Tagebuch einer Berliner Busfahrerin: Band 2

Manche Berufe eignen sich besser zum Geschichtenerzählen als andere. Wer acht Stunden täglich allein vor einem Bildschirm sitzt, muss schon über eine bemerkenswerte Fantasie verfügen, um daraus 250 unterhaltsame Buchseiten zu gewinnen. Wer dagegen über Jahrzehnte einen Linienbus durch Berlin steuert, bekommt das Personal für seine Geschichten täglich frei Haus geliefert. Und manchmal steigt es sogar vorne ein.

Antje Boesler hat reichlich davon gesammelt. In ihrem zweiten Band über das Leben einer Berliner Busfahrerin erzählt sie von Fahrgästen und Kollegen, Polizisten und Vorgesetzten, Baustellen und Umleitungen, Unfällen und Missverständnissen, Ikarus-Bussen, modernen Elektrobussen und gelegentlich von einer Berliner Verkehrsplanung, bei der man den Eindruck gewinnen kann, sie sei eigens geschaffen worden, um Busfahrer auf ihre Leidensfähigkeit zu prüfen.

Das alles erzählt Boesler nicht aus der behaglichen Distanz einer Schriftstellerin, die das wirkliche Leben beobachtet. Sie war und ist Teil dieses Lebens. Sie sitzt am Steuer, und der Leser nimmt gewissermaßen auf dem Klappsitz daneben Platz.

Das ist die große Stärke dieses Buches – und gelegentlich auch seine Schwäche.

Denn Antje Boesler besitzt eine unverwechselbare Stimme. Nach wenigen Seiten könnte man einen anonym vorgelegten Absatz vermutlich ohne Schwierigkeiten ihr zuordnen. Sie schreibt, wie sie offenbar spricht: spontan, temperamentvoll, schnoddrig, manchmal derb, meistens komisch und mit einer ausgeprägten Neigung, den Leser unmittelbar anzusprechen. Dazu kommen Selbstironie und eine erfreuliche Bereitschaft, auch die eigenen Fehlleistungen nicht auszusparen. Wenn sie beispielsweise Fahrgäste dazu bringt, einen Ikarus-Bus anzuschieben, nur um auszuprobieren, ob dies tatsächlich funktioniert, endet das Experiment erwartungsgemäß nicht mit einer Beförderung, sondern mit einem Monat als Assistentin.

Solche Geschichten funktionieren ausgezeichnet, weil Boesler ein Gespür für Situationskomik besitzt. Besonders gelungen sind jene Episoden, in denen sich eine vermeintliche Katastrophe unvermittelt in etwas Menschliches verwandelt. Da fällt eine Frau samt Einkauf auf einen männlichen Fahrgast, ein Becher Sahne geht zu Bruch – und zwei Jahre später erhält die Busfahrerin eine Einladung zur Hochzeit des auf diese ungewöhnliche Weise zusammengeführten Paares. Das ist beinahe zu schön, um wahr zu sein, und gerade deshalb eine jener Geschichten, bei denen man nach der letzten Zeile unwillkürlich lächelt.

Überhaupt ist dieses Buch stärker, wenn Boesler Menschen beschreibt, als wenn sie über sie richtet.

Denn sie richtet gern. Über Fahrgäste, Fahrradfahrer, Taxifahrer, Behördenvertreter, Polizisten, Vorgesetzte und die Menschheit im Allgemeinen. Dabei gerät ihr Urteil bisweilen pauschal, und gelegentlich wäre ein wenig weniger Empörung der Wirkung durchaus zuträglich. Nicht jeder Unsympath muss gleich zum Repräsentanten einer ganzen Gattung erhoben werden. Manchmal wünscht man sich als Leser, die Autorin möge eine Pointe einfach stehen lassen, statt ihr noch zwei Ausrufezeichen, einen Kommentar und eine weitere Erklärung hinterherzuschicken.

Auch stilistisch hätte dem Buch gelegentlich eine strengere redaktionelle Hand gutgetan. Boesler liebt Abschweifungen. Eine Geschichte biegt ab, nimmt eine Seitenstraße, hält kurz bei einem Erlebnis von vor zwanzig Jahren und kehrt irgendwann auf die ursprüngliche Route zurück. Das ist durchaus authentisch – schließlich erzählt hier eine Frau, die ihr Berufsleben auf wechselnden Linien verbracht hat –, aber nicht jede gedankliche Umleitung ist für den Leser gleichermaßen notwendig.

Hinzu kommen Wiederholungen, rhetorische Fragen und Erklärungen, die bisweilen ausführlicher ausfallen, als es die Geschichte verlangt. Auch ihr Hang zu Hervorhebungen, Ausrufen und kommentierenden Einschüben kann auf Dauer ermüden. Literarische Zurückhaltung gehört zweifellos nicht zu Boeslers bevorzugten Verkehrsmitteln.

Doch gerade wenn man beginnt, sich daran zu stoßen, zeigt das Buch plötzlich eine ganz andere Qualität.

Denn zwischen all dem Klamauk liegt ein bemerkenswertes Stück Berliner Alltags- und Zeitgeschichte.

Besonders eindrucksvoll ist die Erinnerung an den 9. November 1989. Boesler tritt ihren Dienst an, ohne zu wissen, dass an diesem Abend die Welt, in der sie aufgewachsen ist, zusammenbrechen wird. Erst die Menschenmassen, die plötzlich zum Bus strömen, die Sektflaschen, das Rufen nach Freiheit und die Fragen nach den Grenzübergängen lassen sie begreifen, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Später steht ihr hoffnungslos überfüllter Ikarus mitten in dieser historischen Nacht, während die Fahrgäste feiern und singen.

Das ist keine Geschichtsschreibung von oben, sondern Geschichte aus dem Führerhaus. Gerade deshalb funktioniert sie.

Ähnlich interessant sind die Schilderungen des Übergangs vom Ost- zum West-Berliner Verkehrssystem. Ikarus-Busse treffen auf Westberliner Fahrgäste, unterschiedliche Gewohnheiten aufeinander, und aus scheinbaren Nebensächlichkeiten entsteht ein anschauliches Bild der ersten Nachwendejahre.

Das Buch besitzt aber noch eine dritte Ebene, und diese ist vielleicht seine sympathischste: hinter der robusten Berliner Fassade steckt eine Autorin mit einem ausgeprägten Sinn für Mitmenschlichkeit.

Das zeigt sich besonders in der Geschichte um Emil, einen Jungen im Rollstuhl und begeisterten BVG-Fan. Aus einer zunächst kleinen Idee entwickelt sich mit Unterstützung zahlreicher Mitarbeiter ein Besuch auf einem Betriebshof, bei dem Emil Busse erkunden, Werkstatt und Einsatzzentrale kennenlernen und schließlich sogar einen E-Bus an die Ladestation anschließen darf. Diese Episode ist weitgehend frei von jener Angriffslust, die andere Kapitel bestimmt, und gerade deshalb eine der stärksten des Buches. Hier muss Boesler nichts zuspitzen. Die Geschichte trägt sich selbst.

Ähnliches gilt für zahlreiche kleinere Begegnungen, in denen Fremde helfen, Fahrgäste füreinander eintreten oder aus einer zufälligen Begegnung etwas Unerwartetes entsteht. Diese Momente verhindern zuverlässig, dass das Buch zu einer bloßen Sammlung von Beschwerden über den Niedergang der Fahrgastkultur wird.

Und genau darin liegt letztlich seine Qualität.

Dieser Band ist weniger ein kunstvoll komponiertes literarisches Werk als ein großes, höchst subjektives Mosaik aus mehreren Jahrzehnten Berliner Alltag. Darin liegen Komik und Tragik, DDR und Wiedervereinigung, Bürokratie und Technik, Aggression und Hilfsbereitschaft dicht nebeneinander.


Genre: Autobiografie, Erzählungen, Städte
Illustrated by Books on Demand

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert