
Neue bibliophile Ausgabe eines Klassikers
„Das Lied ist aus, aber die Melodie schwebt noch im Raum.“ Der Protagonist und Ich-Erzähler von „Wilde Schafsjagd“ ist gezeichnet von den Sechzigern, deren Vorhang sich auf der Weltbühne schön langsam senke. In seinem Lieblingscafé, wo er immer Bier trinkt und viele Zigaretten raucht, spielen sie immer noch Hardrock, aber „das Knistern der Atmosphäre war verschwunden“. Sein Körper ist oft von Alkohol voll gesogen “wie ein Waschlappen“, denn er leidet vor allem an der Trennung seiner Frau. Er isst gerne Sandwiches und Omeletts. Dazu Whiskey oder Bier. Auch wenn er schnell wieder eine Freundin (mit schönen Ohren) findet, die ihm bei seinem ersten „Fall“ auch kräftig unter die Arme greift. Und dann wäre da noch „Ratte“, sein bester Freund, der immer wieder auf ungeklärte Weise verschwindet und wieder auftaucht. Und Bückling, sein alter Kater. Eine neue bibliophile Ausgabe des Murakami Klassikers “Wilde Schafsjagd” ist bei Dumont erschienen.
Wilde Schafsjagd: Etwas zerbricht
„Wilde Schafsjagd“ ist mehr als nur ein Roman der Kriminalliteratur, die sich an amerikanischen Vorbildern wie etwa Raymond Chandler orientiert, denn dessen Protagonist hat existentielle Probleme, die ihn beinahe aus der Bahn werfen. Nachdem er bemerkt, dass seine Frau von den Fotos aus den gemeinsamen Fotoalben ihr Gesicht herausgeschnitten hat und auch sonst nichts zurückgelassen hat, erfährt er seine Evokation: „Mir war, als wäre ich von Geburt an mein ganzes Leben lang allein gewesen und würde auch von jetzt an immer allein bleiben.“ Mit 26 und 30 Jahren hätten sie beide noch ein gemeinsames langes Leben vor sich gehabt. „Doch in dem Moment, da wir beide dachten, dass es ewig so weiterginge, zerbracht irgendetwas. Eine Winzigkeit nur, aber es wurde nie mehr wie früher.“
Von Schafen und Schafsköpfen
Im Sommer trinke er Bier, im Winter Whiskey und er versucht nicht vor der Langeweile davonzulaufen, wie alle anderen, bekennt er, sondern er versucht hineinzukommen. „Gegen die Langeweile kämpfen selbst Götter vergebens“, soll schon Nietzsche gesagt haben, so Murakami. Doch dann bekommt er einen merkwürdigen Auftrag, indem er das Schaf eines Fotos einer seiner Werbekampagnen suchen muss, um dem alten Chef einer ominösen Organisation, der im Koma liegt, damit das Leben zu retten. Denn das geheimnisvolle Schaf von dem Foto hat magische Kräfte und rettet wohl nicht nur dem Chef das Leben, sondern auch dem Protagonisten. „Die Leute glauben, es sei eine Gnade Gottes, wenn ein Schaf in einen Menschen fährt. In einer Schrift aus der Yüan-Dynastie wird beispielsweise berichtet, Dschingis Khan sei von einem `weißen Schaf, welches einen Stern trug´ bewohnt worden.“ Wird es ihm gelingen das geheimnisvolle Schaf aufzuspüren oder wird vielmehr es ihn finden? Ein amüsanter Lesestoff nicht nur für Schafzüchter.
Haruki Murakami
Wilde Schafsjagd
Roman
Aus dem Japanischen von Annelies Ortmanns
ISBN: 978-3-8321-7899-4
2017, DUMONT


Banksy wurde unter den Graffiti Artists vor allem durch einen unverwechselbaren Blick auf ein gutes placement seiner urbanen Interventionen bekannt, aber natürlich auch durch die brisant politischen Inhalte und Bemerkungen zum aktuellen Zeitgeschehen, das zeigt auch “Banksy in New York“. Allerdings hat Banksy auch den Kunstmarkt durcheinander gebracht, denn plötzlich wurden seine Skulpturen, Interventionen und Stencils zu Objekten des Kunsthandels. Inzwischen soll es sogar schon Leute geben, die sich Banksy’s Werke tätowieren lassen, was – wie der Verfasser des Vorworts, Steven P. Harrington, lakonisch bemerkt – kein Wunder sei, würden sie doch den „Wert von Eigentum“ („since this is a vandal whose deeds actually raise the value of property“) erhöhen.












Der 25-jährige Thomas Dupré arbeitet in einem Gitarren-Shop in Paris als Aushilfe. Gitarren sind für ihn keine verstaubten, unantastbaren Reliquien, sondern „Waffen, an denen noch das Blut der Revolution klebt“, denn wie so viele seiner Altersgenossen, träumt auch Thomas davon ein Rockstar zu werden. Ein Vintage-Roman aus Frankreich? Da bekommt er eines Tages plötzlich das Angebot des Jahrhunderts: er soll für seinen Chef Alain de Chévigné eine Gitarre nach Inverness in Schottland liefern, denn der Käufer legt Wert auf Diskretion. Lord Charles Dexter Winsley – so sein voller Name – ist ein Gitarrensammler, der im mysteriösen Boleskine House nahe des Loch Ness, wo schon Aleister Crowley und Jimmy Page gewohnt haben sollen, mehrere Gitarren im Wert zwischen 300.000 und einer Million Dollar an den Wänden hängen hat, darunter etwa auch eine Les Paul Deluxe mit gebrochenem Hals zusammen mit einer Notiz „Für Charlie von Pete.“ Hervier macht damit eine zärtliche Verneigung vor Pete Townshend von The Who, der es bevorzugte, seinen Gitarren auf der Bühne den Hals zu brechen. „Man muss glauben, um zu sehen“, gibt Lord Winsley seinem neuen Schützling mit auf den Weg. Oder ist es etwa doch umgekehrt?
„In allem was die Malerei anbelangt aber ist er wunderlich, kapriziös, schnell und kühn und der furchterregndste Intellekt, den die Malerei je besessen“, schrieb der Maler Bildhauer und Architekt und Zeigenosse Giorgio Vasari über den Maler aus Venedig. 2018 wird sein 500. Geburtstag gefeiert und aus diesem Grund wurde auch eine große Ausstellung organisiert, die im nächsten Jahr u.a. im Musée du Luxembourg (6. März bis 1. Juli 2018) gezeigt wird.
Im Jahr 2157 ist die Erde nach sechs Weltkriegen endgültig unbewohnbar geworden. Zumindest auf der Oberfläche, denn eine neue Eiszeit hat den Planeten überzogen. Doch dann gelangt eine mysteriöse Botschaft in die Kommandozentrale der sineuropäischen Föderation: es gibt eine „Erde 2“. Die überbordende und schaumkrönende Sprachfantasie und Fabulierei des italienischen Autors Stefano Benni in eine andere Sprach zu übersetzen ist sicherleich keine leichte Aufgabe, obwohl sich der 1983 erstmals erschienene Science Fiction Roman an einigen bekannten Vorbildern orientiert, die auch in der deutschsprachigen Literatur bekannt und verbreitet sind. In „Terra“ geht die Welt jedenfalls gleich im Prolog unter und Eiswürfel aus Coca Cola sind aus einem gezuckerten Schwarzmeer zu gewinnen, da die Welt daraufhin ein Riesendurst befällt: es gehe die Sage, daß manche Familie sogar ihren Swimmingpool leersoff. Radio „California über alles“ (Dead Kennedys) verkündet die Parole der Apokalypse „Schwitzt und tanzt!“ und es folgen Weltkrieg 3-6, nach denen die Welt endgültig unbewohnbar wird, nicht aber das Universum.
„Esiste una lingua senza metafora, un pranzo senza relever, un diavolo senza le zanne?“, frägt sich der Protagonist in „Il piú grande cuoco di Francia“ („Die Bar unter dem Meer”), einer Episode aus der Kurzgeschichtensammlung „Il bar sotto il mare“, die durch den roten Faden, einer Bar am Meeresgrund zusammengehalten wird und die Stefano Bennis Sprachwitz und kreativen Erfindungsreichtum zum Vergnügen der Leser exemplarisch darstellt. Ein Teufel ohne Stoßzähne (un diavolo senza le zanne), ob es das wirklich gibt? „Bar Sport“ war Stefano Bennis Erstling, der in 1977 in Italien bekannt machte. Eigentlich wäre er ja gerne Fußballer geworden, aber in seinem Debüt gelingt es ihm, einen würdigen Ersatz dafür zu finden. „Bar Sport duemilla“ knüpfte nochmals – 1997 – an seinen Romanerstling an und mit „Il bar sotto il mare“, dem vorliegenden bei Reclam auf Italienisch erschienen Werk setztee er seine Bar-Triologie 1987 fort. Alle zehn Jahre als ein „Bar“-Roman? Natürlich schreibt Benni dazwischen auch eine Vielzahl an Artikel, Kolumnen und Theatermonologe oder Filmdrehbücher für italienische Zeitungen wie Il manifesto, L’Espresso, La Repubbblica, etc und insgesamt weitere 20 Romane.
Romy Schneider Film für Film: 63 Filme hat die im Alter von nur 44 Jahren verstorbene Romy Schneider in ihrem kurzen Leben gedreht. Die Liste der berühmten Regisseure (Luchino Visconti, Orson Welles, Andrzej Zulawski und immer wieder Claude Sautet, u.v.a.m.) mit denen sie zusammengearbeitet hat ist lang, auch die ihrer Filmpartner und berühmten Kollegen, obwohl sie wohl am liebsten mit Alain Delon gedreht hat. Der vorliegende prächtige Bildband zeichnet die Karriere der Femme fatale Film für Film noch und kann so wie ein Lexikon benutzt werden für Filmfreaks und Romy-Fans ebenso wie für einfache Cineasten. Isabelle Giordano zeichnet in ihren Film-Rezensionen, die reich illustriert sind, ein intimes Porträt der Schauspielerin und des Menschen Romy Schneider. Vor allem soll aber eine selbstbewusste Frau gezeigt werden, die zum Symbol ihrer Zeit wurde, denn sie prägte nicht nur das Bild von Generationen, sondern wurde auch zum Vorbild für die heranwachsende neue Generation von Frauen.
Mit 18 Jahren veröffentlichte die Autorin die Erzählung “Bonjour, tristesse”, die auch heute, 50 Jahre später, für das Selbstbestimmungsrecht der Frau steht. Das Klima in den 50ern war gezeichnet von einer Gesellschaft, die die Frauen hasste, schreibt Sibylle Berg in ihrem lesenswerten Nachwort zu vorliegender Neuübersetzung. Obwohl Frauen zwei Drittel der Gesellschaft ausmachten, mussten Frauen die Erlaubnis des Ehemannes einholen, um arbeiten gehen zu dürfen, und dann auch nur als „Dazuverdienerin“. Emotional, passiv und sozial sollten sie sein, die Männer dafür leistungsorientiert, durchsetzungsfähig und aktiv, so Berg. Sagans Protagonistin, Cécile, war in diesem gesellschaftlichen Klima „ein progressiv-feministischer Beitrag zu einem Wandel des Frauenbildes“. „Bonjour tristesse ist eine Reminiszenz an eine Zeit des Aufbruchs“, schreibt Berg, „als man von einer besseren Zukunft träumte“.
„Sich zu entscheiden, heißt jemandem wehtun“. Lena befindet sich in einem außergewöhnlichen Transformationsprozess, ganz so wie die bewegten Siebziger Jahre um sie herum. Es wird viel demonstriert und diskutiert und die Frauen werden sich ihrer unterdrückten Rolle im Patriarchat bewusst. Aber nicht nur die Arbeiter befinden sich im Ausstand, auch Studenten kommen zu ihren Prüfungen mit einer geladenen Pistole, um ein besseres Prüfungsergebnis zu erzielen. So ergeht es zumindest Pietro, dem Ehemann Lenas, der an der Hochschule in Florenz als Professor arbeitet. Der dritte Teil der Neapolitanischen Saga hat es in sich: privat und politisch.