Männer, Väter, Patriarchen. Männer vor und nach der Vaterschaft beschäftigen den Vater eines Sohnes Augustine Sedgewick. An der Harvard University promovierte er mit Forschungen zur globalen Geschichte des Kapitalismus, der Arbeit, des Essens und der Familie u. a. Außerdem eine Kulturgeschichte des Kaffees.
Vaterschaft an ausgewählten Beispielen
Anhand berühmter Beispiele aus der Geschichte – wie etwa Aristoteles, Augustinus, Heinrich VIII., Jefferson, Emerson, Thoreau, Darwin, Freud, Dylan – exemplifiziert Sedgewick wie Väter die Welt durch das Patriarchat prägten. In Hammurapis Gesetzestafeln sieht Sedgewick die “früheste Institutionalisierung des Patriarchats, verewigt in dem monumentalen phallischen Stein”. Aber auch die Schrift, das Privateigentum, Staatsformen, Religion und die patriarchalisch geprägte Familie dürften in jener fernen Zeit im Zwischenstromland entstanden sein oder zumindest ihren Ursprung nehmen (18.Jhdt v. Chr.). “Der Körper der Frau ist das Terrain auf dem das Patriarchat errichtet wurde“, ruft die von de Beauvoir beeinflusste Adrienne Rich dem Patriarchat hinterher oder wie John Lennon es ausdrückte: “Woman is the nigga of the world”. Aber wie kam es eigentlich dazu, dass plötzlich der Penis das Maß aller Dinge wurde? Augustine Sedgewick setzt bei seiner kleinen Kulturgeschichte der Vaterschaft bei Einzelfällen an, gibt er natürlich ihr soziales Umfeld ebenso an wie persönliche Bezüge. “Immerhin konnten Mütter sicher sein, dass ihre Kinder auch tatsächlich ihre eigenen waren“, schreibt Sedgewick im Aristoteles Kapitel in dem er Sokrates, Platon und Aristoteles, der immerhin dem größten Feldherrn aller Zeiten, Alexander, diente. Phallische Macht ließ dieser sogar seinen Neffen, den Historiker Kallisthenes, spüren. Als dieser sich weigerte Alexander als Gott zu verehren ließ er ihn kurzerhand hinrichten.
Zuversicht über die Zukunft der Vaterschaft
Auch einige Jahrhunderte später, im Falle Sigmund Freuds, spielt das Vatersein immer noch eine große Rolle. Der “goldene Sigi” – wie seine Mutter ihn nannte wohlweislich nicht weil er auf den elterlichen Teppich uriniert hatte – erklärte es für normal, seinen Vater zu verachten. Immerhin erfand er wenig später ja den Ödipuskomplex, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete – allerdings ohne etwas davon zu wissen. Antigone – Tochter und Halbschwester zugleich – pflegte den sich selbst geblendeten Ödipus dann bis zum Lebensende. “Wir sind die Nachkommen einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern“, resümiert Freud schließlich die Menschheitsgeschichte in “Totem und Tabu”. Auch Freud, der am Ende seines Lebens an einer Gewebsnekrose in der Mundhöhle litt, wurde von seiner Tochter Anna bis zum Ende gepflegt. Vielleicht hätte sich das auch Bob Dylan gewünscht, der immerhin vier Kinder mit seiner großen Liebe Sara zeugte. Für sie hatte er zwischen 1966 und 1973 seine Karriere fast aufgegeben und war in die Rolle des Vaters geschlüpft. Auch von ihr erwartete er aber die klassische Mutterrolle, was dazu führte, dass er sie ganz dem patriarchalen Modell verpflichtet schlug und sie die Scheidung einreichte. Damit war es vorbei mit dem traditionellen Familienbild und Dylan begab sich auf die seither anhaltende Never Ending Tour. Das Resümee von Sedgewick fällt gar nicht so schlecht aus: die Vaterschaft heute sei der der Mutterschaft immer ähnlicher geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hätte es so viele aktive Väter gegeben, vielleicht auch deswegen, weil man diese heutzutage einwandfrei nachweisen kann. Jetzt wissen auch die Väter über ihre Kinder Bescheid und – ecce homo! – nehmen ihr Rolle aktiver wahr.
Augustine Sedgewick
Übersetzt von: Holger Hanowel
Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht
Eine überraschende Geschichte der Vaterschaft
2026, Hardcover, 362 Seiten
ISBN: 978-3-15-011486-5
Reclam
30,00 €


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