Moskau – Die Grenze

Nach “Mendelsohn auf dem Dach” und “Leben mit dem Stern” veröffentlicht Wagenbach nun auch Jiři Weils umstrittensten Roman, sein Debüt, das im Moskau der dreißiger Jahre spielt. Die Hauptfiguren: Ri und Jan Fischer.

Jiří Weil: Ein verbotener Schriftsteller

Jiří Weil selbst kann durchaus als Überlebender zweier totalitärer Regime bezeichnet werden. 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy geboren, ging er 1933 – vorerst vom Kommunismus begeistert – nach Moskau und kehrte schon 1935 nach Prag zurück. Als die Nationalsozialisten 1939 seine Heimat besetzten, konnte er sich der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord entziehen. Aber nach dem Krieg erging es ihm nicht viel besser. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Jiří Weil schließlich 1956 endlich rehabilitiert wurde. Allerdings starb er schon drei Jahre später an Leukämie. Sein schriftstellerisches Werk war nicht nur durch ein siebenjähriges Publikationsverbot stark eingeschränkt worden, sondern auch zensiert. “Moskau – die Grenze” erschien erstmals 1937 in Prag, wurde aber nach 1945 als “zersetzendes Werk” aus den tschechoslowakischen Bibliotheken entfernt. Weil selbst wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und musste sich schließlich sogar von seinem Romandebüt distanzieren. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst in Berlin 1992. Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild und heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.

“Das wahre Leben ist nur in der Fabrik”

“Ja, ohne Kaffee wird es schwer sein”, heißt es da schon auf der ersten Seite und der Hinweis wiegt schwer, denn er umschreibt treffend die kulturellen Unterschiede zwischen Mitteleuropa und Russland. Der Mann von Ri, der Protagonistin des ersten Teils des vorliegenden Romans, arbeitet als Vertragsingenieur in der SU, um den Sozialismus aufzubauen. Aber Kaffee gibt es dort keinen, weil dort keiner getrunken wird. “…bald endet Europa, und dann kommt die Grenze (…). Hier begann schon Asien, und es konnte mancherlei geschehen”. Aber erst beschreibt Weil Ri’s Zeit im Kibbuzim in Israel, wo sie Eisenfuss, einem “tollwütigen Kommunisten” begegnet, der die eigentlichen wie im wahren Kommunismus lebenden Kibbuzbewohner aufwiegeln würde, als ob es hier Kapitalisten geben würde. Ri sei ein “süßes Kätzchen” sagt Karl, denn sie wisse nicht, dass “Kommunisten schlimmer sind als Engländer, Araber und die Malaria zusammen”. “Wenn sie nur nicht ständig zweifeln müsste, dass auch dieser Traum vergeht, wie der Traum der Brüderschaft aller in Palästina vergangen ist und dahinter die widerwärtige Fratze Asiens hervorguckt, von Aussatz zerfressen.”Aber anders als sich aus diesen Sätzen schließen lässt, entwickelt sich Ri gegen Ende ihres Kapitels doch noch zu einer strammen “Aktivistin”. Aber dann “berührt” Jan Fischer “was sie längst vergessen glaubte, und er hatte in ihr nebelhafte und dennoch verlockende Bilder wachgerufen, die immer noch auf sie wirkten”.

“Pioniere weinen nicht”

Den sozialistischen Alltag von Ri beschreibt Jiří Weil, wohl so, wie er ihn Anfang der Dreißiger Jahre auch selbst erlebt hatte. Bestechend ist vor allem wie Weil seine Protagonistin mit dem neuen Vokabular des neuen Russlands bekannt macht. Da gibt es etwa die Domrabotniza, die “blat” (Bestechung), ein Wort aus der Gaunersprache oder die vielen Abkürzungen wie Partorg, Komsorg oder Insnab (Geschäfte für Ausländer, später als Intershops bekannt geworden). Das Ausfüllen vieler Fragebögen, die überbordende Bürokratie, die wohl auch durch die eingeforderten Denunziationen viel zu tun bekam, sind weitere Kennzeichen eines unmenschlichen Systems, in dem sich Ri auch durch die “Habichtsaugen Stalins” (noch lange vor Orwell’s großem Bruder) beobachtet sieht. Der traurigste und wohl eindringlichste Abschnitt zu den Säuberungen gemahnt auch an die Absurditäten eines totalitären Systems in dem die Partei immer recht hat und der Einzelne nichts bedeutet. Selbst die großen industriellen Errungenschaften werden von
Zwangsarbeitern gebaut, wie etwa Ri angesichts eines Kanals ihres Ingenieurmannes, Robert, bemerkt. Mangelwirschaft (keine Flaschen in Apotheken) oder dass sie einmal in einer Moskauer Straßenbahn zum Sitzen kommt, kommt einem Wunder gleich. Und bei der Großen Parade? Zuletzt kommen die “nicht Organisierten” vors Publikum”: kleine Handwerker, Schuhputzer, Mützenmacher, Verkäufer.. für sie interessiert sich aber keiner mehr. Zwei weitere Kapitel zeigen wie Jan Fischer und Rudolf Herzog den Sozialismus erleben. Im Nachwort von Bettina Kaibach kommen nochmals alle jene zu Wort, die der Sozialismus vergessen hat.

Jiří Weil
Moskau – Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
2026, gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-8031-3394-6
Wagenbach
32,– €


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

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