Wer möchte nicht im Leben bleiben

Wunderkind-Syndrom

Für ihren dritten Roman hat HeleneBukowski mit «Wer möchte nicht im Leben bleiben» den Titel eines schwülstigen Pionierliedes der FDJ gewählt. Schon der Klappentext verrät, dass es hier um Suizid geht, begangen von einem Wunderkind, dem als Pianistin eine große Karriere in der DDR prophezeit war. Die Autorin ist in einem Nachlass zufällig auf dieses Schicksal gestoßen, das dreißig Jahre zurück liegt und sie nun nicht mehr loslässt. Voller Eifer stürzt sie sich in die Recherche für einen neuen Roman, den sie zu dieser Thematik zu schreiben gedenkt.

Schon die selten anzutreffende Erzählperspektive in der zweiten Person zeigt auf, wie sehr sie sich dabei ihrer Protagonistin Christina in deren tragischer Geschichte verbunden fühlt. Die Autorin schreibt sich damit quasi selbst in ihren Roman hinein, daran muss man sich dann erst mal gewöhnen als Leser. «Du sitzt im Übungszimmer, stürzt dich in die Revolutionsetüde, hämmerst mit aller Gewalt auf den Flügel ein, zerlegst den Raum und explodierst wie Leuchtfeuer am Himmel. Später stehst du auf dem Gang, bist brav, still, lächelst. Deine Wut findet nur in den Noten Platz». Die Erzählerin sieht dem Geschehen zwar manchmal nur zu, öfter jedoch tritt sie mit ihrer Protagonistin gemeinsam auf, stellt sich Dinge vor, die passieren könnten. Sie wünscht sich auch manches für ihre Hauptfigur und spekuliert offen über den Fortgang ihres gegen Ende hin zunehmend fiktionalisierten Plots.

Christina wird 1961 in Leipzig geboren, kurz bevor die Eltern sich ein neues Klavier angeschafft haben. Ihr Vater, ein ehemaliger Tenor, kam traumatisiert aus dem Krieg zurück. Eine wichtige Quelle für diese phantasievoll ergänzte Biografie ist ein Notizbuch von ihm, dem zufolge die Eltern ihrer Tochter «Pianistenhände» attestiert haben. «Christina konnte singen bevor sie sprechen lernte», steht darin. An anderer Stelle ergänz die Autorin: «Einmal willst du nicht üben, schreibt dein Vater in der Chronik. ‹Dann gibt es wohl heute auch nichts zu essen›!». Es ist also nichts anderes als das altbekannte Wunderkind-Syndrom, von dem hier sehr feinfühlig erzählt wird. Erstaunliches Talent auf der einen Seite, rücksichtslose Überforderung durch ehrgeizige Eltern auf der anderen, – sie wollen letztendlich mit Hilfe ihrer Kinder nur ihre eigene Bedeutungslosigkeit kompensieren. Auf dem als Trouvaille empfundenen Nachlass mit Notizbuch, Briefen, eifrig geknipsten Fotos und Kompaktkassetten mit Klavier-Aufnahmen als Quellen fußend, ergibt sich in diesem Roman das behutsam und mitfühlend gezeichnete Bild eines Lebens voller Licht und Schatten. Nicht zufällig wird hier sicherlich auch auf die rigide Kunstförderung im ehemaligen «Arbeiter-und-Bauern-Paradies» DDR hingewiesen mit ihren Kaderschmieden, seien es die in Berlin oder in Moskau.

Es ist bewundernswert, wie Helene Bukowski Musik und Natur kunstvoll ineinander verflicht, der Musik Substanz und der Natur Klang verleiht. Ein Konzert gerät da erzählerisch schon fast zu klingender Lyrik: «Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hoch stehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus». Die alldem zugrunde liegende reale Biografie hat bei aller Beklemmung etwas extrem anziehendes bei der Lektüre, man kennt zwar das Ende, aber wie es letztendlich dazu kam ist trotzdem spannend zu lesen. Wobei diesem Ende dann leider ein Manko innewohnt, wenn da nämlich eine gynäkologische Diagnose plötzlich eine Rolle spielen soll, quasi als Auslöser für das mit Depressionen wegen Überforderung ja doch schon hinreichend erklärte Suizidmotiv. Man könnte also mit einiger Berechtigung einwenden, dass die Autorin übergriffig eine im Grunde reale und traurige Biografie für ihre Phantasien ausgebeutet hat, was im Endeffekt denn leider doch etwas ernüchternd wirkt. Gleichwohl, dieser so behutsam und feinsinnig geschriebene Roman ist eine lang nachwirkende, bereichernde Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Sanditz

Mystik und Molltöne

Mit «Sanditz», seinem dritten Roman, hat Lukas Rietzschel das Kunststück geschafft, in wahrhaft epischer Breite ein Kammerspiel ostdeutscher Befindlichkeiten zu schreiben, das in zwei Zeitebenen vom Ende der DDR bis fast in die Gegenwart reicht. Es ist ein Panorama deutscher Geschichten (Plural), nicht deutscher Geschichte, die er örtlich in einer fiktiven Kleinstadt am Rande der Republik angesiedelt hat. So ist ein Roman entstanden, der dann gleich ziemlich unkonventionell mit einem überraschenden Prolog beginnt. Auf den ersten acht Seiten wird da nämlich voller Mystik ein Blick auf den Ort des Geschehens geworfen, der einige sehr ungeduldige Leser zum vorzeitigen Abbruch der Lektüre veranlassen könnte. Was schade wäre, denn dieser Einstieg hat rein gar nichts mit der eigentlichen, überaus realistischen Geschichte zu tun!

Der in 67 Kapiteln erzählte Roman beginnt im Jahre 2021 unter der Überschrift «Die Nachricht», als unter ungeklärten Umständen in Sanditz eine Denkmal von Otto von Bismarck zerstört wird. Die von dort stammende Journalisten Maria Wenzel ist vor Ort und schreibt den ersten Bericht darüber. Sie hatte in Kassel studiert und war es dann aber bald leid, im Westen ständig als Ossi angesehen zu werden mit all den damit verbundenen Klischees. «Sie war selten zu Hause in jener Zeit, aber dass sie noch von einem Zuhause sprach, wenn sie an das flache Haus an der Straße bei Sanditz dachte, bedeutete vielleicht etwas. Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt». Also war sie reumütig bald wieder zurückgezogen in die Lausitz, in ihre Heimat. Personell stehen drei Generationen der Familie Wenzel im Zentrum des Geschehens, zu der neben Maria ihr Onkel Dirk, ihre Mutter Marion und ihr Zwillingsbruder Tom gehören. Ihre Erlebnisse, Enttäuschungen und familiären Spannungen bilden den thematischen Rahmen des Romans, der zeitliche reicht bis ins dritte Coronajahr 2023, immer wieder aber unterbrochen durch vielerlei Rückblenden, die bis ins Jahr 1978 reichen. Mit «Fuck Putin» als Überschrift wechselt der Schauplatz des Geschehens gegen Ende des Romans erstmals zu den Nebenschauplätzen, nach Krakau zunächst, wenn Marias Zwillingsbruder Tom als Freiwilliger von dort aus in den Ukrainekrieg weiterzieht.

Wie alle aus dem «sozialistischen Musterstaat» sind auch die Leute von Sanditz enttäuscht, die «blühenden Landschaften», die ihnen der westdeutsche Bundeskanzler versprochen hat, sind nirgends zu erkennen, überall herrscht eine tiefe Enttäuschung. Schon vor der Wende waren sie um ihre Hoffungen betrogen worden, als sie aus dem Braunkohlerevier umgesiedelt werden mussten und ihnen ein schönes neues Dorf versprochen wurde. Was sie dann bekommen haben war eine namenlose Kolonie an der Landstraße zwischen zwei Ortschaften, bestehend aus vier reizlosen Bungalows. Geschäfte, Schule, Kirche oder Friedhof, nichts davon gab es hier, der Frust ist riesengroß. Der Traum von einer besseren Welt ist nicht in Erfüllung gegangen!

Der Roman handelt die altbekannten DDR-Klischees ab, ohne wirklich neue Aspekte zu liefern, vieles hat man schon mal anderswo gelesen. Es ist auch hier vom Militärdienst in der NVA, dem Fall der Mauer bis zum Kampf um die drohende Vernichtung der Stasiakten alles enthalten, und, schlimmer noch, der wirtschaftliche Niedergang hinterlässt auch hier deutliche Spuren. Der weite Erzählradius reicht dann am Ende bis in die Schützengräben des Ukrainekriegs. Mit großer Sorgfalt wird in diesem Roman ein üppiges personelles Tableau präsentiert, alle Figuren sind stimmig gezeichnet bis hin zu den vielen Nebenfiguren, und die Dialoge passen stimmig dazu. Auffallend ist das weitgehende Fehlen von Kindern, es sind die älterem Erwachsenem. die das weit verzweigte Geschehen in diesem unsentimentalen Heimatroman prägen. Man hat als Leser allerdings den Eindruck, dessen Handlungsort könnte überall sein, vergleichbare Situationen und Probleme gibt es reichlich, auch im Westen. Trotz vieler Klischees ist die Lektüre dank eines rasant vorwärts drängenden Plots niemals langweilig – und manchmal sogar bereichernd.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Wut

Gründlich daneben gelungen

Als letzter der bisher vier Romane des Journalisten und Schriftstellers Harald Martenstein ist 2021 mit «Wut» ein Werk erschienen, dass nach Bekundung des Autors «keine Biografie und keine Reportage» sei. Er hat aber hinzugefügt. «Ein Anderer als ich konnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet». Durch diese Einlassung hat der Autor, ein wenig «um die Ecke argumentiernd», autobiografische Bezüge dieses Romans explizit ja gerade «nicht» in Frage gestellt.

«Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, morgen kommen Möbelpacker. Sie ist jetzt im Heim und versteht nicht mehr, was um sie herum geschieht». Der Ich-Erzähler Frank, ein Mann in mittleren Jahren, berichtet im kursiv gesetzten Prolog zu diesem Roman von seiner Mutter, die er immer nur Maria nennt, und beschreibt dann im ersten Kapitel unter der Überschrift «Maria» zunächst, wie es zu der beiderseits wutgeladenen Mutter/Sohn-Beziehung gekommen ist. Er schildert Maria als hin und her gerissen zwischen Liebe und Hass, bei ihr konnten Küsse und Liebkosungen blitzschnell umschlagen in wilde Ausbrüche mit heftiger Prügelstrafe. Frank vermutet, seine Mutter habe als Kind selbst kaum Liebe empfangen, denn die Großmutter war erst achtzehn Jahre alt, als sie selbst schon Mutter wurde – und damit dann prompt auch restlos überfordert war. Insoweit kann Frank seine eigene Mutter zwar verstehen, aber ihr liebloses und teilweise grausames Verhalten ihm als Sohn gegenüber entschuldigen kann er trotzdem nicht.

Marias eigenes Leben war von ihrem unbeherrschten, aufbrausenden Temperament geprägt, das sie oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Sie war aber ausgesprochen intelligent und hätte vieles erreichen können in ihrem Leben. Stattdessen brach sie das Gymnasium vor dem Abitur ab und heiratete schon bald. Nach vielen damals ja noch illegalen Schwangerschafts-Abbrüchen, die jeweils ihr Schwiegervater als Tierarzt durchgeführt hat, kam schließlich Frank zu Welt. Er war es, der sie daran hinderte, frei zu sein und zu leben wie sie wollte, er hatte Schuld, dass ihr Leben endgültig verpfuscht war. Frank macht sie nun seinerseits verantwortlich für seine emotionalen Defizite, er sieht sich selbst als ein unheilvoll Getriebener und entwickelt ebenfalls eine ungute innere Wurt auf seine Mutter. «Maria sagte immer, dass ich alles ihr verdanke, dass ich nur ihre Kreatur bin, mein Talent, mein Geld, der Erfolg, alles ihr Erbe, ihre harte Schule, und in gewisser Weise hat sie damit recht. Ich verdanke ihr alles, was ich bin, im Guten und Schlechten». Wobei Frank ständig an seiner Fähigkeit zur Erinnerung zweifelt und damit Vieles gleich wieder in Abrede stellt, was er bei seinen Grübeleien herausgefunden zu haben glaubt.

Der in den 50er und 60er Jahren angesiedelte Plot des Romans weist einiges an Spannung auf, was die vielen unvorhersehbaren Wendungen im emotionalen Verarbeitungsprozess des Ich-Erzählers anbelangt. Der erweist sich damit, nebenbei gesagt, in jeder Hinsicht auch als ein typischer Vertreter des «unzuverlässigen Erzählers», was erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, um diesen narrativen Kniff zu durchschauen. Wenig überzeugend, ja enttäuschend geradezu ist letztendlich aber der Schluss des Romans, der einiges nachträglich ungeschehen macht und damit für die Deutung des Gelesenen kaum noch konkrete Anhaltspunkte übrig lässt. Man könnte als Botschaft allenfalls mitnehmen, dass nicht alles, was uns als Menschen ausmacht, jeweils auch auf die familiäre Herkunft zurückgeführt werden kann, – eigentlich ja eine Binsenweisheit! Die psychologischen Tiefenschürfungen zum Thema «Wut», denen hier nur die Hoffnung entgegensteht, führen leider zu keinem plausiblen Fazit. Entgegen der mutmaßlichen Intention des Autors steht lediglich fest, dass diese Abrechnung eines psychisch geschädigten Sohnes nicht nur von seiner wutgetriebenen Mutter geprägt ist, sondern auch von der Gesellschaft. Nicht nur deshalb ist dieser Roman leider «gründlich daneben gelungen»!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Stars

Was für eine herrliche Persiflage auf die Astrologie-Szene – und mit einigen Seitenhieben auch auf jene Esoterik, die sich gerne um sie herum versammelt. Katja Kullmann nimmt in ihrem ersten belletristischen Roman „Stars“ eine Welt aufs Korn, in der die Sehnsucht nach Orientierung offenbar umso größer wird, je weniger Orientierung die Wirklichkeit zu bieten hat. Und sie tut das erfreulicherweise nicht mit dem Degen, sondern mit dem Florett.

Die Protagonistin Carla Mittmann hätte eigentlich das geistige Rüstzeug, um gegen kosmische Heilsversprechen einigermaßen immun zu sein. Sie hat Philosophie studiert, ist belesen, intelligent und mit den großen Denkern der Geistesgeschichte bestens vertraut. Nur mit dem eigenen Leben weiß sie nicht so recht etwas anzufangen. Aus einer Mischung aus mangelnder Initiative, Bequemlichkeit und den Zufällen des Lebens landet sie in der Serviceabteilung einer Möbelfirma. Dort bleibt sie neun lange Jahre hängen. Ihr Leben ist nicht wirklich schlecht, aber es findet irgendwie auch nicht statt.

Nebenher betreibt Carla eine Horoskop-Website. Nicht, weil sie an Astrologie glaubt, sondern eher zum Spaß und als kleinen Zuverdienst. Dann steht eines Tages ein Schuhkarton vor ihrer Tür, gefüllt mit 10.000 Dollar und ohne erkennbaren Absender. Carla nimmt das als Wink des Schicksals – oder zumindest als willkommene Gelegenheit, einen solchen darin zu sehen – und gibt ihrem Leben endlich eine neue Richtung, indem sie aus der Hobby-Astrologie ein Geschäftsmodell macht.

Und siehe da: Es funktioniert.

Aus der trägen, gelangweilten Angestellten wird eine erfolgreiche „Astrophilosophin“ mit kontinuierlich wachsender Expertise und fast unangreifbarer Professionalität, schließlich eine gefragte Star-Astrologin mit zahlender Kundschaft, Medienauftritten und Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen, von denen sie vorher weit entfernt war. Das eigentlich Vergnügliche daran ist jedoch, wie sich dabei die Grenze zwischen Hochstapelei und Überzeugung immer weiter verschiebt. Carla beginnt schließlich, selbst an das zu glauben, was sie ursprünglich mit reichlich Distanz ihren Kunden verkauft hat. Oder glaubt sie nur, dass sie daran glaubt? Genau diese Unsicherheit zieht sich eigentlich durch den ganzen Roman. Ein amüsanter Spannungsbogen.

Kullmann erzählt dabei nicht nur eine Geschichte über Astrologie. Sie erzählt über Menschen, die bereitwillig viel Geld dafür bezahlen, dass ihnen jemand eine Geschichte über ihr eigenes Leben erzählt. Eine Geschichte, die erklärt, warum sie sind, wie sie sind, warum Dinge geschehen und was als Nächstes kommen könnte. Dass dafür heute statt eines Philosophen auch einmal Saturn, Pluto oder ein Aszendent zuständig sein können, gehört zu den wohl sehr realistischen Absurditäten unserer Zeit.

Im ersten Drittel hätte „Stars“ allerdings durchaus etwas Straffung vertragen. Die Geschichte braucht eine Weile, bis sie Fahrt aufnimmt. Manche philosophische Abschweifung und manche Beschreibung von Carlas Angestelltendasein ist länger geraten, als es für den Roman unbedingt notwendig gewesen wäre. Auffällig ist zudem der Erzählstil: Über weite Strecken wird mit indirekter Rede gearbeitet. Das schafft Distanz und ist zunächst gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber zunehmend einen eigenen Rhythmus und Charakter. Einen Punktabzug in der B-Note gibt es leider dafür – und das ist sicher etwas ganz Subjektives -, dass eine Kerngeschichte des Plots unaufgeklärt bleibt.

Aber alles in allem ist Katja Kullmann eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin. Bisweilen erinnert die Art, mit der sie ihre Protagonistin von einer eigentlich ziemlich gewöhnlichen Ausgangslage immer tiefer in eine zunehmend absurde Lebensgeschichte hineinmanövriert, sogar ein wenig an Jonas Jonasson – nur deutlich moderner und intellektueller. Kullmann kommt schließlich aus dem Essayistischen und Journalistischen und versteht es entsprechend gut, gesellschaftliche Beobachtungen beinahe beiläufig in eine Geschichte einzubauen. Dass sie schreiben kann, hatte sie ohnehin lange vor ihrem Romandebüt bewiesen: Für „Generation Ally“ erhielt sie bereits 2003 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie Sachbuch.

Besonders gelungen ist der Schluss. Gerade als man meint, Carla habe sich von ihrer eigenen Geschäftsidee endgültig überzeugen lassen und sei vom astrologischen Saulus zum kosmischen Paulus geworden, schlägt Kullmann noch einmal einen Haken. Mehr soll darüber nicht verraten werden. Nur so viel: Die letzten Seiten lassen manches, was vorher geschah, noch einmal in einem etwas anderen Licht erscheinen – und verraten vielleicht auch ein wenig mehr über Kullmanns eigene Haltung zur Astrologie, als sie sich auf den gut 250 Seiten zuvor anmerken lässt.

Ein kluger, amüsanter und wunderbar zeitgemäßer Roman über Orientierungslosigkeit, Lebensunlust, Astrologie, Selbsttäuschung, Geschäftssinn und die so verbreitete und unverwüstliche Sehnsucht danach, dass irgendwo da draußen doch jemand – oder wenigstens irgendein Planet – einen Plan für unser Leben haben möge.


Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Moskau – Die Grenze

Nach “Mendelsohn auf dem Dach” und “Leben mit dem Stern” veröffentlicht Wagenbach nun auch Jiři Weils umstrittensten Roman, sein Debüt, das im Moskau der dreißiger Jahre spielt. Die Hauptfiguren: Ri und Jan Fischer.

Jiří Weil: Ein verbotener Schriftsteller

Jiří Weil selbst kann durchaus als Überlebender zweier totalitärer Regime bezeichnet werden. 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy geboren, ging er 1933 – vorerst vom Kommunismus begeistert – nach Moskau und kehrte schon 1935 nach Prag zurück. Als die Nationalsozialisten 1939 seine Heimat besetzten, konnte er sich der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord entziehen. Aber nach dem Krieg erging es ihm nicht viel besser. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Jiří Weil schließlich 1956 endlich rehabilitiert wurde. Allerdings starb er schon drei Jahre später an Leukämie. Sein schriftstellerisches Werk war nicht nur durch ein siebenjähriges Publikationsverbot stark eingeschränkt worden, sondern auch zensiert. “Moskau – die Grenze” erschien erstmals 1937 in Prag, wurde aber nach 1945 als “zersetzendes Werk” aus den tschechoslowakischen Bibliotheken entfernt. Weil selbst wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und musste sich schließlich sogar von seinem Romandebüt distanzieren. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst in Berlin 1992. Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild und heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.

“Das wahre Leben ist nur in der Fabrik”

“Ja, ohne Kaffee wird es schwer sein”, heißt es da schon auf der ersten Seite und der Hinweis wiegt schwer, denn er umschreibt treffend die kulturellen Unterschiede zwischen Mitteleuropa und Russland. Der Mann von Ri, der Protagonistin des ersten Teils des vorliegenden Romans, arbeitet als Vertragsingenieur in der SU, um den Sozialismus aufzubauen. Aber Kaffee gibt es dort keinen, weil dort keiner getrunken wird. “…bald endet Europa, und dann kommt die Grenze (…). Hier begann schon Asien, und es konnte mancherlei geschehen”. Aber erst beschreibt Weil Ri’s Zeit im Kibbuzim in Israel, wo sie Eisenfuss, einem “tollwütigen Kommunisten” begegnet, der die eigentlichen wie im wahren Kommunismus lebenden Kibbuzbewohner aufwiegeln würde, als ob es hier Kapitalisten geben würde. Ri sei ein “süßes Kätzchen” sagt Karl, denn sie wisse nicht, dass “Kommunisten schlimmer sind als Engländer, Araber und die Malaria zusammen”. “Wenn sie nur nicht ständig zweifeln müsste, dass auch dieser Traum vergeht, wie der Traum der Brüderschaft aller in Palästina vergangen ist und dahinter die widerwärtige Fratze Asiens hervorguckt, von Aussatz zerfressen.”Aber anders als sich aus diesen Sätzen schließen lässt, entwickelt sich Ri gegen Ende ihres Kapitels doch noch zu einer strammen “Aktivistin”. Aber dann “berührt” Jan Fischer “was sie längst vergessen glaubte, und er hatte in ihr nebelhafte und dennoch verlockende Bilder wachgerufen, die immer noch auf sie wirkten”.

“Pioniere weinen nicht”

Den sozialistischen Alltag von Ri beschreibt Jiří Weil, wohl so, wie er ihn Anfang der Dreißiger Jahre auch selbst erlebt hatte. Bestechend ist vor allem wie Weil seine Protagonistin mit dem neuen Vokabular des neuen Russlands bekannt macht. Da gibt es etwa die Domrabotniza, die “blat” (Bestechung), ein Wort aus der Gaunersprache oder die vielen Abkürzungen wie Partorg, Komsorg oder Insnab (Geschäfte für Ausländer, später als Intershops bekannt geworden). Das Ausfüllen vieler Fragebögen, die überbordende Bürokratie, die wohl auch durch die eingeforderten Denunziationen viel zu tun bekam, sind weitere Kennzeichen eines unmenschlichen Systems, in dem sich Ri auch durch die “Habichtsaugen Stalins” (noch lange vor Orwell’s großem Bruder) beobachtet sieht. Der traurigste und wohl eindringlichste Abschnitt zu den Säuberungen gemahnt auch an die Absurditäten eines totalitären Systems in dem die Partei immer recht hat und der Einzelne nichts bedeutet. Selbst die großen industriellen Errungenschaften werden von
Zwangsarbeitern gebaut, wie etwa Ri angesichts eines Kanals ihres Ingenieurmannes, Robert, bemerkt. Mangelwirschaft (keine Flaschen in Apotheken) oder dass sie einmal in einer Moskauer Straßenbahn zum Sitzen kommt, kommt einem Wunder gleich. Und bei der Großen Parade? Zuletzt kommen die “nicht Organisierten” vors Publikum”: kleine Handwerker, Schuhputzer, Mützenmacher, Verkäufer.. für sie interessiert sich aber keiner mehr. Zwei weitere Kapitel zeigen wie Jan Fischer und Rudolf Herzog den Sozialismus erleben. Im Nachwort von Bettina Kaibach kommen nochmals alle jene zu Wort, die der Sozialismus vergessen hat.

Jiří Weil
Moskau – Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
2026, gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-8031-3394-6
Wagenbach
32,– €


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

Die Riesinnen

Kontemplativ bereichernd

Der vierte Roman von Hannah Häffner mit dem Titel «Die Riesinnen» verlässt mit dem Schwarzwald als Setting das Meer als bevorzugten Schauplatz ihrer Erzählungen. In einem fiktiven Örtchen namens Wittemoos spielt sich dort das Leben dreier Frauen ab, Mutter, Tochter und Enkelin. Sie gleichen sich rein äußerlich auf fatale Weise, denn alle Drei sind ungewöhnlich hoch gewachsen und gertenschlank, zudem ziert sie alle auch noch ein störrisch abstehender, kupferroter Haarschopf. Schon vom Erscheinungsbild her kennt sie also jeder im Dorf, man nennt sie nur die «Riesinnen».

Deren Geschichte beginnt Anfang der sechziger Jahre mit Liese Riessberger, die mit einem gewalttätigen Metzger verheiratet ist, der den Betrieb seiner Eltern übernommen hat. Als ihm mit Cora eine Tochter geboren wird, ist er zutiefst enttäuscht und beachtet sie kaum. Die kleine Cora ist hochintelligent und schreibt in der Schule nur beste Noten, wird aber von den anderen Schülern gemobbt und verkapselt sich immer mehr in sich selbst. Als der Vater bei einem Unfall stirbt, muss Liese die Metzgerei mit 12 Mitarbeitern übernehmen, was ihr wider Erwarten mit viel Fleiß und Ausdauer schließlich auch gelingt. Zwei gute Freunde fordern sie eines Tages auf, sie zu der Demonstration am geplanten AKW Wyhl zu begleiten, – ein Projekt übrigens, das später dann ja tatsächlich gescheitert ist. Ihr tut  sich dort eine völlig neue Welt auf. sie beginnt sich ebenfalls politisch zu engagieren und über den Tellerrand der engen Dorfgemeinschaft hinaus zu denken.

Das färbt auch auf die inzwischen erwachsene Cora ab, die es in die weite Welt hinaus zieht, sie möchte etwas erleben, ihren eigenen Weg ins Leben finden. Natürlich rät ihr die Mutter dringend ab, aber Cora startet letztendlich doch und setzt sich unbeirrt in den nächstbesten Zug, der nach Süden fährt. Zuerst landet sie am Mittelmeer, schließt sich dort anderen vagabundierenden jungen Leuten an und taucht schließlich für längere Zeit in die Boheme von Paris ein. Als sie schwanger wird und nicht weiß, von wem, kehrt sie kleinlaut nach Wittemoos zurück und macht sich fortan im der Metzgerei der Mutter nützlich. Mit Eva bringt sie dann eine Tochter zur Welt, die zwar äußerlich der Mutter und Großmutter wieder wie aufs Haar gleicht, sich innerlich aber konträr sowohl zur Rationalität und strengen Arbeits-Disziplin der Großmutter als auch zum aufmüpfigen Weltenzorn von Cora, ihrer eigenen Mutter entwickelt. Eva ist nämlich, wie sich langsam herausstellt, mit Leib und Seele in ihrer Heimat und dem Schwarzwald verwurzelt, – sie hat keinerlei Probleme mit der Enge ihres Dorfes, ganz im Gegenteil: Hier allein fühlt sie sich geborgen, und in der Schwarzwald-Natur hat sie  alles, was ihr das Leben lebenswert macht.

Hannah Häffners Protagonistinnen sind nicht nur körperlich «Riesinnen», sie sind es auch mental. Als unangepasste Frauen sind sie allein die wahren Heldinnen in diesem Roman, in dem Männer allenfalls eine Nebenrolle spielen, so wie denn auch das Sexuelle hier praktisch keine Bedeutung hat. Damit ist die Liebe als Thematik also strikt auf die engere Familie begrenzt. Sei es der Herzschmerz, wie er in anderen derartigen «Frauen»-Romanen üblich ist, oder auch der Feminismus als soziales Thema, beides ist in diesem Roman nicht mal ansatzweise vorhanden. Es geht strikt immer nur um die menschliche Größe, wie sie sich in verschiedenen Ausprägungen unter den Bedingungen einer geschlossenen, engen Dorfgesellschaft exemplarisch ausformen kann. Diesen klug durchdachten, literarischen Versuchsaufbau hat die Autorin stilistisch in eine adäquate Prosa umgesetzt, die zwar wenig elegant erscheint, dem ländlichen Milieu aber – ganz besonders durch die stimmigen Dialoge – bestens  angepasst ist. Nicht nur die drei Heldinnen, auch das übrige personelle Ensemble wird glaubhaft beschrieben, sie alle passen als teils sehr sympathische Typen in die raue Schwarzwald-Landschaft. Die dann ja am Ende bei Eva nicht nur absolut im Vordergrund steht, sondern sich auch wohltuend für die Seele erweist, – und damit durchaus auch als ermutigend für den am Ende kontemplativ bereicherten Leser!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Die nicht sterben

Nichts für schwache Nerven

«Die nicht sterben» ist ein Roman der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin Dana Grigorcea, der vom Genre her verschiedenste Zuordnungen erlaubt. Er ist einerseits eine Melange aus post-kommunistischem Gesellschafts-Roman und politischem Schauermärchen, andererseits aber auch ein Geschichts-, Künstler- und Fantasy-Roman. Das für den diesjährigen Frankfurter Buchpreis nominierte Werk der literarisch vielseitigen Autorin wurde im Feuilleton als neuartige literarische Gattung durchweg positiv besprochen, die Aufnahme beim Lesepublikum ist bisher eher verhalten, aber das könnte sich im weiteren Prozess der Preisvergabe schnell ändern.

Wie schon im Titel anklingt, geht es um die Geister der Vergangenheit, die Untoten, zu denen als nationaler rumänischer Mythos auch Vlad Dracula gehört, der Pfähler. Eine Figur der Legende, die Bram Stocker in seinem 1897 veröffentlichten Vampir-Roman entscheidend geprägt hat. Mit dem Anfangssatz «Ich kann nicht umhin, diese Geschichte zu erzählen, zumal ich sie aus nächster Nähe erlebt habe» wird eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin etabliert, die nach ihrem Kunststudium in Paris ihre Großtante in einer Kleinstadt Transsylvaniens am Fuß der Karpaten besucht. Weil sie seinen zweifelhaften Ruhm nicht zusätzlich befördern wolle, will sie den Ort nur B. nennen, auch «weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral». Die Geschichte ist in der Jetztzeit angesiedelt, die nach der Jagdgöttin benannte Villa Diana war während ihrer Jugend ständiges Ziel ihrer Ferienaufenthalte, ist ihr aber inzwischen fremd geworden. Sie hat ein inniges Verhältnis zu ihrer jugendlichen Großtante Margot, die sie früher Mamargot nannte und deren großbürgerliches Haus immer voller illustrer Gäste war.

Die Erzählung wird dramatisch, als in der nahe gelegenen Familiengruft das Grab Draculas identifiziert wird, weil eine grauenhaft geschändete Leiche darauf abgelegt war. Mit dem schrecklichen Fürsten wird wieder die blutrünstige Vergangenheit heraufbeschworen, die Heldin beginnt spontan, seine Geschichte zu erzählen. Dabei ist für sie die erstarrte rumänische Gesellschaft von heute mit dem grausamen Schreckensreich von Dracula schicksalhaft verbunden, sie sieht ihn in einer Linie mit dem kommunistischen Diktator Ceaușescu. Im Interview hat die Autorin erklärt, dass der Dracula-Mythos im Buch für die Sehnsucht der Menschen nach einer starken Hand stehe. Als Beispiel hat sie Vladimir Putin genannt, es gehe letztendlich um den sozialen Vampirismus. Und im Roman sei die Malerei Beleg für den als Fanal wirkenden, zentralen Satz «nichts kann uns brechen». Kunst sei nun mal kontemplativ ein starkes Bollwerk gegen äußere Zumutungen. Und wie ihre malende Protagonistin, so erweist sich auch die Autorin als eine äußerst genaue Beobachterin. Sie vermag Bilder sehr stimmig zu beschreiben, seien es gegenständliche von der grandiosen Landschaft oder abstrakte wie der desaströse Zustand, in dem sich das von Korruption gebeutelte Rumänien heute immer noch befindet. Und natürlich werden auch die knallhart servierten Schauergeschichten wirkungsvoll geschildert, wobei deren Realistik starke Nerven erfordert.

Als die Ich-Erzählerin irgendwann seltsame Veränderungen im Haus bemerkt, der Plattenspieler plötzlich von selbst Musik abspielt, gewinnt der magische Realismus als Erzählstil endgültig die Oberhand. Die Heldin kommt in Kontakt mit dem ersten Untoten, erhebt sich in die Lüfte und beschreibt schließlich den Horror aus der Vogelperspektive. Die mit poetischer Kraft erzählte Geschichte von den vergangenen und gegenwärtigen Dämonen, die den Leser durch direkte Ansprache eng mit einbezieht, ist ebenso bizarr wie konfus. Sie ist der kreative Versuch, die Misere des Heute aus den Verbrechen der Vergangenheit herzuleiten und die Apathie einer ganzen Nation damit zu erklären. Dass Kriterien wie Political Correctness dabei nicht maßgeblich sind, liegt bei einem Fantasy-Roman auf der Hand.

Fazit  lesenswert


Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Tanzende Frau, blauer Hahn

Ein esoterischer Plot

Mit «Tanzende Frau, blauer Hahn» hat die rumänischstämmige, heute in Zürich wohnende Schriftstellerin Dana Grigorcea einen Roman geschrieben, der von den Feuilletons beispielsweise als «sommerlich leichte Liebesgeschichte» oder «bukolische Sommeridylle» bezeichnet wurde. Die Handlung ist in der kleinen rumänischen Bergstadt Buşteni in den Karpaten angesiedelt, 135 Kilometer entfernt von Bukarest. Jahr für Jahr verbringt Roxana dort, im Sommerhaus der Familie, mit Oma und Großtante ihre Ferien. Dabei lernt sie schon bald Camil kennen, der in einer herunter gekommenen Eisenbahner-Siedlung wohnt, und freundet sich schnell an mit ihm. Zusammen beobachten die beiden Heranwachsenden aufmerksam das Leben in dem beschaulichen Ort, wobei ihr Augenmerk besonders auf den verschiedenen Spielarten des Liebeslebens seiner Bewohner liegt, die sie hier intensiv analysieren können.

Der in Rückblenden erzählte Roman beginnt im Prolog mit einem Paukenschlag: Die Ich-Erzählerin hat in einer spanischen Zeitung gelesen, dass ihr Freund Camil in Valencia bei einem Einbruch auf einem verlassenen Industrieschiff von einem Stromschlag getötet wurde, als er dort Kupferkabel stehlen wollte. «Er war mein bester Freund, mein erster», klagt sie gleich zu Beginn dieses ersten Erzählstrangs. Ebenfalls im Prolog wird – kursiv gesetzt – in einem zweiten Strang davon berichtet, wie die Ich-Erzählerin mit dem deutlich älteren Pianisten Thierry als Begleiter auf einer Konzert-Lesereise durch Deutschland unterwegs ist, auf der sie die Liebes-Geschichte, die wir hier lesen, der intensiveren Wirkung wegen musikalisch untermalt vorträgt, – ein klassisches Roman-im-Roman-Konstrukt mithin. Es ist die Zeit nach der Wende 1989, der Kommunismus ist Vergangenheit, die örtliche Papierfabrik musste geschlossen werden, viele stürzten in die Arbeitslosigkeit ab. Das Firmengelände verrottet seither und wuchert immer mehr zu.

Es sind eine Menge schrulliger Figuren, von denen da erzähl wird, gleich zu Beginn von einer cleveren Rechtsanwältin aus der Hauptstadt, die hier nun aufopfernd ihren kranken Mann pflegt. Als Madame Samar eines Tages beim Aufräumen entdeckt, dass hinter einem Schrank ein winziges Bäumchen durch das Parkett hindurch gewachsen ist, beschließt sie, es dort weiter wachsen zu lassen. Sie öffnet das Parkett, lässt störende Wände einreißen und schließlich auch das Dach abdecken, als das Kirschbäumchen zwei Meter hoch gewachsen ist. Ihren kranken, lebenslang notorisch untreuen Mann aber hat sie in einen ungeheizten Schuppen verbannt, wo er schon bald stirbt. Ein seltsames Paar bildet auch Frau Helman mit ihrem kleinwüchsigen Mann, der immer mit einer riesigen Sense herumläuft. Am Zeitungskiosk sind sie auf eine versteckte Ausgabe des ‹Playboy› gestoßen, auf dessen Cover die Darstellerin der brasilianische Telenovela «Sklavin Isaura» in der gleichnamigen Fernsehserie hüllenlos mit einer Schlange zu sehen ist. Noch nie habe er so viele Exemplare dieser Zeitschrift verkauft, erklärt der Kioskmann. und zu jedem ‹Playboy› sei dann auch noch eine Tageszeitung hinzugekommen, – damit der Kunde ihn diskret darin verstecken konnte! Frau Helman sieht dem Covergirl des ‹Playboys› übrigens zum Verwechseln ähnlich! Es ist aber auch von Ana Maria die Rede, einer aus armen Verhältnissen stammenden Kinderfreundin, deren Hund auf den Hinterbeinen laufen muss, weil er die vorderen bei einem Unfall verloren hat, – sie wird deswegen von manchen sogar gehänselt.

Makabres mischt sich in diesem schwebend leicht erzähltem Roman mit vordergründig Harmlosem, mit Ferienereignissen, Familiengeschichten, Adoleszenzfragen und wundersamen Begebenheiten, – Politik und Klassenfragen bleiben dabei subtil im Hintergrund. Bei aller dem melancholischen Text innewohnenden Sehnsucht bleibt diese Erzählung letztendlich in ihren Banalitäten stecken. Der Roman verzettelt sich zudem mit seinem schwer durchschaubaren narrativen Konstrukt, dieser Plot dürfte vielen Lesern als Lektüre deutlich zu  esoterisch sein!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Sturmhöhe

Ein Byron’scher Held

Die unter dem Pseudonym Ellis Bell schreibende Pfarrerstochter Emily Brontë hat mit «Sturmhöhe» im Jahre 1847 ihren einzigen Roman veröffentlicht. Vom damaligen Lesepublikum weitgehend abgelehnt, gilt er heute als Klassiker der britischen Romanliteratur des 19ten Jahrhunderts. Der Roman wird in vier narrativen Ebenen mit Vor- und Rückblenden und von mehreren Personen in direkter und indirekter Rede bis zu vierfach ineinander verschachtelt erzählt. Diese komplexe Erzählstruktur und das sich über drei Generationen hinweg ersteckende Geschehen in zwei schicksalhaft miteinander verbundenen Familien auf dem Lande erfordern vom Leser erhöhte Aufmerksamkeit, will er das komplizierte Seelenleben der vielen Figuren jederzeit stimmig nachvollziehen können.

Schauplatz der Erzählung ist neben dem titelgebenden, einsam gelegenen Farnhaus «Wuthering Heights» in Yorkshire, das einem äußerst unsympathischen Eigentümer namens Heathcliff gehört, mit «Thrushcross Grange» auch ein ihm ebenfalls gehörendes, in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenes Anwesen. Dessen neuer Pächter, der junge und gebildete Einzelgänger Lockwood, sucht dort als Städter ländliche Ruhe. Er beobachtet interessiert das ihn nicht betreffende Geschehen aus sicherer Distanz, seine tagebuchartige Aufzeichnung dieser Geschichte bildet wie eine Klammer, jeweils in Form einer Augenblicks-Aufnahme, 1801 den Beginn und 1802 das chronologische Ende dieses Romans. Die wichtigste Ich-Erzählerin aber ist seine Haushälterin Ellen Dean, die ihm mündlich in langen, immer wieder neu angesetzten Rückschauen von dem dramatischen Geschehen in den schicksalhaft miteinander verbundenen Farmhäusern berichtet, in denen sie lange tätig war.

Dabei lässt sie häufig die jeweiligen Personen, von denen sie berichtet, ihrerseits zu Wort kommen, als Ergänzung zu dem von ihr mündlich Vorgetragenem eine weitere Stufe der erzählerischen Verschachtelung. Was wir letztendlich dann im Buch lesen, das ist Lockwoods schriftlicher Bericht davon. Dieses komplizierte, narrative Konstrukt bewirkt einen noch größeren Abstand der Autorin vom Erzählten. Nelly ist als Vertrauensperson mit nahezu allen Interna des dramatischen Geschehens und dem Seelenzustand der jeweils betroffenen Figuren bestens vertraut. Gutmeinend wie sie ist, versucht sie auch unermüdlich, das seelisch grausame Geschehen manipulativ zu beeinflussen, also besänftigend, notfalls durch Halbwahrheiten oder gezieltes Verschweigen, positiv einzuwirken auf die Figuren, um das Schlimmste zu verhindern, – was ihr letztendlich aber meistens doch nicht gelingt. Der erzählerische Horizont des Romans reicht von einer Hochzeit 1757 bis zu einer geplanten im Jahre 1803.

Mit dieser damals absolut ungewöhnlichen Erzählform waren die Leser in viktorianischen Zeiten natürlich überfordert, nicht wenige der heutigen dürften es sogar auch jetzt noch sein! Hinzu kommt, dass die Autorin sich in ihrer dramatischen Geschichte moralischer Wertungen ihrer teils bösartigen Figuren enthält. Sie überlässt vielmehr ihre Deutungen und Wertungen Nelly, der dominanten Ich-Erzählerin, – ohne sich aber erkennbar mit ihr zu identifizieren, sie bleibt stets unbeirrt ambivalent. Deutungen von «Wuthering Heights», das sich von den zeitlich vorhergehenden, ausgesprochen realistischen Romanen einer Jane Austen total unterscheidet, und insbesondere auch von dessen Hauptfigur Heathcliff reichen von ‹Satan in Menschengestalt› bis zum kapitalismus-kritischen ‹Rächer der Unterprivilegierten›, – der dann aber selbst zum Unterdrücker wird. Er gilt mithin als typischer Vertreter eines Byron’schen Helden in der britischen Literatur, der hier aber auch als Verkörperung der wilden, elementaren Naturgewalten gesehen werden kann. Modernere Interpretationen widmen sich mehr den psychologischen Deutungen der verschiedenen Romanfiguren. Wie auch immer, ohne Zweifel gehört dieser Roman zu den zeitlosen Klassikern, der stilistisch raffiniert und in einer stimmig ins Deutsche übertragenen Sprache nicht nur angenehm unterhält, sondern durchaus auch bereichernd wirkt, was seelische Abgründe anbelangt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Kleiner Regen

Fanal des Lebens

Der dritte Roman des amerikanischen Schriftstellers Garth Greenwell mit dem Titel «Kleiner Regen» handelt von den Erfahrungen eines plötzlich schwer erkrankten Mannes in mittleren Jahren. Der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, ein Literaturdozent und Lyriker (sic!), wird eines Tages völlig überraschend von starken Schmerzen befallen. Er glaubt an eine Vergiftung, eine schwere Magenverstimmung eventuell, und hofft, dass sich dieses Problem von selber lösen wird, er war ja sein Lebtag lang kerngesund und körperlich fit, – das wird sich schon wieder geben, glaubt er.

Als Homosexueller lebt er mit seinem langjährigen Lebenspartner L. zusammen. der früher mal sein Professor war während des Studiums. Der ist nun sehr besorgt und will ihn sofort ins Krankenhaus bringen, was der Ich-Erzähler aber entschieden ablehnt: Nicht nötig, das geht bald von alleine wieder weg! Ein Irrtum, wie sich herausstellt, ein nach ein paar Tagen endlich herbeigerufener Arzt schickt ihn ungehend in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses. Aus «Kleinem Regen», von dem der Titel euphemistisch spricht, ist nun gesundheitlich doch ein schwereres Unwetter geworden. Diese Geschichte spielt in der Zeit der gerade ausgebrochenen Corona-Pandemie, die Krankenhäuser sind hoffnungslos überlastet. Als er nach langen Wartezeiten in der Ambulanz endlich von einem Arzt untersucht wird, können der und auch seine Kollegen sich keinen Reim auf die Herkunft seiner Schmerzen machen. Die gängigen körperlichen Ursachen sind diagnostisch ausgeschlossen, man steht vor einem Rätsel und schickt ihn zum CT und zu weiteren Untersuchungen in die Universitäts-Klinik. Dort landet er schon bald auf der Intensiv-Station, wo man schließlich herausfindet, was seine Schmerzen auslöst, – in seiner Aorta hat sich ein Riss gebildet!

In den langen Tagen und Nächten sinniert er nun, an Schläuchen und Kabeln zur Überwachung und Steuerung der Medikamenten-Zufuhr angeschlossen, darüber nach, was mit seinem Körper da gerade passiert. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wann er nach Hause zurückkehren kann in sein gewohntes Alltagsleben, die aber kann ihm niemand wirklich beantworten. Er denkt an seine Beziehung mit L. und den leichtsinnigen Erwerb eines alten Hauses, dessen Sanierung völlig unvorhersehbar Unsummen verschlugen hat. Wer schon mal selbst im Krankenhaus lag, und das vielleicht sogar über längere Zeit, der wird in der präzisen Schilderung der Abläufe dort und in den Erfahrungen mit dem Klinikpersonal vom Chefarzt bis zu Putzfrau vieles wieder erkennen. Wobei anzumerken ist, dass die epische Breite, in der dieser Teil der Geschichte geschildert wird, durch viele Wiederholungen mit der Zeit doch etwas langweilig wird und das Medizinische in allen Details hier denn doch entschieden zu breit ausgewalzt wird. Zumal man als Laie ja auch vieles gar nicht verstehen kann!

Natürlich geht es auch um berechtigte Todesangst in diesem Roman, und das kapitalismus-geprägte Gesundheits-System Amerikas wird zu Recht als äußerst unsozial an den Pranger gestellt. Andererseits wird in diesem flüssig zu lesenden Roman aber auch die heilende Kraft der Kunst gefeiert, die hier ihren Ausdruck in der Literatur und auch in der Musik findet. Die ständigen Grübeleien des Patienten weiten sich immer mehr auf sein bisheriges Leben aus, auf Momente des Glücks und auf weniger gute Zeiten mit handfesten Problemen und finanziellen Engpässen. Ein netter Pfleger erweist sich überraschend als musikaffin wie er und spielt ihm spontan auf seinem Smartphone klassische Musik vor, die er besonders gerne hört und die denn auch dem Musikgeschmack seines begeisterten Patienten voll entspricht. Der Autor lotet mit den Rückbesinnungen des Patienten auf wichtige Stationen seines Lebens geschickt die Grenzen menschlicher Existenz aus. Somit stellt dieser ohne Pathos erzählte Roman eines medizinischen Notfalls letztendlich auch ein Fanal der Schönheit des Lebens dar, die einem ja oftmals erst in einer derartigen Extremsituation wirklich bewusst wird!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Diamanten

Eloquenz versus Narrativ

Der jüngst erschienene Debütroman des Schriftstellers David Vajda mit dem Titel «Diamanten» sprengt alle Regeln bewährter Belletristik. Das Buch handelt von einer über die ganze Welt verteilten Familie, in deren Mittelpunkt ein ehemals jugoslawischer Vater steht, der unermüdlich versucht, die durch den frühen Kebstod der Mutter entstandene Lücke im familiären Gefüge zu ersetzen. Rührend um seine vier erwachsenen Kinder besorgt, die allesamt mehr oder weniger im filmischen Milieu engagiert sind, nennt dieser exzentrische Vater sie zuweilen Mačak, was Kater bedeutet, oder bezeichnet sie als seine «Diamanten», wenn er es besonders gut meint. Zuweilen aber nennt er sie auch Trottel, wenn sie ihm nämlich partout nicht folgen können bei seinen vielen Späßen und Witzen, die sie aufheitern sollen.

Zum Familiengefüge gehört eine große, fast über die gesamte Welt verteilte Familie, die in Berlin, der Provence, in Hollywood, Griechenland oder Belgrad lebt und teils zum deutschen Großbürgertum, teils aber auch zur Boheme gehört. Man trifft sich zur grandiosen Hochzeit des Onkels in Griechenland, besucht gemeinsam das Grab Titos in Belgrad oder besucht gemeinsam die esoterische Tante in der Provence. So sind sie ständig  auf der Suche nach Ablenkung, denn was sie nicht gemeinsam können, ist trauern! Ihr oft groteskes Miteinander ist von Sarkasmus geprägt, sie alle wollen unbedingt ein beschwingtes Leben führen. Der Autor hat seine Geschichte einzig um die vier eigenwilligen Geschwister angesiedelt, die allesamt trinkfreudig dem Künstlermilieu angehören oder sich beim Film engagieren. Diese Nähe zum Film ist auch im Text zu spüren, was nicht verwundert, hat der Autor doch zu Beginn seiner künstlerischen Karriere als Regisseur selbst filmisch gearbeitet. Im Motiv des Beschützers ähnelt «Diamanten» J. D. Salingers Roman «Der Fänger im Roggen», bei dem es um den früh verstorbenen Bruder ging. Die Parallelen ergeben sich vor allem in den verschiedenen Möglichkeiten der Interpretation dieser Texte, die beide Werke zu wahrhaft schwierigen Lektüren macht, – schwer lesbar, aber gedankentief! Anders als Salinger hat es Vajda allerdings verstanden, in seiner Geschichte das Tragische mit dem hier ebenfalls vorhandenen Komischen zu einer narrativen Einheit zu verflechten, in deren Mittelpunkt aber, alles überstrahlend, stets der Tod der Mutter steht.

«Diamanten» wird als Familien-Panorama abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt, zum einen in der Jetztzeit einige Jahre nach dem Tod der Mutter, und zum anderen in deren letzten Jahren vor dem Tod. Anders als in vielen anderen Romanen wird hier auch einiges über das Leben in der Diaspora nach Tito erzählt. Der Autor versteht es, allein durch seine schwerelos scheinende, lockere Erzählweise und die vielen lebensecht wirkenden Dialoge seinen Figuren eine beachtliche Präsenz zu verleihen, ohne sie je psychologisch auszuleuchten. Ganz im Gegenteil erfährt man so gut wie nichts über deren Lebensweise, sie sind nur in Gemeinschaft und im Gespräch als Charaktere gezeichnet, geradezu frei von irdischem Leben. Politik, Geld, Beruf, Liebe bleibt erzählerisch außen vor, wir erleben sie als Leser fast nur in Gesellschaft mit anderen Familien-Mitgliedern. Selbst so profane Dinge wie gut Essen oder edle Weine werden nur angedeutet, sie sind in keiner Weise prägend für ihr Verhalten.

In diesem ungewöhnlichen Roman wird eloquent von einer Familie erzählt, deren Seelenzustand allein durch eine geradezu filmische Szenerie verdeutlicht wird. Die stützt sich auf eine scharfe Beobachtungsgabe des Autors, der die Tragik unter Verzicht auf jedwede psychologische Deutung auszudrücken versteht. So verdienstvoll das in der Theorie erscheint, so problematisch ist es in der Praxis, wo der Leser sich durch eine Geschichte quälen muss, in der so gut wie nichts passiert und die auch auf nichts hinsteuert. Ein Roman also für eine sprachorientierte Leserschaft, der Eloquenz über alles geht und ein sinnstiftendes Narrativ entbehrlich ist!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Blaues Wunder

Ein auf Anhieb scheinbar schwierig zu definierender Zeitgeist hat in den letzten Monaten vier Romane in die Bestsellerlisten katapultiert: „Geht so“ von Beatriz Serrano, „Gym“ von Verena Kessler, „Trophäe“ von Gaea Schoeters und nun „Blaues Wunder“ von Anne Freytag.

Was haben diese Werke gemeinsam und welche Fragen beantworten sie über unsere Gesellschaft? Oder ist es vielleicht so, wie es E. P. Sanders einmal formuliert hat: „The solution comes first, and then the problem is discerned“?

Alle Bücher wurden von Frauen geschrieben. Alle haben einen sehr modernen, zeitgenössischen Plot. Alle fassen in kritische Wunden, teilweise in die ganz großen Themen, teilweise aber auch nur in Auffälligkeiten des Alltags, wo man als Leser sagt: „Stimmt, aber habe ich noch nie so darüber nachgedacht.“ Und alle sind durchweg stilistisch gut geschrieben, sehr unterhaltsam, teilweise sogar wohltuend spannend durch das nicht absehbare und oft überraschende Ende.

Vielleicht ist die initiale Aufzählung sogar ein ganz gutes Ranking, da sich die schriftstellerische Schaffenskunst zu Anne Freytag hin sichtbar steigert, obwohl allen ein überdurchschnittliches Können attestiert werden kann.

In „Blaues Wunder“ treffen sieben Menschen auf einer luxuriösen Yacht zusammen, um gemeinsam eine scheinbar unbeschwerte Zeit zwischen philippinischen Inseln zu verbringen. Doch hinter der glänzenden Fassade verbergen sich Spannungen, Geheimnisse und persönliche Konflikte, vorprogrammiert dadurch, dass der despotisch Chef und Eigner der Yacht unter den beiden leitenden Angestellten seiner Firma seinen Nachfolger ermitteln möchte. Nach und nach geraten Beziehungen und Freundschaften ins Wanken, während Macht, Abhängigkeiten und alte Verletzungen eine immer größere Rolle spielen. So wird aus dem idyllischen Aufenthalt ein intrigantes und intensives Spiel, bei dem die Beteiligten zunehmend mit ihren eigenen Wahrheiten konfrontiert werden.

Freytag hat den Inhalt meisterhaft inszeniert. Die Geschichte wird im Wechsel nur aus Sicht der Ehefrau des Chefs und der beiden Frauen der Angestellten erzählt. Die divergierenden Blickwinkel sind nicht nur amüsant, sondern auch schonungslos ehrlich. Die Autorin hält ihrer Leserschaft den Spiegel vor, auch wenn sich der eine oder die andere in die Ausrede flüchten möchte, dass „das alles ja nur bei den Reichen“ vorkommt. Nein, sicher nicht. Der Stil ist teilweise rotzig, direkt, aber immer exzellent pointiert. Wie eine hochklassige Bogenschützin trifft Freytag mit allen Stereotypien mitten ins Schwarze. Kein Pfeil verfehlt sein Ziel. Da hilft kein Leugnen und Abwiegeln, egal welcher sozialen Klasse man sich zugehörig fühlt.

Im Abgleich findet sich hier auch am ehesten die Schnittmenge dieser vier zeitgenössischen Gesellschaftsromane mit satirischem Einschlag. Alle vier haben als Gemeinsamkeit eine feminine Gesellschaftskritik. Und deshalb muss man ziemlich sicher auch nicht E. P. Sanders oder gar die Existenzphilosophie Wittgensteins rund um die Lebensrätsel bemühen. Die Lösung ist wahrscheinlich viel einfacher. Die Probleme (und damit auch deren Lösung) liegen im Alltäglichen, im Allzu-Menschlichen, im individuellen Verhalten, in gesellschaftlichen Normen und Kodierungen, im Hinschauen, im Reflektieren, im Infragestellen des Allzu-Selbstverständlichen und in einer persönlichen, individuellen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit abseits eines gesellschaftlichen Verhaltenskodex. Beatriz Serrano, Verana Keßler, Gaea Schoeters und Anne Freytag bieten Stoff zum Nachdenken. Auch und vor allem über sich selbst. Und dann bieten sie auch noch gute Unterhaltung. Nur darauf sollte man sie auf keinen Fall reduzieren.


Genre: Roman
Illustrated by Kampa

Herr Kato spielt Familie

Psychologisches Phänomen als Thematik

In ihrem Roman «Herr Kato spielt Familie» schildert Milena Michiko Flašar, Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, die amüsante Geschichte eines japanischen Pensionärs, eines Spießers, wie er schrulliger nicht seien könnte. Der Stoff ihres Buches kreist um das erst seit kurzer Zeit in der Psychologie wissenschaftlich erforschte Phänomen RHS, das «Retrired Husband Syndrome». Es betrifft beruflich stark belastete Männer, die nach der Pensionierung in einen Zustand sozialer Inkompetenz fallen. Japan scheint mit seinem extrem hohen Druck am sozial kaum geschützten Arbeitsmarkt dafür besonders anfällig zu sein, die hohe Suizidrate zeugt davon. Viele der beruflich ausgelaugten Männer sind dann jedenfalls nicht mehr in der Lage, weiterhin die innerhalb der Familie erforderliche Emotionalität aufzubringen Und nicht nur in Japan steigt auch die Scheidungsrate nach der Pensionierung signifikant an.

Auf dem Heimweg von einem seiner Meinung nach überflüssigen Arztbesuch, der ihn quer über den Friedhof führt, beginnt Herr Kato, der sich unbeobachtet fühlt, dort plötzlich wie ein Affe mit den Armen zu schlenkern und zu tanzen. Dabei lässt er versehentlich die Untersuchungs-Ergebnisse des Arztes fallen und trampelt darauf herum. Das wäre nicht passiert, denkt er wütend, wenn seine Frau endlich mal seine seit dem Kauf noch vernähten Hosentaschen aufgeschnitten hätte. Plötzlich tritt eine junge Frau hinter einem Baum hervor und applaudiert ihm. Die Frau erklärt, dass sie eine Agentur namens «Happy family» für Identitäten betreibt, in der acht Frauen und drei Männer arbeiten, die ihre Dienste als Stellvertreter anbieten, die also bei Bedarf ähnlich wie ein Double für eine andere Person einspringen. Dabei schlüpfen sie in verschiedenste Rollen, um bei speziellen Anlässen kurzzeitig eine reale Person zu ersetzen. Sie macht ihm das überraschende Angebot, dabei mitzumachen, er habe Talent dafür, und gibt ihm ihre Geschäftskarte. Nach einigen Tagen ruft er sie tatsächlich an. sie treffen sich in einem Café. Dort bietet sie ihm auch sofort an, in der Rolle eines 65jährigen Witwers dessen sechsjährigen Enkel und dessen von ihrem farbigen Mann verlassene Mutter zu besuchen. Weil der Enkel dunkelhäutig und kraushaarig ist, will der echte Großvater nichts mit ihm zu tun haben, also  muss jemand für ihn einspringen als vermeintlicher Großvater. Ein andermal wird er von einer Frau engagiert, die endlich mal, wenigstens für kurze Zeit, mit einem Mann zusammen sein will, der sie auch mal zu Wort kommen lässt und nicht ununterbrochen selber redet. Oder er wird für eine Hochzeitsfeier gebucht, in der sämtliche Gäste von verschiedenen Agenturen engagiert sind und er in der Rolle des Vorgesetzten der dem Tod geweihten Braut eine Rede halten muss.

Es sind wahrhaft skurrile Geschichten, die in diesem leisen Roman erzählt werden. Dessen Protagonist wird nicht nur als Double, sondern auch in seiner eigenen Ehe mit allerlei kuriosen Situationen konfrontiert. Als er seinen zehn Jahre älteren, ehemaligen Kollegen Itō besucht, der früher immer so begeistert von seinen Motorrad-Touren erzählt hat, ist dessen Haus niedergebrannt. Die Nachbarin erzählt ihm, Itō sei bei Verwandten untergekommen. Von ihr erfährt er auch, dass Itō zwar immer an seinem Motorrad herumgeschraubt habe, aber nie damit gefahren sei und es schließlich aus gesundheitlichen Gründen sogar verkauft habe. Zu Hause erzählt er seiner Frau, er habe Itō besuchen wollen, aber der sei gerade wieder mit seinem Motorrad auf großer Tour.

Im Interview hat die Autorin erklärt: «Die Idee vom Ruhestand, der einem dann doch keine Ruhe lässt, hat mich schon jahrelang beschäftigt, wohl weil das ja – sowohl für Jung als auch Alt – eine grundlegende Thematik ist». In einer unaufgeregten Sprache und mit großem Respekt für ihre Figuren wird hier davon erzählt, wie man leben möchte: nahe an der Realität oder doch lieber so, wie man sich das ganz individuell ausmalt. Erst als Stellvertreter fremden Lebens vermag Herrn Kato manches Rätsel seiner eigenen, für ihn fragwürdigen Existenz als Pensionär zu lösen, – ein narrativ gelungenes Konstrukt mithin für ein psychologisch aktuelles Phänomen!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Klaus Wagenbach Berlin

Querfeldein

Stilistisch ambivalentes Historiendrama

Eine Kneipe mit dem kryptischen Namen «Gasthaus zur Moskau» liefert den Titel und das innere Gerüst zu einer Schmuggler-Geschichte, die sich im Kern auf wahre Ereignisse stützt. In der Gegend von Schaffhausen bildet dieser Gasthof den Treffpunkt von vielerlei skurrilen Figuren aus dem Dorf Ramsen im Kanton Schaffhausen, das direkt an der schweizerischen Grenze liegt und damit natürlich einen Anziehungspunkt für Schmuggler darstellt. Protagonist des Romans ist der 1903 dort geborene Hilfsarbeiter Arnold, der sich vor Jahren auf die Wanderschaft begeben hat und, handwerklich vielseitig begab wie er ist, auch immer wieder ohne Probleme einen Job gefunden hat.

Als er nach einigen Jahren in Baden-Baden mithilft, den Zugangsweg zum Casino neu zu pflastern, beschließen er und seine Kollegen zum krönenden Abschluss ihrer vierwöchigen schweren Arbeit, abends die Spielbank zu besuchen. Arnold setzt spontan sein gesamtes in Chips umgetauschtes Geld auf eine Zahl, die prompt auch kommt, dann alles auf eine zweite Zahl, die ebenfalls kommt, und schließlich alles auf eine dritte Zahl, die wieder gewinnt. Nun riskiert er noch mal alles und setzt alle Chips auf Rot, – und auch das kommt! Er hört, vernünftig wie er ist, jetzt aber auf und schenkt jedem seiner drei dankbaren Kollegen eine Summe, für die sie ein Jahr lang arbeiten müssten. Steinreich geworden kauft er die leer stehende Kneipe direkt am schweizerischen Schlagbaum, die unter seiner umsichtigen Regie schon bald floriert. Eines Tages kommt auf einem mächtigen Kaltblüter eine junge Frau geritten, die noch einige andere Pferde mit sich führt. Betty übernachtet und reitet am nächsten Tag in die Stadt, um einige ihrer Pferde zu verkaufen. Arnold und sie finden zueinander, sie kümmert sich auch weiterhin um ihre Pferde und hilft außerdem im Gasthof mit. Die Beiden heiraten schon bald, sind glücklich und haben, einschließlich eines Zwillingspaars, schließlich acht Kinder miteinander.

In der zweiten Hälfte des Romans beobachtet Arnold Ende 1933 eines Tages, wie ein junger Mann mit zwei großen Taschen auf der Flucht vor dem deutschen Zoll über das benachbarte Feld läuft, wohin ihm die Zöllner nicht folgen dürfen. Es stellt sich heraus, dass der bärenstarke Hermann ein böhmischer Schmuggler ist, der die Zöllner von beiden Seiten zur Verzweiflung bringt, weil sie ihn nie zu fassen bekommen und er sie aus sicherer Entfernung auch noch mit hämischen Gebärden ärgert. Clara, die älteste Tochter der Wirtsleute, verliebt sich prompt in ihn. Auch sie ist sehr wagemutig und unkonventionell, sie weiß sich sogar körperlich durchzusetzen, alle Jungs haben großen Respekt vor ihr. Eines Tages aber folgen fünf Gestapo- und SS-Leute Herrmann auf schweizerischen Boden, nehmen ihn dort fest und bringen ihn gewaltsam über die Grenze nach Deutschland, wo er in Untersuchungshaft kommt. Obwohl Clara wie eine Löwin um ihn kämpft, darf sie ihn wegen Verdunkelungs-Gefahr nicht einmal besuchen in der Haft.

Dieser Roman ist literarisch vieles auf einmal, ein amüsanter Historien-Roman, ein Liebesroman über eine rätselhafte Pferdenärrin und ihren braven Gastwirt sowie über politische Aktivitäten von deren verquerer Tochter Clara, die ausgerechnet mit einem gesuchten Schmuggler anbandelt. Diese dem realen Kern der Geschichte hinzugefügte, fiktive Rahmenhandlung hat teilweise leider den etwas kitschigen Beigeschmack des allzu Aufgebauschten. Der wirkt umso störender, als in den letzten Kapiteln die Perspektive plötzlich in die Ich-Form wechselt und real wirkende Zitate und Auszüge samt Aktenzeichen aus behördlicher Korrespondenz eingefügt sind. Geradezu köstlich sind hingegen die stimmigen Dialoge und auch die Schilderungen der skurrilen Stammgäste im «Gasthof zur Moskau». Ganz nebenbei reicht der Erzähl-Horizont bis nach Berlin ins Büro von Joseph Goebbels, der nach dem Grenzskandal um den Besuch der Schweizer beim groß aufgezogenen Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg bangt, es sind eh nur zwei Dutzend Staaten vertreten. Trotz seiner stilistischen Ambivalenz bietet dieser Roman eine allemal unterhaltsame Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Einatmen Ausatmen

Komplizierte Selbstoptimierung

In gewohnt amüsanter Weise widmet sich Maxim Leo in seinem neuen Roman «Einatmen Ausatmen» dem Thema der Selbstoptimierung, mit deren Hilfe im Kapitalismus die Leistung von Mitarbeitern gesteigert werden soll, indem mentale Hürden abgebaut werden, die eine optimale Zusammenarbeit der Belegschaft behindern. Wie schon der Titel andeutet, geht es dabei unter anderem auch um die richtige Atemtechnik als Mechanismus zu Steuerung von Emotionen im Umgang der Mitarbeiter untereinander. Große Firmen setzen daher häufig auf einen professionellen Coach, der mentalen Problemen oder emotionalen Leerstellen durch ein gezieltes Training entgegenwirkt.

Der vor dem Ruhestand stehende Vorstandschef des Aviola Konzerns möchte Marlene Buchholz, das mit Abstand erfolgreichste Mitglied im Vorstand, zu seiner Nachfolgerin machen. Das ist nahe liegend, ihre Perfomance liegt weit über dem ihrer Kollegen, sie liefert immer die besten Zahlen und ist der wichtigste Garant für den Erfolg des Unternehmens. Einziges Manko ist ihr Unvermögen, verständnisvoll mit den Mitarbeitern umzugehen. So hat sie die Beschwerde einer Angestellten, die von ihrem Abteilungsleiter verbal sexuell belästigt wurde, als übertrieben zurückgewiesen, sie solle sich nicht so haben, manche Männer seien halt so! Das ist auch Marlenes Chef zu Ohren gekommen, er besteht deshalb darauf, dass sie ein zweiwöchiges Achtsamkeits-Training bei Deutschlands erfolgreichstem Mentalcoach Alex Grow absolvieren muss, wenn sie CEO des Konzerns werden will. Obwohl sie sich stäubt, ein Unternehmen sei schließlich kein «Montessori-Kindergarten», sie kann dem «Umerziehungslager», wie sie es nennt, nicht entkommen.

In ihrem blauen Mercedes  Cabriolet reist sie in das idyllisch gelegene Brandenburger Schloss zur berühmten Coaching-Academy von Alex Grow. Der ist Chef von mehr als hundert Mitarbeitern, er hat privat selbst Beziehungs-Probleme und auch Panikattacken, weil seine Firma vor der Insolvenz steht. Der Aviola-Chef hat angekündigt, bei einem Erfolg mit Marlene Buchholz würde der Konzern künftig seine Coaching-Programme nur noch mit ihm durchführen, – das wäre finanziell die Rettung für Alex. Aber Marlene sträubt sich gegen sein Mental-Training und will die zwei Wochen einfach nur absitzen, sie glaubt nämlich, der Posten als CEO sei ihr gewiss. Schon am zweiten Tag lernt die 39Jährige bei einem Spaziergang den Hausmeister kennender, der vor Jahren sein Leben als Ingenieur total umgekrempelt hat, und freundet sich, für sie überraschend schnell, mit ihm an. Plötzlich taucht im Schloss auch noch ein dreizehnjähriges Mädchen auf, das vor der Polizei geflüchtet ist. Sie hat an einem Protestcamp gegen die Abholzung eines Waldstücks teilgenommen, auf dessen Fläche eine riesige Geflügelmast-Anlage entstehen soll. Aus prekären Verhältnissen stammend ist sie von zuhause weggelaufen. Gar nicht gefühlskalt nimmt sich Marlene spontan der ziemlich aufgeweckten Kleinen an und sorgt dafür, dass sie im Schloss bleiben darf.

Durch die ungewohnte Nähe zur Natur und die für sie überraschende, plötzliche emotionale Nähe zu zwei Menschen beginnt die menschenscheue Marlene kritisch über ihr bisher völlig freudloses Privatleben nachzudenken, das nur aus Arbeit bestand. Die simple Botschaft dieses Romans lautet, man muss nur an sich selbst arbeiten, dann lassen sich die mentalen Defizite von innen heraus auch deutlich verringern. Mit nicht zu übersehender Ironie beschreibt der Autor den aktuellen Hype um therapeutische Selbstoptimierung und einen perfektionierten Lifestyle. Marlene grübelt darüber nach, ob es denn nicht so etwas gibt wie den unveränderlichen Wesenskern des Menschen. Neben einigen Ungereimtheiten stört stilistisch vor allem der häufig tiefe Griff in die Klischeekiste. Gleichwohl ist dieser Roman eine angenehm lesbare Lektüre, die man allerdings nicht zu ernst nehmen sollte!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln