Schleifen

Literarische Möbiusschleife

Elias Hirschl, der österreichische Poetry-Slammer, Musiker und Schriftsteller, ist mit seinem neuen Roman «Schleifen» auf die Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gewählt worden, sein bisher größter Erfolg. Der Buchtitel spielt auf die 1858 erstmals mathematisch definierte Möbiusschleife an, die eine Fläche bezeichnet, die nur eine Kante und eine Seite hat und deshalb nicht orientierbar ist, bei der also nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterschieden werden kann. Allein dieser Titel gibt schon den passenden Vorgeschmack auf das, was den Leser in diesem Roman erwartet. Die Jury hat dazu geschrieben, der Autor lege damit «einen wunderbar überdrehten Roman vor, der durch seine intellektuellen Spielereien, erzählerischen Tricks und seinen schier unerschöpflichen Ideenreichtum brilliert. Wer sich auf diesen irren Ritt durch Sprachwissenschaft, Mathematik, Philosophie, Soziologie und Medizin einlässt, wird sich dem Sog des Romans kaum entziehen können und immer weiter ins Absurde abtauchen wollen. Ein Roman, der einen auf die bestmögliche Art verwirrt, herausfordert und vor allem schallend laut zum Lachen bringt.»

Als Protagonistin fungiert dabei die fanatische Linguistin Franziska Denk, die sich gemeinsam mit einer sektenartigen Sprachguerilla auf die Suche macht nach der absolut gerechten Sprache. Sie wuchs im Umfeld des intellektuellen «Wiener Kreises des Logischen Empirismus» auf und litt als Kind an einer sonderbaren Krankheit: Hörte oder las sie von Symptomen, bekam sie sofort genau diese Krankheit. Irgendwann merkt sie aber, dass sie sich mit Wörtern aus toten Sprachen gegen dieses verhängnisvolle Leiden immunisieren kann (sic!). In dem Mathematiker Otto Mandl findet sie einen Seelenverwandten, sie werden ein Paar und begeben sich gemeinsam auf die Suche nach der perfekten Sprache. Es geht hier letztendlich also um die Macht der Sprache als solche und ihren Einfluss auf unser Leben.

Franziskas Eltern haben ihren Wiener Lesekreis nach Francesco Savogini benannt, der glaubte, vor dem Turmbau zu Babel und der Aufsplitterung in viele Sprachen hätte es eine einzige göttliche Universalsprache gegeben. Ludwig Wittgenstein, der dort ebenfalls Gast war, sah das fundamentale Problem der Sprache bekanntlich darin, «dass jede Erkenntnis über die Welt letzten Endes verschriftlicht werden musste und man letztendlich also die Verschriftlichung selbst verschriftlichen müsse, weil sie Teil der Welt sei». Man kann sich diesen unendlichen Prozess bildlich sehr gut als Möbiusschleife vorstellen! Mit seinem an wissenschaftlichen Verweisen und obskuren Ideen geradezu überquellenden Roman hat der Autor auch die Idee des Nonverbalismus aufgegriffen. Um der babylonischen Sprachverwirrung entgegen zu wirken gehen Franziska und ihre Mitstreiter schließlich so weit, an Haustüren zu klingeln, um dann einfach so lange schweigend vor den Bewohnern stehen zu bleiben, bis diese sich ihrer Bewegung wortlos anschließen.

Als Ideenroman ist dies wahrhaftig eine unbekümmert kühne, literarische Tour de Force durch die Sprach-Philosophie. Dabei ist das Absurde kein Selbstzweck, meist stehen dahinter auch konkrete und berechtigte Fragen, sei es nach Identität, Macht oder Einfluss. Im Interview hat der Autor dazu gesagt: «In Schleifen geht es darum, was alles gesagt und nicht gesagt werden kann, was überhaupt in Worte zu fassen ist und wo die Sprache an ihre Grenzen stößt. Wie man die Realität, die Gegenwart und die Vergangenheit durch Sprache beschreiben kann, aber auch umformen, verzerren, verfälschen oder gänzlich auslöschen». Auf Dauer störend an diesem literarischen Verwirrspiel ist neben seinen Längen das aufgesetzt wirkende Wikipedia-Wissen, mit dem sein Autor hier offensichtlich versucht hat, in den Feuilletons den Sprung vom Poetry-Slammer in die Liga ernstzunehmender Autoren zu schaffen. Genau an dieser Absicht aber ist sein Roman kläglich gescheitert, er stellt literarisch allenfalls eine Möbiusschleife dar!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Zsolnay München

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