Der Uhu gilt als weise. Bei der Erinnerung an die eigene Vergangenheit scheint ihm gelegentlich ein Auge zuzufallen. Der 1859 in Prag gegründete Männerbund Schlaraffia pflegt Kunst und Humor und parodiert das Rittertum. Ihre Geschichte erzählt sie gern als Erfolgsgeschichte einer schönen Idee. Für die Jahre des Nationalsozialismus kommt eine zweite Erzählung hinzu: die vom verfolgten und schließlich verbotenen Bund. Beides gehört zur Geschichte. Beides reicht jedoch nicht aus.
Das von Thomas Kreil, Hermann Ritter und Christian Säfken herausgegebene »Jahrbuch zur schlaraffischen Historie« tritt an, bequeme Aussparungen dieses Selbstbildes zu untersuchen. Sein erster Band ist der Allmutter Praga gewidmet, deren »genialische Respektlosigkeit« das schlaraffische Spiel erst ermöglicht habe. Dieser Maßstab ist anspruchsvoll, denn Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Gewissheiten gilt im Bund offenbar nicht überall als Tugend.
Schlaraffen treffen sich in örtlichen Vereinen, den »Reychen«, reden einander mit erfundenen Ritternamen an, tragen Gedichte vor und musizieren. Rang, Würde und Orden gehören zur Parodie. Ein gelungenes schlaraffisches Treffen kann geistreiches Theater, Kleinkunstbühne und Freundschaftserlebnis zugleich sein. Problematisch wird es, wenn die Beteiligten vergessen, dass der Thron ein Requisit ist, und ihre vermeintliche »Macht« ernst nehmen.
Der Band dokumentiert die Arbeit des Spinnmühlkreises, eines freien und unabhängigen Zusammenschlusses von Schlaraffen verschiedener Reyche. Seinen Namen verdankt er dem ersten Tagungsort, einer ehemaligen Spinnmühle in Schweinfurt. Der Kreis arbeitet an einer möglichst wirklichkeitsnahen Darstellung der gesamten schlaraffischen Geschichte. Sein Garn soll auch dort nicht reißen, wo die Erinnerung unbequem wird. Die Autoren kennen die Innenwelt, über die sie schreiben. Hier untersuchen Menschen die Vergangenheit eines Bundes, den sie lieben und dessen Verhalten sie mitunter empört. Diese Nähe trägt das Buch.
Hermann Ritter eröffnet mit einer ausgedehnten Untersuchung über Karl-Maria Wiligut, den einstigen Ritter Lobesam und späteren SS-Esoteriker im Umfeld Heinrich Himmlers. Ritter führt durch ein Dickicht aus Runenphantasien und Legenden.
Thomas Kreils »Chronologie eines Untergangs« rekonstruiert die Auseinandersetzungen im Parchimer Reych Püttana. Briefwechsel, Satzungsfragen und persönliche Feindschaften zeigen, wie ein Verein seine Grundlagen untergraben kann, während die Beteiligten sich weiter auf die Freundschaft berufen.
Den Schwerpunkt bilden Nikolaus Haas’ Untersuchung zur Aufarbeitung bei Rotary und Christian Säfkens Beitrag »Die Ritter ohne Furcht und Tadel? Schlaraffen als Täter und Opfer des NS und der Umgang mit historischer Schuld«. Haas zeigt am Beispiel der Rotary Clubs, wie eine vergleichbare bürgerliche Vereinigung ihre Vergangenheit kritisch aufarbeiten und der verdrängten und verfolgten Mitglieder angemessen gedenken kann.
Christian Säfken stellt das Bild vom tadellosen Ritter auf den Prüfstand. Er bestreitet die entlastende Wirkung einer Erzählung, die sich auf die Verfolgung der Schlaraffia durch die Nationalsozialisten beschränkt. Ein Verband kann unter einem Regime leiden, während Mitglieder desselben Verbandes dieses Regime unterstützen. Ein späteres Verbot macht frühere Anpassung nicht ungeschehen. Und wer jüdische Freunde ausschließt, um das eigene Vereinsleben zu retten, kann den Fortbestand dieses Vereins schwerlich als Triumph der Freundschaft verbuchen.
Besonders erschütternd ist die von Säfken angeführte Klage eines 1936 ausgeschlossenen jüdischen Mitglieds der Stutgardia (S. 203):
Sasse war ich in Eurem Reych, schnöd’ habt Ihr mich vertrieben.
Von Euren „Lieben Juden“ ist keiner mehr geblieben.
Die Freundschaft war Euch bloßes Wort!
Rhetorik und Gefasel! Entehret habt Ihr uns. In Düsternis gestürzt.
Gebrochen uns das Herz. Wie wollt Ihr das ertragen,
Wenn Euch Gewissensbisse plagen?
Diese Klage trifft das Zentrum des Bundes. Kunst lässt sich aufführen, Humor lässt sich vortragen. Freundschaft muss sich dort bewähren, wo sie etwas kostet.
An den Lebenswegen des Arztes Adolf Pokorny und des Juristen Josef Altstötter zeigt Säfken auf, wie wenig die Mitgliedschaft in einer kultivierten Vereinigung über die moralische Integrität eines Menschen aussagt. Pokorny schlug Himmler die Sterilisierung von Millionen sowjetischen Gefangenen vor. Im Nürnberger Ärzteprozess wurde er freigesprochen; der Beitrag gibt ausdrücklich wieder, dass die Richter seine behaupteten edlen Motive nicht überzeugend fanden. Später wurde er erneut Schlaraffe und erhielt Auszeichnungen. Altstötter wiederum berief sich bei seiner Verteidigung auch auf seine schlaraffische Vergangenheit. Er wurde wegen seiner Mitgliedschaft in der SS verurteilt, von den übrigen gegen ihn erhobenen Vorwürfen jedoch freigesprochen. Der Band hält Anklage, Freispruch und Verurteilung sorgfältig auseinander.
Wie konnte ein Milieu, das seine Ritterlichkeit beschwor, derart wenig Anlass sehen, seine moralischen Sicherheiten zu überprüfen?
Die Autoren richten den Blick deshalb auch auf die Gegenwart der Erinnerung. Sie untersuchen Ehrungen für belastete Persönlichkeiten und berichten zugleich von Veränderungen: Die Hala bavarica entzog Hans Pfitzner, die Berolina Clemens Schmalstich den Status eines Ehrenschlaraffen. Solche Entscheidungen beseitigen keine Geschichte. Sie ändern, wen eine Gemeinschaft heute als Vorbild herausstellt. Zwischen dem Aufbewahren eines Dokuments und dem Verehren seines Urhebers liegt ein Unterschied, den man auch unter einem Ritterhelm verstehen kann.
Wie schwer sich der Gesamtverband mit seiner historischen Verantwortung tut, dokumentiert die Debatte beim Concil in Boston 2024. Der von den Vereinen Lietzowia, Ravensbergia und Confluentia eingebrachte Antrag sollte eine Erklärung bewirken, die sich zu Menschenrechten bekannte und die unter der nationalsozialistischen Herrschaft Herabgewürdigten und Entrechteten um Verzeihung bat. Der Antrag scheiterte mit 59 Ja-Stimmen, 117 Nein-Stimmen und 47 Enthaltungen. Zahlen können trocken sein. Diese sind es nicht.
Säfken zitiert aus einer dumpfen Gegenrede, in der von einem »Pamphlet« und einem »Schuldkomplex« die Rede war. Gefragt wurde auch, was unveräußerliche Menschenrechte mit dem Bund zu tun hätten. Hier zeigt sich ein Verständnis des Unpolitischen, das den eigenen Frieden offenbar dadurch sichern möchte, dass es unbequeme moralische Fragen vor der Tür stehen lässt. Ein Politikverbot im geselligen Spiel wird so zum möglichen Schutzschild gegen die Prüfung der eigenen Geschichte.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen persönlicher Schuld und institutioneller Verantwortung. Heutige Schlaraffen haben die Ausschlüsse von 1933 nicht beschlossen. Sie entscheiden aber darüber, ob ihr Bund diese Ausschlüsse angemessen erinnert, seine Opfer würdigt und seine Ehrungen überprüft. Dafür braucht niemand eine ererbte Schuld zu erfinden. Es genügt, die eigene Tradition ernst zu nehmen.
Dass der Band mehr zu bieten hat als eine Anklageschrift, zeigen die anderen Beiträge. Christian Säfkens Bericht über den geretteten Nachlass des Ritters Segelfroh erzählt mit Wärme von Familienerinnerungen und Fotoalben, die beinahe im Altpapier verschwunden wären. Ludger Brauckmanns persönliches Porträt des in Auschwitz ermordeten Osnabrücker Malers Felix Nussbaum fragt, welche Verpflichtung dessen Ernennung zum Ehrenschlaraffen für das ehrende Reych bedeutet. Hanke Penning und Hermann Ritter vergleichen die Schlaraffia mit der Fantasy-Spielwelt Magira. Rezensionen und Nachrufe vervollständigen das Bild einer Gemeinschaft, die Wissen, Eigenwilligkeit und gelebte Freundschaft hervorbringen kann.
Als Sammelband besitzt das Jahrbuch die üblichen Unebenheiten. Die Sprache wechselt zwischen wissenschaftlicher Untersuchung, persönlichem Bekenntnis und Vereinsjargon. Wiederholungen im Themenfeld Schuld und Erinnerung wären redaktionell zu straffen gewesen; ein gemeinsames Glossar hätte Außenstehenden den Zugang erleichtert. Der Spinnmühlkreis erforscht die gesamte schlaraffische Geschichte; dieser erste Band konzentriert sich auf den Nationalsozialismus und dessen Aufarbeitung. Die Herausgeber erklären, dass der Schwerpunkt aus den eingereichten Arbeiten entstand. Das Ergebnis ist ein gewichtiger Beitrag zu einem lange vernachlässigten Forschungsfeld.
Die abschließenden neun Thesen zur Zukunft führen von der historischen Verantwortung zurück zum Spiel. Orden und Titel seien Parodie, alle Schlaraffen gleich, technische Verweigerung kein Zeichen von Weisheit. Darin liegt die Hoffnung dieses Buches: dass die Schlaraffia den Mut findet, sich wieder an ihrer ursprünglichen Freiheit zu messen. Wer Macht parodiert, sollte ihr im eigenen Verein nicht verfallen. Wer Freundschaft beschwört, sollte Kritik aushalten. Und wer die Vergangenheit bewahren will, muss sie auch dort ansehen, wo sie den schönen Erinnerungen widerspricht.
Dieses erste Jahrbuch verdient Leser weit über die Schlaraffia hinaus. Es zeigt, wie historisch gewachsene Gemeinschaften ihre Geschichte erzählen und auf die Prüfung ihrer Ideale reagieren. Seine Autoren halten dem Uhu den Spiegel hin. Gespannt sein darf man nun auf die Reaktion jener schlaraffischen »Obrigkeit«, deren Umgang mit der Vergangenheit der Band so nachdrücklich kritisiert. Wird sie die Veröffentlichung zum Anlass nehmen, sich endlich den unbequemen Fragen zu stellen? Oder wird sie weiterhin versuchen, das Thema unter den Tisch zu kehren? Dort liegt inzwischen einiges. Dieses Buch passt nicht mehr darunter.
Thomas Kreil / Hermann Ritter / Christian Säfken (Hg.)
Jahrbuch zur schlaraffischen Historie. Band 1
BoD – Books on Demand, Hamburg 2026
324 Seiten. ISBN 978-3-6967-1507-6
Transparenzhinweis: Der Rezensent ist selbst Mitglied der Schlaraffia. Der besprochene Band enthält auch eine Rezension seines Buches »Ritter von der Rolandnadel«.