Gefäße, Flaschen und Becher aus farbigem Kunststoff, die in der Industrie und im Alltag, in Küche, Bad und Waschküche, Verwendung finden stellt der Düsseldorfer Meisterschüler von Bernd Becher, Claus Goedicke, in das Zentrum seiner Objekt- und Sachfotografie.
Vom Markenartikel zum Objekt
Geoedicke’s “Ding der Dinge” wurde der farbige Kunststoff, dessen strengem, gebrauchsorientierten Gestaltungstil er durch seine Art der Fotografie seine eigenen Gesetze der Sinnlichkeit verleiht. Dabei hat das Plastik eine durchaus ambivalente Grundkomponente: es gilt wegen seiner unbegrenzten Haltbarkeit als ökologisch problematisch. „Dieses Moment zwischen Versprechen und Katastrophe, den ständigen Kipppunkt zwischen Schönheit und Desaster, an dem sich die Dinge der Konsummoderne heute befinden, fasst Claus Goedicke in seinen Bildern auf einmalige Weise.“, schreibt der Kunsthistoriker und Journalist Niklas Maak in seiner Einleitung “Eine Form von Versprechen” zu dem vorliegenden hochwertigen Fotoband des Schirmer/Mosel Verlages im Großformat. Seit spätestens 1967 hat der Kunststoff wohl auch aufgrund seiner bunten Farbgebung seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Seither haben sich neun Milliarden Tonnen Kunststoff, also eine Tonne pro Kopf der Weltbevölkerung (!), angehäuft. 80 Prozent des Plastiks landen auf dem Müll oder in der Umwelt. Der Great Pacific Garbage Pitch (viermal Deutschland) schwimmt sogar im Ozean. Claus Goedicke entfernt auf den Objekten, die er in seinen Fotografien verewigt, zumeist die Etiketten und knüpft damit an die Stillleben vergangener Künstlergenerationen an und legt sie auf den “Operationstisch des Fotostudios” (Maak). “Wei ein Maler interessiert erst sich für Fragen des Kolorismus, für die Effekte von Licht und Schatten”, Komposition, Rhythmus und Flächenverteilung spielen ebenso eine Rolle, wie olfaktorische oder haptische Momente die beim Betrachten seiner Fotografien in Erinnerungen wachgerufen werden. Aus diesem Grund nennt Maak sie – in Anlehnung an Proust – auch die “Madeleines der Kunstmoderne”.
Die Tücke der Farbe
Im Nachwort von Heinz Liesbrock, “Inmitten der leuchtenden Dinge”, vergleicht Heinz Liesbrock, Goedickes Fotografie mit dem Schauspiel: ein Objekt wird aus seinem Sinnzusammenhang, quasi nackt, gerissen und auf die Bühne (vor die Linse) gestellt. “Die Analogie zur Bühne und zum Ensemble der Schauspieler ist unschwer zu erkennen”, so Liesbrock. Er stellt ihn auch in Zusammenhang zur Literatur, etwa Sebalds “Ringe des Saturn” und weist den Zusammenhang zur Geschieht, die sich “wie Mahlstein” uns allen um den Hals legt, hin. “Aus farbigen Plastikflaschen baut er Stillleben wie bildhafte Skulpturen”, so Liesbrock. Der verführerische sinnliche Schein wird durch Goedickes Fotografie aber auch konterkariert. Die Farbe schaffe den eigentlichen ästhetischen Reiz der beliebigen Massenware, aber worauf schon Josef Albers 1963 hinwies, täuscht Farbe prinzipiell fortwährend. Dem “Januscharakter der Farbe” huldigt Goedicke auch durch seine “tiefste Versenkung wie Hingabe an den Reiz des Banalen”, so der Künstler selbst. Die Widersprüchlichkeit ist der gleichzeitige Reichtum, aber auch die Bedrohung. “Plastik ist auch der Ausdruck der schamlosen Kommerzialisierung, Verhüllung und Zerstörung dieser Welt. Diese Gefäße sind die Büchse der Pandora”, so der Fotograf selbst über seine Lieblingsobjekte, das “Ding der Dinge” der modernen Welt.
Claus Goedicke
Plastik
Fotografien 1989 – 2003
Mit Texten von Heinz Liesbrock und Niklas Maak
Design: Claudia Ott
2026, 160 Seiten, 113 Tafeln
ISBN 978-3-8296-1049-0
Schirmer/Mosel
€ 58,- € (Ö) 59,70 CHF 66,70
