für alles“

Aus seinem umfangreichen Werk habe ich mir drei Romane ausgesucht, die sich jeweils einem bestimmten Jahrzehnt seines doch etwas kurzen Lebens widmen. Der 1975 im amerikanischen Original und 1977 bei dtv auf Deutsch erschienene Roman „Faktotum“ zeigt den Gossendichter als „weißen Penner im Negerviertel“ in seiner Jugend, in der er sich mit „Studentenjobs“ abplagt, da er gerade von zuhause rausgeworfen wurde. Voller Ironie beschreibt er das Verhältnis zu seinen Eltern, wenn er über den Rauswurf schreibt: „Ich konnte mir die Preise im Elternhaus nicht leisten“. Sein Vater verrechnete ihm alle Ausgaben extra. Sein alter ego Henry Chinaski veröffentlicht aber bald seine erste Kurzgeschichte und die Weichen für sein künftiges Leben werden gelegt: „Trinken und ins Bett steigen, das war wirklich alles, was wir tun konnten“. Mit lakonischem Humor arbeitet sich Chinaski durch diverse frustrierende Jobs, aber er erzählt auch von Solidarität, als ihm ein paar Mitarbeiter bei einer Jalousienwette zum Sieg gegen den ausbeuterischen Barbesitzer verhelfen. Bukowski schreibt also durchaus auch von Hoffnung und Menschlichkeit in düsteren, aussichtslosen Zeiten. „Faktotum“ bedeute im Amerikanischen übrigens so viel wie „Mädchen für alles“.

Dilemma: Trinken oder Frauen

In „Das Liebesleben der Hyäne“, 1978 im Original und 1989 bei dtv, ist Henry Chinaski bereits in seiner zweiten Lebenshälfte angelangt und hat schon einige schriftstellerische Erfolge hinter sich, sodass er nicht mehr bei der Post (beschrieben in: Der Mann mit der Ledertasche) arbeiten muss und sein Hobby zum Beruf machen kann.

Als roter Faden zieht sich seine Beziehung zu Lydia Vance durch den Roman, die sich aber bald über seine mangelnden „Steherqualitäten“ beschwert. Der Alkoholismus, dem er seit seinem 40. Geburtstag frönt, fordert seinen Tribut. „Wäre ich als Frau zur Welt gekommen, wäre ich mit Sicherheit Prostituierte geworden“, schreibt er an einer Stelle, denn sein Seelenleben war ihm wichtiger als eine Beziehung. „Frauen, die etwas taugten, machten mir angst, weil sie irgendwann etwas von meiner Seele wollten. Und was mir davon noch geblieben war, wollte ich selbst behalten. Also hielt ich mich an Flittchen und Prostituierte.“ Also widmet sich Chinaski lieber doch dem Alkohol. „Wenn etwas Schlimmes passiert, trinkt man, um es zu vergessen. Wenn etwas Gutes passiert, trinkt man, um zu feiern. Und wenn nichts los ist, trinkt man, damit etwas passiert.“ Wenn man an 300 Tagen im Jahr verkatert aufwacht, werde man eben paranoid, so Bukowski über Chinaski. Seine US-Lesetourneen – von denen dieser Roman hauptsächlich handelt – sorgen jedenfalls immer für Nachschub seines Lebensinhalts: Frauen und Alkohol.

Von Andernach nach Hollywood

Sein Roman „Hollywood“ ist Barbet Schroeder gewidmet und man weiß gleich, dass es hier um sein Drehbuch zu „Barfly“ (1987) mit Mickey Rourke in der Hauptrolle gehen wird. Bukowski ist inzwischen um die 60 Jahre alt und kann sich endlich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Er kann sich mit seiner Frau sogar ein Haus kaufen und bewegt sich im Umkreis von reichen Franzosen, die in den Slums von L.A. leben. „Das Leben beginnt mit 65“, schreibt er 1985. 10 Jahre später, im Alter von 73 Jahren starb der „deutsche Dichter“  Charles Bukowski an Leukämie in einem Krankenhaus in L.A..

Eine „zeitgenössische“ Interpretation seiner Werke findet sich auch in Form von Musik und Text bei Steinbach auf der CD „Charles Bukowski. Ein Maulwurf im Karton. Songs und Gedichte“ mit Gerd Wameling/Steffen Weßbecher-Newman (62 Min., Juli 2010, ISBN: 978-3-86974-055-3, 17,99 €)

Die Insel Capri. Ein Portrait

Autor Dieter Richter ist ein glänzender Essayist, der die Neugier beim Leser nicht nur anregt, sondern auch befriedigt. Detailreich und voller Verve und wertvoller Informationen und intellektueller Anregungen widmet er sich in dieser Monographie der Insel im Golf von Neapel, die schon unter Kaiser Tiberius eine Luxus-Destination und ein Traumziel, eine Marke und ein Mythos verkörperte.

Utopia Capri

Einst einmal das Regierungszentrum des Imperium Romanum, dann verarmt und vergessen wurde Capri im 19. Jahrhundert mit der Entdeckung der Blauen Grotte zur ersten klassischen europäischen Tourismus-Insel-Destination. Seither verkörpert die Insel Capri den Zauber einer Insel schlechthin: Robinson-Eiland und Insel Utopia, Toteninsel, Liebesinsel und Neue Welt. Bevor Capri aber zur Destination des Massentourismus wurde, besuchten Abenteurer und Revolutionäre, Künstler, Schriftsteller und Philosophen, Geflüchtete und Emigranten aus den Diktaturen der Welt das Eiland. Der Autor bearbeitete zahlreiche unbekannte und ungewöhnliche Quellen, darunter Grabsteine und Gästebücher, Polizeiakten, Urkunden, Briefe und Tagebücher, und hat hiermit die facettenreichste Biographie einer Insel verfasst und Capri selbst damit ein Denkmal gesetzt.

Isola Futurista

Der Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen und Verfasser zahlreicher kulturwissenschaftlicher Bücher, die ebenfalls im Wagenbach-Verlag erschienen sind, widmet sich der „Ziegeninsel“ (capra, ital. für Ziege) voller Liebe und Leidenschaft. Denn gerade im Kopf lässt sich das ländliche Arkadien errichten von dem viele Aussteiger, die nach Capri reisten, einst träumten. Es ist faszinierend mit viel Kenntnis und Detailreichtum der Autor das Eiland zu einem Platz der schönsten Theorien und Anekdoten macht. So weiß er etwa von Lenins Aufenthalt auf der Insel ebenso wie vom cimitero acattolico auf dem sich Tote von 21 Nationen aus verschiedensten konfessionellen Spektren wiederfinden, was gleichzeitig auch den Kosmopolitismus der Insel wiederspiegelt. Aber auch Künstler haben sich in die Geschichte und Landschaft der Insel eingegraben. Etwa der „Einsamkeitswürfel“ des Berliners Willy Kluck oder das Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte werden angeführt, aber auch die Futuristen, die Capri als „isola futurista“ feierten.

Kenntnis- und aufschlussreich liest sich diese Monographie einer Insel wie ein Roman aus mehreren Essays. „Oggi siamo/Domani fummo/Percio fumo“ (heute sind wir/Morgen waren wir/ Daher rauche ich) dichtete einst August Weber und brachte damit das Lebensgefühl von Capri deutlich auf den Punkt: „Jetzt“!.

Dieter Richter
Die Insel Capri. Ein Portrait
WAT [795]. 2018
224 Seiten. 12 x 19 cm. Mit vielen Abbildungen
ISBN 978-3-8031-2795-2
Wagenbach Verlag


Genre: Italien, Monographie, Reisen
Illustrated by Wagenbach

Mitten im August

Ferragosto: Mitten im August. Die Welt bekommt einen neuen Krimihelden, den Inselpolizisten Enrico Rizzi, der es bevorzugt auf Capri zu arbeiten statt in Neapel. Aber „Neapel“ ist auch zuständig für Capri. Und so ergeben sich bald Spannungen zwischen der Zentrale und der Insel, wer wofür zuständig ist. Denn Rizzi will seinen Mordfall beschleunigen und so schnell wie möglich den Mörder finden. Neapel’s Mühlen hingegen mahlen langsam.

Ferragosto: Mitten im August

Enrico Rizzi, der gerne Selbstgedrehte raucht, hat es auf Capri zumeist mit kleineren Delikten zu tun. Wenn auf dem kleinen Polizeiposten auf Capri nichts los ist, hilft er seinem Vater in den Obst- und Gemüsegärten hoch über dem Golf von Neapel. Natürlich bevorzugt auch er ökologische Anbaumethoden und will auf Spritzmittel gegen Schädlinge verzichten. Marienkäferlarven sollen helfen. Und so überzeugt er bald auch seinen Vater davon. Auch Jack und Sofia sind etwas „grün“ angehaucht, aber sie wollen nicht den Wein, sondern gleich die Weltmeere retten. Aber eines Tages wird Jack mit mehreren Messerstichen in der Brust tot in seinem Boot aufgefunden. Sofia ist seit Tagen verschwunden. Natürlich deutet alles auf sie als Täterin hin. Ein Mord aus Leidenschaft? Oder aus unterschiedlichen politischen Ansichten? Enrico Rizzi ermittelt auch ohne Pouvoir weiter und deckt auf, wer hinter dem Mord von Jack Milani, dem reichen Spross einer Industriellenfamilie und Studenten der Ozeanologie steckt.

Capri, Schauplatz eines Verbrechens

Im ersten Mordfall für den jungen Enrico Rizzi kämpft er nicht nur gegen die Bürokraten in Neapel, sondern auch seinen Vorgesetzten Commissario Lombardi, dem es lieber gewesen wäre, den Toten gar nicht erst an Land zu bringen. Denn so wurde er erst zum Toten von Capri. Ansonsten hätte Neapel sich darum kümmern müssen. Der fleißige Enrico Rizzi ist ganz anders als die der Prokastrination huldigenden Inselbewohner und sein Erfinder, Luca Ventura, arbeitet schon an seinem nächsten Fall, der wieder mit viel Lokalkolorit Capri-Flair in die Wohnzimmer und Lesestuben der deutschsprachigen LeserInnen bringt. Wem Donna Leon gefällt, der wird auch Luca Ventura mögen. Leichte Lesekost für den Strand am Sommer. Vielleicht im August. Mitten im August.

 

Luca Ventura

Mitten im August. Der Capri-Krimi

2020, Paperback, 336 Seiten
ISBN: 978-3-257-30076-5
€ (D) 16.00 / sFr 21.00* / € (A) 16.50
Diogenes Verlag


Genre: Capri, Kommissar, Krimi, Sommer
Illustrated by Diogenes

Der Dritte Mann

Mehr als 70 Jahre ist der „Dritte Mann“ schon alt und gilt immer noch unbestritten als der Filmklassiker schlechthin, wenn es um das Wien der Nachkriegszeit geht. Alle Themen die darin angesprochen werden sind universell und natürlich immer noch aktuell: Grenzen, die Flüchtlinge, der Schwarzmarkt, das Verbrechen. Aber auch der Soundtrack des Films ist modern, führte er doch vom Strauß-dominierten Wien der Monarchie direkt zum modernen Sound der Republik.

Karas als Vorbote des Austropop

30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nimmt der oberösterreichische Wahlberliner Rebhandl zum Anlass nochmals über den Dritten Mann zu reflektieren. Nach einer Nacherzählung des Inhalts lädt er zu einem Spaziergang durch Wien ein, der an die Schauplätze des Films führt und voller Referenzen an die Walzerstadt auch neue Sichtweisen und Perspektiven öffnet. Als Filmkritiker kennt sich der Autor auch mit ähnlichen Filmen jener Periode aus und zieht Parallelen. Etwa zu Ministry of Fear oder Odd Man Out, The Fall Idol. Aber auch der unverkennbaren Zitherklängen von Karas huldigt Rebhandl. Inzwischen (2017) wurde die Wiener Stimmung und Spielweise der Zither übrigens als immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt. Rebhandl lobt am Dritten Mann auch, dass er auf das Strauss-Klischee verzichtete und sich als Vorbote an eine noch gänzlich unklare Popkultur wagte.

Besetzung, Besatzung, Befreiung

Aber auch die literarische Vorlage von Graham Greene hat sich Rebhandl genau angeschaut. Tatsächlich benutzten Sozialsten und Kommunisten die Wiener Kanalisation in der Zwischenkriegszeit als Fluchtweg und ironischerweise gehörte der Doppelagent Kim Philby zu einem Spionagering, der den Namen „The Cambridge Five“ bekam. David O. Selznick, der Produzent, wollte noch „Night in Vienna“ als Titel, aber „The Third Man“ setzte sich durch und trug wohl wesentlich zum Erfolg des Filmes bei. Denn wer ist eigentlich dieser „dritte“ Mann? Besonders hervorzuheben ist auch das Kapitel „Schlechte Staatsbürger“, das sich der Rolle der Österreicher im Dritten Mann widmet. Denn diese wirkten nur als Nebendarsteller in Nebenrollen mit. Unvergessen etwa die Hauswirtin, dargestellt von Hedwig Bleibtreu, die sich die Befreiung „ganz anders“ vorgestellt hatte…

Bert Rebhandl
Der dritte Mann. Die Neuentdeckung eines Filmklassikers
Hardcover, 128 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-7076-0678-2
14,99.-

Czernin Verlag


Genre: Film Noir, Krimi, Nachkriegszeit, Unterwelt, Wien
Illustrated by Czernin Verlag

Der Schnee auf dem Kilimandscharo

Schnee auf dem Kilimandscharo: „Karawong! Karawong! Karawong!“, kracht das Gewehr des Francis Macomber als er auf einen Löwen anlegt. Mit seiner Frau Margot hat er bei Robert Wilson eine Safari gebucht, die ihn verwandelt, aber auch beflügelt. Afrika ist eben kein Land für Feiglinge. Aber als er seine Angst verliert, verliert er auch seine Frau. Oder sein Leben.

Der Schnee auf dem Kilimandscharo

In „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, der letzten Geschichte dieser Short Stories Sammlung von Ernest Hemingway, verachten sich alle drei Protagonisten gegenseitig. Margot ist nur mit Francis zusammen, weil er Geld hat und er mit ihr nur, weil sie schön ist. Robert wiederum verachtet beide, aber er bekommt Geld dafür, dass er sie auf wehrlose Tiere schießen lässt. Der Jäger als Prostituierte. Afrika als Wildpark für besitzende Weiße. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber als Hemingway seine Geschichten schrieb, schien die Macht des weißen Mannes noch ungebrochen. Nicht nur in Afrika. Auch „Schnee auf dem Kilimandscharo“, der titelgebenden Story dieses Sammelbandes, spielt in Afrika, nahe dem Ngaje Ngai, Haus Gottes, wie die Masai den westlichen Gipfel des höchsten Berges Afrikas nennen. In dieser Geschichte geht es auch um ein Paar, diesmal ist sie die Reiche und er der Mittellose. Harry, der Schriftsteller, der sein eigenes Talent verrät, weil er die ganze Zeit trinkt, statt zu arbeiten. „Es gab so viel zu schreiben. (…) Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Pflicht, darüber zu schreiben; aber jetzt würde er das nie mehr tun.“ Kann seine Frau ihn noch retten?

Die Sorgen eines Boxers vor seinem letzten Kampf

Mr. Frazer, der Spieler in „Der Spieler, die Nonne und das Radio“, findet sein Opium in der Revolution: „Revolution ist eine Katharsis; eine Ekstase, die nur durch Tyrannei verlängert werden kann“. Nicholas Adams, der gleich in zwei Geschichten vorkommt, wiederum tingelt mit seinem Sohn durch Amerika und schießt auf Eichhörnchen und Wachteln. Er hatte bei den Ojibwa gelernt, aber sein Sohn will seinen Großvater besuchen. Auch in „Die Killer“ ist Nick Adams ein Protagonist, der eine unheilschwangere Botschaft an Ole Andersen überbringt. Und in „Wie Du niemals sein wirst“ dient Nick an der Front in Italien, auf dem Weg nach Fornaci. „Fünfzigtausend“ wettet der Boxer Jack Brennan in der gleichnamigen Story gegen sich selbst. Vor seinem letzten Kampf denkt er an seine Sorgen, seine Immobilien, seine Aktien, seine Kinder, seine Frau. 11 Runden hält er durch, bis sein Trainer ihm zuruft: „Jimmy, pass auf!“.

Ernest Hemingway schreibt über Paare, Soldaten, Boxer und Jäger. Aber auch über Frauen. Stets ist sein Ton distanziert und dennoch voller Einfühlungsvermögen. Denn er kennt auch die Gedanken seiner Protagonistinnen. Alle Stories in diesem Band: Schnee auf dem Kilimandscharo; Ein sauberes, gut beleuchtetes Café; Ein Tag Warten; Der Spieler, die Nonne und das Radio; Väter und Söhne; In einem anderen Land; Die Killer; Wie du niemals sein wirst; Fünfzigtausend; Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber.

Ernest Hemingway

Schnee auf dem Kilimandscharo. Storys.

Aus dem Englischen von Werner Schmitz

1939, 1950, 1977, 2015;

ISBN: 978 3 499 27286 8

Rowohlt Taschenbuch Verlag


Genre: Abenteuer, Literatur, Männer, Short Stories
Illustrated by Rowohlt

Reineke Fuchs

Reineke Fuchs, die Tierfabel für Erwachsene

Reineke Fuchs: Die Geschichte über den schlauen Fuchs ist schon mehrere Jahrhunderte alt, aber dennoch brandaktuell. Das parabelhafte Epos, das erstmals 1498 in deutscher Sprache erschien, wird in dieser wunderschön illustrierten Ausgabe von Matthias Reiner nacherzählt. Reinhard Michl hat in seinen Illustrationen geradezu Ikonen geschaffen, so gut sind seine Zeichnungen gelungen.

Reineke Fuchs, der schlaue Fuchs

Das Volksbuch, Klassiker und Kinderbuch, ist zwar schon in unzähligen Auflagen und Ausgaben erschienen, aber die vorliegende ist auch von außen wunderbar gestaltet und ausgeführt. Für diese wundervolle Ausgabe der Insel-Bücherei wird der Urtext nacherzählt, die Reinhard Michl mit seinen unverwechselbaren Bildern illustriert. Aber kommen wir zur Handlung. König Nobel lässt zu Pfingsten alle Tiere wie jedes Jahr zum Hoftag rufen. Bis auf einen erscheinen alle. Und wohl gerade deswegen hört der König einen Haufen Klagen über ihn. Richtig geraten, Reineke Fuchs ist der Abkömmling, der sich drückt. Also sendet Nobel hintereinander drei Boten aus, den Luderling zu ermahnen. Als erstes schickt er Braun, den Bär. Der zweite Emissär wird Hinze, der Kater. Die dritte Mission übernimmt Grimbart, der Dachs. Aber alle drei trickst der Trickster Reineke Fuchs aus. Bis er schließlich doch vor dem König erscheint, um auch ihn an der Nase herumzuführen. Aber zuvor liegt ihm schon die Schlinge um den Hals, denn die Liste der Kläger ist lange. Doch Reineke überlegt sich eine neue List und bringt es damit sogar bis zum Kanzler. Aber zuvor muss er noch den Wolf Isegrim besiegen. Matthias Reiner erzählt wie’s gelingt. Und am Ende hat der Fuchs den Siegelring des Königs und sein Wort ist fortan Gesetz. Drei kleine Füchse trollen sich schon zu seinen Füßen.

Tierfabel für Erwachsene

Und wie sagte schon Goethe? „Vor Jahrhunderten hätte dies ein Dichter gesungen? Der Stoff ist ja von gestern und heut’!“ Am Ende siegt nicht Weisheit oder Gerechtigkeit, sondern der trickreiste und skrupelloseste Protagonist, der begabteste Lügner. Aber natürlich kann man diese – übrigens nicht ganz jugendfreie Geschichte – auch anders lesen: auch ein Sündenbock soll mal zum Zuge kommen.

Matthias Reiner
Reineke Fuchs
Nacherzählt und mit einem Nachwort versehen von Matthias Reiner. Illustriert von Reinhard Michl
D: 18,00 € /A: 18,50 € /CH: 25,90 sFr
2019, Insel-Bücherei 2037, Gebunden, 89 Seiten
ISBN: 978-3-458-20037-6

Insel Verlag, Suhrkamp

 


Genre: Fabel, Illustrationen, Märchen
Illustrated by Insel Taschenbuch

Asterix redt Wienerisch! „Es Brojeggd“

Das 5. Asterix Abenteuer auf Wienerisch

Asterix redt Wienerisch! „Es Brojeggd“: „Mia schreim es Fuffzgajoa vuan Dschiesas“, heißt es in der ersten Zeile in diesem erstmals unter dem Titel „Trabantenstadt“ (17. Asterix-Band) auf Deutsch erschienen Asterix-Abenteuer, das von dem Mundart-Musiker Ernst Molden ins Wienerische übertragen wurde. Statt „Großwoudsiedlung“ wurde aber der Titel „Es Brojeggd“ verwendet, also auf Deutsch: „Das Projekt“.

„Römische“ Siedlungspolitik

Ein solches Projekt hat kein Geringerer als Julius Caesar für die Umgebung des kleinen gallischen Dorfes geplant. Er will römische Siedlungen so nahe an dessen Grenzen heranbauen, dass dieses früher oder später quasi von selbst verschwinden wird. Caesar beauftragt sogleich einen Architekten, der sein ehrgeiziges Projekt schnell verwirklichen möchte, wären da nicht …die Gallier! Die für den Bau herangezogenen Sklaven werden von den Einwohnern des Dorfes mit Zaubertrank versorgt, damit diese gegen ihren Auftrag revoltieren, aber dienstbeflissen wie sie sind, handeln sie lieber eine „sozialbaatnaschofdleche Einigung“ aus und arbeiten munter weiter. Die ersten Siedler kaufen denn auch gerne im gallischen Dorf ein und säen Zwietracht unter den ohnehin streitsüchtigen Bewohnern. Ob sich Majestix da eine Lösung dafür ausdenken wird können? Oder muss wieder Asterix ran?

„Gegn de Röma und gengan Lauf da Zeit“

Soviel darf hier gespoilert werden: nicht nur dass Ernst Molden Troubadix einen Wanda–Hit (es wird nicht verraten welcher!) trällern darf um die ersten Mieter der Großwoudsiedlung zu vertreiben, sondern auch das Glossarium am Ende des Bandes sind wirklich hilfreich bei der Übersetzung der Übersetzung. Und besonders wohltuend ist auch dieses Mal wieder das Abendmahl am Ende des Abenteuers zu dem es frei getextet von Ernst Molden heißt, die Gallier hätten gleich zwei Siege errungen: „Gegn de Röma und gengan Lauf da Zeit“. Das möchte man sich selbst auch gerne wünschen. Der fünfte wienerische Band der Asterix-Mundart-Reihe der Egmont Comic Collection haut wieder voll rein. Asterix redt Wienerisch! „Es Brojeggd“!

Rene Goscinny/Albert Uderzo

Asterix redt Wienerisch! „Es Brojeggd“

Übertragen von Ernst Molden

Egmont Comic Collection,

2020, 48 Seiten, Hardcover

ISBN 978-3-7704-4065-8

Ehapa

€ 14,00

Copyright: ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2020 LES EDITIONS ALBERT RENE / GOSCINNY – UDERZO. Auf Deutsch erscheinen die Abenteuer von Asterix & Co. bei der Egmont Comic Collection.

Rote Kreuze

Rote Kreuze: ein Roman gegen das Vergessen. Der fünfte ins deutsche übersetzte Roman des leidenschaftlichen Fußballfans und Autors aus Minsk könnte autobiographisch sein, so wie jede Geschichte ein kleines bisschen Wahrheit enthält. Die in „Rote Kreuze“ geschilderten Ereignisse könnten allerdings tatsächlich genauso geschehen sein. Denn das 20. Jahrhundert ist voll von solchen absurden und traurigen, aber dennoch sehr unterhaltsamen Geschichten.

„Trauerfanfaren und Tragödienpathos“

Der junge Alexander zieht nach einer Lebenskrise mit seiner Tochter nach Minsk und begegnet in seiner neuen Bleibe der über neunzigjährigen Tatjana Alexejewna, die unter Alzheimer leidet. Bevor sie alles vergisst, will sie aber Alexander noch alles erzählen. Doch dieser weigert sich anfänglich, weil er glaubt, selbst so aus seinem Leben gerissen zu sein, dass seine eigene Tragödie die weitaus schlimmere ist. Aber die alte Dame erzählt ihm die Geschichte ihres Lebens so eindrücklich, dass er bald von selbst bei ihr anklopft, um die Fortsetzung und schließlich das tragische Ende zu erfahren. Schließlich umspannt ihre Geschichte das ganze russische 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecken und Tragödien.

„Biographie der Angst“

Ihr Vater gehörte zu einer der wenigen Menschen, der zur Zeit der russischen Revolution nach Russland, „ins Epizentrum der Geschichte“, statt von Russland wegzog. Alexej Alexejewitsch Bely war nicht unbedingt Kommunist, aber er glaubte daran, dass dort der „neue Mensch“ und die „neue Zeit“ beginne. Das war aber erst der Anfang von Tatjana’s Verhängnis. Dann mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 begann ihre eigentliche Tragödie, die ihren Anfang eigentlich mit einem absichtlichen Tippfehler nahm. Als Angehörige eines politisch Verfolgten muss Tatjana ihr Leben in einem sowjetischen Lager verbringen, jedoch stellt sich am Ende alles als eine absurde Verwechslung heraus. Die Pointe des Romans hat es tatsächlich in sich und man liest ihn voller Spannung in einem Atemzug zu Ende.

Eine düstere Anklage an Gott. Aber auch an die Sowjetmacht und letztendlich eine Gemahnung, dass man sich die Probleme meist selbst einhandelt, wenn man versucht, etwas vermeintlich Gutes zu tun und sich oder die eigenen zu schützen. Sasha Filipenko hat mit „Rote Kreuze“ den Roman des russischen 20. Jahrhunderts geschrieben.

Sasha Filipenko
Rote Kreuze
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
2020, Hardcover, Leinen, Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN: 978-3-257-07124-5
€ (D) 22.00 / sFr 30.00 / € (A) 22.70

Diogenes Verlag

 


Genre: Biographien, Romane
Illustrated by Diogenes

Batman: Ein Todesfall in der Familie

Batman: Ein Todesfall in der Familie: In überarbeiteter Übersetzung ist dieser Tage das Batman-Abenteuer „Ein Todesfall in der Familie“ erschienen. Im Mittelpunkt steht der zweite von Bruce Wayne als Robin angeheuerte Waisenknabe Jason Todd, den Batman beim Klauen eines Reifens seines Batmobils aufschnappte. In seinem letzte Abenteuer wurden die Leser des Comics durch eine Telefonumfrage direkt involviert.

Robin: Abschied eines Schützlings

Robin will die because the Joker wants revenge, but you can prevent it with a telephone call“, hieß es damals im dritten Teil der Handlung in einem seitengroßen Inserat. Dabei war Robin eigentlich schon von Anfang an mit dabei. Im April 1940 tauchte er erstmals an der Seite des Dunklen Ritters (seit 1939) auf und wurde nach dem amerikanischen Rotkehlchen benannt. Damals war es noch der Abkömmling einer Zirkusfamilie, Dick Grayson, der nach der Ermordung seiner Eltern unter die Fittiche Bruce Waynes und bald auch Batmans kam. Aber alsbald entwuchs er seiner Rolle als ewig jugendlicher Sidekick Batmans und machte sich als Nightwing selbständig. 1983 stieg Jason Todd erstmals in einem Comic von Gerry Conway und Don Newton in seine Fußstapfen als Robin. 1988 fand dann die oben zitierte Telefonabstimmung statt, mit dem bekannten Ergebnis.

Batman: Wiedervereint im Nahen Osten

Jim Starlin und Jim Aparo lassen Robin in einem Abenteuer gegen den skrupellosen Joker ein letztes Mal glänzen und dies sogar mit Effet. Denn Robin findet heraus, dass seine Mutter eigentlich nur seine Stiefmutter ist und will nun natürlich wissen, wer seine wirkliche Mutter ist. In Frage kommen gleich drei Frauen: Sharon Rosen, eine israelische Geheimagentin, Shiva Woosan, Söldnerin in Beirut und Dr. Sheila Haywood, die für die Hungerhilfe in Äthiopien arbeitet. Nach einem Streit verlässt Robin seinen Ziehvater Batman und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter. Wie es der Zufall will, treffen sich die beiden aber wieder im Libanon. Können Batman und Robin den neuen iranischen Außenminister Joker noch aufhalten? Denn der Konferenzraum der UNO ist voll mit Menschen, die der Joker ermorden will…

Zum 80. Geburtstag Batmans wurde dieses Abenteuer aber nicht nur in seiner Übersetzung überarbeitet, sondern auch der bisherige Titel „Ein Tod in der Familie“ in „Ein Todesfall in der Familie“ umgeändert.

Jim Starlin/Jim Aparo

Batman: Ein Todesfall in der Familie

(Storys:Batman 426-429)
2019, Softcover, Paperback, 148 Seiten

ISBN: 978-3-741615429

Panini Comics

16,99 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Superheldin Harley Quinn

Birds of Prey: Harley Quinn

Die erste Comic-Verfilmung des Jahres startet im Kino und rückt die DC-Superheldinnen in die erste Reihe. Der Filmtitel „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“ will zeigen, wie die (Ex-)Freundin des Jokers  sich freispielt und zu einer eigenen DC-Superheldin wird.

Solo einer Superheldin

Panini veröffentlicht zeitgleich zum Film eine ganze Reihe von Birds of Prey-Lesestoff. Aber auch andere Superheldinnen wie Black Canary und Huntress spielen dabei an der Seite der von Margot Robbie verkörperten Lieblingsfigur aller Cosplayer, Harley Quinn, eine wichtige Rolle. Die Ursprünge der Birds of Prey-Story reichen sogar bis ins Jahr 1996 zurück, als sie in der dritten Ausgabe der mit ständig wechselnden Inhalten aufwartenden Showcase-Reihe erschien. Danach erschien einer vierteilige Mini-Serie (Black Canary / Oracle: Birds of Prey). Zwei Jahre später, 1998, wurde eine fortlaufende Serie gestartet, die bis 2014 lief und sage und schreibe 170 Ausgaben erreichte. Die Serie wurde anfangs von Chuck Dixon gestaltet, dann ab Ausgabe 56 übernahm Gail Simone die Serie federführend. Zuletzt schrieben Duane Swierczynski und Christy Marx die Birds of Prey Geschichten. Die Zeichner der Serie waren verschiedene Künstler, darunter Ed Benes, Joe Bennett, Greg Land und Nicola Scott.

Birds of Prey: der Knaller

Neben der neuen (zweiten) Anthologie, die gerade bei Panini erschien und mit der ersten Birds of Prey-Story aus dem Jahr 1996 eröffnet wird, sind darin außerdem 13 weitere Geschichten bis zum Jahr 2017 enthalten. Darunter auch Storys, die die unterschiedlichen Team-Zusammensetzungen über die Zeit hinweg zeigen. So gibt es darin Harley Quinn Crossovers mit Anti-Heldinnen wie Catwoman und Poison Ivy aber auch das schwierige Verhältnis zu den männlichen Kollegen wie Batman, Nightwing und Robin wird darin thematisiert. Zwei Sonderbände, die sich besonders den beiden Hauptprotagonistinnen aus dem Film – Black Canary und Huntress – widmen nennen sich „Birds of Prey: Huntress“ und „Birds of Prey: Black Canary“. Andere Comic-Veröffentlichungen zum Film haben natürlich auch ausschließlich Harley Quinn im Fokus. Darunter Band 4 der Knaller-Kollektion und ein weiterer Greatest Hits-Band, sowie ein Birds of Prey: Harley Quinn Special und das erste Album des Dreiteilers Harleen, einer grandiosen Neuinterpretation der Figur von Ausnahmekünstler Stjepan Sejic.

Neuerscheinungen bei Panini

Speziell zum Erscheinen des Films „Harley Quinn: Birds of Prey“ bietet Panini auch ein Birds of Prey Bundle an, bei dem die Fans neben Comics zusätzlich auch noch eine Harley Quinn-Uhr erhalten. Einem verrückten Harley Quinn Frühling steht somit also nichts mehr im Wege.

Birds of Prey – Harley Quinn

Zeichner:Amanda Conner, Gary Frank, Greg Land, John Timms, Michael Lark
Autor:Amanda Conner, Chuck Dixon, Greg Rucka, Jimmy Palmiotti, Julie Benson, Shawna Benson
Charaktere:Black Canary, Harley Quinn, Huntress
Einsteigerfreundlich:Ja
Format: Hardcover
Kategorie: Comics
Marke:Birds of Prey, Harley Quinn
Seitenzahl: 372
Storys: Batgirl And The Birds Of Prey 8-10, Batgirl And The Birds Of Prey: Rebirth 1, Batman 567, Black Canary/Oracle: Birds Of Prey 1, Detective Comics (1937) 734, Gotham Central 1-2, Harley Quinn Annual (2014), Nightwing and Huntress (1998) 1-2, Secret Origins 4 + 11
Thema: Superheldinnen


Genre: Comics, DC, Film, Frauenpower, Graphic Novel, Superheldinnen