Buchpreis-Skepsis
In seinem dritten Roman widmet sich der israelische Schriftsteller Tomer Gardi einer Thematik, deren Gegenwärtigkeit nicht zu leugnen ist, den prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen ungelernter migrantischer Gelegenheits-Arbeiter in der globalisierten Welt. Im Blickpunkt stehen hierbei insbesondere die Fahrradkuriere, die meist als Essenslieferanten durch die großen Städte schwirren, aber auch Verkäufer in Dönerbuden, Küchenhilfen und anderen schlecht bezahlten Berufen. Örtlich ist das narrative Geschehen dieses sechsteiligen Romans in Tel Aviv, Berlin, Istanbul, Delhi, Buenos Aires und im kenianischen Naivasha angesiedelt. Diese gnadenlose Ausbeutung ist überall gleichermaßen grenzenlos unfrei, wobei der Roman auch aufzeigt, mit welchen persönlichen Strategien seine Protagonisten dieser schonungslosen Behandlung, zu der als integraler Bestandteil auch Rassismus gehört, individuell entgegen zu treten versuchen.
Zeit ist Geld! Unter den Kurieren der Lieferdienste herrscht eine erbitterte Konkurrenz, sie stehen unter immensem Zeitdruck in ihrem knallharten Job mit seinen extrem langen Arbeitszeiten. So etwas wie Anerkennung zu finden ist hoffnungslos, sie werden von der wohlstands-verwöhnten, zahlenden Kundschaft kaum beachtet. Jeder Kurier arbeitet zudem als selbstständiger Dienstleister ohne Urlaub, nicht als Angestellter, trägt also selbst das volle Risiko bei krankheits-bedingtem Ausfall. Skrupellose Mafiosi kassieren zusätzlich wie Wegelagerer Provisionen, indem sie falsche Identitäten besorgen, mit denen Migranten ohne Arbeitserlaubnis der Verhaftung bei den ständig drohenden Kontrollen entgehen können. An einer Stelle heißt es im Roman: «Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst». Der Autor führt uns hier eindrucksvoll vor Augen, wie privilegiert wir doch sind als Leser, die mutmaßlich keinerlei Erfahrungen haben mit Erstaufnahme-Lagern, Ankunftszentren oder Flüchtlings-Unterkünften.
In einem eng verwobenen Geflecht aus diversen Schauplätzen agiert als einer der Protagonisten der aus Eritrea stammende Exsoldat Filmon, der seinen Job als Küchenhilfe verliert. Ferner Sachin, die von ihrem Mann in Neu Delhi verlassen wird und nun ihrerseits als Motorrad-Kurier arbeitet, oder der durch die Prüfung gefallene türkische Literatur-Student Resul, der nun beginnt, als Gewerkschaftler Kariere zu machen. Der in Berlin studierende indische Maschinenbau-Student Pavan erträgt den Job in der Dönerbude nicht länger, er sehnt sich nur noch nach seiner Freundin in London. Ciervo schließlich, der Fahrrad-Kurier und Fußballfan aus Buenos Aires, will künftig lieber ganz von Online-Spielen leben, und die Rosenpflückerin Akiny aus Kenia bangt ständig um ihren Job und wäre lieber Friseuse oder Schneiderin.
Sprachlich etwas weniger holperig als in den beiden Vorgänger-Romanen schildert der Autor aber auch hier in einer nicht gerade geschliffenen Diktion das Geschehen und produziert dabei – mutmaßlich unbeabsichtigt – skurrile Neologismen. So wenn er zum Beispiel schildert, wie jemand sich nachts im «Unschein» einer defekten Straßenlampe bewegt, oder wenn er an anderer Stelle die Schönheit eines Menschen als «rund» definiert – und dabei nicht die Körperfülle meint. Vieles im Plot deutet Tomer Gardi aber auch nur an und lässt den Leser damit allein. Hin und wieder fügt er trotz der deprimierenden Schwere seiner fraktionell erzählten Geschichten, die auch von einigen Überraschungen leben, durchaus Amüsantes ein, zum Beispiel wenn er über Buchpreise schreibt. Damit bekommt denn auch die Nominierung von «Liefern» für den Deutschen Buchpreis 2026 nachträglich eine durchaus berechtigte, weil skeptische Perspektive!
Fazit: mäßig
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