Patti Smith: Godmother of Punk

Patti Smith gilt gemeinhin als Miterfinderin des US-amerikanischen “Punk”, der u.a. im New Yorker CBGB Mitte der Siebziger entstanden war. Als weitere Vorläufer gelten u.a. aber auch Velvet Underground, MC 5, The Stooges und natürlich die Ramones.

Godmother of Punk und für immer jung

Dennoch sind die Sex Pistols immer noch diejenigen, die die Bewegung in Großbritannien so richtig medienwirksam lostraten und in ihrem legendären Interview für’s britische Fernsehen mit der Anklage “You dirty old man!” dem TV Moderator Bill Grundy, der die junge Siouxie Sioux – während der Sendung – sexistisch belästigete, Sexismus für die Bewegung ausschlossen. Punk war nämlich von Anfang an gegen Geschlechterstereotype und sozusagen non-binär. Kersty Grether und Sandra Grether, die erst geboren wurden als Punk entstand, gehören nun wiederum zu den Erfinderinnen des Pop-Feminismus in Deutschland, einerseits als Journalistinnen, andererseits als deutschsprachige Riot-Grrrl-Band oder als Noise-Pop-Band The Doctorella. Dass die beiden Schwester, in ihrer hier vorliegendem Patti Smith Hommage, ihr ausgerechnet ihre vermeintlich anti-feministische Haltung zum Vorwurf machen, mag verwundern. Aber es handelt sich eben um unterschiedliche Wellen des Feminismus. Während Patti Smith in ihrer ganzen Existenz wohl dem Feminismus der Tat und weniger dem der Theorie zuzurechnen ist, ist diese Haarspalterei und Kritik an Patti Smith als “Godmother des Punk” doch eher belustigend zu lesen. Denn gerade in ihrem androgynen Auftreten brach Patti Smith klassische Geschlechterrollen auf und entwarf die Vision einer Musik, die losgelöst von Zuschreibungen einfach nur lauten Rock machte. Bis dahin eine Domäne der Männer, ja, aber keinesfalls für Frauen unzugänglich. Ganz im Gegenteil, wie die Geschichte der Rockmusik ja beweist. Das war eben “Punk”.

Drei große Karrierephasen der Ausnahmekünstlerin im Rückblick

Auf den Vorwurf Patti Smith hätte Debbie Harry (Blondie) damals geghostet oder kompetitiv abgefertigt folgen einige Bemerkungen zu einzelnen Songs des Debütalbums, “Horses” und viele Zitate aus den von Patti Smith selbst verfassten autobiographischen Texten, ihren Büchern, die vor allem beim KIWI-Verlag auf Deutsch erschienen. Eine nicht ganz ausgegorene Erwähnung, dass der Punk in New York eine “jüdische Schlagseite” gehabt hätte, wird nur noch von einigen selbstreferentiellen Ergänzungen übertroffen, etwa wie die beiden Schwestern den Tod Kurt Cobains verarbeitet hätten oder welche Rolle eine gewisse Mitschülerin im Leben der beiden gespielt hatte, die inzwischen eine millionenschwere Künstlerin sei. Eine Gesangskunstanleitung, sein eigenes singendes Inneres zu entdecken, macht Lust auf lautes Gekreische und Aufschreien, aber dann geht es doch munter weiter mit bio- und discographischen Fakten zu der ersten Phase von Smith’s Schaffen vor ihrem Rücktritt ins Private. Auch hier folgt prompt der feministische Vorwurf, sie hätte sich in ihrem Privatleben auf ihre Mutterrolle zurückgezogen. Aber nicht von den Grether Schwestern, sondern von anderen Zeitgenossen. Anscheinend soll Fred Sonic Smith, ihre Ehemann, ehemals bei MC5, Patti Smith sogar dazu gezwungen haben. Als das Album “Dream of Life”, die zweite Phase ihrer gemeinsamen Karriere eröffnen sollte, leider aber kläglich floppte, war Smith 2 ohnehin nur mehr ein Schatten seiner selbst.

Patti Smith: Musikerin, Rebellin, Literatin, Poetin

1994 starb dann nicht nur Kurt Cobain, sondern auch Fred Sonic Smith und der Bruder von Patti. Dank Bob Dylan hätte sich Patti aber zu einer zweiten und dritten Karriere aufgerafft. Inzwischen ist sie fast schon 80 Jahre und brachte in ihrer dritten Karrierephase zwar weniger Alben als vielmehr Bücher hervor, zählt aber immer noch zu den einflußreichsten Musikerinnen der Punk Ära. Auf ihren Tournee covert sie auch gerne junge Künstlerinnen wie Lana del Rey oder eben Nirvana (die Ewigjunggebliebenen).
Zuletzt erschien von den Grethers auch bei Reclam “Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik”. Seit 2025 betreiben die Schwestern außerdem die Sommerhaus KaffeeBar in Prenzlauer Berg.

 

Kersty Grether, Sandra Grether
Patti Smith. 100 Seiten
Biografie der Punk-Ikone
2026, Taschenbuch, Reihe 100 Seiten, 100 Seiten, 11 farbige Abbildungen, 1 Schaubild
ISBN: 978-3-15-020820-5
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Verlag

Moskau – Die Grenze

Nach “Mendelsohn auf dem Dach” und “Leben mit dem Stern” veröffentlicht Wagenbach nun auch Jiři Weils umstrittensten Roman, sein Debüt, das im Moskau der dreißiger Jahre spielt. Die Hauptfiguren: Ri und Jan Fischer.

Jiří Weil: Ein verbotener Schriftsteller

Jiří Weil selbst kann durchaus als Überlebender zweier totalitärer Regime bezeichnet werden. 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy geboren, ging er 1933 – vorerst vom Kommunismus begeistert – nach Moskau und kehrte schon 1935 nach Prag zurück. Als die Nationalsozialisten 1939 seine Heimat besetzten, konnte er sich der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord entziehen. Aber nach dem Krieg erging es ihm nicht viel besser. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Jiří Weil schließlich 1956 endlich rehabilitiert wurde. Allerdings starb er schon drei Jahre später an Leukämie. Sein schriftstellerisches Werk war nicht nur durch ein siebenjähriges Publikationsverbot stark eingeschränkt worden, sondern auch zensiert. “Moskau – die Grenze” erschien erstmals 1937 in Prag, wurde aber nach 1945 als “zersetzendes Werk” aus den tschechoslowakischen Bibliotheken entfernt. Weil selbst wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und musste sich schließlich sogar von seinem Romandebüt distanzieren. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst in Berlin 1992. Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild und heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.

“Das wahre Leben ist nur in der Fabrik”

“Ja, ohne Kaffee wird es schwer sein”, heißt es da schon auf der ersten Seite und der Hinweis wiegt schwer, denn er umschreibt treffend die kulturellen Unterschiede zwischen Mitteleuropa und Russland. Der Mann von Ri, der Protagonistin des ersten Teils des vorliegenden Romans, arbeitet als Vertragsingenieur in der SU, um den Sozialismus aufzubauen. Aber Kaffee gibt es dort keinen, weil dort keiner getrunken wird. “…bald endet Europa, und dann kommt die Grenze (…). Hier begann schon Asien, und es konnte mancherlei geschehen”. Aber erst beschreibt Weil Ri’s Zeit im Kibbuzim in Israel, wo sie Eisenfuss, einem “tollwütigen Kommunisten” begegnet, der die eigentlichen wie im wahren Kommunismus lebenden Kibbuzbewohner aufwiegeln würde, als ob es hier Kapitalisten geben würde. Ri sei ein “süßes Kätzchen” sagt Karl, denn sie wisse nicht, dass “Kommunisten schlimmer sind als Engländer, Araber und die Malaria zusammen”. “Wenn sie nur nicht ständig zweifeln müsste, dass auch dieser Traum vergeht, wie der Traum der Brüderschaft aller in Palästina vergangen ist und dahinter die widerwärtige Fratze Asiens hervorguckt, von Aussatz zerfressen.”Aber anders als sich aus diesen Sätzen schließen lässt, entwickelt sich Ri gegen Ende ihres Kapitels doch noch zu einer strammen “Aktivistin”. Aber dann “berührt” Jan Fischer “was sie längst vergessen glaubte, und er hatte in ihr nebelhafte und dennoch verlockende Bilder wachgerufen, die immer noch auf sie wirkten”.

“Pioniere weinen nicht”

Den sozialistischen Alltag von Ri beschreibt Jiří Weil, wohl so, wie er ihn Anfang der Dreißiger Jahre auch selbst erlebt hatte. Bestechend ist vor allem wie Weil seine Protagonistin mit dem neuen Vokabular des neuen Russlands bekannt macht. Da gibt es etwa die Domrabotniza, die “blat” (Bestechung), ein Wort aus der Gaunersprache oder die vielen Abkürzungen wie Partorg, Komsorg oder Insnab (Geschäfte für Ausländer, später als Intershops bekannt geworden). Das Ausfüllen vieler Fragebögen, die überbordende Bürokratie, die wohl auch durch die eingeforderten Denunziationen viel zu tun bekam, sind weitere Kennzeichen eines unmenschlichen Systems, in dem sich Ri auch durch die “Habichtsaugen Stalins” (noch lange vor Orwell’s großem Bruder) beobachtet sieht. Der traurigste und wohl eindringlichste Abschnitt zu den Säuberungen gemahnt auch an die Absurditäten eines totalitären Systems in dem die Partei immer recht hat und der Einzelne nichts bedeutet. Selbst die großen industriellen Errungenschaften werden von
Zwangsarbeitern gebaut, wie etwa Ri angesichts eines Kanals ihres Ingenieurmannes, Robert, bemerkt. Mangelwirschaft (keine Flaschen in Apotheken) oder dass sie einmal in einer Moskauer Straßenbahn zum Sitzen kommt, kommt einem Wunder gleich. Und bei der Großen Parade? Zuletzt kommen die “nicht Organisierten” vors Publikum”: kleine Handwerker, Schuhputzer, Mützenmacher, Verkäufer.. für sie interessiert sich aber keiner mehr. Zwei weitere Kapitel zeigen wie Jan Fischer und Rudolf Herzog den Sozialismus erleben. Im Nachwort von Bettina Kaibach kommen nochmals alle jene zu Wort, die der Sozialismus vergessen hat.

Jiří Weil
Moskau – Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
2026, gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-8031-3394-6
Wagenbach
32,– €


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte

Schon Lilith sei eine Femme fatale gewesen, schreibt die Wienerin Samra Kljajic in ihrem in die 4. Auflagen gehenden Bestseller über die weiblichen Akteurinnen in der Geschichte der Menschheit. Denn Frauen waren nicht nur die Mütter von Herrschern, sondern legten auch selbst Hand an.

Pandora’s Box

Der Ausdruck Femmes Fatales suggeriert, dass männliche Schwäche eine Folge von weiblicher Manipulation sei. Weibliche Sexualität werde dabei als Bedrohung inszeniert, das gelte für damals ebenso wie für heute. Dabei wäre es in frühen Kulturen des Neolithikums noch primär als Ursprung und nicht als Gefahr gesehen worden, wie etwa die Venus von Willendorf (29.000 Jahre) beweise. “Der Körper als kosmische Ressource.” In der Antike etablierte sich erst jene männliche Ordnung, von der heute noch einige profitieren. So würde Athene ihre Macht vor allem aus ihrer Jungfräulichkeit beziehen, Macht gedeihe also nur “stark getrennt von Sexualität bzw. Geschlechtlichkeit”. Athene wurde zur “Hüterin männlicher Ordnung, indem sie jene Frauen entmachtet, die außerhalb des akzeptierten Rahmens handeln”. Sie ist “die Ausnahme, die die Regel bestätigt”, ein “paradoxes Modell weiblicher Macht” also. Die wandernde Gebärmutter, die zur Hysterie führe, blieb bis ins 19.Jahrhundert präsent und wissenschaftlicher Konsens. Selbst Kant attestierte Frauen zwar “schönen Verstand”, also Intuition, aber keine Vernunft. Philosophische Erkenntnis blieb für ihn wie für viele andere männlich. Die mythische Legende in der griechischen Mythologie von Pandora, die “All-Begabte”, so die wörtliche Übersetzung ihres Namens, öffnete das Zeus’sche Gefäß und es entwichen Krankheit, Leid und Tod, die Hoffnung aber blieb zurück… Kleopatra und Jeanne d’Arc über Anne Boleyn, Madame de Pompadour, Katharina de’ Medici, Hürrem Sultan und Maria Theresia bis zu Marie Antoinette, Lola Montez und Mata Hari zeigten wie es auch anders geht.

Querelles des Femmes

Samra Kljajic unternimmt in ihrer Darstellung der “weiblichen Macht im Schatten der Geschichte” einen wilden Ritt durch Nationen, Länder und Adelsgeschlechter, aber auch durch Frühzeit, Antike, Mittelalter, Renaissance sowie die Gegenwart. Sie greift die klassischen Narrative der Geschichtswissenschaft, die von Jules Michelet und Jacob Burkhardt geprägt wurden an und beklagt die Unsichtbarkeit von Frauen in der (männlichen) Geschichtsschreibung. Dieser setzt sie ihre teilweise auch kurzbiographisch gehaltenen Essays entgegen, die zeigen, was für eine wichtige Rolle Frauen in der Geschichte – tatsächlich immer schon – gespielt haben. Nicht nur als Heilige, Opfer oder negative Vorbilder, sondern durchaus auch als das genaue Gegenteil. So erfahren wir etwa auch, dass das Wort “wip”, später “Weib” eine neutrale Bezeichnung für Frau gewesen sei, während die “frouwe” die Herrin im Hause war. Auch ob Krieg tatsächlich immer nur Männersache gewesen sei, stellt die Autorin in Frage und liefert gleich einige Gegenargumente: “konnotiert ja, praktiziert nein”, schließt sie etwa aus den Kreuzzügen. Besonders interessant ist das Kapitel über das Haus Osman, also die türkische Geschichte: “Durch den Verzieht auf politische Heiraten mit mächtigen Dynastien blieb das unmittelbare Umfeld des Sultans frei von rivalisierenden Schwiegerfamilien.” Die Mutter des Sultans hätte entschieden, welche Konkubine (des Harems) Zugang zu ihrem Sohn erhielt. Auch die Kira – Vermittlerinnen zwischen Harem und Außenwelt – spielten eine wichtige Rolle im Machtgefüge. Und wie trug eigentlich die Halskette der Königin zum Sturz einer ganzen Dynastie bei?

Samra Kljajic
Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte
2026, Taschenbuch, 4. Auflage, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-35271-0
dtv
15,00 €

 


Genre: Biographie, Frauengeschichte
Illustrated by dtv

Elvis Presley’s Tochter und Enkelin

Pookie, ich weiß nicht mehr wie ich mein Buch schreiben soll. Kannst du es mir nicht schreiben?” Lisa Marie Presley, die einzige Tochter von Elvis Presley, verstarb 2023 im Alter von nur 54 Jahren. Ihre Tochter Riley “Pookie” Keough stellte anhand von Tonbandaufnahmen ihrer Mutter die vorliegende Autobiographie zusammen, die auch für andere Trauerende eine Botschaft enthält.

Wie die Mutter so die Tochter

Nur einen Monat nach der – fast – Fertigstellung ihrer Memoiren verstarb Lisa Marie überraschend. Danny Keough, der Vater von Riley, blieb bis zum letzten Augenblick ein treuer Freund, auch während ihrer Ehe mit Michael Jackson. So kann man das Buch auch als eine Dankesrede an Danny verstehen, der auch dann nicht von ihrer Seite wich, als sie mit einem anderen Michael weitere zwei Kinder bekam. Lisa Marie und Danny hatten auch noch einen Sohn, Ben, der Bruder von Riley, der mit nur 28 ebenfalls viel zu früh verstarb: er hatte sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Der Verlust ihres Sohnes und gesundheitliche Probleme führte auch zum Tod von Lisa Marie, die in vorliegender Doppel-Biographie in eigenen Worten von ihrer schwierigen Kindheit erzählt. Riley gibt dies ungeschminkt weiter und so entsteht das Bild von einer aufmüpfigen Teenagerin, die sich stets gegen die Auflagen ihrer strengen Mutter, Priscilla, und die der Gesellschaft wehrte. Schon als Teenager nahm sie allerhand Drogen und rebellierte gegen ihre Mutter, die wiederum selbst von ihrer Mutter mit Elvis bekannt gemacht wurde. Priscilla war damals gerade einmal 14, “ihre Eltern erlaubten das“, schreibt Lisa Marie. Elvis, ihr Vater, hatte manchmal Wutausbrüche, erzählt sie, aber es war eine “witzige Wut” und sie konnte viel mit ihm lachen. Auch nach der Scheidung von Priscilla soll er nie schlecht über sie geredet haben. Wahrscheinlich kamen seine Anfälle ohnehin von den “Medikamenten“, die seine Ärzte ihm verschrieben hatten.

Heavy Metal im Happy Valley

Es war ein Doppelschlag: Er ist tot, und jetzt bleibt mir nur sie.“, schreibt Lisa Marie. Sie musste Graceland zwar verlassen, aber manchmal konnte sie auch mit ihren Kinder, Ben und Riley, noch in das Schlafzimmer des King zurückkehren. Die Privaträume im oberen Stock wurden nie Teil der öffentlichen Ausstellung des Hauses. Lisa Marie war nur neun Jahre alt, als ihr Vater starb und als ihr Stiefvater Edwards sie unsittlich zu berühren begann und ihre Mutter ihr nicht glaubte, begannen ihre rebellischen Jahre. Priscilla versuchte sogar sie bei Scientology abzuladen, aber erst durch Danny bekam sie so etwas wie ein echtes Zuhause, auch wenn sie sich später wieder von ihm trennte. “Mit zwanzig war ich verheiratet, mit einundzwanzig Mutter, fast so wie meine eigene Mutter“, schreibt Lisa Marie. Auch über Billy Idol, Gottfried Helnwein und Nicolas Cage erzählt sie Unerwartetes, bis die Sucht wieder eskaliere. 80 Tabletten pro Tag (!) habe sie nach eigenen Aussagen zu sich genommen, bis ihr Sohn sich das Leben nahm. Spätestens jetzt schaffte sie den Entzug und Riley war richtig stolz auf sie, dass sie bis zu ihrem Tod durchhielt. Sie blieb “ihm zu Ehren komplett clean“. Allerdings bewahrte sie seinen Leichnam auf Eis gekühlt fast zwei Monate im Keller ihres Hauses auf und bestattete ihn erst dann. Riley spürte, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihre Mutter daran zerbrechen würde. Dennoch wollte sie anderen Menschen noch helfen, das wäre auch der Sinn einer Autobiographie, schreibt Lisa Marie und ihre Tochter Riley machte genau das möglich, in dem sie das vorliegende Buch herausgab, das auch vielen anderen Trauernden helfen kann zu überleben: “Anderen zu helfen, das wäre erfüllend“.

Lisa Marie Presley/Riley Keough
From Here to the Great Unknown – Von hier ins Ungewisse
2026, Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-328-60378-8
Pinguin Verlag
€ 28,00


Genre: Autobiographie, Biographie
Illustrated by Penguin

MM: Ein wunderschönes Kind

Truman Capote war es, der Marilyn Monroe Mitte der 1950er Jahre an die Schauspiellehrerin Constance Collier vermittelte. Das erklärt auch die Vertrautheit der beiden, die in dem den Fotografien vorangestellten Text zu Tag tritt und der im Jahre 1955 spielt.

Auf ein Kribbelwasser beim Chinesen

In diesem Jahre hatte sie ihre eigene Produktionsfirma gegründet und war nach New York gezogen, wo sie auch an der Lee Strasberg School Actors Studio Schauspiel lernte. Zudem lernte sie auch Arthur Miller kennen, der bald ihr Ehemann werden sollte. Das von Truman Capote aufgezeichnete Gespräch hat einen sehr freundschaftlichen und unvermittelten Ton. So scheut auch Marilyn nicht vor Kraftausdrücken zurück, während sich Capote im Vergleich doch eher vornehm ausdrückt. In einem chinesischen Restaurant konsumieren sie eine Flasche “Kribbelwasser”, wie MM den Champagner nennt, und nehmen schließlich ein Foto zur Staten Island Ferry. Aber interessant ist natürlich genau das, was dazwischen passiert. Die 48 abgedruckten Photographien von Eve Arnold bis Weegee 1945-1962, von Farbe bis S/W, zeigen ein “wunderschönes Kind”, so soll Constance Collier sie einmal genannt haben, auf dem Gipfel ihres Ruhms. Aber natürlich war sie weit mehr als ein Kind, schließlich hatte sie mit 29 Jahren schon die Firma Marilyn Monroe Productions gegründet und bereits einige Erfolge gelandet. Collier sah in ihr vor allem eine Ophelia, womit sie letztendlich auch recht behielt, denn MM starb viel zu früh im Alter von nur 36 Jahren unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen.

Eine Freundschaft mit viel Flair

Davon konnte der Schriftsteller (Frühstück bei Tiffany, Die Glasharfe, Kaltblütig), Drehbuchautor und brillante Chronist der New Yorker Society 1955 als das Gespräch stattfand natürlich noch nichts wissen. Umso überraschender wirken die Hinweise auf ihren frühen Tod, den Collier schon irgendwie antizipierte. Dafür errät Capote den Namen ihres Schriftstellers aus dem sie zuerst noch ein Geheimnis machen möchte. “Ich bin in ihren Anblick” versunken, sagt MM als sie sich vor dem Badezimmerspiegel ihren Lippenstift nachzieht. Capote hatte sie dort aufgesucht, weil sie ihn mal wieder so lange warten ließ. Die 48 Photographien machen die als Norma Jeane Baker in LA zur Welt gekommene Ikone zwar nicht wieder lebendig, aber nicht umsonst hat der Schirmer/Mosel Verlag zum 100. Geburtstag in vergrößertem Format neu aufgelegt: “Sie gleicht einem fliegenden Kolibri”, so Collier einmal, denn hinter all der Fassade und dem Make-up ist sie leicht, federleicht und zerbrechlich. Mit einer Gesamtedition von bisher elf Titeln ist Schirmer/Mosel der führende Photobuchverlag, wenn es um Marilyn Monroe geht. Der vorliegende Band versammelt frühe Pin-ups, Filmbilder und Publicity Stills, Portraitaufnahmen großer Photographen wie Richard Avedon, Cecil Beaton und Philip Halsman bis zu den eindrucksvollen Bilder der letzten Photosession mit Bert Stern im Juni 1962.

Marilyn Monroe
Ein wunderschönes Kind
48 Photographien von Eve Arnold bis Weegee 1945-1962
Mit dem Essay von Truman Capote
120 Seiten, 48 Tafeln in Farbe und Duotone
ViBi Magnum, broschiert
ISBN 978-3-8296-1047-9
Schirmer/Mosel
€ 14,80


Genre: Biographie, Essay, Fotografie
Illustrated by schirmer/mosel

Ein Notizbuch: viel weißes Papier zu Semesterbeginn

Notizbuch um Notizbuch: Für viele Studentinnen und Studenten beginnt bald wieder die Universität und anders als bei den Schülerinnen und Schülern bekommen diese keine Schultüten, um den Beginn des Ausbildungsjahres zu versüßen. Aber dafür gibt es Kalender und Notizbücher, die nicht nur praktischen Gesichtspunkten, sondern auch Ansprüche an Design und Charme befriedigen können. Die bekanntesten dieser Art sind natürlich die kleinen schwarzen von moleskine, die anscheinend schon von Vincent Van Gogh bis Pablo Picasso, von Ernest Hemingway bis Bruce Chatwin. benutzt wurden und so auf eine lange Tradition zurückblicken können. Aber längst gibt es auch originelle neue Ideen, die designtechnisches keine Wünsche offen lassen. Wir haben uns etwas umgeschaut und stellen neue Varianten des beliebten „immer dabei“-Buches hier vor.

100 Seiten. Notizbuch

Das neueste Notizbuch kommt aus dem Hause Reclam und orientiert sich an der erfolgreichen Reihe “100 Seiten” zu Themen der Popkultur, Philosophie etc. Natürlich hat es 100 Seiten und ein Format von 170 mm x 114 mm und passt somit in jede Jackentasche oder Jeans. Das Softcover trägt auch ein paar Schlagworte zur Inspiration. Zum 10. Geburtstag der beliebten Reihe eignet sich als Bullet Journal, Planer oder Tagebuch.

Diogenes: Klassiker in Rot

Das Notizbuch des Diogenes Verlags ist in Zusammenarbeit mit Hieronymus, einem der exklusivsten Schreibwarenhersteller der Schweiz, entstanden. Das Diogenes Notizbuch gibt es in drei Größen – small, medium, large und lässt in Sachen Beweglichkeit, Schlankheit, Papierqualität und einfachem Heraustrennen der Seiten keine Wünsche offen. Diogenes Notes sind fadengeheftet, in Leinen gebunden.

Reclam Universal Notizbuch in allen Farben

“Ich werd nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier”, heißt es in notiz3einem Song der deutschen Band Element of Crime. Am Anfang steht damit also die Überlegung, ob man lieber blanko oder kariert wählt. Das Universal-Notizbuch von Reclam gibt es in beiden Varianten und dazu sogar noch einen Bleistift geschenkt. „Record your ideas“ steht avantgardistisch auf dem Kartoncover (Schutzfunktion) zum Notizbuch und tatsächlich hat es auch sein einen Preis damit gewonnen: den red dot design award. Das Reclam-Notizbuch ist gelb und sieht damit genauso aus wie die unzähligen Klassiker der Reihe im praktischen Taschenformat. „Jede Notiz ein Klassiker“ steht auf der Rückseite des eigentlichen Notizbuch-Covers und so steht dann den eigenen Ideen nichts mehr im Wege. Keine lästigen Daten-, Wetter- oder Geburtstagseintragungen mehr, wie bei anderen Notizbüchern, sondern einfach nur das unbeschriebene weiße Papier, Raum für Gedanken, die vielleicht bald die Welt oder zumindest die eigene Fantasie beflügeln können. Weißes Papier: egal ob blanko oder kariert, seit neuestem auch im Schuber in allen Farben der Reclam Publikationen erhältlich.

Suhrkamp Literatur als Notizbuch

Quasi nackt – also ohne schützenden Karton und Bleistift – kommt das notiz1Notizbuch des Suhrkamp Verlages daher, dafür trägt es aber den hochtrabenden Titel eines Literaturklassikers, der bei Suhrkamp 1988 erschienen ist, darauf. „Chronik der laufenden Ereignisse“, das Buch von Peter Handke wird hier zitiert und das Notizbuch sieht genauso aus wie ein Taschenbuch von Suhrkamp, denn in glänzenden Lettern steht der Titel groß auf der Vorderseite. „Schreiben geht nicht ohne Glanz“, ein Zitat von Peter Handke schmückt wiederum den Buchrücken in schillernden blauen Lettern auf schwarzem Grund. Es gibt aber auch andere Ausführungen, etwa “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust. Das Notizbuch des Suhrkamp Verlages ist vom Format her etwas größer als das Universal-Notizbuch von Reclam, aber immer noch handlich genug, dass es im Notfall in einer Gesäßtasche einer Jeans Platz hat. Das Notizbuch von Suhrkamp bietet genug Platz für Eintragungen, die durch nichts eingeengt werden, einzelne Seiten ließen sich auch herausreißen ohne Spuren zu hinterlassen, sollte man einmal einem Kollegen ein Blatt Papier borgen müssen. Aber würde das gerne tun? Zu schön ist der Anblick dieser hohen Literatur, die noch geschrieben werden muss. notiz4Als Verbesserungsvorschlag könnte man noch anführen, dass es cool wäre, wenn die Umschlagseiten einklappbar wären, um schneller zu der jeweiligen aktuellen Seite zu gelangen. Es sei dann man schreibt immer auf der ersten Seite, weil man an die Kollegen zu viele leere Seiten verteilt hat. Ist das so gedacht? Egal, auf jeden Fall ein Schmuckstück in jeder Handtasche oder Hosentasche.

Retro und Vintage: das Insel Notizbuch

Zuletzt sei noch auf das Notizbuch der Insel-Bücherei hingewiesen, das es in verschiedenen Farbdesigns gibt und etwas Retro- und Vintagemäßig daherkommen. Sie unterscheiden sich nicht nur durch ihr größeres Format von anderen Notizbüchern, sondern auch durch ihr hartes Karton-Cover, das sowohl innen wie außen in unterschiedlichen Farben designt ist. Der Vorteil ist damit aber auch sein einziger Nachteil, denn es ist weder knick- noch faltbar und außerdem viel zu schön dafür. notiz2Das altmodische Design macht es zu einem wirklichen Designklassiker, dessen Schönheit an ein altes Schulheft erinnert, einer Zeit also, in der man selbst noch Schultüten bekam und die Süßigkeiten noch nicht so bitter schmeckten, sondern einen mit ihrem orientalischen Zauber aus Zucker und Honig einlullten, bereit für die Welt da draußen. Einen schönen Schul- resp. Unibeginn wünscht die Redaktion.

Diogenes Notes
Small (8.5 x 12.5 cm)
Medium (10.5 x 15.5 cm) und
Large (12.8 x 18.8 cm)
144 Seiten
€ (D) 15.00* / sFr 20.00* / € (A) 15.00*

Universal-Notizbuch
Record your ideal
Blanko oder kariert, mit Bleistift
In allen Farben der Universal-Bibliothek
Design: Blum, Wolfgang
Je 128 S., blanko, original UB-Papier mit integriertem Bleistift im Schuber
Format inkl. Schuber: 10,5 x 14,9 cm
ISBN: 9783159003023
5.-€

Chronik der laufenden Ereignisse
Notizbuch
Suhrkamp
Taschenbuch
160 Seiten
ISBN: 9783518467596
4,2.-€

Notizbuch
Insel-Bücherei
ISBN: 9783458177142
8.-€

Die Wahrheit ist auch der Bachmann zumutbar

Eine kritische Reflexion auf Autorin und Mensch Bachmann wird in dieser ganz anderen Biographie auf interessante und sehr lesenswerte Art von Ina Hartwig aufbereitet. Zu Wort kommen auch Zeitgenossen und natürlich die Schriftstellerin und ihr Werk.

Die Wahrheit ist auch Bachmann zumutbar

Die “Biographie in Bruchstücken” ist eine neue Form eines neuen erfrischenden Narrativs, das sich weniger an biographischen Daten als vielmehr an Zeugnnissen in Leben und Werk orientiert. Die Literaturredakteurin bei der “Frankfurter Rundschau” Ina Hartwig versteht ihr Handwerk. Die erweiterte Neuausgabe zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns am 25. Juni 2026 wurde selbstverständlich aktualisiert und mit einem eigenen Kapitel versehen, in dem auch auf die Biographie des Bruders Heinz und andere neuere Entwicklungen in der Bachmann Forschung eingegangen wird. Als “roter Faden” – wie die Biographin selbst schreibt – zieht sich die Freundschaft zu Henry Kissinger durch die vorliegende Erzählung über eine der wohl kontroversiellsten Schriftstellerinnen unserer Zeit. Ingeborg Bachman war für ihre divenhaften Auftritte, ihre Beziehungen zu berühmten Kollegen wie Celan, Frisch oder Enzensberger bekannt, ihren spektakulären Tod (Selbstmord?), aber natürlich vor allem durch ihr einzigartiges Oeuvre. Promiskuitiv, medikamentenabhängig – um nicht zu sagen drogensüchtig – und gerne einem Gläschen Wein zugetan, so kennt man die Bachmann als Mensch. Mehr über sie erfährt man von Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Peter Handke oder Henry Kissinger, die Hartwig eigens für die vorliegende Publikation persönlich aufsuchte.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Der “Kritiker der Nation”, MRR (Marcel Reich-Ranicki, attestierte ihr das zitierte “divenhafte” Auftreten und legte in ihren Flüsterton eine “maximale Aufmerksamkeits-forderung“. Sie habe immer die absolute Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, so MRR, “sie umarmte die ganze Welt gewissermaßen flüsternd“. Die männlichen Protagonisten ihrer Romane nennt er “hysterische Mädchen mit männlichen Vornamen“. Aber sie bekam immer was sie wollte: als sie bei der Einreise in die USA ihren Pass verschlampt hatte intervenierte Kissinger persönlich und sie konnte einreisen. Das will was heißen, denn die US-Einreisebehörden sind auch damals schon für ihre Strenge bekannt. Dass der Kalte Krieg auch als ein “Finanzierungsmodell für Künstler und Schriftsteller” gelesen werden kann, exemplifizier Hartwig am Fall Bachmann, denn sie erhielt gleich mehrere amerikanische Geldströme. Die selbstattestierte “Hydra der Armut” könnte also durchaus ins Reich der Legenden verwiesen werden. In der Frontstadt Berlin war sie “kein Mauerblümchen” und lebte während ihres 30-monatigen, finanzierten Aufenthaltes auf, bis sie nach Italien übersiedelt. Aber sie reiste auch viel und konnte daraus viel Kraft fürs Schreiben schöpfen. Der Frisch-biograph Julian Schütt errechnet dass die beiden seltsam länger als vier Wochen gemeinsam an einem Ort verbracht haben, schreibt Hartwig, die gleichzeitig Frisch für das Scheitern der Beziehung rehabilitiert.

 

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
Eine Biographie in Bruchstücken
Erweiterte Neuausgabe zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns am 25. Juni 2026
Mit zahlreichen Abbildungen
2026, Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-596-71307-3
FISCHER Taschenbuch


Genre: Biographie
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

250 Jahre Amerika: América

América. Reich und arm, oben und unten, liberal und konservativ: Welten prallen aufeinander in diesem Roman, der 1995 unter dem Original-Titel “The Tortilla Curtain” erstmals erschien. Boyle beschreibt in “América” genau das Klima, das den Aufstieg eines gewissen Mannes mit rotblondem Haarschopf zum US-Präsidenten ermöglichte.

Das Land der unbegrenzten Gegensätze

“América” ist der Name einer illegalen mexikanischen Einwanderin, die mit Cándido, dem Mann ihrer Schwester Resurrecion, in den USA ihr Glück versucht. Gerade einmal 17 Jahre alt ist sie und Cándido doppelt so alt aber leider nicht doppelt so intelligent. Wie der Candide in Voltaire’s 1759 erschienen “Candide ou l’optimisme” stolpert Boyle’s Anti-Held durch diesen Roman und führt den Optimismus eines Emigranten genauso ad absurdum wie einst Candide in Voltaire’s satirischem Schelmenstück. Es scheint als hätte Cándido alles Pech der Welt für sich gepachtet, zuerst wird er von dem rotblonden Nachfahren deutscher Einwanderer, Delaney Moosbacher, mit dem Auto angefahren und dann muss er es zulassen, dass seine 17-jährige Frau, América, für ihn arbeiten geht. Das verletzt ihn ebenso in seinem männlichen Stolz wie die Tatsache, dass er ihr nicht einmal eine Unterkunft bieten kann und sie gezwungen sind, in einem Canon zu campen. Illegal selbstverständlich. In einer gekonnten Parallelmontage beschreibt Boyle aber auch die Welt des “Pilgers” Delaney, der ab und zu ein paar Artikel über die Natur Kaliforniens schreibt und sich ansonsten von seiner Frau Kyra, der gutverdienenden Immobilienmaklerin, versorgen lässt. Natürlich haben sie auch einen Sohn, zwei Hunde, eine Katze und ein Eigenhäuschen. Aber auch diese Besitztümer sind bald gefährdet: die Hunde durch die umherstreifenden Coyoten, die Katze durch andere “Fleischfresser” und das Haus durch ein wild wütendes Feuer. Zwischen seinen Wanderungen streitet sich der Liberale Delaney mit seinen Nachbarn, die unbedingt eine Mauer (sic!) um ihr Viertel errichtet haben wollen, “…but he won’t back down”.

Von einer (hausgemachten) Naturkatastrophe zur nächsten

Wohlgemerkt: der Roman wurde Mitte der Neunziger Jahre geschrieben und dennoch enthält er bereits alles, was dieses unglaubliche Land, Amerika, heute bis an den Rand der Zerstörung bringt: Rassismus, Sexismus, Klassismus. Natürlich hält T. C. Boyle am Ende seines Romans auch eine ordentlich Pointe bereit, aber allein das abwechselnde Lesen der beiden unterschiedlichen Erlebniswelten, Delaney und Cándidos, bereitet schon sehr viel Vergnügen und kann als Momentaufnahme des Klimas gewertet werden, das den jetzigen US-Präsidneten an die Macht brachte. Mit beißender Ironie beschreibt Boyle die Auseinandersetzungen Delaney’s mit seinen Nachbarn und ihrer kleinen Probleme. Umso präziser ist er noch in der Beschreibung des Elends der Migranten unter denen es natürlich genauso viel Gute wie Schlechte gibt, ebenso wie bei den weißen Amerikanern. Allerdings bleibt einem bei aller Ironie das Lachen oft im Halse stecken, wenn man bedenkt, wozu diese Diskussionen und Einstellungen geführt haben. “Eine Mauer hochziehen. Genau das hatten sie vor. Deshalb waren sie zusammengekommen. Das war der Zweck des Treffens.” Das Schüren von Ressentiments von unverantwortlichen Politikern gegen alles Fremde, die mit Hilfe ihres Populismus einfach nur ihre Macht erhalten wollen, zeichnet die konservative Rechte nicht nur in den USA aus. Im zweiten Kapitel “El Tenksgivih” in dem Boyle die ureigenste Tradition des Erntedankfestes, “Thanksgiving”, aufs Korn mit kulminiert die Handlung schließlich in einem Feuer, wie es viele Bewohner Los Angeles 2025 tatsächlich erleben mussten. Doch im dritten Kapitel wird “Soccorro” geboren, eine waschechte Nordamerikanerin. Ihr Vater: Cándido, ein “Versager, Narr, ein Bauerntölpel, ein Dummkopf”. Ein rasanter Showdown läuft dann auf ein Duell zwischen Delaney und Cándido hinaus, doch es wartet schon die nächste Naturkatastrophe.

T. C. Boyle
América
Roman
Übersetzung: Übersetzt von Werner Richter
2025/2006, 17. Auflage, Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-20935-9

dtv
15,00 €


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Peter Beard. The End of the Game

Fotograf und Yale-Absolvent Peter Beard (1938–2020) gilt als Afrika-Fan der ersten Stunde. Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren arbeitete Beard im Tsavo-Nationalpark, im Aberdare-Gebirge und am Rudolfsee in Kenia. Einige der dabei entstandenen Collagen seiner Fotografien zeigt der neu erschienene Fotoband “The End of the Game” im Sonderformat.

Fotografien, Collagen, Dokumentationen…

“The End of the Game” kann zweierlei bedeuten: endlich aufhören zu spielen oder zu begreifen, dass es kein Spiel mehr ist, nie eines war. Denn die bedrohte Tierwelt Afrikas steht am Scheideweg. Der Kontinent, der durch die menschliche Idee von „Fortschritt“ so ausgebeutet wurde wie kein anderer, glänzte einst durch seine Vielfalt in Fauna und Flora. Elefanten, Nashörner und Flusspferde, aber auch Löwe, Leopard, die „Big Five“ also, bevölkern den inzwischen 1,5 Milliarden zählenden Kontinent von Gibraltar bis Kap der Guten Hoffnung. Die Fotografien von Peter Beard, die über Jahrzehnte hinweg entstanden, zeigen nicht nur, was wir verloren haben, sondern auch, wie gefährdet sowohl Fauna, Flora als auch Mensch heute sind. „Je tiefer der weiße Mann nach Afrika vordrang, desto schneller entwich das Leben aus den Steppen und dem Buschland… es verschwand in der unüberschaubaren Masse an Jagdtrophäen, Fellen und Kadavern.“, gibt Peter Beard über den unstillbaren Eroberungshunger des Europäers in Afrika zu Protokoll. Die verheerende Wirkung der westlichen Zivilisation auf Afrika stellt Peter Beard in einer eindringlichen und berührenden Bild- und Textcollage in vorliegender TASCHEN-Publikation zusammen. Peter Beard dokumentiert zugleich das obszöne Massentöten zehntausender von Elefanten, Nashörnern und Nilpferden in den Tiefebenen von Tsavo, Kenia, und später den Reservaten in Uganda in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Not “The End of the Game”

Copyright Peter Beard TASCHEN Verlag

Peter Beards Klassiker über die Tierwelt Afrikas erscheint hier in einer Neuausgabe. Über zwei Jahrzehnte arbeitete Peter Beard an diesem Werk, das hier mit neuem Material aktualisiert wird. Seine Fotos und Schriften werden durch historische Aufnahmen und Zitate ergänzt. Er stellt sich dem Kanon der Erzählung von selbsternannten Entdeckern, Forschern, Missionaren und Großwildjägern wie u.a. Theodore Roosevelt, Frederick Courteney Selous, Karen Blixen (Isak Dinesen), Philip Percival, J. A. Hunter, Ernest Hemingway und J. H. Patterson entgegen und erzählt die wahre Geschichte eines Kontinents, der sich heute mehr denn je zur Wehr setzt. Die vorliegende Neuausgabe enthält zudem ein Interview mit dem Naturschützer Dr. Esmond Bradley Martin sowie Essays aus früheren Ausgaben, etwa von Schriftsteller Paul Theroux oder des Ökologen Dr. Richard M. Laws. Das Nachwort verfasste der Agrarwissenschaftler Dr. Norman Borlaug, der auch auf die Entfremdung von der Natur, die Überbevölkerung, den Überlebensdruck sowie den Verlust des gesunden Menschenverstands angesichts der drohenden Klimakatastrophe hinweist. Das Spiel ist also noch lange nicht aus, sondern hat erst begonnen. Aber vielmehr als ein Spiel, ist es längst bitterer Ernst geworden. Nur (noch) nicht für die Profiteure Situation.

Peter Beard. The End of the Game
2026, Hardcover im Schuber, 24.5 x 27.2 cm, 1.90 kg, 304 Seiten
Ausgabe: Englisch
ISBN 978-3-7544-0271-9
TASCHEN Verlag
€ 80

 


Genre: Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Fullmoon: Vollmond über der Landschaft

Diese erweiterte Ausgabe mit über 370 Bildern – von Yosemite zur japanischen Küste, von Patagonien nach Bermuda, von den Alpen in die englische Heide – zeigt in einer nächtlichen Reise rund um den Globus den Vollmond in seiner ganzen Pracht.

Nocturne: Eine nächtliche Reise

Der englische Fotograf Darren Almond arbeitet als Konzeptkünstler in den Bereichen Fotografie, Film und Bildhauerei und setzt sich vorrangig mit den Themen persönliche Erinnerung, Kulturgeschichte und Zeit auseinander. Almond hatte schon Einzelausstellungen in London (ICA und Tate Britain), Zürich (Kunsthalle), Düsseldorf (K21), Essen (Museum Folkwang), Santa Fe (SITE) und in Japan (Art Tower Mito). In seinen Fullmoon-Fotografien erleuchtet ausschließlich das Mondlicht die Landschaft auf geheimnisvolle Weise mit seinen Ideen von Natur und Zeit. Man fühlt sich teilweise an überragende Gemälde erinnert, aber nichts ist natürlich überwältigender als die Realität der Natur und das noch im Mondlicht. Eine wahre Nocturne, eine nächtliche Reise rund um den Globus erwartet die Betrachter dieses Prachtbandes aus dem Hause TASCHEN. Spektakulär sind nicht nur die Fotos, sondern auch die vermittelte Atmosphäre von “Fullmoon”, denn Almonds gibt der Natur durch lange Belichtungszeiten quasi die Zeit, “sich auszudrücken”, wie er selbst pointiert anmerkt.

Almond: Im Licht des Vollmonds

Mit Belichtungszeiten von mehr als einer Viertelstunde erleuchtet Darren Almond Flüsse, Wiesen, Berge und Küsten in seinem ganz eigenen (Al)Mond-Licht. Er zeigt majestätische amerikanische Berge, karge arktische Eisfelder, malerische Felsen an Japans Küste und, aus nächster Nähe, die Natur Großbritanniens mit ihren vertrauten, stillen Motiven. Man möchte fast von Vollmond-Romantik sprechen, wenn man sich die vorliegende erweiterte Ausgabe, die von der Jahrhundertwende bis heute reicht, näher ansieht. Mit einer Einleitung von Sheena Wagstaff, Leiterin der Abteilung für moderne und zeitgenössische Kunst am Metropolitan Museum of Art in New York, sowie einem umfassenden Essay des Schriftstellers und Kritikers Brian Dillon wird die Präsentation des Vollmondes aber auch wissenschaftlich beleuchtet. Das Buch “Fullmoon” von Darren Almond ist zudem in zwei signierten und nummerierten Art Editions erhältlich – jeweils mit einem signierten Print. „Bei Langzeitbelichtungen kann man nie sehen, was man fotografiert“, sagt Almond ehrlicherweise, „aber man gibt der Landschaft mehr Zeit, sich auszudrücken.“ Ein wunderbares Beispiel also für eine exzessive Entschleunigung, denn das Betrachten der Fotografien von Darren Almond vermittelt genau diese Ruhe und Gelassenheit, die wir heute mehr denn je brauchen.

Copyright: Darren Almond, TASCHEN Verlag

 

Darren Almond
Fullmoon
Ausgabe: Mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Französisch)
2026, Hardcover, 30 x 30 cm, 3.73 kg, 564 Seiten
ISBN 978-3-7544-0710-3
TASCHEN Verlag
€ 100


Genre: Fotografie
Illustrated by Taschen Köln

Reading Journal – Das Panini Lesejournal

Reading Journal. Wer Bücher liest, will sich auch erinnern. Eine Gedächtnis-stütze dafür liefert das vorliegende Panini Reading Journal im edlen Kunstledereinband und mit Goldschnitt und Platz für 114 Reviews gelesener Bücher.

Das Panini Lesejournal für Leser:innen

Ein schmucker Begleiter durch die Welt der Literatur für angehende Rezensenten. Oder einfach nur, um sich zu erinnern. Die besten Szenen eines Buches können hier in verschiedenen Rubriken für die Nachwelt festgehalten werden und mit Notizen ergänzt werden. Für Kurz- und Langreviews ist ausreichend Platz vorhanden, um alle Gedanken und Gefühle festzuhalten und jede Geschichte in Stichworten unvergessen zu machen. Zudem sind Zitate berühmter Autoren oder Dichter in das Journal mit eingebunden und können durchaus auch als Inspiration verstanden werden. Es gibt die Rubriken Titel, Ja oder Nein, Dieses Buch ist…, Ähnliche Titel, Lieblingstelle, Charaktere und Mini Moodboard sowie natürlich genügend Platz für das eigentliche Review sowie Gedanken und Reflexionen. “Wer liest, reist, ohne den Platz zu verlassen” leitet ein in den Jahresrückblick am Ende des liebevoll gestalteten Kunstlederbandes mit Raum für neue Wege der Literaturbetrachtung. Wer Hilfe beim Ausfüllen braucht, dem ist auch ein “kleiner Wegbegleiter” beigelegt, der für die Einträge zusätzlich inspiriert. Zwei Lesebändchen helfen für das schnellere Auffinden des nächsten Eintrages.

Gedächtnisprotokolle und Gesprächsstoff

Wer sich über seine gelesenen Bücher auch mit Dritten austauschen möchte findet mit diesem Reading Journal auch die Möglichkeit, sich über alle Grenzen hinweg über Literatur zu unterhalten. Aber auch das Bücher Bingo liefert einige Möglichkeiten auch einmal analog als Spieler aktiv zu werden. Denn im Mittelpunkt steht die Kommunikation, entweder mit sich selbst und den Büchern oder auch mit Nachbarn, Freunden und solchen die es noch werden wollen. Zeig mir dein Reading Journal und ich zeige dir meines, das könnte doch der Beginn einer jahrhundertelangen Freundschaft werden… Ein echter Anker der Entschleunigung zum Glück, ganz persönlich und individuell und auf haptischem Papier. Kreiere deine eigene Literaturseite und bleib dabei Herr über deine Gefühle, Emotionen, Überlegungen. Erinnerungswürdiges mit dem Stift auf Papier festzuhalten, das könnte bald auch wieder im 21. Jahrhundert modern werden!

Panini Books (Autor)
Das Panini Lesejournal
2026, Hardcover, Kunstledereinband, 384 Seiten
ISBN: ‎ 978-3833247309
Panini Verlags GmbH
30,5.-€


Genre: Lesebuch
Illustrated by Panini Comics

Kegeljungen-Anekdoten

Kegeljunge. Der “Autor mit subtilem Witz”, Otto Jägersberg, erinnert sich an die Zeit, “als es noch Kegeljungen” gab. Aber auch über zeitgenössische Absurditäten macht er sich Gedanken und trägt diese in sein beim diogenes Verlag erschienes Journal ein. Notizen, Anekdoten, Gedanken…alle durchnummeriert bis Eintrag 160.

Alles auf den Kopf gestellt

Der als freier Autor und Filmemacher und in Baden-Baden lebende Autor, Jahrgang 1942, ist am Zeitgeschehen aktive teilnehmender Zeitgenosse. Er liest Zeitungen, schaut Filme oder sinniert über Nachrichten aus dem WWW. Aber er erinnert sich auch gerne daran, wie es früher war. Etwa an die Kegeljungen, die den gefährlichen Platz hinter den Kegeln einnehmen mussten und die umgeschossenen Kegel wieder aufstellen mussten. “Rums!” und schon eilte er wieder hinter die Schutzwand. Frauen und Männer schossen dabei unterschiedlich, sangen oder grölten und der Kegeljunge malochte ununterbrochen. “Gut Holz”,hieß es dann am Ende. “Als es noch Kegeljungen gab”. Bitter schmeckte auch das Gulasch, als Jägersberg seine spannende Biografie las. Die war so spannend, dass er vergaß nach seinem Gulasch zu schauen. “Alles verdorben, dank Stalin”. Noch bitterer ist da allerdings sein 52. Eintrag in dem er davon schreibt, dass die Ukrainer heute gegen Russland vorgeschoben würde, mit deutschen Waffen und deutscher Propaganda. Nur diesmal kämpften eben nicht mehr die Deutschen gegen Russland, sondern die Ukrainer: “Verlieren wie das letzte Mal kommt nicht infrage. Logisch.” Es liest sich vielleicht etwas missverständlich, aber die bittere Ironie zeigt einfach in was für absurden Zeiten wir heute alle leben müssen. Alles auf den Kopf gestellt.

Heimatgefühl einmal anders

“Alles falsch. Rechtschreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde nicht so aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt.” So beschreibt Jägersberg das Ankommen in der Moderne, die mit einem gewissen Freud in Freiberg vor Nikolsburg begann. Dort lebte der Begründer der Psychoanalyse laut Jägersberg bis zum sechsten Lebensjahr als er dann mit seiner Familie nach Wien zog. Denken, manche können gar nichts anderes als denken, klagt der alte Mann, der gerne noch mal ein Bier trinkt, müffelt und den Morgenmantel gerne bis mittags trägt. Die Zwiebel gibt ihm ein Heimatgefühl, denn wenn sie schon vom Herd her duftet, gibt es gleich was zu essen, schreibt er. Ein anderer Mann hat mit Fischsoße ein Vermögen gemacht. Er erfand das Garum, das Maggi der Antike: alte Fische, Molusken und Zucker mit Salz. Aber trotz allem verliert Jägersberg niemals den Humor, etwa wenn er Trachtenträgern gerne eine Tracht auf den Hintern geben würde. “Ich bin über 80 und am Biedersee, Sonne scheint, gleich gibts Artischocken, und ich trinke Helvetia-Bier”, schreibt Jägersberg, wohl überglücklich. Im Vergleich zu Freud, der im selben Alter vom vielen Zigarrenrauchen Gaumenkrebs hatte und aus Wien flüchten musste. Natürlich ist jeder Vergleich unzulässig, aber Jägersberg sei sein Glück gegönnt: “Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.” (Eintrag 160) Wollen wir’s alle hoffen!

 

Otto Jägersberg
Kegeljunge
2026, Hardcover Leinen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-257-07376-8
diogenes
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70


Genre: Anekdoten
Illustrated by Diogenes

Ganz zu schweigen von: Offene Rechnung

Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.

Arbeitslos, impotent, voyeuristisch

Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…

Ganz zu schweigen von…

“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…

Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

JR. La Caverne du Pont Neuf

Screenshot

Der französische Künstler JR wirkt mit seinen Arbeiten schon länger im öffentliche Raum der Großstadt Paris. Mit “La Caverne du Pont Neuf” hat er eine Arbeit geschaffen, die auch als Hommage an Christo und Jeanne-Claude zum 40. Jahrestag von „The Pont Neuf Wrapped” verstanden werden kann und dennoch die Dimensionen des Projekts von 1985 noch weiter extrapoliert.

Ort der Wunder: Pont Neuf

Eine Brücke wird zum Berg. Papier wird zu Fels. Mitten in Paris tut sich eine Höhle auf. Einen Blick hinter die Kulissen der atemberaubenden und flüchtigen Verwandlung der ältesten Brücke von Paris ermöglicht die vorliegende Publikation des TASCHEN Verlages, die schon während der Installation selbst erschienen ist (Juni 2026). Auch der französische Regisseurs Leos Carax beschäftigte sich 1991 in seinem Spielfilm “Die Liebenden von Pont-Neuf (Originaltitel: Les Amants du Pont-Neuf) mit der historischen, ältesten Brücke (*1578) mitten im Zentrum von Paris. Aber auch in der Malerei fand sie vielfache Resonanz, etwa bei William Turner, Auguste Renoir, Claude Monet, Camille Pissarro etc. um nur die bekanntesten zu nennen. Dass nun, Juni 2026, der Fotograf und Streetartkünstler JR sich mit einer weiteren seiner überlebensgroßen Installationen mit der ersten Pariser Brücke ohne Häuschen (deswegen auch “neuf” für “neu”) beschäftigt, verstärkt den Dialog über die Geschichte des monumentalen Bauwerks auch in der jetzigen Postmoderne. Der Arbeitstitel seiner Installation, “La Caverne du Pont-Neuf“, verwandelt die Brücke in eine riesige visuelle Höhle. Um den Brückenkörper herum bedruckte JR mit Schwarzweiß-Fotos von Felsen in einem aufblasbaren Gewebe die Felsformation, teils von Vegetation überwuchert, teils simuliert. Im Mittelpunkt der Installation steht dabei die Vorstellung eines Steinbruchs, aus dessen Material für den Bau der Brücke und der Stadt gewonnen wurde. Insgesamt etwa 120 Meter lang und 20 Meter breit, mit einer Höhe zwischen 12 und 18 Metern, hat JR auch eine 18900 m² aus Textil bestehende Hülle darüber gedeckt 2.400 m² Fläche und wird auf einer ebenfalls textilen Unterkonstruktion mittels eins Vakuums in Form gehalten. Die vollständig von privaten Sponsoren finanzierte Aktion wird durch eine Klanginstallation von Thomas Bangalter sowie optische Illusionen und Lichtspiele erweitert. Aber auch an die sensorische Wirkung wurde gedacht: eine Duftkomposition des Parfümhauses Odore Scola trägt zu einem bleibenden Sinneseindruck bei. Das Pariser Büro von Snap Inc. ermöglicht mittels Snap Spectacles zudem erweiterte Realität und interaktive Immersivität, so die Ausstellungsmacher.

Locus Mirabilis: eine Pariser Brücke

Die vorliegende XL Publikation aus dem Hause TASCHEN ermöglicht Einblicke in die Entstehung von JRs La Caverne du Pont Neuf aktuellem Kunstobjekt unmittelbar und sogar noch während seiner Inauguraton im Juni 2026 (!). Anhand von Aufnahmen hinter den Kulissen und Vorbereitungsmaterial dokumentiert “JR La Caverne du Pont Neuf” von der Konzeption bis zur Installation, einschließlich früherer Arbeiten mit Höhlen und Trompe-l’œil-Motiven das Schaffen des französischen Künstlers JR als eine unheimliche geologische Fantasiewelt. Mit einem Interview mit Hans Ulrich Obrist über die visuellen Vorbilder punktet auch der Fließtext dieser außergewöhnlichen Publikation. „Ich habe einen Weg gefunden, Wände zu nutzen, um uns zusammenzubringen.“, sagt der Künstler selbst über sein neuestes Projekt, geradezu einem “Coup an der Seine”. Ebenfalls zu Wort kommen in einem von Hans Ulrich Obrist moderierten Gespräch mit JR, Christos Neffen und Projektdirektor Vladimir Yavachev sowie Thomas Bangalter von Daft Punk. Künstlerische Freiheit, Kühnheit und die Frage, wie man ein Werk dieser Größenordnung außerhalb der üblichen Förder- und Kontrollmechanismen zum Leben erweckt sind Inhalte dieser Auseinandersetzung im kontemporären öffentlichen Raum.

Hans Ulrich Obrist
JR. La Caverne du Pont Neuf
Ausgabe: Mehrsprachig (Englisch, Französisch)
2026, Softcover mit Klappen, 25 x 34.5 cm, 1.51 kg, 240 Seiten
ISBN 978-3-7544-0728-8
Taschen
€ 40


Genre: Kunst
Illustrated by Taschen Köln

Ein Königreich für eine Schnecke 

276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.

Agentur “Romeo Meets Julija”

Die Schwestern Nastja und Sol besitzen ein Unternehmen. “Romeo Meets Julija” nennt sich ihre Heiratsvermittlungsagentur die berufstätige Unternehmer aus dem Westen mit arbeitssuchenden Frauen aus dem Osten zusammenbringen will. Gegen eine zusätzliche Gebühr selbstverständlich, denn der Aufwand die westlichen Junggesellen, die zu wenig Zeit haben selbst auf Brautschau zu gehen, weil sie ja so viel arbeiten müssen, ist recht umfangreich. Reisekosten, Verpflegung, Unterbringung, Dolmetscherinnen, Werbekosten und vieles mehr. Die Ehevermittlungen basieren aber nicht nur auf einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, sondern auch auf der Tatsache, dass in der Ukraine auf zehn Frauen nur 2,5 Männer kommen. Das liegt nicht nur am Alkohol oder am Krieg, sondern auch an der Auswanderung von Ukrainern. Für Nastja ist dieses Geschäftsmodell aber derart suspekt, dass sie dagegen etwas unternehmen will. Schließlich arbeiten sie einer Agentur zu, die wiederum von einer Mascha geleitet wird, die eventuell selbst noch weitere Verwicklungen in andere dubiose Geschäftspraktiken pflegt. Und als Nastja Jewa, die Schneckenzüchterin, kennenlernt, schließt sich für sie der Kreis: das Wohnmobil soll 12 Junggesellen entführen, um so international für Aufsehen zu sorgen und das Ende aller Heiratsvermittlungen einzuleiten. Aber zuerst muss sie Jewa, die alles andere als begeistert von der Idee ist, überzeugen. Doch denn bekommt sie den Tipp dass ein Exemplar ihrer aussterbenden Arten – sogenannte “Endlinge” – hinter der Front auf einem Baum lebt. Ein gefundenes Fressen für ihren Schützling “Lefty”, der sehnsüchtig auf eine Partnerin wartet.

Schneckenvermitllung auf Kanadisch

Doch dann macht nicht nur der Krieg mit Russland ihren Plänen ein Ende, sondern auch der Romanidee selbst. Maria Reva, die Autorin, hat kurzerhand die Ereignisse vom 20.2.2022 in ihren Roman mitaufgenommen und so den geplanten Plot ihres Romans über den Haufen geschmissen. Der Mittelteil sorgt zunächst also für etwas Verwirrung, wird aber dann im letzten Teil zu einem gelungenen Roman zusammengeführt, der zeigt, wie sehr der Krieg alle Ebenen der Gesellschaft durchdringt, erfasst und schließlich zerstört. Der “Tag der Himmlischen Hundertschaft” wird zum Stichtag der Entführung der 12 Männer durch die drei Frauen, der dicht hinter die russischen Kampflinien führt und in einer Schwejkschen Tragikomödie mit dichtem schwarzen Humor gepflastert ist. Als Tochter der fiktiven Frauenrechtlerin Jolanta Tschernow wird Nastja gezwungen in einem Film auf offenem (Schlacht-)Feld mit Brot und Salz die Okkupanten willkommen zu heißen. Aber ob sich aus dieser brenzligen Situation mit aufrechtem Rückgrat entziehen wird können, dafür hat die Autorin eine gute Lösung gefunden. Ebenso wie für die Fertigstellung ihres Romans während eines Krieges, der längst zu Ende sein sollte. Die aus der Ukraine stammende Autorin lebt in Vancouver/Kanada und wurde von der russischen Regierung 2022 mit Einreiseverbot belegt und hat bereits folgende Nominierungen und Auszeichnungen erhalten: Booker Prize (Longlist), Atwood Gibson Writers’ Trust Fiction Prize, Gordon Burn Prize (Shortlist), Climate Prize für Fiction (Longlist). Mehr zu Buch und Autorin hier. Ob Lefty am Ende doch noch eine Partnerin findet und somit nicht als Endling enden muss, verrät das Ende dieses außergewöhnlichen Romans einer vielversprechenden Autorin.

Maria Reva
Ein Königreich für eine Schnecke
Roman
Originaltitel: Endling
Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Kleiner
2026, Hardcover, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-28548-3
diogenes
EUR 26,00 [DE] – EUR 26,80 [AT]


Genre: Roman
Illustrated by dtv