Die Tochter

Ambivalenz weiblicher Entscheidungen

Der zweite, jüngst unter dem Titel «Die Tochter» auch auf Deutsch erschienene Roman der hierzulande kaum bekannten mexikanischen Schriftstellerin Guadalupe Nettel behandelt ein sensibles Thema. Es geht dabei um den Kinderwunsch, der in den modernen Gesellschaften, an den niedrigen Geburtenraten deutlich erkennbar, stark zurückgegangen ist. Ein schwieriges Thema, bei dem die Meinungen jedenfalls, quer durch die Gesellschaft, stark auseinander gehen. Diesen Gegensatz macht sich die Autorin hier zueigen, indem sie von zwei eng miteinander verbundenen Freundinnen das ‹Für und Wider› aus konträren Perspektiven vertreten lässt.

Ich-Erzählerin Laura und ihre beste Freundin Alina hatten sich schon sehr früh geschworen, keinesfalls die gängige gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen und Mütter zu werden. «Anders als in der Generation meiner Mutter, für die es undenkbar war, keine Kinder bekommen zu wollen, entschieden sich in meiner Generation viele dagegen. Meine Freundinnen ließen sich in zwei gleich große Gruppen aufteilen: Die einen wollten ihre Freiheit aufgeben und sich für den Erhalt der Spezies opfern. Die anderen waren bereit, in den Augen von Gesellschaft und Familie in Ungnade zu fallen, um ihre Autonomie zu bewahren». Beide Frauen hatten große Pläne, in denen ihre Unabhängigkeit und damit auch das Vorhaben, dem Leben so viel wie möglich abzugewinnen, unverrückbar feststanden. Nun sind sie beide Ende zwanzig, aber es kommt anders als gedacht: Alina wird eben doch schwanger! Das wirkt auf Laura, die studiert hat und schon fleißig an ihrer Dissertation arbeitet, – als wichtiges Sprungbrett in ihre berufliche Karriere, nun jedenfalls wie ein Verrat. Sie selbst hat sich nämlich konsequent schon früh sterilisieren lassen, ein Kind wird ihr Leben jedenfalls nicht belasten, das ist sicher!

Nun erzählt Alina ihrer neugierigen Freundin vom Mutterwerden und von ihren Empfindungen während der Schwangerschaft. Ihre Freundschaft ist zumindest nicht daran zerbrochen, dass Alina sich anders entschieden hat und nun völlig in ihrer Schwangerschaft aufgeht. Laura wiederum beobachtet auf ihrem Balkon ein Taubenpärchen, das sich rührend um den Nachwuchs in ihrem Nest kümmert. Obwohl anfänglich wütend auf die gurrenden Tauben, entfernt Laura das Nest nicht, beobachtet vielmehr erstaunt die Vögel bei der Brutpflege – und putzt nun geduldig den Vogeldreck weg, der täglich neu ihren Balkon verschmutzt. Wand an Wand mit ihr wohnt eine allein erziehende Mutter, deren Sohn oft wild herumschreit, Gegenstände an die Wand wirft und völlig unbeherrscht dann kaum noch zu bändigen ist von der Mutter. Die vernachlässigt ihn ganz offensichtlich. Laura freundet sich mit dem Jungen an, lernt auch die Mutter kennen und bekommt näheren Einblick in eine sehr schwierige Mutter/Sohn-Konstellation, in der vor allem der abwesende Vater eine unheilvolle Rolle zu spielen scheint. Alinas glückliche Schwangerschaft erweist sich nach einiger Zeit als problematisch, der Embryo habe eine extrem seltene Wachstums-Störung des Gehirns, lautet die Diagnose. Die Ärzte kommen zu der festen Überzeugung, das Mädchen, dem Alina schon den Namen Inés gegeben hat, werde spätestens bei der Geburt sterben, es sei nicht lebensfähig.

An diesen beiden doch sehr unterschiedlichen Frauen-Schicksalen entlang entwickelt die Autorin ihre Geschichte vom Frau-Sein in unserer Gesellschaft, die beide Protagonistinnen auf ganz unterschiedliche Weise verändert, ihre fundamentalen Überzeugungen und unverrückbaren Gewissheiten jedenfalls gehörig ins Wanken bringt. Leider bleiben beide Hauptfiguren dieses feministischen Romans trotz der emotional aufrüttelnden Thematik doch ziemlich blutleer, ihre innere Verfasstheit ist ihnen angesichts der herauf beschworenen, seelischen  Katastrophen kaum anzumerken. Die Ambivalenz solch weiblicher, folgenreicher Entscheidungen allerdings wird hier durchaus stimmig herausgearbeitet, der Plot als solcher hingegen entwickelt keinerlei Lesesog!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

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