Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?
Madeleine, die Pilgermuschel, auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Dass die Erinnerung die Identität wesentlich mutgestaltet, darüber sind sich wohl nicht nur Fans des aus Leicester stammenden Schriftstellers, der schon seit den Achtziger Jahren seine Leser:innen beglückt, einig. “Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein bißchen verändert, bis es schließlich zu jener Version gerinnt, von der wir uns einreden sie sei die Wahrheit”, schreibt Barnes in seinem Prolog zu seinem neuen Roman “Abschied(e)“. Dabei bedient sich der gebildete und voller literaturwissen-schaftlicher Anspielungen enthusiasmierte Essayist und Romancier natürlich auch der berühmtesten Stelle in der Literaturgeschichte zu diesem Thema: Proust’s Madeleine. Sie sieht aus wie eine Pilgermuschel und wird zur Pilgerfahrt in die Erinnerung. Barnes unterscheidet zwischen IAMs (Involuntary Autobiographical Memory) und HSAMs (highly superior autobiographical memory) und erklärt auch was eine Kryptomnesie für den Betroffenen bedeutet. Aber keine Angst vor all den Fachbegriffen, Barnes bemüht sich um seine Leser:innen, erklärt sie schlüssig und verpasst ihnen auch genau jede Prise englischen Humors, die einem das Leben so versüßen. Trotz des traurigen Umstandes, dass sich der Autor ja von seinem Leben und Werk verabschieden möchte, vergisst er nämlich nicht auf Selbstironie, Humor und den Verve, den es braucht, sich mit seinem eigenen Ableben zu beschäftigen.
Dial Down Love, Baby!
Mit luzider Präzision seziert Julian Barnes sein Thema und erzählt zudem die Geschichte des Paares Stephen und Jean, die sich in ihren Zwanzigern trennen, um nach 40 Jahren wieder zusammenzukommen und sich erneut zu trennen “etc. pp.”. Aus “er strengt sich an” wird “ja, er ist wirklich anstrengend” für Jean, denn Stephen liebt sie zu viel. Ja, das gibt es auch. Barnes’ eigene Diagnose, “kein Todesurteil, sondern lebenslänglich”, sein Blutkrebs, den er am Höhepunkt der weltweiten Pandemie attestiert bekommt, beschreibt er ebenso nüchtern, wie den Abschied von seiner Frau zwölf Jahre zuvor. “Ich lebe in der Gegenwart, doch meine Zukunft sieht so aus aus, dass ich nur noch in der Vergangenheit existiere“, schreibt Barnes analytisch und ohne Reue. Denn eine “Tragödie mit Happy End” – die Hollywoodformel für den Kassenerfolg eines Films – wird sich bei ihm nicht mehr ausgehen, wie er selbst schreibt. Denn vor der “alten Mischung aus Trübsinn und Selbstmitleid” rettet ihn sein Hund Jimmy. Aber natürlich auch die Dichtung, die französische. Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud sind für ihn die Triade der französischen Wortkunst und es könnte einen fast das Stendhalsyndrom befallen angesichts ihrer Fülle. Dass am Ende des Lebens in der Mitte des Lebens ein großes Loch klafft, weil man ja gedanklich immer mehr in die Kindheit zurückverfällt, ist eine der vielen Absurditäten, derer Barnes mit Humor zu gedenken weiß.
Dignity in Dying
“Nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?” Denn was einen am Ende erwartet ist das Auslöschen von allem, was man erreicht hat, das Vergessen von allem was man am sehnlichsten erreichen wollte. “Es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die Fühlenden“, schreibt Barnes und spendet nicht nur sich selbst Trost, sondern auch allen jenen, die sich mit der Vergänglichkeit des Seins beschäftigen wollen bevor es zu spät ist. Ein Buch, das zeigt, was das Leben so lebenswert macht: die Liebe, die Erinnerung und die Literatur.
Julian Barnes
Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
2026, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-00919-4
Kiepenheuer & Witsch
23,00 €


Das Buch beginnt Ende 1955, das Schiff legt in New York ab, Chemjo und Steven, Vater und Sohn, haben Mascha zum Abschied dahin begleitet. Nach Deutschland fährt sie allein; siebzehn Jahre, nachdem sie das Land mit der Familie verlassen musste.
Wirkmächtigkeit von Literatur
Ein Wink an den Leser
Sterben als Therapie
1984 erhängt sich die Mutter der Fotografin Bettina Flitner. 33 Jahre späte wiederholt sich dasselbe Schicksal bei ihrer Schwester Susanne und dessen Ehemann Thomas. Mit ihrem 2023 erschienen Roman “Meine Schwester” legte die Autorin schonungslos die eigenen Wunden offen. Nun legt sie mit “Meine Mutter” noch einmal nach.
Noch persönlicher als das Nachfolgewerk “Meine Mutter” ist allerdings der Vorgänger aus dem Jahre 2023, “Meine Schwester”. Die Autorin beschreibt darin sachlich und zugleich erschütternd ihre Beziehung zu ihrer Schwester, die ebenfalls Suizid beging. Susanne, ihre ältere Schwester, war eine Art “trauriger Clown”. Sie konnte meisterhaft andere nachahmen und sich über alles und jeden lustig machen. Auch ihr Vater hatte ein komödiantisches Talent und als er bei der Ford Foundation in New York einen Job bekommt, geht die ganze Familie mit. “Wir vier”, denkt sich Bettina oft, aber bald schon muss sie feststellen, dass sie einer Fiktion unterliegt. Denn der Vater geht fremd und bald auch die Mutter. In den Siebziger Jahren als die beiden Schwestern aufwuchsen war dies eine Normalität. Bettina sucht in ihrem Text nach den Vorzeichen für den bevorstehenden Selbstmord, den ersten Anzeichen, wann es begann und natürlich steht die Frage im Raum, ob es nicht vielleicht doch genetisch sein könnte? Oder waren die Depressionen der Mutter eine gewollte Flucht? Wieder zurück in Deutschland besuchen sie Waldorfschule, ihre Schwester dann auch die Montessori-Schule. Als die Eltern sich sogar vor den Kindern streiten, beginnen auch die beiden sich zu zanken. Wenn Flitner das Bild des Familienautomobils als faradayschen Käfig zeichnet, wird deutlich, wie sich die Emotionen entwickelt hatten. Und bald muss sie erkennen, dass Liebe etwas war, das man mit Demütigung bezahlte, “etwas, das einen am Ende vernichten konnte”.
Pathos ohne Belang
Selbstzerstörerische Liebesblödigkeit
Die Autorinnen sind im Alter der Enkeltöchter von Else und sie schreiben einer Oma diese Hommage, die Kapitel erstrecken sich abwechselnd, von den 1960er Jahren bis 2010.
Sprachgewaltiger Nicht-Thriller
Nur der narrativen Ästhetik verpflichtet
Man kann auch in die Höhe fallen. “Danke, Mama, ich glaube es wird besser.” Joachim Meyerhoff aus Schleswig hat als Schauspieler unter anderem am Burgtheater in Wien, am Schauspielhaus in Hamburg, an der Berliner Schaubühne und den Münchner Kammerspielen gespielt. 2011 begann er mit der Veröffentlichung seines mehrteiligen Zyklus “Alle Toten fliegen hoch” von der er mit “Man kann auch in die Höhe fallen” den sechsten Teil vorlegt.
Da capo
Die einzige Frau im Raum. In der Reihe “Starke Frauen im Schatten der Weltgeschichte” sind von derselben Autorin schon Biografien zu Lady Churchill, Mrs Agatha Christie, Frau Einstein u.a. erschienen. In vorliegendem Briefroman erzählt sie die Geschichte der Schauspielerin und Erfinderin Hedwig Eva Maria Kiesler besser bekannt als Hedy Lamarr.