Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles

Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles. Julia Korbik ließ schon 2017 mit “Oh, Simone!” aufhorchen, eine Biografie der ganz anderen Art, die viele Leserinnen und Leser neu für die Autorin, Denkerin und Philosophin begeisterte. Die Wiederentdeckung der Autorin von “Das andere Geschlecht“, dem feministischen Grundlagenwerk par excellence, hat sie nun mit der Illustratorin Julia Bernhard einen neuen Touch gegeben.

Simone de Beauvoir: Der Pakt mit Jean-Paul

Die Geschichte ihres Lebens wird anhand eines fiktiven Interviews aufgerollt. Eine Journalistin besucht Simone in ihrer Wohnung, wo nicht nur eine Installation von “Sartre’s Händen” auf sie wartet, sondern auch einige andere Überraschungen. Simone wuchs mit ihrer Schwester in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Paris auf, wo sie sogar ein Dienstmädchen hatten. An einer katholischen Privatschule sollten sie lernen bis ein Mann sie heiraten würde. Doch dann verlor der Vater aufgrund der russischen Revolution 1917 den Großteil seines Vermögens und hatte kein Geld mehr für eine Mitgift. Jetzt hieß es vor allem Arbeit finden, wie die Erzählerin halb ironisch, halb ernst kommentiert. Aber von Armut im eigentlichen Sinne war natürlich nicht zu reden, denn die Familie hatte immer noch ihren Landsitz in Meyrignac-L’Eglise. Als sie schon in jungen Jahren entdeckt, dass Gott tot ist, macht sie sich Gedanken über ihre Zukunft als Mensch und als Frau: Werden wir was wir sind? Oder sind wir? Mit diesen Fragen schließt sie an Blondem an, der die Handlung als Substanz des Menschen bezeichnete. Der Mensch ist, was er aus sich selbst macht. Diese Gedanken wurden zur selben Zeit auch von einem gewissen Jean-Paul Sartre popularisiert. Mit dem Gründer der Existenzphilosophie verband sie ab 1926 ein “Pakt”, der auch in dem Briefwechsel zwischen den beiden, der ebenfalls im Rowohlt Verlag erschienen ist, dokumentiert wird.

Absolute Freiheit, absolute Wahrheit

“Meine Jugend war durch Mythen gespeist, die von Männern erfunden wurden.” Sartre nannte sie Castor, von Beauvoir=Beaver, aber gemeint war mit dieser liebevollen Anrede wohl ihre Unermüdlichkeit, der Fleiß eines Bibers. Mit Sartre entschied sie sich gegen ein konventionelles, bürgerliches Leben und für die Freiheit. “Der Pakt würde auf Nähe und Distanz basieren, auf Freiheit“, so Sartre mit Pfeife im Mund in der vorliegenden Graphic Novel, die ganz in Gelb und S/W gehalten ist und neben vielen Porträts des Pariser Umfelds der beiden auch einige lustige Tiere und Landschaften abbildet. “Absolute Freiheit, absolute Wahrheit. D’accord.” Diese Freiheit und dieser Pakt waren natürlich auch mit Schmerzen verbunden, denn als sie sich in den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren verliebte und dieser sie nach drei Jahren heiraten wollte, stand sie dennoch zu ihrem Pakt mit Sartre. Andere wichtige Stationen ihres Lebens (der Tod von Zaza) werden ebenso beleuchtet wie ihre Leidenschaft für’s Wandern und ihre Philosophie: “Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.” Die Frau werde nicht als solche, sondern im Vergleich zu sich, dem Mann, definiert. Nicht als autonomes Wesen, sondern an der Seite des Mannes, werde ihr Platz definiert. Zeit ihres Lebens wollte sie die Mystifikationen beseitigen und die Wahrheit sagen. Dummheit war für sie eine gewisse Art, das Leben und seine Freuden unter Vorurteilen, Gewohnheiten, Täuschungen und sinnlosen Vorschriften zu ersticken.

 

Julia Korbik, Julia Bernhard
Simone de Beauvoir. Ich möchte vom Leben alles
Graphic Novel
2023, Hardcover, 224 Seiten, ab 14 Jahre
ISBN: 978-3-498-00360-9
Rowohlt Buchverlag


Genre: Biografien, Graphic Novel
Illustrated by Rowohlt

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