Die Ladenhüterin

In Nippon kein Ladenhüter

Die japanische Schriftstellerin Sayaka Murata beschäftigt sich auch in ihrem Roman mit dem seltsamen Titel «Die Ladenhüterin» wieder mit der gesellschaftlichen Rolle, die den Frauen in Nippon traditionell zugewiesen wird. Ihre Protagonistin scheitert an diesen scheinbar unverrückbaren Erwartungen der Mitmenschen. Keiko kann sich schon als Kind nicht in der Gesellschaft zurechtfinden, wird deshalb in der Schule als Außenseiterin angesehen und zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um ihr Problem zu verstecken, dem Mobbing der Mitschüler zu entgehen.

Prompt bricht sie denn auch ein auf Wunsch der Eltern begonnenes Studium ab und nimmt lieber in einem Konbini, einem Supermarkt für Gemischtwaren, eine Stelle als Aushilfs-Verkäuferin an. In einem Vorbereitungs-Lehrgang wird sie mit den Usancen in der überregionalen Supermarkt-Kette vertraut gemacht, trainiert regelrecht den Umgang mit Kunden und wird auf alle eventuell auftretenden Probleme mit ihnen vorbereitet. Sie ist begeistert von den ritualisierten Arbeitsbedingungen und ahmt das Verhalten der anderen Mitarbeiter und des Chefs bis zur Perfektion nach. Fast schon militärisch geregelt beginnt jeder Tag dort mit einem Morgenappell und einer Einweisung des Chefs auf die anstehenden Arbeiten, die in den Vordergrund zu rückenden Sonderangebote des Tages und eventuelle Ausfälle von Mitarbeitern, die durch andere kompensiert werden müssen, damit alles läuft wie am Schnürchen. Die Konbinis sind nach dem Motto 24/7 rund um die Uhr täglich und auch Feiertags geöffnet. Keiko hat Freitag und Sonntag frei, ist aber selbstlos immer bereit, einzuspringen, wenn durch den chronischen Arbeitskräfte-Mangel mal wieder ein personeller Engpass droht. Was ihr leicht fällt, denn so etwas wie ein Privatleben ist ihr fremd, sie hat fast nur mit den Eltern und ihrer verheirateten Schwester engeren Kontakt.

Mittlerweile ist sie 37 Jahre alt, hat noch nie woanders gearbeitet und hatte auch nie eine Beziehung zu einem Mann. Weil sie dafür immer wieder mit Vorhaltungen konfrontiert wird, ergreift sie die Gelegenheit, als sie Shiraha, einen ehemaligen Kollegen, wieder trifft, der wegen Faulheit und beruflichem Unvermögen fristlos aus dem Konbini entlassen wurde. Er ist arbeitslos und lebt auf der Straße, sie bietet ihm spontan an, zunächst mal bei ihr unter zu kommen. In ihrer winzigen Wohnung schläft er fortan in der Badewanne, und sie füttert ihn auch mit durch, denn sie bekommt abgelaufene Lebensmittel oder verbeulte Dosen supergünstig, zu essen ist immer was da bei ihr. Die Verwandtschaft jubiliert, und man überredet sie schließlich sogar, im Supermarkt zu kündigen, sich einen besseren Job zu suchen und Shiraha zu heiraten. Als sie auf dem Weg zu einem Bewerbungs-Gespräch allerdings an einem Konbini vorbeikommt und entsetzt feststellt, wie schlampig da gearbeitet wird, greift sie zum Erstaunen der Mitarbeiter beherzt ein und sorgt für die gebotenen Ordnung. Für ein «normales» Leben ist sie ungeeignet, das wird ihr schlagartig klar!

Der Roman ist eine bitterernste Satire auf eine gleichgeschaltete Gesellschaft, die unter hohem Druck einseitig auf ökonomische Effizienz getrimmt ist. Wer da nicht mithalten kann wird ausgegrenzt, wird geächtet als Mitbürger. Dementsprechend hoch ist die Suizidrate unter Schülern und Studenten, deren Leistungen unter dem Durchschnitt liegen und damit eine berufliche Karriere fast unmöglich machen. Sayaka Murata erzählt ihre Geschichte in einer distanzierten Sprache, wobei sie mit der Wahl von Keiko als Ich-Erzählerin diese Distanz völlig konterkariert. Die starren japanischen Verhaltensmuster, die ihr Roman schildert, erscheinen westlichen Lesern geradezu absurd, prägen aber nach wie vor die gesellschaftlichen Normen im Land der aufgehenden Sonne. Dort war das Buch übrigens kein «Ladenhüter», sondern ein Bestseller, hierzulande hingegen sind die Feuilletons wie auch die Leser-Kommentare sehr verhalten!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

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