Selbstregulierung des Herzens

Kaum bereichernd, kaum erfreulich

Von der Schriftstellerin Peggy Mädler ist unter dem sperrigen Titel «Selbstregulierung des Herzens» kürzlich ein zweiter Roman erschienen, der wieder dem Leben in der DDR gewidmet ist. Der Titel spielt darauf an, dass der letztendlich überdeutlich gewordene, ökonomische Misserfolg im Sozialismus tatsächlich auf seine starre, zentral regulierte Wirtschaftsform zurück zu führen ist. Anders als im Kapitalismus, wo ja jeder einzelne Markt-Teilnehmer autonom und eigen-verantwortlich handelt und das ganze System innerhalb gesetzlich vorbestimmter Leitplanken sich ausschließlich «selbst reguliert». Damit ist er der Steuerung durch bürokratische Apparatschicks im kommunistischen Zentralismus haushoch überlegen.

Als zentrale Figur fungiert in diesem Panorama vom Leben in der DDR der Kybernetiker Georg, der hofft, mithilfe seiner Wissenschaft und den faszinierenden Möglichkeiten der ersten Computer würde das entscheidende Manko der sozialistischen Zentralwirtschaft überwunden werden können. Mit Mona, einer weiteren zentralen Figur, sind auch eine Künstlerin und ihr Malerfreund Konrad in das vielfältige Geschehen des Romans eingebunden. Zu den handelnden Figuren gehört mit Roland zudem ein illusionsloser Intellektueller, der in den Westen flüchten will. Außerdem auch Marlies, die scheinbar unerschütterlich an den Sozialismus glaubt und ihn von innen heraus reformieren will. Ort des Geschehens ist ein Dorf in der Nähe von Wandlitz in Brandenburg, in dem seltsame, geheime Bautätigkeiten stattfinden. Die erweisen sich dann letztendlich als die aus guten Gründen geheimen Rückzugsorte der Prominenz aus dem Politbüro der DDR, die in diesen Villen ‹heimlich Wein trinkt und öffentlich Wasser predigt›! Deren Luxusleben passt so gar nicht zur allgegenwärtigen Tristesse in der real existierenden Mangelwirtschaft und zu den überall in der Republik plakatierten Durchhalte-Parolen des kläglich gescheiterten, ersten «Arbeiter- und Bauernparadieses» auf deutschem Boden.

Zeitlich über etwa dreißig Jahre hinweg schildert Peggy Mädler in ihrem Roman, der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert wurde, multiperspektivisch vom schwierigen Leben unter diesen Bedingungen. Als das Künstlerpaar Mona und Konrad sich eine Datsche kaufen, ist sie das Symbol für eine freie Lebensweise abseits aller staatlichen Bevormundungen. Binnen kurzem dient dieser private Mikrokosmos als Refugium auch für ihren intellektuellen Freundeskreis. Man liefert sich dort nicht nur heftige politische Diskussionen beispielsweise über den Prager Frühling, der vielen als Hoffungsschimmer erscheint, sondern auch über die profanen Folgen einer unfähigen Planwirtschaft, in welcher der Tauschhandel wilde Blühten treibt. Man beklagt die kruden Arbeitsbedingungen und die latent hohe Bleibelastung, unter der viele Arbeiter in der örtlichen Chemiefabrik malochen müssen. Auch die ganz privaten Probleme und Ereignisse werden von Peggy Mädler stimmig beschrieben, werden aber aus einer deutlichen Distanz heraus thematisiert, was den Roman wegen kaum erkennbarer Emotionen doch ziemlich nüchtern erscheinen lässt, er wirkt als Narrativ geradezu seelenlos.

Letztendlich lotet Peggy Mädler auch mit ihrem neuen Roman wieder die Handlungs-Spielräume aus, die dem Bürger in einem derart repressiven Staat bleiben. Mona aber empfindet am Schluss des Romans, nach der so genannten «Wende», sogar die politische «Aufarbeitung» der Ex-DDR, ihr durch den Beitritt nahezu restloses Aufgehen in der Bundesrepublik Deutschland, als total respekt- und rücksichtslose «Privatisierung». Zur sprachlichen Nüchternheit des Romans kommt die weitgehend fehlende Spannung des Plots hinzu, was zusammen genommen für ein Werk der Belletristik denn doch – mutmaßlich bewusst – «gegen sämtliche Konventionen» konstruiert erscheint. Weder unterhaltsam zu sein und noch wegen der literarisch bereits mehr als gründlich aufgearbeiteten DDR-Thematik auch kaum bereichernd, dürfte dieses Buch nur für eine überschaubar kleine Leserschaft wirklich eine lesenswerte Lektüre sein!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Wohin wir gehen

Die hehre Absicht allein

Acht Jahre nach ihrem Debütroman ist nun der zweite Roman von Peggy Mädler erschienen, «Wohin wir gehen» hat auf Anhieb Beachtung gefunden und belegt im Mai 2019 Platz zwei der SWR-Bestenliste. Beiden Romanen gemeinsam sind der kritische Blick auf die deutsche Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, die als Hintergrund fungiert für menschliche Schicksale im Spannungsfeld historischer Umbrüche, wobei die fein herausgearbeiteten Zwischentöne der Handlung erst ihre eigentliche Bedeutung verleihen. In elf mit den verschiedenen Handlungsorten betitelten Kapiteln wird die wechselvolle Geschichte von vier Frauen zweier Generationen auf der Suche nach dem Lebensglück erzählt. Als Motto ist dem Roman ein Gedicht von Hilde Domin vorangestellt, welches die widerstrebenden Sehnsüchte nach Bestand und Veränderung im menschlichen Leben höchst poetisch umschreibt: «Man muss weggehen können / und doch sein wie ein Baum: / als bliebe die Wurzel im Boden, / als zöge die Landschaft und wir ständen fest».

Es beginnt in Böhmen während des Zweiten Weltkriegs, als Almuts Vater plötzlich stirbt und ihre Mutter sich daraufhin das Leben nimmt. Rosas Mutter nimmt das Waisenkind bei sich auf und zieht es wie ihre eigene Tochter liebevoll auf, Rosa und Almut sind Busenfreundinnen. Die Vertreibung aus der Tschechoslowakei nach Ende des Krieges verschlägt die Drei nach Brandenburg, dort beteiligt sich Rosas Mutter, eine überzeugte Kommunistin, voller Begeisterung am Aufbau des neuen Arbeiter- und Bauernstaates. Die beiden Freundinnen werden Lehrerinnen und ziehen auf Drängen Rosas voller Erwartungen nach Berlin, wieder eine Entwurzelung für sie beide. Die unstete Rosa ist es dann auch, die als Dreißigjährige kurz vor dem Bau des antifaschistischen Schutzwalls, wie die Mauer im Staatsjargon der DDR genannt wurde, im Osten in die S-Bahn steigt und im Westen aussteigt, sie hat nichts bei sich als ihre Handtasche. Almut verliert als Mitwisserin, die eine geplante Republikflucht nicht angezeigt hat, ihre Stelle als Lehrerin und auch ihre Wohnung, sie landet als Arbeiterin in einer Margarinefabrik und lebt viele Jahre lang in prekären Verhältnissen. Der Kontakt zu Rosa ist abgerissen, sie heiratet spät und bekommt ein Mädchen. Ihre Tochter Elli hat vier Jahrzehnte später eine innige Freundschaft mit Kristine, Rosas Tochter, die sich rührend um Ellis greise Mutter Almut kümmert, weil Elli endlich die heißbegehrte Stelle als Dramaturgin am Basler Theater bekommen hat.

Das ineinander verwobene zeitliche Geflecht dieser wechselvollen Geschichte ist zuweilen schwer zu durchschauen, gleichwohl gelingt es Peggy Mädler, die verschiedenen Zeitebenen miteinander zu verbinden, Zusammenhänge zu verdeutlichen, menschliche Bindungen auf die Probe und scheinbar tiefe örtliche Verwurzelungen in Frage zu stellen. Es geht um biografische Neuanfänge, um Veränderungen, aber auch um Geborgensein in gewohnter Umgebung, um Konstanten im Leben, egal welche politischen und historischen Umbrüche sie begleiten und aus den Angeln zu heben drohen. Das große Thema dabei ist die Freundschaft, die selbst schwerste Belastungen überwinden kann und zu den wenigen Konstanten im Leben zählt, nicht an Zeit und Ort gebunden. Und sie hilft denn auch über viele Fährnisse des Lebens hinweg.

Die sprachlichen Mittel, mit denen uns hier erzählt wird, «Wohin wir gehen», sind äußerst spartanisch und tragen rein gar nichts zum Lesegenuss bei. Politische Umbrüche dieser bewegten Zeit finden im sprachlichen Stil keine Entsprechung, sie werden emotionslos und nüchtern wie in einem Sachbuch abgehandelt. Auch die Figuren bleiben merkwürdig blass, Lebensfreude, Lust gar kommt bei ihnen nicht vor, sie sind ziemlich konturlos und prägen sich dem Leser nicht ein als markante Typen, wozu wohl auch die seltenen und wenig lebendigen Dialoge beitragen. Die hehre Absicht allein reicht wirklich nicht, einen Roman zu einer bereichernden und erfreulichen Lektüre zu machen.

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani