Die Fremde. “Manchmal haben wir einander tief verletzt, doch es war das Bemühen, sich verständlich zu machen“, schreibt die 1984 in Brooklyn geborene Claudia über die Beziehung zu ihrer Mutter. Sie wurde als CODA (children of deaf adults) geboren, Tochter zweier gehörloser Eltern, die sich einst am Ponte Sisto in Rom kennengelernt hatten. Er versuchte sich von der Brücke zu stürzen, sie rettete ihn. Oder war es doch ganz anders?
Die Tochter der Stummen
In der Version ihres Vaters rettete natürlich er sie, vor einem Überfall am Bahnhof Trastevere. Aber egal welcher Erzählung man lauscht, es ist doch der heimliche Wunsch eines jeden Erdenbürgers von einem anderen gerettet zu werden. Aber das würde man nie zugeben. Ihre italoamerikanische Familie belegt sie ohne schlechtes Gewissen mit Stereotypen, wie sie schreibt, die sich auf “Verbrechen und Leidenschaft beziehen“. Das seien die größenwahnsinnigen Phantasien, denen sie anhingen: “Es sind die Filme, die sie gesehen haben, die Lieder, die sie gehört haben“. Beim Festival von San Remo, die italienische Version des Eurovision Songcontests, achtet sie mit ihrer Mutter auf die Texte, denn die Texte sind das, was sie verbindet. “Meine Mutter und ich liebten Texte, wenn sie wahr waren, aber um uns herum gab es nur Fiktionen.” Die Musik, die ihre Mutter nicht hören konnte, konnte sie aber zumindest berühren, um sie zu erfahren. Die technischen Geräte wie CD-Player oder Walkman, gaben ihr ein Gefühl des Klanges. “Gehörlose begreifen sich selbst vor allem als eine Sprachgemeinschaft“, schreibt die Autorin, aber dennoch lebt sie die meiste Zeit alleine und die Geräusche sind alles, was sie hat.
Benennen: Ein Akt der Liebe
“Wenn sie sagen will, dass etwas wunderschön ist, sagt sie, es sei abstrakt“. Claudia und ihr Bruder hatten sich oft darüber lustig gemacht, wenn etwa das Ende eines Films, ein Gemälde, die Geburt ihres Enkels oder ein Kleid im Schaufenster “abstrakt” waren. Claudia wuchs in dem Glauben heran, dass sie für immer gerettet würde, wenn sie sich einem andern Menschen anvertraute, schreibt sie. Und sie glaubt immer noch daran, dass dieses “luzide Sich-Anvertrauen etwas Bedeutsames hat“. “Etwas zu benennen, ist ein Akt der Liebe.” Hin- und hergerissen zwischen Heimweh und Migration, Anpassung und Auflösung beschreitet sie die “scorciatoia”, die “desire paths” zu sich selbst: “Die Zukunft war all das, was vor einem Weggang kam.” Der Titel des vorliegenden Buches bezieht sich auf die polnische Schriftstellerin Maria Kuncewiczowa, die 1940 ihren Roman „cudzoziemka“ veröffentlichte.
Burning Desire und die Taxonomie der Liebe
Aber es geht Claudia Durastanti nicht nur um das Leben ihrer Eltern, sondern auch um eine Momentaufnahme ihres eigenen Lebens, das sie oft mit Filmen, Stimmungen und Bildern beschreibt. Auch die Oxycontinkrise in den USA beschreibt sie, weil ihre Freundin Malinda davon betroffen ist: “Als würden sie sich eine Sustanz spritzen, die sie unter Formaldehyd konservierte, eine Taxidermie, bei der sie immer aufgespürte Tiere blieben, aber in einem Wald ohne Jäger.” Das Burning Desire eines anderen drogenabhängigen Freundes beschreibt sie mit seinem Ehrgeiz seinen Körper wieder auf ganz gesund zu trimmen, um sich danach wieder hemmungslos der Droge hingeben zu können. Dadurch bekommt man einen Körper, “der keine Eroberung ist, sondern die Summe all seiner Gravuren, eine Brailleschrift aus Irrtümern“. Als “Teil des Subproletariats” (O-Ton) beginnt sie sich erst an der Universität zu begreifen und es ist ihr klar, dass ohne den Wohlfahrtsstaat es ihr nie gelungen wäre, sich als Frau zu befreien, zu reisen, ja, eine Frau zu werden, wie sie schreibt.
Der Raum zwischen zwei Menschen
Im vorletzten Kapitel, “Liebe“, schreibt sie, dass diese vor allem eine Frage des Wiedererkennens sei: “Denn in all den Jahren, die ich tatenlos verbracht hatte, weil ich dachte, ich würde verschwinden, hatte ich einfach nur auf jemanden gewartet. Nach ihm gesucht.” Die wohl schönste Beschreibung der heutigen Twens, der Millenials. “Eine Liebesgeschichte ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, und wenn keine Vorzeichen da sind, muss man sie erfinden, damit alles bedeutend wird.” Der “Raum zwischen zwei Menschen” wird durch Gespräche durchmessen, aber am Ende steht die neuerliche Einsamkeit: “Als ich gescheitert war, als er versagt hatte, fehlte mir nicht nur er, sondern auch das Gefühl, unsterblich zu sein“.
Claudia Durastanti
Die Fremde
Übersetzt von Annette Kopetzki
WAT [887]
2026, 288 Seiten. 12 x 19 cm. Broschiert
ISBN 978-3-8031-2887-4
Wagenbach
15,– €


Eva schläft. “Vielleicht ist es eines Tages gar nicht mehr so schlimm, ein Kind zu haben und unverheiratet zu sein”, hofft Gerda. Der Romanerstling “Eva schläft” der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri beschäftigt sich mit den sog. “Südtiroler Bummsern”, also den Separatisten, die in den Siebzigern Südtirol aus Italien zurück in ihr “Heimatland” Österreich bomben wollten. Aber auch eine Vater-Tochter Geschichte wird erzählt, die einmal mehr die Spannung zwischen dem Norden und dem Süden des Landes verdeutlicht. 1397 km trennen Vito und Eva.
Südtirol oder auch Alto Adige und Trentino ist ein ganzjähriges Paradies. Schifahren in den Dolomiten, Baden im Kälterer See. Die Region zwischen Italien und Österreich, die auf eine konfliktreiche Geschichte zurückblickt, stellt sich in vorliegender Sammlung einheimischer Schriftsteller:innen vor. So genießen auch Leser:innen Schlutzkrapfen und Canederli, tauchen nach dem Kirchturm im Reschensee, treffen auf eine schöne Welt und böse Leut’, erleben Berg und Breakfast, singen launige Oden auf Bruneck oder erinnern sich an die erzwungene Italianità im Faschismus.
Mangel an Inspiration und Substanz
Kalte Füße. “Dagegen gibt es nur eine Medizin: die Erinnerung.” Wer in den Nachkriegsjahren in Mitteleuropa geboren wurde oder aufwuchs, wusste, früher oder später, dass seine Eltern in den Faschismus oder Nationalsozialismus involviert waren. Diese Erkenntnis mag viele unbeantwortete oder unbeantwortbare Fragen ausgelöst haben, nicht nur bei der 1964 geborenen italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, deren Vater als “Alpini” in der Ukraine kämpfte. Im sog. Russlandfeldzug, der eigentlich eine Ukrainefeldzug war…

Kafkas Familie. Ein Fotoalbum. Vor 100 Jahren starb Franz Kafka an einer Lungentuberkulose im Sanatorium in Kierling, Österreich, kurz vor seinem 41. Geburtstag. Zum traurigen Jubiläum erscheint eine Vielzahl an Kafka Publikationen in den unterschiedlichsten Verlagen und in vielen Ausführungen. “Kafkas Familie. Ein Fotoalbum” sticht heraus und zeigt den Einzelgänger als Familienmenschen, der er zwar nicht sein wollte, aber dennoch war.
1. Mai: “Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden, was wir wollen!” Natürlich verdanken wir den 1. Mai nicht einer oder mehrerer Personen, sondern einer Bewegung. Denn die Bewegung für den Acht-Stunden-Tages war international und bestand aus Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und christlichen Sozialreformern. Einige davon standen in Folge der Ereignisse des 4. Mai von 1886 in Chicago vor Gericht und wurden für etwas verurteilt, das sie nicht verbrochen hatten. Die anderen bekamen seither den 1. Mai dafür.
Wenn es eine Autorin mit zwei ihrer vier Romane auf die Short List des Internationalen Booker Price schafft, lässt das aufhorchen. Vielleicht geschah diese Huldigung auch ein Stück weit deshalb, weil Fernanda Melchor Mut hat. Obwohl sie an manchen Schauplätzen ihrer Romanhandlungen aus Angst um ihr Leben nicht recherchieren konnte, schreibt sie dennoch über all die brutalen Drogenkriege, die allgegenwärtigen Misshandlungen von Frauen und die deprimierende Ohnmacht gegenüber den endlosen Missständen in ihrer Heimat Mexiko. So tut sie es auch in „Paradais“. 
Andalusien. Eine literarische Einladung. Die reiche Kulturlandschaft Andalusiens bot sogar dem Spaghetti-Western Platz. Denn neben großen Städten bietet eine der abwechslungsreichsten Regionen des Kontinents einen über die Jahrhunderte hinweg gewachsenen Schmelztiegel der Kulturen und ist und bleibt ein Sehnsuchtsort romantischer Reiselust.







Peinlich
Leben mit dem Stern. “Gestern wurde ich 53 Jahre alt, denn ich bin so alt wie dieses seltsame Jahrhundert“, schrieb Weil 1953 an einen Freund. Diesen Satz liest man mit Freude, denn so weiß man sogleich, dass der Autor sowohl die nationalsozialistische als auch die stalinistische Katastrophe “dieses seltsamen Jahrhunderts” überlebt hat. Für bedeutende tschechoslowakische Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář ist Jiří Weil heute ein großes Vorbild. Allerdings galt er in der ehemaligen Tschechoslowakei, seit der Veröffentlichung seines hier vorliegenden Romans 1949 bis zu seinem Tod 1959, als Unperson, ja sogar als “Schädling“.