
Der Begriff „Remake“ ist vor allem in Zusammenhang mit Neuverfilmungen älterer, irgendwann bereits verfilmter Stoffe geläufig. In der Musik ist die Neuinterpretation vergangener Hits auch gang und gäbe, manche nennen es auch Covern. Aber das gibt es auch in der Literatur. Und man kann dafür sogar einen Pulitzer-Preis gewinnen.
So geschehen bei Barbara Kingsolver. Die renommierte US-Schriftstellerin lebt und arbeitet auf der eigenen Farm in Washington County, Virginia. Obwohl sie hauptberuflich Autorin ist, betreibt sie den Hof aktiv. So sagt man. In Ihren Werken scheut sie sich nicht, mit dem Finger auf vordringliche gesellschaftliche Probleme zu zeigen, wie ungleichen gesellschaftlichen Wandel, mangelhafte politische Verantwortung, gestörte Verbindung zwischen Mensch und Natur und fehlende soziale Gerechtigkeit.
Kingsolvers Roman ist eine moderne Nacherzählung von Charles Dickens’ Klassiker „David Copperfield“. Während Dickens im viktorianischen England spielt, versetzt Kingsolver die Geschichte in die USA von heute und thematisiert unter anderem Pflegekinderschicksale, oft unverschuldete Opioidabhängigkeit, inter- und intrafamiliäre Konflikte und das Leben am Rand der Gesellschaft.
Auf ihrer Farm hat die Autorin neben Ackerbau und Viehzucht offensichtlich viel Zeit zum Schreiben. Die Geschichte von Demon Copperfield – der eigentlich Damon Fields heißt (zu deutsch „Felder“!) – erstreckt sich über stattliche 864 Seiten oder 2,2 MB. Also schon einmal eine gute Investition, da es viel Buch fürs Geld gibt.
Und es läuft eine ganze Weile auch richtig gut.
Es ist in weiten Teilen des Buches beeindruckend, wie die siebzigjährige Schriftstellerin keine Mühe hat, sich in das Denken und die Ausdrucksweise eines vielleicht acht- bis zwölfjährigen Jungen hineinzuversetzen. Der Underdog-Slang ist maximal authentisch, vielleicht mit einer leichten Beimischung Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als Leser fühlt man sich direkt angesprochen, als wäre man Demon’s gleichaltriger Kumpel. Und das ist beim Lesen ohne Zweifel eine ganze Weile „verdammt nochmal voll cool, Mann …“. Vielleicht hat die Autorin in ihrer Jugend mal ein paar Jahre in der Bronx verbracht.
Mit dem Heranwachsen des Protagonisten ändert sich nicht nur der Stil des Buches, sondern die Story wird spürbar langatmiger und langweiliger. Die Sprache wird reifer und erwachsener. Leider schleichen sich auch die ein oder anderen sachlichen Fehler ein. Vor allem bei medizinischen Aspekten hat Kingsolver schlecht recherchiert. Die Versorgung einer akuten Knieverletzung ist ebenso falsch dargestellt wie die Gewinnung injizierbaren Fentanyls aus den gleichnamigen Pflastern. Gut dagegen hat sie ausgeführt, wie der unkritische Einsatz morphinähnlicher Schmerzmittel viele Menschen über Jahrzehnte in die Drogenabhängigkeit trieb. Und vielleicht noch treibt.
Gibt es eine Message to take home? Ist man als Kind einer drogenabhängigen Mutter wirklich ohne Perspektive, zur Ausweglosigkeit verdammt? Zieht sich Janis Joplins „Nothing Left to Lose“ wirklich unabdingbar durch das ganze, verdammte Leben, Mann? Oder hat Demon seine Chancen, die es durchaus gab, einfach nicht genutzt? Oder war er aufgrund seiner Startvoraussetzungen dazu einfach nicht in der Lage?
Obwohl das niemand propagiert, scheint das Buch von Barbara Kingsolver vor allem an Adoleszente adressiert zu sein. Aber dafür ein Pulitzer-Preis? Ein Fleißkärtchen wäre auch ok gewesen.


“Im Herbst wird man immer ein wenig atemlos von der Schönheit, die man so besonders nur jetzt mit allen Sinnen aufnimmt“, sagt Peter, der Poet. “Das sind die leuchtenden Tage, die am Ende entscheiden, ob ein Leben gut war oder nicht“, erwidert Paula, die Sinnliche. Bei einem ersten Spaziergang prickelt es zwischen den beiden schon und das mag nicht nur am Wein liegen. Ein Kuss am Friedhof, was für Peter immer ein Spielplatz der Kindheit war und immer noch, Jahrzehnte später, das Gefühl des Nachhausekommens bei ihm auslöst, verbindet die beiden. “Manches muss ja im Herbst gesät werden“, sagt Peter hoffnungsvoll, “dass es im Frühjahr blüht und Frucht im Sommer trägt“. Aber Paula zögert noch, ziert sich, denn sie will vor allem den Moment, den Augenblick genießen und sich nicht zu viele Gedanken über die Zukunft machen. Ein gemeinsames Wochenende haben sie und so mieten sie sich zwei Fahrräder und genießen den Herbst und seine “tausend Schattierungen“. “Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er Glück oder Wehmut, Abschied oder Anfang bedeutet”, meint Peter verheißungsvoll, doch dann taucht plötzlich eine Katze auf, die alles verändern wird. Vor allem das Leben der beiden.
Eine bestechende Geschichte, bebildert mit verführerischen Illustrationen, die das schöne Leben genauso feiern wie die Liebe. Die Leichtigkeit des Seins zelebriert mit einem rührenden Ende. Eine Katze müsste man sein. Oder zumindest wieder einmal ein paar solcher Katzentage erleben.
Was sagen Ihnen die folgenden Namen? Frank Zappa, Jackson Browne, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Herman’s Hermits.
Juno, die Erzählerin, ist Anfang Fünfzig. Sie lebt mit Jupiter, ihrem seit Jahren bettlägerigen Mann in einer kleinen Wohnung in Leipzig. Er ist Schriftsteller, sie freiberufliche Performancekünstlerin, die, nicht nur zu Coronazeiten, gerne häufiger Engagements hätte.

„Spannend… intensiv, verführerisch, erotisch…“, so überschlagen sich Literaturkritiker diverser renommierter Medien bei ihren Rezensionen zu Euphoria. Kombiniert mit dem Wortklang des Titels und dem nach einem fiktiven Pseudonym klingenden Namen der Autorin verführen spätestens Keywords aus der Inhaltsangabe wie „Dreiecksbeziehung in exotischem Setting“ zu völlig unzutreffender Kategorisierung. Also Vorsicht vor voreiligen Schnellschlüssen, denn das Buch bietet aus diesem Genre relativ wenig, aber dafür viel mehr Höherkarätiges.







