Kontemplativer Erzählreigen
Mit seinem Band von Kurzgeschichten unter dem Titel «Winesburg, Ohio hat der US-amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson 1919 seinen Durchbruch erreicht. Mutig negierte er die gängige Forderung der damaligen Leserschaft nach einem spannenden Plot, er erzählt stattdessen kurze, pointierte Szenen aus einem bestimmten Lebensabschnitt seiner Protagonisten, deren Innerstes er nur skizzenhaft hervorhebt, ohne ihre Wesensart in allen Einzelheiten offen zu legen. Damit revolutionierte er damals die moderne Shortstory, der vorliegende Band wurde zum Wegweiser dieses Genres in den USA und gilt seither als immer wieder gelesener Klassiker, wie es die Neuauflagen und Neuübersetzungen bis in unsere Tage hinein beweisen. Typisch für ihn ist eine lakonisch kurze Erzählweise, mit der dieser Autor seine Landsleute respekt- und liebevoll beschreibt. Es geht dabei um die Bewohner der titelgebenden, fiktiven Kleinstadt Winesburg im mittleren Westen, deren Name inzwischen geradezu als literarische Reverenz für dieses spezielle Genre steht, insbesondere Faulkner und Hemingway beriefen sich auf diese Kurzgeschichten. Und John Updike hat geschrieben, das Besondere daran bestehe «…in einer geistigen Essenz, einem bestimmten obstkuchensüßen Lebensgefühl, wie es sich in Amerikas einsamen, verstreuten Haushalten ereignet».
George Willard, der junge Reporter des «Winesburg Eagle», ist die zentrale Figur, die voller Staunen all die schrulligen, oft einsamen Charaktere und gescheiterten Existenzen beobachtet und alles eifrig notiert. Er wird mit ihrer Einsamkeit, ihren Begierden, Träumen und all ihren unerfüllten Wünschen konfrontiert. Selbst in dem Städtchen aufgewachsen und selbst nicht ganz frei von tragischen Verstrickungen, ist er ein Suchender, der immer deutlicher seine schriftstellerische Begabung entdeckt, – den es aber in die Ferne zieht. Unter dem Titel «Das Buch über das Groteske» wird eingangs erzählt, wie ein alter Schriftsteller hunderte von Wahrheiten gesammelt hat, von denen er in seinem neuen Buch schreiben wollte. Es gab da die Wahrheit der Unberührtheit, der Leidenschaft, von Reichtum und Armut, von Sparsamkeit und Verschwendung, von Sorglosigkeit und Verzweiflung, «und alle waren sie wunderschön. Und dann kamen die Leute des Weges, und jeder schnappte sich im Vorbeigehen eine der Wahrheiten, und einige, die besonders stark waren, schnappten sich gleich ein ganzes Dutzend davon».
Durch ein fatales Missverständnis verliert Wing Biddlebaum unter falschen Anschuldigungen seine Stelle als Lehrer. Der Arzt Dr. Reefy schreibt all seine Gedanken für seine tote Frau auf kleine Zettel, – die er alle gleich wieder wegwirft. Und Alice wartet elf Jahre nach seinem Verschwinden noch immer auf ihre einstige Jugendliebe, bis sie eines Nachts nackt aus dem Haus rennt und dort auf einen alten Mann trifft, der aber taub ist und sie nicht verstehen kann. Ein Reverend wiederum ist in Kate verliebt, die ihre Leidenschaft unter einem allzu strengen Äußeren verbirgt, bis sie schließlich doch einen Ausbruch wagt. All den Figuren dieses Erzählreigens ist gemeinsam, dass sie unfähig sind zu lieben und dass es ihnen nicht gelingt, vernünftig miteinander zu kommunizieren. Der American Dream als uramerikanisches Glücksversprechen scheitert insbesondere an der fatalen Ichbezogenheit dieses Menschenschlags im ländlichen Ohio. Unter dem Titel «Die Abreise» heißt es am Schluss über den Protagonisten George Willard, der es nicht mehr aushält in der ländlichen Enge: «Der junge Mann, der seinen Heimatort verließ, um sich dem Abenteuer des Lebens zu stellen, überließ sich seinen Gedanken, aber es handelte sich nicht um besonders großartige oder dramatische Gedanken».
Der Autor fächert in seinen kurzen Geschichten stilistisch gekonnt ein grandioses Kleinstadt-Panorama auf und enttarnt dabei en passant all die Lügen, auf denen das Bewusstsein der naiven Einwohner fußt. Das ist kurzweilig zu lesen und regt öfter mal zu kontemplativer Mitwirkung an.
Fazit: lesenswert
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Philosophische Miniaturen
Realistisch/surreal verflochtene Erzählungen
“Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.
Salman Rushdie hat viele Jahrzehnte in den Ländern gelebt, in denen seine Geschichten spielen: In Indien, im Vereinten Königreich und in den USA. Inzwischen ist er bald achtzig Jahre alt, aber er weiß noch, wie es sich anfühlte, dort zu leben, was die Menschen sehen, denken, fühlen. In seine Erzählkunst schöpft er aus der Fülle genauer Beobachtungen, auch von Details.
„Ich bin Schriftsteller, ich schreibe nur Geschichten“, sagt Ferdinand von Schirach mit einer subtil gesetzten Note eines süffizienten Understatements. Mehr als 10 Millionen verkaufte Bücher zeigen, dass seine Geschichten ankommen. Sie haben ihn reich und zur Cashcow seiner drei Verlage gemacht (Luchterhand, btb, Penguin). Übersetzt in mehr als 30 Sprachen ist er zu einem globalen Erfolgsautor geworden. Verdientermassen? Das kann man wohl guten Gewissens bejahen.
Gruselige Täter-Opfer-Umkehr
Am Rande des Schweigens
Stories von den Underdogs


Junge aus West-Berlin. Der Mauerfall ist auch schon wieder 35 Jahre her. Die Politik feierte sich selbst, aber wie war das damals eigentlich für die Menschen? Maxim Leo hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die vor dem Systemwechsel beginnt und mit demselben endet. Marc und Nele erzählen abwechselnd
Die herzzerreißende Liebes-geschichte zwischen Marc aus Westberlin und Nele aus Ostberlin wird voller Liebe und Hingabe erzählt und zeigt, dass es oft nicht die Worte sind, die einen verbinden, sondern das, was man spürt. “Möglicherweise hätten wir dieses tiefe Verständnis, das wir füreinander hatten, sogar aufs Spiel gesetzt, wenn wir versucht hätten, es mit Worten zu ergründen.” Der Sommer 1989 war auch der Sommer der Liebe zwischen Marc und Nele. Rebellion und Aufbruch überall, fröhlich-bunte Anarchie im grauen Schattenland diesseits der Mauer. Autor Maxim Leo und Kat Menschik verarbeiten in ihrem gemeinsamen Buch auch ähnliche Erfahrugen, die sie damals gemacht hatten. Maxim Leo ist 1970 in Ostberlin geboren und dort aufgewachsen. Er ist Journalist und Autor. Er hat zahlreiche Bestseller geschrieben, darunter seine autobiografischen Romane. Kat Menschik hat ihre Jugend wie Maxim Leo in Ostberlin verbracht und den Sommer 1989 in der Ostberliner Künstler- und Punkszene miterlebt. Heute ist sie namhafte Illustratorin. Verblüffend, dass sich die beiden damals gar nicht kennengelernt haben, meint Menschik, denn sie verkehrten in denselben Freundeskreisen und hatten ähnliche Interessen. PS: Das Mauergrau ist Absicht!
Schicken Sie Ihre Phantasie auf Reisen oder testen Sie einfach nur Ihre Geografiekenntnisse, indem Sie Nadeln in eine imaginäre Weltkarte stecken. Osterinsel, China, Brasilien, Kalifornien, Marokko, Andalusien, Island, Griechenland, Wien, Neuseeland, Neu Delhi, Nepal, Bolivien, Mexiko, Juan Fernandez Archipel, Irland, Laos, Nordpol, Ontario, Kambodscha, Yokohama, Valparaiso, Pitcairn, Jemen, Sydney, Irland. Stopp! Das sind nur etwa die Hälfte der Orte und Ziele, die Christoph Ransmayr in seinem Atlas eines ängstlichen Mannes wie auf einer geografischen Perlenkette auffädelt. 
Miserere. Ihr zweiter Roman, “Die Infantin trägt den Scheitel links“, ebenfalls beim Salzburger Verlag Jung und Jung erschienen, war bei Leser:innen und Kritik beliebt und löste ob dessen Sprachgewalt Begeisterung aus. Leider ist diese kräftige Stimme Anfang dieses Jahres verstummt. Helena Adler starb viel zu früh, mit vierzig Jahren.