Einfach gärtnern! Naturnah und nachhaltig

Das Buch habe ich mit wachsender Freude gelesen: Erst kommt das Buch wie eine Liebeserklärung an seinen Garten daher: so, als wäre er seine Beziehungskiste, wie zu seinem Hund. Dann geht es um nichts weniger als die Liebe zur Natur, zu Pflanzen. Zu „Tiere(n) im Garten–Wie werde ich ein guter Gastgeber?“ heißt ein Kapitel. Und dass er sich als Junge zur Kommunion eine Magnolie gewünscht hatte—so etwas gefällt einer Oma.

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Genre: Garten, Sachbuch
Illustrated by Insel Frankfurt am Main

Die besten Weltuntergänge Was wird aus uns? Zwölf aufregende Zukunftsbilder

Das Cover spricht die Oma in mir an: im oberen Teil ein Wimmelbild in sanften Farben, mit fröhlichen Menschen, die sich, Generationen übergreifend, der sommerlichen Natur erfreuen. Die untere Hälfte dagegen surrealistisch und geheimnisvoll, das macht neugierig. Im Buch, mit Seiten, die größer als Din A 4 sind, nimmt der Text je ein Viertel ein, in den restlichen Flächen sind die wunderschön gemalten Bilder.

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Genre: Dystopie, Graphic Novel, Kinderbuch, Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Klett Kinderverlag

Iris Wolff- Lichtungen

Das Buch beginnt auf frischer Fahrt: mit einer Fähre reisen Lev und Kato. Lev heißt Löwe und ist der Name des jungen Mannes, der mit Kato auf einer großen Reise ist. Der Roman ist aus seiner Sicht geschrieben, wenn auch nicht in Ich-Form. Kato lebt seit Jahren in Westeuropa, verdient gut mit ihrer Straßenmalerei, gemalt hatte sie schon als Kind. Lev hatte mit Waldarbeitern gearbeitet. Nun ist er auch hierhergekommen, weil sie geschrieben hatte: „Wann kommst du?“ Und sie haben sich wiedergefunden, an ihre früheren Gemeinsamkeiten angeknüpft und es genossen.

Heute hat er ihr erklärt, dass er zurückkehren müsse, und sie antwortete, dass sie mitkommen wolle. Das war so unerwartet, dass er seinen Mut zusammennimmt, nachfragt. Und sie antwortet mit einem klaren „Ja.“ Wie es dann mit den beiden weitergeht, wenn sie gemeinsam in Rumänien, genauer in Siebenbürgen, leben würden? Die erhoffte Geschichte der gemeinsamen Rückkehr kommt nicht.

Dafür geht es schrittweise zurück in ihre gemeinsame Vergangenheit. Die einzelnen Stufen werden mit Denksprüchen in verschiedenen Sprachen, rumänisch, siebenbürgisch, einmal gar ungarisch oder mit einem hebräischen Bibelspruch eingeleitet. Deren Sinn blieb mir, trotz Übersetzungen, meist verschlossen.

Beide kamen aus schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Verbindung begann, als Levs bettlägerig war, da seine Beine gelähmt waren, und sie, als gute Schülerin, ihn besuchte, um das in der Schule Versäumte zu bearbeiten. Zwei einsame Jugendliche finden sich. Alles wird in einer traumhaft schönen Sprache beschrieben: Beobachtungen der Natur, der Hügellandschaft, der Jahreszeiten. So schön, wie im vorangegangenen Buch „Die Unschärfe der Welt“. Oft wird auch geträumt.

Auch Politisches wird behandelt: Wie lebt es sich in einem Vielvölkerstaat? Was ist Zugehörigkeit? Die Frage wird schon im Alltäglichen vorbereitet, wenn Lev versucht, den Kater zu streicheln, und der sich abwendet. „Immer galt es Zeichen zu suchen, ab ein Tier einen liebt oder ob man sich diese Zugehörigkeit nur einredet.“ Der Großvater weiß, dass es nichts anderes ist als eine Entscheidung. Er hat dann entschieden, zu fliehen, Lev hatte ihn an die Grenze zu einem Schleuser gebracht, und hat ihn nun in Wien besucht, als er auf dem Weg zu war. Alle diese Beschreibungen gesellschaftlicher Verhältnisse sind in ihrer dichten Sprache abgebildet.

Gleichwohl wurde das Lesen durch die vielen Details zunehmend unschlüssig. Ohne Levs Beinlähmung als Auslöser hätte es die Beziehung nicht gegeben. Deren Ursache wird immer wieder angedeutet: Die Mutter meint, der Opa wäre verantwortlich, Lev beruhigt ihn, dass er ihm nichts vorwerfe, aber letztlich erfahren die Leser es nicht. Höchstens, dass es ganz unbestimmte Ursachen sein könnten, vielleicht so etwas Psychosomatisches?


Genre: Aufwachsen in einer Diktatur, Historischer Roman, Langjährige Beziehungen, Roman
Illustrated by Klett Verlag

Iowa Ein Ausflug nach Amerika

Als ich eine Rezension des Buches Iowa las, war Trump dort gerade bei den Präsidentschaftsvorwahlen als glorreicher Sieger hervorgegangen. Zwei Berlinerinnen auf einem „Ausflug“ ins ländliche Amerika: das lockte sehr. Stefanie Sargnagel und Christiane Rösinger sind als Gastdozentinnen an einer privaten Hochschule geladen, sie unterrichtet kreatives Schreiben und Frau Rösinger zum Singen. Ich kannte sie kaum, inzwischen bin ich Fan und höre ihre Lieder gerne. Sie hat „mit korrigierenden Fußnoten“ zu einigen Stellen ihren Senf dazu gegeben.

Besonders stört sie oft „das verinnerlichte ageistische Denken“. Sie könnte Stefanies Mutter sein, ist schon Großmutter. Vom Altwerden, besonders der Frauen, erhofft Stefanie nämlich nicht viel: “Es verlangte auch niemand von ihnen, in Würde zu altern. Man erwartet es von den Frauen und meint damit, dass sie sich ab fünfzig in Luft auflösen sollen.“

Sie werden in einem großen Haus untergebracht und Begrüßung von der sie betreuenden Professorin, wie Stefanie eine Österreicherin, zum Iowa Breakfast eingeladen. Mit kindlicher Neugier wird alles beobachtet: Die übergewichtigen Menschen, der Kaffee („dünne, bittere Suppe“), aber auch das Iowa Nice.

Dazu kommen zwischendurch selbstironische Bekenntnisse, über eigene Schwächen, das Rauchen, die Vorliebe für „Absturzkneipen.“ Als Christiane nach einem hochgelobten Auftritt als Sängerin zurückreist, sucht sie denn auch Trost bei bekennenden Trinkern. Und Tratschen ist „eine meiner größten Leidenschaften“ und Tratschen zu dämonisieren „antifeministisch,“ es ist ja geprägt vom Interesse an anderen Menschen.

Sie erobert die nähere Umgebung, erst mit Christiane und ohne Auto, kaufen bei Walmart Ungesundes ein, staunen über 75 Sorten Erdnussbutter. Nach Christianes Abreise dann mit der Professorin, sie besuchen ein Amish Dorf mit „50 shades of fromm.“ Entsetzt ist sie über den Besuch bei der Outdoor World, wo es T-Shirts und Poster mit Werbung für die National Rifle Association gibt. “American by Birth—NRA Member by choice.“ In der Säuglingsabteilung gibt es Strampler in Camouflage Musterung, für Mädchen mit rosa Tüllröckchen und Schleifchen.

Da sie keinen akademischen Abschluss hat, fremdelt sie etwas, sie spricht von Angst vor Akademikern. Sie nimmt an einer Dozentensitzung teil, wo es um den Umgang mit mehr Rechten der Studierenden geht, die sich über Dozenten beschweren.  Also: „Man möchte, dass Menschen, die Marginalisierung erleben, eine Stimme haben, aber man möchte nicht von frechen Fratzen emotional erpresst werden.“

Die Argumente in der Diskussion sind dann vielfältig und werden präzise aufgeführt: Dürfen Dozenten rechts oder links vom liberalen Spektrum stehen? Es sei immer schwieriger, nuanciert zu diskutieren. „Kapitalismus mit wokem Antlitz“ käme dabei ‚raus. Die Abstimmung ergibt dann, dass die Abstimmung verschoben wird.

Dann kommt ihre Mutter sie besuchen, die dritte Reisepartnerin. Sie mieten ein Auto und reisen Out West. Die Mutter ist rüstig und lustig, dazu noch ein Nerd und kann ihr die Benutzung von WhatsApp erklären. Unterwegs nach LA wird ein Zentrum für Transzendentale Meditation besucht. In LA sehen sie Zeltstädte mit Obdachlosen, kranke Menschen liegen auf den Straßen rum. Die Mutter, als Sozialarbeiterin aus Wien, hätte viele Anregungen, wie man mit den Menschen arbeiten müsste…


Genre: Frauenfreundschaften, Hochschuldebatten, Reisebericht aus dem ländlichen USA
Illustrated by Rowohlt

Die Kühe, mein Neffe und ich Mit großen Tieren aufwachsen, leben und arbeiten.

Frau Ruge kennt und verehrt Kühe, für dieses Buch hat sie breit recherchiert, besonders interessiert sie die Rolle, die Kühe in den Kulturen der verschiedenen Epochen für Menschen spielten. Dabei geht es ihr um die Beziehungen der Menschen zu ihren Rindern. Sie kennt sich mit Kühen aus: für die Laien werden anfangs alle Bezeichnungen, von Färse bis zur Kuh erklärt, auch, wofür der Stier gut ist, aber was der Ochse nicht kann.

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Genre: Entwicklung der Landwirtschaft, Geschichte von Mensch und Tier, Sachbuch, Tier und Mensch in der Kunst
Illustrated by Kunstmann

Der antiautoritäre Garten: Gärten, die sich selbst gestalten

Ein antiautoritär gestalteter Garten: Was kann das werden? Ich erinnere mich an die Siebziger und Achtziger Jahre, wo ich als Kinderärztin mit so erzogenen Kindern zu tun hatte. Sie waren von meiner Autorität eher überfordert, als dass sie selbstbewusst oder gar aufgeblüht erschienen wären. Mit neugierigen, etwas spitzen Fingern bestellte ich das Buch zur Rezension und lese den besten Ratgeber, den ich kenne!

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Genre: Erziehungstrends, Gartenplanung, Pflanzenkunde
Illustrated by Kosmos / Weltbild

Rund ums Freibad

Das Buch hatte Heinrich Zille 1926 mit einem Beitrag zum Freibad herausgegeben. Er war achtundsechzig Jahre alt, drei Jahre vor seinem Tode. Dazu hat er Zeichnungen aus allen seinen Schaffens Perioden zusammengetragen, die, so wie wir es von ihm kennen, mit treffenden Kommentaren versehen sind. Meist sind sie in direkter Rede der Dargestellten, Sprechblasen gibt es noch nicht bei ihm, und doch weiß ich genau, wer was sagt.

Mir gefielen verschiedene Aspekte, und ich werde sie der Reihe nach darstellen:

Da ist die Geschichte Berlins, die Stadt zog in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts viele Menschen an, für die Häuser mit Hinterhöfen gebaut wurden. Zille berichtet von den hygienischen Verhältnissen, wie wenig das Baden, ja überhaupt das Waschen, üblich war. Wenn der Arzt einen Patienten bat, die Socken auszuziehen, wird er vom Patienten darauf hingewiesen, dass er noch den „Winterfuß“ hat.

Im handgeschriebenen Text „Das Freibad“ berichtet er von Badestuben in Häusern, meist in der Nähe der Spree, in denen Menschen sich waschen konnten, manchmal wurden sie aber auch vom Magistrat geschlossen, wegen „allzufreien, ungenierten Badens.“

Erst 1907 wurden die Freibäder geöffnet und die Sehnsüchte der Menschen nach Bewegungsfreiheit und Körperlichkeit konnten sich im Freien erfüllen. Das erinnert mich an Peter Josef Lenné, der wusste, wie gut ein Aufenthalt in der Natur für das menschliche Gemüt ist und früh begann, Volksparks zu planen. Rezension: Peter Joseph Lenné: Eine Biographie von Heinz Ohff

Manchmal gibt es Sprüche, die auch ohne Zeichnungen wirken, etwa dieser: “Wie herrlich ist es nichts zu tun, und von dem Nichtstun auszuruh’n!“ Dazu gemalt wird dann eine Aktschönheit am Spreeufer.

Dann geht es um die Naturfreunde und ihre Bewegungen: „Zurück zur Natur“, zum Nacktsportverband, die „Wege zu Kraft und Schönheit“ werden aufgezeigt, das Luft- und Sonnenbad „Volkskraftbund.“ Eines meiner Lieblingsbilder zeigt eine Kleinfamilie am Strand: „Vata mir is iebel!“

„Dann stell‘ dir nich so bei mir,–geh bei Muttern!“

Nun zu den Kindern: es gab früher einfach mehr und sie werden alle gemalt! Vor allem sie und junge Erwachsene, gerne Verliebte, werden als Persönlichkeiten getroffen. Die Kinder sind oft etwas pummelig gemalt. Das erste Kind kommt nach dem achtseitigen Beitrag zum Freibad und sagt: „Hinter mir kommen noch eine Menge „Zille“-Kinder.“ Und dann kommt das Bild:


Genre: Badefreuden, Berliner Geschichte, Rund ums Freibad von Heinrich Zille
Illustrated by Bebug Verlag

Der Kurfürstendamm Geschichte des Berliner Boulevards

Dass der Ku’damm seine Glanzzeiten hinter sich hat, wusste die Autorin, als das Buch 2021 erschien, und hofft: „Die Mitte der City-West könnte wieder ein Zentrum des Berliner Lebens werden—anders vielleicht als einst, aber doch aufregend und liebenswert. Der Kurfürstendamm hätte es verdient.“

Davor geht es auf über 200 reichbebilderten Seiten um die Glanzzeiten, beginnend mit der Entstehung vor 150 Jahren. „Vom Knüppelpfad zum Prachtboulevard“, zum Treffpunkt der Berliner Bohème, und nach dem Abbau im Nationalsozialismus wieder zum Schaufenster des Westens.

Dazu gibt es viele Gemälde, zeitgenössische Postkarten, aber auch Fotos, etwa mit von Bismarck hoch zu Pferde: Er hatte sich brieflich an den König gewandt, er möge die Verbindung vom Schloss nach Potsdam verbessern, vielleicht auch, weil ihn seine täglichen Ausritte dahin führten.

Das Buch ist umfassend recherchiert mit Quellenangaben, flott geschrieben, immer wieder mit balinahten Einschüben. Neben den Abbildungen erfreuen auch die Zitate der Zeitgenossen: Mit den Gründerjahren kommen die „Geldsackgesinnung“ wie Fontane schreibt: “Die Stadt wächst und wächst, die Millionäre verzehnfachen sich…“

Damals war Paris das Vorbild, der Kurfürstendamm sollte die Pracht der Champs-Elysées bekommen, aber das Kaiserreich war nicht in der Lage, sich finanziell zu beteiligen, es reichte nur für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die dann 1895 mit Pomp und Gloria eröffnet wurde. Fortan ließ man sich dort trauen, bis zu sechs Trauungen pro Tag gab es. Die Häuser wurden von den Geldsäcken gebaut, jedes nach dem Geschmack des jeweiligen Bauherrn.

Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten sich die Stätten der Künste: Die Maler der Sezession hatten ihre Treffpunkte, die Künstler Bohème ihre Cafés: das Café des Westens, das Café Größenwahn und später das Romanische Café. Dazu empfehle ich das Büchlein von Geza von Cziffra, Das Romanische Café.

Nicht jeder Künstler der Bohème konnte sich die Cafébesuche leisten, vielen wurden von Sponsoren unterstützt, oft waren es jüdische Geschäftsleute. „Unser Hintern fährt dritte Klasse, unser Haupt ragt über die Wolken“ sagt einer von ihnen.

Die westlichen Teile des Kudamms, auch als „Neuer Westen“ bezeichnet, zogen andere Menschen an als der vom wilhelminischen Staat geprägte Boulevard Unter den Linden.

Mit dem Aufkommen der „Kultur als Massenwaren“ wurden die großen Lichtspielhäuser um die Gedächtniskirche herum gebaut. Die prominenten Schauspieler/innen kamen und konnten vom Publikum gesehen werden, auch Zarah Leander und Astrid Nielsen. Ein anderer Zweig blühte ebenfalls: die Kabaretts und kleine Bühnen.

Nach der russischen Revolution kamen ab 1919 über zwei Millionen Emigrant/innen nach Deutschland, davon 300 000 nach Berlin, man sprach von Charlottengrad, manche träumten weiter vom Zarentum, in andere Richtungen gingen die Pläne der Künstler.

Die träumten eher von New York, vor allem Brecht und Grosz. Dieser suchte dort sein Künstlerglück und ging schon 1932, also vor dem Nationalsozialismus. (Das steht zwar nicht im Buch!)

Bis zur Olympiade 1936, wurde der Berliner Westen geduldet, auch weil viele Diplomaten und ausländische Journalisten dort lebten, die alle namentlich aufgeführt werden. Danach kam dann der Totalitarismus, die Trefforte der Szene wurden geschlossen.

Als gebürtige Westberlinerin habe ich den Kudamm der Nachkriegszeit als „Schaufenster des Westens“ kennengelernt, die Kaffeehäuser waren nun gut bürgerlich, die Mode elegant und mondän, zwei Theater und jedes Jahr die Filmfestspiele. In den Sechzigern dann Studentenproteste mit Wasserschlachten.

Jetzt lese ich bei Frau Stürikow, dass es in den achtziger  Jahren eine Kommission unter Volker Hassemer gegeben hatte, die die verblassende Strahlkraft erhöhen sollte. Einen Höhepunkt gab es dann noch: 1989 beim Mauerfall, wo die Bürger aus der DDR sich die Konsumtempel angucken wollten. Zum Kaufen reichte das Begrüßungsgeld dann aber nicht. Inzwischen, nach Corona, noch mehr Leerstand, nur Ketten können bestehen. Und 2023 will der Senat die weihnachtliche Beleuchtung nicht mehr unterstützen…

Vieles Bekanntes liest man gerne noch einmal und auch Neues, nun weiß ich, warum ein Teil in Budapester umbenannt wurde. Und die Lebensgeschichte von Jeanne Mammen, von der auch zwei große Gemälde abgebildet sind.


Genre: Berlin Geschichte, Der Kurfürstendamm Geschichte des Berliner Boulevards, Unterhaltungskultur
Illustrated by Elsengold

Wir können auch anders Aufbruch in die Welt von morgen

Es geht um die anstehenden Veränderungen unseres Umgangs mit dem, was wir Umwelt nennen; die Autorin bevorzugt, Mitwelt zu sagen. Sie ermuntert dazu, sich zu beteiligen, selbst dann, wenn die Rahmenbedingungen dazu beschränkt sind. Jeder Satz, jede Geste zählt, sie ist dann ein „Wir“.

Die Leitfragen des Buches sind: Wie, wo, wer. Zum Wer fragt sie: „Die Politik? Die Wirtschaft? Die sogenannten Eliten? Wer ist mit diesem Wir gemeint?“

Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin ist seit Jahrzehnten Transformationsforscherin und kennt die (oft gescheiterten) Versuche, die Klimakrise zu verhindern, seitdem der Club of Rome schon 1972 forderte: Nie wieder Probleme isoliert betrachten!

Zu oft führen unerwartete Nebenwirkungen zum Scheitern. Dazu gibt es viele internationale Beispiele, ich greife die derzeit gehegte Hoffnung heraus, das Austauschen von Verbrenner Motoren gegen E-autos würde die Umwelt verbessern. Wie wird die Elektrizität erzeugt? Was machen neue schnelle Straßen mit der Landschaft, mit den Städten? Würden weniger Stehzeuge (der realistischere Name für Fahrzeuge) die Straßen verengen, oder, (das steht nicht im Buch!) in Grünheide bei Berlin eine große Fabrik im Trinkwasserschutzgebiet gebaut wird?

In einer Studie wurde in Dänemark gefunden, dass jeder mit einem Auto gefahrene km den Staat 27 Cent kostet, für Straßeninstandsetzung, Unfälle, Lärm und Luftverschmutzung, jeder geradelte km spart dem Staat 30 Cent. Bei der Transformation wären autofreie Zonen nicht nur schöner anzusehen, auch besser für Kinder und andere Fußgänger.

Im Buch werden Begriffe der Transformationsforschung erklärt und angewandt: Kipp-Punkte, „wie kommen Firmen vom big disconnect zum big reconnect? Was sind Key Performance Indicators?“ sind nur einige.

Es ist aufgebaut in drei Abschnitten:1.) Unser Betriebssystem, 2.) Wie wir den Betrieb ändern und 3.) Wer ist eigentlich wir? wird die Entwicklung der ökonomischen Lehren dargestellt und Schritte für deren notwendige Veränderungen angedacht. So wird am Beispiel von Keynes, aufgezeigt, dass Fortschritt nicht verbesserte Gesellschaften bedeutet. Vor neunzig Jahren mutmaßte er, aufgrund der Entwicklung neuer Technologien in der Zukunft, also in unserem Heute könnte die Gesellschaft „weise, angenehm und gut leben“. Auch der Glaube, nur wirtschaftliches Wachstum sei die Grundlage besseren Lebens wird hinterfragt, neben das BIP sollte ein Indikator stehen, der das Wohlleben (well-being) berücksichtigt.

Am Ende jedes Kapitels steht eine Zusammenfassung, die auch Anregungen gibt, wie das Gesagte verarbeitet oder weitergetragen werden kann. Das schätzte ich schon in ihrem Buch „Unsere Welt neu denken,“ das ich hier auch rezensiert habe Rezension: Unsere Welt neu denken: Eine Einladung von Maja Göpel Hier ein Beispiel: „Wichtig ist in diesen Zeiten, klare Prioritäten zu setzen und neue Geschichten zu erfinden, die uns Orientierung für das Wünschenswerte und Mögliche geben, Sinn verleihen und ansteckend sind. Richten wir den Rückspiegel nach vorn, ist das Loslassen nicht mehr so schwer. Merke: in Jedem Vergehen steckt ein Entstehen.“

Die weitere Entwicklung könne auch im Kapitalismus geschehen, hier gibt es das Beispiel vom Bielefelder Produzenten von Insektiziden, Hans Reckhaus, der über Jahrzehnte das Konzept, möglichst viel zu verkaufen, umwandelte in Aktivitäten, die dem Insektensterben Einhalt gebieten: Aufschriften auf den Giften, aber auch Insektenschutzräume auf dem Dach seines Betriebes.

Dazu müssen Spielregeln geändert werden: Eine meiner Lieblingsstellen war die Entwicklung von Monopoly, entwickelt von einer Sekretärin mit dem Ziel auf die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft hinzuweisen: „In kurzer Zeit, ich hoffe, in sehr kurzer Zeit, werden Männer und Frauen entdecken, dass sie arm sind, weil Carnegie und Rockefeller mehr haben, als sie ausgeben können. Das Spiel hieß The Landlord’s Game. Später entwickelte sie auch eine single tax, mit der Grundstücke besteuert wurden, wovon öffentliche Parks und Schulen errichtet wurden. Sie verkaufte die Rechte. Danach, in der Krise Ende der Zwanziger Jahre wurde es Monopoly genannt und die Regel so geändert, dass der/die Spieler/in lernt: Wer hat, dem wird gegeben. Und er/sie lernt, wenn ich nichts habe, muss ich verarmen und untergehen.

Neu war für mich die wundersame Geldvermehrung der Milliardäre in den USA. Wer dort spendet, spart Steuern.

Mir war schon vor Jahren aufgefallen, dass Bill Gates Impfungen in Entwicklungsländern förderte, und damit die Staaten zwang, Prioritäten dort zu setzen, wo vielleicht anderes nötiger wäre: Trinkwasser, Frauenbildung, Abwasserbeseitigung. Die dann eingesparten Steuern konnte er wieder investieren in: Impfstoffherstellende Firmen.

Eine weitere Stärke des Buches sind ihre Erfahrungen als Rednerin, wie sie die Zuhörer/innen motiviert, das Gehörte weiter zu tragen. Und sie fragt sich, warum die Fachleute der Firmen nicht selbst ihr Wissen in die Debatten einbringen, wie ein Betrieb „grüner“ wird. Keiner möchte die Hiobsbotschaften überbringen, was alles geändert werden muss. Dafür bucht man lieber eine Transformationsforscherin, die nur einmal einen Vortrag hält…

Das Buch wird dann mit über fünfzig Seiten mit Quellenangaben abgerundet.

 


Genre: Entwicklung ökonomischer Theorien, Klimakrise, Transformationsforschung
Illustrated by Ullstein

Blutbuch

Merkwürdig fand ich den Autor, als er sich bei der Verleihung des deutschen Buchpreises 2022 als Zeichen der Solidarität mit den iranischen Frauen seine kinnlangen Haare kürzte—wie empfanden das wohl die iranischen Frauen?

Die Neugier überwog, als alte weiße Frau wollte ich mehr von jungen Menschen hören, die sich ihr Geschlecht selbst aussuchen. Und war von Anfang an gefesselt: hier wird geschrieben, immer neugierig, immer originell, wie gedacht wird, (und er denkt über Vieles nach!) mit englischen Einschüben, mal auch Französisch. Von seinen Beobachtungen, Gedanken und Gefühlen in Kindheit, Jugend, und jetzt, als junger Erwachsener.

Wir verstehen nach und nach, dass er seine Familiengeschichte aus weiblicher Sicht aufarbeitet, vom Vater lesen wir gleich im zweiten Absatz des Prologs, dass er „die Schwere“, wenn er von der Arbeit heimkam, ins Haus schleppte, „wie einen immensen, nassen, vermodernden toten Hirsch.“

Die Familiengeschichte geht aus von der Blutbuche, die vom Urgroßvater gepflanzt, im Hofe steht. Als Kind sieht er eine verzauberte Natur, denkt sich Märchen aus, als Erwachsener will er recherchieren, wie die im Hof stehende Blutbuche, die der Großvater sehr schätzte, beschaffen ist. Auch bei seinen tagelangen Studien sieht er, dass es „alles boys“ waren, die die Natur vor Allem kategorisierten. Und dann zeigt die Großmutter ihm den Stammbaum der Familie, er merkt, dass es ja nur die männlichen Vorfahren sind, die aufgeschrieben wurden.

Er widmet das Buch „Für meine Meere“, das ist Mutter in Berndeutsch, noch von der Zeit, als die Schweiz von Napoleon besetzt worden war. Meine Frage an alle, die Berndeutsch verstehen: Ist das Plural und er meint auch die Grossmeer?

Der Anlass zum Schreiben ist die zunehmende Vergesslichkeit der Oma, und er versucht, sich an die vielen Begegnungen zu erinnern. „Liebe Großmutter, ich möchte dir noch schreiben, bevor du ganz aus deinem Körper verschwunden bist oder keinen Zugriff auf deine Erinnerungen mehr hast.“

Es geht um das „Es“, die vielen Dinge, die nie ausgesprochen wurden, die er aber erinnert, und weil sie ihm als Kind merkwürdig schienen, merkte er sie sich und sucht und findet nun Zusammenhänge und Begründungen. Von der Grossmeer erinnert er alles, und versteht sie immer besser, er wirft ihr nichts vor, auch nicht, dass sie sich nicht gut mit seiner Mutter verstand. Von ihr wissen wir erst nur, dass sie die Matur auf dem zweiten Bildungsweg abbrach, als sie mit ihm schwanger war und auch mal eine Geliebte hatte. Spannend wird es dann, als er entdeckt, dass seine Mutter, die ja wegen seiner Geburt keinen akademischen Schulabschluss hat, die Geschichte der Frauen um viele Jahrhunderte erforscht hat und aufgeschrieben hat.

Dazwischen schiebt er immer Details seiner erotischen Eroberungen ein, auch wie er sich selbst gerne ficken lässt, mit einer Inbrunst, auf die Michel Houellebecq neidisch werden könnte.  Eine Zeit lang war er schwul, jetzt non-binär, ständig auf der Suche nach Sexualpartnern ist er immer noch. Und er ordnet „seine frühen Zwanziger kurz kulturhistorisch ein.“

Dann reflektiert er seine Haltung gegenüber heterosexuellen Machos: “Ihre Penisverlängerung war die Pferdestärke ihres Wagens. Meine Ego-Aufspritzung waren die Meter an Foucault, Bourdieu und Butler, die ich in meinem Bücherregal präsentierte. Wir spuckten auf das ökonomische Kapital, aber leckten das kulturelle Kapital immer gieriger auf“.

Nicht nur der Wortwitz gefällt mir, auch die gleichzeitige Distanz und Akzeptanz zu sich selbst. Als Kinderärztin erleichtert mich besonders: er braucht keine operativen Eingriffe, um sich als nicht-binärer Mensch wohlzufühlen sein Leben und seine Sexualität zu lieben. Achtzig Franken im Monat für „Pharmaka“ und immense Ausgaben für Körperpflege und Kosmetik sind es ihm wert.

Die Frauen im Iran werden sicherlich nie von seinem Buch erfahren. Aber der in Deutschland lebende Navid Kermani hat sein neues Buch so geschrieben, als wäre er eine Frau.

 


Genre: Leben und Lieben als non—binärer Mensch im Patriarchat, Roman
Illustrated by DuMont

Peter Joseph Lenné: Eine Biographie

Das Buch wirkt klein und schlank und ist doch mehr als eine Biografie. Schon der Untertitel verrät: “Mit einer kurzen Geschichte des Landschaftsgartens von seinen englischen Vorbildern bis zum Volkspark.“ Und wir lernen nicht nur über Landschaftsgärten, wir sehen auch Lennés Rolle darin: „Durch ihn wird die Gartenrevolution zur Gartenevolution. Bei ihm beginnt der Übergang in die Moderne mit allen ihren Licht- und Schattenseiten.“ Die Entwicklungsepochen der Landschaftsplanungen werden mit denen der Literatur verglichen, da wird Lenné zum romantischen Gartenpoet, ist mal der Spätromantiker, meist einfach der Landschaftspoet.

Ohff berichtet von der Kindheit als Sohn des Hofgärtners von Brühl, seinen Ausbildungsstätten, etwa in München, der Arbeit in Wien und Paris, die Reisen. Von Hardenberg gelingt es 1816, den jungen Gärtnergesellen an den Preußischen Hof zu rufen.

Als Neuling muss er neben den Altvorderen bestehen, die barocke Schlossgärten für gottgegeben hielten, und da wollte ein Jüngling gerundete statt grader Wege planen, sogar Bäume fällen, wegen der besseren Aussicht! (Dit ham wa ja noch nie jemacht! Höre ich in Erinnerung eigener Tätigkeiten im Öffentlichen Dienst.)

Ohff glänzt nicht nur mit seinem Wissen über Garten- und Landschaftsplanung, er beschreibt Lennés Tricks im Umgang mit seinen Königen und auch mit seinen Kollegen. Lenné muss sich, über die Jahrzehnte, mehrmals auf neue Regenten einstellen. Er hat klare „Verschönerungspläne“ und will deren Umsetzung erreichen.

Er gestaltet die Landschaft, wissend, dass sie auf das menschliche Gemüt eine große Wirkung ausübt. Angestellt ist er als Beamter der preußischen Könige, aber er beginnt früh, über die Grenzen deren Schlossgärten hinaus, die Folgen der Verstädterung gerade für die nicht-adligen Menschen zu sehen, und er versucht, dem gegenzuwirken: Schon 1840 legt er seine „Projectirten Schmuck- und Grenzzüge von Berlin und seiner Umgebung“ vor. Tiergarten, Zoo, Humboldthain werden nach und nach, teils nach seinem Tode von seinen Schülern, umgesetzt. In Magdeburg, Köln und Dresden, um nur einige zu nennen, entstehen öffentlich zugängliche Gärten. Ein Kapitel des Buches heißt: Der Volkspark. Die Idee des Volksparks kommt aus England, später auch die Ballspiele, für die in den Parks Plätze geschaffen wurden.

Bei besonderen Gartenvorhaben kennt Ohff jedes Detail, als Beispiel mag das Projekt von Schloss und Park Babelsberg dienen, wo die übliche Rivalität zu Pückler auch mal zu dessen Obsiegen führte (was ich beim Besuch der Ausstellung vor einigen Jahren nicht verstanden hatte). Augusta, die Gattin des Hausherrn hatte viele, oft wechselnde Vorstellungen, mit denen Pückler, als „Homme de femme par exellence“ besser umgehen konnte als Lenné. Pückler, der selbstbewusste Aristokrat, machte sich zeitlebens gern über Lenné lustig. Schon der Name! Er kommt eigentlich, wie dessen Vorfahren, aus dem französisch sprachigen Belgien: Le nain, (der Zwerg) daraus macht Pückler „laine“ (Wolle).

Zwischendurch wird er als Mensch beschrieben, seine Treue zu „Fritzchen,“ seiner Ehefrau, zu seinen Gefährten, von denen einige zu Duzfreunden werden. Außerdem war er „Frühaufsteher, Weintrinker, mit einer Vorliebe zu Mosel und Rhein, Hundeliebhaber“ insgesamt ein geselliger Mensch, der dazu auch noch gerne sang. Und er unterstützte Arbeitervereinigungen, manche der späteren Tätigkeiten in Berlin, wo er „Buddelpeter“ genannt wurde, werden von Ohff als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen beschrieben.

Nachdem der Prinzregent Wilhelm 1861 zum König gekrönt wurde, spielten Lennés Verschönerungspläne für die Entwicklung Berlin keine Rolle mehr, Berlin wurde immer mehr zur Steinwüste. Nach seinem Tod wurde Lenné auf dem Bornstedter Friedhof im Bereich des privaten Sello-Friedhofs mit anderen Gärtnern des preußischen Hofes begraben.

Für Lenné begannen die Ehrungen: Ehrendoktor in Breslau und viele andere. Und doch stecken in vielen seiner Werke noch seine „Verschönerungspläne“. „Als Schwärmer ein Praktikus und als Praktikus ein Schwärmer, vollendet er den klassischen Landschaftsgarten, zumindest auf dem Kontinent, und verwandelt ihn gleichzeitig zur Grün-Oase für den luft- und baumhungrigen Menschen der großen Städte.“ Das Buch endet mit einem Gedicht eines ehemaligen Gartendirektors, das Michael Seiler gewidmet ist. Hier die letzten Strophen:

„Laut Stadtplan läuft die Friedrich-Ebert-Straße

Exakt in Flucht der alten Hauptallee;

(hier stand vielleicht einmal die Marmorvase).

Auf Luftaufnahmen kurz nach dem ersten Schnee,

beziehungsweise in der Wachstumsphase,

erkennt man noch die Wege von Lenné.“

Abgerundet wird das Büchlein durch eine Auflistung der Jahreszahlen zur Entwicklung von Landschaftsgärten, denen seiner Biografie, einer Literaturliste und einem Personenregister.

 


Genre: Biographie, Gartenplanung in Berlin/Brandenburg, Volksparks
Illustrated by Jaron Verlag

Dahlienzauber

Das Buch war mein letzter Versuch, mich mit Dahlien zu versöhnen, und es hat funktioniert! Die Autorin hat in diesem kleinen Büchlein auf gut hundert Seiten nicht nur ihre Lieblingsdahlien vorgestellt, sondern auch Pflegeanleitungen gegeben, mit denen ich etwas anfangen kann.

Sie hat einen Blog über ihren Cottagegarten, mit vielen schönen Fotos, einige auch von Profis. Für das Buch wurden viele Dahlienblüten abgeschnitten, teils in Vasen präsentiert, aber auch mit anderen Blüten zusammen fotografiert, um zu zeigen, was gut passt und sich ergänzt.

Der Text beginnt mit der Herkunft aus Amerika, die Nationalblume Mexikos ist die Dahlie. Traditionell wurden alle Teile der Pflanze auch verspeist, bei uns wird dies nicht in dem Maße praktiziert, wie bei Kartoffeln, die ja auch von dort kommen. Inzwischen haben sie sich bei uns eingeführt, in Deutschland anfangs auch unter dem Namen Georgine. Sie wurden weiter gezüchtet, um die fünfzig Tausend Sorten gibt es. Sie sind nicht anfällig für Krankheiten, die ungefüllten auch Insekten freundlich, nur auf die Schnecken ist zu achten.

Nun komme ich zu meinem Verhältnis zu Dahlien:  Sie blühten schön und im Herbst hatte ich sie herausgenommen, kühl und trocken gelagert, dann im Frühling gut gewässert, eingepflanzt und immer weiter gewässert, bis…sie dann verfaulten.

Das war wohl mein Fehler, ich hätte sie nach dem Einpflanzen trocken halten sollen. In zwei Jahren war es so, dass von drei Pflanzen zwei verfaulten und nur eine blieb. Aber es gibt im Buch noch einen weiteren Vorschlag und als Ergebnis meiner Lektüre werde ich meine Dahlien in diesem Herbst nicht herausnehmen. Frau Stiller tut dies, da die Winter bei ihr in Bayern doch sehr kalt wären, aber sie berichtet auch von Erfahrungen in anderen Gegenden, wo es so, wie inzwischen hier in Berlin, nur wenige Frosttage gibt. Danach kann man sie in der Erde lassen, das Grün entfernen und mit mehreren Schichten zudecken, eine Plane drauf gegen zu viel Wasser und dann auf den Frühling hoffen. Diesen Winter wird es also drei kleine Hügelgräber geben bei uns im Garten.

Ein Schwerpunkt des Buches sind die Hauptfeinde, alle Schnecken, vor allem aber Nacktschnecken! Dazu gibt es Tipps, etwa abends Gemüseabfälle auf Schälchen herausstellen, um Schnecken zu locken.

Da auch sie beobachtete, dass Schnecken eher schwache, kränkliche Pflanzen angreifen, könnte man auch Opferpflanzen in die Nähe setzen, etwa Rittersporn, aber wer bringt das übers Herz?


Genre: Blumen, Gartendesign
Illustrated by Callwey

Der glückliche Horizont: Was uns Landschaft bedeutet

Dieses Buch Der glückliche Horizont: Was uns Landschaft bedeutet lese ich seit vielen Monaten mit wachsender Begeisterung: Es kommt mit einem breiten Wissen daher, mit vielschichtigen Beobachtungen und Reflexionen, immer neuen Aspekten, es ist kein Buch zum Auslesen. Die Kolumnen der Autorin über ihren Garten mit seinen vielen Gästen mag ich seit Langem. Nun kommt die Bewunderung für ihre Kenntnisse der Literatur zu Landschaften, in allen Epochen der Literatur, aber auch das naturwissenschaftliche und geschichtliche Wissen.

Wer hat alles zu Gärten geschrieben? Sorgfältig mit Textbeispielen zitiert werden antike Griechen, Shakespeare, Goethe, Schiller, Heine, auch Rosegger und viele mir Unbekannte. Schon im Vorwort werden wir, mit Hilfe von Tucholski auf den „Rhythmus der Landschaft“ hingewiesen, die die Dichter beobachtet, gefühlt und dann beschrieben haben. Und getröstet: „Allen Klagen, sogar allen menschlichen Zerstörungs-Anstrengungen zum Trotz hat die Landschaft um uns herum ihre Seele noch nicht verloren.“

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Genre: Garten, Landschaft
Illustrated by Kunstmann München

Gärten des Jahres 2023

Das Buch Gärten des Jahres 2023 ist das Ergebnis des jährlichen Wettbewerbes, fünfzig Gärten werden vorgestellt: der des Preisträgers, vier Gärten mit Anerkennungen und die restlichen 45 als Projekte. Die Texte sind von Frau Neubauer geschrieben, das Vorwort von Karl Ploberger, dem österreichischen Gartenjournalisten. Die Gärten kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Außerdem gibt es einen Preis für den Fotografen Herrn Ferdinand Graf von Luckner, dessen Arbeitsweise vorgestellt wird: er erkundet einen Garten und meldet sich dann für den nächsten Tag an: einmal morgens um sechs und dann noch einmal am späten Abend, um Gärten im besten Lichte erscheinen zu lassen.

Alle Fotos in diesem Beitrag sind im Juli in meinem Garten aufgenommen worden.

Im Vorwort berichtet Herr Ploberger von seiner Gartenbiografie: als Jugendlicher wurde er Fan von Marie-Luise Kreuter und experimentierte im elterlichen „Biogarten“, später wird England sein Vorbild. Als er anfing, als Journalist über Gärten zu schreiben, sprach er nur noch vom Garteln (das ist österreichisch!), denn das deutsche Wort Gartenarbeit bringt die Freude nicht zum Ausdruck, die uns in den Garten lockt. Damit steht er nicht allein!

Gärten des Jahres 2023

Im Englischen heißt es „gardening“. Er hat alle Gärten dort besucht, viele mehrfach, über den Bio-Mustergarten vom (damals noch) Prinz Charles hat er eine TV-Sendung gemacht. Die königliche Gartengesellschaft (RHS) hat sich ganz auf biologisches Arbeiten umgestellt. Und er beobachtet viele Umstellungen in dieser Richtung. Sein Lieblingsgarten dort bleibt Great-Dixter.

Corona hat das Gärtnern beliebter gemacht, gerade junge Menschen begännen nun, mit Nutzgärten Erfahrungen zu sammeln, aber öfter noch setzt sich ist der Hang zum Pool durch, dazu später mehr …

Von den vorgestellten Gärten lädt der Garten in Stemwede-Levern zum Träumen ein. Die Planerin, Petra Hirsch, hatte 25 Jahre Zeit, um auf einem Acker ein Paradies zu planen, das dann von der Familie in Eigenarbeit geschaffen wurde. Und die Maßgabe war „nicht pflegeleicht“! Wie ging die Planerin vor? „Es müssen Räume geschaffen und mit Wegen erschlossen werden. Die Gartenlandschaft braucht Ausblicke innerhalb des Geländes, verborgene Plätze, die Inszenierung der Jahreszeiten. Der Garten muss sich mit Leben füllen und Lebensräume für eine artenreiche Tierwelt bieten.“ Die Fotos zeigen, dass es gelungen ist.

Ein anderer mit einer Anerkennung geehrte Garten ist eine Dachbegrünung in Berlin, gefördert durch das Programm 1000 grüne Dächer. Die abwechslungsreiche Bepflanzung erinnert an einen Präriegarten. Die Laudatorin hat in ihrer Begeisterung folgenden Satz zusammengestellt: „Eine Anlage zur Bewässerung der Flächen, Licht und eine Plastik zeigen, dass in diesem Garten auf einem Dach über Berlin Ästhetik, Natur, Freizeit, aber auch technische und praktische Aspekte eine sehr harmonische Verbindung eingegangen sind.“ Kann man das toppen?

In vielen Gärten wird entsiegelt, einmal gar ein verfallender Pool entfernt, alter Baumbestand erhalten. Neue Nutzgärten kommen kaum vor. Aber, was ist mit den Wasserflächen? In der Einleitung steht noch: „Ja, wir haben umgestaltet, Pool raus, Schwimmteich rein, Thujahecke weg, Wildsträucherhecke gepflanzt.“ Danach hatte ich dann das Gefühl, im falschen Buch zu lesen: Das Wort Pool wird zwar gemieden, nun sind es „Wassergärten“, gerne naturnah.

Hier einige Namen der Projekte: „Wasser-Fiesta“, „Einladung zum Schwimmen unter alten Essigbäumen“, mal wird im Apfelgarten geschwommen, mal im Vorgarten. „Tiefenentspannung im Wassergarten“ verspricht ein anderes Projekt.

Auf die in der Coronazeit gewachsene Sehnsucht der Besserverdienenden wird mit geeigneten Produkten reagiert. Was könnte man sonst schon mit „drei Söhnen“ im Sommer machen? Aber, wer schwimmt im Winter, und dann, wenn die Söhne in das Fridays for Future Alter kommen?

Ein Projektplaner reflektiert immerhin die gewachsene Wasserknappheit, „Burgblick am Wasser“ in Stollberg. Im Bild sehen wir eine Wasserfläche, die aus „Schwimmteich, Quelle und Naturteich“ besteht. Hier besteht die Aufgabe daran, das viele Wasser so abzuleiten, dass es innerhalb des Grundstücks versickert – „ein wichtiges Thema im Hinblick auf die Zunahme von Starkregen-Ereignissen im Zuge des Klimawandels.“ Dazu werden Steinblöcke platziert, an denen das Wasser abfließen kann. In vielen der prämierten Gärten in Alpennähe ist das Material, aus dem die Steinblöcke sind, ein wichtiges Kriterium.

Im Serviceteil gibt es viele Adressen, auch ein Register der Pflanzen. Und viel um das geeignete Zubehör zum Pool. Allerdings gibt es auch etwas für normal Verdienende: eine Pflanzen-App von Petra Pelz, die es ermöglicht, Pflanzkombinationen digital zu planen, mit Hinweisen auf Blühzeiten und -dauer. Man kann sie auf der Webseite petra-pelz.com lesen, einen Tag kostenlos probieren und für Auszubildende kostet sie € 10 im halben Jahr!


Genre: Gartendesign, Gartengestaltung
Illustrated by Callwey

Unser Deutschlandmärchen

Im Buch sprechen Dincer, Fatmas Sohn, und Fatma in Monologen über ihre Erlebnisse, ihre Sorgen und Nöte, ihre Träume und Hoffnungen. Dincer ist Fatmas große Hoffnung, was muss sie stolz gewesen sein, als er den Preis der Leipziger Buchmesse bekam! Bei der Preisverleihung, ich erinnerte mich, kam eine Frau mit auf die Bühne. Beim Lesen war ich mir sicher, dass das Fatma gewesen sein musste, als Mitautorin; aber es war seine Frau, stellvertretend für alle Frauen.

Dass Frauen in der Gesellschaft Unrecht geschieht, sagt uns auf der ersten Seite schon Hanife, Fatmas Mutter: „Es gibt in unserem Glauben eine Regel, die den Männerschwänzen dient: Ein obdachloses Weib zu behüten ist die Pflicht eines jeden Mannes. Die ersten Männer dieser Frauen waren im Krieg gefallen. Jetzt warteten hier die nächsten auf sie, mit ihren steifen Werkzeugen. Bekamen die Möglichkeit, das Gewissen ihrer Schwänze zu beruhigen.“

Auf gut 200 Seiten gibt es rund 60 Kapitel, bebildert mit Fotos der Familie, von 1962 bis 2022: da sitzt Fatma und Dincer steht neben ihr.

Fatmas Mutter wird, in Anatolien, früh Witwe, die beiden Brüder sind behindert, die Hoffnung der Familie liegt auf Fatma, also muss sie Yilmaz, „dem mit dem großen Kopf“, nach Deutschland folgen, als er um ihre Hand anhält. Das Leben dort ist schwer, am schlimmsten ist: Fatma muss über ein Jahrzehnt warten, bis sie schwanger wird, sie lässt kein ihr bekanntes Hilfsmittel aus, betet sogar zu Maria …

Da sie keine eigenen Kinder versorgt, bittet sie Yilmaz, ob sie arbeiten darf, und wird Fabrikarbeiterin (Akkordbrecherin!), und hat Nebenverdienste als Erntehelferin, die die Familie ernähren.

Als Yilmaz eine Kneipe aufmacht, putzt sie und unterstützt im Hintergrund. Aber die Kneipe bringt kaum Geld ein, denn die Kunden lassen anschreiben. Yilmaz ist ein liebenswerter Loser, der viele scheinbar gewinnbringende Ideen hat, die dann scheitern, der Schuldenberg wächst und Fatma arbeitet immer daran, ihn abzutragen. Aber: Als Dincer geboren ist, gibt es eine Woche lang Freigetränke, so hat es, da es nach ihm geht, zu sein.

Als der Vater zusammenbricht, wird die Kneipe geschlossen, die Schulden sollen gepfändet werden. In der größten Not kommt das Rettende in der Person von Herrn Hoeke, Richter am Amtsgericht. Er bekommt am nächsten Tag eine Vollmacht, regelt alles. Als er erfährt, dass Dincer schreibt, kommt er freitags „nach der Schicht“, liest alles, „bringt Bücher mit: Novalis, Rilke, Eichendorff, Fried, Lasker-Schüler. Bespricht mit mir alle Texte.“ Jahre später wird er anregen, „Dincer, deine Zeit kommt langsam, du musst vor Menschen lesen, die müssen deine Gedichte hören.“ Nach der Lesung in der Stadtbibliothek im Nettetal steht in der Westdeutschen Zeitung: „Jedes Jahr gibt Nettetal mit Martin Walser, Elke Heidenreich … an, wird das nicht langweilig? Endlich konnte man gestern Abend eine junge Stimme hören, die viel spannender klingt.“

Das Kapitel geht weiter: „Die Figur Hans Hoeke gibt dem schweigenden Märchen eine Hand, das Märchen beginnt, seine zukünftige Stimme zu suchen.“

Soweit der Plot. Ihn zu erfassen dauert etwas, in den vielen Kapiteln kommen einzelne Mosaiksteinchen. Das macht das Lesen zu einem spannenden Erlebnis, denn es besteht aus vielen Stimmen, in Lyrik und auch Prosa, die mit Offenheit und Zuversicht die Entwicklungen der Familie beschreibt.

Andere Stimmen sind in Anatolien zu hören, die der Eidechsen, Kräuter und der Steine. Und wie klingt Dincers Ablehnung bei seinen Arbeitskollegen? Da ist er, weil er Bücher liest, die Schwuchtel. Oder wie er als Arbeiter neben den StudentInnen in der Theatergruppe gesehen wird. Wie geht es der gut integrierten Gastarbeiterfamilie mit Solingen und Hanau?

Ausführlich beschrieben ist Dincers Abnabelungsprozess von Fatma, die lange hoffte, Dincer könnte als Mann ihre Enttäuschungen über Yilmaz heilen.

Besonders beeindruckt hat mich die Begegnung mit Bernd, „der Kollege, der immer die Gießformen auseinandergebaut hat.“ Er beglückwünscht ihn, dass er „den Sumpf“ hinter sich gelassen hat. Sumpf? Für ihn war es die Schule des Lebens, die ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. „Hätte ich mir damals diese robuste Art nicht zu eigen gemacht, wäre ich heute auch in der Theater- und Literaturszene verloren … Hab Jahre später Gedichte geschrieben und diese der Drehmaschine mit der Nummer 630, dem Schraubstock, der Bandsäge gewidmet.“

Und in der Danksagung kommen nach seinen Nächsten „alle, die mit Körperkraft und Schweißperlen auf der Stirn, mit Verstand und Gewissen versuchen, das Leben für sich und alle erträglicher zu gestalten.

Euer Dincer“


Genre: Frauenrechte, Gastarbeiter, Literatur als Elixier
Illustrated by mikrotext