Selbst Theodor Roosevelt, der amerikanische Präsident (1901-1909) nachdem auch der Teddybär benannt wurde, sah sich einer Nervenkrankheit ausgesetzt, die damals, 1869, als Neurasthenie und von dem Psychologen William James gar als “Americanitis” bezeichnet wurde, ausgesetzt. Die Nervenstörung – heute als Born-Out identifiziert – war wohl der Ersten Turboglobalisierung geschuldet, das damalige Zentrum: London.
Eine Überforderung durch “Americanitis”?
Die Zweite Turboglobalisierung, in deren Mitte wir uns heute laut Autor befinden, hat als Zentrum natürlich New York und die Wall Street, wo alle Aktiengeschäfte der Welt zusammenlaufen. Dafür, für die dadurch ausgelösten Krisen und Ängste, wurde auch der Begriff “Globophobia” geprägt. Im Zentrum der Angst steht der Verlust des Arbeitsplatzes und die Verlagerung industrieller Produktion in Billiglohnländer. Aber viel schwerer wiegt wohl noch die Unterhöhlung der parlamentarischen Demokratie, die heutzutage selbst in ihrem Mutterland stark angefochten wird. Wer die USA nicht als solches bezeichnen möchte, sondern Frankreich, stößt auf dasselbe Problem: auch hier ist die russlandfreundliche Recht auf dem Vormarsch, ebenso in Ländern wie Ungarn, Slowakei, Tschechien und demnächst vielleicht auch wieder Österreich? Das reich bebilderte Essay von Oliver Rathkolb, langjähriger Professor und Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte in Wien, zeigt in seinem neuen Buch Parallelen und Unterschiede zwischen der Ersten und Zweiten Turboglobalisierung auf. Während die Erste auf “der Ausbeutung der Kolonien mittels Sklavenwirtschaft bis weit in das 19. Jahrhundert hinein” (12 Millionen verschleppte Sklaven) beruhte, sei die Zweite Turboglobalisierung vor allem durch New Media et al und das Zurückfallen Europas gekennzeichnet. Das Grundproblem Euroas hatte schon der Reiseschriftsteller Mark Twain richtig erkannt: “starre autoritäre politische Strukturen, wenig Risikokapital und eine sehr verspätete und langwierig bürokratische Patentgesetzgebung, die es in den USA bereits seit 1790 gab.
Nichts weniger als die Zukunft Europas
Dieses Hinterherhinken Europas wurde besonders im Internetzeitalter schlagend, in dem selbst asiatische Staaten Europa links liegen ließen. Auch der “demographische Abstieg” Europas, der nur durch kontrollierte Migration gelöst werden könnte, spielt natürlich eine Rolle. Dass ausgerechnet die Sozialdemokratie zum willigen Vollstrecker der Zerschlagung des Sozialstaates und damit zu Agenten des Neoliberalismus wurde (Blair, Schröder, etc.), tragen ihr die Wähler:innen bis heute noch und erklärt ihre Misere und den Vormarsch rechter Parteien und ihres Wir-zuerst-Nationalismus. Das Bild das Europa heute, mitten in der Digitalen Revolution biete, sei dementsprechend gleichzeitig “ernüchternd und erschreckend“, so Rathkolb. “Weder im ökonomischen Bereich noch in der politischen Kontrolle hat sie die EU durchsetzen können und hängt völlig von US-Konzernen ab. Die Europäer sind zu einem Konsumenten geschrumpft (…).” Dabei wären unsere Voraussetzungen gar nicht so schlecht. Mit 4,3 Millionen Quadratkilometer im Vergleich zu USA und China zwar das kleinste Territorium (Russland hat 17,1) ist Europa mit einer Bevölkerung von 451 Menschen neben Indien (1,64 Mrd) und China (1,41 Mrd) ein absoluter Spitzenreiter. Das BIP mit 16,8 Mrd gegenüber dem der USA mit 27,7 Mrd zwar etwas bescheiden, aber im Vergleich zum schwachen Russland mit 2,02 Mrd, doch überragend. Wirtschaftlich eine Großmacht, ein Riese, aber politisch eben weiterhin ein Zwerg. Rathkolbs Hoffnung für Europa liegt für ihn “eindeutig im Globalen Süden“, aber auch eine wertorientierte Außenpolitik, die auf demokratiepolitischen Standards und der Einhaltung der Menschenrechte basiert, sind vielsprechend. Denn diese Leerstelle hat die USA gerade abgegeben.
Alle Zahlen wurden aus dem Buch übernommen. Aufgrund des sehr weit gefassten Themas ergeben sich zwar gewisse thematische Unschärfen, aber dennoch ist der Grundtenor gut getroffen: ein Aufruf an die europäischen Eliten mehr Innovation zu ermöglichen, um “den starken Mann” doch noch zu verhindern und eine Wiederholung der Geschichte von vor 100 Jahren zu verhindern. Die Überforderung durch das Internet (oder eine neue “Americanitis”) sollte den Ruf nach einem starken Mann der Ordnung macht im Chaos nicht noch lauter werden lassen…
Oliver Rathkolb
Ökonomie der Angst
Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
2025, Hardcover, 304 Seiten
ISBN:9783222151538
Molden Verlag
€ 33,00




Das Ende der Demokratie. “Werden die Gangs die Welt beherrschen?” Bereits in der 2. Auflage aufgrund der hohen Nachfrage: wen wundert’s? Die aktuelle Lage lässt durchaus an die Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergegangenen Jahrhunderts denken. Nur dass das Problem nicht mehr nur Deutschland betrifft, sondern bereits die ganze Welt. Die Demokratie ist international in Gefahr.
1. Mai: “Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden, was wir wollen!” Natürlich verdanken wir den 1. Mai nicht einer oder mehrerer Personen, sondern einer Bewegung. Denn die Bewegung für den Acht-Stunden-Tages war international und bestand aus Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten und christlichen Sozialreformern. Einige davon standen in Folge der Ereignisse des 4. Mai von 1886 in Chicago vor Gericht und wurden für etwas verurteilt, das sie nicht verbrochen hatten. Die anderen bekamen seither den 1. Mai dafür.
Die Doppelte Frau und das Rätsel Betty Steinhart. “Ach, das ist so lange her. Ich weiß es nicht mehr.” Das Foto-Atelier Carl Ellinger hat die harten Zeiten des Ersten Weltkriegs überlebt und reüssiert zum Porträtstudio der neu erstehenden Salzburger Festspiele. Seit den 20er Jahren der Inbegriff österreichischer Wesensart und Kultur sind die Festspiele mit ihren Stars zahlkräftige Kundschaft im Atelier. Aber wer machte eigentlich die Fotoporträts? Beate Thalberg weiß es!
Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat. Mit einem neuen Kapitel. Das schon 2023 zum Bestseller avancierte Sachbuch des außenpolitischen Korrespondenten der ZEIT wird 2024 mit einem neuen Kapitel zur Stabilität von Putins Herrschaft nach dem Aufstand und Tod Prigoschins neu aufgelegt. Michael Thumann ist einer der besten Russlandkenner und lebt in Moskau.








Die ursprüngliche Idee entstand schon 1923, als der junge Redner aus Los Angeles eine monatelange Reise um die Welt unternahm. Damals noch mit dem Schiff. Hall umrundete Ägypten, China und Indien und vertiefte sich in philosophische und religiöse Geschichten und Praktiken dieser Länder. Sieben Jahre soll er dann an seinem Werk gearbeitet haben, das nun als minutiös restaurierte Version von Halls “Großem Buch” beim TASCHEN Verlag, rund 100 Jahre nach seinem Entstehen, vorgelegt wird. 1934 gründete Hall die Philosophical Research Society (PRS), deren Präsident er bis zu seinem Tod war. Die Philosophical Research Society verfolgt weiterhin seine Mission, die Quellen für all diejenigen zu erforschen, die grundlegendes und praktisches Wissen für das 21. Jahrhundert suchen. Laut ihren Statuten ist die PRS auch heute noch “dedicated to the ensoulment of all arts, sciences, and crafts”. Halls Vermächtnis wird von der PRS mit folgenden Worten zusammengefasst: “With faith, honesty, and common sense we can build a better world than any we have known.”
Das Begleitbuch ergänzt das Werk mit Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel der Secret Teachings sowie neu entdeckten Kunstwerken, seltenen Fotografien aus Halls Archiven und Essays von den Journalisten Mitch Horowitz und Jessica Hundley.






Triest für Fortgeschrittene. Die “südlichste Stadt des Nordens“, war und ist ein Freihafen, der immer schon Venezianer, Griechen, Slowenen, Serben, Juden, Armenier und Norddeutsche sowie allerhand “Abenteurer, Hochstapler und Parvenüs, Künstler, Dichter, Philosophen und Intellektuelle” anzog, schreiben die Autoren, wobei Bernard eher die Texte und Desrues eher die Fotos beisteuerte.
Besondere Anlässe braucht Helga Schubert nicht, die Geschichten sind alle schon da und werden durch eine Beobachtung, eine Begegnung, ein Datum oder eine Zeile freigesetzt und aufgeschrieben. „Wenn ich betrachte, dann muss es um mich herum still sein. Es muss auch in mir still sein. Denn ungehindert dringt das Gemälde, das Menschengesicht, das Gedicht in mich und sagt zu mir: Sieh mich an, höre mir zu, lass dich anrühren, lass dich erinnern an alles, was du schon weißt, was dich erschüttert hat“.