Mystik und Molltöne
Mit «Sanditz», seinem dritten Roman, hat Lukas Rietzschel das Kunststück geschafft, in wahrhaft epischer Breite ein Kammerspiel ostdeutscher Befindlichkeiten zu schreiben, das in zwei Zeitebenen vom Ende der DDR bis fast in die Gegenwart reicht. Es ist ein Panorama deutscher Geschichten (Plural), nicht deutscher Geschichte, die er örtlich in einer fiktiven Kleinstadt am Rande der Republik angesiedelt hat. So ist ein Roman entstanden, der dann gleich ziemlich unkonventionell mit einem überraschenden Prolog beginnt. Auf den ersten acht Seiten wird da nämlich voller Mystik ein Blick auf den Ort des Geschehens geworfen, der einige sehr ungeduldige Leser zum vorzeitigen Abbruch der Lektüre veranlassen könnte. Was schade wäre, denn dieser Einstieg hat rein gar nichts mit der eigentlichen, überaus realistischen Geschichte zu tun!
Der in 67 Kapiteln erzählte Roman beginnt im Jahre 2021 unter der Überschrift «Die Nachricht», als unter ungeklärten Umständen in Sanditz eine Denkmal von Otto von Bismarck zerstört wird. Die von dort stammende Journalisten Maria Wenzel ist vor Ort und schreibt den ersten Bericht darüber. Sie hatte in Kassel studiert und war es dann aber bald leid, im Westen ständig als Ossi angesehen zu werden mit all den damit verbundenen Klischees. «Sie war selten zu Hause in jener Zeit, aber dass sie noch von einem Zuhause sprach, wenn sie an das flache Haus an der Straße bei Sanditz dachte, bedeutete vielleicht etwas. Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt». Also war sie reumütig bald wieder zurückgezogen in die Lausitz, in ihre Heimat. Personell stehen drei Generationen der Familie Wenzel im Zentrum des Geschehens, zu der neben Maria ihr Onkel Dirk, ihre Mutter Marion und ihr Zwillingsbruder Tom gehören. Ihre Erlebnisse, Enttäuschungen und familiären Spannungen bilden den thematischen Rahmen des Romans, der zeitliche reicht bis ins dritte Coronajahr 2023, immer wieder aber unterbrochen durch vielerlei Rückblenden, die bis ins Jahr 1978 reichen. Mit «Fuck Putin» als Überschrift wechselt der Schauplatz des Geschehens gegen Ende des Romans erstmals zu den Nebenschauplätzen, nach Krakau zunächst, wenn Marias Zwillingsbruder Tom als Freiwilliger von dort aus in den Ukrainekrieg weiterzieht.
Wie alle aus dem «sozialistischen Musterstaat» sind auch die Leute von Sanditz enttäuscht, die «blühenden Landschaften», die ihnen der westdeutsche Bundeskanzler versprochen hat, sind nirgends zu erkennen, überall herrscht eine tiefe Enttäuschung. Schon vor der Wende waren sie um ihre Hoffungen betrogen worden, als sie aus dem Braunkohlerevier umgesiedelt werden mussten und ihnen ein schönes neues Dorf versprochen wurde. Was sie dann bekommen haben war eine namenlose Kolonie an der Landstraße zwischen zwei Ortschaften, bestehend aus vier reizlosen Bungalows. Geschäfte, Schule, Kirche oder Friedhof, nichts davon gab es hier, der Frust ist riesengroß. Der Traum von einer besseren Welt ist nicht in Erfüllung gegangen!
Der Roman handelt die altbekannten DDR-Klischees ab, ohne wirklich neue Aspekte zu liefern, vieles hat man schon mal anderswo gelesen. Es ist auch hier vom Militärdienst in der NVA, dem Fall der Mauer bis zum Kampf um die drohende Vernichtung der Stasiakten alles enthalten, und, schlimmer noch, der wirtschaftliche Niedergang hinterlässt auch hier deutliche Spuren. Der weite Erzählradius reicht dann am Ende bis in die Schützengräben des Ukrainekriegs. Mit großer Sorgfalt wird in diesem Roman ein üppiges personelles Tableau präsentiert, alle Figuren sind stimmig gezeichnet bis hin zu den vielen Nebenfiguren, und die Dialoge passen stimmig dazu. Auffallend ist das weitgehende Fehlen von Kindern, es sind die älterem Erwachsenem. die das weit verzweigte Geschehen in diesem unsentimentalen Heimatroman prägen. Man hat als Leser allerdings den Eindruck, dessen Handlungsort könnte überall sein, vergleichbare Situationen und Probleme gibt es reichlich, auch im Westen. Trotz vieler Klischees ist die Lektüre dank eines rasant vorwärts drängenden Plots niemals langweilig – und manchmal sogar bereichernd.
Fazit: mäßig
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