Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht

Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.

Vaterschaft an ausgewählten Beispielen

Anhand berühmter Beispiele aus der Geschichte – wie etwa Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Jefferson, Emerson, Thoreau, Darwin, Freud, Dylan – exemplifiziert Sedgewick wie Väter die Welt durch das Patriarchat prägten. In Hammurapis Gesetzestafeln sieht Sedgewick die “früheste Institutionalisierung des Patriarchats, verewigt in dem monumentalen phallischen Stein”. Aber auch die Schrift, das Privateigentum, Staatsformen, Religion und die patriarchalisch geprägte Familie dürften in jener fernen Zeit im Zwischenstromland entstanden sein oder zumindest ihren Ursprung nehmen (18.Jhdt v. Chr.). “Der Körper der Frau ist das Terrain auf dem das Patriarchat errichtet wurde“, ruft die von de Beauvoir beeinflusste Adrienne Rich dem Patriarchat hinterher oder wie John Lennon es ausdrückte: “Woman is the nigga of the world”. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass plötzlich der Penis das Maß aller Dinge wurde? Augustine Sedgewick setzt bei seiner kleinen Kulturgeschichte der Vaterschaft bei Einzelfällen an, gibt er natürlich ihr soziales Umfeld ebenso an wie persönliche Bezüge. “Immerhin konnten Mütter sicher sein, dass ihre Kinder auch tatsächlich ihre eigenen waren“, schreibt Sedgewick im Aristoteles Kapitel in dem er Sokrates, Platon und Aristoteles, der immerhin dem größten Feldherrn aller Zeiten, Alexander, diente. Phallische Macht ließ dieser sogar seinen Neffen, den Historiker Kallisthenes, spüren. Als dieser sich weigerte Alexander als Gott zu verehren ließ er ihn kurzerhand hinrichten.

Zuversicht über die Zukunft der Vaterschaft

Auch einige Jahrhunderte später, im Falle Sigmund Freuds, spielt das Vatersein immer noch eine große Rolle. Der “goldene Sigi” – wie seine Mutter ihn nannte wohlweislich nicht weil er auf den elterlichen Teppich uriniert hatte – erklärte es für normal, seinen Vater zu verachten. Immerhin erfand er wenig später ja den Ödipuskomplex, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete – allerdings ohne etwas davon zu wissen. Antigone – Tochter und Halbschwester zugleich – pflegte den sich selbst geblendeten Ödipus dann bis zum Lebensende. “Wir sind die Nachkommen einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern“, resümiert Freud schließlich die Menschheitsgeschichte in “Totem und Tabu”. Auch Freud, der am Ende seines Lebens an einer Gewebsnekrose in der Mundhöhle litt, wurde von seiner Tochter Anna bis zum Ende gepflegt. Vielleicht hätte sich das auch Bob Dylan gewünscht, der immerhin vier Kinder mit seiner großen Liebe Sara zeugte. Für sie hatte er zwischen 1966 und 1973 seine Karriere fast aufgegeben und war in die Rolle des Vaters geschlüpft. Auch von ihr erwartete er aber die klassische Mutterrolle, was dazu führte, dass er sie ganz dem patriarchalen Modell verpflichtet schlug und sie die Scheidung einreichte. Damit war es vorbei mit dem traditionellen Familienbild und Dylan begab sich auf die seither anhaltende Never Ending Tour. Das Resümee von Sedgewick fällt gar nicht so schlecht aus: die Vaterschaft heute sei der der Mutterschaft immer ähnlicher geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hätte es so viele aktive Väter gegeben, vielleicht auch deswegen, weil man diese heutzutage einwandfrei nachweisen kann. Jetzt wissen auch die Väter über ihre Kinder Bescheid und – ecce homo! – nehmen ihr Rolle aktiver wahr.

Augustine Sedgewick
Übersetzt von: Holger Hanowel
Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
Eine überraschende Geschichte der Vaterschaft
2026, Hardcover, 362 Seiten
ISBN: 978-3-15-011486-5
Reclam
30,00 €


Genre: Patriarchat
Illustrated by Reclam Verlag

Atem – Die Lösung für dein Trauma

Entspann dich mal!” Wir kennen es alle: keiner will diesen Satz hören, wenn gerade die Amygdala die Kontrolle übernommen hat. Dabei kann der Atem einen einfachen Weg aus der Erregung heraus herbeiführen. Durch eine bewusste Steuerung der Atmung, kann man wieder runterkommen und der präfontale Kortex übernimmt wieder das Ruder.

Aktive Selbstregulation

Was sich vielleicht etwas medizinisch anhört ist in Wirklichkeit ganz einfach: Der Atem gibt uns die Kontrolle zurück. Wir alle können mit seiner Hilfe die Steuerung unserer Emotionen wieder übernehmen, den “limbischen Widerstand brechen“. Durch gezielte Atemtechniken kann sich das Nervensystem wieder beruhigen und wir können wieder Entscheidungen treffen, die unseren langfristigen Ziele und Wert entsprechen, so Alan. Sowohl durch die Hochregulation (Sympathikus) als auch die Herunterregulation (Parasympathikus) bestimmen wir unsere Haltung: Löwe oder Zebra. Jagd oder Flucht. Wer seine Gewohnheiten durchbrechen will, muss neue Habits etablieren. “What fies together, wires together“, also jede bewusste Handlung, die regelmäßig stattfindet, erzeugt ein neuroyales Muster, das mit der Zeit immer leichter reaktiviert werden kann. Je öfter also “Breathwork” im Tagesablauf etabliert wird, desto einfacher wird es, es wieder abzurufen. “Das In-Kontakt-Sein mit dem, was in mir lebendig ist” nennt Alan das. Der erst”e Teil wird durch drei Hinweise zu gezielten Atemübungen abgeschlossen und danach widmet sich der Autor noch der sog. Trauerarbeit.

Trigger, Traumaarbeit und Tiefenschärfe

Situationsbedingte und entwicklungsbedingte Traumata werden von ihm dabei unterschieden. Ersteres wäre etwa ein Autounfall, eine Schlägerei oder ähnliches, letzteres rührt von Schemata aus der Kindheit her. Neben den im ersten Teil bereits genannten Überlebensreaktionen (Kampf, Flucht, Erstarren) fügt Alan noch Fawn (Anpassung) und Collapse (Dissoziation, Zusammenbruch) an. Bei Fawn wird durch Bindung, Unterwerfung oder Harmonisierung versucht Sicherheit herzustellen. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit schlummert schließlich in uns allen. Aber Traumata wirken oft im Stillen weiter und stören die angestrebte Sicherheit. Trigger können diese schlummernden Traumata wieder auslösen und eine Zyklusschleife auslösen, die schwer abzustellen ist. Aber durch Verstärkung der Einatmung kann man die Kontrolle über seinen Zustand eventuell wiedergewinnen, so Alan. Eine große Rolle spielt dabei auch das narrative Selbst, das die Identität immer wieder erneut bestätigt und Glaubenssätze über sich selbst zementiert. Meist ist das Bedürfnis nach Schutz die Ursache dafür. Aber die eigene emotionale Realität ist kein festes Faktum – sie ist ein Konstrukt, betont der Lehrer und Trainer. Maladaption etwa mit negativen Mustern kann überwunden werden. Co-Regulation und metakognitive Intelligenz können dabei helfen, alte Prinzipien zu überwinden und sich wieder lebendiger zu fühlen.

“Ruha d’Qudsh”: endlich ankommen

Das Default Mode Network (DMN) (“Ruhezustandsnetzwerk”, “Werkeinstellungsnetzwerk”) habe die zentrale Aufgabe, ein kohärentes Selbstbild aufrechtzuerhalten. Unser autobiographisches Selbstverständnis, die Ich-Geschichte, vermittle uns zwar Kontinuität und Identität, könne aber auch in gedanklichen Schleifen und selbstbezogenen Grübeleien (Ruminatisnen) gefangen halten. Ein überaktives DMN würde sogar die identitätsbasierte Selbstwahrnehmung verfestigen und den Zugang zur gegenwärtige Erfahrung, Offenheit und kognitiver Flexibilität erschweren, gibt Alan zu Bedenken. Meditation könne da langfristig helfen, Atmung dafür aber sofort, da es ein Erleben jenseits der gewohnten Konditionierungen ermögliche. “Was uns einst gebrochen hat, kann zu dem werden, was uns trägt. (…) Heilung ist wunderbar.” Der Atem sei eines der wenigen autonomen Körpersysteme, das willentlich beeinflusst werden könne, mit ihm können nicht nur das Nervensystem, sondern auch emotionale Zustände verändert und Muster aufgebrochen werden. Zudem ist der Atmem direkt an unser implizites Gedächtnis gekoppelt und könne so auch Erinnerungen, die kognitiv nicht zugänglich sind und in der Physiologie oder der Muskulatur verborgen liegen, öffnen. Nicht zuletzt spreche durch das Atmen ja auch der Planet selbst zu uns, wie Alan schreibt. “Ruha d’Qudsh”, aramäisch für heiliger Atem oder Geist, Hauch wirke, wenn wir uns in der Stille versenken. Der Atem könne uns die Tür zur Seele öffnen, helfe uns präsent und unabgelenkt zu sein und endlich anzukommen. Oder wie es schon Grace Slick in “White Rabbit” ausdrückte: “Just rembember what the dormouse said!

Daniel Alan
Atem – Die Lösung für dein Trauma
2026, Paperback, 222 Seiten
ISBN: 9783689690540
now Verlag
€20,00


Genre: Gesundheit, Lebenskunst, Ratgeber
Illustrated by now Verlag

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.

Hollywood meets Vienna (in London)

Vor genau 70 Jahren im Spätsommer 1956 haben sich die Tochter von Sigmund Freud, Anna, und Marilyn Monroe tatsächlich in London Hampstead getroffen: Hollywood meets Vienna in London. Hektor Haarkötter hat sich in mühseliger Kleinarbeit durch alle verfügbaren Aufzeichnungen von Gesprächen, private Notizen beider Frauen, Briefe und Tagebucheinträge, Gedichte und viele andere Hinweise geackert, um die psychoanalytischen Sitzungen (à 50 min/7 Tage) detailreich nacherzählen zu können. Es ist alles Spekulation, gibt der Autor freimütig in seinem Vorwort zu Protokoll, aber dennoch könnte es sich in etwa so abgespielt haben. Marilyn “The Wiggle” Monroe weilte aufgrund der Dreharbeiten zu “Der Prinz und die Tänzerin” in den Londoner Pinewood Studios. Auch Colin Clark hat darüber ein Buch verfasst, wozu sie hier eine Rezension finden. Mit Milton Greene hatte sie sich selbständig gemacht, um mit den Marilyn Monroe Productions endlich von ihrem Image als blondes Dummchen wegzukommen. Ins Parkside House reiste sie damals mit 27 Gepäckstücken, die 861 Pfund wogen, an. Für die Überlast zahlte sie eine Zsatzgebühr von 1187 Dollar, wie Haarkötter weiß, mehr als der Flugpreis für zwei Personen. Anna Freud wiederum lebte in der berühmten 20 Maresfield Gardens Adresse, weil ihr Vater von den Nazis aus Wien vertrieben worden war. Sie hatte dort ebenso wie ihr berühmter Vater eine Praxis, auch wenn sie sich eigentlich für die von ihr und Dorothy Burlingham gegründete Hampstead Child Therapy Clinic engagierte. In der 20 Maresfield Gardens fanden auch die Sitzungen mit MM statt.

Führe mich (nicht) in Versuchung!

Dass Marilyn damals schon Drogen nahm (laut HH zu dieser Zeit Dexamyl) mag nicht weiter überraschen. Auch über ihre Kindheit in insgesamt neun Pflegefamilien weiß man recht gut Bescheid. Wer wirklich ihr Vater war, darüber wurde lange spekuliert, Clark Gable mit dem MM an ihrem Lebensende in “The Misfits” spielte und der zehn Tage nach den Dreharbeiten verstarb, war es jedenfalls nicht. MM hatte dies vermutet, da ein Foto ihres Vaters, das ihre Mutter an der Schlafzimmerwand hängen hatte, diesem ähnelte. Die psychischen Probleme ihrer Großmutter Monroe und ihrer Mutter Gladys Baker sind ebenso bekannt, neu ist vielleicht ihre “zwanghafte Nacktheit”, der sie ungeniert auch vor Fotografen frönte. Sex hatte ihr aufgrund von Kindesmissbrauch zwar nie etwas bedeutet, aber dennoch erfüllte sie so manchem Mann seine Wünsche. Anna Freud wiederum war eventuell Inzest durch ihren Vater ausgesetzt und Zeit ihres Lebens homosexuell, so HH. Auch MM soll etwas mit ihrer Schauspiellehrerin gehabt haben.

Prominentestes Opfer der Psychoanalyse: Marilyn M

Seit Anfang der 50er hatte die prominente Schauspielerin schon einen “shrink“, dass sie Anna Freud aufsuchte, überraschte also nicht. Miss Cheesecake 1951 bezeichnet sich an einem der 7 Tage mit Anna als “Kriegsveteran der Nacht” und in Liebessachen als “Macherin” und formuliert damit eine ganz andere, neue Monroe-Doktrin. Mit einem Vokabular wie ein Seemann brüskiert sie die doch etwas prüde Wienerin dann doch, aber das wird auch sie nicht ganz kalt gelassen haben, wie HH süffisant spekuliert. Marilyn Monroe’s Konversion zum Judentum am 1. Juli 1956 ist doch etwas unbekannt, vor allem aber, dass sie es auch nach ihrer Scheidung von Arthur Miller, weiterhin praktizierte. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil ihres Vermögens an die New Yorker Psychoanalytikerin Marianne Kris, eine Freundin von Anna Freud, ging und diese es wiederum Anna vermachte, die es in ihre Stiftung fließen ließ, mag sich die Frage aufdrängen, ob die Psychoanalyse Marilyn Monroe zum Opfer gemacht hat. Jedenfalls nicht umgekehrt.

100 Jahre Marilyn Monroe

Eine wirklich unterhaltsame Lektüre, die es in sich hat und neue Fragen stellt und viele davon auch beantworten kann. Selbstverständlich ist vieles davon Spekulation, aber das hilft wesentlich beim Weiterdenken. Tabubrüche haben uns immer schon weitergebracht und vielleicht nahm Marilyn Monroe sogar die Wilden Sechziger vorweg? Zur Emanzipation der Frau hat sie jedenfalls wesentlich beigetragen, auch wenn sie immer noch gerne als blondes Dummchen belächelt wird. Ihr 100. Geburtstag sollte daran endlich etwas ändern! Und was Marilyn wohl selbst von dem Gerede über sie hält, lässt sich vielleicht so zusammenfassen.

 

Hektor Haarkötter
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud
2026, Hardcover, 216 Seiten, Abmessungen 15,7cm x 22,9cm
ISBN: 978-3-8000-8110-3
Carl Ueberreuter Verlag
€ 28,00


Genre: Biographie, Psychologie, Psychotherapeuten

100 Jahre: Marilyn und die Kamera

100 Jahre Marilyn Monroe

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Marilyn Monroe Centennial-Edition 2026 als goldene Jubiläumsausgabe. Norma Jean Baker kam vor 100 Jahren, 1926, zur Welt. In nur 36 Jahren Lebenszeit stellte sie die ganze Welt auf den Kopf und schrieb nebenbei Filmgeschichte. Mit einer Gesamtedition von bislang elf Titeln bleibt Schirmer/Mosel der führende Photobuchverlag, wenn es um die blonde US-Ikone, Marilyn Monroe, geht.

Marilyn Monroe und die Kamera: davor und dahinter

Die vorliegende Publikation, die den Titel “Marilyn Monroe und die Kamera” seit ihrem Ersterscheinen im Jahr 1989 trägt, wurde damals schon fast über Nacht zum
Weltbestseller. Und blieb es bis heute als international erfolgreichstes Marilyn-Buch im Handel. Den Geburtstag der Schauspielerin, Sängerin und Produzentin weiter der Schirmer Mosel Verlag mit einer goldenen Jubiläumsausgabe zu einem unschlagbaren Sonderpreis von € 25,-. Am 1. Juni 1926 erblickte sie das Licht der Welt und wurde bald darauf zur Waise, obwohl sie noch Vater und Mutter hatte. Genaueres zu ihrer aufregenden Vorgeschichte erfährt man auch in Joyce Carol Oates’ “Blond” Biographie, die von Andrew Dominic unlängst sogar verfilmt wurde. In der vorliegenden “Golden Marilyn” zeigen Photographen wie Avedon oder Weegee sowohl die klassische Marilyn als auch eine Fülle selten gesehener Aufnahmen. Marilyns Schauspiel-Kollegin Jane Russell (“Gentlemen prefer Blondes”) hat für das vorliegende Buch auch eine Einführung geschrieben. Neben Russell sind auch andere Kolleg:innen und ihre Ehemänner Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und der Dramatiker Arthur Miller (1956-61) zu sehen.

100 Jahre MM: Schauspielerin, Sängerin und Produzentin

Aber auch Marilyn Monroe selbst kommt zu Wort, etwa in dem großen Interview, das sie dem befreundeten Journalisten Georges Belmont 1960 gewährte. In diesem Interview zeigt sie sich als Person und nicht als – von ihr selbst miterschaffene – Kunstfigur. MM erweist sich darin – entgegen dem Mythos – als kluge, humorvolle und äußerst eloquente Gesprächspartnerin. Denn das blonde Dummchen, diese Wahnvorstellung von ihr, existierte stets nur in den Köpfen misogyner Männer. Von 20th Century Fox wurde sie zwar auf den Typ der naiven, lasziven Blondine festgelegt, avancierte selbst jedoch mit Filmen wie
Niagara, Blondinen bevorzugt, Wie angelt man sich einen Millionär? oder Das verflixte 7. Jahr zu einem ganz eigenen Star. Sie gehörte noch Anfang der 1950er Jahre zu einer der meistphotographierten Frauen der Welt. Erst als sie sich 1954 von ihren Hollywoodverträgen löst und nach New
York ging, wo sie die Marilyn Monroe Productions Incorporated gründete und am Actors Studio studierte, erarbeitete sie sich ein ganze eigenes Profil auch hinter der Kamera. 1957 produzierte sie den Film “Der Prinz und die Tänzerin”, in dem sie auch die Hauptrolle spielte. Mit “Misfits – Nicht gesellschaftsfähig” gelang ihr 1961 auch der Wechsel ins ernste Rollenfach. Am 4.8.1962 starb Marilyn unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten.

GOLDEN MARILYN
Marilyn und die Kamera
Photographien aus den Jahren 1945-1962
Mit einem Vorwort von Jane Russell
und einem Interview von Georges Belmont
272 Seiten, 152 Tafeln in Farbe und Duotone
Zweisprachige deutsch/englische Centennial-Ausgabe
ISBN 978-3-8296-0952-4
Schirmer Mosel Verlag
€ 25,- € (Ö) 25,60 CHF 28,80

 


Genre: Biographie
Illustrated by schirmer/mosel

Marilyn Monroe. 100 Seiten

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Journalistin und Schriftstellerin Jenni Zylka huldigt den Filmen der Filmikone Marilyn Monroe zu deren 100. Geburtstag am 1. Juni 2026. Ihre “Marilyn Monroe. 100 Seiten” sind keine Biographie, sondern Filmjournalismus, eine Analyse ihrer Rollen hinter und vor der Leinwand.

Marilyn zwischen Femme Fatale und Fragile

Bereits 1946, gerade einmal 20 Jahre alt, war Norma Jean Baker – so ihr bürgerlicher Name – auf 33 Magazincovern abgebildet. Sie nahm in diesem Alter aber auch schon Schauspielunterricht im Actor’s Lab, einer Schule, die politisch links stand und sich gegen Rassentrennung aussprach. Einiger ihrer Mitglieder kamen später auch auf Hollywoods Schwarze Liste, weiß die Autorin. Ihre inzestuös-missbräuchlich klingenden Daddy-Lieder bekommen ebenfalls einen anderen Beigeschmack, wenn man ihre Peggy Martin Interpretationen in “Ladies of the Chorus” (1948) mit starkem Blues-Timbre vernimmt, was später leider nie mehr zu hören war. Während sie in “Dont bother to Knock” noch gleichzeitig als Femme Fatale und Fragile zu sehen war, wird sie später auf ein doch eher klassisches weibliches Rollenbild festgeschrieben. Wogegen sich MM aber auch zu wehren wusste, wie ihre spätere Karriere zeigt, in der sie eine eigene Produktionsfirma, Marilyn Monroe Productions Incorporated, gründete. Eine weitere Anekdote zeigt, dass Marilyn durchaus fortschrittlich war: bei einem Konzert von Ella Fitzgerald im segregierten Colorado habe sich MM erfolgreich gegen die übliche rassistische Praxis, Schwarze Künstler:innen über den Seiteneingang in den Club zu schicken, gewehrt. So erzählt von Ella herself in ihrer Autobiographie, schreibt Jenni Zylka.

MM und ihre Rollen im Film

“Blondinen bevorzugt”, “Manche mögen’s heiß”, “Das verflixte 7. Jahr” oder “The Misfits” u.v.a.m. Der naive Filmcharakter, in der Theatersprache “ingénue” bezeichnet, das blonde Dummchen, ihre Rollen als “the girl” waren wohl die Rollen, die das männliche Publikum sich für eine Frau ihrer Träume damals wünschte. Aber zeitlebens tanzte Marilyn auch aus der Reihe, etwa in der köstlichen Komödie von Billy Wilder “Some like it hot”, in der klassische Genderrollen scharf an der Filmzensur vorbei neu interpretiert wurden. Marilyn in ihrer Rolle als “Sugar” (schon das eine eher klassische Rollenzuschreibung) habe ihren Mann allein durch Liebe zu dem Mann gemacht, den sie wolle, schreibt Zylka. “Sie ist bei genauer Betrachtung keine echte Hauptrolle, aber bildet das körperlich-emotionale Zentrum des Films, dessen Integrität, Naivität und Weichheit dazu dienen, die handelnden Männer zu veredeln, bei ihnen eine Entwicklung in Ganz zu setzen”, so Zylka über Sugar. “Für mich spiegeln Marilyn Monroes Charaktere die Rollen, die Frauen in der Gesellschaft zugestanden wurden und werden. Marilyn ist eine Kämpferin in einem starren System”, meint die Autorin abschließend und hat doch gerade in ihren 100 Seiten bewiesen, wie sehr sich Marilyn Monroe selbst zu einer emanzipierten Frau entwickelte. Immerhin war sie ja erst 36 als sie unglücklicherweise an einer Überdosis Barbiturate am 4.8.1962 verstarb. Von Jenni Zylka ist bei Reclam zuletzt auch “Tina Turner. 100 Seiten.” erschienen.

Jenni Zylka
Marilyn Monroe. 100 Seiten
Die Ikone des 20. Jahrhunderts
2026, 100 Seiten – 12 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder. Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
ISBN: 978-3-15-020793-2
Reclam Verlag
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Verlag

Meine Woche mit Marilyn

100 Jahre Marilyn Monroe: Meine Woche mit Marilyn. Auch nach mehr als 60 Jahren ist Marilyn Monroe immer noch ein Mythos. Aber aus Anlass ihres Geburtstages am 1.6.1926 erscheint eine Vielzahl von Publikationen, die mehr Licht in das Rätsel um die eigentliche Norma Jean Baker bringt

Der dritte Produktionsassistent und die weltberühmte Diva

Soll ich sie spielen?”, frägt die private Marilyn ihren neu auserkorenen Schützling Colin Clark. Mit “sie” meint sie ihre andere Persönlichkeit, die Filmdiva, auf die sie getrimmt wurde und an der andere Millionen verdienten. Das “Showgirl” oder “Revuegirl” – die ewig gleiche Rolle – konnte sie erst durchbrechen und sich mit Marilyn Monroe Productions selbständig machte. Ungefähr zur Zeit dieses ersten eigenständigen Films, “Der Prinz und die Tänzerin“, spielt auch die Episode, die Colin Clark in vorliegender “wahrer Geschichte” erzählt. Seine “Woche mit Marilyn” erzählt von der Begegnung im Herbst 1956 in England in den Londoner Pinewood Studios. Die Dreharbeiten mit Sir Laurence Olivier drohen ob der vermeintlichen Allüren der Diva zu scheitern, jedoch gibt es einen, der eisern zu ihr hält: Colin Clark, der Erzähler. Eigentlich kam er über seine Eltern, die Olivier persönlich kannten, zur Filmproduktion. Als dritter Regieassistent ist er Mädchen für alles und muss u.a. die suizidgefährdete Marilyn durch eine Leiter an ihr Fenster retten. Aber alles löst sich in Wohlgefallen auf, denn der vermeintliche Vamp ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der einfach nur etwas Liebe sucht. Dass sie dann auch noch ihre Ehemann, der Dramatiker Arthur Miller, verlässt, gibt ihr erneut das Gefühl des Verlassenwerdens, ihr eigentliches Drama seit ihrer Kindheit. Doch Colin versteht es, ihr das zu geben, was sie auf den rechten Pfad zurückbringt: und sieh da, sie erscheint pünktlich morgens um sieben Uhr zu den Dreharbeiten.

Splish Splash, ein feuchter Kuss im Pool

Natürlich kann alles, was Colin Clark in seinem Tagebuch damals aufgeschrieben hatte, in Zweifel gezogen werden. Aber immerhin versucht er der Legende menschliche Züge abzugewinnen und allein dafür hat er sich ja schon Sympathien verdient. Er ist nicht nur ihrem Ehemann gegenüber kritisch eingestellt, sondern auch Milton H. Greene, ihrem Geschäftspartner in der eigenen Produktionsfirma und Paula Strasberg, ihrem Coach. Die ihm und Marilyn nachgesagte Affäre hat aber eigentlich nie stattgefunden, auch wenn Marilyn in seiner Darstellung auch ein ziemliches Boxluder gewesen zu sein scheint. Insofern ist die Erzählung, dass er als einziger ihr widerstehen konnte und es sogar schaffte sie künstlerisch zu disziplinieren, schon etwas hochgeschraubt, zumal er ja auch noch um sechs Jahre jünger war. Selbst als sie ihn nach dem Nacktschwimmen einen feuchten Kuss auf die Lippen drückt, steht er seinen Mann und widersteht. Man muss anerkennen, dass Clark sie einfach als menschliches Wesen beschreibt, das einfach auch mal sie selbst sein wollte, mit ihm, Colin Clark, konnte sie das scheinbar, wenn auch nur für eine Woche. Und selbst in dieser einen Woche muss sie “sie” spielen. Die Folgen kann sich jeder ausmalen: als sie nämlich “sie” spielt, befinden sich Clark und MM im Windsor Castle und in Null Komma Nichts sind sie von einem Menschenauflauf umringt und die Wachen haben alle Hände voll zu tun. Marilyn diente vielen Männern als perfekte Projektionsfläche ihrer eigenen Phantasien und hatten eigentlich nichts mit MM selbst zu tun, das arbeitet auch Clark gut heraus.

Marilyn Monroe, geb. am 1.6.1926 in Los Angeles als uneheliche Tochter einer Filmcutterin wuchs bei Verwandten und diversen Pflegefamilien auf. Sie war u.a. mit dem Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und dem Dramatiker Arthur Miller (1956-61) verheiratet und starb am 4.8.1962 mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Colin Clark: Meine Woche mit Marilyn ist der literarische Band der Schirmer/Mosel Centennial-Edition 2026, die vier Titel zu Marilyn Monroe umfasst.

Colin Clark
Meine Woche mit Marilyn
Eine wahre Geschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Bernadette Ott
2026, gebunden, mit Lesebändchen, 224 Seiten
ISBN 978-3-8296-0599-1
Schirmer/Mosel Verlag
€ 7,95 €(Ö) 8,20 CHF 9,15


Genre: Erzählung
Illustrated by schirmer/mosel

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt

Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt. Thanos steht im Griechischen für eine Kurzform von Athanasios (Athanasius) und bedeutet „der Unsterbliche“. Aber auch Thanatos, der Tod, spielt als Vorläufer des Namens eine Rolle, denn die Comicfigur Thanos von Titan, ist gekommen, um die Menschheit zu vernichten. Oder zumindest das Weltall um die Hälfte zu entvölkern.

Humor, die unerprobte Geheimwaffe

Der in den Achtzigern weit verbreitete Glaube, das eigentliche Problem der Menschheit sei die Überbevölkerung und nicht die Umverteilung, erhält in vorliegendem Comic einen schlagkräftigen Vertreter: Thanos von Titan. Der Marvel Held hat nicht unbedingt einen sehr hohen IQ, denn mit seinem Vorhaben will er vor allem Lady Death beeindrucken. Diese legt allerdings wenig wert auf seine abgöttische Zuneigung und benutzt ihn einfach für ihre Zwecke. Um sein Ziel, die Ausrottung der Hälfte allen Lebens um die andere Hälfte zu retten, zu erreichen, will er allerdings zuerst die fünf magischen Steine ausfindig machen, damit ihm die Vernichtung auch tatsächlich erfolgreich und effizient gelingen kann. Aber er hat nicht mit dem Silver Surfer gerechnet, der in der hier vorliegenden MUST HAVE Gesamtausgabe des Abenteuers, das sich bis in die Neunziger zog, auch einer ganz neuen, (für ihn) unerwarteten Waffe bedient: des Humors.

“Das Universum gehört mir!”

Der kosmische Held, dessen Energie nicht von seinem Surfboard betrieben wird, sondern aus seiner intrinsischen Motivation, muss allerdings selbst erst einige Selbstzweifel abschütteln, bevor er sich dem großen Kampf gegen einen seiner wohl häßlichsten Gegner richtig stellen kann. So begegnet ihm nicht nur das Böse in Form eines kleinen außerirdischen Babies, sondern auch ein Kobold namens Impossible Man treibt sein Unwesen in seinem Kopf oder im Weltall, je nach dem. Dieser kann sich verwandeln und ihm Torten ins Gesicht werfen, bis Silver Surfer endlich kapiert, dass es sich mit einem Lächeln im Gesicht einfach besser lebt. Und so begibt er sich selbst auf den Titan, einem künstlichen Mond des Saturns, wo der sanftmütige Herrscher Mentor residiert. Dieser will ihn mit seinen Söhnen, Eros und Drax, im Kampf gegen Thanos unterstützen, jedoch erweist sich dieser Dienst eher als Schuss ins Knie.

Die beeindruckenden Zeichnungen entführen die Leser:innen in ein unbevölkertes Weltall, wo sich die Titanen einen Kampf auf Leben und Tod liefern und so letztendlich die Frage lösen, wem das Universum wirklich gehört. Die Autoren Jim Starlin und Scott Edelman sowie Zeichner Mike Zeck und Ron Lim liefern eine spannende Vorgeschichte zur legendären Storyline um den Infinity-Handschuh. Plus: Thanos’ erster Solo-Auftritt!

 

Jim Starlin/Scott Edelman
Marvel Must-Have
Silver Surfer – Thanos’ Wiedergeburt
(Original Storys: Silver Surfer (1987) 34–38, Thanos Quest (1990) 1–2, Logan’s Run (1977) 6)
2026, Hardcover, 240 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647147
Panini
39,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Sandman – Death

               Sandman – Death, ein Mitglied der The         Endless Family

Sandman – Death. Der Tod in Gestalt eines hübschen, jungen Goth-Punk-Girls spielte bei der legendären Sandman-Saga von Schöpfer Neil Gaiman von Anfang an eine wichtige Rolle. Als Mitglied der The Endless Familie rangiert er gleichberechtigt neben Delirium, Desire, Despair, Destiny, Destruction und Dream, also Sandmann selbst. In der neu übersetzten Serie (zwei Death-Mini-Serien gibt es schon), die Neil Gaiman gemeinsam mit Zeichner Chris Bachalo realisierte hat Death an einem einzigen Tag an dem auch sie sterblich ist, die Welt der Menschen zu erforschen und erfahren.

Das Herz im Verborgenen

Death, der Tod in Gestalt eines hübschen Punk-Girls, tauchte in Neil Gaimans Bestsellerserie Sandman sehr früh auf und avancierte nicht nur zur Lieblingsfigur, sondern bekam auch zwei Miniserien spendiert, die ebenfalls längst Klassiker sind. Hier sind die Storys, in denen Death u.a. für einen Tag sterblich ist, in einem Band. In der dreiteiligen Geschichte “Der Preis deines Lebens” (Death: The High Cost of Living 1–3, 1993) geht es um den jungen Ausreißer Sexton, der etwas dem 1994 verstorbenen Grunge-Musiker Kurt Cobain ähnelt. Er wird von Death aus einer mißlichen Lage befreit und glaubt ihr dennoch kein Wort. Aber ihre Geschichte ist ja auch mehr als unglaubwürdig, denn wer würde schon hinter der unschuldigen Fassade des jungen Mädchens das mächtigste Mitglied der berühmten Endless-Familie vermuten? Doch auch Mad Hettie gibt dem jungen Sexton einige Rätsel auf, denn sie will ausgerechnet ihr Herz zurückbekommen und er soll ihr dabei helfen. Die Zeichnungen sind im klassischen Neunziger Jahre stil, sehr düster und auf die Abfallplätze unserer Gesellschaft abonniert. Ein New York kurz vor dem Untergang, aber dennoch sehr lebendig. Und am Ende findet man heraus, welchen Schatz eine hölzerne Babuschka-Puppe wirklich beinhalten kann.

Rockstar sucht Familie

Die zweite Geschichte in vorliegendem Band, The Time of Your Life 1–3, 1996, erzählt von Foxglove, dem kommenden Rockstar des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Ihr Album “Slits of Love” wird gerade veröffentlicht und die Promotiontour dafür, führt sie weit weg von ihrer Geliebten, Hazel, u.a. nach L.A. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Alvie, und müssen sich entscheiden, wen von ihnen Death nun denn holen darf. Auch wenn man mit ihr eigentlich nicht handeln kann, weil sie nur das ausführt, was festgelegt ist, eröffnet sich dennoch eine neue Option. Und vielleicht können die drei doch noch die Zeit ihres Lebens, the time of their life, gemeinsam verbringen? Eine Geschichte die zeigt, dass auch das Leben als Rockstar seine Schattenseiten haben kann und Ruhm nicht alles ist. Vor allen Dingen die eine unstillbare Sehnsucht, irgendwo daheim zu sein, ein Zuhause zu haben, nicht stillen kann. Auch erhältlich als Hardcover-Variant!

Neil Gaiman/Chris Bachalo
Sandman – Death
(Original Storys: Death: The High Cost of Living 1–3, The Time of Your Life 1–3)
2026, Softcover, 176 Seiten
ISBN: 9783741648748
Panini
24,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Die Fremde

Die Fremde. “Manchmal haben wir einander tief verletzt, doch es war das Bemühen, sich verständlich zu machen“, schreibt die 1984 in Brooklyn geborene Claudia über die Beziehung zu ihrer Mutter. Sie wurde als CODA (children of deaf adults) geboren, Tochter zweier gehörloser Eltern, die sich einst am Ponte Sisto in Rom kennengelernt hatten. Er versuchte sich von der Brücke zu stürzen, sie rettete ihn. Oder war es doch ganz anders?

Die Tochter der Stummen

In der Version ihres Vaters rettete natürlich er sie, vor einem Überfall am Bahnhof Trastevere. Aber egal welcher Erzählung man lauscht, es ist doch der heimliche Wunsch eines jeden Erdenbürgers von einem anderen gerettet zu werden. Aber das würde man nie zugeben. Ihre italoamerikanische Familie belegt sie ohne schlechtes Gewissen mit Stereotypen, wie sie schreibt, die sich auf “Verbrechen und Leidenschaft beziehen“. Das seien die größenwahnsinnigen Phantasien, denen sie anhingen: “Es sind die Filme, die sie gesehen haben, die Lieder, die sie gehört haben“. Beim Festival von San Remo, die italienische Version des Eurovision Songcontests, achtet sie mit ihrer Mutter auf die Texte, denn die Texte sind das, was sie verbindet. “Meine Mutter und ich liebten Texte, wenn sie wahr waren, aber um uns herum gab es nur Fiktionen.” Die Musik, die ihre Mutter nicht hören konnte, konnte sie aber zumindest berühren, um sie zu erfahren. Die technischen Geräte wie CD-Player oder Walkman, gaben ihr ein Gefühl des Klanges. “Gehörlose begreifen sich selbst vor allem als eine Sprachgemeinschaft“, schreibt die Autorin, aber dennoch lebt sie die meiste Zeit alleine und die Geräusche sind alles, was sie hat.

Benennen: Ein Akt der Liebe

Wenn sie sagen will, dass etwas wunderschön ist, sagt sie, es sei abstrakt“. Claudia und ihr Bruder hatten sich oft darüber lustig gemacht, wenn etwa das Ende eines Films, ein Gemälde, die Geburt ihres Enkels oder ein Kleid im Schaufenster “abstrakt” waren. Claudia wuchs in dem Glauben heran, dass sie für immer gerettet würde, wenn sie sich einem andern Menschen anvertraute, schreibt sie. Und sie glaubt immer noch daran, dass dieses “luzide Sich-Anvertrauen etwas Bedeutsames hat“. “Etwas zu benennen, ist ein Akt der Liebe.” Hin- und hergerissen zwischen Heimweh und Migration, Anpassung und Auflösung beschreitet sie die “scorciatoia”, die “desire paths” zu sich selbst: “Die Zukunft war all das, was vor einem Weggang kam.” Der Titel des vorliegenden Buches bezieht sich auf die polnische Schriftstellerin Maria Kuncewiczowa, die 1940 ihren Roman „cudzoziemka“ veröffentlichte.

Burning Desire und die Taxonomie der Liebe

Aber es geht Claudia Durastanti nicht nur um das Leben ihrer Eltern, sondern auch um eine Momentaufnahme ihres eigenen Lebens, das sie oft mit Filmen, Stimmungen und Bildern beschreibt. Auch die Oxycontinkrise in den USA beschreibt sie, weil ihre Freundin Malinda davon betroffen ist: “Als würden sie sich eine Sustanz spritzen, die sie unter Formaldehyd konservierte, eine Taxidermie, bei der sie immer aufgespürte Tiere blieben, aber in einem Wald ohne Jäger.” Das Burning Desire eines anderen drogenabhängigen Freundes beschreibt sie mit seinem Ehrgeiz seinen Körper wieder auf ganz gesund zu trimmen, um sich danach wieder hemmungslos der Droge hingeben zu können. Dadurch bekommt man einen Körper, “der keine Eroberung ist, sondern die Summe all seiner Gravuren, eine Brailleschrift aus Irrtümern“. Als “Teil des Subproletariats” (O-Ton) beginnt sie sich erst an der Universität zu begreifen und es ist ihr klar, dass ohne den Wohlfahrtsstaat es ihr nie gelungen wäre, sich als Frau zu befreien, zu reisen, ja, eine Frau zu werden, wie sie schreibt.

Der Raum zwischen zwei Menschen

Im vorletzten Kapitel, “Liebe“, schreibt sie, dass diese vor allem eine Frage des Wiedererkennens sei: “Denn in all den Jahren, die ich tatenlos verbracht hatte, weil ich dachte, ich würde verschwinden, hatte ich einfach nur auf jemanden gewartet. Nach ihm gesucht.” Die wohl schönste Beschreibung der heutigen Twens, der Millenials. “Eine Liebesgeschichte ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, und wenn keine Vorzeichen da sind, muss man sie erfinden, damit alles bedeutend wird.” Der “Raum zwischen zwei Menschen” wird durch Gespräche durchmessen, aber am Ende steht die neuerliche Einsamkeit: “Als ich gescheitert war, als er versagt hatte, fehlte mir nicht nur er, sondern auch das Gefühl, unsterblich zu sein“.

Claudia Durastanti
Die Fremde
Übersetzt von Annette Kopetzki
WAT [887]
2026, 288 Seiten. 12 x 19 cm. Broschiert
ISBN 978-3-8031-2887-4
Wagenbach
15,– €


Genre: Autobiographie, Roman
Illustrated by Wagenbach

Die Wechseljahre als Comic

Peri Meno. Rinah Lang arbeitet gerne mit Tusche, Buntstift, Schere und Papier – auch wenn sie immer wieder merkt, dass digitales Arbeiten manchmal echt praktischer ist. In ihrem neuesten Buch beim Carlsen Verlag widmet sie sich einem höchst tabuisierten Thema: den Wechseljahren, anders gesagt der Menopause.

Auf den Spuren eines gesellschaftlichen Tabus

Aufmunternd beginnt der Comic mit einer Neujahrsfeier unter einer Discokugel. Wie die Jahre vergehen! Erst noch Mutter und plötzlich erwachsene Kinder und dann klopft schon die Menopause an. Nicht bei jeder Frau zum selben Zeitpunkt, aber meistens früher als erwartet und zumeist erwünscht. Was zuerst mit einer vermeintlichen Erleichterung der Monatsblutung beginnt und sich hormonell vielleicht sogar durch größere sexuelle Aktivität auswirken kann, schlägt schnell in das Gegenteil um. Kopfweh, Schlafstörungen, Hitzewallungen/Schwitzen, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen etc. gehören zu den unangenehmen Nebenwirkungen der Wechseljahre, die bis zu zehn Jahre oder sogar länger andauern können. Auf die Mischung kommt es an: Östrogen, Progesteron und auch Testosteron befinden sich zunehmend im Ungleichgewicht und sorgen für das, was Rinahs Schwiegermutter mit “Streitsucht” umschreibt. Auf der Grundlage von Sheila de Liz ordnet Rinah den drei Hormonen drei Schauspielerinnen zu: Drew Barrymore, Cameron Diaz und Lucy Liu, was sich zeichnerisch richtig witzig liest und zudem die Vorstellungskraft erweitert. Viele anderen Angaben sind natürlich wissenschaftlich untermauert, etwa die Prämeno, Perimeno, Meno und Postmenopause. Was an dem Ganzen allerdings eine “Pause” sein soll, das fragen sich schon seit mehreren Generationen viele Frauen…

Aufklärung ist Teilnahme und Fürsorge

Rinah Lang hat eine unterhaltsame Geschichte gezeichnet und getextet, die früher oder später alle Frauen betrifft. Dass das Thema endlich ent-tabuisiert wird, weil nur das zur Aufklärung beiträgt, ist ohnehin schon ein sehr wichtiges Anliegen, das hier auf amüsante Weise gelöst wird. “Edutainment” at its best möchte man sagen. Ihr Fazit: man muss einfach mit und nicht gegen die eigenen Ressourcen arbeiten. Aber das ergibt sich ohnehin durch das fortschreitende Alter. Als positiver Nebeneffekt der Menopause nennt sie auch, dass man endlich das macht, was man immerhin schon machen wollte. Zum Beispiel seinen Brotjob zu kündigen und einen lesenswerten Comic über die Menopause zu verfassen und zu illustrieren. Übrigens auch Männer haben eine Menopause. Sie nennt sich Andropause, ist weit weniger schlimm als die weibliche Version der hormonellen Umstellungsphase in der Mitte des Lebens, aber vielleicht auch einen weiteren Comic der Autorin wert?

Peri Meno Pause und Andropause

Wir werden sehen. Klug, kurzweilig und informativ erzählt Rinah Lang von dieser (vorletzten) Lebensphase mit all ihren Herausforderungen, Vorteilen und Nachteilen. Sie macht sich auf die Suche nach Zusammenhängen, besucht Expert:innen und begibt sich in regen Austausch mit ihren Freundinnen. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und Vivantes Klinikum Neukölln, Autorin, Podcasterin. “Aufklärung ist eben kein Luxus – sondern Fürsorge“, so Dr. Mertcan Usluer, Gynäkollege.

Rinah Lang
Peri Meno
2026, Hardcover, 192 Seiten, Größe: 175 mm x 246 mm
ISBN: 978-3-551-80568-3
Carlsen Verlag
26,00 €


Genre: Frauen, Gesellschaft, Gesundheit
Illustrated by Carlsen Comics

Nur das Allerbeste

Ein frommer Wunsch, “Nur das Allerbeste” wird zum Anfangs- und Endpunkt dieses Romans direkt von der Bowery in New York in Ihr Wohnzimmer gehext. Denn die beschriebene Dinnerparty ist so authentisch und live beschrieben, dass sie auch genau da stattfinden könnte: in Ihrem Wohnzimmer.

Ein (Gedanken-)Fluß ohne Wiederkehr

Dass die Floskel “Nur das Allerbeste” sogar besser passt als die im Amerikanischen Original verwendete Grußformal “Happiness and Love” ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass “Holzfällen” (1984) von Thomas Bernhard zum Ausgangspunk ihres Debütromans wurde, wie die Autorin selbst in ihrer Anmerkung statt eines Nachworts schreibt. Zu danken ist natürlich auch der Übersetzerin, die wohl das Werk von Bernhard ebenso gut kennen dürfte wie das Debüt von Dubno, die schreibt: “Holzfällen ist zum Verständnis meines Buchs nicht notwendig, aber absolut empfehlenswert“. Und tatsächlich liest sich “Nur das Allerbeste” wie in einem Fluß, so beschwingt ist der Flow und der Stream dieses Gedankenreigens. Eine zufällige Begegnung auf einer Trauerfeier, ein geselliges, “künstlerisches” Abendessen wird zum Ausgangspunkt eines inneren Monologs, eines stream of consciousness, der einen schnell die mondäne Umgebung, ein Penthouse in New York, vergessen lässt. Denn der Gedankenstrudel von Zoe Dubno reißt einen mit in einen Fluß ohne Wiederkehr, bei dem nur Leichen überbleiben können. Bis am Schluss dann die Grußformel “Nur das Allerbeste” vielleicht doch alles wieder rettet?

Trauerfeier als Performance

Die beiden Wohltäter und Mäzene, Nicole und Eugene, die eine New Yorker Künstlerclique durch Parties über Wasser hält wird derartig genüsslich und appetitlich durch den Kakao gezogen, dass einem tatsächlich die Spucke wegbleibt. Die etwas jüngere Protagonistin, die “Neunzehnjährige”, die inzwischen auch schon bald in ihren Dreißigern angelangt sein dürfte, kommt von ihrem fünfjährigen Europaaufenthalt zurück und erfährt, dass Rebecca “zu viele Pillen” geschluckt hat und das Zeitliche segnete. Auf der Trauerfeier in dem Apartment der Mäzene Nicole und Eugene treffen sich alle ihre ehemaligen alten Bekannten und warten auf eine Schauspielerin. Diese soll für die ehemalige Schauspielerin Rebecca die Trauerrede halten, die dann allerdings etwas aus dem Ruder gerät. Obwohl die Erzählerin immerhin den Atlantische Ozean zwischen diesen Menschen und sich als Pufferzone errichtet hatte, stößt ihr sofort alles das, was sie damals so ihnen verabscheute, wieder auf. Denn die zur Schau getragene Großzügigkeit der beiden Vampire ist in Wirklichkeit nichts als ein gewinkelter Schachzug an neue Ideen von anderen ranzukommen. Aus einem Vierliter-Ziploc-Beutel, der weitergereicht wird, entnehmen die Anwesenden die Asche Rebeccas und streuen sie in den Wind während die Protagonistin sich in Erinnerungen verliert und ihre Abscheu immer größer wird. Doch dann trifft endlich die Schauspielerin ein und nimmt ihr quasi die Worte aus dem Mund…

Middle Brow, Content Farmen, Leverage Buyout, Corporate Governance und die “Performativität von Objekten”

Eine lesenswerte Abrechnung mit einer Kulturschickeria, bei der Performance den eigentlichen Wert von Kunst längst ausgehöhlt hat und der bloßen Profitmaximierung dient. Selbst die Filme die sie sich ansehen tun nur so als ob sie diese angeprangerte Kultur kritisieren würden, inszenierten sie jedoch gerade und legten die eigentliche Sehnsucht der Regisseure oder Drehbuchschreiber, selbst Kapitalist sein zu wollen, bloß. Zoe Dubno rockt in ihrem Debütroman richtig ab und reicht beim Schimpfen auf die Kulturelite ihres Landes selbst Bernhard das Wasser, sie spricht wohl vielen aus der Seele, wenn sie gesteht, dass auch sie schon einmal ihre Seele zum Dumpingpreis an die Kulturindustrie verkauft hat. But what can a poor girl do, but sing in a rock and roll band? Mit einem Wort: Großartig!

Zoe Dubno
Nur das Allerbeste.
Roman
Originaltitel: Happiness and Love
Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
2026, Hardcover, 288 Seiten, Format : 11,8 x 19,5 cm
ISBN : 978-3-423-28521-6
dtv
EUR 24,00 [DE] – EUR 24,70 [AT]


Genre: Debüt, Gesellschaftskritik, Kunst, Musik und Literatur, Roman
Illustrated by dtv

Das toxische Schweigen der Narzissten

Toxisches Schweigen. Unser Zeitalter wird einst als das Zeitalter der Narzissten in die Geschichte eingehen. Diese Spezies Mensch versteht es besonders gut, sogar durch Schweigen Terror auszuüben, “Schweigeterror” nennt das der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller, der in vorliegender Publikation auf alle Arten des Schweigens eingeht.

Der Narzisst und das Schweigen

Schweigen ist eben nicht “Gold”, wie es in einem vielzitierten Sprichwort heißt, sondern geißelt als Omertà die Menschheit. Es gibt viele Formen des Schweigens. Eine unlängst entdeckte nennt man PTED, anglehnt an den Begriff des PTBS, nach der englischen Abkürzung Posttraumatic Embitterment Disorder. Ein als extrem ungerecht empfundenes Lebensereignis kann einen nachhaltig emotional belasten und zu einem depressionsähnlichen Zustand führen. Während sich dieses Schweigen dann allerdings eher gegen sich selbst richtet, kann der Narzisst durch sein Schweigen besonders andere aus dem Gleichgewicht bringen. Seine “fünf großen E” (Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel, Entwertung anderer, Empfindlichkeit) scheinen wie geschaffen, für die Machtübernahme dieses so zärtlich gebauten Menschenschlags. “Sofern das toxische Schweigen tatsächlich viel mit Empathiemangel zu tun hat – eine Hauptthese dieses Buches – begünstigt diese Seite des Narzissmus das Schweigen“, schreibt Haller. Der tiefenpsychologische Hintergrund des Narzissmus sei eigentlich der Neid auf andere und die damit verbundene Entwertung anderer. Selbst aber reagieren sie mehr als überempfindlich auf Kritik und sinnen bald schon auf Rache. “Knallhart beim Austeilen, extrem empfindlich im Einstecken“, ergänzt der Psychiater. Man muss aber kein ausgewachsener Narzisst sein, um durch Schweigen andere zu kränken. Denn tatsächlich wird Schweigen auch gerne als psychologische Waffe eingesetzt, besonders in Paarbeziehungen.

Be A Rock of Gibraltar

Schweigen kann in der Partnerschaft sogar als emotionale Erpressung eingesetzt werden. Denn wo keine Worte sind, bleibt viel Raum für Interpretation und Spekulation. Zu viel. Wenn zudem noch emotionale Nähe, Zärtlichkeit und echte Gespräche fehlen, spricht man sogar von passiv-aggressivem Verhalten, das zusätzlich ausgrenzt und verletzt. “Ohne offene Kommunikation kann keine Beziehung stehen“, resümiert Reinhard Haller und gibt in seinem neuesten Buch auch viele Tipps wie man sich dem widersetzen und etwas entgegensetzen kann, wenn man nur mehr angeschwiegen wird. Sogar ein Filmtipp (“Le chat“) ergänzt die Hilfestellungen des Psychiaters, der sich dem Thema in all seinen Facetten annimmt: Ghosting, Mutismus, Zivilcourage, Stalking, Stonewalling, etc., alle diese Begriffe werden von ihm erklärt und in Zusammenhang gesetzt. So entsteht ein komplexes Bild eines Verhaltens, das letztendlich niemandem nützt. Denn am Ende ist auch der Narzisst einsam, einsam in seiner Sucht nach sich selbst. Im vorletzten Kapitel, “Das Leid der Angeschwiegenen“, findet man weitere wertvolle Tipps zur proaktiven Gestaltung seiner eigenen Lebensumwelt und gegen die verbreitete “Los-igkeit“. Das letzte Kapitel listet sogar 12 Regeln auf, wie man Schweigeblockaden durchbrechen kann und wieder zu einem lebenswerten Umgang miteinander finden kann. Nur so viel: Appelle an die Vernunft des Schweigenden bringen nicht viel, da das toxische Schweigen ja ein emotionales Problem ist.

Reinhard Haller
Toxisches Schweigen.
Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen.
2026, Paperback, 272 Seiten
ISBN: 9783689690724
now Verlag
€22,00


Genre: Psychologie
Illustrated by now Verlag

The Gourmand’s Mushroom.

Der dritte Streich von The Gourmand: Pilze

The Gourmand. Pilze sind derzeit in aller Munde. In der dritten TASCHEN Publikation von The Gourmand erwartet die Leser:innen eine mykologische Reise. Als Pilot:innen stehen hinter dem Projekt David Lane und Marina Tweed, die zusammen die gleichnamige Food- und Kulturzeitschrift im Jahr 2011 in London gegründet haben.

The Gourmand: Pilze in aller Munde

Die Arbeiten von The Gourmand wurden in der New York Times, The Guardian, Die Zeit und Le Monde gewürdigt und sogar schon im Design Museum London ausgestellt. Das besondere daran ist, dass sie zwar nur das universelle Thema Essen erkunden, es aber durch Publikationen, Filme und Ausstellungen in den Kontext von Kunst, Design, Literatur, Film, Mode und Musik stellen. Pilze waren schon in der Antike spirituelle Helfer, aber nicht nur ihre psychoaktive und oftmals auch medizinische Wirkung wird geschätzt, sondern sie schmecken auch köstlich.

Pilze: das unsichtbare Netz

Seit bekannt ist, dass die Pilze auch unterirdisch ein quasi weltumfassendes Netzwerk bilden, das der Versorgung aller Beteiligten dient, sind Pilze ohnehin zu den Rockstars unter den Lebensmitteln aufgestiegen. Die Kulturkarriere des Pilzes in der Moderne lassen den Pilz wie ein Kunstwerk erscheinen, dem in vorliegender Publikation in vielen Geschichten und Originalrezepten gehuldigt wird. In der Einleitung teilt übrigens der renommierte Koch und “Food”-Autor Jeremy Lee in einer Art lyrischen Reflexion seine Gedanken über Vergänglichkeit, Nahrungssuche und kulinarische Erinnerungen. Ein Fest der Sinne nicht nur für Mykologen!

Eine mykolgisch-kulturelle Reise

The Gourmand’s Mushroom. A Collection of Stories & Recipes ist eine köstliche Lektüre voller kulinarischer Innovationen. Ein Leckerbissen, ein Festmahl das sowohl als Nahrung, Heilmittel, Sakrament und Symbol eine jahrtausendealte Kulturgeschichte hat. Die kulinarische Praxis mit kultureller Reflexion, die auch für die beiden anderen Publikationen von The Gourmand so stilbildend war, wird auch in The Gourmand’s Mushroom weitergepflegt: in Essays, deren Themen von Mythologie über Toxikologie bis hin zu Kunst, Architektur, Mode, Film und sogar Raumfahrt reichen. Begleitet wird der Intellektuelle und kulturelle Reigen auch von visuellen Inspirationen: Fotos, die Pilze als Formen, Strukturen und fast skulpturale Erscheinungen feiern.

The Gourmand: Mushrooms in Cinemascope

Unter den Künstlern finden sich bekannte wie unbekannte, darunter Bosch und Beatrix Potter, María Sabina und die CIA, Yayoi Kusama und Takashi Murakami. Aber auch Comicfiguren oder Todesboten, in Feenkreisen oder Kriminalromanen, ob Fliegenpilz oder Knollenblätterpilz, Heilmittel oder Halluzinogen sind Pilze essentieller Bestandteil der großen Erzählung der Menschheitsgeschichte. Die umfangreiche Sammlung von Originalrezepten huldigt der erdigen, umami-reichen Köstlichkeit. Von delikaten kantonesischen gefüllten Pilzen und knusprigem Tempura über Pierogi, Risotto, Ramen-ähnlichen Relishes, Ravioli mit Waldpilzen und klassischer Duxelles bis hin zum einfachen Pilzketchup.

David Lane und Marina Tweed
The Gourmand’s Mushroom.
A Collection of Stories and Recipes
Ausgabe: Englisch
2026, Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.40 kg, 292 Seiten
ISBN 978-3-8365-8661-0
TASCHEN
€ 40


Genre: Design, Film, Kulturgeschichte, Kunst, mediterrane Küche, Mode, Musik, Musik und Literatur
Illustrated by Taschen Köln

Prince. 100 Seiten

Zehn Jahre ist er tot: Prince, unvergessen!

Prince. 100 Seiten. April 2016: Prince ist tot. Gerade einmal 57 Jahre alt geworden (*7. Juni 1958) ereilte ihn das Schicksal des “Club 27” dreißig Jahre später. Eine Überdosis von Schmerzmitteln, die Autorin spricht von Fentanyl, hatte dem begnadeten Visionär, Genie und Ikone der LGBTIQ+ wohl eher unabsichtlich dahingerafft.

Prince: Club 27 mit 57

Berühmt für seine rücksichtslosen Tanzeinlagen hatte sich der Spätberufene Zeuge Jehovas Hüft-, Knie- und Gelenksschmerzen eingehandelt, die ihm – je älter er wurde – derart zu schaffen machten, dass er es ohne Schmerzmittel nicht mehr aushielt. Als Zeuge Jehovas war ihm eine lebensrettende Operation – die Bluttransfusion zur Folge gehabt hätte – schlichtwegs nicht erlaubt. Am 16. April soll er bei einem letzten Konzert in seinem Paisley Park Anwesen noch die unheilvollen Worte “Wait a new days, before you waste any prayers” abgesetzt haben, 5 Tage später, am 21. April fand man ihn tot im Aufzug von Paisley Park.

Prince: Das bescheidene Genie

Der nur 157cm große Künstler war einer der letzten wirklich Großen der US-amerikanischen Unterhaltungsbranche. Sein zurückgelassenes Werk wird auf weitere 58 Alben geschätzt, so fleißig und ehrgeizig war der aus zerrütteten Verhältnissen in Minneapolis stammende Musiker, Performer und auch Tänzer gewesen. Aber auch bescheiden, wie ihm folgendes berühmtes Zitat bescheinigt: “If you seek somethin else but music in me, then it’s something inside of you that’s lackeng“. Pointiert, intelligent und sharp, ganz so wie sein Bühnen-Ich. “Fuckability” fällt in diesem Zusammenhang als Stichwort der Musikexpress-Journalistin.

Riesiges Vermächtnis eines Ausnahmekünstlers

Dabei hatte ihn selbst seine fatale Begegnung mit seinem Vorbild Graham (Sly & the Family Stone) das Leben gekostet. Graham war es nämlich der ihn zu den JW missioniert hatte und so wurde ihm die Beziehung schließlich zum Verhängnis, wie die Autorin anmerkt. Enttäuscht zeigt sich die – widerwillige – Biographin übrigens von seinem Verhältnis zur nur 16-jährigen Mayte Garcia, dabei hatte Prince doch stets Augenhöhe in Beziehungen propagiert. So auch zu seinen lesbischen Co-Künstlerinnen und Bandmitglieder:innen Wendy und Lisa, die er stets mit Respekt behandelte. Indirekt war Prince auch für die Gründung der von Tipper Gore propagierten PAEL-Stickers verantwortlich. Sein Song “Darling Nikki” war so sexy, dass Tipper Gore ihre Zensur-Organisation PMRC gründete.

Prince: Off Records und In Records

Ein Interview mit dem deutschen Tontechniker Hans-Martin Buff ergänzt die ansonsten doch sehr gut gelungene Lektüre über einen der größten Musiker unserer Tage. Natürlich wird auch nicht auf seine “Schauspieler”-Karriere vergessen, deswegen unter Anführungszeichen, weil er ja doch hauptsächlich sich selbst spielte. So etwa in dem unvergessenen “Purple Rain” (1984), “Under the Cherry Moon” (1986) und “Sign o’ the Times” (1987). Zwischen 1978 und 2015 erschienen 39 Studioalben, ein Vermanschen seines Nachlasses wurde bisher noch nicht registriert. Aber der bevorstehende Geburtstag am 7. Juni wird für die von Prince schon zu Lebzeiten verhasste Industrie sicherlich ein guter Anlass sein, seine Alben neu aufzulegen.

Die Autorin und Journalistin für taz, konkret, KaputMag und Musikexpress betreibt auch den Podcast “Rebecca räumt auf”. 2025 erschien ihr Buch Mega!, das Kolumnen, Essays und Kommentare zu popkulturellen Themen versammelt.

Rebecca Spilker
Prince. 100 Seiten
Mit 4-farbigen Abbildungen und Infografiken.
2026, 100 Seiten – 17 farbige Abbildungen, 1 Schaubilder
ISBN: 978-3-15-020797-0
Reclam
12,00 €


Genre: Biographie
Illustrated by Reclam Stuttgart/Dietzenbach

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!

Mother Nature – Die Rache der Erdgeister! Die Kultur der Diné steht im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Comics von Schauspiel- und Regielegende Jamie Lee Curtis. Als Zeichner werkten Karl Stevens und Russell Goldman und gemeinsam setzten sie eine Geschichte in Gang, die tatsächlich passiert ist. Bis halt auf ein paar fiktionale Einschübe…

Kampf dem Klimawandel

Die Four-Corners, der Südwesten der USA, also Colorado, Utah, Arizona, New Mexico, sind der Teil, wo auch heute noch am meisten Ressourcen abgebaut werden. Nicht ganz zufällig ist das auch die Gegen der Staaten, wo die meisten Indigenas überleben konnten und es noch Reservate gibt, die theoretisch unantastbar sind. Aber man kennt ja den Hunger der Erdölkonzerne und anderer Energieriesen: er ist unersättlich. In der vorliegenden Geschichte geht es um zwei Generationen von Frauen, die den Raubbau von “Mutter Natur” miterleben müss(t)en. Nova Terrel, die schon als Kind miterleben musste, wie ihr Vater bei einem experimentellen Ölförderungsprojekt unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, steht im Mittelpunkt. Die Firma, für die ihr Vater gearbeitet hat, verhält sich augenfällig seltsam, es stimmt etwas nicht, wie sie schnell bemerkt. Einerseits produziert sie mit dem „Mother Nature“-Projekt sauberes Wasser in Catch Creek, andererseits wird Radium in diesem Trinkwasser gefunden. Als sie erwachsen ist, stellt sich Nova gegen den Ölgiganten und macht eine schreckliche Entdeckung.

Vom Öko-Horrorfilm zum Mystery-Comic

Die künstlerischen Aspekte, also die Zeichnungen sind durchaus als bemerkenswert zu bezeichnen, auch wenn man der Erzählung selbst anmerkt, dass es sich eigentlich um eine Drehbuchvorlage handelt. Das Verbindende von Bild und Text, das andere Graphic Novelle auszeichnet, wird hier eher ausgespart zugunsten unklarer Schockmomente, wie es in einem Film vielleicht funktionieren würde. Der Diné Autor Brian Lee Young hat das Nachwort verfasst indem er das Anliegen, seine Kultur in der Öffentlichkeit breiter zu repräsentieren, lobt. “Mother Nature” spreche vielschichtige Themen wie “Muttersein, Erbe, Klimawandel und Hoffnung auf eine bessere Zukunft” an. Eigentlich entstand der Comic nach einem Filmdrehbuch wie man in einem kurzen Interview am Ende des Bandes erfährt. JLC nennt es darin ein Drehbuch für einen “Öko-Horrorfilm”, aber ganz so drastisch ist die Graphic Novel dann doch nicht geworden. Der reale Kampf der indigenen Gemeinden der USA gegen den Klimawandel dauert immer noch an. Auch die vorliegende Graphic Novel ist Teil dieses internationalen Kampfes auf den in jeder Weise hingewiesen werden muss. Zeichnerisch wirklich gelungen!

Jamie Lee Curtis
Mother Nature – Die Rache der Erdgeister!
2026, Hardcover, 184 Seiten, ab 14 Jahren
ISBN: 9783741638275
Panini
29,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics