
Boston von Upton Sinclair
Boston 1927: Die Hinrichtung der beiden italienischen Anarchisten Sacco und Vanzetti für einen Raubüberfall, denn sie nicht begangen hatten, rief international ein großes Echo hervor. Aber schon zuvor hatten sich namhafte Intellektuelle für deren Freilassung eingesetzt. Eine internationale Bewegung zur Befreiung der beiden Unschuldigen hatte sich zwischen 1922 und 1927 formiert, aber dennoch wurden sie am 23. August hingerichtet. Erst 50 Jahre später erfuhren sie (sehr) späte Gerechtigkeit durch den Gouverneur von Massachusetts, Michael S. Dukakis: „The trial and execution of Sacco and Vanzetti should serve to remind all civilized people of the constant need to guard against our susceptibility to prejudice, our intolerance of unorthodox ideas, and our failure to defend the rights of persons who are looked upon as strangers in our midst.“
A Contemporary Historical Novel
Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti wurden zu Sündenböcken der „Bolschewistenpsychose des amerikanischen Bürgertums“ (Albrecht Graf Montgelas) und wurden mehr für ihre politischen Anschauungen und ihre Herkunft verurteilt, als für ein vermeintliches (nicht) begangenes Verbrechen. Die erstmals in der amerikanischen Literaturzeitschrift The Bookman von Februar bis November 1928 erschienene Geschichte von Upton Sinclair mit dem Titel „Boston“ ist genremäßig ein Zwitter zwischen Fiction und literarischer Chronik, der Untertitel des Originals verrät dies: „A Contemporary Historical Novel“. Sinclair recherchierte für seinen Roman mehrere Monate lang und der kann als Fortsetzung des politischen Aktivismus des Autors mit künstlerischen Mitteln bezeichnet werden. Die Parallelgeschichte über Business und High Finance Kreise in New England (die Ostküsten-Sippe Thornwell) Anfang des 20. Jahrhunderts vermischt sich mit dem dokumentarischen Sacco und Vanzetti Teil des Buches, wie auch Dietmar Dath im Nachwort schreibt. Die sympathische „Aussteigerin“ Cornelia Thornwell fungiert als Bindeglied zwischen den beiden Klassen und Lebenswelten.
Sacco und Vanzetti: 90 Jahre Unrecht
Upton Sinclair sei damals dem Vorwurf, sein Roman sei eine „Hagiografie zweier Anarchisten“ oder eine Art „linkes Passionsspiel“ ausgesetzt gewesen. Pointierter noch drückt Dath die Vorteile der vorliegenden Neuübersetzung bei Manesse mit den folgenden Worten aus: „Deshalb wurde in der Neuübersetzung gewissenhaft darauf geachtet, den Rededuktus der Romanfiguren unverfälscht zu erhalten oder adäquat nachzuahmen – sei es das floskelhafte, gestelzte, stets auf Dezenz und Wahrung des schönen Scheins bedachte Idiom der Bostoner Brahmanen, sei es der den Begrifflichkeiten der politischen Theorie verpflichtete Jargon gesellschaftskritischer Aktivisten“. Die Italianismen der beiden Protagonisten, von einer defizitären Diktion der Immigranten gekennzeichnet, werde überzeichnet, ohne dabei den Eindruck geistiger Simplizität zu suggerieren. Tatsächlich spricht der Vanzetti des 20. Kapitels schon viel flüssiger als der des 2. Kapitels.
Ein Buch über eine Zeit in der Ausdruck „Picknick“ noch ein revolutionärer politischer Kampfbegriff war, denn es wurde mit dem harmlosen Begriff eine Zusammenkunft zur politischen Aktion bemäntelt. Ein Fanal für die Justiz eines Rechtsstaates und eine ewige Mahnung an Toleranz und den Mut zur Wahrheit.
Upton Sinclair
Boston. Roman
Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag
Manesse Verlag Zürich, 1025 Seiten
ISBN: 978-3-7175-2380-2
€ 42,00 [D] inkl. MwSt.
€ 43,20 [A] | CHF 51,90*
(* empf. VK-Preis)



mit 60 Seiten, 49 Karten im Format 95 x 140 mm und vielen Informationen zu den Krafttieren, darunter Eule, Fuchs, Adler und 46 weitere, insgesamt also 49. Das ausführliche Booklet mit 60 Seiten erklärt, wie man mit die Karten benutzt und beschreibt jedes Tier mit seinen besonderen Eigenschaften. Man kann es dem Zufall überlassen, oder selbst wählen, das jeweils eigene Krafttier wird in jedem Fall helfen, das Neue Jahr gut beginnen zu lassen.
Inspiration“, denn Kartenlegen dient ja hauptsächlich dazu, sich neuen Gedanken auszusetzen und sie für sich selbst zu adaptieren. Das kann oft zu Lösungen führen – oder noch mehr Problemen. Aber die Helfertiere haben ja die Aufgabe, Sie über diese Stromschnellen hinwegzuführen. Nach dem Mischen und Ziehen der Karten, sollte man sich den Text im Booklet dazu gut durchlesen und sich zu neuen Gedankengängen verführen lassen. „die Fragen müssen immer an die Realität angebunden sein“, schreiben die Herausgeber, „egal ob sie in die Vergangenheit oder Zukunft führt“.





des Waldes lauschen aufmerksam, ein Wolf öffnet seine Augen, Reineke Fuchs wird nervös und eine Wildschweinmutter grunzt durchs Unterholz. Ein nicht einzuordnendes Geräusch hat die Tiere des Waldes aufgeweckt. Der Vollmond steht in seiner ganzen weißen Pracht am Himmel und alle Tiere sind plötzlich still und lauschen gespannt in den Wald hinein. Was hat sie aufgeweckt? War es die Helligkeit des Vollmondes oder droht von irgendwoher Gefahr? Antoine Guilloppé zeigt alle Tiere des Waldes in Großaufnahme und man sieht sie vor sich, den Wolf, den Fuchs, einen Uhu, einen Hirsch, sogar eine Fledermaus huscht vorbei und ein Wildschwein grunzt einem flüchtendem Kaninchen nach.
Doch dann tauch plötzlich der Bär auf. Was bringt er mit sich? Gefahr? Warum ist er so stumm, hat auch er Angst? Angst vielleicht ja, aber nicht um sich. Denn selbst die grobschlächtigsten Bestien haben ein Herz. Aber Bären sind keine Bestien. Was also hat er? Fühlt er? Eine Entdeckungsreise in den tiefen, tiefen Wald bei Vollmond, was kann es Schöneres zu entdecken geben? Antoine Guilloppé schafft es mit wenigen Worten aber großartigen Bildern die Sinne anzusprechen und sowohl Erwachsene als auch Kinder für eine weitere Entdeckungsreise zu begeistern.


Reiseführer Sardinien in 15. Auflage: Der vorliegende Reiseführer gliedert Sardinien nach den vier Himmelsrichtungen und dem fünften Kapitel „Innersardinien“ in fünf lesens- und besuchenswerte Destinationen. Auf beinahe 700 Seiten wird Sardinien nicht nur als Ferien-, sondern vor allem auch Kulturregion vorgestellt, das jedem etwas zu bieten hat. Sardinien ist immerhin die zweitgrößte Insel des Mittelmeers und Italiens und die fünftgrößte Europas. Auf 24.090 km2 finden sich Gebirge wie die Punta la Marmora (1834m), der Bruncu Spina (1829m) und das Bergmassiv Supramonte bei Nuoro (1463m) ebenso wie Strand- und Wüstenlandschaften oder Wälder resp. die Macchia. Das italienische Festland ist ca. 190 km entfernt, Tunesien aber sogar nur 180 km. Und was Sardinien besonders attraktiv macht: es gehört zu den Ländern/Inseln mit der geringsten Bevölkerungsdichte: nur 1,66 Millionen Menschen leben auf Sardinien, die meisten davon arbeiten im benachbarten In- oder Ausland.
Der Autor will in seinem Buch am Beispiel seiner frei und völlig subjetkiv ausgewählten 99 Songs „gesellschaftliche Hintergründe, kollektive Sehnsüchte oder Konsumentwicklungen und Zeitbrüche erkunden“. Konsenslieder ebenso wie abseits der kommerziellen Warenproduktion entstandene Songs, die zwar keine Hits, aber dafür politische Identifikation bieten und bei Demonstrationen als Protestsongs einsetzbar waren ebenso wie Gassenhauer. Kos’ „99 Songs“ kommen aus unterschiedlichen Musikepochen und kulturellen Milieus und reichen stilistisch von der Oper, dem Musical zu Blues und Country, Schlager und 20er Jahre hin zum Great American Songbook der 30er und 40er, aber auch Chansons und Folk, Rock’n’Roll, Beat, Soul, Rock, Hip-Hop und Rap, partiell wird auch auf Tango, Bossa Nova, Reggae oder Pop aus Afrika zurückgegriffen, um sich dem Vorwurf des Eurozentrismus zu erwehren bevor er noch artikuliert wird. Und natürlich geht es auch um Sex. Und Liebe.
Die Herausgabe der Erich Mühsam Tagebücher ist ein sehr aufwendiges Projekt des Verbrecherei Verlages, das sich derzeit bei Band 12, 1922-1924, befindet und noch bis zum Frühjahr 2019 mit Band 15 1924 fortgesetzt wird. Der gesamte Rahmen umfasst also die Jahre 1910-1924, runde 15 Jahre des anarchistischen Schriftstellers und Dichters Erich Mühsam. Seine Tagebücher erscheinen zugleich auch als Online-Edition und werden unter der gleichnamigen URL im Netz auch von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namensregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien und Suchfunktionen ergänzt. So entsteht eine historisch-kritische Ausgabe, ein großes Vorhaben und „der erste wirklich überzeugende Versuch, Buch und Internet plausibel und produktiv zu kombinieren“, wie rbb Kulturradio über das ambitionierte Projekt schreibt. Auch die Ausstattung ist übrigens wunderschön: in schwarzes Leinen gebunden mit Lesebändchen genügt sich auch ästhetischen Anarchisten des Wortes.
Aus einer ursprünglich im tropischen Regenwald lebenden „Urkrähe“ hätten sich die Krähenvögel in der Zeit vom späten Oligozän bis zum Miozän herausentwickelt und über die ganze Erde verbreitet. Die Kulturgeschichte des Menschen habe sich quasi unter der Beobachtung der Krähen vollzogen, denn beide haben sich entwicklungsgeschichtlich aus dem dichten Dschungel in offene Landschaften bewegt. Auf der Flucht vor Jägern hat sich diese Entwicklung allerdings einige tausend Jahre später wieder umgedreht, denn die Krähen sind vom Land in das Stadtgebiet geflüchtet, wo sie Schutz vor Freiwild-Erklärung des Menschen finden und so ihre Populationen wieder ansteigen konnten. Es gab nämlich eine Zeit da wurde tatsächlich Jagd auf die armen Vögel gemacht, weil diverse Vorurteile über sie kursierten. Diese zu bekämpfen, dazu trägt auch diese wunderschön illustrierte Krähenschau des Matthes & Seitz Verlages aus Berlin bei.

Ovids Liebestipps: „exue fastus, curam mansuri quiquis amoris habes“: Legt allen euren Stolz ab, alle, die Ihr Interesse an einer dauerhaften Liebesbeziehung habt, rät Ovid seinen Liebesschülern und es kommt noch dicker. Als „fairer Mittler“ gibt Ovid nicht nur einer Partei Waffen in die Hand, sondern „trainiert auch die andere Seite mit Ratschlägen“. Aus diesem Grund ist vorliegende amüsante Lektüre von beiden Seiten lesbar: die eine für die Männer, die andere für die Frauen. Wer Ovid deswegen Verrat an seinen Geschlechtsgenossen vorwerfen möchte, dem sei die aufklärerische Note seiner Schrift ans Herz gelegt. Denn obwohl Ovid seine Schrift „ars amatoria“ schon um Christi Geburt schrieb und veröffentlichte sind seine Ansichten bezüglich den Frauen durchwegs fortschrittlich zu nennen. Entgegen damaliger Vorstellungen gesteht er nämlich auch den Frauen Seitensprünge zu und verteidigt stets die erotischen und materiellen Interessen der Frau – wohl auch im Eigeninteresse. Seine fortschrittlichen Ansichten führten übrigens auch zur Verbannung und so verstarb er statt in seinem geliebten Rom am Schwarzen Meer.




