Daredevil – Das Leben des Jack Murdock

In der Reihe Marvel Must-Have wurde “Daredevil – Das Leben des Jack Murdock” von den Autoren Carmine Di Giandomenico und Zeb Wells sowie Zeichner Carmine Di Giandomenico neu aufgelegt. Der Vater des blinden Rechtsanwalts Matt Murdock war der Boxer Jack Murdock, der sich leider mit den falschen Leuten anlegte.

Wie der Vater, so der Sohn…

Sein Debüt hatte er in der Serie Daredevil (1964), aber in der vorliegenden Geschichte, die im Original Battlin’ Jack Murdock heißt und aus dem Jahre 2007 stammt, läßt er es so richtig krachen. Als alleinerziehender Vater tut er sein Bestes, seinen noch minderjährigen Sohn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Seine Mutter, Maggie Grace, hatte die beiden verlassen, und nun muss Jack für den Kleinen sorgen. Damit sich dieser keine Sorgen mehr über seine Mutter macht, erzählt er ihm, dass sie schon tot sei. Eine Notlüge, um ihm das Leben zu erleichtern. Aber wie wir alle wissen sind es genau diese kleinen Notlügen, die große Konsequenzen zeitigen. Jack, der sein Geld weiterhin als Boxer verdient gerät auf die schiefe Bahn, da das Boxwesen von der Unterwelt durchdrungen ist. Bei einem Kampf soll er in der vierten runde runtergehen, um die Wettgewinne beim Mob zu erhöhen. “Manche Lehrer sind nicht gut für einen“, heißt es das kryptisch. Manche Vorbilder ebensowenig.

Vorbilder und Ebenbilder

Im düsteren Noir-Stil zeigt der vorliegende Comic von Ausnahmekünstler Carmine Di Giandomenico, Autor und Zeichner, der mit der Miniserie „Examen“ für den Verlag Phoenix und „Conan der Barbar“ für Marvel Italia bekannt wurde, wie das Boxermilieu funktioniert. Eine zeitlose Geschichte, in wechselnden Panels erzählt, zeigt Kante und vergisst dabei nicht auf detailreiche Milieustudien. Dass Jack erst einmal richtig absaufen muss, um dann wieder ein Phoenix wiederaufzuerstehen, hat er vor allem den dunklen Hintermännern des Mob zu verdanken. Denn er war schon einmal ganz unten, bevor ihm ein weiteres Angebot wieder zu kämpfen wieder auf die Beine half. “Dachtest du etwa der liebe Gott entscheidet den Kampf? Vergiss es, das tut allein der Fixer“, ermahnt ihn der Ringrichter in der dritten Runde. Noch hat Jack Zeit zu überlegen, ob nicht auch er einmal “Gott” spielen kann. Zudem hat Josie ihr gesamtes Trinkgeld auf ihn gesetzt…

Eine hieb- und stichfeste, knallharte Geschichte die man sich nicht entgehen lass sollte: nicht zuletzt deswegen erschient sie in der Reihe Reihe Marvel Must-Have, um noch einmal eine letzte Chance zu bekommen, so wie Jack…

Marvel Must-Have
Carmine Di Giandomenico, Zeb Wells
Daredevil – Das Leben des Jack Murdock
Original Storys: Daredevil: Battlin’ Jack Murdock (2007) 1–4
2026, Hardcover, 112 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741647130
Panini
25,00 €

 

 

 


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Der Sterbliche Thor 1

Vom Staube stammen die Sterblichen“, heißt es in der nördlichen Erzählung Edda von Saemundor Sigfusson., so das Zitat, das die vorliegende mehrteilige Serie über den sterblichen Thor einleitet. In Teil 1/3 wird die Realität neu geschrieben: Donald Blake, früher einmal die menschliche Erscheinung von Thor, ist jetzt sein böses alter ego.

Der Sterbliche Thor 1

Thor muss es in vorliegendem Abenteuer nicht nur gegen die Machenschaften des Konzernriesen Roxxon aufnehmen, sondern auch gegen die Schrecken des finsteren Reichs der Utgard und das Gedächtnis der Menschen: Sie haben die Götter Asgard vergessen und können sich nicht mehr an sie erinnern. Aber der Sterbliche Thor tut alles, um sie ihnen wieder in Erinnerung zu rufen: irgendwo in New York erwacht ein Mann mit einem Hammer und eine Legende nimmt ihren Lauf. “Ich schade nicht anderen, um mich selbst zu bereichern“, sagt der wie ein alternder Hippie aussehende Thor zu einem ihn verführenden Geschäftsmann. Auch die anderen Erdenbewohner sind nicht gerade freundlich zu ihm und halten ihm ein Messer unter die Kehle. “Von Zorn bezwungen zögerte Thor nicht. Er säumt selten. Wenn er solches vernimmt.”, so der Ausspruch der Seherin Völuspa aus schon zitierter Schrift. Aber die anderen glauben viel mehr an einen Thor des Zorn, der Willenskraft, der Macht, der Stärke. Und nicht einen der auf Liebe und Frieden setzt. Also bekommen sie auch den, den sie sich wünschen.

Die Schöpfung vom Vater der Lüge

Zeichner Pasqual Ferry entfesslt eine Geschichte die viele Zweikämpfe zeigt (meist zwei gegen einen allerdings) und auch sonst an Dynamik nichts zu wünschen übrig lässt. Die Farbgebung ist düster bis bunt und stets schwarz umrandet. Als die Sons of a Serpent antreten wird es vielleicht etwas zu düster, denn ihre geschlossenen Reihen erinnern doch sehr stark an Formationen, die man sich besser nicht zurückwünschen sollte. Sonst trifft es am Ende noch die, die sich genau das immer für die anderen wünschten. Aber wie wusste schon Goethe: den Zauberlehrling, den ich rief, werde ich nun nicht mehr los. Düstere Kräfte aller Orten, im Comic und in der Realität. Gut, dass Thor es gleich gegen eine ganze Armee dieser Finsterlinge aufnimmt. Am Ende, Kapitel “Vater der Lüge” stellt sich dann doch die Frage, ob dies nicht alles vom Göttervater selbst herrührt. War etwa die ganze Schöpfung auf einem Irrtum begründet? Fortsetzung folgt in “Der Sterbliche Thor 2“. ABO-TIPP: keine Ausgabe verpassen! Im Panini Abo-Shop gibt es Thor im flexiblen Abo und Thor im Jahresabo.

Al Ewing/Pasqual Ferry
Der Sterbliche Thor 1
Original Storys: Mortal Thor (2025) 1-3
2026, Klebebindung, 72 Seiten, Format: 17X26
ISBN: 9783741646799
Panini
9,99 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

DJT: Alle Scheinwerfer auf mich!

Die Geburt des Präsidenten aus dem Fernsehen

Alle Scheinwerfer auf mich! James Poniewozik, Fernsehkritiker der New York Times, Kolumnist und Medienkritiker des Time Magazine, knöpft sich #45 von seinen Wurzeln her auf, also Trump1, nicht die jetzige Periode. Trump wurde vom Fernsehen geformt und überhaupt erst ermöglicht. Und er wusste genau, was das Fernsehen will: Konflikt.

TV Nation: Real Estate, unreal estate

Der 45. US-Präsident verfügt über eine unbändige darstellerische Energie. Seine 24/7 Dauersendung läuft unnachgiebig und stellt vor allem eine Person immer wieder in den Mittelpunkt: ihn selbst. Nach seiner Wahl wurde das Weiße Haus zu Trump Bühne und die US-Geschichte zur Fernsehshow. “Die ganze Welt ist jetzt die Kulisse von Trump Reality-Show”, schreibt der Autor und erklärt, dass die Dystopie Schöne Neue Welt eher zu den heutigen USA passt als 1984. Denn in Huxleys Klassiker wurden die Menschen nicht durch Gewalt und Propaganda, sondern durch Brot und Spiele in das System eingespannt. “Spiele, Drogen und phänomenal immersive Unterhaltungsangebote” würden die USA prägen, ganz so wie es Neil Postamt schon 1985 in seinem Bestseller prophezeite: Wir amüsieren uns zu Tode. Das Fernsehen appelliert weniger an den Verstand, als an die Emotion und Unterhaltung wird ganz groß geschrieben. Der “eitle, angeberische Geck” beherrscht dieses Spiel perfekt, er ist das Fernsehen, verschmolzen zu einer Art MenschMaschine wie einst Max Headroom. Dafür – also für diese These – spricht sein enormer Fernsehkonsum (16 Stunden/Tag) und natürlich auch seine One-Man-Show. Als Immobilienmaklererbe weiß DJT, dass das Fernsehen ein Geschäft des Überflusses ist, Immobilen eines der Knappheit. Als Wrestling-Aficionado verstand es DJT beide Sujets zu verknüpfen und in seiner Person zu Synthese zu verhelfen. Er ging ins Immobiliengeschäft und nahm das Showgeschäft mit, wie er selbst einmal sagte.

Die Herrschaft des Simulacrums

So wie Hugh Hefner oder Walt Disney machte DJT sein Produkt bekannt und begehrenswert indem er es als sein berühmtester Kunde bewarb. Er umgab sich ebenso mit Models wie Hefner, aber auch mit Roy Cohn, einem ehemaligen McCarthy Mitarbeiter, und anderen kontroversiellen Figuren. Alle wussten schon von Anfang an, dass er log, aber er brachte eine gute Show und das liebten die Medien, die ihn schnell zu ihrem Darling machten. In einem atemberaubenden und sehr spannenden Monolog beschreibt James Poniewozik den Aufstieg des Fernsehens in Amerika, der gleichzeitig auch ein Aufstieg DJT war. Poniewozik zählt einige der wichtigsten US-Fernsehserien und ihre Protagonisten auf und zeigt, wie sich DJT diese Archetypen des weißen Amerika zum Vorbild nahm. Alsbald verkörperte er den Traum der Arbeiterklasse: “Geld, mit dem einem alles scheißegal sein kann”. Er findet auch eine gute Erklärung für die Vorliebe DJTs für Gold, nämlich die Idee von Gold, also nicht das 24-karätige echte Gold, sondern Katzengold, das zwar spiegelt, aber eben nur glänzt und so zum Simulacrum wird: sein goldblondes Haar, sein Teint, sein Tower: alles glänzt in diesem falschen Gold, ganz so wie in der Legende von König Midas. Alles, um die Begierde zu wecken, die sich die meisten nicht befriedigen konnten. Die Herrschaft des Simulacrums bedeutet, ein Zeichen oder eine Repräsentation einer Sache, die die bezeichnete Realität ersetzen. So erklären sich auch eine ellenlangen Lügen und sein Verhältnis zur Wahrheit: leugnen, leugnen, leugnen, wenn einmal etwas nicht so gut lief…

Alternative Fakten

Der Teleholiker wird in Teil 2 vorliegender TV-Geschichte zu “dem” Anti-Helden schlechthin. Denn die 90er gehörten ganz Personen wie Walter aus “Breaking Bad”, der sich in “Heisenberg” verwandelt. Ganz Amerika kannte DJT inzwischen vom Fernsehen durch “The Apprentice“, ein Image, das er nie mehr loswerden sollte, denn er spielt darin nichts weniger als sich selbst. Durch Fox News formulierte er seine Verleumdungen noch erfolgreicher, denn er benutzte Fox als “Echtzeit-Feedback-Mechanismus”. Alles was Applaus/Aufmerksamkeit generierte baute er noch aus und so machte er es später auch bei Twitter: Schock, Beleidigung oder Wut wurden zu seinen Werkzeugen. Am besten von allem funktionierte übrigens “Baut die Mauer!” Wie kein anderer verstand DJT es, die Nostalgie als politische Kraft zu nutzen und sein Nostalgie-Unternehmen zu einem Palimpsest der 80er zu machen. Für viele seiner Fans, sagte er einfach was er dachte, ungefiltert und auch wenn es nicht wahr war, so war es zumindest wahrhaftig für sie, echt. Wie ein Wrestler, der Regeln nur dann anerkennt, wenn sie ihm nützen. Seine hyperbolische Maskulinität war genauso eine Inszenierung wie sich als auf Aufsteiger darzustellen, als einfachen Mann. Denn er gehörte qua seiner Geburt längst zu den Superreichen. “Trump wurde gewählt. Aber das Fernsehen wurde Präsident“, schreibt Poniewozik pointiert. “Das Symbol, das wusste Trump, ist mächtiger als die Realität: es schafft die Realität“. Die Realität hinderte ihn auch nicht daran von mehr Teilnehmer:innen bei seiner Angelobung als bei Obama zu sprechen und sogar – obwohl Livebilder Regen zeigten – von schönem Wetter zu sprechen. Von seinen Anhänger:innen verlangt er Loyalität: dies beinhalte eben auch, sich über die Wahrheit hinwegzusetzen und an die Wahrheit zu glauben, die seinem Team nützt. Die Wahrheit ist (nicht) die Wahrheit.

James Poniewozik
Alle Scheinwerfer auf mich!
Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas
Aus dem Amerikanischen von Sean Carty und Clara Schilling
2025, Paperback, 424 Seiten
ISBN 978-3-89320-331-4
Edition Tiamat
32.- Euro


Genre: Kulturgeschichte, Politik, Präsidentschaft, TV, Unterhaltungskultur, USA
Illustrated by edition TIAMAT

Florama

Florama. Die Grafikerin und Illustratorin aus Lausanne, Lisa Voisard, legt mit “Florama” ein kunterbuntes Werk für alle künftigen Blumen-Expertinnen und -Experten vor.
Ihre farbenfrohen Illustrationen sind auch von Tieren und Pflanzen inspiriert, etwa auch in “Ornithorama”, “Arborama”, “Insektorama” und “Natur auf dem Teller”, alle beim Schweizer Verlag Helvetiq.

Porträts von Blüten und Blumen

Die bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Illustratorin zeigt in ihrem neuen Buch in drei Kapiteln “Porträts“, “Besondere Blüten” und “Das Leben der Blumen” die Vielfalt der Pflanzenwelt in unseren Breiten. Durch die gut getroffenen Zeichnungen lassen sich die Blumen dann auch von Laien leicht erkennen und beim Nachmalen lernt man vielleicht sogar noch mehr dazu. Eine Blüte, das Fortpflanzungsorgan der Pflanze, zieht Insekten an, die für die Verbreitung der Sporen sorgen. Erst nach der Befruchtung wird aus der Blüte eine Frucht, die wiederum Samen enthält, die keimen und neue Pflanzen hervorbringen können, erklärt die Autorin gleich zu Beginn die wichtigsten Begriffe. In den Porträts erhält man nähere Informationen zu einzelnen Blumen, wie etwa zur Gartenhortensie. Ihre Farbe variiert je nach Boden: in saurem Boden blau, in alkalischem rosa, die Blütezeit beginnt im Juni und endet im September. Aufgrund ihrer Blatt- und Blütendichte verstecken sich allerdings gerne Schnecken unter ihrer Pracht, was die Gärtner:innen dann weniger freut. Die Schlüsselblume, bei uns auch als Primel (von prima: die erste, die im Frühling blüht) bekannt, ist übrigens auch essbar. Ein Tee aus ihren Blüten hilft gut gegen Husten. Ein Bestimmungsleitfaden ermöglicht es auch Verwechslungsgefahren auszuschließen.

Duftende Blumen in bunten Gärten

In “Besondere Blüten“, dem zweiten Kapitel werden gleich mehrere “Kunstwerke der Natur” näher beleuchtet: Papageienblume, Prachtnelke, Schachbrettbluem, Zygopetalum-Orchidee lauten die illustren Namen, die jeweils von einer schönen Illustration begleitet werden. Die Mimose klappt bei Berührung ebenso zusammen wie die Venusfliegenfalle, wenn auch mit viel weniger deutlichen Absichten. Eine Weltkarte zeigt die Verbreitung der unterschiedlichen Blumen und Blüten, die längst auch in unsere Badezimmer Einzug gehalten haben. Allerdings in verarbeiteter Form. “Das Leben der Blumen“, das dritte Kapitel, zeigt die verschiedenen Wurzeln und Lebenszyklen, aber auch die Fortpflanzung sowie den Beitrag der vielfältigen Fauna zum Gelingen der bunten Flora. Und noch ein Tipp zum Schluss: Regenwasser wird von den Pflanzen eher bevorzugt als kalkhaltiges Leitungswasser. Eine Regentonne kann also helfen. “Je mehr man über die Natur weiß, desto mehr möchte man sie auch schützen“, sagt auch die Autorin, der die Arbeit mit Blumen auch aufgrund des guten Geruchs sehr viele Freude bereitete. Ein Index am Ende des Bandes hilft auch beim schnellen Auffinden der gesuchten Blume und so steht einer eigenen Entdeckungsreise in die Natur nichts mehr im Wege…
Lisa Voisard
Florama
2026, Hardcover, 184 Seiten, Alter 8+
ISBN 978-3-03964-131-4
Helvetiq
24,90 €

Genre: Bilderbuch Familie
Illustrated by Helvetiq, Helvetique

Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte

Auch ein Wal spielt dieser Tage eine gewisse einsame Rolle…

Einsamkeit. Eine Befreiungsgeschichte. Was erst wie ein Psychoratgeber aussieht, entpuppt sich bei genauerem Lesen als packender Befreiungsschlag von einem unfreiwillig angetretenen “Erbe der Einsamkeit“. Seinen Job verloren, vn seiner Freundin verlassen, beide Elternteile durch Suizid verabschiedet, befreit sich Daniel endgültig von seiner Drogensucht und anderen Süchten und erfährt endlich Läuterung und Befreiung. Ein Heldenepos ohne Pathos, aber viel Ethos.

Das Säurebad des Zynismus oder die präventive Selbstdemontage

In drei an Gottfried Benn angelehnten Kapiteln – Verluste, Sehnsucht, Hoffnung – erlebt der Protagonist Daniel am Ende endlich das, was man wohl gemeinhin als Gnade bezeichnen könnte. Denn er begreift, nach harten Jahren der Tortur in Elternhaus, Schule und Psychiatrie sowie diversen Süchten, endlich das, was im Leben wirklich wichtig ist: “Liebe und Freundschaft“. Und vor allem: Zugehörigkeit. Im ersten Kapitel, “Verluste“, geht es um seine Eltern, die sich durch Suizid aus der Affäre ziehen. Sein Vater fährt absichtlich gegen einen Baum, seine Mutter, die sich mit mehreren Männern und Luxus vorerst trösten konnte, fährt in die Schweiz. Dort ist Sterbehilfe zwar nicht legal, wird jedoch nicht geahndet. Grund dafür hat sie eigentlich keinen, außer vielleicht den, nicht mehr zu genügen, nicht mehr gut genug zu sein für eine Welt des Prestige (“die Bühne der Blasiertheit”), ein Gefängnis, das sie sich selbst zimmerte. Das zweite Kapitel, “Sehnsucht“, ist ganz von seiner manischen Liebesgeschichte zu Esther gekennzeichnet, die er in einem Berliner Nachtclub kennenlernt. Von ihr erwartet er sich Erlösung, die er sich aber aufgrund seiner Veranlagung zu Selbstdemontage bald wieder verpatzt. “Sie würde sich mit meiner Hilfe aus ihrer Ehe stemmen, und ich würde mich dank ihrer Zuneigung vor dem Einsamsein retten.” Aber wie fügt er ganz selbstkritisch und süffisant hintan: “Ex-Junkies sollten sich von Deals Fernhalten“.

Antidot Einsamkeit: Zugehörigkeit

Das flüssig geschriebene Werk voller Selbstironie und Humor des Kulturjournalisten Daniel Haas, Jahrgang 1967, ist ein Roman ganz in jugendliche Eleganz getaucht. Haas glänzt mit einigem Literaturwissen: Benn, Kafka, Mann. Aber auch die Welt des Demimonde, das Berliner Nachtleben, dürften ihm nicht ganz unbekannt sein. Voll liebevoller Ironie, mit feiner Klinge, beschreibt Haas das Leben seines jüngeren alter ego, Daniel, eines “Liebeshelden mit Opiat- und Literaturexpertise“. Aber im dritten Kapitel, “Hoffnung“, macht er ihm ordentlich den Garaus. In Gestalt seines besten Freundes, Friedrich, werden Daniel die Leviten gelesen und er begreift schließlich, dass er sich selbst die Rolle des Versagers zugeteilt hat, um sich schmollend auf das sich daraus ergebende Recht, einsam zu sein, zurückziehen zu können. Einsamkeit war zwar eine wesentliche Prägung seiner Existenz, aber nicht die Begründung für seine Existenz. Groll und Zorn bildeten jahrzehntelang die unsichtbaren Gitterstäbe, “durch die man die Welt einerseits zwar wahrnimmt, sie andererseits aber verzerrt und verkennt“, so Haas. “Grübeleien, Unterstellungen und vorauseilende Ängste sind ein guter Nährboden für Einsamkeitsgefühle“, schreibt Daniel Haas. Friedrich hingegen, sein bester Freund, “missionierte in Glück und Zufriedenheit, weil er wusste, dass wir das, was wir haben, nur bewahren können, indem wir es weitergeben“. “Alles ist möglich, wenn wir nur darauf bestehen, dass die Zugehörigkeit stärker ist als das, was uns trennt.” Sie entsteht durch Mitgefühl, Humor und Vertrauen. Ein wertvoller Roman, der viel zu bieten hat und voller Leidenschaft geschrieben wurde.


Genre: Autobiographie, Debüt, Roman
Illustrated by Goldmann München

Die Lebensentscheidung

“Mutter und Sohn” von Ernst Ludwig Kirchner

Die Lebensentscheidung. “Mutter und Sohn” lautet der Titel des auf dem Schutzumschlag abgebildeten Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) und genau davon handelt auch Menasse’s neue Novelle. Aber nicht er schaut auf sie hinab und sie zu ihm hinauf, wie in dem Gemälde, sondern wohl eher umgekehrt…

Totenbett statt Tanzparkett

Franz Fiala ist ein klassischer EU-Beamter. Autor Robert Menasse widmete sich ja schon einmal diesem Sujet. In seinem Roman “Die Hauptstadt” (Suhrkamp 2017) beschreibt er Brüssel als Ort des Lebens und Wirkens seiner Protagonisten. Aber in “Die Lebensentscheidung” wird es ein Abschied, denn Fiala hat nach zwanzig Jahren genug. Genug von der Generaldirektion Umwelt in der Unterebene ENV.D.2. Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Genug davon, “ein Rädchen in einer Maschinerie zu sein, die eine bessere Welt produzieren wolle“. Mächtige Interessenverbände haben ihm seine durchaus von grünem Idealismus getragene Arbeit richtiggehend vergällt. “Illusionen zu haben ist gut, das ist schöner Idealismus. Illusionen an die Möglichkeiten anzupassen, ist gut, das ist Pragmatismus. Aber Illusionen zu verkaufen und das Pragmatismus zu nennen, ist nur noch Zynismus.” Wenn auch sehr gut bezahlter Zynismus… Zudem ist seine Mutter, 89, zuhause in Wien, an Demenz erkrankt und er inzwischen schon 58 Jahre alt geworden. Sie wünscht sich nur mehr eines von ihrem Sohn, einen Erben, ein Enkerl. Aber dass er dafür schon längst zu alt ist, ist nicht das einzige, was ihn davon abhält, seiner Mutter auch ihren letzten Wunsch zu erfüllen…

Lebensentscheidung: Dum spiro, spero

Statt einer Familie hat Fiala eine platonische Freundin in Wien, Feli, und eine richtige in Brüssel, Nathalie – anregend und nie anstrengend. In Wien ist die Familie auf Felix, den Neffen, Onkel Fritz und Mutter zusammengeschrumpft. Als sein Onkel Fritz dann plötzlich stirbt und Fiala in Wien eine erschütternde Diagnose erhält, will er diese vor allem vor seiner Mutter geheim halten. Denn es gibt ja bekanntlich nichts Schrecklicheres für ein Elternteil, als wenn das Kind vor den Erzeugern stirbt. Aber auch seine Mutter will ihren Sohn nicht leiden sehen. Als Einzelkind hat er alle ihre Wünsche erfüllt und sogar in Brüssel Karriere gemacht. Nur den einen Wunsch, einen Enkel, den hat er ausgelassen, ihr zu erfüllen. Ob es wegen der Karriere war? Oder weil sie alle Freundinnen, die er ihr vorstellte, stets ablehnte? Robert Menasse lässt tief blicken, in eine Wiener Familie, die die für ihre Bewohner:innen so klassische “Melange aus Hohn und Heiterkeit” mehr als internalisiert hat. In einem kurzen, lapidaren Erzählton voller Ironie – aber ganz ohne Zynismus – wird “Die Lebensentscheidung” zu einem Abgesang auf Idealismus und Weltverbesserungspläne. Denn was außer seiner Krankheit bleibt Franz Fiala am Ende? Nicht umsonst heißt es ja Wien, dass das Gegenteil von “gut” “gut gemeint” heißt.


Genre: Novelle
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Ökonomie der Angst

Selbst Theodor Roosevelt, der amerikanische Präsident (1901-1909) nachdem auch der Teddybär benannt wurde, sah sich einer Nervenkrankheit ausgesetzt, die damals, 1869, als Neurasthenie und von dem Psychologen William James gar als “Americanitis” bezeichnet wurde, ausgesetzt. Die Nervenstörung – heute als Born-Out identifiziert – war wohl der Ersten Turboglobalisierung geschuldet, das damalige Zentrum: London.

Eine Überforderung durch “Americanitis”?

Die Zweite Turboglobalisierung, in deren Mitte wir uns heute laut Autor befinden, hat als Zentrum natürlich New York und die Wall Street, wo alle Aktiengeschäfte der Welt zusammenlaufen. Dafür, für die dadurch ausgelösten Krisen und Ängste, wurde auch der Begriff “Globophobia” geprägt. Im Zentrum der Angst steht der Verlust des Arbeitsplatzes und die Verlagerung industrieller Produktion in Billiglohnländer. Aber viel schwerer wiegt wohl noch die Unterhöhlung der parlamentarischen Demokratie, die heutzutage selbst in ihrem Mutterland stark angefochten wird. Wer die USA nicht als solches bezeichnen möchte, sondern Frankreich, stößt auf dasselbe Problem: auch hier ist die russlandfreundliche Recht auf dem Vormarsch, ebenso in Ländern wie Ungarn, Slowakei, Tschechien und demnächst vielleicht auch wieder Österreich? Das reich bebilderte Essay von Oliver Rathkolb, langjähriger Professor und Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte in Wien, zeigt in seinem neuen Buch Parallelen und Unterschiede zwischen der Ersten und Zweiten Turboglobalisierung auf. Während die Erste auf “der Ausbeutung der Kolonien mittels Sklavenwirtschaft bis weit in das 19. Jahrhundert hinein” (12 Millionen verschleppte Sklaven) beruhte, sei die Zweite Turboglobalisierung vor allem durch New Media et al und das Zurückfallen Europas gekennzeichnet. Das Grundproblem Euroas hatte schon der Reiseschriftsteller Mark Twain richtig erkannt: “starre autoritäre politische Strukturen, wenig Risikokapital und eine sehr verspätete und langwierig bürokratische Patentgesetzgebung, die es in den USA bereits seit 1790 gab.

Nichts weniger als die Zukunft Europas

Dieses Hinterherhinken Europas wurde besonders im Internetzeitalter schlagend, in dem selbst asiatische Staaten Europa links liegen ließen. Auch der “demographische Abstieg” Europas, der nur durch kontrollierte Migration gelöst werden könnte, spielt natürlich eine Rolle. Dass ausgerechnet die Sozialdemokratie zum willigen Vollstrecker der Zerschlagung des Sozialstaates und damit zu Agenten des Neoliberalismus wurde (Blair, Schröder, etc.), tragen ihr die Wähler:innen bis heute noch und erklärt ihre Misere und den Vormarsch rechter Parteien und ihres Wir-zuerst-Nationalismus. Das Bild das Europa heute, mitten in der Digitalen Revolution biete, sei dementsprechend gleichzeitig “ernüchternd und erschreckend“, so Rathkolb. “Weder im ökonomischen Bereich noch in der politischen Kontrolle hat sie die EU durchsetzen können und hängt völlig von US-Konzernen ab. Die Europäer sind zu einem Konsumenten geschrumpft (…).” Dabei wären unsere Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Mit 4,3 Millionen Quadratkilometer im Vergleich zu USA und China zwar das kleinste Territorium (Russland hat 17,1) ist Europa mit einer Bevölkerung von 451 Menschen neben Indien (1,64 Mrd) und China (1,41 Mrd) ein absoluter Spitzenreiter. Das BIP mit 16,8 Mrd gegenüber dem der USA mit 27,7 Mrd zwar etwas bescheiden, aber im Vergleich zum schwachen Russland mit 2,02 Mrd, doch überragend. Wirtschaftlich eine Großmacht, ein Riese, aber politisch eben weiterhin ein Zwerg. Rathkolbs Hoffnung für Europa liegt für ihn “eindeutig im Globalen Süden“, aber auch eine wertorientierte Außenpolitik, die auf demokratiepolitischen Standards und der Einhaltung der Menschenrechte basiert, sind vielsprechend. Denn diese Leerstelle hat die USA gerade abgegeben.

Alle Zahlen wurden aus dem Buch übernommen. Aufgrund des sehr weit gefassten Themas ergeben sich zwar gewisse thematische Unschärfen, aber dennoch ist der Grundtenor gut getroffen: ein Aufruf an die europäischen Eliten mehr Innovation zu ermöglichen, um “den starken Mann” doch noch zu verhindern und eine Wiederholung der Geschichte von vor 100 Jahren zu verhindern. Die Überforderung durch das Internet (oder eine neue “Americanitis”) sollte den Ruf nach einem starken Mann der Ordnung macht im Chaos nicht noch lauter werden lassen…

Oliver Rathkolb
Ökonomie der Angst
Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
2025, Hardcover, 304 Seiten
ISBN:9783222151538
Molden Verlag
€ 33,00


Genre: Geschichte, Kapitalismus, Politik und Gesellschaft
Illustrated by Molden

Abschied(e)

Ist die Erinnerung ebenso eine Konstruktion wie die Wirklichkeit? Julian Barnes, der diesen Monat 80 Jahre alt wird, blickt auf ein erfülltes Schriftstellerleben und stellt sich die wichtigsten Fragen des Seins: was ist wirklich wichtig und wer sind wir?

Madeleine, die Pilgermuschel, auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dass die Erinnerung die Identität wesentlich mutgestaltet, darüber sind sich wohl nicht nur Fans des aus Leicester stammenden Schriftstellers, der schon seit den Achtziger Jahren seine Leser:innen beglückt, einig. “Üblicherweise verstehen wir unter einer Erinnerung doch etwas, was im Laufe unseres Lebens häufig oder selten in uns wachgerufen wurde und sich bei jedem Wiedererzählen ein bißchen verändert, bis es schließlich zu jener Version gerinnt, von der wir uns einreden sie sei die Wahrheit”, schreibt Barnes in seinem Prolog zu seinem neuen Roman “Abschied(e)“. Dabei bedient sich der gebildete und voller literaturwissen-schaftlicher Anspielungen enthusiasmierte Essayist und Romancier natürlich auch der berühmtesten Stelle in der Literaturgeschichte zu diesem Thema: Proust’s Madeleine. Sie sieht aus wie eine Pilgermuschel und wird zur Pilgerfahrt in die Erinnerung. Barnes unterscheidet zwischen IAMs (Involuntary Autobiographical Memory) und HSAMs (highly superior autobiographical memory) und erklärt auch was eine Kryptomnesie für den Betroffenen bedeutet. Aber keine Angst vor all den Fachbegriffen, Barnes bemüht sich um seine Leser:innen, erklärt sie schlüssig und verpasst ihnen auch genau jede Prise englischen Humors, die einem das Leben so versüßen. Trotz des traurigen Umstandes, dass sich der Autor ja von seinem Leben und Werk verabschieden möchte, vergisst er nämlich nicht auf Selbstironie, Humor und den Verve, den es braucht, sich mit seinem eigenen Ableben zu beschäftigen.

Dial Down Love, Baby!

Mit luzider Präzision seziert Julian Barnes sein Thema und erzählt zudem die Geschichte des Paares Stephen und Jean, die sich in ihren Zwanzigern trennen, um nach 40 Jahren wieder zusammenzukommen und sich erneut zu trennen “etc. pp.”. Aus “er strengt sich an” wird “ja, er ist wirklich anstrengend” für Jean, denn Stephen liebt sie zu viel. Ja, das gibt es auch. Barnes’ eigene Diagnose, “kein Todesurteil, sondern lebenslänglich”, sein Blutkrebs, den er am Höhepunkt der weltweiten Pandemie attestiert bekommt, beschreibt er ebenso nüchtern, wie den Abschied von seiner Frau zwölf Jahre zuvor. “Ich lebe in der Gegenwart, doch meine Zukunft sieht so aus aus, dass ich nur noch in der Vergangenheit existiere“, schreibt Barnes analytisch und ohne Reue. Denn eine “Tragödie mit Happy End” – die Hollywoodformel für den Kassenerfolg eines Films – wird sich bei ihm nicht mehr ausgehen, wie er selbst schreibt. Denn vor der “alten Mischung aus Trübsinn und Selbstmitleid” rettet ihn sein Hund Jimmy. Aber natürlich auch die Dichtung, die französische. Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud sind für ihn die Triade der französischen Wortkunst und es könnte einen fast das Stendhalsyndrom befallen angesichts ihrer Fülle. Dass am Ende des Lebens in der Mitte des Lebens ein großes Loch klafft, weil man ja gedanklich immer mehr in die Kindheit zurückverfällt, ist eine der vielen Absurditäten, derer Barnes mit Humor zu gedenken weiß.

Dignity in Dying

Nimmt man die Erinnerung weg, was bleibt dann noch?” Denn was einen am Ende erwartet ist das Auslöschen von allem, was man erreicht hat, das Vergessen von allem was man am sehnlichsten erreichen wollte. “Es ist eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die Fühlenden“, schreibt Barnes und spendet nicht nur sich selbst Trost, sondern auch allen jenen, die sich mit der Vergänglichkeit des Seins beschäftigen wollen bevor es zu spät ist. Ein Buch, das zeigt, was das Leben so lebenswert macht: die Liebe, die Erinnerung und die Literatur.

Julian Barnes
Abschied(e)
Übersetzt von: Gertraude Krueger
2026, Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-462-00919-4
Kiepenheuer & Witsch
23,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Viva l´Anarchie: 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno

Viva l´Anarchie!

Viva l´Anarchie. Die zumindest theoretische Möglichkeit, dass sich der spanische Anarchist Buenaventura und der ukrainische Aufständische Nestor Machno tatsächlich in Paris getroffen haben, besteht. In vorliegendem Comic von Vater und Sohn Loth versammeln sie sich an einem Tisch und diskutieren die Zukunft der Anarchie. Ein politischer Comic ohne Zeigefinger.

Die Anarchisten der Zwanziger und Dreißiger Jahre

Die legendäre Machnowschtschina (1917 bis 1921, eigentlich von den Trotzkisten abschätzig verwendete Bezeichnung) bestand nach dem bolschewistischen Oktoberputsch in Teilen der heutigen Ukraine und lehnte sich gegen Zentralismus und Kriegskommunismus auf. Aber Nestor Machno musste fliehen, da seine Bewegung sowohl gegen die Angriffe von Außen durch die Roten als auch die Weißen und im Inneren gegen die Kosaken nicht bestehen konnte. Leo Trotzki als Führer der Roten Armee schlug die Machnowschtschina nieder. Es hätte also – weiterhin theoretisch – die Möglichkeit bestanden, dass Durruti aus den Erfahrungen Machnos für den bevorstehenden spanischen Bürgerkrieg (1936-39) etwas lernen hätte können oder sogar gelernt hat. Beide “Experimente” scheiterten ohnehin, Spanien auch deswegen, weil sich die konsolidierte Sowjetunion in den Bürgerkrieg einmischte.

Viva l´Anarchie: Freiheit ohne Gewalt

Das Vaterland, aber auch die Religion, die vermeintliche Identität der Menschen, all diese Illusionen führen zum Krieg“, bemerkt die Anarchistin Galina Kouzmenko am Tisch zu Durruti und Machno, denn eigentlich steht der Anarchismus für Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit (“An” als Verneinung von “Archia“). Was viele von der Bewegung inspirierte Idealisten allerdings nicht vom Bombenlegen abhielt. Denn allein durch Diskussionen verändert sich bekanntermaßen nichts. Obwohl natürlich die Revolution im Kopf beginnt, wie die Anarchistin Galina es ausdrückt: “Durch Bildung!” Galina Kouzmenko war während der Machnowschtschina Ministerin für Bildung und gerade einmal 35 Jahre alt. Doch dies ist ein langwieriger Prozess, für den es viel Geduld bedarf. Der zweite Band von Viva L’Anarchie! ist ebenfalls bereits erschienen und setzt die spannenden Erzählungen von Machno und Durruti fort. Letzterer führte als “Propagandaktionen” bezeichnete Banküberfälle durch, um die anarchistische Bewegung zu unterstützen, bevor er im Spanischen Bürgerkrieg eine wichtige Rolle spielte. Viva l´Anarchie ist eine interessante Begegnung für lange Diskussionsabende am Küchentisch. Dort wo die meisten Rebellionen und Revolutionen geboren werden und – sterben.

Bruno Loth, Corentin Loth
Viva l´Anarchie
1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno
Aus dem Französischen von Maria Rossi
2024, Hardcover mit Fadenheftung, 23 • 30cm, 80 Seiten
ISBN 978-3-903478-33-6
Bahoe Books
€ 22,00


Genre: Comic, Geschichte, Politik
Illustrated by Bahoe Books

Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories

Gedankenstrahlen” versammelt erstmals Meistererzählungen und Kurzgeschichten der Literaturentdeckung Maria Lazar (1895–1948) aus den späten 30er und frühen 40er Jahren, die zum Teil noch nie veröffentlicht wurden.

Die Wiederentdeckung eines literarischen Talents

Ihre schwarzhumorigen Geschichten, geschrieben am Vorabend der größten Menschheitskatastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, sind auch heute noch brandaktuell und eröffnen geradezu ein Kaleidoskop an Intrigen, Begegnungen, Widersprüchen, Sehnsüchten, Grenzgängen und unerhörten Erfahrungen für alle Leser und Leserinnen. Im Nachwort erzählt der Herausgeber Albert C. Eibl aus Anlass des 130. Geburtstages der “Dichterprophetin” wie es zu der unglaublichen Wiederentdeckung einer Autorin kam, die geradezu eine Wiedergeburt erfährt, nicht nur in den Publikationen des DVB-Verlages, sondern auch auf den Bühnen der Welt und in zahlreichen Übersetzungen im Ausland. Die von Oskar Kokoschka mit einem Papageien porträtierte Schriftstellerin Maria Lazar musste 1933 aufgrund des national-sozialistischen Terrors ins dänische Exil auswandern und schrieb dort u.a. unter einem Pseudonym, Esther Grenen, damit sich ihre Werke besser veröffentlichen ließen. Die Schriftstellerin, Publizistin, Dramatikerin und Übersetzerin nahm schon früh die tektonischen Verschiebungen des gesellschaftlichen Klimas in Mitteleuropa wahr und konnte so noch rechtzeitig fliehen. Die meisten der hier, in “Gedankenstrahlen” veröffentlichten Texte wurden zwischen 1937 und 1942 unter dem Pseudonym Esther Grenen in der renommierten Basler National-Zeitung erstabgedruckt, also schon nach der nationalsozialistischen Machtübernahme.

Geschichten von Reisenden und Heimatsuchenden

“Raskolnikow in der Pension” heißt eine der insgesamt 31 in vorliegendem Band abgedruckten Geschichten und ganz klar eine Anspielung an Dostojewksi’s Schuld und Sühne. Der darin erwähnten Baronin wird allerdings ein anderes Schicksal zuteil und Raskolnikow ist natürlich kein Raskolnikow, sondern nur eine Russe, der sich über einen Vertrag ärgert. Auch “Es spukt im Hotel” spielt im Milieu der Reisenden oder Heimatsuchenden. Geteiltes Schicksal verbindet: “Aus zwei Hotelgästen waren wir zu Kameraden geworden”, schreibt Lazar. In “Der Mann, der die Stimme Gottes hörte” liest ein Ehemann von seiner Ehefrau in der Zeitung: “Sie sei ein leichtsinniges Geschöpf gewesen, ohne Lebensinhalt und inneres Licht, ohne Liebe für ihre Nächsten”. Und das sagte sie noch dazu über sich selbst in einem Vortrag! Als sie beginnt ihm Vorwürfe zu machen, dass er nur an Profit interessiert sei und sich nicht um das Wohlergehen der Menschheit schere, legt er sich eine neue Strategie zurecht: Divorce Proxy. Ein geheimnisvoller Dr. Ambrosius wiederum spielt eine Hauptrolle in “Ein dürftiges Herz”, wo eine Frau mit einem Briefbeschwerer in ihrem Büro erschlagen wird. Besonders oft verwendet Maria Lazar den Ausdruck “Hall”, also nicht das deutsche “Halle”, sondern die auf Englisch ausgesprochene Vorhalle, das Entree. Hier finden die Begegnungen statt. Hier stoßen Fremde auf Fremde und Neugierige auf noch mehr Stoff für ihre Beobachtungen. Ob die Maschine von Leo Pery aus der Titelgeschichte, die Gedanken beeinflussen kann, wohl wirklich funktioniert?

Maria Lazar
Gedankenstrahlen. Erzählungen & Short Stories
Erstmals aus dem Nachlass herausgegeben, ausgewählt und mit einem Nachwort von Albert C. Eibl.
2025, Hardcover mit Surbalinbezug und Lesebändchen, 412 Seiten
ISBN 978-3-903244-31-3.
Verlag Das Vergessene Buch DVB
€26,00


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by DVB Verlag

Das Ende der Demokratie

Das Ende der Demokratie.Werden die Gangs die Welt beherrschen?” Bereits in der 2. Auflage aufgrund der hohen Nachfrage: wen wundert’s? Die aktuelle Lage lässt durchaus an die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergegangenen Jahrhunderts denken. Nur dass das Problem nicht mehr nur Deutschland betrifft, sondern bereits die ganze Welt. Die Demokratie ist international in Gefahr.

It can’t happen now?

Werden die Gangs die Welt beherrschen?” lautet auch der Titel einer Reportage aus dem Deutschland des Jahres 1932 von Dorothy Thompson (1893–1961) in dem sie ein furchterregendes Zitat von Reichskanzler Brüning an den Anfang stellt: “Aber ich kann mir leicht einen Zustand vorstellen, in dem in einem Land nach dem anderen eine rechtmäßige Regierung unmöglich wird; einem Zustand in dem die Menschen einer Art Gangsterherrschaft ausgeliefert sind“, so Brüning. Nur ein Jahr später war es dann wirklich so weit und auch Brüning hatte die Schreckensherrschaft der Nazis, der “Gangster”, nicht verhindern können. Dabei hatte er richtig analysiert, dass neun Zehntel der Bevölkerung bitterarm sind und das letzte Zehntel “uns mit der Zurschaustellung von Luxus empört“. Noch weitaus präziser als Brüning analysiert die Journalistin Dorothy Thompson den Zustand Deutschlands Anfang der Dreißiger Jahre. Sie schrieb vor allem für die Saturday Evening Post, einer Zeitung, die in ihrem Renommee und ihrer Reichweite heute etwa dem New Yorker oder dem Spiegel vergleichbar ist, so Oliver Lubrich in seinem lesenswerten Nachwort. Als Ehefrau des Schriftstellers Sinclair Lewis, der mit “It can’t happen here” (1935) die Chancen des Faschismus in den USA selbst beschrieb hatte sie ohnehin schon ein gutes Standing. Aber mehr brachten es ihr scharfer Verstand und ihre Analysen in die Annalen des engagierten Journalismus. Als Zeitzeugin und auch als Historikerin erfasst sie die paranoide Phantasie von einem “Großen Austausch”, der das einheimische Eichhörnchen bedrohe und macht sie als “Grauhörnchenkomplott” lächerlich.

Demokratie Demontage durch Provinz-Phänomen-Populisten

Getragen sei die nationalsozialistische Bewegung vor allem vom Kleinbürgertum gewesen, der unteren Mittelklasse und nicht den Arbeitern, wie sie bei einer Berliner Sportpalastrede von Goebbels 1931 beobachtete (“Armut de Luxe“). In “Es muss etwas geschehen” porträtiert Dorothy Thompson die deutsche Jugend zwischen Faschismus und Kommunismus. Sie kennt sogar George Grosz und weiß, dass die von ihm karikierten Zeitgenossen alles tun werden, die nationale Wiederaufrüstung Deutschlands zu erreichen und die deutsche Arbeiterklasse zu unterdrücken. Mit “Zwei Seele wohnen auch in meiner Brust”, zitiert die Amerikanerin sogar Goethe und beschreibt diese Seelen als “militaristisch, chauvinistisch, überheblich und aggressiv” und gleichzeitig als Sehnsucht nach einem “idyllischen, wettbewerbsfreien und vereinfachten Leben” (dem alten Bauernleben). Dorothy Thompson bezeichnet den Nationalsozialismus sogar als “Provinz-Phänomen“, der auf einem Stadt-Land Gegensatz und einem Ost-West-Gegensatz beruhe. Eine “Revolution” der Landbevölkerung gegen die Städter und die gefährliche, reaktionäre Ostpreußen hätten den Aufstieg Hitlers ebenso begünstig wie der Erste Weltkrieg. Die Lektion der Geschichte lautet dabei, dass Hindenburg, Papen und Schleicher schon eine Diktatur geschafften hatten, bevor sie Hitler zum Diktator machten. Die Selbstüberschätzung der Konservativen, den Populisten einzubinden, kostete Deutschland die Republik und viele Millionen Menschen das Leben.

Pflichtlektüre für Schulen, Universitäten und die politischen Eliten

Die vorliegende Publikation glänzt durch eine Inhaltsangabe der elf Artikel, eine reiche Bebilderung, Faksimiles der Originalartikel aus der Saturday Evening Post, einem Literatur- und Quellenverzeichnis, Erläuterungen und einer Zeittafel. Der zweite Band erscheint voraussichtlich im Herbst 2026 und versammelt Reportagen aus dem Deutschland der Jahre 1933-34 unter dem Titel “Der Anfang der Diktatur“. Pflichtlektüre für Schulen und Universitäten und absolut empfehlenswert allein aufgrund der Parallelen der aktuellen politischen Entwicklung. Ein zweites Mal sollten sich die konservativen Eliten nicht von Populisten täuschen lassen, es sei denn, sie wollen, dass die Geschichte sich knappe 100 Jahre später exakt genau so wiederholen wird. Ebenfalls bei DVB von Dorothy Thompson erschienen: “I Saw Hitler!” (1932), u.a.

Oliver Lubrich (Hrsg.)
Dorothy Thompson. Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931–1932.
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Oliver Lubrich
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Johanna von Koppenfels
Mit Lesebändchen und zahlreichen farbigen Abbildungen
2026, 2. Auflage, Hardcover, 424 Seiten
ISBN 978-3-903244-46-7
Verlag Das Vergessene Buch DVB
27 Euro


Genre: Faschismus, Geschichte, Politik
Illustrated by Verlag Das Vergessene Buch DVB

Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte

Ich bin kein großer Jäger, meine Frau ist es.” Als erster Comic überhaupt wurde das neue Werk der Wachauerin Ulli Lust mit dem deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. Das will schon mal was heißen. Wer Ulli Lust kennt, wird sich zudem freuen, dass “Die Frau als Mensch” als Zweiteiler konzipiert ist. Man darf sich also jetzt schon auf die Fortsetzung freuen…

“Bist a Bui oder es Mensch?”

In klassischen – für Ulli Lust Kenner ungewohnten – Comicpanels beginnt der neue Comic in der alten Wachauer Heimat der Autorin und Zeichnerin. Dort werden – heute noch – Burschen als “Bui” und Mädchen als “Mensch” bezeichnet. Aber schon nach einigen Seiten ist Ulli Lust wieder in ihrem Element und löst die strengen Linien der klassischen Comicpanels zugunsten ihres eigenen großflächigen Stils wieder auf. Das ist angesichts der Fülle des Materials, das Lust präsentiert, einfach praktischer und hat zudem damit zu tun, dass sie in “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” eben keine klassische Comicgeschichte erzählt, sondern eigentlich ein Sachcomic gestaltet hat, das sich mit der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit beschäftigt und darin die Rolle der Frau(en) in den Mittelpunkt stellt. Lange Zeit wurde nämlich angenommen, dass die Frauen die Sammler und die Männer die Jäger in den sog. Jäger- und Sammlergemeinschaften der Ur- und Frühzeit gewesen seien. Mitnichten. Die Figurinen die aus der Frühgeschichte noch erhalten sind (Venus von Willendorf u.ä.) seien nämlich wahrscheinlich nicht nur von Frauen hergestellt worden, sondern untermauerten auch die führende Rolle der Frau in den prähistorischen Gesellschaften, so eine Interpretation Lusts. Nicht Aggression, sondern Empathie in Verbindung mit Kognition hätten die frühen menschlichen Gesellschaften vorangebracht. Die Interpretation der Frühgeschichte sei allzuoft von männlichen Forschern des 19. Jahrhunderts gemacht worden und widerspiegeln so nur die damaligen (gewünschten) Herrschaftsverhältnisse. Es kommt eben ganz auf den Erzähler an, wie die Erzählung wirklich ausgeht. So viel zur männlichen Wissenschaft.

“Wir sind eine liebesbedürftige Art”

In “Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte” lernen wir etwa über die viel friedlicheren Bonobos, die den Schimpansen – von denen der Mensch anscheinend abstammt – einiges voraus haben. So hätten sie nicht nur Sex mit Frauen, sondern seien auch noch promiskuitiv. Auch die Menschen seien eine “liebesbedürftige Art“, wie Lust schreibt, und bedürften viel Wärme und Zuneigung, wie man an Babys und Kleinkindern sehen könne. “Kein Lebewesen auf der Welt reift so langsam wie ein menschliches Kind“, zitiert Lust die US-amerikanische Anthropologin Sarah Blazer Hrdy. Auch die Neigung, Fremden vertrauensvoll zu begegnen, sei im Tierreich ungewöhnlich. Für den Mensch – damals eine verschwindende Minderheit – jedoch ein überlebensnotwendiger Vorteil. Was internationale Konzerne in Afrika angerichtet haben erzählt Ulli Lust am Beispiel der Khoisan, eine Sammelbezeichnung für die ältesten indigenen Völker des südlichen Afrikas am Beispiel Botswanas. Wilderei ist sogar heute noch ein Problem und zerstört nicht nur die Lebensgrundlagen der Khoisan, sondern auch die der Tiere. Als Comiczeichnerin legt Ulli Lust auch Gewicht auf die Höhlenmalerei, die teilweise älter als 48.000 Jahre alt sind und zeigen, dass der Wille Geschichten zu erzählen schon bei den Urmenschen ein ureigenes Bedürfnis war. Ein weiterer interessanter Exkurs, ist wie Ulli Lust die Malitsa erklärt, die Kleidung der Nenze aus reinem Rentierfell, die vor Temperaturen von bis zu -62 Grad schützt. Auch die Bedeutung des Feuers und der Schamaninnen – die japanischen Ainu nannten ihre toten Ahnen “die unter dem Feuer wohnen” – wird hervorgehoben und auf ansprechende Weise zeichnerisch dargestellt.

Die Weitergabe des Feuers

Teil 2: Die Schamaninnen

Mongolische Ureinwohner hätten gesagt: “Die Seele des Feuers ist ein freches Mädchen, das dem, der gut zuhört, Geschichten erzählen kann” und genau da hat auch Ulli Lust getan. Und für alle die es immer noch nicht glauben wollen, dass Comics die 9. Kunst sind zitiert Ulli Lust auf ihrer allerletzten Seite Berufskollegen und Comiczeichnerveteran Alan Moore: “Ich glaube Magie ist Kunst und Kunst ist buchstäblich Magie. (…) Kunst ist wie Magie, die wissenschaftliche Symbole, Wörter oder Bilder zu manipulieren und um Bewusstseinsveränderungen zu erreichen.” Tradition ist eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Teil 2 “Die Frau als Mensch: Schamaninnen” erscheint bei Reprodukt im Februar dieses Jahres.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte
2025, Hardcover, 256 Seiten, farbig, 19,3 × 26 cm
ISBN 978-3-95640-445-0
Reprodukt Verlag
€29,00


Genre: Comic
Illustrated by Reprodukt, Reproduktionen

Batman – Full Moon

Wenn Vollmond ist, kommt heraus…was in mir ist.” Die Zeit der Supermonde ist auch im Batman Black Label angekommen. Eigentlich wollte Autor Rodney Barnes einen Vampirbatman, doch dann bemerkte er, dass es noch nie einen Werwolfbatman gegeben hatte. Und siehe da:  Batman – Full Moon!

Einmal im Monat: Der Werwolf in uns

Einmal im Monat wird der ehemalige Soldat Christian Talbot in den Werwolf verwandelt. Er tötet alles, was er zu fassen kriegt und macht auch vor Freunden oder SozialarbeiterInnen keinen Halt. Es ist die Natur in ihm, die hervorbricht und gegen die er sich nicht wehren kann. Seine Krankheit, im Fachjargon Lykanthropie, versucht er bei Wayne Pharmaceuticals in Gotham behandeln zu lassen, aber nada. Außer einem großen Malheur kein Ergebnis. Batman, der selbst nicht so ganz an die Lykanthropie als Legende eines von einem Fluch befallenen Menschen glauben will, beauftragt den Forscher Dr. Kirk Langstrom, der auch als Man-Bat bekannt ist. Weitere Schützenhilfe bekommt der Dunkle Ritter auch von seiner Freundin Zatanna, die sich u.a. gegen die sexistischen Übergriffe von Constantine wehren muss. “Menschen die nicht zu den 1% gehören, gehen jeden Tag mit Elend um. Mit erhobenem Haupt und Würde.”, klärt Zatanna den Millionärssohn Wayne bei ihrer gemeinsamen Wanderung durch Rumänien auf.

Der Werwolf im Bat-Kostüm

Ein einfaches `Fuck off´ hätt’s auch getan“, meint der ansonsten als distinguierter Gentleman bekannte Commissioner Gordon zu Alfred Pennyworth. Denn als auch Batman von dem “Virus” befallen wird, heißt es Loyalität zu zeigen. “Trauer ist Liebe, die kein Ziel hat, ich hab sie und meine Wut darauf gerichtet, Gotham – die ganze Welt – zu einem besseren Ort zu machen.“, weiß Bruce Wayne, der selbst einige große Opfer zu beklagen hat. Die Werwolf-Geschichte von Autor Rodney Barnes wurde von Zeichner Stevan Subic zappenduster in Szene gesetzt, wovon man sich hier gerne selbst überzeugen kann. Erwähnenswert sind hier auch die Variant-Covers am Ende der Erzählung und natürlich ein heulender Vollmond mit ganz viel oranger Blutfarbe und nachtwandlerischer Atmosphäre.

Rodney Barnes/Stevan Subic
Batman – Full Moon
(Original Storys: Batman: Full Moon 1–4)
2025, Softcover, 152 Seiten,
ISBN: 9783741645785
Panini Verlag
20,00 €


Genre: Comic
Illustrated by Panini Comics

Venedig unterm Doppeladler

Venedig unterm Doppeladler

Venedig unterm Doppeladler. San Geminiano, das harmonische Gegenstück der Renaissance zur byzantinischen Opulenz der Basilika von San Marco, musste den Plänen eines machthungrigen Potentaten weichen: Napoleon plante einen Ballsaal an der Stelle der 1000-jährigen Kirche und ließ sie kurzerhand abreißen. Auch das erinnert an die Gegenwart, in der wir glaubten die Tyrannen der Welt bereits abgeschüttelt zu haben.

Von Napoleons Gnaden

Einer dieser Tyrannen war Napoleon, zumindest wenn man den Ausführungen Werner Stanzls Glauben schenken darf. Aber ohne Napoleon wäre Venedig wohl niemals zu Österreich gekommen. Und genau davon handelt diese reich bebilderte Geschichte, mit Quellenangaben, Fotos, zeitgenössischen Gemälden uvam. Auch eine Reihe weiterer wichtiger Kirchen und Bürgerhäuser mussten den ehrgeizigen Plänen des kaiserlichen Banausen und Emporkömmlings in Venedig weichen. Napoleon ließ nämlich einen Park erbauen, da wo sich heute die Giardini befinden. Neben den baulichen Veränderungen verlangte der Kaiser der Franzosen aber auch Kriegsreparationen: Zahlung von drei Millionen Turineser-Lire (520 Millionen Euro) an die Armee, Übergabe der Schifssausrüstungen im Wert von weiteren drei Millionen, zwei Fregatten, vier Linienschiffe und die Übernahme der Stationierungskosten. Neben einer Reihe von Gemälden von Paolo Veronese und Gentile Bellini sowie weiterer unschätzbarer Kunstgegenstände, die Napoleon in den Louvre entführte, stahl er auch noch die Pferde von San Marco, die Quadriga, das Symbol des Römischen Imperiums, das die Venezianer selbst in Konstantinopel (Istanbul) gestohlen hatten.

Venedig und Lombardo-Venetien

Der bejubelte Einstand der Österreicher, die 1815 die Quadriga aus dem besiegten Frankreich wieder in das von ihnen besetzte Venedig zurückbrachten, schrieb Geschichte. Dennoch waren die Österreicher nicht minder beliebt wie die plündernden Franzosen, die Österreich gerade einmal “den Rest” von Venedig überlassen hatten. Österreichs Kaiser Franz I. stand ohnehin nicht nur in Venedig vor einem Trümmerhaufen. Einer dieser vielen Trümmerhaufen war auch eine überlebensgroße Statue Napoleons am prominenten Markusplatz Venedigs, Piazza San Marco, die ihn als Athleten nach der Dusche mit ausgestrecktem rechten Arm zeigte, ganz so als würde er prüfen ob es regnet. Die Eilands abgerissene Statue war den Venezianern selbst “raganella” (Wetterfrosch) getauft worden. Um die darniederliegende venezianische Wirtschaft zu einem Aufschwung zu verhelfen und Investoren anzulocken, erklärte Kaiser Franz I. Venedig zum Freihafen, aber die “Beibehaltung der Verbrauchssteuer für einige Güter des Grundbedarfs und die Monopolgüter Salz und Tabak dämpfte bald die ursprüngliche “Begeisterung” der Venezianer. Auch die Einführung der Stockhiebe mittels Schlagstock zur Erpressung von Geständnissen Beschuldigter stieß verständlicherweise auf wenig Gegenliebe.

Venedig: Ein Versäumnis

Zudem erfuhr die versprochene Beendigung der Zwangsrekrutierung (unter Napoleon waren 27.000 Venezianer im Russlandfeldzug umgekommen) eine Reformierung: 3000 Soldaten verlangte der Kaiser nun doch vom “Veneto”. Auch dass Mailand und nicht Venedig – jahrhundertelang der Nabel der Welt – zur Hauptstadt der kaiserlichen Provinz Lombardo-Venetien ernannt wurde, erzürnte die Venezianer aufs Äußerste. Der gelernte Journalist und Dokumentarfilmer Werner Stanzl zeigt die sieben Jahrzehnte österreichischer Herrschaft in Venedig vor allem als Versäumnis. Nach der versuchten Revolution von 1848 wurde unter dem 19-jährigen Kaiser Franz Josef alles noch viel schlimmer: er gebärdete sich als War Lord und ließ Feldmarschall Radetzky alles niederkartätschen. Durch die Niederlage gegen Preußen und das Risorgimento ging Venedig dann an das Königreich Italien – als exterritoriales Gebiet.

Werner Stanzl
Venedig unterm Doppeladler.
Zwischen Arrangement und Kolonialismus
2024, Hardcover, 1. Auflage, 272 Seiten
ISBN: 978-3-99103-022-5
KRAL Verlag
39,90 EUR


Illustrated by Kral Verlag

Die Punks in der Wiener Gassergasse

Die Punks in der Wiener Gassergasse. “GAGA”, das stand in Achtziger Jahren in Wien weder für Lady noch für Radio, sondern für das erste selbstverwaltete Punk-Projekt in der Gassergasse im 5. Wiener Gemeindebezirk. Aber gerade als der Autor mit seiner Feldstudie begann wurde es auch schon wieder beendet. Die Räumung der GAGA jährte sich 2023 zum 40. mal.

Wiener GAGA-Punk als Lebensstil

Wien und Punk? Gemeinhin wird ja eher London damit assoziiert, als die verschlafene Walzerstadt an der Donau. Aber Herbert Grabner, der Verfasser der hier vorliegenden soziologischen Diplomarbeit, zeigt wie bunt Wien schon damals war und fängt die Aufbruchstimmung der Punk-Welle ein, noch bevor sie völlig in der Kalten Krieg Atmosphäre der Achtziger verendete und verebbte. Der Autor gibt den Leser:innen Einblick in die Lebenswege und Einstellungen der Jugendlichen, die sich für The Clash, Sex Pistols u.ä. auch in Wien begeistern konnten. Mehr noch war Punk allerdings auch ein Lebensstil vor allem für Jugendliche, die aus desolaten Elternhäusern geflohen waren und versuchten, sich etwas Eigenständiges aufzubauen. Neben der soziologischen Einleitung und Heranführung zum Thema durch Erklärung der angewandten Methodik ist das Kernstück seiner Arbeit der Interviewblock mit zwei Exponenten und einer Exponentin, damals ca. 19 Jahre alt. 40 Jahre nach Veröffentlichung einer Kurzfassung in der österreichischen „Zeitschrift für Soziologie“ liegt hier nun auch die gesamte, redigierte Fassung der Diplomarbeit für eine interessierte Öffentlichkeit vor und kann über die Homepage der engagierten “Bibliothek der Provinz” erworben werden. Eine gute Möglichkeit also, sich wieder mit Utopien zu beschäftigen und sich nach Alternativen zur heutigen Konsumwelt zu informieren. Auch wenn die Bilanz für manche dann vielleicht etwas ernüchternd ausfällt.

“…des is (k)a Witz”

Das „Autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse“ im 5. Wiener Gemeindebezirk, meist kurz „Gaga“ genannt, war von den Jugendkrawallen in Zürich, Berlin, Brighton, London etc., inspiriert. Es beherbergte in der Hoch-Zeit bis zu 30 Initiativen. Die Stadt Wien (nach Schweizer Vorbild) unterstützte vorerst das auf einem ehemaligen Industriegelände ein „Freiraum“ für diverse Außenseiter der Gesellschaft etabliert werden sollte. Die „lumpenproletarische Selbstinszenierung“ der Punks beruhte auf einer ideologischen Ausrichtung gegen Konsum und Besitzansprüche und sympathisierte mit Revolte und Anarchie, Drogenkonsum und Delinquenz, wie auch Rolf Lindner in der Einleitung erläutert. Die Jugendlichen der GAGA stellten die “Legitimität der herrschenden Kulturideologie in Frage” und stellte sich mit einem langfristig nicht überlebensfähigen Modell in Totalopposition. Einerseits stigmatisierten sie sich als “häßlich”, andererseits hatten sie genau diese Fremddefinition auch bereitwillig übernommen. Zusätzliche Authentizität bekommt die Untersuchung von Grabner durch umgangssprachliche Zitate der drei Interviewpartner im Wienerischen. Viele Fotografien aus der GAGA und ihren Bewohnern:innen ergänzen die inhaltlichen Ausführungen zu Geschlechterparität, Schnorren als Job und dem Traum einer anderen Welt ohne Konsumdenken. “i hab des erste Mal im meinen Leben a haus ghabt, und jetzt is des alles aus”, sagt einer und spricht aus, was sich viele denken. Statt die Jugendlichen einzuschüchtern, hätte es vielleicht geholfen, ihnen zuzuhören. Herbert Grabner tat es und das liest sich auch heute noch gut.

Herbert Grabner
Die Punks in der Wiener Gassergasse
Eine soziologische Feldstudie aus dem Jahr 1983/1984
19×12,5 cm, 200 Seiten, zahlr. S/W-Abb., fadengeheftetes Hardcover
ISBN: 978-3-99126-221-3
Bibliothek der Provinz
22,00 €


Genre: Feldstudie, Postpunk, Sozilogie, Soziologie, Wien