Juli, August, September

Jüdische Identität im Land der Täter

«Juli, August, September», letzter Roman der in Baku geborenen und heute in Wien lebenden Olga Grjasnowa, weist bereits im Titel auf eine Dreiteilung hin. «Der Roman hat natürlich autobiografische Züge», hat die Autorin erklärt. Sein Thema ist die Selbstfindung der jüdischen Kunsthistorikerin Ludmilla, die im Roman nur Lou genannt wird. In Aserbaidschan geboren und russischsprachig aufgewachsen, kam Lou als so genannter Kontingentflüchtling von dort nach Berlin, wo sie in einer angesehenen Galerie arbeitet. Aus ihrer zweiten Ehe mit dem charismatischen Konzertpianisten Sergej ist die fünfjährige Tochter Rosa hervorgegangen, die noch nie in einer Synagoge gewesen ist, – im Berlin des Jahres 2023 also eine ganz normale, weil ziemlich religionsferne jüdische Familie.

Als Lou ihrer Tochter die Geschichte der Anne Frank aus einem banalisierenden, bebilderten Kinderbuch vorliest, glaubt Rosa unbeirrt, dessen Autor heiße Adolf Hitler. In diesem Moment wird der Mutter plötzlich klar, dass ihre eigene Identität ja nicht wirklich geklärt ist. Sie spricht ihre Muttersprache Russisch mit ihrer kleinen Tochter, um ein Stück Heimat in ihr zu verankern. Im Beruf und Alltag und auch mit Sergej spricht sie natürlich deutsch, alle der zumeist in Israel lebenden Familien-Mitglieder aber sprechen hebräisch, was sie selbst nur rudimentär beherrscht. Ist das denn überhaupt noch eine Familie, fragt sie sich. Und wie sollen sie als Eltern und nachgeborene, nicht wirklich religiöse Juden Lou denn erziehen hier im Land der Täter? Anlässlich der groß angelegten Geburtstagsfeier ihrer 90jährigen Großtante Maya in einem etwas herunter gekommenen Resort auf Gran Canaria, zu der der gesamte Familienclan zumeist aus Israel anreisen wird, hofft sie im Gespräch mit der dort versammelten Verwandtschaft ihre nicht nur sprachliche Identität finden zu können. Da Sergej wie so oft auf internationaler Konzertreise ist und ihr zurät, auch ohne ihn an der großen Familienfeier teilzunehmen, fliegt sie allein mit Rosa zu dem einwöchigen Treffen.

Der mit «August» betitelte Mittelteil des Romans schildert in epischer Breite den klischeehaften Bade-Tourismus, aber auch die Gespräche der zum Teil sogar verfeindeten, drei Generationen umfassende jüdischen Mischpoke, der gegenüber nicht nur Lou sich als Fremde fühlt. Tatsächlich kennt sie außer ihrer Mutter und deren Schwester sowie einigen entfernten Verwandten persönlich fast niemanden aus der weltweit verzweigten Familie. Und ihre Gespräche, mit denen sie dunkle Punkte der Vergangenheit zu klären hofft, scheitern meist an ihrem unzureichenden Hebräisch, von der lückenhaften und unzuverlässigen Erinnerung an Jahrzehnte zurückliegende Geschehnisse ganz zu schweigen. Insbesondere die Jubilarin und Seniorin des Clans, Großtante Maya, die als Älteste noch am meisten beitragen könnte zur Klärung der Geschehnisse im Holocaust, liefert sich widersprechende Geschichten ab. Das sind aber keine Lügen, allenfalls unterschiedliche Erinnerungen an die Ereignisse damals. Als die familiären Querelen schließlich zunehmen, beschließt Lous Mutter, früher abzureisen, und Lou bittet sie spontan, doch die kleine Rosa mitzunehmen, sie selbst käme in ein paar Tagen nach. Ihr ist nämlich klar geworden, dass die Antworten auf ihre Fragen nur in Tel Aviv zu finden sind, und sie fliegt auch dorthin.

Ihr Judentum habe «per se etwas mehr von einer kulturellen Performance und nicht etwas von einer Religion», erklärte die Autorin. Auch der Trip der Protagonistin nach Israel bringt in Teil drei des Romans keine weiteren Erkenntnisse, weder ihr noch dem Leser. Damit erscheint dieser letzte Teil narrativ wie ein Fremdkörper, und tatsächlich sei er, dem Vernehmen nach, aus einem geplanten Essay hervor gegangen. Die jüdische Identitätssuche bleibt hier letztendlich also leider ohne Ergebnis. Und auch der auf Gran Canaria angesiedelte Teil mit seinen vielen albernen All-inclusive-Klischees ist alles andere als bereichernde Literatur. Die Sprachkunst-Professorin Olga Grjasnowa aus Wien kann es deutlich besser, das hat sie mit ihrem Debüt bewiesen!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Hansa Berlin

Juli, August, September

Juli, August, September. “Der Russe ist einer, der Birken liebt” war ihr Debüt, 2012, seither sind auch andere Bücher von dieser Autorin erschienen, die derzeit als Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet. Die in Baku, Aserbaidschan Geborene lebt abwechselnd auch in Polen, Russland, der Türkei, den USA und Israel. Ihre Werke, ein Essay und vier Romane, wurden in 15 Sprachen übersetzt, fürs Radio und die Bühne adaptiert und verfilmt. In ihrem neuen Werk geht es um die liebe Familie und die Protagonistin Lou macht sich auf die Suche nach deren Geheimnissen. Zwischen Berlin, Gran Canaria und Israel.

Die Vergangenheit der Gegenwart

Tante Maya feiert ihren 90. Geburtstag. Sie lädt ausgerechnet auf die touristische Urlauberinsel Gran Canaria ein, weil sie dorthin ein Preisausschreiben gewonnen hat. Alle Familienangehörigen – oder zumindest jene die sich noch dazu zählen – müssen sich nun dort um sie versammeln und ihrer letzten Erzählung lauschen. Denn natürlich will sie sich in ihrem betagten Alter auch verabschieden. Und einiges zurechtrücken. Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben und auch bei Familiengeschichten ist dies nicht anders. Dort schreiben die Überlebenden die Geschichte. Bald kommt Lou nämlich einem Familiengeheimnis auf die Schliche, die ihre andere Tante Rosa, nach der sie auch ihre Tochter benannt hat, betrifft.

Juli, August, September

Die beiden Schwestern Maya und Rosa durchlebten gemeinsam den Krieg und den Holocaust und ihre Nachkommen sollen nun endlich die Wahrheit erfahren, so, wie es wirklich war. Aber die Mutter von Lou ist damit gar nicht einverstanden. Lou selbst durchlebt auf Gran Canaria ihre erste Ehekrise, von der sie selbst nicht sicher ist, ob es sie nun wirklich gibt oder nicht. Denn Sergej ist einfach nur viel unterwegs, als Konzertpianist hat er keine andere Chance. Die Telefongespräche zwischen Salzburg und Gran Canaria verlaufen unbefriedigend. Und bald fragen sie alle, ob sie sich scheiden lassen wolle. Als dann noch ein Interview von Sergej erscheint, scheint das Fass überzulaufen. Lou fliegt nach Israel und begegnet dort ihrer Vergangenheit.

Ehe, Familie und Partnerschaft im 21. Jahrhundert

Es geht viel um die russisch-jüdische Identität, denn ihre Familie stammt eigentlich von Wolgadeutschen der Sowjetunion ab. Im Ausland werden sie dann abwechselnd als Russen oder Juden wahrgenommen, beides führt zu Komplikationen. An einer Stelle spricht sie auch über die “heritazniza”. Sie spreche die russische Sprache zwar nicht perfekt, aber sie löse sehr viel mehr Emotionen bei ihr aus als das Deutsche, so Lou. Besonders für die Kinder ist das Aufwachsen durch solche Zuschreibenden nicht gerade einfach. “In meiner Familie herrschte ein rigider Wettbewerb, wer die erfolgreichsten Kinder hatte. Denn der Erfolg der nächsten Generation war der Gradmesser gelungener Elternschaft.” Aber bald wird Lou konstatieren, dass sie alle versagt hatten. Und über allem liegt dieser feine Staub von Ironie.

Judentum als “kulturelle Performance”

Nicht nur weil sie ihr erstes Kind verloren hatte, sondern auch ihre erste Ehe, fühlt Lou, dass sie keineswegs zu den “Siegern” gehört. Ihr Judentum wäre ohnehin nur mehr eine “kulturelle Performance”, die nicht mal besonders gut sei. Als Lou schließlich entdeckt, dass Hannah, ihre Großmutter, ihre beiden Kinder Maya und Rosa während des Krieges im Stich gelassen hatte und ihr Ehemann als vermeintlicher Deserteur in ein sowjetisches Gefängnis gekommen war, spitzt sich die Handlung zu: “Als ich so alte geworden war, dass mein Erinnerungsvermögen einsetzte, hatte mein Großvater seines verloren“. Olga Grjasnowa erzählt in einer sympathischen, jugendlichen Sprache vom Schicksal aller jener, die durch den Krieg in alle Welt zerstreut wurden und seither versuchen, die verlorenen Teile wieder zusammenzufügen. “Juli, August, September” ist dafür ein guter Anfang.

Olga Grjasnowa
Juli, August, September
Roman
2024, Hardcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-446-28169-1
Hanser Berlin
Deutschland: 24,00 €
Österreich: 24,70 €


Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Der Russe ist einer, der Birken liebt

Seelisches Chaos

Die in Baku geborene, jüdische Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die 1996 als Zwölfjährige in Folge des Berg-Karabach-Konflikts mit den Eltern nach Deutschland emigrierte, verarbeitet in ihrem 2012 erschienenen Debütroman mit dem ironisch gemeinten Titel «Der Russe ist einer, der Birken liebt» eigene Lebenserfahrungen. Ihre autobiografisch inspirierte Protagonistin leidet nicht nur unter den Traumata der ethnischen Kämpfe in dieser krisengeschüttelten Kaukasus-Region, sie ist zudem von den latenten Problemen der Migranten in Deutschland betroffen und letztendlich auch noch von der Dauerkrise vieler multikultureller Gesellschaften, hier am abschreckenden Beispiel Israels.

Maria Kogan aus Aserbaidschan hat nach anfänglichen sprachlichen Problemen in der deutschen Schule ihr besonderes Talent für Fremdsprachen entdeckt und sich für ein Dolmetscher-Studium entschieden. Die hochbegabte Mascha, wie ihre Freunde sie nennen, erhält diverse Auslandsstipendien, und ehrgeizig wie sie ist strebt sie mit ihrem exzellenten Studienabschluss eine Anstellung bei der UNO an, wo ihr eine glanzvolle Karriere winkt. Die emanzipierte junge Frau wohnt mit ihrem deutschen Freund Elias in dessen Wohnung in Frankfurt, – es ist für Beide die große Liebe. Als er sich bei einem Fußballspiel das Bein bricht, entwickelt sich aus dieser Verletzung eine ernsthafte Erkrankung, bis Elias schließlich qualvoll an einer Sepsis stirbt. Verzweifelt flieht Mascha daraufhin nach Israel und nimmt dort eine deutlich unter ihrer Qualifikation liegende Stellung bei einer NGO an.

Nach dieser Zäsur, mit der sie ihre schwere emotionale Krise zu überwinden hofft, holt sie ihre Vergangenheit in voller Härte wieder ein. Die Pogrome in Baku, die sie als Kind miterleben musste, haben bisher tief verdrängte Traumata in ihr Bewusstsein zurückgerufen, und auch ihre jüdische Herkunft wird in Israel mit seinen unversöhnlichen ethnischen und religiösen Gegensätzen plötzlich zu einem handfesten Problem für sie. Ihre verzweifelte Identitätssuche erweist sich für die entwurzelte Frau als äußerst schwierig. Sie ist nicht mehr bindungsfähig, nach einer kurzen Affäre mit einem palästinensischen Soldaten kann sie auch zu ihrer politisch engagierten, lesbischen Freundin keine dauerhafte Beziehung mehr aufbauen. Der tote Elias beherrscht ihr ganzes Denken, sie macht sich sogar Vorwürfe, ihn nicht aufmerksamer gepflegt und die gesundheitliche Krise nicht rechtzeitig bemerkt zu haben. Von solchen Selbstzweifeln geplagt zeigen sich bei ihr schließlich physische Symptome, völlig appetitlos magert sie ab, wird von Beruhigungstabletten abhängig und erleidet schließlich einsam und hilflos einen Nervenzusammenbruch.

Es ist nicht nur der alltägliche Wahnsinn des von Gewalt beherrschten Staates Israel, dieser ewige Tanz auf dem Vulkan, mit dem die Ich-Erzählerin im zweiten Teil des Romans an ihrem vermeintlichen Zufluchtsort auf Schritt und Tritt konfrontiert wird. Olga Grjasnowa berichtet mit scharfem Blick für Details auch von den menschlichen Schwächen ihrer verschiedenen Figuren. Ihre Beschreibungen der absurd scheinenden gesellschaftlichen Verhältnisse an beiden Handlungsorten, – in Deutschland mit seiner hysterischen Fremdenangst und in einem von religiösem Wahn beherrschten Israel -, werden temporeich und sprachlich schnörkellos in einem sachlichen, nüchternen Stil erzählt. In kurzen Sätzen werden hier, illusionslos und aus der Innensicht, kosmopolitische Multikulti-Fantasien als solche entlarvt. Denn hartnäckig erweist sich letztendlich immer die menschliche Natur mit ihren unausrottbaren Ressentiments als entschieden stärker. Es ist alles ein wenig zu dick aufgetragen, was sich in diesem Roman an Katastrophen ereignet, wobei die auch im Klappentext angedeutete, schreckliche Hasenszene ganz besonders hervorsticht. Narrativ eigensinnig wird hier von einer toughen jungen Frau berichtet, die in einer pseudo-globalen Welt an ihrem seelischen Chaos scheitert.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München