Stefan Lamby hat über Jahrzehnte für die ARD als Dokumentarfilmer über deutsche und internationale Politik berichtet. Hier schreibt er–gerne ich Ichform–über seine Beobachtungen und Befürchtungen zur schwindenden Bedeutung der Demokratie. Es gelingt ihm, die LeserInnen an seinen Gedanken, etwa beim Führen von Dialogen, teilhaben zu lassen. Und immer wieder muss er die Abwehr gegen Journalisten erfahren.
Ausgangspunkte sind private Ereignisse, wie der 90. Geburtstag seiner Mutter, zu dem sein amerikanischer Cousin kommt. Die beiden haben als Heranwachsende viele Sommer gemeinsam verbracht. Inzwischen unterstützt der Cousin Trumps zweiten Wahlkampf, in dieser Zeit wird der Beitrag geschrieben. Bei Trumps Abwahl 2021 war der Cousin Jay Sixer (wer am 6.Januar das Capitol stürmte). Obwohl sich ihre Meinungen nicht annähern können, gelingt es, ein schönes Familienfest zu feiern. Lamby beschließt, in die USA zu reisen und sich ein eigenes Bild zu machen. Diese Erlebnisse werde ich in dieser Rezension nicht beschreiben, sondern mich auf die nächste Reise konzentrieren, sie geht, zusammen mit seiner Frau, nach Argentinien. Sie war vor über 30 Jahren von dort nach Hamburg emigriert.
Gerne schmückt Lamby seine Text mit Hintergrund Wissen, auch für eher touristische Interessen. Sie besuchen Cordoba, eine besonders konservative Stadt, mit vielen Milei Wählern. Hier kommt Geschichtliches: warum einige der Matrosen der Graf Spee hier seit über 100 Jahren Deutschtum zelebrieren, nach dem 2. Weltkrieg unterstürzt von Ex-Nazis, die sich, als er vor Jahrzehnten schon mal hier war, noch mit dem ausgestreckten rechten Arm begrüßten…
Milei hat Wirtschaftswissenschaften studiert und nach seiner Theorie stören Staaten den Markt und gehören deshalb zerstört, etwa mit einer Kettensäge. Lamby ist später auch dabei, als Milei seinen Antrittsbesuch beim Kanzler Olaf Scholz macht, und wenn er wirtschaftswissenschaftliche Vorträge auf einer Tagung in Prag hält.
Beängstigend sind schon dessen charakterlichen Schwächen. Und politisch bedenklich ist, dass eine Nachfahrin eines Militärs, Mitglied seines Kabinetts ist. Mit Unterstützung Mileis, setzt sie Opfer, die die Militärs für die Nation gebracht haben, denen der Mütter der Verschwundenen gleich.
Nach Norditalien fährt er, weil dort in Mailand seine Patentante lebt, er nimmt teil an einer Gedenkfeier für Mussolini, mit anschließendem Festessen auf Einladung einer Urgroßenkelin des Führers.
Und in Sachsen und Thüringen beobachtet er während der Landtagswahlkämpfe die zunehmende Akzeptanz des völkischen Flügels innerhalb der AFD. Auch hier erfährt er das Misstrauen gegenüber Journalisten.
Im Prolog betont er die Wichtigkeit zwischenmenschlicher Begegnungen gerade in polarisierten Debatten. Im Epilog stellt er die Punkte zusammen, die er als prioritär erkannt hat.
Als Erstes: „In weißen Schrumpfgesellschaften wächst die Angst vor Bedeutungsverlust“ Er beschreibt das vor allem für die USA…
Auch aus den neuen Bundesländern sind Menschen emigriert, vor allem junge Frauen!
Und die beiden Letzten Punkte:
„-Wir leben nicht im Zeitalter des Postfaschismus, sondern im Zeitalter des Präfaschismus
-Es gibt Menschen, die mir Hoffnung machen“
Lamby selbst zählt sicher auch dazu!