Prominente Männer wurden von Torsten Körner schon oft beschrieben, von Heinz Rühmann über Beckenbauer zu Willy Brandt gibt es Biografien. Dabei ist als Beifang so viel Material über in der bundesdeutschen Politik aktive Frauen zusammengekommen, dass es nun ein eigenes Buch brauchte. Es erschien 2020, inzwischen gibt es auch den Film Die Unbeugsamen, der im Mai 2021 herauskam.
Um die Sicht der Frauen zu erfassen, las Körner verfügbare Aufsätze und Biografien, wenn möglich, interviewte er Protagonistinnen, manche waren über neunzig Jahre alt. Die Literaturliste umfasst sieben Seiten. Als Bildmaterialien dienen ihm für die Zeit der Gründung der Bundesrepublik die Wochenschauen. Diese waren, wie zur Nazizeit, staatliche Medien und Adenauer, mit dem es begann, wusste sie zu nutzen.
Frauen brauchte er nicht zum Regieren. Als ein Sitzstreik der weiblichen CDU/CSU Abgeordneten ihn zwang, 1961 als Alibi die Ministerin Dr. Elisabeth Schwarzkopf im Kabinett zuzulassen, redete er sein Kabinett weiterhin als „seine Herren“ an.
Die Darstellung geht chronologisch vor, in 18 Kapiteln werden die Frauen vorgestellt, mit einer Fülle von Zitaten, wie mit und über sie gesprochen wurde. In den Anfangsjahren geht es um die Familienpolitik von Wuermeling, die Körner als: „Familie als Vätergenesungswerk, als Vorschein des Paradieses für Männer auf Erden“ beschreibt. Wie Frau Schwarzkopf die Sicht der Herren, in einer Ehe müsse der Mann das Sagen haben, präzise hinterfragt, ist nur ein Beispiel dafür, wie Frauen das Niveau der Debatten erhöht hatten.
Manchen Kapiteln werden Merksätze vorgestellt, etwa „Was Du erbst von deinen Müttern, das musst du bewahren. Du musst weitermachen, damit es fest ist.“ von Ursula Männle (CSU), deren Biografie in Buch und auch im Film Raum erhält.
Sie war eine Sarghüpferin: wie damals oft, wurden Frauen in der Liste weiter hinten geführt und rutschten ins Parlament, wenn der Platzhalter gestorben war. Ihre Haltung war parteienübergreifend frauenfreundlich, früh begann sie, sich mit anderen Frauen zu treffen, mit Renate Schmidt (SPD) und Waltraut Schoppe (Grüne), erst im Büro, später öffentlich in der Kantine. Da dies argwöhnisch von den Männern beäugt wurde, hat irgendwann Renate Schmidt Frau Männle angeboten: „Soll ich Dich mal wieder beschimpfen, damit deine Männer dir wieder vertrauen?“
Als die Grünen Frauen das Feminat gründen, gratuliert sie brieflich und wird dafür von ihrer Partei gerügt. Die SPD-Frauen fremdeln eher. Und Joschka Fischer schrieb: „Wie kann man nur so verdiente und profilierte Leute wie Petra Kelly und Otto Schily abwählen und—doppelt verrückt—an deren Stellen sechs Frauen wählen?“ Er war, übrigens, auch einer der abgewählten Verdienten und Profilierten.
Andere Kapitel zeigen Zeitgeschichte: Erinnern sie sich noch an den Internationalen Frühschoppen? Oder den Mut einer Abgeordneten, im Hosenanzug zu erscheinen? Ausführlich werden die Abwahl Schmidts und die neue Koalition behandelt, in deren Folge mehrere der FDP-Frauen, ihre Partei verließen.
In „Auf dem Standesamt“ kämpft Ingrid Matthäus-Maier 1974 um ihren Doppelnamen. Der nicht informierte Standesbeamte verabschiedete sie als Frau Maier, und glaubte der Juristin nicht, dass nun Doppelnamen möglich wären. Sie weigert sich, das Standesamt zu verlassen, was der Hochzeitsgesellschaft peinlich ist. Oder es wird dokumentiert, wie Rita Süßmuth die Verhüllung des Reichstags gegen geballte Männerformationen durchsetzt.
„Sie auch …“ ist der Titel des Kapitels, in dem bearbeitet wird, wie Sexismus auch von den Frauen verschwiegen wurde, da sie wussten, man hätte sie selbst als Ursache für Anzüglichkeiten oder Angriffe ausgemacht. Als eine Abgeordnete in einem Länderparlament sich als lesbisch bezeichnete, wurde ihr auf dem Flur zugeraunt, sie könne Mann ja noch nicht einmal vergewaltigen.
Und wie anregend dagegen die Rede von Waltraut Schoppe über Ehebettroutinen inklusive Penetration, und vorzuschlagen, gemeinsam mit Kanzler Kohl andere sinnlichkeitsstiftende Formen der Erotik zu entwickeln. Dies wird als ein Wendepunkt beschrieben, der mit bewirkte, dass dann 15 Jahre später die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt wurde. Als hätte er dies Ergebnis schon geahnt, schwänzte Helmut Kohl diese Sitzung.
Mehr als den Anspruch, Fakten zu dokumentieren, gibt es weitergehende Gedanken, so wie immer wieder über Macht und Charisma: Wie anderes war das Charisma einer Petra Kelly als das von Willy Brandts?
Die Schicksale von Hannelore Kohl und Petra Kelly, die im Film zusammen als Opfer auf dem Altar der Männerrepublik behandelt wurden, sind hier einfühlsam beschrieben.
Im Vorwort schreibt Körner: „Wer als Mann die Chance hat, die Grenzen des eigenen Geschlechts und Denkens im Dialog mit anderen zu begreifen, auch zu verstehen, worin die Zumutungspotenziale des eigenen Sprechens und Schreibens liegen mögen, welche Gewalt von Männern bewusst oder unbewusst ausgeht, sollte die Möglichkeit nutzen.“ Er versteht es, sie zu nutzen und macht das Lesen zu einem wachsenden Vergnügen. Fast poetisch wird er, wenn er männliche Selbstdarstellung parodiert. Das hätte keine Frau besser gekonnt. Ich werde das Buch oft verschenken.
Das Buch Begrünen was geht ist für eine junge Zielgruppe verfasst, der Tag #machsnachhaltig blinkt auf den Umschlagseiten, die Informationen sind kurz und knackig, viele Ausrufezeichen, zwischendurch Kästchen mit Zahlen und Fakten: “Let’s make the world green again!“
In dem dicken Roman Vernichten ist alles zu finden, was ich bei Houellebecq lesen möchte: Wir genießen es, in Frankreich zu sein. Wir essen, trinken und vögeln gut und gerne, wie immer, und dann gibt es noch neue Seiten zu entdecken.
Der kleine Yusuf himmelt den großen Kaufmann an, dem seine Eltern immer ein Festmahl kredenzen, wenn er, der Onkel Aziz, erscheint. Er schenkt ihm zum Abschied auch immer ein Geldstück. An anderen Tagen gibt es nicht immer etwas zu essen, seine Mutter meint, er solle doch den Staub essen, den der Holzbock hinterlässt. Richtig unangenehm wird sie ihm, als sie ihn herzt und küsst wie ein kleines Kind, er ist doch schon zwölf Jahre alt!
Das kleine Büchlein ist 2021 erschienen, zum 100. Geburtstag des Autors. Es ist eine Wiedergabe eines 1995 gehaltenen Vortrags, und schon darin besteht ein Reiz: Watzlawick nimmt Beispiele von gelungener Kommunikation auf weltpolitischer Ebene aus dieser Gegenwart: damals, als der eiserne Vorhang am Verrosten war.
Besondere Anlässe braucht Helga Schubert nicht, die Geschichten sind alle schon da und werden durch eine Beobachtung, eine Begegnung, ein Datum oder eine Zeile freigesetzt und aufgeschrieben. „Wenn ich betrachte, dann muss es um mich herum still sein. Es muss auch in mir still sein. Denn ungehindert dringt das Gemälde, das Menschengesicht, das Gedicht in mich und sagt zu mir: Sieh mich an, höre mir zu, lass dich anrühren, lass dich erinnern an alles, was du schon weißt, was dich erschüttert hat“.
Sollte man ein Buch mit dem Titel Hier wächst nichts wirklich lesen wollen, wenn es sich so abstoßend präsentiert? Auf dem Titelbild wächst wirklich nichts, und auch die Rückseite verspricht kein erbauliches Buch über Gartenkultur. Sehen Sie selbst!
Mich konnte das nicht abschrecken, denn ich bin seit Langem ein Fan von Pfenningschmidt; Wenn ich mir die Zeitschrift “Kraut und Rüben” kaufe, dann vor allem wegen seiner Staudenkolumnen. Und auch in diesem Buch lohnte sich das Weiterlesen.
Eigentlich ist man kein Rosenfan, aber dann gibt es doch eine Liste mit 17 Lieblingsrosen, eine Liste mit 18 empfehlenswerten Büchern, ein Kapitel heißt “Sieben gute Neuheiten“, das sind Pflanzen, wovon ich eine rote Aster und eine noch rötere Bistorta (Js.Caliente) im nächsten Frühling suchen werde. Als eine Elfe ihm, ich bin sicher, es war Pfenningschmidt, drei Wünsche schenkte, wünscht er sich drei trockenresistente Schattenpflanzen und bekommt: Tanacetum macrophyllum, Aster ageratoides subsp. Trinervius var. Adustus Nanus, die will ich nun natürlich auch. Und gegen Giersch gibt es eine Fülle von Pflanzen, die den Kampf aufnehmen und sich ihm wuchernd entgegenstemmen.
Afropäisch: Mit einem Interrailticket reist der Autor durch Europa, startet an einem 1.10. und muss genau am 31.3. zurück sein, denn er reist auf eigene Kosten, schläft dabei in Hostels, manche Einschränkungen des Komforts inbegriffen. So wird er auch Menschen begegnen, die nicht zu den Besserverdienenden gehören. Nach Plan besucht er europäische Hauptstädte und kleinere Orte im Süden Frankreichs und Spaniens: er folgt damit „seiner afropäischen Achse“. Mal reist er wie ein Flaneur, lässt sich von Zufallsbekanntschaften Geschichten erzählen, deren Informationen wird dann nachgeforscht, mal flicht er eigene Erlebnisse und Gelesenes ein.
Dem Buch ist ein Prolog vorgestellt: Ein Päckchen für Eva kommt an. Die Mutter Gerda verweigert die Annahme, und unterschreibt dies, für ihre Tochter. Auf Frage sagt der Postbote, nun gehe das Päckchen zum Absender zurück, und fragt, was Eva gerade mache. Die Antwort: Eva schläft.
Sie lieben englische Gärten, oder wollten schon immer mal dahin? Dann ist das Buch
Der Autor ist Psychologe und forscht zur neuronalen Entwicklung der Babys. Als Wissenschaftler kennt er die einschlägigen Publikationen der letzten Jahrzehnte und belegt seine Aussagen: Die Literaturliste bringt es auf über dreißig der knapp vierhundert Seiten. Es geht ihm nicht um die motorische Entwicklung, sondern um Gedanken und Gefühle der Babys, und: Warum lachen wir Menschen eigentlich? Manchmal erzählt er auch aus dem Nähkästchen, was Wissenschaftler voneinander halten. Laien bezieht er mithilfe des Internets in seine Forschung ein, manche Eltern erzählen von sich und ihren Gefühlen, die die Babys auslösen und geizen nicht mit Beiträgen über die Leistungen ihrer Kinder.
Die erste Überraschung war, dass das Buch auf Deutsch geschrieben ist, mit vielen originellen Einschüben auf Englisch. Die Romanheldin Niveditha Anand ist in Essen aufgewachsen und studiert nun in Düsseldorf an der Heinrich Heine Universität „postcolonial studies“, bei Saraswati, einer indischen Professorin, ein TV-Promi, die von ihr angehimmelt wird. Die Sympathie wird erwidert, Niveditha fühlt sich endlich angenommen und verstanden. Als Tochter eines indischen Mathematikstudienrates und einer polnischen Sozialarbeiterin, die zwar in Deutschland aufgewachsen ist, war ihr das bisher nicht in den Schoß gefallen, zu oft fühlte sie sich fremd hier.
Seit ich in diesem Buch lese, verstehe ich Vieles besser, zum Beispiel die hilflosen Versuche, den Wire Card Betrug aufzuarbeiten. Aber sehen Sie selbst!