Kegeljungen-Anekdoten

Kegeljunge. Der “Autor mit subtilem Witz”, Otto Jägersberg, erinnert sich an die Zeit, “als es noch Kegeljungen” gab. Aber auch über zeitgenössische Absurditäten macht er sich Gedanken und trägt diese in sein beim diogenes Verlag erschienes Journal ein. Notizen, Anekdoten, Gedanken…alle durchnummeriert bis Eintrag 160.

Alles auf den Kopf gestellt

Der als freier Autor und Filmemacher und in Baden-Baden lebende Autor, Jahrgang 1942, ist am Zeitgeschehen aktive teilnehmender Zeitgenosse. Er liest Zeitungen, schaut Filme oder sinniert über Nachrichten aus dem WWW. Aber er erinnert sich auch gerne daran, wie es früher war. Etwa an die Kegeljungen, die den gefährlichen Platz hinter den Kegeln einnehmen mussten und die umgeschossenen Kegel wieder aufstellen mussten. “Rums!” und schon eilte er wieder hinter die Schutzwand. Frauen und Männer schossen dabei unterschiedlich, sangen oder grölten und der Kegeljunge malochte ununterbrochen. “Gut Holz”,hieß es dann am Ende. “Als es noch Kegeljungen gab”. Bitter schmeckte auch das Gulasch, als Jägersberg seine spannende Biografie las. Die war so spannend, dass er vergaß nach seinem Gulasch zu schauen. “Alles verdorben, dank Stalin”. Noch bitterer ist da allerdings sein 52. Eintrag in dem er davon schreibt, dass die Ukrainer heute gegen Russland vorgeschoben würde, mit deutschen Waffen und deutscher Propaganda. Nur diesmal kämpften eben nicht mehr die Deutschen gegen Russland, sondern die Ukrainer: “Verlieren wie das letzte Mal kommt nicht infrage. Logisch.” Es liest sich vielleicht etwas missverständlich, aber die bittere Ironie zeigt einfach in was für absurden Zeiten wir heute alle leben müssen. Alles auf den Kopf gestellt.

Heimatgefühl einmal anders

“Alles falsch. Rechtschreibung, Grammatik. Sinnloses Zeug. Aber das wurde nicht so aufgefasst. Das wurde experimentell genannt und gewürdigt.” So beschreibt Jägersberg das Ankommen in der Moderne, die mit einem gewissen Freud in Freiberg vor Nikolsburg begann. Dort lebte der Begründer der Psychoanalyse laut Jägersberg bis zum sechsten Lebensjahr als er dann mit seiner Familie nach Wien zog. Denken, manche können gar nichts anderes als denken, klagt der alte Mann, der gerne noch mal ein Bier trinkt, müffelt und den Morgenmantel gerne bis mittags trägt. Die Zwiebel gibt ihm ein Heimatgefühl, denn wenn sie schon vom Herd her duftet, gibt es gleich was zu essen, schreibt er. Ein anderer Mann hat mit Fischsoße ein Vermögen gemacht. Er erfand das Garum, das Maggi der Antike: alte Fische, Molusken und Zucker mit Salz. Aber trotz allem verliert Jägersberg niemals den Humor, etwa wenn er Trachtenträgern gerne eine Tracht auf den Hintern geben würde. “Ich bin über 80 und am Biedersee, Sonne scheint, gleich gibts Artischocken, und ich trinke Helvetia-Bier”, schreibt Jägersberg, wohl überglücklich. Im Vergleich zu Freud, der im selben Alter vom vielen Zigarrenrauchen Gaumenkrebs hatte und aus Wien flüchten musste. Natürlich ist jeder Vergleich unzulässig, aber Jägersberg sei sein Glück gegönnt: “Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.” (Eintrag 160) Wollen wir’s alle hoffen!

 

Otto Jägersberg
Kegeljunge
2026, Hardcover Leinen, 176 Seiten
ISBN: 978-3-257-07376-8
diogenes
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70


Genre: Anekdoten
Illustrated by Diogenes

Ganz zu schweigen von: Offene Rechnung

Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.

Arbeitslos, impotent, voyeuristisch

Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…

Ganz zu schweigen von…

“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…

Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

JR. La Caverne du Pont Neuf

Screenshot

Der französische Künstler JR wirkt mit seinen Arbeiten schon länger im öffentliche Raum der Großstadt Paris. Mit “La Caverne du Pont Neuf” hat er eine Arbeit geschaffen, die auch als Hommage an Christo und Jeanne-Claude zum 40. Jahrestag von „The Pont Neuf Wrapped” verstanden werden kann und dennoch die Dimensionen des Projekts von 1985 noch weiter extrapoliert.

Ort der Wunder: Pont Neuf

Eine Brücke wird zum Berg. Papier wird zu Fels. Mitten in Paris tut sich eine Höhle auf. Einen Blick hinter die Kulissen der atemberaubenden und flüchtigen Verwandlung der ältesten Brücke von Paris ermöglicht die vorliegende Publikation des TASCHEN Verlages, die schon während der Installation selbst erschienen ist (Juni 2026). Auch der französische Regisseurs Leos Carax beschäftigte sich 1991 in seinem Spielfilm “Die Liebenden von Pont-Neuf (Originaltitel: Les Amants du Pont-Neuf) mit der historischen, ältesten Brücke (*1578) mitten im Zentrum von Paris. Aber auch in der Malerei fand sie vielfache Resonanz, etwa bei William Turner, Auguste Renoir, Claude Monet, Camille Pissarro etc. um nur die bekanntesten zu nennen. Dass nun, Juni 2026, der Fotograf und Streetartkünstler JR sich mit einer weiteren seiner überlebensgroßen Installationen mit der ersten Pariser Brücke ohne Häuschen (deswegen auch “neuf” für “neu”) beschäftigt, verstärkt den Dialog über die Geschichte des monumentalen Bauwerks auch in der jetzigen Postmoderne. Der Arbeitstitel seiner Installation, “La Caverne du Pont-Neuf“, verwandelt die Brücke in eine riesige visuelle Höhle. Um den Brückenkörper herum bedruckte JR mit Schwarzweiß-Fotos von Felsen in einem aufblasbaren Gewebe die Felsformation, teils von Vegetation überwuchert, teils simuliert. Im Mittelpunkt der Installation steht dabei die Vorstellung eines Steinbruchs, aus dessen Material für den Bau der Brücke und der Stadt gewonnen wurde. Insgesamt etwa 120 Meter lang und 20 Meter breit, mit einer Höhe zwischen 12 und 18 Metern, hat JR auch eine 18900 m² aus Textil bestehende Hülle darüber gedeckt 2.400 m² Fläche und wird auf einer ebenfalls textilen Unterkonstruktion mittels eins Vakuums in Form gehalten. Die vollständig von privaten Sponsoren finanzierte Aktion wird durch eine Klanginstallation von Thomas Bangalter sowie optische Illusionen und Lichtspiele erweitert. Aber auch an die sensorische Wirkung wurde gedacht: eine Duftkomposition des Parfümhauses Odore Scola trägt zu einem bleibenden Sinneseindruck bei. Das Pariser Büro von Snap Inc. ermöglicht mittels Snap Spectacles zudem erweiterte Realität und interaktive Immersivität, so die Ausstellungsmacher.

Locus Mirabilis: eine Pariser Brücke

Die vorliegende XL Publikation aus dem Hause TASCHEN ermöglicht Einblicke in die Entstehung von JRs La Caverne du Pont Neuf aktuellem Kunstobjekt unmittelbar und sogar noch während seiner Inauguraton im Juni 2026 (!). Anhand von Aufnahmen hinter den Kulissen und Vorbereitungsmaterial dokumentiert “JR La Caverne du Pont Neuf” von der Konzeption bis zur Installation, einschließlich früherer Arbeiten mit Höhlen und Trompe-l’œil-Motiven das Schaffen des französischen Künstlers JR als eine unheimliche geologische Fantasiewelt. Mit einem Interview mit Hans Ulrich Obrist über die visuellen Vorbilder punktet auch der Fließtext dieser außergewöhnlichen Publikation. „Ich habe einen Weg gefunden, Wände zu nutzen, um uns zusammenzubringen.“, sagt der Künstler selbst über sein neuestes Projekt, geradezu einem “Coup an der Seine”. Ebenfalls zu Wort kommen in einem von Hans Ulrich Obrist moderierten Gespräch mit JR, Christos Neffen und Projektdirektor Vladimir Yavachev sowie Thomas Bangalter von Daft Punk. Künstlerische Freiheit, Kühnheit und die Frage, wie man ein Werk dieser Größenordnung außerhalb der üblichen Förder- und Kontrollmechanismen zum Leben erweckt sind Inhalte dieser Auseinandersetzung im kontemporären öffentlichen Raum.

Hans Ulrich Obrist
JR. La Caverne du Pont Neuf
Ausgabe: Mehrsprachig (Englisch, Französisch)
2026, Softcover mit Klappen, 25 x 34.5 cm, 1.51 kg, 240 Seiten
ISBN 978-3-7544-0728-8
Taschen
€ 40


Genre: Kunst
Illustrated by Taschen Köln

Ein Königreich für eine Schnecke 

276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.

Agentur “Romeo Meets Julija”

Die Schwestern Nastja und Sol besitzen ein Unternehmen. “Romeo Meets Julija” nennt sich ihre Heiratsvermittlungsagentur die berufstätige Unternehmer aus dem Westen mit arbeitssuchenden Frauen aus dem Osten zusammenbringen will. Gegen eine zusätzliche Gebühr selbstverständlich, denn der Aufwand die westlichen Junggesellen, die zu wenig Zeit haben selbst auf Brautschau zu gehen, weil sie ja so viel arbeiten müssen, ist recht umfangreich. Reisekosten, Verpflegung, Unterbringung, Dolmetscherinnen, Werbekosten und vieles mehr. Die Ehevermittlungen basieren aber nicht nur auf einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, sondern auch auf der Tatsache, dass in der Ukraine auf zehn Frauen nur 2,5 Männer kommen. Das liegt nicht nur am Alkohol oder am Krieg, sondern auch an der Auswanderung von Ukrainern. Für Nastja ist dieses Geschäftsmodell aber derart suspekt, dass sie dagegen etwas unternehmen will. Schließlich arbeiten sie einer Agentur zu, die wiederum von einer Mascha geleitet wird, die eventuell selbst noch weitere Verwicklungen in andere dubiose Geschäftspraktiken pflegt. Und als Nastja Jewa, die Schneckenzüchterin, kennenlernt, schließt sich für sie der Kreis: das Wohnmobil soll 12 Junggesellen entführen, um so international für Aufsehen zu sorgen und das Ende aller Heiratsvermittlungen einzuleiten. Aber zuerst muss sie Jewa, die alles andere als begeistert von der Idee ist, überzeugen. Doch denn bekommt sie den Tipp dass ein Exemplar ihrer aussterbenden Arten – sogenannte “Endlinge” – hinter der Front auf einem Baum lebt. Ein gefundenes Fressen für ihren Schützling “Lefty”, der sehnsüchtig auf eine Partnerin wartet.

Schneckenvermitllung auf Kanadisch

Doch dann macht nicht nur der Krieg mit Russland ihren Plänen ein Ende, sondern auch der Romanidee selbst. Maria Reva, die Autorin, hat kurzerhand die Ereignisse vom 20.2.2022 in ihren Roman mitaufgenommen und so den geplanten Plot ihres Romans über den Haufen geschmissen. Der Mittelteil sorgt zunächst also für etwas Verwirrung, wird aber dann im letzten Teil zu einem gelungenen Roman zusammengeführt, der zeigt, wie sehr der Krieg alle Ebenen der Gesellschaft durchdringt, erfasst und schließlich zerstört. Der “Tag der Himmlischen Hundertschaft” wird zum Stichtag der Entführung der 12 Männer durch die drei Frauen, der dicht hinter die russischen Kampflinien führt und in einer Schwejkschen Tragikomödie mit dichtem schwarzen Humor gepflastert ist. Als Tochter der fiktiven Frauenrechtlerin Jolanta Tschernow wird Nastja gezwungen in einem Film auf offenem (Schlacht-)Feld mit Brot und Salz die Okkupanten willkommen zu heißen. Aber ob sich aus dieser brenzligen Situation mit aufrechtem Rückgrat entziehen wird können, dafür hat die Autorin eine gute Lösung gefunden. Ebenso wie für die Fertigstellung ihres Romans während eines Krieges, der längst zu Ende sein sollte. Die aus der Ukraine stammende Autorin lebt in Vancouver/Kanada und wurde von der russischen Regierung 2022 mit Einreiseverbot belegt und hat bereits folgende Nominierungen und Auszeichnungen erhalten: Booker Prize (Longlist), Atwood Gibson Writers’ Trust Fiction Prize, Gordon Burn Prize (Shortlist), Climate Prize für Fiction (Longlist). Mehr zu Buch und Autorin hier. Ob Lefty am Ende doch noch eine Partnerin findet und somit nicht als Endling enden muss, verrät das Ende dieses außergewöhnlichen Romans einer vielversprechenden Autorin.

Maria Reva
Ein Königreich für eine Schnecke
Roman
Originaltitel: Endling
Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Kleiner
2026, Hardcover, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-28548-3
diogenes
EUR 26,00 [DE] – EUR 26,80 [AT]


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Sehnsucht – eine Meditation über Zeit

“Wenn ich die Lächerlichkeit fürchten würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden.” Gleich dreimal Erwin Piontek lässt Szczepan Twardoch in seinem neuen Roman “Sagen wir, Piontek” (Originaltitel) auferstehen. Oder ist es ein Mensch mit drei Leben? Die Wahrnehmung der Zeit und die Rolle des Individuums sowie dessen Sehnsucht im Fokus.

Die Zeit und ihre Manifestationen

Der Piontek der Gegenwart, ein Bergmann im Ruhestand, kauft sich eine Segeljolle und kreist auf dem etwa zwölf Kilometer südlich von Plichowice gelegenen Stausee Rybnik. Durch die Wiederholung der Kreisbewegung fällt er in eine zeitliche Elipse 100 Jahre zurück und findet sich plötzlich in der Wüste Deutsch-Südwestafrikas inmitten eines Völkermords an den dortigen Hereros. Aber auch in eine düstere Zukunft lässt Twardoch blicken, wenn er das Leben des dritten Erwin Piontek in der heutigen Zukunft schildert. Als Doppelgänger ähnlich “Der Gefangene von Zenda” wird Erwin Piontek Präsident eines aus der NATO ausgetretenen von Russland besetzten Volksstaates Polen. Mit diesem tritt der Autor selbst, Szczepan Twardoch, in einen Dialog und sie einigen sich darauf, dass ersterer seine Geschichte selbst erzählen soll und der Autor ihn nicht mehr – in kursiv – unterbrechen solle. So wird aus dem Gespräch eine muntere Unterhaltung über die Fantasie eines Autors und der Freiheit gegenüber den von ihm erschaffenen Figuren. Ganz nebenbei will Szczepan Twardoch auch die historischen Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts erzählen und entwirft eine Dystopie, die wohl Europa auch als Warnung dienen soll. Aber noch ist Polen nicht verloren…

Die Vierte Wand

“Du bist es jetzt, der sich selbst erzählt, Erwin, durch mich. Ich mache dich nicht mehr. Du selbst machst dich. Du selbst bist für dich verantwortlich.” Das Stilmittel “Sagen wir, …“, das Twardoch im Originaltitel des Romans verwendet, wird auch des öfteren im Roman selbst verwendet. Damit will er wohl andeuten, dass alles auch erfunden sein könnte, was es ja auch ist. Ein paar vulgäre Einsprengsel über das, was Matrosen auf hoher See sich gegenseitig für Gefallen tun erläutert Twardoch anhand der Erlebnisse des ersten Piontek. Dieser segelte mit Kapitän Schumacher auf der Ex Silesia Lux und musste dem Kapitän selbst diesen Gefallen des öfteren tun. Teilweise handelt es sich ja auch um Twardochs Familiengeschichte, wie er in einem Interview bekennt, aber wohl nicht in diesem pikanten Detail. Piontek (*1868), Piontek (*1946) und Piontek (*1979) dienen Twardoch also auch zur Darstellung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Twardoch scheut auch nicht davor zurück die Bibel und die Bhagavadita zu zitieren oder sich selbst als Schriftsteller durch Piontek III als “Schweinhund” beschimpfen zu lassen. Aber am Ende versammeln sich alle drei Pionteks, ihre Angehörigen und der Autor friedlich um ein Lagerfeuer und Festmahl. Und so kommt zu Heidegger, “Moby Dick”, “Der Gefangene von Zenda” auch noch “Asterix” als Inspiration dieses wohl ersten humoristischen Romans Twardochs hinzu.

Szczepan Twardoch
Sehnsucht
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
2026, Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0232-2
Rowohlt
24,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Opernball

Da sitzt sie, in der Loge der Wiener Oper, neben sich zwei Bierdosen (natürlich Wiener Lager) und eine Schnitzelsemmel in der Hand. Stefanie Sargnagel, die Poetin aus dem Gemeindebau hätte sich das wohl so nie träumen lassen. Aber andererseits ist es vielleicht auch ein Verrat? Hat sie gar die Seiten gewechselt?

Klassenkampf in der Kantine

Übertreibungen und Superlative zieren gleich die erste Seite: Bussi, Bussi, Bussi (+10), eine Verballhornung der dazugehörigen Bussi-Bussi-Gesellschaft, die sich alljährlich am Opernball trifft, die “Hautevolee”, wie es im Untertitel schon angedeutet wird. Ob es bei einem Besuch bleiben wird? Tatsächlich trifft sie sogar einige Leute am Opernball, die sie kennt und sie in ihre jeweiligen Logen einladen. Sie sind ganz inklusiv, die Opernballbesucher:innen, ganz anders als die Mitarbeiter der Mitarbeiter:innenkantine. Diese reagieren eher schroff als Stefanie dort mit ihrer Freundin, der Kellnerin, und dem Museumswärter auftaucht. Hier haben nur Mitarbeiter zutritt baut sich ein “Mitarbeiter” vor den dreien auf. “Ihr, ihr gehört’s zu den Gespritztn!” Aber genau das gibt Stefanie zu denken, denn sie ist ja doch nur zu Besuch hier, als Schriftstellerin, als Beobachterin, als Kommentatorin. Die drei ärgern sich vor allem aber auch deswegen, weil in der Mitarbeiter:innenkantine der Weiße Spritzer nur 3,90€ statt den ortsüblichen 20€ kostet. Der “Ball der Künstler:innen” ist nämlich sauteuer, rund 400€ Eintritt kostet die billigste Karte und die Preise der Verköstigungen am Ball sind legendär. Da bleibt man leicht am Trockenen, wenn man nicht ein paar Sponsoren findet. Aber hier, am Wiener Opernball, trifft alles aufeinander: Kultur, Kapital und Klassenkampf in der Kantine.

Alles Wiener Blut

“Der Künstler ist der einzige Lump, der unverstellt die Klasse wechseln darf”, schreibt die Besucherin Sargnagel und es könne sehr schnell gehen, dass man “für die Elite vom unangenehmen Schmarotzer zum bewunderten Kultkünstler wird. Schneller als einem recht ist”. Sie spricht wohl aus Erfahrung, denn Beispiele dafür gibt es genüge. Frau Sargnagel wird da sicher nicht zum Präzedenzfall werden. Das erste Mal sei sie ja schon vor zehn Jahren am Opernball gewesen. Damals wären die Kartenabreisser und sie noch “gleich” gewesen, schreibt sie, wohl nicht ganz unstolz, einen solchen Aufstieg in so kurzer Zeit auf’s Tanzparkett hingelegt zu haben. Im Johann Strauss Jahr resümiert sie auch darüber, ob nicht auch er ein Roma gewesen sei, ob seines dunklen Teints. “Wisst ihr, wie schwer sie es damals Johann Strauss gemacht haben, an die Oper zu gelangen? Obwohl er ein Weltstar war, haben sie ihn lange nicht an die Oper gelassen. Es war sein großer Traum. Und jetzt sind wir hier. Ihm zu ehren”, ergänzt ihr Freund der Museumswärter. Und auch ihm wächst dabei etwas der Hals, wie die Autorin ein paar Seiten weiter so treffend bemerkt: “So zieht sich der Hals über die Jahrhunderte weiter in die Länge wie eine Raupe”. 

Je länger nämlich der Hals, desto tiefer kann man auf andere runtersehen. Auf die Eleven, der Hauptact des Abendprogramms beim Opernball, können dann alle runtersehen. Sie sind noch so jung und klein und voller Enthusiasmus. Ob das wohl am “berühmten Stock in den Arsch” liegt, wie die Sargnagel schreibt? Weitere amüsante literarische Höhepunkte hat die Sargnagel dann noch im Ärmel und am Ende wird ganz viel Wiener Blut verspritzt. Aber nicht beim Walzer. Das gleichnamige Theaterstück wurde im Wiener Rabenhof im Februar 2025 auf die Bühne gebracht.

Stefanie Sargnagel
Opernball.
Zu Besuch bei der Hautevolee
2026, Hardcover, 80 Seiten
ISBN: 978-3-498-00882-6
Rowohlt Hundert Augen
18,00 €


Genre: Novelle
Illustrated by Rowohlt

… und dann wurden sie Nazis

Martin Haidinger ist Historiker und Journalist beim Österreichischen Rundfunk, aber auch für BR Alpha und Deutschlandfunk. In seinem neuen Buch schreibt er über das problematische Verhältnis Hitlers zu seinen Landsleuten oder eher umgekehrt. Sein Buch baut vor allem auf Zeitzeug:innen-Berichten auf und zitiert diese teilweise in voller Länge.

Die Anhänger Hitlers in Österreich

Ein Hitlerjunge berichtet von Sprengstoffanschlägen, ein BDM-Mädchen schildert ihren Weg zwischen Überzeugung und Naivität, ein Widerstandskämpfer erklärt, warum er sich als Täter sieht. Die Wiedergabe und Aneinanderreihung von Zitaten aus jener Zeit geht allerdings auf Kosten der Analyse, wie politische Rattenfänger Menschen tatsächlich blenden können, wie Nationalismus, Populismus und Führerkult funktionieren. Deutlich hervor tritt aber auch, dass der Nationalsozialismus auf verschiedenen Ebenen die Überzeugungen der Bevölkerung infiltrierte: den einen gefiel der Antisemitismus, den anderen der Sozialismus. Gemeinsam ließen sie sich vor einen Karren sperren, der vor allem jenen nützte, die ihrerseits wiederum Hitler benutzten. Sein Buch soll nicht “zum tausendsten Mal biografische Details im Leben Hitlers aufbacken, wie der Autor in seiner Einleitung schreibt, sondern “vor allem jene analysieren, die von ihm fasziniert waren und ihm fanatisch anhingen”. 

Die Lebensfähigkeit Österreichs vor dem Anschluss

Außerdem geht es natürlich um den Anteil der Austro- oder klerikalfaschistischen Diktatur des Dollfuß-Regimes und inwieweit sie eine Vorbereitung auf das war, was danach kam. Als unumstritten gilt, dass die christlich-soziale Partei das Parlaament ausschaltete und die Opposition einkerkerte. Dadurch wollte natürlich niemand mehr für dieses “Rumpfösterreich” kämpfen und die Überzeugung nur ein Aufgehen im größeren Wirtschaftsraum Deutschlands könne Österreichs Überleben sichern war in allen politischen Lagern weit verbreitet. Wie Martin Haidinger betont, wäre dieses Österreich allerdings sehr wohl lebensfähig gewesen: 540 Millionen in Gold, 1909 Lokomotiven, 249 elektrische Triebfahrzeuge und eine Menge von Staatsbetreiben fielen 1938 in die Hände der Deutschen und finanzierten somit die zweiten großen Krieg wesentlich mit. Sogar Göring hätte das gesagt.

Zeitzeugenberichte über mehrere Jahrzehnte

Dass die “Arisierung” in Wien resp. Österreich von wilden unorganisierten Plünderungen gekennzeichnet war, die sogar im Reich selbst Empörung hervorrief und diese durch Bürckel besser strukturieren ließ ist ein weiteres trauriges Faktum des sog. “Anschlusses” Österreichs ans Deutsche Reich. Aber auch 1358 Selbstmorde wurden allein in Wien 1938 registriert, einer davon war Egon Friedell. Weitere Themen sind der katholische Widerstand (das Rosenkranzfest) oder die Verwicklung von Filmgrößen wie den Hörbigers oder Mosers ins Regime. Die führende Rolle von Österreichern in Konzentrationslagern und an der Ostfront wird ebenso erklärt wie deren unrühmliche Rolle bei der Bekämpfung von Widerstand in den besetzten Gebieten. Martin Haidinger hat in Anbetracht der Tatsache, dass die letzten Zeugen der NS-Zeit als Gesprächspartner verlorengehen, noch einmal das Gespräch gesucht, teilweise sogar über mehrere Jahrzehnte hinweg, wie er schreibt. Das macht die vorliegende Publikation zu einem wertvollen und wichtigen Beitrag über das dunkelste Jahrzehnt unserer Geschichte.

Martin Haidinger
… und dann wurden sie Nazis
Faszination Hitler
2025, Hardcover, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7886-8
Ueberreuter Verlag
€ 25,00


Genre: Geschichte, Nationalsozialismus, Zeitgeschichte
Illustrated by Ueberreuter

Die Frau als Mensch: Schamaninnen

Der unterrepräsentierten Rolle der Frau in der Ur- und Frühgeschichte wird in der Fortsetzung, Teil 2 von Die Frau als Mensch: Schamaninnen, nochmals laut widersprochen. “Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte”, also Teil 1, wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. 

Von Jägern und Sammler:innen?

Europäische Altstädte sind vollgestellt mit Zeugnissen männlicher Omnipräsenz, schreibt Ulli Lust. Für Spaziergängerinnen eigentöich eine Zumutung, denn Frauenbilder im Stadtraum zeigen meist mythische Wesen oder Allegorien, womöglich noch erotisch oder sexuell aufgeladen. Aber warum ist dem so?, lautet die wohl berechtigste Frage seit der Erfindung des Lagerfeuers. Schließlich waren es die Frauen, die den Hauptteil der Reproduktionsarbeit übernommen haben, nicht nur was die Rekreation, die Geburten angeht, sondern auch was die Ernährung betrifft. Frauen filterten aus den Birken Medizin oder gerbten Kleidung aus Tierhäuten, etc etc. “Manche Märchen und Mythen ähneln sich frappierend” bemerkt Ulli Lust ein Kapitel weiter, denn Jagdtechniken, Kleidung, Schwitzhütte, Pflanzeheilkunde und die Schamanen:innentrommel gab es in fast allen Ur- und Frühkulturen. Auch die Vorstellung, dass ein Jäger ein Tier gar nicht töte, sondern es nur einer anderen Welt zugänglich machte, erleichterte die Schuld des Tötens auf den Schultern einer Kultur. So entstand wohl auch der Aberglaube eines Jenseits, da, wo es diese Tiere besser haben würden oder eventuell sogar wiedergeboren werden und so auch zu Ahnen des Menschen werden. Schaman:innen wurden zu Mittlern zwischen den Welten, denn ihre Magie war die Kunst in Urform, wie Ulli Lust in einer kleinen Hommage an den renommierten Comiczeichner Alan Moore auch in Band 2 wieder zitiert.

Edutainment im Comic

Ob die Venus von Willendorf tatsächlich neben ihren Schamlippen auch eine Klitoris trägt, konnte bei Redaktionsschluss zwar nicht restlos geklärt werden, aber das NHM (Naturhistorisches Museum) Wien beherbergt eine schlüssige Antwort unter seinem Dach. Die mehr 29.500 Jahre alte Statuette scheint es Ulli Lust jedenfalls angetan zu haben, denn sie nimmt immer wieder auf sie Bezug. Eine Erklärung wer und warum sie angefertigt wurde, kann aber schlussendlich auch von ihr nicht geklärt werden. Auch verschiedene Höhlenmalereien zitiert sie und zeichnet die Unterschiede männlicher und weiblicher Interpretationen nach. Beim femininen Pfad würde der Schwerpunkt nämlich nicht auf Geburt und Tod, sondern auf der Fähigkeit Orgasmen zu empfinden und auf dem Glücksgefühl, das die Sorge für einen Säugling bereitet. Die Betonung der Geburt anstelle von Wiedergeburt ergebe sich eine mächtige Metapher, die sich auch auf andere Rituale übertragen ließe, zitiert Lust die Anthropologin Barbara Tedlock. Aber was kann man wirklich wissen? Ulli Lust führt in ihrem Edutainment-Comic durch die Jahrtausende weiblichen Wirkens und menschlicher Schöpfungskraft und bringt das Genre an die Grenzen seiner Kapazitäten. “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” kann durchaus als ein Aufklärungsbuch betrachtet werden in dem althergebrachte Meinungen auf den Kopf gestellt werden und neue Fragen gestellt werden. 

Graphic Novel mit Esprit

Ob es sich in der Frühgeschichte um Matriarchate gehandelt hat und wann und wo sich das Patriarchat durchsetzte wird zwar nicht geklärt, aber dankbar nimmt man jeden Hinweis auf, der zeigt, wie männlich Geschichtsschreibung bisher funktionierte: Von Männern für Männer könnte man sagen. Da ist Ulli Lusts “archäologische” Arbeit ein willkommener Gegenpol als der er auch verstanden werden will. Denn nur aus These und Antithese erwächst die Synthese. Schließlich ist ohnehin jede historische Erzählung immer auch spekulativ, also rein auf Indizien basierend. Ulli Lust macht nichts weniger als einen Mythos umzuschreiben: den von der vermeintlichen Überlegenheit des Mannes, durch die er seine Herrschaft jahrtausendelang legitimierte. Aber ein genauer Blick zeigt: ohne Frau, keine Kultur.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Schamaninnen
2026, Hardcover, 304 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-494-8
Reprodukt
€29,00


Genre: Comic, Frauen, Graphic Novel
Illustrated by Reprodukt

Achtsamkeit. 100 Seiten: Tips zur Entschleunigung

In diesen miesen Zeiten, in denen Emotionen ständig getriggert werden, sinnlose Ablenkungen und Zerstreuungen über uns hereinbrechen und “immer mehr medial vermittelt, aber immer weniger real erlebt wird“, ist es dringend notwendig, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Fokus zu finden und alles Überflüssige wegzulassen. “Entschleunigung” ist wieder angesagt!

Fokus statt Multitasking

Gelassenheit resp. Achtsamkeit (auf Englisch übrigens: mindfulness) muss als Kompetenz erst wieder neu erlernt werden. Früher wollte man “Multitasking” sein, heute ist genau das der Denkfehler. Denn Achtsamkeit lässt sich nur dann erreichen, wenn man sich auf genau das konzentriert, was man in dem Moment gerade macht. Das verlängert btw auch das Leben, denn wer ganz im Moment lebt, dessen Zeit (ver)fließt langsamer. “Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum“, schrieb schon Viktor Frankl und genau diesen Raum wollen wir uns wieder zurückerobern, so auch Hammer. Ein Ende der Dauerstimulation durch Bildschirme, Brillen, EarPods oder Kopfhörer kann nur durch Dissoziation erreicht werden. Der erste wichtige Schritt ist wohl eine strikte Trennung der Off- und der Onlinezeiten und ein damit verbundenes achtsames Atmen. Denn der Atem ist “ein äußerst stabiles Seil auf dem Weg“, weiß Hammer. Hirnforscher Daniel Siegel brachte es auf die Formel COAL: Curiosity, Openness, Acceptance und Love, in der Zen-Tradition auch “shoshin” oder “Anfängergeist” genannt, denn wie ein Kind mit offenen Augen sollten wir immer neugierig, staunend und interessiert das betrachten, was uns umgibt. So kann es auch hilfreich sein, seine Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen, statt ihnen allzu sehr nachzuhängen. Die Bahnhof-Metapher passt da auch ganz gut.

Wieder über die Welt staunen

Statt einer Verschmelzung mit den Gedanken (also Fusion oder Verschmelzung) plädiert Hammer für eine De-Fusion wie in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Denn Gedanken, die Emotionen hervorrufen sind gar flüchtige Gesellen, “vorübergehende Phänomene, die kommen und gehen wie Wellen“. Um die Amygdala (Steuerung von Flucht/Kampf-Reaktion) zu beruhigen, reicht es oft schon, etwas Selbstmitgefühl zu entwicklen. Auch im Umgang mit sich selbst könne das für das Glück so notwendige Oxytocin ausgeschüttet werden. Matthias Hammer lenkt in seinen 100 Seiten Achtsamkeit also nicht nur unsere Gedanken in neue Bahnen, sondern empfiehlt auch einige Übungen, die uns dabei helfen können, “auf den Wellen zu reiten“. So kann man das altbekannte “Craving“, das nicht nur für Drogensucht, sondern für alle Süchte verwendet wird, etwa damit umgehen, dass man Handlungen neu kodiert. Statt zum Handy zu greifen also ein Glas Wasser trinkt oder durch Meditation zum Digital Detox kommt. Als kleine Meditationsanleitung reicht es oft schon, eine Pause zu machen, durchzuatmen oder einfach ein freundliches Wort an jemanden zu richten. Zum Beispiel sich selbst. Alles in allem also eine wertvolle Lektüre deren vollen Wert man erst ermessen kann, wenn man es selbst einmal ausprobiert hat und so eine wirkliche Kompetenz für die Zukunft entwickelt: abschalten.

Matthias Hammer
Achtsamkeit. 100 Seiten
Entschleunigung und Gelassenheit als Kompetenz für die Zukunft
2026, Taschenbuch, 100 Seiten, 4 farbige Abbildungen, 1 Schaubild
ISBN: 978-3-15-020796-3
Reclam
12,00 €


Genre: Ratgeber
Illustrated by Reclam Verlag

Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol

“Ich bin von Ort zu Ort gerannt und allmählich von allen und allem weggerissen worden, was ich liebte.” Bereits in der 3. Auflage ist die autobiografische Überlebensgeschichte von Leokadia Justman, die dem Lager Reichenau entkam und die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer überlebte. Der erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht schildert das Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.

Auf der Flucht vor der Gestapo

Nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto nahm ihre Mutter die Deportation nach Treblinka auf sich, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Leokadia gelang mit ihrem Vater dann sogar die Flucht nach Tirol. Bis sie an die Gestapo verraten wurden, überlebten sie dort unter falschen Identitäten. Nach der Ermordung ihres Vaters im Lager Reichenau entkam Leokadia mit einer Freundin aus der Haft und versteckte sich in der Nähe von Innsbruck. Besonders dramatisch ist der Augenblick, als sie als Jüdin erkannt wird und ihr Schicksal somit besiegelt erscheint. Als sie im Auto der Gestapo sitzt, fahren sie an ihrem Vater vorbei und sie darf natürlich nicht zeigen, wie sehr sie sich freut, dass er lebt, denn sonst hätte sie ihn ebenfalls als Juden enttarnt. Aber auch andere Momente in den schwierigsten Jahren ihres Lebens, lassen einem den Atem stocken. Aber ihre Geschichte ist so spannend erzählt, dass man gleich weiterliest, denn man will unbedingt wissen, wie sie es schaffte zu überleben. Wie für so viele andere, war dies nur möglich in dem sie ihre wahre Identität verheimlichte und sich als polnische Wanderarbeiterin ausgab. Einmal rettet sie ihre Freundin Helena vor der Enttarnung und damit Deportation, indem sie ihr eine andere Arbeit besorgt. Doch genau diese Helena sollte später indirekt dafür verantwortlich werden, dass eine polnische Untergrundzelle von der Gestapo aufgedeckt wurde. 100 Polen wurden dadurch dem schrecklichen Schicksal des Lagers ausgeliefert und das alles nur, weil Helena einem eingeschleusten Agent Provocateur, der sie immer gut behandelte, allzu viel Vertrauen schenkte. Ihre Naivität und ihr vermeintliches privates Glück kostete viele Menschen das Leben. Aber Leokadia kann ihr keinen Vorwurf machen, denn Helena war einfach zu naiv.

Tiroler Widerstand(skraft) in den Bergen

Immer wieder findet Leokadia aber auch gute Worte für die Österreicher, die sie und ihre Freundin nach der abenteuerlichen Flucht aus dem Gefängnis in Innsbruck halfen. Ausgerechnet bei einem Polizisten fanden sie (vorläufig) Unterschlupf und seine Erzählungen von einer tirolerischen Untergrundarmee von 1200 Mann, die in den Bergen warteten, klangen zwar unglaubwürdig, waren aber nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Denn tatsächlich gab es die Operation Greenup,bei der drei Widerstandskämpfer von den Alliierten in den Tiroler Bergen abgesetzt wurden um so logistische Unterstützung für den Machtwechsel zu bekommen. Auch darüber ist im Tyrolia Verlag ein Buch erschienen, das selbst den Tarantino-Film “Inglorious Basterds” in ein authentischeres Licht stellt. Auch das Schicksal des österreichischen Beamten Alois Lechner schildert Leokadia. Ihre Freundin Marysia und sie kommen bei seiner Witwe unter, die zwei Söhne hat. Der eine Sohn erzählt beim Fronturlaub von seiner Vorahnung, dass er im Krieg sterben wird und schildert das Schicksal vieler Österreicher: “Aber genau so, wie Sie gezwungen wurden, Ihre Heimat zu verlassen, bin ich dazu gezwungen worden, das zu sein, was ich jetzt bin. Einer von denen. In den Reihen der Henker meines Vaters…ergibt das irgendeinen Sinn?” Nach dem Krieg findet Leokadia Justman trotz ihrer langen Leidensgeschichte ihre Fassung wieder und schafft es sogar durch die Wiederbegründung des Jüdischen Hilfskomittes am Adolf Pichler Platz anderen Jüdinnen und Juden zu helfen, den sie brauchten ein eigenes Komitee, da sie nicht als “eigene Nation” galten, wie ihr erklärt wird. Und genau auf diesem Platz sang die Jüdische Brigade das Hatikvah-Lied, das Lied der Hoffnung und tanzten den Nationaltanz Hora. Für die ganzen versteckten Alt-Nazis, die es auch lange nach dem Krieg noch gab, ein Fingerzeig, dass schlussendlich doch die Gerechtigkeit gesiegt hatte.

Nie wieder!

Die unglaubliche Lebensgeschichte der Leokadia Justman wurde von ihr selbst verfasst und von Dominik Markl und Niko Hofinger herausgegeben, im Anhang befindet sich auch ein ausführliches Personenregister der handelnden Personen. Die Übersetzerinnen Birgit Salzmann und Susanne Costa brachten die englische Ausgabe in ein sehr lesenswertes, fast literarisches Deutsch. Für die Herausgabe der vorliegenden Übersetzung war aber auch die Kenntnis der frühen polnischen Versionen, die unmittelbar nach dem Krieg erschienen, unerlässlich. Die englische Ausgabe entstand lange vor der deutschen, da Leokadia Justman und Joseph Wisnicki 1950 nach New York auswanderten und dort zwei Kinder bekamen. Der Text ist mit vielen Illustrationen, Abbildungen und Fotos versehen und vermittelt ein authentisches Bild der tatsächlichen Ereignisse. Dass der Text erst 80 Jahre in die Region zurückkehrt, wo er sich ereignet hat ist eine dankenswerte Aufgabe und eine eindringliche Mahnung, dass das, was passiert ist, nie wieder passieren darf. Natürlich ist das Buch keine Reinwaschung der Österreicher, Justman erzählt auch, wie viele Nazis auch nach dem Krieg unbehelligt wurden. Aber es gab selbst während des Nationalsozialismus noch aufrechte Menschen in der sog. “Ostmark” und Leokadia hatte das Glück einige von ihnen zu treffen.

Leokadia Justman
Brechen wir aus!
Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte
2026, 3. Auflage, Hardcover, 432 Seiten; 112 farb. und 9 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4275-6
Tyrolia
33.00 €

 


Genre: Autobiographie
Illustrated by Tyrolia

Mich kriegt ihr nicht!

Die erste jüdische Hochzeit nach dem Krieg in Innsbruck vermählte Joseph Wisnicki und Leokadia Justman. Das Schicksal hatte die beiden Holocaust-Überlenden zusammengeführt. Während Leokadia versteckt in Lofer den Krieg überlebte, musste sich Joseph Wisnicki mehrmals falsche Identitäten zulegen und entkam genauso wie Leokadia nur knapp.

Die Geschichte einer Flucht

In den späten Neunziger Jahren schrieb der jüdische Pole seine Geschichte für seine Familie nieder – mit Fotos und Dokumenten, die dem Bericht eindrückliche Authentizität verleihen. Der Tyrolia Verlag hat die Memoiren über seine Flucht erstmals in literarischer Übersetzung herausgegeben, ebenso wie die seiner späteren Frau Leokadia Justman (“Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol. Eine autobiografische Überlebensgeschichte”). Als Polen von der Wehrmacht überfallen wurde, flüchtete Wisnicki nach Ostpolen, das allerdings ebenfalls besetzt war: von der Sowjetunion. Der vorgesehen Grenzverlauf war entlang den Flüssen Narren, Wechsel und San. In diesem Teil Polens war Wisnicki zwar weniger der rassischen Verfolgung ausgesetzt als vielmehr der Tatsache, dass er polnischer Soldat war. Wer sich in Rückkehrlisten nach Westpolen eintrug, wurde von der Sowjetunion nach Sibirien deportiert. Wisnicki konnte sich allerdings verstecken und sich dem Zugriff entziehen. Ein anderes Mal, als er Opfer einer Denunziation in Bludenz wurde, konnte er sich bei einer ärztlichen Untersuchung auf eine Phimose als Grund für seine Beschnittenheit hinausreden. Verblüffenderweise glaubte ihm der Amtsarzt und auch die Gestapo in Innsbruck. Das Kriegsende erlebte er dann im Arbeitslager Reichenau, von wo täglich Insassen nach Auschwitz deportiert wurden.

Unbeugsamer Überlebenswille

“Seine Erzählung rast in höchstem Tempo im Reportagstil dahin”, schreiben die beiden Herausgeber Dominik Markl und Niko Hofinger, die den Text von Joseph Wisnicki auf historische Kontinuität geprüft und mit weiteren Quellen ergänzt haben. Der zweite Teil vorliegenden Buches ist also ganz diesen Anmerkungen gewidmet und erzählt auch die Schicksale anderer Verfolgter. Zum Beispiel von Samuel Wellenberg, einem Freund Wisnickis, der in Treblinka die Kleider derjenigen sortieren musste, die ins Gas gebracht wurden. Dort entdeckte er auch die Kleidungsstücke seiner beiden Schwestern, denn sie waren mit einem grünen Stoff verlängert worden. “Der Mantel war mit dem Kleid der größeren Schwester wie in einer Umarmung verschlungen”. Aber durch eine Revolte im August 43 kann er fliehen und überlebt ebenso wie Wisnicki. Ein sehr bewegender Text, der vom unbeugsamen Überlebenswillen zeugt und die Widerstandskraft und Resilienz betont, die es braucht, um all das zu überstehen. Aber es brauchte auch viele mutige Helfer in Polen und Vorarlberg und Menschen, die ebenfalls ihr eigenes Überleben zurückstellten, um anderen zu helfen.

Joseph Wisnicki
Mich kriegt ihr nicht!
Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg
2026, Hardcover, 160 Seiten; 16 farb. und 114 sw. Abb., 4 Übersichtskarten; 22.5 cm x 15 cm
ISBN 978-3-7022-4338-8
Tyrolia
20.00 €


Genre: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg
Illustrated by Tyrolia

Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht

Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.

Vaterschaft an ausgewählten Beispielen

Anhand berühmter Beispiele aus der Geschichte – wie etwa Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Jefferson, Emerson, Thoreau, Darwin, Freud, Dylan – exemplifiziert Sedgewick wie Väter die Welt durch das Patriarchat prägten. In Hammurapis Gesetzestafeln sieht Sedgewick die “früheste Institutionalisierung des Patriarchats, verewigt in dem monumentalen phallischen Stein”. Aber auch die Schrift, das Privateigentum, Staatsformen, Religion und die patriarchalisch geprägte Familie dürften in jener fernen Zeit im Zwischenstromland entstanden sein oder zumindest ihren Ursprung nehmen (18.Jhdt v. Chr.). “Der Körper der Frau ist das Terrain auf dem das Patriarchat errichtet wurde“, ruft die von de Beauvoir beeinflusste Adrienne Rich dem Patriarchat hinterher oder wie John Lennon es ausdrückte: “Woman is the nigga of the world”. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass plötzlich der Penis das Maß aller Dinge wurde? Augustine Sedgewick setzt bei seiner kleinen Kulturgeschichte der Vaterschaft bei Einzelfällen an, gibt er natürlich ihr soziales Umfeld ebenso an wie persönliche Bezüge. “Immerhin konnten Mütter sicher sein, dass ihre Kinder auch tatsächlich ihre eigenen waren“, schreibt Sedgewick im Aristoteles Kapitel in dem er Sokrates, Platon und Aristoteles, der immerhin dem größten Feldherrn aller Zeiten, Alexander, diente. Phallische Macht ließ dieser sogar seinen Neffen, den Historiker Kallisthenes, spüren. Als dieser sich weigerte Alexander als Gott zu verehren ließ er ihn kurzerhand hinrichten.

Zuversicht über die Zukunft der Vaterschaft

Auch einige Jahrhunderte später, im Falle Sigmund Freuds, spielt das Vatersein immer noch eine große Rolle. Der “goldene Sigi” – wie seine Mutter ihn nannte wohlweislich nicht weil er auf den elterlichen Teppich uriniert hatte – erklärte es für normal, seinen Vater zu verachten. Immerhin erfand er wenig später ja den Ödipuskomplex, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete – allerdings ohne etwas davon zu wissen. Antigone – Tochter und Halbschwester zugleich – pflegte den sich selbst geblendeten Ödipus dann bis zum Lebensende. “Wir sind die Nachkommen einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern“, resümiert Freud schließlich die Menschheitsgeschichte in “Totem und Tabu”. Auch Freud, der am Ende seines Lebens an einer Gewebsnekrose in der Mundhöhle litt, wurde von seiner Tochter Anna bis zum Ende gepflegt. Vielleicht hätte sich das auch Bob Dylan gewünscht, der immerhin vier Kinder mit seiner großen Liebe Sara zeugte. Für sie hatte er zwischen 1966 und 1973 seine Karriere fast aufgegeben und war in die Rolle des Vaters geschlüpft. Auch von ihr erwartete er aber die klassische Mutterrolle, was dazu führte, dass er sie ganz dem patriarchalen Modell verpflichtet schlug und sie die Scheidung einreichte. Damit war es vorbei mit dem traditionellen Familienbild und Dylan begab sich auf die seither anhaltende Never Ending Tour. Das Resümee von Sedgewick fällt gar nicht so schlecht aus: die Vaterschaft heute sei der der Mutterschaft immer ähnlicher geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hätte es so viele aktive Väter gegeben, vielleicht auch deswegen, weil man diese heutzutage einwandfrei nachweisen kann. Jetzt wissen auch die Väter über ihre Kinder Bescheid und – ecce homo! – nehmen ihr Rolle aktiver wahr.

Augustine Sedgewick
Übersetzt von: Holger Hanowel
Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
Eine überraschende Geschichte der Vaterschaft
2026, Hardcover, 362 Seiten
ISBN: 978-3-15-011486-5
Reclam
30,00 €


Genre: Patriarchat
Illustrated by Reclam Verlag

Atem – Die Lösung für dein Trauma

“Entspann dich mal!” Wir kennen es alle: keiner will diesen Satz hören, wenn gerade die Amygdala die Kontrolle übernommen hat. Dabei kann der Atem einen einfachen Weg aus der Erregung heraus herbeiführen. Durch eine bewusste Steuerung der Atmung, kann man wieder runterkommen und der präfontale Kortex übernimmt wieder das Ruder.

Aktive Selbstregulation

Was sich vielleicht etwas medizinisch anhört ist in Wirklichkeit ganz einfach: Der Atem gibt uns die Kontrolle zurück. Wir alle können mit seiner Hilfe die Steuerung unserer Emotionen wieder übernehmen, den “limbischen Widerstand brechen“. Durch gezielte Atemtechniken kann sich das Nervensystem wieder beruhigen und wir können wieder Entscheidungen treffen, die unseren langfristigen Ziele und Wert entsprechen, so Alan. Sowohl durch die Hochregulation (Sympathikus) als auch die Herunterregulation (Parasympathikus) bestimmen wir unsere Haltung: Löwe oder Zebra. Jagd oder Flucht. Wer seine Gewohnheiten durchbrechen will, muss neue Habits etablieren. “What fies together, wires together“, also jede bewusste Handlung, die regelmäßig stattfindet, erzeugt ein neuroyales Muster, das mit der Zeit immer leichter reaktiviert werden kann. Je öfter also “Breathwork” im Tagesablauf etabliert wird, desto einfacher wird es, es wieder abzurufen. “Das In-Kontakt-Sein mit dem, was in mir lebendig ist” nennt Alan das. Der erst”e Teil wird durch drei Hinweise zu gezielten Atemübungen abgeschlossen und danach widmet sich der Autor noch der sog. Trauerarbeit.

Trigger, Traumaarbeit und Tiefenschärfe

Situationsbedingte und entwicklungsbedingte Traumata werden von ihm dabei unterschieden. Ersteres wäre etwa ein Autounfall, eine Schlägerei oder ähnliches, letzteres rührt von Schemata aus der Kindheit her. Neben den im ersten Teil bereits genannten Überlebensreaktionen (Kampf, Flucht, Erstarren) fügt Alan noch Fawn (Anpassung) und Collapse (Dissoziation, Zusammenbruch) an. Bei Fawn wird durch Bindung, Unterwerfung oder Harmonisierung versucht Sicherheit herzustellen. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit schlummert schließlich in uns allen. Aber Traumata wirken oft im Stillen weiter und stören die angestrebte Sicherheit. Trigger können diese schlummernden Traumata wieder auslösen und eine Zyklusschleife auslösen, die schwer abzustellen ist. Aber durch Verstärkung der Einatmung kann man die Kontrolle über seinen Zustand eventuell wiedergewinnen, so Alan. Eine große Rolle spielt dabei auch das narrative Selbst, das die Identität immer wieder erneut bestätigt und Glaubenssätze über sich selbst zementiert. Meist ist das Bedürfnis nach Schutz die Ursache dafür. Aber die eigene emotionale Realität ist kein festes Faktum – sie ist ein Konstrukt, betont der Lehrer und Trainer. Maladaption etwa mit negativen Mustern kann überwunden werden. Co-Regulation und metakognitive Intelligenz können dabei helfen, alte Prinzipien zu überwinden und sich wieder lebendiger zu fühlen.

“Ruha d’Qudsh”: endlich ankommen

Das Default Mode Network (DMN) (“Ruhezustandsnetzwerk”, “Werkeinstellungsnetzwerk”) habe die zentrale Aufgabe, ein kohärentes Selbstbild aufrechtzuerhalten. Unser autobiographisches Selbstverständnis, die Ich-Geschichte, vermittle uns zwar Kontinuität und Identität, könne aber auch in gedanklichen Schleifen und selbstbezogenen Grübeleien (Ruminatisnen) gefangen halten. Ein überaktives DMN würde sogar die identitätsbasierte Selbstwahrnehmung verfestigen und den Zugang zur gegenwärtige Erfahrung, Offenheit und kognitiver Flexibilität erschweren, gibt Alan zu Bedenken. Meditation könne da langfristig helfen, Atmung dafür aber sofort, da es ein Erleben jenseits der gewohnten Konditionierungen ermögliche. “Was uns einst gebrochen hat, kann zu dem werden, was uns trägt. (…) Heilung ist wunderbar.” Der Atem sei eines der wenigen autonomen Körpersysteme, das willentlich beeinflusst werden könne, mit ihm können nicht nur das Nervensystem, sondern auch emotionale Zustände verändert und Muster aufgebrochen werden. Zudem ist der Atmem direkt an unser implizites Gedächtnis gekoppelt und könne so auch Erinnerungen, die kognitiv nicht zugänglich sind und in der Physiologie oder der Muskulatur verborgen liegen, öffnen. Nicht zuletzt spreche durch das Atmen ja auch der Planet selbst zu uns, wie Alan schreibt. “Ruha d’Qudsh”, aramäisch für heiliger Atem oder Geist, Hauch wirke, wenn wir uns in der Stille versenken. Der Atem könne uns die Tür zur Seele öffnen, helfe uns präsent und unabgelenkt zu sein und endlich anzukommen. Oder wie es schon Grace Slick in “White Rabbit” ausdrückte: “Just rembember what the dormouse said!”

Daniel Alan
Atem – Die Lösung für dein Trauma
2026, Paperback, 222 Seiten
ISBN: 9783689690540
now Verlag
€20,00


Genre: Gesundheit, Lebenskunst, Ratgeber
Illustrated by now Verlag

Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

100 Jahre Marilyn Monroe. “Tausende Mädchen träumen davon, ein Filmstar zu werden. Aber ich habe am härtesten geträumt.” Eine der wohl amüsantesten Annäherungen an das Phänomen Marilyn Monroe dieser Tage hat wohl Hektor Haarkötter geschrieben. Denn es geht nicht nur um die platinblonde Sexgöttin, sondern auch um Anna Freud und die Psychoanalyse, genauer gesagt um “Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud”.

Hollywood meets Vienna (in London)

Vor genau 70 Jahren im Spätsommer 1956 haben sich die Tochter von Sigmund Freud, Anna, und Marilyn Monroe tatsächlich in London Hampstead getroffen: Hollywood meets Vienna in London. Hektor Haarkötter hat sich in mühseliger Kleinarbeit durch alle verfügbaren Aufzeichnungen von Gesprächen, private Notizen beider Frauen, Briefe und Tagebucheinträge, Gedichte und viele andere Hinweise geackert, um die psychoanalytischen Sitzungen (à 50 min/7 Tage) detailreich nacherzählen zu können. Es ist alles Spekulation, gibt der Autor freimütig in seinem Vorwort zu Protokoll, aber dennoch könnte es sich in etwa so abgespielt haben. Marilyn “The Wiggle” Monroe weilte aufgrund der Dreharbeiten zu “Der Prinz und die Tänzerin” in den Londoner Pinewood Studios. Auch Colin Clark hat darüber ein Buch verfasst, wozu sie hier eine Rezension finden. Mit Milton Greene hatte sie sich selbständig gemacht, um mit den Marilyn Monroe Productions endlich von ihrem Image als blondes Dummchen wegzukommen. Ins Parkside House reiste sie damals mit 27 Gepäckstücken, die 861 Pfund wogen, an. Für die Überlast zahlte sie eine Zsatzgebühr von 1187 Dollar, wie Haarkötter weiß, mehr als der Flugpreis für zwei Personen. Anna Freud wiederum lebte in der berühmten 20 Maresfield Gardens Adresse, weil ihr Vater von den Nazis aus Wien vertrieben worden war. Sie hatte dort ebenso wie ihr berühmter Vater eine Praxis, auch wenn sie sich eigentlich für die von ihr und Dorothy Burlingham gegründete Hampstead Child Therapy Clinic engagierte. In der 20 Maresfield Gardens fanden auch die Sitzungen mit MM statt.

Führe mich (nicht) in Versuchung!

Dass Marilyn damals schon Drogen nahm (laut HH zu dieser Zeit Dexamyl) mag nicht weiter überraschen. Auch über ihre Kindheit in insgesamt neun Pflegefamilien weiß man recht gut Bescheid. Wer wirklich ihr Vater war, darüber wurde lange spekuliert, Clark Gable mit dem MM an ihrem Lebensende in “The Misfits” spielte und der zehn Tage nach den Dreharbeiten verstarb, war es jedenfalls nicht. MM hatte dies vermutet, da ein Foto ihres Vaters, das ihre Mutter an der Schlafzimmerwand hängen hatte, diesem ähnelte. Die psychischen Probleme ihrer Großmutter Monroe und ihrer Mutter Gladys Baker sind ebenso bekannt, neu ist vielleicht ihre “zwanghafte Nacktheit”, der sie ungeniert auch vor Fotografen frönte. Sex hatte ihr aufgrund von Kindesmissbrauch zwar nie etwas bedeutet, aber dennoch erfüllte sie so manchem Mann seine Wünsche. Anna Freud wiederum war eventuell Inzest durch ihren Vater ausgesetzt und Zeit ihres Lebens homosexuell, so HH. Auch MM soll etwas mit ihrer Schauspiellehrerin gehabt haben.

Prominentestes Opfer der Psychoanalyse: Marilyn M

Seit Anfang der 50er hatte die prominente Schauspielerin schon einen “shrink“, dass sie Anna Freud aufsuchte, überraschte also nicht. Miss Cheesecake 1951 bezeichnet sich an einem der 7 Tage mit Anna als “Kriegsveteran der Nacht” und in Liebessachen als “Macherin” und formuliert damit eine ganz andere, neue Monroe-Doktrin. Mit einem Vokabular wie ein Seemann brüskiert sie die doch etwas prüde Wienerin dann doch, aber das wird auch sie nicht ganz kalt gelassen haben, wie HH süffisant spekuliert. Marilyn Monroe’s Konversion zum Judentum am 1. Juli 1956 ist doch etwas unbekannt, vor allem aber, dass sie es auch nach ihrer Scheidung von Arthur Miller, weiterhin praktizierte. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil ihres Vermögens an die New Yorker Psychoanalytikerin Marianne Kris, eine Freundin von Anna Freud, ging und diese es wiederum Anna vermachte, die es in ihre Stiftung fließen ließ, mag sich die Frage aufdrängen, ob die Psychoanalyse Marilyn Monroe zum Opfer gemacht hat. Jedenfalls nicht umgekehrt.

100 Jahre Marilyn Monroe

Eine wirklich unterhaltsame Lektüre, die es in sich hat und neue Fragen stellt und viele davon auch beantworten kann. Selbstverständlich ist vieles davon Spekulation, aber das hilft wesentlich beim Weiterdenken. Tabubrüche haben uns immer schon weitergebracht und vielleicht nahm Marilyn Monroe sogar die Wilden Sechziger vorweg? Zur Emanzipation der Frau hat sie jedenfalls wesentlich beigetragen, auch wenn sie immer noch gerne als blondes Dummchen belächelt wird. Ihr 100. Geburtstag sollte daran endlich etwas ändern! Und was Marilyn wohl selbst von dem Gerede über sie hält, lässt sich vielleicht so zusammenfassen.

 

Hektor Haarkötter
Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex
Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud
2026, Hardcover, 216 Seiten, Abmessungen 15,7cm x 22,9cm
ISBN: 978-3-8000-8110-3
Carl Ueberreuter Verlag
€ 28,00


Genre: Biographie, Psychologie, Psychotherapeuten

100 Jahre: Marilyn und die Kamera

100 Jahre Marilyn Monroe

100 Jahre Marilyn Monroe. Die Marilyn Monroe Centennial-Edition 2026 als goldene Jubiläumsausgabe. Norma Jean Baker kam vor 100 Jahren, 1926, zur Welt. In nur 36 Jahren Lebenszeit stellte sie die ganze Welt auf den Kopf und schrieb nebenbei Filmgeschichte. Mit einer Gesamtedition von bislang elf Titeln bleibt Schirmer/Mosel der führende Photobuchverlag, wenn es um die blonde US-Ikone, Marilyn Monroe, geht.

Marilyn Monroe und die Kamera: davor und dahinter

Die vorliegende Publikation, die den Titel “Marilyn Monroe und die Kamera” seit ihrem Ersterscheinen im Jahr 1989 trägt, wurde damals schon fast über Nacht zum
Weltbestseller. Und blieb es bis heute als international erfolgreichstes Marilyn-Buch im Handel. Den Geburtstag der Schauspielerin, Sängerin und Produzentin weiter der Schirmer Mosel Verlag mit einer goldenen Jubiläumsausgabe zu einem unschlagbaren Sonderpreis von € 25,-. Am 1. Juni 1926 erblickte sie das Licht der Welt und wurde bald darauf zur Waise, obwohl sie noch Vater und Mutter hatte. Genaueres zu ihrer aufregenden Vorgeschichte erfährt man auch in Joyce Carol Oates’ “Blond” Biographie, die von Andrew Dominic unlängst sogar verfilmt wurde. In der vorliegenden “Golden Marilyn” zeigen Photographen wie Avedon oder Weegee sowohl die klassische Marilyn als auch eine Fülle selten gesehener Aufnahmen. Marilyns Schauspiel-Kollegin Jane Russell (“Gentlemen prefer Blondes”) hat für das vorliegende Buch auch eine Einführung geschrieben. Neben Russell sind auch andere Kolleg:innen und ihre Ehemänner Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und der Dramatiker Arthur Miller (1956-61) zu sehen.

100 Jahre MM: Schauspielerin, Sängerin und Produzentin

Aber auch Marilyn Monroe selbst kommt zu Wort, etwa in dem großen Interview, das sie dem befreundeten Journalisten Georges Belmont 1960 gewährte. In diesem Interview zeigt sie sich als Person und nicht als – von ihr selbst miterschaffene – Kunstfigur. MM erweist sich darin – entgegen dem Mythos – als kluge, humorvolle und äußerst eloquente Gesprächspartnerin. Denn das blonde Dummchen, diese Wahnvorstellung von ihr, existierte stets nur in den Köpfen misogyner Männer. Von 20th Century Fox wurde sie zwar auf den Typ der naiven, lasziven Blondine festgelegt, avancierte selbst jedoch mit Filmen wie
Niagara, Blondinen bevorzugt, Wie angelt man sich einen Millionär? oder Das verflixte 7. Jahr zu einem ganz eigenen Star. Sie gehörte noch Anfang der 1950er Jahre zu einer der meistphotographierten Frauen der Welt. Erst als sie sich 1954 von ihren Hollywoodverträgen löst und nach New
York ging, wo sie die Marilyn Monroe Productions Incorporated gründete und am Actors Studio studierte, erarbeitete sie sich ein ganze eigenes Profil auch hinter der Kamera. 1957 produzierte sie den Film “Der Prinz und die Tänzerin”, in dem sie auch die Hauptrolle spielte. Mit “Misfits – Nicht gesellschaftsfähig” gelang ihr 1961 auch der Wechsel ins ernste Rollenfach. Am 4.8.1962 starb Marilyn unter immer noch nicht ganz geklärten Umständen mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten.

GOLDEN MARILYN
Marilyn und die Kamera
Photographien aus den Jahren 1945-1962
Mit einem Vorwort von Jane Russell
und einem Interview von Georges Belmont
272 Seiten, 152 Tafeln in Farbe und Duotone
Zweisprachige deutsch/englische Centennial-Ausgabe
ISBN 978-3-8296-0952-4
Schirmer Mosel Verlag
€ 25,- € (Ö) 25,60 CHF 28,80

 


Genre: Biographie
Illustrated by schirmer/mosel