Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories

Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.

Die Wiederentdeckung eines literarischen Talents

Ihre schwarzhumorigen Geschichten, geschrieben am Vorabend der größten Menschheitskatastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, sind auch heute noch brandaktuell und eröffnen geradezu ein Kaleidoskop an Intrigen, Begegnungen, Widersprüchen, Sehnsüchten, Grenzgängen und unerhörten Erfahrungen für alle Leser und Leserinnen. Im Nachwort erzählt der Herausgeber Albert C. Eibl aus Anlass des 130. Geburtstages der “Dichterprophetin” wie es zu der unglaublichen Wiederentdeckung einer Autorin kam, die geradezu eine Wiedergeburt erfährt, nicht nur in den Publikationen des DVB-Verlages, sondern auch auf den Bühnen der Welt und in zahlreichen Übersetzungen im Ausland. Die von Oskar Kokoschka mit einem Papageien porträtierte Schriftstellerin Maria Lazar musste 1933 aufgrund des national-sozialistischen Terrors ins dänische Exil auswandern und schrieb dort u.a. unter einem Pseudonym, Esther Grenen, damit sich ihre Werke besser veröffentlichen ließen. Die Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Übersetzerin nahm schon früh die tektonischen Verschiebungen des gesellschaftlichen Klimas in Mitteleuropa wahr und konnte so noch rechtzeitig fliehen. Die meisten der hier, in “Gedankenstrahlen” veröffentlichten Texte wurden zwischen 1937 und 1942 unter dem Pseudonym Esther Grenen in der renommierten Basler National-Zeitung erstabgedruckt, also schon nach der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Geschichten von Reisenden und Heimatsuchenden

“Raskolnikow in der Pension” heißt eine der insgesamt 31 in vorliegendem Band abgedruckten Geschichten und ganz klar eine Anspielung an Dostojewksi’s Schuld und Sühne. Der darin erwähnten Baronin wird allerdings ein anderes Schicksal zuteil und Raskolnikow ist natürlich kein Raskolnikow, sondern nur eine Russe, der sich über einen Vertrag ärgert. Auch “Es spukt im Hotel” spielt im Milieu der Reisenden oder Heimatsuchenden. Geteiltes Schicksal verbindet: “Aus zwei Hotelgästen waren wir zu Kameraden geworden”, schreibt Lazar. In “Der Mann, der die Stimme Gottes hörte” liest ein Ehemann von seiner Ehefrau in der Zeitung: “Sie sei ein leichtsinniges Geschöpf gewesen, ohne Lebensinhalt und inneres Licht, ohne Liebe für ihre Nächsten”. Und das sagte sie noch dazu über sich selbst in einem Vortrag! Als sie beginnt ihm Vorwürfe zu machen, dass er nur an Profit interessiert sei und sich nicht um das Wohlergehen der Menschheit schere, legt er sich eine neue Strategie zurecht: Divorce Proxy. Ein geheimnisvoller Dr. Ambrosius wiederum spielt eine Hauptrolle in “Ein dürftiges Herz”, wo eine Frau mit einem Briefbeschwerer in ihrem Büro erschlagen wird. Besonders oft verwendet Maria Lazar den Ausdruck “Hall”, also nicht das deutsche “Halle”, sondern die auf Englisch ausgesprochene Vorhalle, das Entree. Hier finden die Begegnungen statt. Hier stoßen Fremde auf Fremde und Neugierige auf noch mehr Stoff für ihre Beobachtungen. Ob die Maschine von Leo Pery aus der Titelgeschichte, die Gedanken beeinflussen kann, wohl wirklich funktioniert?

Maria Lazar
Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories
Erstmals aus dem Nachlass herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Albert C. Eibl.
2025, Hardcover mit Surbalinbezug und Lesebändchen, 412 Seiten
ISBN 978-3-903244-31-3.
Verlag Das Vergessene Buch DVB
€26,00


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by DVB Verlag

Das Ende der Demokratie

Das Ende der Demokratie.Werden die Gangs die Welt beherrschen?” Bereits in der 2. Auflage aufgrund der hohen Nachfrage: wen wundert’s? Die aktuelle Lage lässt durchaus an die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergegangenen Jahrhunderts denken. Nur dass das Problem nicht mehr nur Deutschland betrifft, sondern bereits die ganze Welt. Die Demokratie ist international in Gefahr.

It can’t happen now?

Werden die Gangs die Welt beherrschen?” lautet auch der Titel einer Reportage aus dem Deutschland des Jahres 1932 von Dorothy Thompson (1893–1961) in dem sie ein furchterregendes Zitat von Reichskanzler Brüning an den Anfang stellt: “Aber ich kann mir leicht einen Zustand vorstellen, in dem in einem Land nach dem anderen eine rechtmäßige Regierung unmöglich wird; einem Zustand in dem die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“, so Brüning. Nur ein Jahr später war es dann wirklich so weit und auch Brüning hatte die Schreckensherrschaft der Nazis, der “Gangster”, nicht verhindern können. Dabei hatte er richtig analysiert, dass neun Zehntel der Bevölkerung bitterarm sind und das letzte Zehntel “uns mit der Zurschaustellung von Luxus empört“. Noch weitaus präziser als Brüning analysiert die Journalistin Dorothy Thompson den Zustand Deutschlands Anfang der Dreißiger Jahre. Sie schrieb vor allem für die Saturday Evening Post, einer Zeitung, die in ihrem Renommee und ihrer Reichweite heute etwa dem New Yorker oder dem Spiegel vergleichbar ist, so Oliver Lubrich in seinem lesenswerten Nachwort. Als Ehefrau des Schriftstellers Sinclair Lewis, der mit “It can’t happen here” (1935) die Chancen des Faschismus in den USA selbst beschrieb hatte sie ohnehin schon ein gutes Standing. Aber mehr brachten es ihr scharfer Verstand und ihre Analysen in die Annalen des engagierten Journalismus. Als Zeitzeugin und auch als Historikerin erfasst sie die paranoide Phantasie von einem “Großen Austausch”, der das einheimische Eichhörnchen bedrohe und macht sie als “Grauhörnchenkomplott” lächerlich.

Demokratie Demontage durch Provinz-Phänomen-Populisten

Getragen sei die nationalsozialistische Bewegung vor allem vom Kleinbürgertum gewesen, der unteren Mittelklasse und nicht den Arbeitern, wie sie bei einer Berliner Sportpalastrede von Goebbels 1931 beobachtete (“Armut de Luxe“). In “Es muss etwas geschehen” porträtiert Dorothy Thompson die deutsche Jugend zwischen Faschismus und Kommunismus. Sie kennt sogar George Grosz und weiß, dass die von ihm karikierten Zeitgenossen alles tun werden, die nationale Wiederaufrüstung Deutschlands zu erreichen und die deutsche Arbeiterklasse zu unterdrücken. Mit “Zwei Seele wohnen auch in meiner Brust”, zitiert die Amerikanerin sogar Goethe und beschreibt diese Seelen als “militaristisch, chauvinistisch, überheblich und aggressiv” und gleichzeitig als Sehnsucht nach einem “idyllischen, wettbewerbsfreien und vereinfachten Leben” (dem alten Bauernleben). Dorothy Thompson bezeichnet den Nationalsozialismus sogar als “Provinz-Phänomen“, der auf einem Stadt-Land Gegensatz und einem Ost-West-Gegensatz beruhe. Eine “Revolution” der Landbevölkerung gegen die Städter und die gefährliche, reaktionäre Ostpreußen hätten den Aufstieg Hitlers ebenso begünstig wie der Erste Weltkrieg. Die Lektion der Geschichte lautet dabei, dass Hindenburg, Papen und Schleicher schon eine Diktatur geschafften hatten, bevor sie Hitler zum Diktator machten. Die Selbstüberschätzung der Konservativen, den Populisten einzubinden, kostete Deutschland die Republik und viele Millionen Menschen das Leben.

Pflichtlektüre für Schulen, Universitäten und die politischen Eliten

Die vorliegende Publikation glänzt durch eine Inhaltsangabe der elf Artikel, eine reiche Bebilderung, Faksimiles der Originalartikel aus der Saturday Evening Post, einem Literatur- und Quellenverzeichnis, Erläuterungen und einer Zeittafel. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Herbst 2026 und versammelt Reportagen aus dem Deutschland der Jahre 1933-34 unter dem Titel “Der Anfang der Diktatur“. Pflichtlektüre für Schulen und Universitäten und absolut empfehlenswert allein aufgrund der Parallelen der aktuellen politischen Entwicklung. Ein zweites Mal sollten sich die konservativen Eliten nicht von Populisten täuschen lassen, es sei denn, sie wollen, dass die Geschichte sich knappe 100 Jahre später exakt genau so wiederholen wird. Ebenfalls bei DVB von Dorothy Thompson erschienen: “I Saw Hitler!” (1932), u.a.

Oliver Lubrich (Hrsg.)
Dorothy Thompson. Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932.
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Oliver Lubrich
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johanna von Koppenfels
Mit Lesebändchen und zahlreichen farbigen Abbildungen
2026, 2. Auflage, Hardcover, 424 Seiten
ISBN 978-3-903244-46-7
Verlag Das Vergessene Buch DVB
27 Euro


Genre: Faschismus, Geschichte, Politik
Illustrated by Verlag Das Vergessene Buch DVB

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ich bin kein großer Jäger, meine Frau ist es.” Als erster Comic überhaupt wurde das neue Werk der Wachauerin Ulli Lust mit dem deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Das will schon mal was heißen. Wer Ulli Lust kennt, wird sich zudem freuen, dass “Die Frau als Mensch” als Zweiteiler konzipiert ist. Man darf sich also jetzt schon auf die Fortsetzung freuen…

“Bist a Bui oder es Mensch?”

In klassischen – für Ulli Lust Kenner ungewohnten – Comicpanels beginnt der neue Comic in der alten Wachauer Heimat der Autorin und Zeichnerin. Dort werden – heute noch – Burschen als “Bui” und Mädchen als “Mensch” bezeichnet. Aber schon nach einigen Seiten ist Ulli Lust wieder in ihrem Element und löst die strengen Linien der klassischen Comicpanels zugunsten ihres eigenen großflächigen Stils wieder auf. Das ist angesichts der Fülle des Materials, das Lust präsentiert, einfach praktischer und hat zudem damit zu tun, dass sie in “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” eben keine klassische Comicgeschichte erzählt, sondern eigentlich ein Sachcomic gestaltet hat, das sich mit der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit beschäftigt und darin die Rolle der Frau(en) in den Mittelpunkt stellt. Lange Zeit wurde nämlich angenommen, dass die Frauen die Sammler und die Männer die Jäger in den sog. Jäger- und Sammlergemeinschaften der Ur- und Frühzeit gewesen seien. Mitnichten. Die Figurinen die aus der Frühgeschichte noch erhalten sind (Venus von Willendorf u.ä.) seien nämlich wahrscheinlich nicht nur von Frauen hergestellt worden, sondern untermauerten auch die führende Rolle der Frau in den prähistorischen Gesellschaften, so eine Interpretation Lusts. Nicht Aggression, sondern Empathie in Verbindung mit Kognition hätten die frühen menschlichen Gesellschaften vorangebracht. Die Interpretation der Frühgeschichte sei allzuoft von männlichen Forschern des 19. Jahrhunderts gemacht worden und widerspiegeln so nur die damaligen (gewünschten) Herrschaftsverhältnisse. Es kommt eben ganz auf den Erzähler an, wie die Erzählung wirklich ausgeht. So viel zur männlichen Wissenschaft.

“Wir sind eine liebesbedürftige Art”

In “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” lernen wir etwa über die viel friedlicheren Bonobos, die den Schimpansen – von denen der Mensch anscheinend abstammt – einiges voraus haben. So hätten sie nicht nur Sex mit Frauen, sondern seien auch noch promiskuitiv. Auch die Menschen seien eine “liebesbedürftige Art“, wie Lust schreibt, und bedürften viel Wärme und Zuneigung, wie man an Babys und Kleinkindern sehen könne. “Kein Lebewesen auf der Welt reift so langsam wie ein menschliches Kind“, zitiert Lust die US-amerikanische Anthropologin Sarah Blazer Hrdy. Auch die Neigung, Fremden vertrauensvoll zu begegnen, sei im Tierreich ungewöhnlich. Für den Mensch – damals eine verschwindende Minderheit – jedoch ein überlebensnotwendiger Vorteil. Was internationale Konzerne in Afrika angerichtet haben erzählt Ulli Lust am Beispiel der Khoisan, eine Sammelbezeichnung für die ältesten indigenen Völker des südlichen Afrikas am Beispiel Botswanas. Wilderei ist sogar heute noch ein Problem und zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen der Khoisan, sondern auch die der Tiere. Als Comiczeichnerin legt Ulli Lust auch Gewicht auf die Höhlenmalerei, die teilweise älter als 48.000 Jahre alt sind und zeigen, dass der Wille Geschichten zu erzählen schon bei den Urmenschen ein ureigenes Bedürfnis war. Ein weiterer interessanter Exkurs, ist wie Ulli Lust die Malitsa erklärt, die Kleidung der Nenze aus reinem Rentierfell, die vor Temperaturen von bis zu -62 Grad schützt. Auch die Bedeutung des Feuers und der Schamaninnen – die japanischen Ainu nannten ihre toten Ahnen “die unter dem Feuer wohnen” – wird hervorgehoben und auf ansprechende Weise zeichnerisch dargestellt.

Die Weitergabe des Feuers

Teil 2: Die Schamaninnen

Mongolische Ureinwohner hätten gesagt: “Die Seele des Feuers ist ein freches Mädchen, das dem, der gut zuhört, Geschichten erzählen kann” und genau da hat auch Ulli Lust getan. Und für alle die es immer noch nicht glauben wollen, dass Comics die 9. Kunst sind zitiert Ulli Lust auf ihrer allerletzten Seite Berufskollegen und Comiczeichnerveteran Alan Moore: “Ich glaube Magie ist Kunst und Kunst ist buchstäblich Magie. (…) Kunst ist wie Magie, die wissenschaftliche Symbole, Wörter oder Bilder zu manipulieren und um Bewusstseinsveränderungen zu erreichen.” Tradition ist eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Teil 2 “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” erscheint bei Reprodukt im Februar dieses Jahres.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte
2025, Hardcover, 256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-445-0
Reprodukt Verlag
€29,00


Genre: Comic
Illustrated by Reprodukt, Reproduktionen

Batman – Full Moon

Wenn Vollmond ist, kommt heraus…was in mir ist.” Die Zeit der Supermonde ist auch im Batman Black Label angekommen. Eigentlich wollte Autor Rodney Barnes einen Vampirbatman, doch dann bemerkte er, dass es noch nie einen Werwolfbatman gegeben hatte. Und siehe da:  Batman – Full Moon!

Einmal im Monat: Der Werwolf in uns

Einmal im Monat wird der ehemalige Soldat Christian Talbot in den Werwolf verwandelt. Er tötet alles, was er zu fassen kriegt und macht auch vor Freunden oder SozialarbeiterInnen keinen Halt. Es ist die Natur in ihm, die hervorbricht und gegen die er sich nicht wehren kann. Seine Krankheit, im Fachjargon Lykanthropie, versucht er bei Wayne Pharmaceuticals in Gotham behandeln zu lassen, aber nada. Außer einem großen Malheur kein Ergebnis. Batman, der selbst nicht so ganz an die Lykanthropie als Legende eines von einem Fluch befallenen Menschen glauben will, beauftragt den Forscher Dr. Kirk Langstrom, der auch als Man-Bat bekannt ist. Weitere Schützenhilfe bekommt der Dunkle Ritter auch von seiner Freundin Zatanna, die sich u.a. gegen die sexistischen Übergriffe von Constantine wehren muss. “Menschen die nicht zu den 1% gehören, gehen jeden Tag mit Elend um. Mit erhobenem Haupt und Würde.”, klärt Zatanna den Millionärssohn Wayne bei ihrer gemeinsamen Wanderung durch Rumänien auf.

Der Werwolf im Bat-Kostüm

Ein einfaches `Fuck off´ hätt’s auch getan“, meint der ansonsten als distinguierter Gentleman bekannte Commissioner Gordon zu Alfred Pennyworth. Denn als auch Batman von dem “Virus” befallen wird, heißt es Loyalität zu zeigen. “Trauer ist Liebe, die kein Ziel hat, ich hab sie und meine Wut darauf gerichtet, Gotham – die ganze Welt – zu einem besseren Ort zu machen.“, weiß Bruce Wayne, der selbst einige große Opfer zu beklagen hat. Die Werwolf-Geschichte von Autor Rodney Barnes wurde von Zeichner Stevan Subic zappenduster in Szene gesetzt, wovon man sich hier gerne selbst überzeugen kann. Erwähnenswert sind hier auch die Variant-Covers am Ende der Erzählung und natürlich ein heulender Vollmond mit ganz viel oranger Blutfarbe und nachtwandlerischer Atmosphäre.

Rodney Barnes/Stevan Subic
Batman – Full Moon
(Original Storys: Batman: Full Moon 1–4)
2025, Softcover, 152 Seiten,
ISBN: 9783741645785
Panini Verlag
20,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Venedig unterm Doppeladler

Venedig unterm Doppeladler

Venedig unterm Doppeladler. San Geminiano, das harmonische Gegenstück der Renaissance zur byzantinischen Opulenz der Basilika von San Marco, musste den Plänen eines machthungrigen Potentaten weichen: Napoleon plante einen Ballsaal an der Stelle der 1000-jährigen Kirche und ließ sie kurzerhand abreißen. Auch das erinnert an die Gegenwart, in der wir glaubten die Tyrannen der Welt bereits abgeschüttelt zu haben.

Von Napoleons Gnaden

Einer dieser Tyrannen war Napoleon, zumindest wenn man den Ausführungen Werner Stanzls Glauben schenken darf. Aber ohne Napoleon wäre Venedig wohl niemals zu Österreich gekommen. Und genau davon handelt diese reich bebilderte Geschichte, mit Quellenangaben, Fotos, zeitgenössischen Gemälden uvam. Auch eine Reihe weiterer wichtiger Kirchen und Bürgerhäuser mussten den ehrgeizigen Plänen des kaiserlichen Banausen und Emporkömmlings in Venedig weichen. Napoleon ließ nämlich einen Park erbauen, da wo sich heute die Giardini befinden. Neben den baulichen Veränderungen verlangte der Kaiser der Franzosen aber auch Kriegsreparationen: Zahlung von drei Millionen Turineser-Lire (520 Millionen Euro) an die Armee, Übergabe der Schifssausrüstungen im Wert von weiteren drei Millionen, zwei Fregatten, vier Linienschiffe und die Übernahme der Stationierungskosten. Neben einer Reihe von Gemälden von Paolo Veronese und Gentile Bellini sowie weiterer unschätzbarer Kunstgegenstände, die Napoleon in den Louvre entführte, stahl er auch noch die Pferde von San Marco, die Quadriga, das Symbol des Römischen Imperiums, das die Venezianer selbst in Konstantinopel (Istanbul) gestohlen hatten.

Venedig und Lombardo-Venetien

Der bejubelte Einstand der Österreicher, die 1815 die Quadriga aus dem besiegten Frankreich wieder in das von ihnen besetzte Venedig zurückbrachten, schrieb Geschichte. Dennoch waren die Österreicher nicht minder beliebt wie die plündernden Franzosen, die Österreich gerade einmal “den Rest” von Venedig überlassen hatten. Österreichs Kaiser Franz I. stand ohnehin nicht nur in Venedig vor einem Trümmerhaufen. Einer dieser vielen Trümmerhaufen war auch eine überlebensgroße Statue Napoleons am prominenten Markusplatz Venedigs, Piazza San Marco, die ihn als Athleten nach der Dusche mit ausgestrecktem rechten Arm zeigte, ganz so als würde er prüfen ob es regnet. Die Eilands abgerissene Statue war den Venezianern selbst “raganella” (Wetterfrosch) getauft worden. Um die darniederliegende venezianische Wirtschaft zu einem Aufschwung zu verhelfen und Investoren anzulocken, erklärte Kaiser Franz I. Venedig zum Freihafen, aber die “Beibehaltung der Verbrauchssteuer für einige Güter des Grundbedarfs und die Monopolgüter Salz und Tabak dämpfte bald die ursprüngliche “Begeisterung” der Venezianer. Auch die Einführung der Stockhiebe mittels Schlagstock zur Erpressung von Geständnissen Beschuldigter stieß verständlicherweise auf wenig Gegenliebe.

Venedig: Ein Versäumnis

Zudem erfuhr die versprochene Beendigung der Zwangsrekrutierung (unter Napoleon waren 27.000 Venezianer im Russlandfeldzug umgekommen) eine Reformierung: 3000 Soldaten verlangte der Kaiser nun doch vom “Veneto”. Auch dass Mailand und nicht Venedig – jahrhundertelang der Nabel der Welt – zur Hauptstadt der kaiserlichen Provinz Lombardo-Venetien ernannt wurde, erzürnte die Venezianer aufs Äußerste. Der gelernte Journalist und Dokumentarfilmer Werner Stanzl zeigt die sieben Jahrzehnte österreichischer Herrschaft in Venedig vor allem als Versäumnis. Nach der versuchten Revolution von 1848 wurde unter dem 19-jährigen Kaiser Franz Josef alles noch viel schlimmer: er gebärdete sich als War Lord und ließ Feldmarschall Radetzky alles niederkartätschen. Durch die Niederlage gegen Preußen und das Risorgimento ging Venedig dann an das Königreich Italien – als exterritoriales Gebiet.

Werner Stanzl
Venedig unterm Doppeladler.
Zwischen Arrangement und Kolonialismus
2024, Hardcover, 1. Auflage, 272 Seiten
ISBN: 978-3-99103-022-5
KRAL Verlag
39,90 EUR


Illustrated by Kral Verlag

Die Punks in der Wiener Gassergasse

Die Punks in der Wiener Gassergasse. “GAGA”, das stand in Achtziger Jahren in Wien weder für Lady noch für Radio, sondern für das erste selbstverwaltete Punk-Projekt in der Gassergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk. Aber gerade als der Autor mit seiner Feldstudie begann wurde es auch schon wieder beendet. Die Räumung der GAGA jährte sich 2023 zum 40. mal.

Wiener GAGA-Punk als Lebensstil

Wien und Punk? Gemeinhin wird ja eher London damit assoziiert, als die verschlafene Walzerstadt an der Donau. Aber Herbert Grabner, der Verfasser der hier vorliegenden soziologischen Diplomarbeit, zeigt wie bunt Wien schon damals war und fängt die Aufbruchstimmung der Punk-Welle ein, noch bevor sie völlig in der Kalten Krieg Atmosphäre der Achtziger verendete und verebbte. Der Autor gibt den Leser:innen Einblick in die Lebenswege und Einstellungen der Jugendlichen, die sich für The Clash, Sex Pistols u.ä. auch in Wien begeistern konnten. Mehr noch war Punk allerdings auch ein Lebensstil vor allem für Jugendliche, die aus desolaten Elternhäusern geflohen waren und versuchten, sich etwas Eigenständiges aufzubauen. Neben der soziologischen Einleitung und Heranführung zum Thema durch Erklärung der angewandten Methodik ist das Kernstück seiner Arbeit der Interviewblock mit zwei Exponenten und einer Exponentin, damals ca. 19 Jahre alt. 40 Jahre nach Veröffentlichung einer Kurzfassung in der österreichischen „Zeitschrift für Soziologie“ liegt hier nun auch die gesamte, redigierte Fassung der Diplomarbeit für eine interessierte Öffentlichkeit vor und kann über die Homepage der engagierten “Bibliothek der Provinz” erworben werden. Eine gute Möglichkeit also, sich wieder mit Utopien zu beschäftigen und sich nach Alternativen zur heutigen Konsumwelt zu informieren. Auch wenn die Bilanz für manche dann vielleicht etwas ernüchternd ausfällt.

“…des is (k)a Witz”

Das „Autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse“ im 5. Wiener Gemeindebezirk, meist kurz „Gaga“ genannt, war von den Jugendkrawallen in Zürich, Berlin, Brighton, London etc., inspiriert. Es beherbergte in der Hoch-Zeit bis zu 30 Initiativen. Die Stadt Wien (nach Schweizer Vorbild) unterstützte vorerst das auf einem ehemaligen Industriegelände ein „Freiraum“ für diverse Außenseiter der Gesellschaft etabliert werden sollte. Die „lumpenproletarische Selbstinszenierung“ der Punks beruhte auf einer ideologischen Ausrichtung gegen Konsum und Besitzansprüche und sympathisierte mit Revolte und Anarchie, Drogenkonsum und Delinquenz, wie auch Rolf Lindner in der Einleitung erläutert. Die Jugendlichen der GAGA stellten die “Legitimität der herrschenden Kulturideologie in Frage” und stellte sich mit einem langfristig nicht überlebensfähigen Modell in Totalopposition. Einerseits stigmatisierten sie sich als “häßlich”, andererseits hatten sie genau diese Fremddefinition auch bereitwillig übernommen. Zusätzliche Authentizität bekommt die Untersuchung von Grabner durch umgangssprachliche Zitate der drei Interviewpartner im Wienerischen. Viele Fotografien aus der GAGA und ihren Bewohnern:innen ergänzen die inhaltlichen Ausführungen zu Geschlechterparität, Schnorren als Job und dem Traum einer anderen Welt ohne Konsumdenken. “i hab des erste Mal im meinen Leben a haus ghabt, und jetzt is des alles aus”, sagt einer und spricht aus, was sich viele denken. Statt die Jugendlichen einzuschüchtern, hätte es vielleicht geholfen, ihnen zuzuhören. Herbert Grabner tat es und das liest sich auch heute noch gut.

Herbert Grabner
Die Punks in der Wiener Gassergasse
Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984
19×12,5 cm, 200 Seiten, zahlr. S/W-Abb., fadengeheftetes Hardcover
ISBN: 978-3-99126-221-3
Bibliothek der Provinz
22,00 €


Genre: Feldstudie, Postpunk, Sozilogie, Soziologie, Wien

Dr. Katze: die Magie des Schnurrens

Dr. Katze. Eigentlich waren Katzen gar nicht als Therapietiere im Kinderhospiz Lichtblickhof geplant. Aber eigenwillig wie Katzen nun einmal sind, haben sie sich einfach selbst bemerkbar gemacht, wie sie mit den jungen Patient:innen interagieren möchten. Erst nach und nach hat sich daraus eine Therapiekatzen-Ausbildung entwickelt, die hier, in “Dr. Katze” vorgestellt wird.

Dr. Katze und das innere Kind

Fuchur und Jonathan heißen die beiden Co-Therapeuten, die derzeit den drei Therapeutinnen, die Herausgeberinnen vorliegenden Ratgebers, zur Hand gehen und den Lichtblickhof in Wald/NÖ/Österreich rocken. Bei tiergestützter Therapie dachte man bisher vielleicht eher an Pferde oder Hunde, aber nicht unbedingt an Katzen, da sie als zu unabhängig und unnahbar gelten. Aber die jungen Patient:innen und das medizinische Fachpersonal im Kinderhospiz Lichtblickhof verweisen diese Vorurteile gegen die Samtpfaden in das Reich der Legenden. Renate Deimel, Karin Hediger und Roswitha Zink berichten von ihren Erfahrungen mit den Katern des Lichtblickhofs und der Therapiekatzen-Ausbildung und teilen ihre verblüffenden Ergebnisse in vorliegender, illustrierter Publikation mit der Öffentlichkeit. So sprechen sie etwas von der neuen Triade Mensch-Therapeut-Tier, denn der Aufbau des Vertrauens zwischen Patient und Therapeut fällt mittels eines Tieres wesentlich leichter. Das hängt u.a. auch damit zusammen: “Tiere helfen dabei, an das `innere Kind´ der Patienten anzubinden, weil viele Patienten sich an ihre Kindheit und den damaligen Wunsch nach der Nähe zu Tieren erinnern.”, so die Autorinnen. Das Verhalten von anderen Lebewesen wird oft durch das Zuschreiben mentaler Zustände interpretiert, das wir schon als Kleinkind erlernt haben. Dies wird zum Grundbaustein für gelingende soziale Interaktion. Dies macht man sich in der Tiertherapie zu Nutze, da Tiere stets alle Beteiligten ins Hier und Jetzt hole und so eine handlungsorientierte Therapie ermöglichen können, wie die Autorinnen nachvollziehbar erklären. Eine Klientin, die weder Arme und Bein bewegen konnte, sagte einmal, “Katzen berühren einen zarter als ein Lufthauch. Man könnte denken, es ist nicht ihr Körper, sondern ihre Aura, die einen streift!

Die Magie des Schnurrens

Auch wenn es wissenschaftlich noch nicht als erwiesen gilt, weiß doch jede/r wie wohltuend das Schnurren einer Katze für die eigene Seele ist, noch dazu, wenn sie sich auf einen drauflegt. Aber es gibt auch schon gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse! Einige Studien sprechen dafür, dass die Sterbewahrscheinlichkeit durch soziale Isolation, Einsamkeit und Alleinleben um 25-30 Prozent erhöht. Wer Haustiere hat, kann dem wirkungsvoll entgegenwirken. Das gilt für Hund und Katz’ u.a., aber Katzen haben sogar ein höheres Potential den Oxytocinspiegel ihrer Bezugsperson zu erhöhen und dadurch Stress, Angst oder gar Depressionen zu lindern, als Hunde. Außerdem haben Katzen ein 37% geringeres Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden. Katzen wirken für “einsame, ängstliche und depressive” Menschen oft wie eine “Selbstmedikation“. Tatsächlich steigt die Ausschüttung des Hormons Oxtocin beim Streicheln einer Katze im Menschen und bewirkt Reduktion von Stress. Es kann sogar Nähe, Vertrauen und emotionale Bedingung stärken. Wer mit seinem Stubentiger Kontakt aufnehmen will, kann dies durch unterschiedliche Kommunikationskanäle tun. “Langsames Blinzeln” etwa – es wird auch als “Katzenlächeln” bezeichnet – stärkt die Beziehung zwischen Bezugsperson und Katze. “Gerüche sind für Katzen so viel wichtiger als vieles andere, dass sie von einem Geruch auch völlig aus der Bahn geworfen werden können.” Die Geruchssprache ist eine Kommunikationsdimension, die wir Menschen längst verlernt haben, aber dennoch wirksame Folgen haben kann. Für Katzen ist diese Art der Kommunikation ein Spüren des anderen. Wer das wiedererlernen möchte, kann auf die Erfahrungen der drei Therapeutinnen des Lichtblickhofs in “Dr. Katze” zurückgreifen. Aber nicht vergessen: Im therapeutischen Kontext gilt: C-A-T. 1) choice and control 2) attention 3) touch.

Das vorliegende Psychologie-Sachbuch und Psychotherapie-Sachbuch über tiergestützte Therapie und positives Tiertraining hilft bei Tierschutz und Stressmanagement für Therapietiere sowie Supervision als wichtige Bausteine, um beste Wirkungen zu erzielen und tiergerecht Therapie mit Katzen aufzubauen. Die sichere Bindung, Körpersprache, buttonunterstützte Kommunikation (AIC) sowie die Natur als einige der Wirkfaktoren katzengestützter Therapie werden ebenso vorgestellt wie die Traumabewältigung im Zusammenhang mit Kinderpsychologie.

 

Renate Deimel, geboren 1987 in Wien, ist studierte Sonder- und Heilpädagogin sowie Psychotherapeutin. Ihre Arbeit mit Katzen und anderen Therapietieren am Lichtblickhof hilft Menschen in Trauer- und Traumasituationen. Sie lebt mit den Katern Fuchur und Jonathan in Wien.

Karin Hediger, geboren 1984 in Zürich, ist Professorin für Psychologie an der Universität Luzern, Psychotherapeutin und Traumatherapeutin. Sie leitet den universitären Ausbildungslehrgang für tiergestützte Therapie in der Schweiz. Sie lebt mit zwei Katzen in Luzern

Roswitha Zink, geboren 1978 in Wien, ist studierte Biologin und Psychotherapeutin. Sie ist die Gründerin des Kinderhospizes Lichtblickhof im Jahr 2001. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in wissenschaftlichen Projekten zur Kommunikation zwischen Tieren und Menschen. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt zum Thema unterstützte Kommunikation zwischen Kindern und Katzen. Sie lebt mit den Tieren des Lichtblickhofs auf einem Hof in Niederösterreich.

Renate Deimel/Karin Hediger/Roswitha Zink
Dr. Katze
2025, 224 Seiten / 145 mm x 210 mm
ISBN-13 9783711003454
ecoWing Verlag
24.00 EUR


Genre: Geschichte von Mensch und Tier, Psychotherapeuten, Ratgeber, Therapie
Illustrated by Ecowing

Peter Handke – Ein Langzeitportrait 1975-2024

2019 gewann der scheue, österreichische Dichter und Schriftsteller de Literaturnobelpreis. Einige Berichte zeigten den sprachlosen verstörten Dichter in seinem neuen Heim in Chaville bei Paris, wo er mehr oder weniger seit den 1990er Jahren lebt.

Fotos des jungen und weisen Schriftstellers

Über 50 Jahre hat die Fotografin Isolde Ohlbaum den Schriftsteller Peter Handke nun schon begleitet. Zum Jubiläum des Verlages schickte sie dem Verleger 500 Fotos aus denen er die vorliegenden 150 Photographien auswählte. Entstanden ist eine Art Photoessay, eine Biographie in Bildern, denn wir bekommen sowohl den ganz jungen Handke im Teatro Romano in Tusculum/Italien als auch den doch schon etwas gealterten Handke (geb. 1942 in Griffen, Kärnten) in Chaville zu sehen, wie er die Muscheln auf seinem Schreibtisch ordnet. Eine derartige Künstlerbiographie ist einzigartig, gibt es doch nicht viele Freundschaften, die über so viele Jahrzehnte kontinuierlich bestehen bleibt. So eine Langzeitbeobachtung einer öffentlichen Person, wie Isolde Ohlbaum sie erarbeitet hat, ist der Geschichte der Photographie wahrscheinlich sogar einmalig. Viele der Photographien sind in einer Art Reisemodus entstanden, im Kontext von Lesungen, Verlagsausflügen, Dichtertreffs, Geburtstagfeiern oder Literaturpreisen wie dem Petrarca-Preis. Wir erleben somit auch ein Porträt lebendigen literarischen Lebens in ungewöhnlicher Dichte, wie es einem Schriftsteller und Nobelpreisträger wohl mehr als würdig ist, denn schließlich hatten auch die Leute um ihn herum einen Einfluss auf seinen späteren Erfolg. Es kommen also auch viele Dichterfreunde ins Bild, und natürlich auch der Stifter des Petrarca-Preises, Hubert Burda oder auf einem Bild sogar Ohlbaum selbst.

Der König im Exil – photobiographisch besucht

In Chaville bei Paris lebt Peter Handke in einem Haus mit verwunschenem Garten, der durch die Fotografien Ohlbaums so auch öffentlich einsehbar wird. Hier hat der Dichter zur Literatur gewordener Spaziergänge verfasst und seinen Hort kreativen Schaffens zwischen Vogelfedern, Schneckenhäusern, Bücherbergen und eigenhändig bestickten Fauteuils eingerichtet. Zusätzlich zu den beeindruckenden Photographien glänzt der vorliegende Band zusätzlich durch Zitate aus Werken und Interviews von Peter Handke, die von Isolde Ohlbaum ausgewählt wurden und mit einem Vorwort des Filmemachers Frank Wierke ergänzt sind. Die Fotografin und Herausgeberin des vorliegenden Fotobandes übergibt übrigens noch dieses Jahr, Ende 2025, ihr Archiv der Photosammlung der Bayerischen Staatsbibliothek München zur Aufbewahrung und weiteren Betreuung. Peter Handke kommt nur mehr für seltene Arztbesuche nach Österreich und verbringt sein Leben in Chaville, weil – wie er einer österreichischen Tageszeitung offenbarte – „Chaville eine versteckte Stadt am Rand der Städte ist … Aber wo ich bin: Das gehört zu niemandem. … Die Wälder sind viel schöner …“. Es sei der perfekte Rückzugsort für einen Dichter: drei Minuten zur Bahnstation, fünf Minuten zum Wald, um dort ungestört zu schreiben und stets in greifbarer Nähe seines ideellen Sehnsuchtsorts: Paris. Der Verlag selbst nennt diese neue Art der Photobiographie übrigens einen „photobiografischen Roman“. Vielleicht der Auftakt zu einer neuen Reihe?

Isolde Ohlbaum
Peter Handke – Ein Langzeitportrait 1975-2024
mit 150 Photographien von Isolde Ohlbaum, einem Vorwort von Frank Wierke
und Zitaten aus Werken und Interviews von Peter Handke 248 Seiten, 152 teils farbige Abbildungen
ISBN 978-3-8296-1034-6
Schirmer/Mosel Verlag
€ 39,80 € (Ö) 41,- CHF 45,80


Genre: Bildbiographie, Biographie, Fotografie
Illustrated by schirmer/mosel

Italienische Paläste in Nord- und Süditalien

Italienische Paläste. Der 1953 in Florenz geborene Fotograf Massimo Listri weiß, was Schönheit heißt. Er hat bereits über (!) 70 Fotobände veröffentlicht und stellt seine Werke weltweit aus. In “Palazzi italiani”, das in einer mehrsprachigen Ausgabe bei TASCHEN erschienen ist entführt er die Kulturbegeisterten in die schönsten Bibliotheken der Welt. Und das in XXL.

Identifikationsorte des Adels und Bürgertums

Von Mailand im Norden bis Palermo im Süden reicht diese prächtige Publikation, die die Paläste des wohl schönsten Landes der Welt vorstellt. Zu einer Definition von “Palast” in Abgrenzung zu Haus, Villa oder Burg erklärt Robert Stalla in seiner lehrreichen Einführung zu vorliegender Publikation, dass das Wort eigentlich auf den Palatin, den Hügel der Regierung im Alten Rom zurückgeht. Palatin, Palladium, Palazzo bezeichnete “in prominenten Lagen stehende, monumentale die Umgebung dominierende Baukomplexe”, so Stalla. Häufig waren diese Vierflügelanlagen frei stehend, mit großen prachtvollen Innenhöfen, aufwendiger Gliederung sowie erlesenem Interieur. Die vorliegende Publikation ermöglicht es nunmehr, die Palazzi nicht nur von außen zu bewundern, sondern sie auch zu betreten und ihr Inneres zu bestaunen.

Kommunale Paläste in der Renaissance

Die Anfänge der Palazzi wurden von den mittelalterlichen Kommunalpalästen in Florenz und Siena gemacht, die als kommunale Identifikationsorte Sinnbilder der Staatsmacht verkörperten. Anfangs wurden diese ebenso wie die Kirchen mit Türmen ausgestaltet, die ebenbürtig mit diesen, das klassische Stadtbild der Renaissance zu prägen begannen. Siena hatte sogar eine behördliche Anordnung, dass kein Kirchturm jenen des Rathauses überragen durfte. Die Wandmalereien in diesen Palästen waren oft Propagandainstrumente des Narrativs des vorherrschenden Adels- oder Bürgergeschlechts. Im berühmten Florentiner Palazzo Vecchio ritterten etwa Leonardo da Vinci (1452-1519) und Michelangelo (1475-1564) quasi gleichzeitig und die Ausgestaltung der imposanten Deckengemälde.

Italienische Paläste von Nord- bis Süditalien

Der Geschäftsmann Cosimo de Medici (1389-1446), dessen Familie die Geschicke Florenzs für 300 Jahre lenkte, versammelte eine Künstlergruppe, die die Idee der “Rinascità”, der Wiedergeburt der Antike, propagierte. Als Humanist wollte Cosimo die Kunst in all ihren Erscheinungsformen – auch Architektur – fördern. Neben Venedig war auch Genua eine der vier mächtigsten Seerepubliken, die vor allem durch die 1407 gegründete Banca di San Giorgio den anderen drei den Rang ablief. Wie Niccolò Macchiavelli (1469-1527) es ausdrückte sah er in der Bank die dominierende politische Institution Genuas, mit der die Stadt “sogar Venedig überlegen sei”, so Roberto Stalla in seiner Einführung.

Vom Veneto bis Sizilien

Die Bank finanzierte 163 Palazzi in Genua, die auch als Unterkünfte für Staatsgäste eine repräsentative Funktion hatten. Ein Sonderstellung im italienischen Palastbau hatte übrigens Andrea Palladio (1508-1580) inne. Seine Bauten in Venedig waren zwar nur sakraler Natur, die Palazzi im Veneto jedoch zeigen ein deutlich anderes Gesicht. 1577 hatte derselbe Palladio den Vorschlag gemacht, den nach einem Brand beschädigten Dogenpalast gänzlich abzureißen. Aber damit hatte er sich wohl nicht sonderlich beliebt gemacht. Die vorliegende Publikation folgt den italienischen Palästen bis ans Ende des Stiefels und zeigt in bisher nie veröffentlichten Fotografien das ganze Spektrum der Prachtentfaltung des italienischen Bürgertums und Adels.

Viele Details in Großaufnahme

Eigene Exkurse zu einzelnen Palazzi in Venedig oder Mantova et al ergänzen die Ausführungen Stallas im Vorwort und gehen auf weitere Details des jeweiligen Bauwerks ein. So erfahren wir etwa über den Palazzo Ducale, den Dogenpalast, dass er auf einer Grundfläche von 75×100 Metern steht und an San Marco angrenzt und somit das politische und das religiöse Zentrum der Stadt eine Einheit bildeten. Beim Brand 1577 gingen sämtliche Gemälde von Giovanni Bellini, Vittore Carpaccio und Tizian verloren und Tintoretto und Veronese ersetzten die vorangegangenen Meisterwerke. Massimo Listri hat bei TASCHEN auch “The World’s Most Beautiful Libraries” publiziert. Listris Fotografien in “Palazzi” zeigen die schönsten architektonischen Details und vermitteln die einzigartige Atmosphäre der italienischen Paläste.

Massimo Listri
Italian Palaces
Ausgabe: Mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Französisch)
2025, Hardcover, XXL, 29 x 39.5 cm, 7.54 kg, 640 Seiten
ISBN 978-3-8365-9693-0
Taschen Verlag
€ 175


Genre: Bildband, Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Mystique. Auf der Jagd

Mystique. Auf der Jagd

Autor und Zeichner Declan Shalvey präsentiert in vorliegendem Band die komplette Spionage-Miniserie mit der bekannten Gestaltwandlerin. Mystique trat erstmals in einem Ms. Marvel Comic vom April 1978, #16, auf und ist seither nicht mehr aus der Marvel Comic Welt wegzudenken. Denn wie man weiß, kann sie vielerlei Gestalten annehmen. Mit dabei: Nick Fury, der sein Bestes tut, Mystique zu jagen.

Vom Jagen der Jäger

Mystique hatte auch schon in einigen X-Men-Kinofilmen ihre Auftritte. Sie wurde schon von Rebecca Romijn und von Jennifer Lawrence verkörpert. Ihre charakteristischen Merkmale wie blaue Hautärzte Haare und gelbe Augen machen sie zur wohl exotischsten Mutantin des Marvel Multiversums. Als Raven Darkholme ist sie besonders gut im Nahkampf, weiß aber auch mit diversen Waffen umzugehen. Als Ziehmutter von Rogue und leiblicher Mutter von Nightcrawler sowie des Präsidentschaftskandidaten Graydon Creed hat sie auch Verantwortung. Mystique ist eine brillante Hackerin und war Anführerin der zweiten Inkarnation der „Bruderschaft der bösen Mutanten“ (Brotherhood of Evil Mutants). Diese führte später auch für die US-Regierung als Spezialeingreiftruppe unter dem Namen Freedom Force Einsätze durch. In vorliegender Spionage-Miniserie von Autor und Zeichner Declan Shalvey (Moon Knight, Deadpool) als deutsche Erstveröffentlichung attackiert Mystique ein Black-Operation-Team in Frankfurt, was den tief gefallenen SHIELD-Agenten Nick Fury auf den Plan ruft. Nick Fury Jr. ist nämlich an einen einfachen Schreibtisch-Job gebunden. Doch als sein Vater Nick Fury Sr. auftaucht und ihm eine Akte zu Mystique zuspielt beginnt er, den Vorfall in Frankfurt zu untersuchen. Seine Recherchen führen ihn bald zu Ravens Frau Irine Adler aka Destiny, die er nun als Köder für Mystique benutzt.

Die mystische Comic-Figur Mystique

Nach dem Untergang Krakoas wurden die Karten der Geheimdienste neu gemischt und Mystique machte sich in Frankfurt auf die Jagd nach dem mysteriösen Protozoa-Programm. Das Black-Ops-Team rund um Maverick wurde dort aktiv, um einen gefährlichen Mutanten, Sabretooth, auszuschalten. Als Mystique, die die Mission schon längst manipuliert hat, auf den Plan tritt, geht sie über Leichen, denn sie will alles über Protozoa wissen. In “Mystique. Auf der Jagd” zeigt die blaue Gestaltwandlerin Raven Darkholme, dass einem nicht fad werden muss, wenn man verheiratet ist. Vor allem wenn die Braut noch dazu Destiny heißt. Die Mutant:innen, die von der Insel Krakoa aus operierten, brauchen nun ein neues Zuhause, aber sie befinden sich auf der Fahndungsliste von SHIELD, das seinerseits von Hydra unterwandert wurde. Dass Nick Fury und Mystique in vorliegendem Abenteuer so heftig aufeinanderprallen ist den exzellenten wenn auch etwas zu blassen Zeichnungen und der packenden Story zu verdanken. Keine Gegner waren wohl jemals kontroversieller. Außerdem mit dabei: Magneto, Destiny, Fabian Cortez, Maverick und Avalanche. Aber das Beste kommt noch. Ihren gemeinsamen Sohn Nightcrawler, also von Destiny und Mystique, soll letztere in einer ihrer männlichen Formen gezeugt haben. Und das im Alter von bereits mehr als 100 Jahren! Was beweist, wie unnütz Männer im 21. Jahrhundert doch schon geworden sind. Als Anti-Heldin ist Mystique vielleicht nicht unbedingt als weibliche Identifikationsfigur geeignet, jedoch kann man sie sicherlich als bemerkenswerte und starke Mutantin bezeichnen, der sicherlich noch eine blühende Zukunft bevorsteht. Im Film. Und im Comic!

Declan Shalvey
Mystique. Auf der Jagd
(Original Storys: Mystique (2024) 1-5)
2025, Klebebindung, 17X26cm, 128 Seiten,
ISBN: 9783741644924
Panini Comics
17,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Batmans grösste Gegner

Batmans grösste Gegner

Scarecrow, Two-Face, der Pinguin, Catwoman und der Joker gehören wohl zu den größten Feinden des Dark Knight. Zumindest was die Vintage-Zeit betrifft, in der diese bunten Geschichten erschienen sind. Zudem gibt eine Diorama-Zeichnung mit einem Einblick ins Innere der Bat-Höhle Aufschlüsse über den Lebensstil der berühmten Fledermaus. Aber auch weiteres Zusatzmaterial wie Detailaufnahmen des famosen Bat-Gürtels verraten einige der Geheimnisse, die seine größten Gegner besser nicht wissen sollten.

Vintage in XL-Format

Neben den klassischen Zeichnungen ist an dieser Publikation vor allem auch das Format für Sammler sehr anziehend. Mit immerhin  25.5 X 35.5cm  spielt der Bildband schon in der Sonderliga XL-Format. Die besonders bunten und schrillen Zeichnungen tun ihr übriges, diese Geschichten in ein echtes Vintage-Abenteuer zu verwandeln. Die Entstehungsgeschichte eines Superschurken widerspricht allerdings dem gängigen Kanon der bisher bekannten DC-Comics. Doppelgesicht, besser bekannt als Two-Face, hat in der hier vorliegenden Version den Namen Harvey Apollo und bezeichnet sich vor Gericht als Wandermime, Barde und Schauspieler, bis sein Widersacher, Lucky Sheldon, ihm eine Säure ins Gesicht schüttet. Und das vor dem Gericht, wo die Verhandlung gegen Lucky stattfindet! Eine Gesichtshälfte von Harvey wird durch die Säure völlig entstellt und der Mensch hinter der nunmehrigen Maske zum Monster verunstaltet. Denn von nun an nennt er sich Two-Face und unterwirft alle seine Entscheidungen dem Wurf einer Münze, deren eine Seite er ebenso verunstaltet, wie sein Gesicht es bereits ist. Landet diese Seite nach einem Wurf auf seiner Handfläche, gewinnt das Verbrechen, seine böse Seite bekommt die Oberhand und Harvey ist durch nichts mehr aufzuhalten. Außer natürlich durch – Sie ahnen es bereits – Batman!

Batmans grösste Gegner und Gegnerinnen

In den vorliegenden Vintage-Abenteuern, die erstmals als Limited Collector’s Edition 37 1975 in den USA erschienen, ist übrigens stets auch The Boy Wonder, Robin, an der Seite des dunklen Ritters.  Er rettet ihm gleich mehrmals das Leben, wie wir es auch im Scarecrow Abenteuer mitverfolgen können. Professor Jonathan Crane aka Scarecrow arbeitet an der Universität und wird von dieser aufgrund seiner unkonventionellen Lehrmethoden alsbald ausgeschlossen resp. suspendiert. Dieser Schicksalsschlag holt auch aus ihm das ungebremste Böse hervor, denn auf Ablehnung folgt stets Rache. Crans besorgt sich ein Kostüm und bietet sich als gedungener Erpresser diversen Geschäftsmännern an. Bis Batman und Robin ihm auf die Schliche kommen und ihm schließlich das Handwerk legen. Eine besonders lustige Geschichte ist auch das letzte Abenteuer in diesem XL-Band, der in der “Hall of Infamy” (Saal der Niedertracht) auch die weiblichen Exponentinnen der grössten Gegnerinnen Batman präsentiert. Catwoman überfällt eine Theatervorstellung eines Odysseus-Stückes und fordert von der Hauptdarstellerin die Perlen. Auf einem bereitgestellten Segelboot, das der Aufführung dienen hätte sollen, flieht Catwoman mit dem Schatz und versenkt sogar noch ihre Verfolger: “Circe verwandelte Männer mit einem Trank in Schweine, ich Getränke sie und schicke sie zu den Fischen! Hahaha!

Bill Finger, Bill Woolfolk, u.a.
Batman Klassiker – Batmans grösste Gegner
Zeichnungen: Bob Kane, Jim Mooney, Jack Burnley, Charles Paris (pencils), Jerry Robinson, George Roussos, Ray Burnley, Win Mortimer, Charles Paris (inks)
(Original Storys: Limited Collector’s Edition 37)
2025, Hardcover, 64 Seiten, XL-Sonderformat (Format: 25.5X35.5), Farbe
ISBN: 978-3-7416-4576-1
Panini Comics
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Der talentierte Mr. Ripley

Der talentierte Mr. Ripley

Der talentierte Mr. Ripley. Eine sensationelle Neuverfilmung des 1955 erstmals erschienenen Romans der Texanerin Patricia Highsmith wirft die Scheinwerfer wieder auf das eigentliche Original. Der Roman, der 2024 in einer Neuübersetzung bei Diogenes erschien, legte eine Steilvorlage für die Miniserie “Ripley” von Steven Zaillian.

Doppelmord und Doppelleben

Tom Ripley lebt in New York. Vielleicht sollte man besser sagen “überlebt” in NYC, denn er hält sich durch Steuerbetrügereien und andere Gaunereien mehr oder weniger über Wasser. Außerdem ist ihm die Polizei auf den Fersen und es wird immer enger um ihn. Da bietet sich ihm eine einzigartige Gelegenheit. Herbert Richard Greenleaf, der Vater eines alten Freundes, “Dickie”, setzt sich mit ihm in Verbindung und bittet ihn um einen Gefallen. Dickie hat sich nämlich nach Europa abgesetzt und lebt irgendwo in der Nähe von Neapel, in einem kleinen Ort namens Mongibello. Dort will er Maler werden und dem Dolce Vita oder vielleicht eher doch dem dolce far niente frönen. Seine Mutter hat Leukämie und nur mehr ein Jahr zu leben und deswegen bittet sein Vater nun Tom Ripley seinen verlorenen Sohn wieder in die Heimat zurückzuholen. Er zahlt ihm dafür ein ordentliches Salär und natürlich sind auch die Reiskosten und andere Spesen mitinbegriffen. Greenleaf Sen. ist ein steinreicher Reeder und will, daß sein Sohn in seine Fußstapfen tritt und das Familienimperium übernimmt. Tom übernimmt den Auftrag vorerst ohne böse Gedanken, im Gegenteil, er offenbart sich sogar Dickie, dass sein Vater ihn geschickt habe und ihm auch alles bezahle. Diese Ehrlichkeit bricht das Eis zwischen dem zuerst reservierten Dickie und Tom und bald beginnen sie eine Männerfreundschaft, die die ebenfalls in Mongibello lebende amerikanische Schriftstellerin Marge ganz schon eifersüchtig macht. Denn eigentlich erwartet sie von Dickie, dass er ihr den Hof macht. Doch dann kommt alles ganz anders.

“A Month of Sundays”

Mit stilsicherer Brillanz beschreibt Patricia Highsmith das Innenleben eines – so viel darf verraten werden – Mörders, der immer mehr in seine Rolle hineinwächst und sich darin sogar selbst übertrifft. Seine Schizophrenie führt ihn sogar in eine Maskerade (“Travestie”), ein Doppelleben, das sich am Ende genau als das beste Werkzeug herausstellt, die Behörden zu überlisten. Einfühlsam beschreibt Highsmith wie sich der Emporkömmling in der Rolle des reichen Reedersohnes fühlt und beginnt, sein Leben als “ein anderer” endlich zu genießen. Er füllt die Rolle so gut aus, dass selbst der Vater und Marge, die Dickie am nächsten Stehenden und sogar seine Freunde von ihm an der Nase herumgeführt werden. Die homoerotische Spannung und leicht homophobe Stimmung passt perfekt in das Milieu der Zeit in der die Handlung spielt. Der Roman “Der talentierte Mr. Ripley” habe – so Paul Ingendaay im Nachwort – “durch Charme und Skrupellosigkeit die moralische Wertskala der Suspense-Gattung auf den Kopf gestellt” und ihn, Ripley, als “Traum aller Schwiegermütter” inszeniert. Denn er ist stets aufmerksam und höflich, ganz weltmännisch wie ein Kosmopolit. “Als müsste sie für das Los der lesbischen Liebe mildernde Umstände finden, kritisiert die Autorin bei heterosexuellen Paaren Bequemlichkeit, Selbstbetrug und erstarrte Rituale“, fasst Ingendaay ihre gesellschaftspolitische Perspektive zusammen. Mit “Der talentierte Mr. Ripley” hat Patricia Highsmith zudem einen ersten Serienhelden erschaffen, dessen Abenteuer sämtlich bei Diogenes in einer erweiterten Neuauflage erschienen sind. Ursprünglich hätte der Roman übrigens nach seinem Leitmotiv “A Month of Sundays” heißen sollen.

Fortsetzungen und Verfilmungen

Darunter: Ripley Under Ground, Ripley’s Game, Ripley Under Water, Der Junge, der Ripley folgte, etc. Übrigens soll auch die kongeniale Verfilmung von Steven Zaillian mit Andrew Scott fortgesetzt werden. Material an Steilvorlagen hat Patricia Highsmith auf hohem Niveau jedenfalls bereits geliefert, schön, dass die filmische Umsetzung so gut gelungen ist. 20 Jahre nach der Verfilmung mit Matt Damon übertrifft “Ripley” von Steven Zaillian mit Andrew Scott in der Hauptrolle alle Erwartungen an eine gelungene Literaturverfilmung. Auch Highsmiths Romanerstling “Zwei Fremde im Zug” wurde übrigens verfilmt: von Alfred Hitchcock. Er machte sie über Nacht berühmt.

Patricia Highsmith
Der talentierte Mr. Ripley
Herausgegeben von Paul Ingendaay und Anna von Planta.
Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz.
Mit einem Nachwort von Paul Ingendaay und einer editorischen Notiz von Anna von Planta
2024, Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-257-24764-0
Diogenes
€ (D) 14.00 / sFr 19.00* / € (A) 14.40


Genre: Literaturverfilmung, Roman
Illustrated by Ansata / Penguin Random House, Diogenes Zürich

Meine Schwester – Meine Mutter

1984 erhängt sich die Mutter der Fotografin Bettina Flitner. 33 Jahre späte wiederholt sich dasselbe Schicksal bei ihrer Schwester Susanne und dessen Ehemann Thomas. Mit ihrem 2023 erschienen Roman “Meine Schwester” legte die Autorin schonungslos die eigenen Wunden offen. Nun legt sie mit “Meine Mutter” noch einmal nach.

Meine Mutter

Bettina Flitner begibt sich in “Meine Mutter” auf eine Reise in den Luftkurort Wölfelsgrund im ehemaligen Niederschlesien, dem heutigen Międzygórze. Dort hatten ihre Vorfahren bis zur dramatischen Flucht 1946 ein Sanatorium besessen und geleitet. Dort lebte ihre Mutter bis zum Alter von zehn Jahren. Bettina, ihre Tochter, sucht an genau jener Stelle nach dem Ursprung, wo einst alles begann. Natürlich thematisiert sie auch die politischen Umwälzungen jener Zeit, die Mitgliedschaft des Großvaters in der NSDAP als “Märzgefallener” und die Vertreibung nach dem Krieg. 14 Millionen Deutsche mussten zwischen 1944 und 1948 ihre Heimat verlassen, schreibt sie. Und obwohl der Krieg zu Ende war, starben immer noch viele Menschen am Krieg. Viele auch durch Selbstmord. Eines der dunkelsten Kapitel ist die Celler Hasenjagd, bei der vier Tage vor Einmarsch der Alliierten in Celle am 8. April 1945 unschuldige Menschen durch die Straßen gejagt und umgebracht wurden. Denn nach der Bombardierung des KZ Bergen-Belsen konnte einige Insassen in die umliegenden Dörfer entkommen und wurden dort erschlagen. “Ich werde nicht älter als 47” hört Bettina heute noch ihre Mutter sagen, so als ob sie es immer schon geplant hätte. Aus den Erlebnissen ihrer Reise ins heutige Polen, den Tagebüchern und Dokumenten ihrer Familie und ihren eigenen Erinnerungen erschafft Bettina Flitner vorliegenden Roman, der näher an der Realität liegt als man sich wünschen möchte.

Meine Schwester

Noch persönlicher als das Nachfolgewerk “Meine Mutter” ist allerdings der Vorgänger aus dem Jahre 2023, “Meine Schwester”. Die Autorin beschreibt darin sachlich und zugleich erschütternd ihre Beziehung zu ihrer Schwester, die ebenfalls Suizid beging. Susanne, ihre ältere Schwester, war eine Art “trauriger Clown”. Sie konnte meisterhaft andere nachahmen und sich über alles und jeden lustig machen. Auch ihr Vater hatte ein komödiantisches Talent und als er bei der Ford Foundation in New York einen Job bekommt, geht die ganze Familie mit. “Wir vier”, denkt sich Bettina oft, aber bald schon muss sie feststellen, dass sie einer Fiktion unterliegt. Denn der Vater geht fremd und bald auch die Mutter. In den Siebziger Jahren als die beiden Schwestern aufwuchsen war dies eine Normalität. Bettina sucht in ihrem Text nach den Vorzeichen für den bevorstehenden Selbstmord, den ersten Anzeichen, wann es begann und natürlich steht die Frage im Raum, ob es nicht vielleicht doch genetisch sein könnte? Oder waren die Depressionen der Mutter eine gewollte Flucht? Wieder zurück in Deutschland besuchen sie Waldorfschule, ihre Schwester dann auch die Montessori-Schule. Als die Eltern sich sogar vor den Kindern streiten, beginnen auch die beiden sich zu zanken. Wenn Flitner das Bild des Familienautomobils als faradayschen Käfig zeichnet, wird deutlich, wie sich die Emotionen entwickelt hatten. Und bald muss sie erkennen, dass Liebe etwas war, das man mit Demütigung bezahlte, “etwas, das einen am Ende vernichten konnte”.

Eine beeindruckende Lebensbeichte, die man nur schwerlich als Roman bezeichnen kann, denn dafür sind die beiden Erzählungen zu Nahe an der Realität. Als ihre Mutter sich ohne Abschied aus der Welt nahm, machten die beiden Töchter gerade erst Abitur. Ihr damaliger Freund heiratete sechst Wochen nach ihrem Tod ihrer Mutter eine neue Frau.

Bettina Flitner
Meine Mutter
2025, Hardcover, 320 Seiten
Lieferstatus: Lieferzeit 1-2 Tage
ISBN: 978-3-462-00849-4
Kiepenheuer&Witsch
24,00 €

Meine Schwester
Verlag: KiWi-Taschenbuch
2023, Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 978-3-462-00521-9
Kiepenheuer & Witsch
24,00 €


Genre: Biographie, Familiengeschichte, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Sam Shaw: Dear Marilyn

Sam Shaw: Dear Marilyn

Sam Shaw: Dear Marilyn. Am 1.6.2026 wäre die in Los Angeles geborene Norma Jeane Baker 100 Jahre alt geworden. Grund genug jetzt schon das Marilyn Monroe Jubiläum auszurufen und mit vorliegendem, großformatigen Bildband die Schauspielerin und Produzentin zu feiern.

Sam Shaw: Unveröffentlichte Briefe und Fotos von Marilyn

Sam Shaw: Roxbury, CT, 1957

Was zumeist untergeht, ist, dass MM  (1926-1962) nicht nur als Fotomodell und Schauspielerin arbeitete, sondern 1954 die Marilyn Monroe Productions Incorporated in New York gründete und am Actors Studio studierte. Sie hatte alle ihre Hollywoodverträge aufgelöst “Der Prinz und die Tänzerin”, in dem sie auch die Hauptrolle spielte. Mit “Misfits – Nicht gesellschaftsfähig” gelang ihr 1961 der Wechsel ins ernste Rollenfach und sie schrieb erneut Geschichte. Der vorliegende Band ist aber ganz ihrer Filmkarriere gewidmet und zeigt hinreißende Bilder und Dokumente, die bisher noch nicht bekannt waren.

Blowing Skirt Fotos und mehr verflixte Bilder

NEW YORK – SEPTEMBER 1954: Marilyn Monroe with the skirt of her white dress blowing as she stands over a subway grate at the corner of 51st Street and Lexington Avenue in September, 1954 during the filming of “The Seven Year Itch” in New York, New York. (Photo by Sam Shaw/Shaw Family Archives/Getty Images)

Kaum zu glauben, aber es gibt sogar von Marilyn Monroe – sie gilt als die meistfotografierte Person des 20. Jahrhunderts –  immer noch Dinge, die nicht bekannt sind. Sam Shaw, der Hollywoodphotograph, Produzentenkollege und enge Freund Marilyns schoß 1954 die sog. “blowing skirt-Photos” über dem New Yorker Subway-Schacht für die Promotion des Films “Das verflixte 7. Jahr”. Aufgrund eines Rechtsstreits waren diese Bilder allerdings jahrzehntelang blockiert. Um genau zu sein: ganze 71 Jahre! Nachdem dieser Rechtsstreit nun endlich beigelegt ist, veröffentlicht die Familie des 1999 verstorbenen Photographen seine Marilyn-Bilder zusammen mit unveröffentlichten Briefen, in einem großen hochqualitativen Bildband. Insgeheim wird die vorliegende Publikation im Format einer Schallplatte jetzt schon als Auftakt zum Marilyn Centennial 2026 gehandelt.

Dear Marilyn: eine Ikone der Frauenbewegung?

Sam Shaw: Roxbury, CT, 1957

Auf 240 Seiten werden 77 Farb- und 180 Schwarzweiß-abbildungen gezeigt, die Marilyn Monroe beim Telefonieren, am JFK Airport, bei Dreharbeiten über besagtem New Yorker U-Bahn Schatz, mit Arthur Miller vor der Queensboro Bridge, zuhause beim Tanzen in Roxbury, CT oder auch an der Amagansett Beach in NY zeigen. Egal auf welchem Foto und in welcher Position: immer sieht sie frisch wie aus dem Ei gepellt hat, zeigt ihr volles Charisma und erstrahlt. Alle Fotos zeigen eine atemberaubend schöne, selbstbewusste, fröhliche, versonnene, immer überraschende Marilyn, ganz so, wie man sie in Erinnerung behalten möchte. Sam Shaw hatte die Gelegenheit, Marilyn Monroe von 1950 bis in die 1960er Jahre zu begleiten, photographierte sie am Set und privat, korrespondierte mit ihr – damals noch in Briefen – und hielt seine eigenen Erlebnisse in Tagebüchern fest. “Dear Marilyn” – so der liebevoll gemeinte Buchtitel –  schildert den Weg vom Starlet über den Superstar zur unabhängigen Produzentin in drei Akten. Ein eigenes Kapitel ist auch der Entstehung des blowing skirt-Photos gewidmet. zeigen eine atemberaubend schöne, selbstbewusste, fröhliche, versonnene, immer überraschende Marilyn.

Vermächtnis und Ausblicke auf das Jubiläumscentennial 2026

AMAGANSETT, NY – 1957: Marilyn Monroe on the beach in 1957 in Amagansett, New York. (Photo by Sam Shaw/Shaw Family Archives/Getty Images)

Sam Shaw (1912, New York City – 1999, Westwood, New Jersey) begann als Illustrator für Zeitschriften und war ab den 1940er Jahren Photojournalist für Collier’s, Life und Look. In den 1950er Jahren arbeitete er als Setphotograph in Hollywood, u.a. für Elias Kazan (Endstation Sehnsucht, Viva Zapata! mit Marlon Brando) und Billy Wilder (Das verflixte 7. Jahr) und war ab den 1960er Jahren als Produzent, u.a. der Filme von John Cassavetes (Husbands, Eine Frau unter Einfluss, Opening Night, Gloria) tätig. Marilyn Monroe, geb. am 1.6.1926 in Los Angeles als uneheliche Tochter einer Filmcutterin, wuchs bei Verwandten und diversen Pflegefamilien auf. Nachdem sie Ende der 1940er Jahre als Fotomodell und Nachwuchsschauspielerin in Hollywood Aufsehen erregt hatte, gelang ihr 1950 der Durchbruch als Filmschauspielerin. Von 20th Century Fox auf den Typ der naiven, lasziven Blondine festgelegt, avancierte sie mit Filmen wie Niagara, Blondinen bevorzugt, Wie angelt man sich einen Millionär? oder Das verflixte 7. Jahr Anfang der 1950er Jahre zum größten Star in Hollywood und zu einer der bekanntesten und meistfotografierten Frauen der Welt. Ihre wohl berühmteste Rolle ist die Ukulelespielerin Sugar Kane in der Billy Wilder-Komödie Manche mögen’s heiß von 1959, für die sie mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde.

Ihr trauriges Ende – sie starb an einer Überdosis Barbituraten – ist bis heute ungeklärt. Sie starb mit nur 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles. Weitere interessante Annäherungen an Mythos und Legende Marilyn Monroe stammen etwa von Joyce Carol Oates und der nach ihren Aufzeichnungen gedrehte gleichnamige Film von Andrew Dominik “Blond”.

SAM SHAW
DEAR MARILYN
DIE UNVERÖFFENTLICHTEN BRIEFE UND PHOTOGRAPHIEN
Mit einem Vorwort von Meta Shaw und Edie Shaw
und einem Text des Photographen
Aus dem Englischen von Haide Paul
240 Seiten, 77 Farb- und 180 Schwarzweißabbildungen
ISBN 978-3-82961046-9
Schirmer/Mosel Verlag
€ 49,80 € (Ö) 51,20 CHF 57,30


Genre: Bildband, Biographie, Fotobuch, Fotografie
Illustrated by schirmer/mosel