Tiefpunkt im Werk des Autors
Im umfangreichen Œuvre des vielseitigen britischen Schriftstellers Julian Barnes, der sich selbst als «glücklichen Atheisten» bezeichnet, ist der 2022 erschienene Roman «Elisabeth Finch» ein typisches Beispiel für eine aporetische Suche nach Wahrheit. Ohne Rücksicht auf die Lösbarkeit philosophischer Fragen wendet er sich als Vertreter der Postmoderne nämlich auch hier wieder einer schwierigen Thematik zu, indem er mit der titelgebenden Elisabeth Finch eine Romanfigur erschafft, die als Philosophie-Professorin das Fundament ihrer Erkenntnisse in vorchristlicher Zeit findet. In einem narrativen Mix aus Roman und Essay benutzt der Autor das universitäre Milieu für seine tiefsinnigen philosophischen Betrachtungen, als deren gedankliche Quelle er seine im Mittelpunkt stehende Romanfigur etabliert hat.
Das dreiteilige Buch beginnt damit, dass ein etwa dreißigjähriger, gescheiterter Schauspieler namens Neil an der Londoner Uni ein Abendseminar zum Thema Kultur und Zivilisation besucht, das von der auf Genauigkeit bedachten, ebenso anspruchsvollen wie charismatischen Professorin Elisabeth Finch abgehalten wird. Er ist wie alle seine Kommilitonen fasziniert von der etwa zwanzig Jahre älteren Frau, die streng darauf achtet, dass ihre Studenten das Mitdenken lernen, indem sie von ihr unentwegt mit stoischer Gelassenheit zu messerscharfen Reflexionen über den anspruchsvollen Lehrstoffs genötigt werden. Sie verkörpert eine derart unduldsame Präzision im Denken, dass ihre Studenten ihr nachzueifern versuchen und mit möglichst klaren sowie fundierten Aussagen um ihre Anerkennung werben, allen voran Neil. Obwohl sie sich später regelmäßig mit ihm zum Lunch trifft, bei dem sie stets die Zeche übernimmt, bleibt die zwanzig Jahre ältere Frau absolut unnahbar, ihre Verabredungen dienen lediglich einem für beide bereichernden Gedanken-Austausch. Über ihr Privatleben ist absolut nichts bekannt, sie besuchen sich auch nicht gegenseitig. Eines Tages erfährt Neil, dass sie gestorben ist und ihm ihre Bibliothek und den gesamten schriftlichen Nachlass vererbt hat.
Es folgt im Mittelteil ein umfangreiches Essay über den römischen Kaiser Julian II, der den Beinamen Apostata trug, weil er dem christlichen Glauben abgeschworen hatte und die Christianisierung im vierten Jahrhundert rückgängig machen wollte, was ihm bekanntlich ja nicht gelang. Für Elisabeth Finch ist er ein beredtes Beispiel für die Deutung von Geschichte gewesen, das ihr Denken entscheidend geprägt hat, weil der Schlüssel zur Gegenwart eben oft auch in der Vergangenheit liegt. So stellt sie beispielsweise die Frage: Was wäre passiert, wenn er nicht im vierten Jahr seiner Regentschaft im Kampf gefallen wäre? Im dritten Teil ist Neil damit beschäftigt, den schriftlichen Nachlass von Lis zu sichten, was wenig ergiebig ist. Er beginnt zu recherchieren, findet aber außer dem Bruder von ihr niemanden, der etwas Licht in das Dunkel ihres Privatlebens bringen kann. Die wenigen Bekannten, die sie hatte, haben alle nur losen Kontakt zu ihr gehabt, sie war auch als Privatperson unnahbar. Mit Hilfe des Internets findet Neil schließlich eine ehemalige Kommilitonin, die Liz als Frau auch von einer anderen Seite kannte. Allerdings ist sie aber nicht bereit, Intimes von ihr preiszugeben. Und auch Geoff, der einst als aufmüpfiger Schüler öfter mit seiner strengen Professorin aneinander geraten ist, kann nichts beitragen zur der Recherche, er schimpft aber zwanzig Jahre später selbst posthum immer noch über sie. Neil entschließt sich am Ende, die geplante Biografie über Elisabeth Finch doch nicht zu schreiben.
Das Dilemma dieses «Romans» besteht darin, dass hier eine Erzählung mit einem wie ein Fremdkörper wirkendem Essay übergangslos und ohne Zusammenhang verwoben ist. Dem fiktionalen Teil fehlt eine schlüssige Handlung ebenso wie glaubhaft gezeichnete, lebensnahe Figuren, es kommt sehr schnell große Langweile auf beim Lesen. Ohne Zweifel ist dies der bisher schlechteste seiner Romane, ein unnötiges, narratives Wagnis, mit dem der für seinen brillanten Stil bekannte Julian Barnes auch viele seiner treuesten Anhänger total verprellt hat. Schade!
Fazit: miserabel
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Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?
Das Buch beginnt Ende 1955, das Schiff legt in New York ab, Chemjo und Steven, Vater und Sohn, haben Mascha zum Abschied dahin begleitet. Nach Deutschland fährt sie allein; siebzehn Jahre, nachdem sie das Land mit der Familie verlassen musste.
Wirkmächtigkeit von Literatur
Ein Wink an den Leser
Sterben als Therapie
1984 erhängt sich die Mutter der Fotografin Bettina Flitner. 33 Jahre späte wiederholt sich dasselbe Schicksal bei ihrer Schwester Susanne und dessen Ehemann Thomas. Mit ihrem 2023 erschienen Roman “Meine Schwester” legte die Autorin schonungslos die eigenen Wunden offen. Nun legt sie mit “Meine Mutter” noch einmal nach.
Noch persönlicher als das Nachfolgewerk “Meine Mutter” ist allerdings der Vorgänger aus dem Jahre 2023, “Meine Schwester”. Die Autorin beschreibt darin sachlich und zugleich erschütternd ihre Beziehung zu ihrer Schwester, die ebenfalls Suizid beging. Susanne, ihre ältere Schwester, war eine Art “trauriger Clown”. Sie konnte meisterhaft andere nachahmen und sich über alles und jeden lustig machen. Auch ihr Vater hatte ein komödiantisches Talent und als er bei der Ford Foundation in New York einen Job bekommt, geht die ganze Familie mit. “Wir vier”, denkt sich Bettina oft, aber bald schon muss sie feststellen, dass sie einer Fiktion unterliegt. Denn der Vater geht fremd und bald auch die Mutter. In den Siebziger Jahren als die beiden Schwestern aufwuchsen war dies eine Normalität. Bettina sucht in ihrem Text nach den Vorzeichen für den bevorstehenden Selbstmord, den ersten Anzeichen, wann es begann und natürlich steht die Frage im Raum, ob es nicht vielleicht doch genetisch sein könnte? Oder waren die Depressionen der Mutter eine gewollte Flucht? Wieder zurück in Deutschland besuchen sie Waldorfschule, ihre Schwester dann auch die Montessori-Schule. Als die Eltern sich sogar vor den Kindern streiten, beginnen auch die beiden sich zu zanken. Wenn Flitner das Bild des Familienautomobils als faradayschen Käfig zeichnet, wird deutlich, wie sich die Emotionen entwickelt hatten. Und bald muss sie erkennen, dass Liebe etwas war, das man mit Demütigung bezahlte, “etwas, das einen am Ende vernichten konnte”.
Pathos ohne Belang
Selbstzerstörerische Liebesblödigkeit
Die Autorinnen sind im Alter der Enkeltöchter von Else und sie schreiben einer Oma diese Hommage, die Kapitel erstrecken sich abwechselnd, von den 1960er Jahren bis 2010.
Sprachgewaltiger Nicht-Thriller
Nur der narrativen Ästhetik verpflichtet
Man kann auch in die Höhe fallen. “Danke, Mama, ich glaube es wird besser.” Joachim Meyerhoff aus Schleswig hat als Schauspieler unter anderem am Burgtheater in Wien, am Schauspielhaus in Hamburg, an der Berliner Schaubühne und den Münchner Kammerspielen gespielt. 2011 begann er mit der Veröffentlichung seines mehrteiligen Zyklus “Alle Toten fliegen hoch” von der er mit “Man kann auch in die Höhe fallen” den sechsten Teil vorlegt.
Da capo