
“Mutter und Sohn” von Ernst Ludwig Kirchner
Die Lebensentscheidung. “Mutter und Sohn” lautet der Titel des auf dem Schutzumschlag abgebildeten Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) und genau davon handelt auch Menasse’s neue Novelle. Aber nicht er schaut auf sie hinab und sie zu ihm hinauf, wie in dem Gemälde, sondern wohl eher umgekehrt…
Totenbett statt Tanzparkett
Franz Fiala ist ein klassischer EU-Beamter. Autor Robert Menasse widmete sich ja schon einmal diesem Sujet. In seinem Roman “Die Hauptstadt” (Suhrkamp 2017) beschreibt er Brüssel als Ort des Lebens und Wirkens seiner Protagonisten. Aber in “Die Lebensentscheidung” wird es ein Abschied, denn Fiala hat nach zwanzig Jahren genug. Genug von der Generaldirektion Umwelt in der Unterebene ENV.D.2. Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Genug davon, “ein Rädchen in einer Maschinerie zu sein, die eine bessere Welt produzieren wolle“. Mächtige Interessenverbände haben ihm seine durchaus von grünem Idealismus getragene Arbeit richtiggehend vergällt. “Illusionen zu haben ist gut, das ist schöner Idealismus. Illusionen an die Möglichkeiten anzupassen, ist gut, das ist Pragmatismus. Aber Illusionen zu verkaufen und das Pragmatismus zu nennen, ist nur noch Zynismus.” Wenn auch sehr gut bezahlter Zynismus… Zudem ist seine Mutter, 89, zuhause in Wien, an Demenz erkrankt und er inzwischen schon 58 Jahre alt geworden. Sie wünscht sich nur mehr eines von ihrem Sohn, einen Erben, ein Enkerl. Aber dass er dafür schon längst zu alt ist, ist nicht das einzige, was ihn davon abhält, seiner Mutter auch ihren letzten Wunsch zu erfüllen…
Lebensentscheidung: Dum spiro, spero
Statt einer Familie hat Fiala eine platonische Freundin in Wien, Feli, und eine richtige in Brüssel, Nathalie – anregend und nie anstrengend. In Wien ist die Familie auf Felix, den Neffen, Onkel Fritz und Mutter zusammengeschrumpft. Als sein Onkel Fritz dann plötzlich stirbt und Fiala in Wien eine erschütternde Diagnose erhält, will er diese vor allem vor seiner Mutter geheim halten. Denn es gibt ja bekanntlich nichts Schrecklicheres für ein Elternteil, als wenn das Kind vor den Erzeugern stirbt. Aber auch seine Mutter will ihren Sohn nicht leiden sehen. Als Einzelkind hat er alle ihre Wünsche erfüllt und sogar in Brüssel Karriere gemacht. Nur den einen Wunsch, einen Enkel, den hat er ausgelassen, ihr zu erfüllen. Ob es wegen der Karriere war? Oder weil sie alle Freundinnen, die er ihr vorstellte, stets ablehnte? Robert Menasse lässt tief blicken, in eine Wiener Familie, die die für ihre Bewohner:innen so klassische “Melange aus Hohn und Heiterkeit” mehr als internalisiert hat. In einem kurzen, lapidaren Erzählton voller Ironie – aber ganz ohne Zynismus – wird “Die Lebensentscheidung” zu einem Abgesang auf Idealismus und Weltverbesserungspläne. Denn was außer seiner Krankheit bleibt Franz Fiala am Ende? Nicht umsonst heißt es ja Wien, dass das Gegenteil von “gut” “gut gemeint” heißt.

Wissenschaftlicher Super-GAU
E.M. Cioran. Um den 1911 in Rasinari bei Hermannstadt in Siebenbürgen als Sohn eines griechisch-orthodoxen Priesters geborenen rumänischen Schriftsteller ist es ruhig geworden. 2024, zum 30. Jahrestag seines Todes, erschien beim Suhrkamp Verlag eine Biographie mit dem Titel “Cioran, der Ketzer” von Patrice Bollon, die ihn ausgehend von dem verhängnisvollen Irrtum seiner Jugendzeit bis hin zu seinem bedeutenden Werk als Schriftsteller und Stilisten der französischen Sprache zeigt.
Am besten lässt sich der existentialistische Skeptiker anhand zweier anderer Bücher beim Suhrkamp Verlag entdecken. Mit “Vom Nachteil, geboren zu sein” (1979) und “Syllogismen der Bitterkeit” (1952) lässt sich der Verfasser zahlreicher Aphorismen als Meister der Klarheit, der Eleganz und der Gelassenheit erkennen, der frei von seinen Jugendsünden voller antisemitischer und hitlerfreundlicher Äußerungen vor allem den späteren Philosophen entdecken lässt. Cioran hatte von 1928 bis 1931 das Studium der Philosophie an der Universität Bukarest belebt, bis 1939 waren schon fünf Bücher in rumänischer Sprache von dem erst 28-Jährigen erschienen.
In der gleichnamigen Sammlung (im Französischen Original: Syllogismes de l’Amertume) widmet sich Cioran Themen die mit den Überschriften “Atrophie des Worts”, dem “Zirkus der Einsamkeit”, dem “Taumel der Geschichte” oder den “Quellen des Leeren” zusammengefasst wurden. Er schreibt auch “Über Musik”, den “Sog der Geschichte” oder den “Okzident”. “Wie sehr liebe ich die Geister zweiten Ranges, die aus Taktgefühl im Schatten des Genies der anderen lebten und ihr eigenes aus reiner Scheu ablehnten”, schreibt Cioran da einen Gedanken auf, der seine eigenen “stummen Tiefen” schon erahnen lässt. Im mit “Zirkus der Einsamkeit” übermittelten Kapitel geht es in seinen Aphorismen schon konkreter zur Sache: “Ich lebe nur, weil es in meiner Macht steht zu sterben, wann es mir belieben wird: ohne die /Idee/ des Selbstmords hätte ich mich schon längst getötet.” Die Verzweiflung bleibt für ihn Reportage, die Hoffnung Fiktion. Dennoch ziehe man aus dieser Fiktion die Nahrung zu leben. “Ohne Gott ist alles nichts; und Gott?”, schreibt der bei Priestern aufgewachsene Cioran, “Höchstes Nichts”.
Nachtfrauen. Die beiden Geschwister Mira und Stanko stehen vor einer herausfordernden Aufgabe. Ihre Mutter ist alt und soll auf den Auszug aus ihrem Haus im kärntnerischen Jaundorf vorbereitet werden. Da weder Mira noch Stanko sich um sie kümmern können, wird es für die alte Dame zu gefährlich alleine zu leben.



Erinnerungen
Afropäisch: Mit einem Interrailticket reist der Autor durch Europa, startet an einem 1.10. und muss genau am 31.3. zurück sein, denn er reist auf eigene Kosten, schläft dabei in Hostels, manche Einschränkungen des Komforts inbegriffen. So wird er auch Menschen begegnen, die nicht zu den Besserverdienenden gehören. Nach Plan besucht er europäische Hauptstädte und kleinere Orte im Süden Frankreichs und Spaniens: er folgt damit „seiner afropäischen Achse“. Mal reist er wie ein Flaneur, lässt sich von Zufallsbekanntschaften Geschichten erzählen, deren Informationen wird dann nachgeforscht, mal flicht er eigene Erlebnisse und Gelesenes ein. 


Selbstverteidigung – Eine Philosophie der Gewalt. In ihrem Prolog zum Buch stellt die Philosophie-Professorin eine Foltermethode des beginnenden 19. Jahrhunderts den Geschehnissen um die Ermordung von Rodney King durch das LAPD im 20. Jahrhundert gegenüber. In beiden Fällen galt, dass je mehr sich der „Delinquent“ wehrte, desto mehr wurde er geschlagen oder gefoltert. Der Prozess um die Polizisten endete mit einem Freispruch. Rodney King hatte sich verteidigt, doch indem er sich verteidigte, wurde er unverteidigbar. Der Inhalt des Zeugen-Videos wurde in seiner Bedeutung einfach umgedreht. Schuldumkehr.
Ein Klassiker par excellence
Postdemokratie als Begriff bezieht sich auf die Tatsache, dass heute (Erstauflage 2008) mehr Nationalstaaten als jemals zuvor demokratische Verfahren zur Bestimmung ihrer Regierung praktizierten. Allerdings mag deswegen noch kein Optimismus aufkommen, denn die Art und Weise wie diese durchgeführt wurden steht auf einem anderen Blatt. Dennoch spricht der Begriff, Postdemokratie, für die Phase der Demokratie in der wir uns seither befinden und die u.a. durch Politikverdrossenheit, Sozialabbau und Privatisierung gekennzeichnet ist.
Auch in seinem Folgewerk, „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“, stellt Crouch unbequeme Fragen. Es sind die gigantischen transnationalen Konzerne, unter denen die Demokratie und das Marktmodell leiden. Crouch entwirft aber auch ein Modell des Widerstands: indem wir uns auf unsere Werte und unsere Macht als Verbraucher besinnen. Das ist Crouchs optimistische Vision einer sozialen und demokratischen Marktwirtschaft, die er in diesem Essay der Hegemonie der Konzerne entgegenhält.
Reminiszenz an die alte Welt
Glücklich ist, wer vergisst
Pathologische Skepsis