Anthropoid. Reinhard Tristan Eugen Heydrich war einer der Hauptorganisatoren des Holocaust und 1941 als stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren für zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich. Als er am 27. Mai 1942 in Prag bei einem Attentat tschechoslowakischer Widerstandskämpfer starb, wurden die Massaker von Lidice und Ležáky vom NS-Regime als Racheakte verübt.
Anthropoid gegen eine weitere Heydrichiade
Die Autoren der vorliegenden Graphic Novel lassen keinen Zweifel daran, dass Heydrich den Tod verdiente, allerdings stellt sich schlussendlich doch die Frage, ob die vielen Opfer es wert waren. Zumindest wurde unter dem Codenamen “Operation Anthropoid” ein starkes Lebenszeichen des tschechischen Widerstands gesetzt, das die Weltöffentlichkeit vielleicht hätte aufrütteln können. Denn 1942 zum Zeitpunkt des Attentats hatten die Nazis in Europa bereits gewonnen. Es sah überall so aus als ob sich das Dritte Reich konsolidieren könnte und Europa in tiefste Dunkelheit getaucht bliebe. Nazideutschland kontrollierte im Frühjahr 1942 den Großteil Europas, schreibt Lezak in der Einführung, es hatte bis dahin keine namhafte Niederlage erlitten. Großbritannien hatten sie zwar nicht erobert und die Sowjetunion konnte sie von den Toren ihrer Hauptstadt zurückweisen, aber dennoch blieb der Nimbus der Unbesiegbarkeit am Reich haften. Der Vorschlag zur Ermordung des Reichsprotektors kam höchstwahrscheinlich vom Chef des Militärgeheimdienste im britischen Exil, Frantisek Moravec. Tschechoslowakische Fallschirmspringer sollten dem Initiator der “Ersten Heydrichiade” (der Ermordung von Regimegegner bei Antritt des Amts) durch ein Attentat den Garaus machen. Die Vergeltung nach dem Attentat, die Auslöschung von Lidice und Ležáky, ging dann als “Zweite Heydrichiade” in die Geschichte ein.
Fanal des Widerstands
Die Zeichnungen der vorliegenden Graphic Novel sind in das Noir der Vierziger Jahre getaucht, in denen in Hollywood die Film Noir Streifen entstanden. Ihr gemeinsamer Nenner war die Hoffnungslosigkeit allen menschlichen Strebens, die Macht der Institutionen gegen das Individuum und zumeist eine Femme fatale. Letztere kommt in vorliegender Geschichte zwar keine vor, aber alles andere erinnert von der Stimmung her an diese dunklen Filme. So wird etwa erzählt, dass Heydrich sich die Wenzelskrone von König Karl IV. nach Amtsantritt aufgesetzt habe. Aber jeder, der sie ohne Anrecht auf die böhmische Krone aufsetzte, war bis dato innert eines Jahres verstorben. Als sich die Attentäter in eine Kirche am Prager Karlsplatz flüchteten erfuhren sie erst, dass Heydrich an seinen Verletzungen doch noch gestorben war. Das motivierte sie vielleicht, sich nicht zu ergeben und weiterzukämpfen, obwohl das bedeutete, dass auch ihre Familien dabei sterben würden. Denn die Nazis hatten diese längst im Visier und verhörten alle Verdächtigen, bis schließlich ein Verdächtiger nachgab und alle verriet. Als Beweis für seine Aussagen wurde das Gras für Kaninchen in einer beim Attentat gefundenen Aktentasche herangezogen. Im Anhang befinden sich Biographien aller beteiligten Personen, der Helden ebenso wie der Mörder und Schergen des Regimes.
Mit dem Attentat auf Heydrich wurde einer der ranghöchsten Vertreter des NS-Regimes zur Rechenschaft gezogen und wer weiß, ob nicht vielleicht auch ein kleines bißchen dadurch die Glückssträhne des Dritten Reichs endlich ihr Ende nahm.
Michal Kocián, Zdeněk Lesák
Anthropoid. Das Attentat auf Reinhard Heydrich
Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 120 Seiten, 23 • 30cm
ISBN 978-3-903478-22-0
bahoe books
€ 26,00


Peter Lindbergh: Dior. Haute Couture am Times Square. Für Peter Lindbergh’s außergewöhnliches Konzept ließ Dior eine beispiellose Anzahl seiner berühmtesten Kleidungsstücke über den Atlantik reisen. So entstand das letzte Buch des 2019 verstorbenen Fotografen, das bis heute als Originaldokument einer außergewöhnlichen Ko-Kreation gilt. Des Künstlers letzte Herzensangelegenheit, das Haute Couture und Fotografie elektrisierend verbindet, erscheint bereits in der unglaublichen 40th Ed.
The Fire Next Time. Zunächst erschien dieses Buch als Collector’s Edition im Großformat – jetzt, zum 100. Geburtstag Baldwins – in dieser handlichen Jubiläums-ausgabe. Einerseits zu Ehren Baldwins, andererseits auch zu Ehren des Fotografen Steve Schapiro, der leider 2022 verstarb. Ein Klassiker neu aufgelegt, denn der Text James Baldwins (1924–1987) veränderte damals bei Erscheinen (1963) tatsächlich die Welt.
Die andern sind das weite Meer. “The crack is were the light comes in.” Dieselbe Geschichte aus vier Perspektiven. Eine multiperspektivische Erzählinstanz, die aus verschiedenen Richtungen zeigt, wie es sich anfühlt, die Eltern zu verlieren: die Mutter an den Tod, den Vater an die Demenz. Die Familiengeschichte der Cramers ist so alltäglich wie normal, gleichzeitig aufrührerisch und emotional. Denn sie steht symptomatisch für viele andere.
Umlaufbahnen. Orbital. Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2024 und Hawthornden Prize for Literature 2024, nominiert für den Orwell Prize for Political Fiction 2024 sowie den Ursula K. Le Guin Prize 2024: Orbital von Samantha Harvey, ihr fünftes Werk.
The Book. Das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt: sollte unsere Zivilisation demnächst untergehen, sind in “The Book” alle lebens-notwendigen Informationen enthalten, derer es zum Überleben nach einem etwaigen Atomschlag bedarf. “The Book” ist mit seinem Weltuntergangsszenario vielleicht ein Kind der Achtziger (Kalter Krieg, zwei unversöhnliche Blöcke), aber dennoch so aktuell wie kein anderes Buch. Vor allem aber ein großes Lese- und Schnuppervergnügen für Jung und Alt.


Juli, August, September. “Der Russe ist einer, der Birken liebt” war ihr Debüt, 2012, seither sind auch andere Bücher von dieser Autorin erschienen, die derzeit als Professorin an der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet. Die in Baku, Aserbaidschan Geborene lebt abwechselnd auch in Polen, Russland, der Türkei, den USA und Israel. Ihre Werke, ein Essay und vier Romane, wurden in 15 Sprachen übersetzt, fürs Radio und die Bühne adaptiert und verfilmt. In ihrem neuen Werk geht es um die liebe Familie und die Protagonistin Lou macht sich auf die Suche nach deren Geheimnissen. Zwischen Berlin, Gran Canaria und Israel.
Super einsam. “SO36”, die ehemalige Berliner Postleitzahl für einen ganz bestimmten Teil Kreuzbergs, wird in den Achtzigern zu einem Chiffre für politischen Widerstand und linksradikale Aktivitäten. “Mariannenplatz rot verschrien“, sangen damals Ideal. Für Vito, den Protagonisten von Anton Weils Roman, ist es vor allem seine Heimat. Denn in SO36 befindet sich die Wohnung seines Vaters, die er von ihm übernommen hat. Aber eigentlich will er nur raus hier, raus nach Südfrankreich. Oder wohin auch immer.
Wien. Architektur und Kunst. Wien wird regelmäßig zur lebenswertesten Stadt wiedergewählt. Gerade im Herbst lohnt sich ein Besuch der Mitteleuropametropole, da ein Festival das andere abwechselt, sei es Musik, Kunst oder Mode. Der vorliegende Reclam Städteführer für Kunst- und Architekturliebhaber wirft sein Augenmerk aber auf die wichtigsten Profan- und Sakralbauten und den bedeutendsten Museen, also dem “Vienna Gloriosa”. Ein Stadtporträt, das die Stadtgeschichte in Daten und Besichtigungsvorschlägen für ein- und mehrtägige Aufenthalte in sich versammelt.


Die Erstgeborenen. Wer (ältere) Geschwister hat, wird das weitverbreitete Klischee kennen, dass diese es schwerer gehabt hätten. Wegen der Zeit, der Gesellschaft, der Eltern. Sie hätten vorgekämpft, wovon die jüngeren nun profitieren würden. Aber oft ist genau das Gegenteil der Fall: die Jüngeren müssen das Kreuz der Älteren tragen.
Junge aus West-Berlin. Der Mauerfall ist auch schon wieder 35 Jahre her. Die Politik feierte sich selbst, aber wie war das damals eigentlich für die Menschen? Maxim Leo hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die vor dem Systemwechsel beginnt und mit demselben endet. Marc und Nele erzählen abwechselnd
Die herzzerreißende Liebes-geschichte zwischen Marc aus Westberlin und Nele aus Ostberlin wird voller Liebe und Hingabe erzählt und zeigt, dass es oft nicht die Worte sind, die einen verbinden, sondern das, was man spürt. “Möglicherweise hätten wir dieses tiefe Verständnis, das wir füreinander hatten, sogar aufs Spiel gesetzt, wenn wir versucht hätten, es mit Worten zu ergründen.” Der Sommer 1989 war auch der Sommer der Liebe zwischen Marc und Nele. Rebellion und Aufbruch überall, fröhlich-bunte Anarchie im grauen Schattenland diesseits der Mauer. Autor Maxim Leo und Kat Menschik verarbeiten in ihrem gemeinsamen Buch auch ähnliche Erfahrugen, die sie damals gemacht hatten. Maxim Leo ist 1970 in Ostberlin geboren und dort aufgewachsen. Er ist Journalist und Autor. Er hat zahlreiche Bestseller geschrieben, darunter seine autobiografischen Romane. Kat Menschik hat ihre Jugend wie Maxim Leo in Ostberlin verbracht und den Sommer 1989 in der Ostberliner Künstler- und Punkszene miterlebt. Heute ist sie namhafte Illustratorin. Verblüffend, dass sich die beiden damals gar nicht kennengelernt haben, meint Menschik, denn sie verkehrten in denselben Freundeskreisen und hatten ähnliche Interessen. PS: Das Mauergrau ist Absicht!
Die Glückseligen. In insgesamt vier in ungleiche Längen unterteilte Kapitel erzählt Gustav Ernst die Geschichte von Ulrich und Rosanna, wobei letztere vielleicht gar nicht so heißt. Eine Satire voll bittersüßer Ironie, die die menschlichen Abgründe wie in Platons Höhlengleichnis hell ausleuchtet.