Kegeljunge. Der “Autor mit subtilem Witz”, Otto Jägersberg, erinnert sich an die Zeit, “als es noch Kegeljungen” gab. Aber auch über zeitgenössische Absurditäten macht er sich Gedanken und trägt diese in sein beim diogenes Verlag erschienes Journal ein. Notizen, Anekdoten, Gedanken…alle durchnummeriert bis Eintrag 160.
Alles auf den Kopf gestellt
Der als freier Autor und Filmemacher und in Baden-Baden lebende Autor, Jahrgang 1942, ist am Zeitgeschehen aktive teilnehmender Zeitgenosse. Er liest Zeitungen, schaut Filme oder sinniert über Nachrichten aus dem WWW. Aber er erinnert sich auch gerne daran, wie es früher war. Etwa an die Kegeljungen, die den gefährlichen Platz hinter den Kegeln einnehmen mussten und die umgeschossenen Kegel wieder aufstellen mussten. “Rums!” und schon eilte er wieder hinter die Schutzwand. Frauen und Männer schossen dabei unterschiedlich, sangen oder grölten und der Kegeljunge malochte ununterbrochen. “Gut Holz”,hieß es dann am Ende. “Als es noch Kegeljungen gab”. Bitter schmeckte auch das Gulasch, als Jägersberg seine spannende Biografie las. Die war so spannend, dass er vergaß nach seinem Gulasch zu schauen. “Alles verdorben, dank Stalin”. Noch bitterer ist da allerdings sein 52. Eintrag in dem er davon schreibt, dass die Ukrainer heute gegen Russland vorgeschoben würde, mit deutschen Waffen und deutscher Propaganda. Nur diesmal kämpften eben nicht mehr die Deutschen gegen Russland, sondern die Ukrainer: “Verlieren wie das letzte Mal kommt nicht infrage. Logisch.” Es liest sich vielleicht etwas missverständlich, aber die bittere Ironie zeigt einfach in was für absurden Zeiten wir heute alle leben müssen. Alles auf den Kopf gestellt.
Heimatgefühl einmal anders
“Alles falsch. Rechtschreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde nicht so aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt.” So beschreibt Jägersberg das Ankommen in der Moderne, die mit einem gewissen Freud in Freiberg vor Nikolsburg begann. Dort lebte der Begründer der Psychoanalyse laut Jägersberg bis zum sechsten Lebensjahr als er dann mit seiner Familie nach Wien zog. Denken, manche können gar nichts anderes als denken, klagt der alte Mann, der gerne noch mal ein Bier trinkt, müffelt und den Morgenmantel gerne bis mittags trägt. Die Zwiebel gibt ihm ein Heimatgefühl, denn wenn sie schon vom Herd her duftet, gibt es gleich was zu essen, schreibt er. Ein anderer Mann hat mit Fischsoße ein Vermögen gemacht. Er erfand das Garum, das Maggi der Antike: alte Fische, Molusken und Zucker mit Salz. Aber trotz allem verliert Jägersberg niemals den Humor, etwa wenn er Trachtenträgern gerne eine Tracht auf den Hintern geben würde. “Ich bin über 80 und am Biedersee, Sonne scheint, gleich gibts Artischocken, und ich trinke Helvetia-Bier”, schreibt Jägersberg, wohl überglücklich. Im Vergleich zu Freud, der im selben Alter vom vielen Zigarrenrauchen Gaumenkrebs hatte und aus Wien flüchten musste. Natürlich ist jeder Vergleich unzulässig, aber Jägersberg sei sein Glück gegönnt: “Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.” (Eintrag 160) Wollen wir’s alle hoffen!
Otto Jägersberg
Kegeljunge
2026, Hardcover Leinen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-257-07376-8
diogenes
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70


Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.


276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.
“Wenn ich die Lächerlichkeit fürchten würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden.” Gleich dreimal Erwin Piontek lässt Szczepan Twardoch in seinem neuen Roman “Sagen wir, Piontek” (Originaltitel) auferstehen. Oder ist es ein Mensch mit drei Leben? Die Wahrnehmung der Zeit und die Rolle des Individuums sowie dessen Sehnsucht im Fokus.
Da sitzt sie, in der Loge der Wiener Oper, neben sich zwei Bierdosen (natürlich Wiener Lager) und eine Schnitzelsemmel in der Hand. Stefanie Sargnagel, die Poetin aus dem Gemeindebau hätte sich das wohl so nie träumen lassen. Aber andererseits ist es vielleicht auch ein Verrat? Hat sie gar die Seiten gewechselt?
Martin Haidinger ist Historiker und Journalist beim Österreichischen Rundfunk, aber auch für BR Alpha und Deutschlandfunk. In seinem neuen Buch schreibt er über das problematische Verhältnis Hitlers zu seinen Landsleuten oder eher umgekehrt. Sein Buch baut vor allem auf Zeitzeug:innen-Berichten auf und zitiert diese teilweise in voller Länge.
Der unterrepräsentierten Rolle der Frau in der Ur- und Frühgeschichte wird in der Fortsetzung, Teil 2 von Die Frau als Mensch: Schamaninnen, nochmals laut widersprochen. “Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte”, also Teil 1, wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet.
In diesen miesen Zeiten, in denen Emotionen ständig getriggert werden, sinnlose Ablenkungen und Zerstreuungen über uns hereinbrechen und “immer mehr medial vermittelt, aber immer weniger real erlebt wird“, ist es dringend notwendig, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Fokus zu finden und alles Überflüssige wegzulassen. “Entschleunigung” ist wieder angesagt!
“Ich bin von Ort zu Ort gerannt und allmählich von allen und allem weggerissen worden, was ich liebte.” Bereits in der 3. Auflage ist die autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman, die dem Lager Reichenau entkam und die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer überlebte. Der erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht schildert das Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.
Die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg in Innsbruck vermählte Joseph Wisnicki und Leokadia Justman. Das Schicksal hatte die beiden Holocaust-Überlenden zusammengeführt. Während Leokadia versteckt in Lofer den Krieg überlebte, musste sich Joseph Wisnicki mehrmals falsche Identitäten zulegen und entkam genauso wie Leokadia nur knapp.
Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.
“Entspann dich mal!” Wir kennen es alle: keiner will diesen Satz hören, wenn gerade die Amygdala die Kontrolle übernommen hat. Dabei kann der Atem einen einfachen Weg aus der Erregung heraus herbeiführen. Durch eine bewusste Steuerung der Atmung, kann man wieder runterkommen und der präfontale Kortex übernimmt wieder das Ruder.
100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.
