Mädchen, Frau etc.

Dieses Buch fesselt von der ersten Seite an, es lebt von der aufmerksamen Beobachtung und Beschreibung der Protagonisten. Wir lernen mit Anteilnahme und Humor ein Dutzend britischer Frauen während der letzten hundert Jahre kennen, alle Generationen sind vertreten, viele kennen sich untereinander.

Manche kommen aus gutem Hause, andere hatten ledige Mütter, manche entdecken für sich den Feminismus der sechziger Jahre (Betty Friedan!), andere sind oder werden lesbisch, nie verschämt, mal kämpferisch. Amma etwa nimmt sich vor, nur einmal mit derselben zu schlafen, und als sie sich ein Kind wünscht, lässt sie sich von ihrem schwulen Freund Roland (künstlich!) befruchten. Die Tochter Yazz ist inzwischen eine Studentin, strotzt vor Selbstbewusstsein und wickelt ihre Eltern um den Finger; getrennt, versteht sich.

Wir lesen die Geschichte von Hattie, einer Gutsbesitzerin im Norden Englands, andere sind Lehrerinnen an Schulen, die sich in jungen Jahren an der Aussicht erfreuten, etwas zur Bildung gerade sozial Schwacher beizutragen, dies zeigt sich nach Thatcherschen Schul- und anderen Reformen als Illusion und führt zumindest bei Shirley zu Verbitterung. Dass ihre eigene Mutter sie auch noch mit ihrem Mann betrügt, erfährt sie zum Glück nicht. Es werden Vertreterinnen der weiblichen Linie bis zur Urgroßmutter vorgestellt, und die Spannungen zwischen den Generationen gespiegelt.

Das Buch ist geschrieben, wie man spricht, mit spärlicher Interpunktion, und unter Vermeidung direkter Rede. Es ist das Besondere des Stils, dass es weniger Dialoge gibt, aber dafür werden die Gedanken der Protagonistinnen aufgeschrieben, also auch das, was nicht gesagt wird. Ich habe es erst im englischen Original gelesen, die Übersetzerin ist tapfer, nicht immer gelingt es ihr, den frechen Stil der Autorin wiederzugeben, auch weil diese gerne Abkürzungen verwendet, wie bei der SMS Sprache.

Durchgängig ist im Buch Sex wichtig, jede entdeckt für sich, wie sie es am liebsten hat, ohne Details über erotische Techniken. Alter spielt dabei keine Rolle. Als Penelope sich mit über 70 einen neuen Lover sucht, erwägt sie, sich die Schamhaare färben zu lassen, ist dann aber nicht nötig…

Bei den ganz Jungen, wie Yazz, geht es um Gender-, auch Transgenderfragen, es geht auch darum, welchen Pronomina das selbst gewählte Geschlecht verlangt, hier ist die deutsche Sprache deutlich spröder als das Englische.

Der Aufbau des Buches ist folgender: Amma ist trotz ihrer aus Afrika stammenden Eltern eine erfolgreiche Dramaturgin am National Theater geworden. Heute Abend ist Premiere ihres Stückes und die meisten Menschen, die sie in ihren über fünfzig Jahren begleitet haben, werden kommen, auch danach zur Premierenfeier.

Das Theaterstück wurde vor zehn Jahren von Amma geschrieben, (und so lange dauerte es, bis sie es auf inszenieren durfte) über das vorkoloniale Benin, in dem der König, aus Angst vor männlichen Rivalen seine Sicherheitsgarde aus Frauen gebildet hatte. Mehrere Hundert waren es, formal mit ihm verheiratet, und sie durften von keinem Mann gesehen, geschweige denn, berührt werden. Irgendwann wenden sie sich gegen ihn, dann zueinander und genießen ihr lesbisch Sein.

Im Buch folgen nach Ammas Gedanken auf dem Weg zum Premierenabend die Biographien der (sie selbst eingeschlossen) zwölf Frauen, die alle afrikanische Vorfahren haben. Es geht um Kindheiten in Nigeria, auf Barbados und die schwierigen Eingewöhnungszeiten in England, die Diskriminierungen als Schwarze, die manche schon als Kinder, alle als Erwachsenen erfahren haben, werden präzise und ohne Larmoyanz beschrieben.

Die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen werden aufgeführt, in London werden Stadtviertel gentrifiziert, auf dem Lande erlebt Hattie die Industrialisierung der Landwirtschaft.

Und was ist mit den Männern? Sie gibt es als Väter, Brüder, Ehegatten und (Schwieger)Söhne, wie die Frauen sie wahrnehmen. Auch sie wurden als Kinder des britischen Empire irgendwann Briten. Anders verlief nur die Jugend von Hatties Mann Slim: er war ein US-Soldat aus Georgia, Nachfahre von Sklaven, der wegen Hattie in England blieb und die Engländer als viel respektvoller empfand: Niemand hier hat ihn je Boy gerufen. Ironie des Schicksals: in einem Geheimfach von Hatties Vorfahren findet er Dokumente, die belegen, dass Grundstock des Vermögens Sklavenhandel war. Und Hattie muss beobachten, wie die gemeinsamen Kinder Besuchern erzählen, ihr Vater wäre ein angestellter Landarbeiter.

Nur Rolands Gedanken werden uns, wie die der Frauen, im O-Ton beschrieben. Er ist von sich sehr angetan, immerhin gehört er zum Establishment als TV Promi, Prof. für Soziologie, und das als Einwandererkind, das mit zwei Jahren aus Gambia gekommen war! Leider will keiner der langjährigen Bekannten, die er auf der Premierenparty trifft, seine langen Predigten über das Theaterstück, oder Ergüsse zu anderen Aspekten des Lebens anhören. Es sind Szenen wie diese, die sich mit

Vergnügen lesen, weil Menschenkenntnis und Humor zusammentreffen.

Überhaupt ist die Premierenfeier, auf der reichlich Prosecco fließt, und wo so unterschiedliche Menschen zusammengewürfelt werden, ein Genuss, schon die Beschreibungen der Outfits, viele haben einen afrikanischen Touch. Erfrischend ist, welche Schlüsse gezogen werden, etwa, dass Frauen mit festem Schuhwerk wahrscheinlich lesbisch sind.

Und wir sehen, wie sich Menschen entwickeln können, wie alte Überzeugungen gepflegt, oder eben geändert werden. Nochmal zum Sex: Amma bevorzugt jetzt Dreier, gerne in langjährigen Beziehungen.

Das Buch ist spannend, flott geschrieben und überzeugt durch die klug gewählten und gut getroffenen Persönlichkeiten. Das ist einfach guter Stoff. Zum Schluss gibt es dann noch einen Epilog, mit dem sich ein Kreis schließt …


Genre: Frauenliteratur, Politik und Gesellschaft
Illustrated by Tropen Verlag

Reise um meinen Garten. Ein Roman in Briefen

„Die Natur muss gefühlt werden, wer nur sieht und abstrahiert, kann Pflanzen und Tiere zergliedern, er wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.“ Alexander von Humboldt, 1810

Humboldt hatte Alphonse Karr aus der Seele gesprochen, ob er ihn auch gekannt hatte? Vielleicht hat er Deutsch verstanden, sein Vater war ein deutscher Pianist, aber gelebt hat Karr in Frankreich, als jüngerer Mensch in Paris, wo er gerne mit Literaten in Salons verkehrt, später in seinem Garten im Süden Frankreichs.

Das Lesen ist immer wieder ein sich Zurückversetzen in lange vergangene Zeiten: Wie sahen vor zweihundert Jahren die Gärten aus, was wussten die Menschen über Pflanzen und überhaupt von der Welt? Dass dies kein Ratgeber für meinen Garten sein würde, war mir klar, aber dass der Autor literarische Ambitionen hatte und ich nicht nur über Pflanzen und Menschen, sondern ganz viel über Insekten lesen würde, hatte ich nicht erwartet, konnte mich aber daran gewöhnen.

Das Buch Reise um meinen Garten hat über vierhundert Seiten und ist vor 175 Jahren in Frankreich erschienen. Verfasst in bald sechzig Briefen, die er an einen Freund auf Weltreise schreibt, dessen Abfahrt er beobachtet hatte, aber der Freund nahm ihn gar nicht wahr: Reisende soll man nicht aufhalten, denkt er und schreibt nun lange Briefe, die beweisen, dass man auch im eigenen Garten auf Weltreise gehen kann. Er berichtet wortreich, was er alles Schönes in seinem Garten entdeckt.

Neid auf dessen Abenteuer hätte er bekämpft, glaubt er, ihm reiche sein Garten, während der arme Reisende wahrscheinlich noch nicht einmal weiß, ob er in der Fremde etwas zu essen bekommt, und wer weiß, ob die Betttücher dort überhaupt gewaschen werden. Vom Unbewussten ahnt er nichts, veröffentlicht wird das Buch zwölf Jahre vor Freuds Geburt, Selbstreflexion ist ihm fremd.

Die aufmerksamen Beobachtungen der Pflanzen, und der Insekten, werden präzise und wortreich beschrieben. So wie bei den französischen Romanciers seines Jahrhunderts, musste ich mir in Erinnerung rufen, dass früher mehr Zeit war, die man gerne mit Schreiben und Lesen zubrachte, da es von den Tätigkeiten, die heute unsere Zeit auffressen, noch nicht viele gab.

Zum Glück gibt es ein ausführliches Vorwort, indem ein derzeitiger Gärtner uns in Karrs Zeit einführt, und etwas über ihn erzählt. Er hatte eine Satirezeitschrift (mit dem Namen Die Wespen) gegründet und zieht auch in diesen Briefen gerne über andere her. Am liebsten über Akademiker, schon kleine Kinder werden von ihren Lehrern von den Dingen abgehalten, die wichtig sind, etwas vom Spielen.

Botaniker kommen besonders schlecht weg mit ihren lateinischen oder griechischen Vokabeln, man könne doch die Wörter nehmen, die die Menschen in ihrer Sprache gefunden haben und richtig aussprechen können.

In welcher Ordnung für Pflanzen kommen Gerüche vor? Farben? Alles das, was Gefühle auslöst? Vom Blau weiß er: „… das Parmaveilchen hat ein sehr blasses Lapisblau, danach kommt der blaue Wiesenstorchenschnabel, dann die chinesische Glyzinie, dann die Leinblume, dann kommt in der Reihe der Nuancen das Vergissmeinnicht, der Borretsch, die Hundszunge, der Prachtsalbei, die Trichterwinde …“ und so geht es noch lange weiter. Dazu stelle ich mein Kapitel „Blau im Garten“ vor, wo ich beschreibe, wie anderthalb Jahrhunderte später Liebermann und Foerster den Faden weiterspinnen …

Insekten beschreibt er minutiös, etwa die Entwicklung der Larven (schön wie Delphine!) zu Steckmücken, lässt sich 10-mal stechen, um den Stechrüssel observieren zu können. Mir wurde klar, dass wir heute kaum noch Insekten haben.

Klischees gibt es zuhauf: arme Menschen sind gute Menschen, reiche Menschen sind schlecht. Frauen sind Geschöpfe, denen man Sträußchen offeriert, gerne Veilchen, aber sonst gibt es nichts über sie zu sagen.

Gerade in einer Zeit, in der eigene Reisepläne nicht umsetzbar sind, genieße ich die Reise um Karrs Garten. Ich las immer nur ein Kapitel pro Tag. Also, wer gerne dicke Bücher liest, so wie die Rschersch von Proust, der sollte anfangen und wird es lieben.


Genre: Garten, Klassiker, Literatur, Reise
Illustrated by Die andere Bibliothek

Der Apfelbaum

Der apfelbaumEinundneunzig Jahre alt ist die Mutter des Autors und träumt sich immer wieder in neue Abenteuer hinein, dabei will er doch, bewaffnet mit einem Kassettenrekorder, ihre wechselhafte Geschichte aufzeichnen, gerne auch das, was bisher verschwiegen wurde. Aus diesen Stückchen, die es zusammenzufügen gilt, will er seine eigene Geschichte „neu erfinden“, und nicht mehr davor weglaufen, heißt auf dem Umschlagdeckel.

Und es gelingt ihm dank seiner Erzählkunst; mit Spannung und Anteilnahme lesen wir über deutsche Schicksale im letzten Jahrhundert.

Es beginnt mit dem Vater des Autors, der vor vier Jahren verstorben war. Otto wurde in den Monaten vor Ende des Ersten Weltkriegs in einer Berliner Arbeiterfamilie geboren. Sein Vater Otto war gefallen, Anna, die Mutter hatte ihn sehr geliebt und gehofft, mit ihm zusammen sozial aufzusteigen. Der Friseur war geschickt und konnte auch kleine Operationen durchführen. Das Söhnchen wird Otto genannt und soll es einmal besser haben,. In ihrer Erziehung achtet sie schon beim kleinen Otto darauf, etwa, dass er nicht so balinaht, wie seine Schwestern.

Erst sieht es kaum nach Aufstieg aus, Otto ist klein und zierlich, aber als er seinen Muskelaufbau systematisch fördert, kann er sich gegen den prügelnden Stiefvater und auch andere Widersacher durchsetzen. Er gerät bald an einen Verein, der Kraftübungen mit organisiertem Verbrechen verbindet, als die Schlüsselszene passiert, wie sich Berkels Eltern kennenlernen: Während er Anfang der dreißiger Jahre im bürgerlichen Friedenau in eine Wohnung einbricht, gelangt er in einen Traum von Bibliothek und interessiert sich für ein dickes Geschichtsbuch. Dazu kommt die dreizehnjährige Sala Nohl.

Die Polizei verfolgt die Einbrecher. Er versteckt sich und Sala deckt ihn souverän, als die Polizisten nach Einbrechern fragen. Otto geht stolz, mit der römischen Geschichte unter dem Arm, die er am nächsten Tag im Tiergarten lesen will.

Dort fällt er Salas Vater Jean wegen des Buches auf. Jean, als bekennender Homosexueller täglich im Tiergarten auf der Pirsch, interessiert sich für Otto und sie reden über das Buch. Otto wird eingeladen und kommt am nächsten Tag als Gast wieder in die Friedenauer Wohnung. Forsch teilt Otto Salas Vater mit, dass er die Tochter heiraten möchte (er war 17, sie 13 Jahre alt). Das hält Jean davon ab, sich weiter sexuell für ihn zu interessieren. Auch seine Persönlichkeit spricht nicht nur Sala an, fortan wird Otto als Arbeiterkind von den Gebildeten gefördert. Es beginnt eine schöne Zeit für das junge Liebespaar. Sie besuchen Filme und Theater, Sala lernt seine Familie kennen und schätzen, wenigstens sind sie zwar rau, aber ehrlich miteinander. Otto macht Abitur, studiert Medizin, Sala geht zur Schule und will Schauspielerin werden.

„Sie übt sicher wieder eine dramatische Rolle,“ denkt Jean und lauscht hinter der verschlossenen Tür. Hören muss er, dass Sala in einer gestellten Szene ihrer Mutter Iza vorwirft, sich nicht um sie zu kümmern, und ihr zu alledem noch ihr jüdisch Sein vererbt hat, denn in ihrer Umgebung musste ihr bewusst werden, dass es nicht gut ist, Jüdin zu sein, ein Stigma, unter dem sie ihr Leben lang leiden wird.

Iza, Tochter aus gehobenen jüdischen Kreisen in Polen, hat die Familie vor einigen Jahren wegen eines deutlich jüngeren Künstlers verlassen und lebt jetzt in Madrid in Anarchistenkreisen, später wird sie zum Tode verurteilt, um dann über mehrere Jahre in Franco’s Gefängnissen zu überleben. Salas Versuche, ihrer Mutter nahezukommen werden scheitern. Noch als Hochbetagte streitet sie sich mit ihrem Sohn über ihre (und seine) jüdischen Anteile.

Sala verlässt Deutschland, als es zu gefährlich wird, erst geht es nach Paris zu einer Tante, Schwester von Iza, die ein exquisites Modegeschäft führt. Sie studiert an der Sorbonne und genießt ein Luxusleben. Es wird gespeist mit mehreren Gängen und passender Weinbegleitung. Erst in dem Folgebuch über ihre Tochter Ada (link!) wird dieser das Judentum bei einem Besuch einer Bar Mitzwa Feier nahegebracht. Bei Sala wird es verdrängt.

Aber nach kurzer Zeit wird Paris besetzt, und sie muss auch hier weiterziehen. Geplant ist die Flucht über Marseille. Kurz vorher trifft sie sich mit Otto, der in der Uniform eines Wehrmachtsarztes überraschend kommt, sie entdecken ihre Liebe wieder.

Unterwegs nach Marseille wird sie gefasst, kommt in das berüchtigte Lager in Gurs. Salas Beobachtungen des Lagerlebens sind eindrucksvoll: man hungert, aber spielt auch Theater, Veränderungen, die sie auch bei sich selbst wahrnimmt. Nach und nach die werden Insassen in Zügen abtransportiert, in andere Lager in Osteuropa, man weiß, dass niemand je zurückgekommen ist. Sie wird in einem Zug gesetzt, der nach Leipzig fährt, während der Fahrt durch Frankreich setzt sie sich in ein anderes Abteil zu einem deutschen Ehepaar. Diese ahnen, dass sie eine geflohene Jüdin ist und helfen ihr nach dem Outing beim Weiterkommen in Leipzig. Sie bekommt einen deutschen Pass, pikanterweise mit dem Vornamen Christa und macht eine Ausbildung als Krankenschwester. Eine Kollegin, Molly, die ohne Salas Wissen in ihre Situation eingeweiht worden war, wird von nun an ihre Vertraute, deren Rat immer gut ist.

Otto ist kaum wiederzuerkennen, als er von der Front zu Besuch kommt und sie finden wieder zueinander. Sala wird schwanger und kann in Leipzig die Tochter Ada gebären. Nach Kriegsende ist ihr Deutschland keine Heimat mehr, es ist schwer sich im neuen Leben zurechtzufinden. Von Otto weiß man nichts, hofft, er wäre in Gefangenschaft in der Sowjetunion, also am Leben.

Er scheint Tagebuch geschrieben zu haben, auch über die Hilflosigkeit der deutschen Soldaten, die mit der Niederlage umgehen müssen. Er betreut sie als Arzt, muss auch bei sich selbst die Diagnose Dystrophie stellen; er erschrickt bei seinem Spiegelbild. Berkel wechselt nun ab, Erfahrungen von Sala mit Ada und Otto zu beschreiben. Ottos Überlebensstrategie: russisch lernen, viel beobachten, nachdenken und sich nicht aufgeben.

Sala redet mit Überlebenden in Deutschland, lernt deren Strategien kennen, aber sieht keine für sich, sie entschließt sich auszuwandern. Erst zu Iza nach Madrid, es ist der zweite Versuch Salas, der Mutter zu begegnen, diesmal mit Ada, Mutter und Tochter kommen auch jetzt nicht zusammen. Sie will dann weiter nach Argentinien, wo eine weitere Schwester Iza’s mit Ehemann lebt.

Sie arbeitet als Nanny bei einer wohlhabenden Familie, es geht anfangs gut. Sie träumt von Otto und will, dass er auch auswandert. Er kann mit dieser Vorstellung nichts anfangen, und ob das Kind von Ihm ist? Der Briefwechsel wird kränkend. Als der Vater der von ihr betreuten Kinder ihr nachstellt, geht sie, auch eine zweite Arbeitsstelle läuft nicht gut, bis Ada endlich sagt: „Ich will weg hier.“

Zurück in Deutschland nimmt Molly die Dinge in die Hand und nötigt sie Otto anzurufen. Er ist inzwischen HNO-Facharzt, dabei, sich niederzulassen und verheiratet mit Waltraut, die ihm mit ihren gehobenen Konsumvorstellungen zunehmend abstößt. Zehn Minuten nach dem Telefonat treffen sie sich im Kaffee Kranzler und Otto weiß schnell, dass er sich scheiden lässt.

Für dieses Buch hat Christian Berkel viel recherchiert, dutzende von Briefe, gerade von und nach Argentinien gefunden und bearbeitet. Seine Mutter hat, so wie damals, als sie jünger war, vieles von ihrer Geschichte verdrängt. Und sich weggeträumt: Am Tag vor ihrem Tode hatte sie ein Date mit Putin im Borchardt und ihren Sohn gezwungen dort anzurufen, weil sie sich ein wenig verspäten würde. Sie mochte die Entourage von Putin nämlich nicht.


Genre: Biographien, Historischer Roman
Illustrated by Ullstein

Von Bienen und Menschen: Eine Reise durch Europa

Auch für dieses Buch über Bienen und ihre Menschen nimmt die Autorin uns mit auf ausgedehnte Reisen, am Anfang und zum Schluss sind wir wieder bei Galina in Jasnaja Poljana, dem ehemaligen Trakehn bei Kaliningrad, wo wir schon beim Akazienkavalier waren. Die Reise geht bis zu den Pyrenäen, und über Gotland nach Slowenien. Einmal geht es nur von Lüneburg kurz mal über die Elbe, in das ehemalige Zonenrandgebiet, wo nach dem Mauerbau im Todestreifen Bienen gehalten wurden.

Ulla Lachauer‘s Kunst besteht darin, in ihren Gesprächen eine vertraute Atmosphäre zu schaffen, so dass die Menschen gerne von den Bienen in ihren Leben erzählen. Im Vorwort lesen wir, warum sie verstehen möchte, was Bienen den Menschen bedeuten, früher, während der gesellschaftlichen Umbrüche dieses und des letzten Jahrhunderts und jetzt, wo durch die Gifte der industriellen Landwirtschaft Bienen und andere Insekten sterben.

Zwischen den Texten stehen Rezepte, die sich für verschiedene Honigarten eignen, man liest, wie unterschiedlich Honig ist, je nach der Tracht, also der jeweils blühenden Pflanzen. Und wir lernen, dass Tannenhonig von Ausscheidungen von Blattläusen gewonnen wird, also eigentlich ziemlich eklig ist.

Ein Glossar zum Schluss klärt auf über das zur Bienenhaltung verwandte Vokabular und endlich glaube ich nun, deren ungewöhnliche Paarungsabläufe verstanden zu haben.

Von den zehn Orten, in denen die Begegnungen stattfanden, möchte ich einige vorstellen:

Wir beginnen in Stuttgart, wo ein Stadtbauer ihr sein Revier zeigt: eine Industriebrache, auf der er 15 Stöcke hält. Den Bienen fehlt es an nichts: die Spontanvegetation blüht, etwas weiter ist eine Lindenallee Der Stuttgarter Honigbauer arbeitet ohne Schutz, seine Bienen kennen ihn. Dann wird ein Volk einlogiert, also in seine Behausung eingeführt, dabei sind Geduld und Beobachtungsgabe gefragt.

Wer an einem bewohnten Stock arbeiten will, braucht einen Smoker, den hat jeder Imker. Wenn es nach Rauch riecht (und, wie wir sehen werden, hat jeder Imker sein Spezialrezept für seinen Rauch) glauben, die Bienen es wäre Waldbrand, packen ihre Vorräte für die Flucht, so kann der Imker sich in Ruhe am Stock zu schaffen machen.

Danach besuchen wir im Schwarzwald die Familie Pfefferle, eine „Bienendynastie“ seit Generationen, ein Vorfahre hat ein wichtiges Buch geschrieben. Mit seiner Schwiegertochter, inzwischen auch über sechzig Jahre alt, gehen wir zu den fünfzehn Völkern. Sie kontrolliert, wie groß die Schäden sind, die die Varroamilbe angerichtet hat (drei Völker müssen in Quarantäne) und erfahren, wie unterschiedlich Männer und Frauen als Imker sind. Und wir werden an das große Bienensterben am Oberrhein im Jahr 2008 erinnert, als Neonicotinoide in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, später heißt es: „seitdem kämpfen die Imker für ihr Verbot.“

Länger halten wir uns in Slowenien auf, ein Land, das eine besonders lange Imkertradition hat, und als einziges europäisches Land die Imkerei staatlich fördert. Unser Gesprächspartner ist Franc Sivic, dessen Deutsch einen österreichischen Klang hat und der viel über die Geschichte der Bienen und Menschen im ehemaligen, Habsburg, aber auch im ehemaligen Jugoslawien weiß.

Für den Bienenhalter sind die Rassen wichtig: die heute in Europa verbreitete Carnica ist einfacher zu halten, als stechsüchtigere Rassen. Viele Imker sind begeistert von den Möglichkeiten, selbst zu züchten, schon seit Jahrhunderten werden Königinnen ex- und importiert. Kein Wunder, dass es während der Nazizeit vergleichende Theorien zu besseren Rassen nicht nur bei Bienen gab, bisher (das Buch erschien 2018) haben Imkerverbände dies nicht aufgearbeitet.

Veränderungen der Umwelt beeinträchtigen die Imkerei, überall, wo die Vielfalt der Blühpflanzen zum Verschwinden gebracht wurde, am schlimmsten ist es, wenn nach dem Juli nichts mehr blüht, oder wenn, wie bei Galina in Russland, aufgrund wechselnder Besitzverhältnisse gar nichts angebaut wird, oder dass sie sterben, wie beim Imker in Südfrankreich, der Gifte vermutet, die in der Landwirtschaft verwendet wurden.

Im Nachwort werden neben den ideellen die wirtschaftlichen Seiten der Imkerei zusammengefasst: Der Honigbauer braucht kein eigenes Land, und während der vielen Krisen, die die Menschen auch in Europa immer wieder heimsuchten, erbrachte der Honigverkauf ein Zubrot. Das wäre etwas für Sie?

Als Städterin empfehle als zukünftigen Standort Städte. Wir selbst bringen seit einem Jahr keinen Honig mehr von unseren Reisen zurück. Aber wir nehmen Berliner Stadthonig als Mitbringsel: der ist weniger mit Schadstoffen belastet, als der, den man in Dörfern bekommt. Für den Anfang reicht ein kleiner Stock …


Genre: Biographie, Garten, Reise
Illustrated by Rowohlt

Der Akazienkavalier: Von Menschen und Gärten

Mit dem Geschenk Der Akazienkavalier: Von Menschen und Gärten von Ulla Lachauer konnte ich zuerst nicht viel anfangen— wo gibt es noch Kavaliere und dann mit Akazien? Aber ich las doch los, und gleich die kurze Geschichte vom Akazienkavalier, hatte sie doch dem Buch den Namen gegeben, obwohl sie im Buch die elfte (von fast zwanzig) war.

Und wurde mitgenommen nach Odessa, in die Zeit kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion. Schnell kommen Erinnerungen an andere Orte in Mitteleuropa. Eine Zeit, in der sich Alles änderte, Alles möglich wurde, aber auch Verlustängste geschürt wurden. Wir lernen viel über die besondere Geschichte Odessas, warum dort Akazien, die eigentlich Robinien sind, die Alleen säumen. Wie wurde Odessa in der Literatur beschrieben, was macht den Odessiten aus?

Wir sind in einem Belle Epoque Hotel untergebracht, wo es nach Katzendreck riecht, was „gemäß odessitischer Erfahrung“ angenehmer sei, als eine Mäuseplage, so die Angestellten, die sich nach den guten alten Zeiten zurücksehnen.

Wir entfliehen dem Gestank im Hotel und machen einen Morgenspaziergang zur Brücke, auf der der Panzerkreuzer Potemkin gedreht wurde, fühlen uns befreit von allem Schweren, und das trotz des drückenden Dufts der blühenden Akazien. Die Begegnung mit dem Akazienkavalier passt in diese surreale Gegenwart und bringt uns, wie schon die Autorin, zum Lachen.

Im ersten Absatz heißt es schon: “Wenn es denn stimmt, dass kurz vor dem Tod das Leben, Bedeutsames, Skurriles, Schrecken und Glück, noch einmal im Zeitraffer vorbeizieht, dann könnte mein Kavalier aus Odessa dabei sein und mich zum Lachen bringen. Jedenfalls wünsche ich mir es, und dazu, wenn das nicht zu unbescheiden ist, Akazienduft!“

Diese Geschichte steht für viele andere, die von den europäischen Migrationsbewegungen des letzten Jahrhunderts erzählen, wobei es immer die zwischenmenschlichen Begegnungen sind, die den Reiz ausmachen. Und wir werden immer in die Gegenwart (der Nullerjahre, in denen das Buch erschien) zurückgeholt.

Auf Reisen bewundern wir Ostpreußische Wolkengärten, lernen über Bernsteinschmuggel und wie man echten von falschem Bernstein unterscheiden kann. Und es geht um Menschen, von denen manche schon nach den Weltkriegen, oder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu uns gekommen sind: Da ist ein „Gartenmann,“ Akademiker aus Kasachstan, der, bevor er sein Arztexamen nachholt, sein Geld in fremder Leute Gärten verdienen muss, oder der Aussiedler vom Balkan. Oder ein Engländer, der in Andalusien überwintert, aber eigentlich, weil er Jude ist, aus Litauen fliehen musste.

Manches passiert auch in Deutschland: Eine raumfressende Zimmerpflanze wird gemordet, aber erst nach langen Rechtfertigungen, warum Pflanzen eigentlich nach draußen gehören und Gedanken darüber, wie wir Menschen im Laufe der Zeit gelernt haben, mit Pflanzen zu leben. Wir lernen mit einer blinden Gärtnerin, wie Gärten erspürt werden können. Oder warum der Tante zur Gladiolenzeit immer welche gebracht werden müssen, auch wenn man als Kind noch so klein ist, dass die Ärmchen ganz hochgehalten werden müssen, wenn die Gladiolen nicht auf der Erde schleifen sollen.

Meine Lieblingsgeschichten spielen in Frankreich, wohl, weil ich ein Kind der Deutsch-Französischen Freundschaft bin. Auch hier geht es um Versöhnung nach Feindschaft und Kriegen. Außerdem weiß ich jetzt, dass Colette die erste und bisher einzige Frau ist, die ein Staatsbegräbnis erhalten hat.

Im Nachwort wird eine Erfahrung angesprochen, die auch meine ist und mir erst beim Lesen bewusst gemacht wurde: „Viele der Interviews für meine Bücher habe ich in Gärten geführt. Es ergab sich so, ohne besondere Absicht. Mir ist inzwischen klar geworden: Im Garten, unter freiem Himmel und doch geschützt vor der Außenwelt, ist leichter reden. Im Haus verlaufen Gespräche meist ganz anders.”

Ich mache gerne Empfehlungen, wem man ein Buch schenken könnte, etwa wenn Weihnachten naht: Allen Menschen, die vor 1955 geboren wurden, vor allem, wenn sie selbst Fluchterfahrungen haben. Am meisten Freude bereitet es denen, die selbst gerne mit anderen Menschen über Gärten reden.


Genre: Garten, Umwelt
Illustrated by Rowohlt Taschenbuch Reinbek

Unsere Welt neu denken: Eine Einladung

Titel Maja GöpelDies ist ein kleines Büchlein (200 Seiten), aber es hat es in sich: Die Klimakrise wird nicht erst beschrieben, es geht darum, welches Wirtschaftssystem nötig wäre, um sie aufzuhalten. Wir sind eingeladen, mitzudenken. Am Ende jeden Kapitels stehen weitergehende Gedanken zum Gesagten, wie ein Abspann.

Unsere Utopien haben sich in Dystopien verwandelt, Ursache ist die derzeitige Produktionsweise. Diese wird von ihren Kollegen Wirtschaftswissenschaftlern als gottgegeben gelehrt. Maja Göpel, die promovierte Volkswirtin und Professorin, nimmt uns mit in eine Vorlesung, als sie junge Studentin war: Es ging darum, wie sich Menschen entscheiden, um ein Auskommen zu haben. Gelehrt wurde, dass Arbeiter immer den höchsten Lohn anstreben, auch wenn es bedeutete, dass sie ins Ausland müssten. Als sie fragte, ob berechnet worden war, „ab wieviel Armut vor Ort und Lohnunterschied Menschen denn ihre Familie verlassen würden und (warum) für einen solchen Aufwand aufseiten der Arbeiter*innen keinerlei Kosten in dem Modell auflaufen würden, wurde es plötzlich still im Hörsaal.“

Dem verblüfften Prof fiel nur ein: “Seht her, da spricht ja ein warmes Herz.“ Sie nahm das als Anstoß, sich mit den volkswirtschaftlichen Theorien zu befassen, und dies später in ihrer Promotion zu vertiefen.

Wir erhalten grundlegendes Wissen zu den immer wieder zitierten Größen des Fachs. Wir lernen, dass der „homo oeconomicus“ unersättlich ist. Dazu aus dem Abspann des Kapitels Mensch und Verhalten: „Die Mehrheit der Ökonomen denkt den Menschen immer noch als eine egoistische Kreatur, der es nur um den eigenen Vorteil geht und die dadurch auf wundersame Weise für alle Wohlstand schafft. Dieses Menschenbild ist falsch und muss dringend einem Update unterzogen werden…“

Während sich in der Natur über Milliarden von Jahren stabile Kreisläufe herausgebildet haben, auch durch Korrekturen immer wieder ausgeglichen wurden, ist unsere industrielle Produktionsweise nur auf ihre Endprodukte ausgerichtet, wie ein Fließband, das immer weiterläuft. Wenn Produkte nicht mehr gebraucht werden, werden sie nicht wieder in den Kreislauf eingespeist, sie werden Müll, der zunehmend die Umwelt belastet. Weiteres Wachstum ist angestrebt, auch wenn wir inzwischen wissen, dass mehr Produktion auch mehr Planetenzerstörung bedeutet. Dazu heißt es im Abspann des Kapitels Technologischer Fortschritt, dass das, was Fortschritt ist, neu gedacht werden muss.

Seit wann gibt es diese Bedenken? 1983 setzten die Vereinten Nationen eine Kommission ein, die „sich Gedanken machen sollte, wie sich unser Wirtschaften mit den Grenzen des Planeten vereinbaren lässt.“ Geleitet wurde sie von Gro Harlum Brundlandt. Die Definition, die als Grundlage für weitere Umweltabkommen gefunden wurde, lautet: „Dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Im selben Jahrzehnt erhält der US-Ökonom Solow den Nobelpreis für sein Konzept von Wachstum, welches die Rolle von Erfindungen in den Vordergrund setzt, auch diejenigen, die Naturkapital ersetzen können (Substituierbarkeit). Maja Göpel erläutert, wie dies die Definition der Brundlandt Kommission verwässert, und dafür bekommt er den Nobelpreis? Auf diesem Hintergrund verstehen wir, wie etwa die US-amerikanische Firma Walmart dazu kommt, im Jahr 2018 ein Patent für eine Blütenbefruchterdrohne anzumelden: Wenn Bienen aussterben, dann können sie doch durch eine Drohne substituiert werden!

In den reichen Ländern sind Verhaltensänderungen notwendig, dazu ein Leitsatz: „Konsumiere so, wie Du Dir wünschen würdest, dass alle es tun!“ Wir haben gelernt, das Ich im Mittelpunkt zu sehen, es gelte, nun das Wir mehr zu bedenken.

Die Stärke dieses Buches ist die von der (jungen) Wissenschaftlerin gelebte Erfahrung, wie sich die Welt im letzten Vierteljahrhundert entwickelte: Sie ist in den neunziger Jahren als Freiwillige vom BUND bei einer Demonstration in Cancun dabei, als Protest gegen eine Tagung der WTO (Welthandelsorganisation). Diese war 1994 gegründet worden, als nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Vorteile einer globalisierten Weltwirtschaft formuliert worden waren.

Sie ist Geschäftsführerin des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, und auch Mitbegründerin der Scientists for Future, die wissenschaftliche Belege für die Jugendlichenbewegung Fridays for Future liefern. Sie hat die Bildung der Oligopolisten (Marktführer mit wenig Konkurrenz) beobachtet und wissenschaftlich begleitet, die Finanzkrise, bei der Großbanken mit Steuergeldern gerettet wurden, und, und, und …

Es ist dies das erste wirtschaftswissenschaftliche Buch, das ich gerne, und bis zum Schluss, gelesen habe. Und ich habe endlich verstanden, was mich so störte, als ich vor Jahren meinen Master in Management machte: Nicht alle, nur wenige Menschen ticken so, wie sie es nach dem Menschenbild der Ökonomen tun. Im Gegenteil: Warme Herzen können einen scharfen Geist befördern!


Genre: Klima, Politik und Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft
Illustrated by Ullstein

Ada

Berkel erzählt die Geschichte seiner großen Schwester in Ichform. Bald nach ihrer Geburt, bei Kriegsende in Leipzig, verlässt die Mutter Deutschland mit ihr, sie wandern aus nach Argentinien. Der Vater ist, wenn er überhaupt noch lebt, in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Sie wächst bei einer Gutsbesitzerfamilie auf, die Mutter ist Nanny für deren Kinder und diese schikanieren die kleinere Ada. Die ersten Jahre verweigert sie die Sprache, dann aber, als sie neunjährig wieder zurück nach Deutschland kommt, spricht sie fließend Spanisch, aber kaum Deutsch. Auch hier bleibt sie Außenseiterin.

Und geträumt wird viel, zusammen mit der Freundin Uschka, die auch anderes als die anderen Kinder ist, an liebsten träumen sie von Reisen, ins westliche Ausland—bloß weg von hier.

Die Mutter versucht, sich in Deutschland eine Heimat zu schaffen. Sie war als Jüdin im Lager Gurs interniert und als Schwangere vom Transport in ein Vernichtungslager geflohen. Zwei Männer könnten Ada Vater sein, beide lernt Ada als etwa Zehnjährige kennen, einen Hannes, der schöne Hände hat, aber ein Parfum, das kitzelt, und Otto, der HNO-Arzt aus Berlin. Ada darf wählen, wer der Papa sein soll und entscheidet sich, ohne zu zögern, für Otto, da er das gewünschte Kinderfahrrad schenkt.

In den fünfziger Jahren etabliert sich die kleine Familie in Berlin. Für Ada stabilisiert sich eine Zeit des Nichtverstandenwerdens. Kinder werden dumm gehalten und dann, wenn etwas sie interessiert, ins Bett geschickt. Niemand in der Familie spricht über die Vergangenheit, deren Schwere die Eltern beide, jeden auf seine Art, belasten. Die Mutter kämpft mit der ihren, auch damit, dass ihre eigene Mutter sie als Siebenjährige verlassen hatte, um in Spanien gegen den Faschismus zu kämpfen. Auch sie hatte als Kleinkind das Sprechen verweigert.

Der Vater, ein Arbeiterkind, spricht nicht über seine Zeit als Kriegsgefangener. In den Dialogen werden die vielen belastenden Erfahrungen eben nicht ausgesprochenen, manches gezielt verschwiegen. Ada ahnt vieles, kann aber nur mit ihrer Freundin Uschka darüber sprechen, deren Anderssein besteht darin, dass sie eine adlige Tochter eines Widerstandkämpfers ist, der nach dem Attentat auf Hitler umgebracht wurde. Einige Mitschüler sehen das als Verrat.

Berkel, der 1957 geborene, schafft wunderbare Szenen der hilflosen Auseinandersetzung mit der Geschichte und mit dieser Zeit. In Berlin-Frohnau, wird ein Haus gekauft, der beginnende Wohlstand genossen. Hier muss ich, die Rezensentin, mich als katholische Arzttochter outen, die, zwei Jahre jünger als Ada, auch in Frohnau aufgewachsen ist. Regelmäßig trifft sich die Familie zu Diskussionen mit anderen Arztfamilien (nein, meine zählte nicht dazu!) aber der katholische Priester Krajewski, der auch mir in Erinnerung geblieben ist, kommt gerne. Bei diesen Diskussionen wird etwa das Buch „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von einer der Mütter als wichtiger Ratgeber vorgestellt, nur ein Teilnehmer weist darauf hin, dass es schon in der Nazizeit hochgelobt wurde.

Wir erleben in diesen Runden die Kubakrise, die Mutter glaubt, man müsse nun weg von Berlin, das Haus wird verkauft, man wohnt erstmal zur Miete. Es kommt das erste Auto, ein Mercedes, Pfarrer Krajewski weiß zu berichten, dass auch der Papst in einem solchen gefahren wird, und dann passiert der Mauerbau.

Als junge Erwachsene geht Ada ihrer Wege und lässt wenig aus. Sie ist beim Konzert der Stones in der Waldbühne, wo 1965 Randale gemacht wurde, geht in einer WG ein und aus, wir werden mit ihr zu Drogenerfahrenen, sie wird sogar kompetente Dealerin. Aber sie geht auch immer wieder nach Hause, und hört sich bekifft die bildungsbürgerlichen Diskussionen der Spießer an. Dabei wird ihr der Vater zum Löwen, die Mutter zum Schwan und der Pfarrer zur Schildkröte. Übrigens eine meiner Lieblingsszenen.

Später hört sie Rudi Dutschke in der FU, ist beim 2. Juni beim Schahbesuch dabei und noch viel später auch in Woodstock, da erfahren wir, wie es ihr beim ersten Mal mit LSD geht. Und als sie die mütterliche Tante, Modedesignerin in Paris, besuchen fährt, ist es im Mai 68. Bei diesem Besuch findet sie ihre jüdischen Wurzeln, katholisch getauft worden war sie in Argentinien, um die Staatsbürgerschaft erhalten zu können. Nachdem sie über Jahre den Kontakt zu der Familie gemieden hat, macht sie Jahre später eine Analyse und kann sich den Ihren wieder annähern.

Und der kleine Christian? Er wurde geboren, als sie 12 war, und danach wurde für sie alles noch schlimmer: Er wurde nicht so streng erzogen, durfte sein Spielzeug im Wohnzimmer liegenlassen, ihres wurde weggeworfen, hatte sie es nicht selbst aufgeräumt. Er ist nicht nur jünger und dem Vater näher, auch als Stammhalter hat er Privilegien. Aber er bewundert sie, liebt, wie sie, die Stones und als sie sich von der WG löst und wie die verlorene Tochter wieder zu Hause einzieht, wird Champagner getrunken.

Bisher habe ich diese Rezension bewusst so geschrieben, dass die geneigten Leser/innen sich der Erzähllust Berkels hingeben können über die Geschichte Westberlin aus der Sicht einer jungen Frau. Für mich war das Lesen ungleich schwieriger, da ich vor einiger Zeit das Buch Der Apfelbaum gelesen hatte, in dem Brendel als der Sohn der Familie spricht. Hier, in Ada, werden Fakten, wenn auch aus anderer Sicht, wiederholt. Im Vorspann lesen wir: “Dennoch sind es Kunstfiguren. Ihre Beschreibungen sind ebenso wie das Handlungsgeflecht, das sie bilden, und die Ereignisse und Situationen, die sich dabei ergeben, fiktiv.“ Die Frage: Warum schreibt Ada das Buch nicht selbst? Ist damit beantwortet, aber es ist an manchen Stellen schwierig, das über die Familie schon Gewusste auszublenden.

Es ist wie eine umgekehrte Verfremdung: Das Publikum, also der Leser, weiß schon vieles, über das sich die Akteure noch nicht im Klaren sind. Während Berkel sich im Apfelbaum mit viel Liebe und Respekt den Eltern nähert und sie bis zu ihrem Tod begleitet, ist Ada eher die gekränkte, ungehobelte, die die psychische Krankheit der Mutter, den Jähzorn des Vaters schonungslos auf- und anzeigt. Vielleicht hatte sie dazu eher Recht?

Beide Bücher sind lesenswert. Meine Empfehlung: Wenn sie beide Bücher lesen wollen, dann fangen Sie mit Ada an! Wenn sie nur eines lesen wollen, dann lieber den Apfelbaum. Eigentlich muss ich den nun auch noch rezensieren.


Genre: Politik und Gesellschaft, Zeitgeschichte
Illustrated by Ullstein

Berlin in hundert Kapiteln, von denen leider nur dreizehn fertig wurden

Berlin in hundert Kapiteln, von denen leider nur dreizehn fertig wurdenDie beiden Journalisten des Buches
Berlin in hundert Kapiteln, von denen leider nur dreizehn fertig wurden kennen sich vom Tagesspiegel, für den sie seit Jahrzehnten schreiben. Manche Kapitel haben sie gemeinsam geschrieben, einige allein. Es geht um ihre immer wieder getrübte Liebe zu Berlin, wo sie trotz alledem gerne leben. Und sie können manche offene Frage mit ihrem profunden Hintergrundwissen aufklären. Es ist pointiert geschrieben, eben mit Herz und Schnauze, wozu sie auch Einiges sagen.

Im ersten Kapitel stellen sie sich vor, warum sie wann nach Berlin gekommen sind, wie das war mit Ost und West, dass sie, als Westdeutsche in den Osten durften, aber wir Westberliner nicht, jedenfalls, wenn wir keine Verwandten „drüben“ hatten. Das ist Zeitgeschichte und für jüngere und Neuberliner kaum zu glauben.

Im zweiten Kapitel „Ins Scheitern verliebt“ wird die Schludrigkeit der Berliner Corona Maßnahmen am Beispiel der geschlossenen Spielplätze in Erinnerung gebracht. Aber das ist nur ein letzter Höhepunkt. Eigentlich beziehen sie sich auf einen Karl Scheffler, der 1910 das Buch „Berlin, Ein Stadtschicksal“ schrieb, wo er den Hang zum Scheitern dieser Stadt schon damals erkannte. Früher war eben doch nicht alles besser.

Das dritte Kapitel Die Bürgschaft hat den Untertitel „Eine leider unvollständige Beschreibung der jüngeren Berliner Skandalgeschichte und der Versuch, ein Handlungsmuster zu erkennen.“ Wir werden an viele Bestechungsfälle in der Berliner Baubranche erinnert. Wobei es bemerkenswert ist, wie die CDU, die wesentlich kürzer den Regierenden stellte, als die SPD, doch mit diesen fast gleichzog, was die krummen Dinger anbelangte (Das ist nicht von den Autoren, sondern eine Anmerkung der Rezensentin). Gewarnt werden wir vor den Grünen, die in Friedrichshain-Kreuzberg auch schon das auffällige „Handlungsmuster“ an den Tag legen.

Wir lernen von den Imagekampagnen, dem seit Langem immer wieder geforderten Mentalitätswechsel, bei wem denn nun, fragt man sich allerdings. Natürlich wird der Flughafen BER gewürdigt, und wir sehen, was aus der Untersuchung zum Radikalismus in der Polizeischule herausgekommen ist: Nichts. Auch das ist ein Handlungsmuster.

Recht liebevoll geht man mit den Eigenheiten der Bezirke um, denn früher, als Wohnungen noch zu haben waren, wurde mehr umgezogen, natürlich mit Zapf: dem Spediteur, dessen Betrieb in den Händen der Belegschaft war.

Immer wieder fließen die Außensichten auf Berlin ein, das ja gerne eine Weltstadt sein möchte, allerdings ohne deren Widrigkeiten. Im englischen Magazin Time Out wird der Wedding empfohlen, als Ort, der sich nicht so schnell verändert, wie andere Bezirke, „Berlin als Spielplatz für Menschen, die nicht erwachsen werden wollen.“ Ob Menschen, die nicht erwachsen werden wollen, sich die Miete noch leisten können, wenn sie sich verdreifacht haben wird?

Besonders gefiel der Vergleich von Herrn Martenstein zwischen einer Zeitungsredaktion in München, wo er ein Jahr lang gearbeitet hatte und dem Tagesspiegel: Wie würde man ein Versagen der Politik dem Leser nahebringen? In München wäre es tröstend, mit Hinweisen auf Schönes, den Viktualienmarkt etwa, oder die schönen Frauen. In Berlin wäre, wie schon Marlene Dietrich gesungen hat, der Beifall ehrlich, wenn jemand hinfällt.

Im dreizehnten und letzten Kapitel üben die Autoren Selbstkritik, fragen sich, ob sie zu kritisch waren und nehmen sich vor, ein Buch mit 100 Lobreden zu verfassen. Aber vielleicht reicht es ja, wenn sie einfach weiter ihren Job machen, für eine möglichst lange Zeit, erst in der Zeitung und, falls nötig, mit weiteren Kapiteln über die Stadt, die nicht fertig wird.


Genre: Politik und Gesellschaft
Illustrated by Ullstein

Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden von Dirk Steffens und Fritz Habekuß geht unter die Haut und man sieht die Welt danach mit anderen Augen an. Es zeigt uns, dass die Biodiversität Grundlage jedweden menschlichen Lebens ist und wie sehr sie heute schon gefährdet ist. Gelesen habe ich es während der ersten Welle der Coronazeit — in der Geborgenheit meines Gartens.

Und staunte, wie die Autoren in diesem Buch auf die Gefahr globaler Krisen hinweisen, die letztlich mit dem Eindringen der Menschen in gewachsene Ordnungen entstanden sind. Wie schnell bewährte Ordnungen durch Invasoren aus dem Gleichgewicht geraten können. Die Pandemie, die nach Fertigstellung des Buches auftrat, schien wie eine Folge der verlorenen Biodiversität.

Das Buch ist in acht Kapiteln aufgebaut, im ersten geht es um die Liebe zur Natur. Wir werden als die Nachfahren der Nomaden beschrieben, die wir sind: Wer sich besser auf die Natur verstand, hatte bessere Überlebenschancen. Dabei geht es nicht nur um eine scharfe Beobachtungsgabe, sondern auch um Gefühle. Der Untertitel des Kapitels lautet „Wahre Liebe“. „Gefühle sind zwar real, aber sie sind nicht objektivierbar. Disqualifizieren sie sich deshalb für eine Diskussion?“

Im nächsten Kapitel wird die Expansion, der Wunsch nach mehr und noch mehr beschrieben: „I take what’s mine, then take some more.“ Sagt ein Rapper als Leitmotiv. War das Schaffen von Besitz bei den ersten Nomaden noch sinnvoll zum Überleben, gilt es jetzt den Verstand dagegen zu setzen, wenn „wir Dinge (kaufen), die wir nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“

Das dritte Kapitel heißt einfach „Zusammen sind wir stark“ und wir erkennen die Bedeutung der Biodiversität, deren Entstehung im vierten Kapitel „Anthropozän“ minutiös beschrieben wird: Wir Menschen sind, wenn wir der Entstehung der Welt bis heute in vierundzwanzig Stunden ordnen, erst um 23:59:57 Uhr dazugekommen und haben seitdem der Erde unseren Stempel aufgedrückt. Unsere Spuren sind bis auf den tiefsten Meeresgrund zu sehen, viele Arten sind schon durch uns ausgestorben. Als Einleitung ein Satz von Charles Darwin: „Alles was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand.“ Auch dieses Kapitel ist mit vielen Beispielen versehen, die das globale Geschehen beschreiben.

Im fünften Kapitel „Ein Fluss klagt an“ werden die schädlichen Eingriffe von der Quelle bis zur Mündung des Mississippi aufgezählt. Der Untertitel lautet: Wie es wäre, wenn nicht nur Menschen Rechte hätten. Neben all den Untaten, die dem Fluss (Begradigungen und 40 000 Deiche!) zugemutet werden, und damit den Menschen, die an seinen Ufern leben, wird der Gedanke entwickelt, der Natur Rechte zuzusprechen. „In letzter Zeit haben Richterinnen und Richter mehr für den Umweltschutz getan als Regierungen.“ In diesem Kapitel eingebettet sind Grafiken, die erst das beschriebene Elend quantifizieren, dann aber auch aufzeigen, wie „Der Weg in eine grüne Gesellschaft“ aussehen könnte.

Mit gefielen am besten die Zitate, manche Jahrhunderte alt, die zeigen, dass der Übergang des Gemeindebesitzes (Allmende) in Privateigentum der Beginn der Fehlentwicklungen war. (Siehe auch die Rezension von der Hauptstadtgärtner!) Das Kapitel schließt: „Und wenn Aktiengesellschaften Rechte haben können, gibt es keinen Grund, sie dem Mississippi zu verweigern.“

Im sechsten Kapitel Selbstlose Vampire —Der Kapitalismus im Zeitalter der Ökologie geht es um die Anzeichen, dass der Kapitalismus mehr und mehr gezwungen ist, die Natur zu schützen. Das Paradigma, dass Wirtschaft wachsen muss, wird hinterfragt. Unter dem Zwischentitel Fuck capitalism! machen wir einen Ausflug nach China, wo die Regierung schon vor Jahren einen Plan aufgestellt hat, Treibhausgasemissionen ab 2030 zu verringern, und ihn wahrscheinlich vorfristig erreicht. Nach kurzer Debatte über den Vergleich der Systeme, wird diese aber damit abgeschlossen, dass sich auch Zentralkomitees irren können. In diesem Kapitel geht den beiden Naturliebhabern das Herz durch, Politik ist nicht ihr Ding. Wer kann schon sagen, „Die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frauen sind Beispiele dafür, wie lange für selbstverständlich gehaltene Hierarchien überwunden werden können.“ Allenfalls gilt das für die Sklaverei in Europa und Amerika, aber: wo, bitte, ist das Patriarchat überwunden? Aber warum nicht auch einmal mit den Autoren träumen, dass der Chef von BlackRock und Greta Thunberg „aus völlig unterschiedlichen Motiven auf dasselbe Ziel zusteuern?“

Im siebten Kapitel Kollaps oder Revolte werden historische Beispiele für gesellschaftliche Fortschritte durchleuchtet: Abschaffung der Sklaverei, Wasser- und Abwassersysteme oder vor etwa 20 Jahren das Bannen des Rauchens. Welche Schritte braucht es für den Prozess und wer spielt dabei welche Rolle? Das achte Kapitel ist dann zu Beginn der Coronakrise geschrieben und ermuntert zu Maßnahmen gegen die Ökokrise, die Jede/r von uns schaffen kann.

In meinen Rezensionen gebe ich gerne Empfehlungen, wer dieses Buch lesen sollte. Aufgrund der Fülle der Beispiele eigentlich Jeder, der verstehen will, in welchem Zustand sich unser Planet befindet. Wenn Politiker das nicht schaffen, dann kann man den Naturwissenschaftlern das nicht vorwerfen. Mein Schlusssatz steht schon im Buch: „Wir haben kein Weltuntergangbuch geschrieben. Denn wenn es um die Erde geht, ist Optimismus Pflicht, allein schon wegen fehlender Alternativen.“

Leseprobe


Genre: Artensterben, Klima, Sachbuch, Umwelt
Illustrated by Penguin

Annette, ein Heldinnenepos

Annette, ein HeldinneneposAnne Weber trifft Annette Beaumanoir als über 90-Jährige und bewundert in ihr die Heldin, ausgehend von deren Erzählungen als Kämpferin für Gerechtigkeit. „Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.“ Heißt es schon im ersten Absatz, der in der Sprache von Heldenepen beginnt.

Das Buch ist mitreißend, nicht nur ich habe es erstmal von Anfang an verschlungen. Mich interessierte vor allem die Innensicht auf Frankreich während der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Annette verbringt ihre Kindheit als Einzelkind, sehr geliebt, in einem kleinen Ort in der Bretagne. Die großen Klassenunterschiede der Zeit gibt es auch in ihrer kleinen Familie, bei den beiden Omas: Die eine reich und hartherzig, sie enterbt Annettes Vater, weil er sich für ihre Mutter, die Tochter der armen Mémère entschieden hat. Dann geht es weiter, wie man es schon oft gelesen hat: in ihrer Jugendzeit besetzen die Nazis das Land und sie schließt sich der Résistance an. Sie rettet untergetauchte jüdische Bürger, verfasst Flugblätter gegen die Besatzer. „Sowieso sehnt sie sich nach ernsthafteren Taten und hat längst begonnen, in Richtung PC zu schielen. Der ist weder der personel computer noch die political correctness, die er heute meint, sondern eine Partei, die seit September 39 verboten ist.“

Zu dieser Zeit in ihrem Leben komme ich in dieser Rezension am Schluss noch einmal, in den Vordergrund wollte ich aber das stellen, was so neu und „noch nie zu lesen“ war, jedenfalls für mich, die einmal ein Kind der deutsch-französischen Freundschaft war: Der Algerienkrieg, der übrigens erst seit 1998 als solcher in Frankreich genannt werden darf, zuerst waren es „Ereignisse“, die Mitte der Fünfziger Jahre beginnen.

Annette ist inzwischen arriviert: Sie hat ihr Medizinstudium abgeschlossen, ja, das hat sie zwischendurch auch immer betrieben, ist mit einem „Genossen“ verheiratet, der auch Arzt ist und lebt in Marseille, als angesehene Neurowissenschaftlerin. Zwei Söhne sind auch da. Die Ausdehnung der „Ereignisse“ bringen ihr ein neues Leben, das ohne ihre Geschichte als Widerständlerin nicht denkbar wäre: Sie unterstützt die Befreiungsfront Algeriens.

Die Lage ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Algerien besteht aus drei französischen Departements, allerdings sind die einheimischen Einwohner nicht mit Bürgerrechten versehen. De Gaulle sagt in einer Ansprache zu den Berbern, die über neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, „Je vous ai compris“, nur um 2 Tage später von der „Algérie francaise“ zu sprechen. Als Unterstützerin der FNL, der Befreiungsfront, sammelt wie vorerst nur Geld und leistet (wie zur Zeit der deutschen Besatzung) Kurierdienste.

Die Lage spitzt sich zu, sie wird verraten, auf der Nationalstraße 7 inhaftiert. Hier nimmt uns die Autorin auf einen kleinen Ausflug in das alte Frankreich mit, in einem Chanson von Charles Trenet, über die „Nationale Sept“. Sie lässt die Straße weiter, nach Süden, gehen, wo sie im Süden Frankreichs (!) in der algerischen Wüste endet. Dort, in Tamarasset, wo die Regierung Anfang der sechziger Jahre einen Atomtest durchführt mit dem zynischen Namen „gerboise bleue“ (blaue Wüstenspringmaus.) Blau ist die Wüstenmaus mitnichten; es sind die dort lebenden Tuaregs, von denen Unzählige ungezählt sterben. Die Bombe hatte viermal die Kraft von „little boy“, der Bombe von Hiroshima.

Im Gefängnis wird sie mit algerischen Widerständlerinnen zusammengesperrt, lernt eine andere Kultur kennen, die anderen Freiheitskämpferinnen sind nicht nur sozialistisch, sondern auch muslimisch geprägt. Sie wird als Terroristin zu zehn Jahren Haft verurteilt. Aber sie ist schwanger, darf außerhalb des Gefängnisses gebären, wonach sie flieht und erst in der tunesischen Exilregierung, später dann nach der Befreiung Algeriens auch Mitglied der sozialistischen Regierung wird.

Hier werden nun immer wieder Überlegungen und Überzeugungen von Annette beschrieben, sie hat ein feines Gespür für Unstimmigkeiten, so spürt sie den Verräter sehr früh, aber sie unterdrückt diese Gedanken immer wieder erfolgreich. Sie möchte Heldin werden, wird aber, weil sie eine Frau ist, nur mit zuarbeitenden Aufgaben betraut. Die kommunistische Partei bietet ihr, zu ihrer Empörung, an, Frauenzeitschriften zu gestalten. Und sie sieht, dass nicht nur die Franzosen foltern, wie die Deutschen, sondern auch die FNL.

Die Erinnerungen an die frühe Jugend, das Erwachsenwerden stehen bei der Autorin im Vordergrund. Schon da lässt sie Annette erleben, wie Menschen sich verändern, wenn die politische Situation es möglich macht.

Es geht um Roland, ihren Anleiter bei der kommunistischen Partei, ein geflitzter Jude; sie verlieben sich. An seinem Beispiel sei beschrieben, wie Anne Weber Geschichte aufarbeitet und Helden Gerechtigkeit gewährt. Robert wird von den deutschen Besetzern verhaftet, flieht, wird von einem Hirten dabei beobachtet. Dieser informiert eine Gruppe französischer Bauern, die ihn und seine zwei Gefährten lynchen, erschießen und in einem See begraben. Dort wird er noch 1944, als die Deutschen geflohen sind, ausgegraben und in einem Friedhof umgebettet. 1949 dann findet er seine letzte „Unruhestätte“ auf dem Militärkarree des Friedhofs von Saint-Ouen.

„Das Veteranenministerium ernennt ihn nachträglich zum Hauptmann, und zwar zu einem, der fürs Vaterland gestorben ist, wobei es zu vergessen scheint, dass bis dahin ein gelber Stern der einzige Orden war, den er von seinem Vaterland bekam, dass dieses Vaterland ihm alle Rechte nahm, ihn jahrelang verfolgte mit dem Ziel, ihn in ein Transitlager zu verfrachten und ihn dann mit der vaterländischen Bahn nach Osten in den Tod zu schicken.“ Die Mörder werden später verhaftet und bestraft. Aber durch Anne Weber wird auch er, posthum, zum Helden.

Zurück zu Annette, sie wollte Heldin sein und hat ihr Leben diesem Wunsch geweiht. Nach der Lektüre dieses Buches frage ich mich als Kind einer postheroischen Gesellschaft: Und was ist mit den Kindern? Mit Myriam, die sie unmittelbar nach der Geburt verlassen musste, um der Haftstrafe zu entgehen, was sagen die anderen dazu? Brauchen wir Frauen als Heldinnen?


Genre: Belletristik
Illustrated by Matthes & Seitz

Der englische Gärtner

Der englische Gärtner

Im letzten Frühling erschien in der ZEIT Literaturbeilage ein Interview mit dem Autor: Es fand in Oxford statt, wo er über Jahrzehnte die Gartenanlage einer Universität gestaltet hatte. Im Hauptberuf war er Antikenforscher mit dem Schwerpunkt Griechenland, und nebenbei hatte er mehr als vier Jahrzehnte lang eine Gartenkolumne für die Financial Times geschrieben. Wie die von mir so geschätzte Vita Sackville-West, die er auch als Vorbild bezeichnet. Das Interview führte Susanne Mayer.

Aus dem Fundus der Kolumnen hatte Fox 2010 für das Buch Thoughtful Gardening, Great Plants, Great Gardens, Great Gardeners mehrere Dutzend ausgewählt, und sie (so wie Vita) nach Jahreszeiten geordnet. In den Texten legt er Wert darauf, thoughtful zu gärtnern, was die Übersetzerin meist durch besonnen übersetzt. Nun kommt das Problem: in vielen Texten gibt er sich gänzlich unbesonnen, mal wie ein Pubertist, der gerne polarisiert. Von Besonnenheit, Nachdenklichkeit oder gar Altersweisheit keine Spur.

Da besucht er die Firma Bayer und schwärmt von Herbiziden, klagt darüber, dass die richtig starken Keulen uns Gärtnern verwehrt bleiben, nur die Landwirtschaft darf sie anwenden. Er bekämpft mit unverschämter Freude die Tiere, die ihn im Garten stören. Es half, mir einzureden, wer die Financial Times liest, bräuchte das so. Ich kenne niemanden, der oder die sie regelmäßig liest, stelle mir als Leser erfolgreiche Banker und Manager vor, oder solche, die es gerne wären.

Aber trotzdem hab ich weitergelesen: Wir ziehen mit einem älteren Herrn in die Vergangenheit, besuchen Stätten der Antike und sehen, wie es den Pflanzen heute dort geht. Wir reisen durch die Welt und entdecken den Garten einer ehemaligen thailändischen Prinzessin in Thailand, wandern entlang der blühenden Kirschen in Korea, reiten durch die kirgisische Steppe auf der Suche nach den schönsten Krokussen. Besonders freue ich mich, wenn er Parks beschreibt, die ich kenne und durch sein großes Wissen meine Erinnerungen runder werden.

Von vielen Pflanzen, die ich im Garten hab, weiß ich nun, ob sie es sauer oder kalkreich mögen, dass man Kaiserkronen gaaanz tief einbuddeln und regelmäßig düngen muss, wenn sie wieder blühen sollen. Ansteckend ist auch die Liebe zum Säen und Vermehren. Gärten atmen den Hauch der Ewigkeit, und er lässt ihn uns spüren.

Warnen muss ich allerdings doch vor seiner Geringschätzung Frauen gegenüber. Da kann man kaum glauben, dass er aus meiner Generation ist. Über sein Frauenbild hat er seit der Internatszeit in Eton offensichtlich noch nicht neu nachgedacht. Er ist eher wie mein Großvater, selbst mein Vater, auch ein Internatsschüler, war da schon weiter.

Es sind Belanglosigkeiten, aber auch Verstörendes. Einige Beispiele: Ein bekannter englischer Gärtner weiß, dass „Frauen kein Auge für den Mittelgrund des Gartens haben“ und wird für diese Beobachtung als gradlinig gelobt. Richtig dumpfbackig sind die Kapitel Rüsslerinnen an der Macht und aggressiv wird er in Ladykiller.

Fast um die Fassung brachte mich der schlüpfrige Bericht über Blumen im Leben der Lady Chatterly. Dieses „erotische Meisterwerk“ wurde von einem Mann geschrieben, D.H.Lawrence. Dabei machte dieser einen gärtnerischen Fehler, in dem er die Lady und ihre Haushälterin im Frühling Akeleien einpflanzen lässt, die im Sommer blühen sollen. Nun weiß man, dass Akeleien im Juni mit dem Blühen aufhören. Beim Legen der Wurzeln haben die Frauen erotische Gefühle, sie „spüren, wie ihr Schoß vor Glück bebte.“ Fox flicht dagegen ein, er hätte so was nie gehabt.

Diese von einem Mann phantasierte Geschichte, turnt ihn so sehr an, dass er immer, wenn Frauen sich selbst als leidenschaftliche Gärtnerinnen bezeichnen, an diese Literaturstelle denken muss. Wenn sie wenigstens eine Frau geschrieben hätte … wäre sie immer noch nicht fair gegenüber der Gärtnerin.

Beim Lesen fragte ich mich immer öfter, warum Susanne Mayer auf diese Frauenverachtung nicht eingeht. In der ZEIT hat sie eine Kolumne, die sich kritisch mit männlichen Eigenarten befasst. So etwas ließe sie Männern da nicht durchgehen. Ich guckte mir das Interview noch einmal an. Chapeau! Sie geht darin gar nicht auf das Buch ein, sondern plaudert mit ihm über seine Biographie. Geschickt gemacht. Ich bin fast dankbar, dass sie nur über Schönes sprach. Sonst wüsste ich immer noch nicht, dass ich den Schneeball kalken und die Zaubernuss sauer halten muss.

Ältere Gärtnerinnen, mit oder ohne Leidenschaft, die auch einem Zausel gern zuhören, wenn er Interessantes zu erzählen hat, können sich auf die Lektüre freuen. Gärtner natürlich auch.

Leseprobe


Genre: Garten, Pflanzen, Sachbuch
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Die Intelligenz der Pflanzen

Die Intelligenz der Pflanzen

Auf das Buch Die Intelligenz der Pflanzen von Stefano Mancuso und Alessandra Viola stieß ich über ein Interview im ZEIT Magazin (13/2018) mit Stefano Mancuso. Es gefiel mir so gut, dass ich ein Buch von ihm in meinem Blog besprechen wollte.

Als gutes Geschenk für naturliebende Menschen jenseits der Vierzig kommt natürlich mein Gartenbuch Blütenfreuden in Frage. Aber wer noch etwas für Teenager oder Jugendliche sucht, ist bei diesem Buch gut beraten.

Seit einigen Jahren schreibe ich für die sozial- und gesundheitswissenschaftliche Plattform Socialnet Rezensionen mit dem Ziel, mich dazu zu bringen, neue Bücher bis zu Ende zu lesen und das Gelesene schriftlich zusammenzufassen. Also eine Art Hirnjogging für Wissenschaftlerinnen in Rente. Selten gibt es in neuen Büchern Offenbarungen wie in diesem, deshalb muss ich davon berichten!

Stefano Mancuso ist seit 2001 Professor für Botanik an der Universität Florenz. Er gründete dort das Laboratorio Internazionale di Neurobiologica Vegetale. Dass er es mit der Journalistin Alessandra Viola verfasst, trägt sicher zu der guten Lesbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse bei. In der Einleitung wird vorgestellt, was in den fünf Kapiteln bearbeitet wird:

  • Die Wurzeln des Problems
  • Die Pflanze, das unbekannte Wesen
  • Die Sinne der Pflanzen
  • Die pflanzliche Kommunikation
  • Die Intelligenz der Pflanzen

Hinten im Buch finden sich ausführliche Literaturhinweise, die zu jedem Kapitel aufgeführt sind. Das Geschriebene wird durch sehr schöne Bildtafeln illustriert. Ihr könnt diese in der Leseprobe unter dem Beitrag entdecken.

Das Buch gibt den aktuellen Stand der botanischen Forschung wieder. Wenn ich das Buch besonders für junge Menschen empfehle, denke ich an die vorbildlich wissenschaftliche Vorgehensweise, Studien untermauern das Gesagte. Im Literaturteil werden nicht nur Quellen angeboten, sondern auch Abstracts wiedergegeben. Ein guter Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten! Dies hebt sich ab vom derzeitigen Bestseller: “Das geheime Leben der Bäume – was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt“ wo Bäume vermenschlicht werden und es an wissenschaftlichen Belegen mangelt. Wer sich dafür interessiert kann im Internet verfolgen, wie manche Naturwissenschaftler gegen Herrn Wohlleben argumentieren.

Dabei bleibt es aber nie trocken, manchmal geht Mancuso auch das Herz für Pflanzen über. Solche Stellen gefallen mir besonders, geht es mir doch mit meinen Pflanzen auch so. Deshalb lasse ich ihn sprechen: “Wieso sind wir überhaupt so felsenfest überzeugt, dass ihre manipulatorischen Fähigkeiten nicht auch auf uns zielen und Blüten, Früchte, Düfte Geschmacksnoten, Aromen und Farben nicht uns gefallen sollen? Könnte es nicht sein, dass sie vor allem uns beeindrucken wollen, damit wir sie als Gegenleistung weltweit verbreiten, sie hegen, pflegen und schützen? Wäre es nicht möglich, dass sie für uns ihren Duft, ihre wunderbaren Formen und Farben hervorbringen, die schon so viele Künstler inspiriert haben und mit denen sie uns erfreuen? Schließlich tut niemand etwas umsonst, und manche Arten können sich wirklich keinen besseren Verbündeten wünschen als uns.“

Die Wurzeln des Problems

Hier erkennen wir, wogegen ein Pflanzenlobbyist ankämpfen muss: Pflanzen sind die ewigen Zweiten. Mancuso holt weit aus und bringt Beispiele für die notorische Geringschätzung der Pflanzen in allen möglichen Bereichen wie beispielsweise Philosophie und Religion. Kleinere Naturvölker bilden hier eine Ausnahme, indem sie Pflanzen als Heilige anbeten. „Es konnten sich noch so viele Stimmen erheben, die anhand wissenschaftlicher Experimente die Intelligenz der Pflanzen belegten, stets fanden sich noch mehr Stimmen, die der These widersprachen. Als gäbe es eine stille Übereinkunst, haben Religionen, Literatur, Philosophie und moderne Wissenschaft in der westlichen Welt an der Verbreitung der Vorstellung mitgewirkt, Pflanzen seinen niedrigere Lebewesen als andere – von Intelligenz ganz zu schweigen,“ schreibt er.

Ausführlich werden die „Väter der Botanik“, Linné und Darwin, mit ihren Abhandlungen erwähnt. Linné „bestimmte die Fortpflanzungsorgane und das Sexualsystem der Pflanzen als grundlegendes Kriterium seiner Taxonomie — was ihm kurioserweise zugleich einen Universitätslehrstuhl und eine Verurteilung wegen Unmoral einbrachte.“

Darwin forschte überwiegend über Pflanzen und gab 1875 eine Abhandlung zu „Insectenfressenden Pflanzen“ heraus. Mancuso legt den Gedanken nahe, er hätte mit dem breiten Wissen zu Pflanzen die Grundlagen für sein Lebenswerk über den Ursprung der Arten geschaffen. Vor allem im Alter widmete er den Pflanzen seine Aufmerksamkeit, schrieb 1880 „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ und bezeichnete Pflanzen als „die außergewöhnlichsten Lebewesen, die ihm je begegnet seien.“ Sein Sohn Frances führte sein Werk weiter und wurde der erste Professor für Pflanzenphysiologie.

Er löste 1908, wie zuvor sein Vater, einen heftigen Expertenstreit aus, als er sagte: „Pflanzen sind intelligente Lebewesen.“ Das Kapitel fasst Mancuso so zusammen: „Ein ganzes Reich, das Pflanzenreich, wird völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.“

Die Pflanze, das unbekannte Wesen

In diesem Kapitel werden die in der Wissenschaft inzwischen unbestrittenen Unterschiede zwischen Pflanze und Tier wie bei einem Wettstreit bearbeitet. Ausgehend von je einem pflanzlichen und tierischen Einzeller werden ihre Merkmale benannt. Vieles ist gleichwertig, aber die Pflanzenzelle beherrscht die Fotosynthese, kann also Sonnenlicht in Energie umwandeln und ist somit „kampflos Sieger.“ Tiere haben in der Entwicklung andere Wege eingeschlagen. Während Pflanzen sesshaft wurden, wurden sie Nomaden. Dies wurde zum Ausgang einer erstaunlichen Differenzierung und Spezialisierung ihrer Zellen. Bei Gefahr können Tiere sich durch Flucht vor einem Feind retten, die Pflanze nicht.

So konnten Tiere verschiedene Organe mit spezifischen Fähigkeiten bilden, die Pflanzen mussten in jedem Pflanzenteil diese Spezialitäten unterbringen. Sie sind modular aufgebaut. Auch wenn 95 Prozent der Pflanze verloren gehen, kann sie sich regenerieren, während Tiere schon das Fehlen eines Organsystems nicht überleben.
Ein anderer Faktor ist die Zeit: unsere menschliche Wahrnehmung erlaubt uns nicht, Bewegungen der Pflanze wahrzunehmen. Obwohl diese alltäglich sind, scheinen sie unsichtbar. Videos mit sich öffnenden Blüten sind ein Hit! Viele Pflanzen leben viel länger als wir. Sie stellen weltweit 99,5 Prozent der Biomasse dar, alle Tiere zusammen 0,1 bis 0,5 Prozent. Unsere Energieträger sind allesamt von Pflanzen eingelagerte Sonnenenergie. Wie kommt es dann, dass wir die Bedeutung so unterschätzen?

Mancuso stellt eine (nicht belegbare) Hypothese auf, wir Menschen werden mit Pubertierenden verglichen, die sich von der Abhängigkeit von ihren Eltern befreien wollen. „Unsere Abhängigkeit von den Pflanzen ist so allumfassend, dass wir sie am liebsten vollständig verdrängen möchten. Wahrscheinlich wollen wir nicht daran erinnert werden, weil schon allein der Gedanke Ohnmachtsgefühle in uns auslöst. Von wegen Herrscher der Welt!“

Das Kapitel schließt dann wieder mit Erkenntnissen, die wissenschaftlich belegt sind, über die positiven Wirkungen, die schon allein der Anblick von Pflanzen auf Konzentration, Lernerfolg und allgemeines Wohlbefinden hat.

Die Sinne der Pflanzen

Zuerst werden die Sinne beschrieben, über die wir Menschen auch verfügen: Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören, danach noch weitere Fähigkeiten der Pflanzen. Anders als bei Tieren, sind nicht einzelne Zellen spezialisiert, sondern Fähigkeiten überall untergebracht. Beim Riechen produzieren die Pflanzen BVOC (Biogenic Volatile Organic Compounds, biogene flüchtige Verbindungen) und nehmen die von anderen mit Geruchsrezeptoren wahr. Geschmeckt wird mit Hilfe der Wurzeln, die im Boden nach Nährstoffen suchen.

Ausführlich werden fleischfressende Pflanzen beschrieben, auch der jahrhundertelange Gang zu den heutigen Erkenntnissen: Pflanzen, die in stickstoffarmen Gegenden wachsen, locken Tiere (nicht nur Insekten!) an, fassen und verdauen sie. Ein Baum, die Pawlonia tormentosa, fängt sie mit ihren klebrigen Blättern und nimmt den wertvollen Stickstoff nach dem Zersetzungsprozess mit den Wurzeln auf. Eine Veilchenart hat unterirdische Blätter entwickelt, mit denen sie Würmer aus der Erde aufnimmt und verdaut.

Am meisten fühlen die Pflanzen mit ihren Wurzeln, aber auch mit den oberirdischen Anteilen. Dies wird an Hand von Rankepflanzen erläutert, die aus dem Schatten großer Bäume dem Licht entgegen wachsen. Hören können Pflanzen, indem sie Schallschwingungen wahrnehmen, und offenbar auch erzeugen können, Letzteres wird noch erforscht. In einem Projekt mit der Firma Bose wurden Weinstöcke über einige Jahre regelmäßig beschallt und sie trugen nicht nur mehr, sondern auch bessere Früchte. Das Kapitel schließt mit den Hinweisen auf die Herstellung medizinisch wirksamer Produkte, aber auch die Fähigkeit, Schadstoffe abzubauen.

Die pflanzliche Kommunikation

Worüber könnten Pflanzen kommunizieren? Und mit wem? Intern findet der Austausch zwischen Wurzeln und Blättern statt. Wenn die Wurzeln spüren, dass Wasser knapp wird, teilen sie den Blättern mit: weniger Wasser verdunsten! Blätter haben die Aufgabe, ihren Mund weit zu öffnen, um Licht für die Fotosynthese und Kohlendioxid für die Zuckerproduktion aufzunehmen. Dabei verdunstet über den Mund Wasser. Um Wasser zu sparen, muss er geschlossen werden, auch wenn dann weniger Licht und Kohlendioxid aufgenommen werden können.

Für die Informationsweiterleitung arbeiten Pflanzen mit hydraulischen und chemischen Systemen. Auch elektrische Signale fließen über das komplexe Gefäßsystem. „Während Tiere alle Signale über ein zentrales Gehirn verarbeiten, besitzen die modular und repetitiv aufgebauten Pflanzen zahlreiche ‚Datenverarbeitungszentren‘, die unterschiedliche Signale verwalten.“ Sie können nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen Wesen kommunizieren. Meist geht es über chemische Botenstoffe, aber es scheint so, als wenn sie „auch gestisch“ kommunizierten, jedenfalls vermeiden manche Pflanzen geflissentlich die Berührung anderer Baumkronen.

Die Wurzeln sichern sich ihr Terrain, indem sie es besetzen. „Dabei sind Pflanzen echte Kämpfernaturen!“ Wenn sie allerdings erkennen, dass der Nachbar zur Familie gehört, dann können sie sie sich auf das Laubwerk konzentrieren und es wird buschiger. Pflanzen gehen Verbindungen nicht nur mit Ihresgleichen, sondern auch mit Pilzen oder Bakterien ein. Hier zeigt Mancuso auf, wie es durch Förderung dieser Symbiosen zu ertragreicheren Ernten kommen kann.

In diesem Kapitel gibt es einen Grundkurs in Botanik: Um die Kreativität der Lösungen zu ermessen, die Pflanzen zu ihrer Fortpflanzung einsetzen, wiederholt er erst alles über deren Geschlechtsorgane. Und wir lernen von der Fülle an Strategien, wie Pflanzen Boten für ihre Samen einsetzen, vor allem Insekten, aber auch Vögel, Fische, Mäuse, große Tiere oder der Wind sind ihre Kuriere. Sie alle werden mit Lockstoffen umworben, die extra für sie entwickelt wurden, um sie zu manipulieren. Manche Pflanzen, wie die Orchideen, gehen dabei nicht nur raffiniert, sondern auch rücksichtslos gegen ihre Boten vor.

Die Intelligenz der Pflanzen

Hier wird Mancuso wieder allgemein, was ist eigentlich Intelligenz? Er definiert Intelligenz als Fähigkeit zur Problemlösung. Dazu sind Pflanzen eindeutig in der Lage, auch wenn sie nicht über ein Gehirn verfügen. Pflanzen sind eher wie eine Kolonie aufgebaut, als wie ein Individuum.

Noch einmal werden Darwins Forschungen und die Bewegungen der Pflanzen und die ablehnenden Reaktionen der Wissenschaftler, die mit ihm lebten, erläutert. Drei Viertel seines Werkes seien dem Wurzelwerk gewidmet und die Ergebnisse neuerer Forschungen bestätigen: an jeder Wurzelspitze sitzt ein Rechenzentrum. Die vielen Millionen Fühler arbeiten wie ein lebendes Web zusammen. Es gibt auch einem Ausflug in die Entwicklung künstlicher Intelligenz und er vergleicht, dass es Menschen solange nicht gelingt, sie zu verstehen wie sie denken, Intelligenz müsse so gestaltet sein, wie ihre eigene. Er zieht eine Parallele dazu, wie sie es mit Pflanzen halten.

Die Leseprobe vom Verlag zeigt, wie schön das Buch auch grafisch gestaltet wurde.


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Autor: Stefano Mancuso und Alessandra Viola
Titel: Die Intelligenz der Pflanzen
Erschienen: 11. Februar 2015
Verlag: Kunstmann
Form: 172 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3956140303
Preis: 19,95 €


Genre: Pflanzen, Sachbuch, Umwelt
Illustrated by Kunstmann München

Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart

RealitätsschockGleich in der Einleitung des Buches von Sascha Lobo steht fettgedruckt dieser Satz: „Realitätsschock in einem Satz: Plötzlich müssen wir erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft.“

Die Welt scheint aus den Fugen geraten, und ist mit unserem geistigen Vermögen schwer zu erfassen. Wir werden „der Hoffnung beraubt, Politik, Wirtschaft und Eliten hätten eine gewisse Kontrolle über den Lauf der Dinge.“

Die These des Buches lautet: Digitalisierung und Globalisierung bedingen sich gegenseitig, sodass die eine Entwicklung ohne die andere nicht möglich und deswegen nicht zu verstehen wäre. Dieser Gedanke wird auf bald vierhundert Seiten in zehn (wie wir später sehen werden, eigentlich elf!) Kapiteln durch dekliniert.

Gleich eingangs entschuldigt er sich, dass er einen weiteren Entwicklungsstrang auslassen musste: die zunehmenden und für Viele überraschenden Rollen, die Frauen nun einnehmen. Dies müsse er seiner Frau, Meike Lobo, überlassen, die ein Buch darüber vorbereite, und er möchte nicht vorgreifen. Schade! Ein wenig old School, aber nicht unsympathisch für einen Ehegatten …
Er bezieht sich auf das Buch „Die Metamorphose der Welt“ von Ulrich Beck 2016 geschrieben, in dem es heißt, die Welt in der wir leben, verändert sich nicht bloß, sie befindet sich in einer Metamorphose. „… Die ewigen Gewissheiten moderner Gesellschaften brechen weg.“ Später zitiert er Beck: „Die laufende Metamorphose hängt zutiefst mit dem Konzept des Nichtwissens zusammen. Dieses Nichtwissen kann uns nicht mehr schützen, wenn wir alles Wissen, das uns zugänglich ist, aufnehmen und bedenken.“

Ich hatte beim Lesen mit den Bereichen angefangen, über die ich schon viel wusste und nachgedacht hatte. Als dabei Lobos Konzept nachvollziehbar und immer auch erfrischend war, konnte ich vertrauensvoll die mir unbekannten Bereiche lesen und staunen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle schon anmerken, dass er das Alter meiner Kinder hat.

Beim Lesen genoss ich seine große Sachkenntnis und Erfahrung im Netz: Wer kann schon von sich im Klappentext schreiben, dass er „in Berlin und im Internet lebt“? Als Gesundheitswissenschaftlerin fand ich das Kapitel zur Gesundheit realitätsfern, es sollte überarbeitet werden.

Klima (Kapitel 1)

Klimakollaps, Plastikpanik, vegane Visionen

Das Kapitel beginnt in einem sibirischen Dorf am Barentssee, in dem hungrige Eisbären die Menschen bedrohen. Der Klimawandel, der 2018 beginnt, führt zu Verschiebungen: während die USA Temperaturen bis zu minus 50°C haben, im nahe am Pol gelegenen Russland wird es dagegen zu warm. Dadurch schwimmen für die Eisbären keine Robben mehr auf Eisschollen heran und sie müssen sich ihre Nahrung anderswo suchen, etwa in der Nähe menschlicher Behausungen. Woher wissen wir diese Zusammenhänge? Von Satellitenaufnahmen.
Das Zeitalter des Holozän mit klimatischer Stabilität ist beendet, wir leben im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen. Der Klimaforscher Schellnhuber sagt 2019: „Wir Forscher haben gewarnt vor den Folgen des Klimawandels … und Keiner hört zu.“ Erst als die Jugendlichen der Klimabewegung das Wissen ernst nehmen, wird der Begriff „Kippelemente der Erdsysteme“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Als nächstes wird ausführlich die „Plastikpanik“ behandelt, wie die Plastik produzierende Industrie schon in den siebziger Jahren Stimmung für ihr Produkt machen (kann man immer wiederverwenden!) und die Schuld für den Plastikmüll auf die Verbraucher schiebt. Oder man soll recyceln, was aber faktisch nur in 5,6 % der Fälle geschieht.

Zeitgleich entwickeln sich digitale Medien und die Bilder von Plastik verseuchten Meeren erreichen uns. Sie zeigen, wie Produkte, die in reichen Ländern hergestellt und genutzt wurden, als Müll in die Verantwortung armer Staaten kommen, die die Probleme nicht besser lösen können. Es folgt eine Übersicht, wann einzelne Länder beispielsweise Plastiktüten verboten haben.

Seit Anfang der Zehnerjahre werden mehr Menschen „plötzlich pflanzlich.“ In Deutschland sind 2016 1,3 Millionen Menschen vegan, knapp 9 % vegetarisch. Ein Grund sind die Leiden der Tiere, aber angesichts des durch Viehzucht entstehenden Kohlendioxidüberschusses (70 % der Agrarflächen werden für die Tierproduktion verwendet!) wird zunehmend pflanzliche Ernährung als bester Ausweg gesehen.

Israel gilt als Hochburg des Veganismus, schon 2015 mit rund 5 % der Bevölkerung, die sich vegan ernährt. Beim anstehenden Wechsel der Ernährungsgewohnheiten spielen Kinder und Jugendliche eine große Rolle, auch als Mediennutzer, die ihre Eltern beeinflussen. In ihnen sieht Lobo die entscheidenden Akteure, um den Kapitalismus „ökologischer und bedingungslos nachhaltig“ zu machen.

Migration (Kapitel 2)

Massenwanderungen: Warum Migration heute ein höchst digitales Problem ist

Die UN hat ein „Predictive Analytics“ Projekt aufgebaut, das mit Daten wie Konflikteinschätzungen eine Wiederholung des „Realitätsschock von 2015“ künftig vermeiden soll. Die damalige Migration von mehr als einer Millionen Syrern wird als „Zeitenwende“ bezeichnet. Alle Parteien in der BRD fordern, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu bekämpfen, manche eher human, andere eher inhuman – hilflos sind sie alle.

Große Wanderungsbewegungen gab es immer: 90 % innerhalb von Afrika. Die Migrationsvermeidungsstrategien der Europäer denken eurozentrisch nur an die, die nach Europa wollen, in besonders erwählte Länder, zu denen Deutschland gehört.

„Wasser, Smartphone, Essen, in dieser Reihenfolge“, so beschreibt eine britische Migrationssoziologin die Prioritäten der Migranten. Sie schätzen die Möglichkeit, Kontakt zu Freunden und Familie aufrecht zu erhalten, darüber ihre Flucht zu organisieren, und Kontakte am geplanten Zielort zu finden.

Die afrikanische Migration ist eine Spätfolge des Kolonialismus; viele der europäischen Staaten hatten Kolonien in Afrika. In einem längeren Zitat eines togolesischen Kulturhistorikers schreibt er: „Kolonisierung (war) eine gewalttätige Einführung von Systemen“ … mit dem Ziel, die Länder auszubeuten. „Eine Elite führt diese Systeme weiter. In den meisten afrikanischen Ländern wird eine große Masse der Bevölkerung (von dieser Elite) im Stich gelassen … Migration und Entwicklung gehören zusammen, aber mit einer Sensibilität für die hinterlassenen Systeme der Kolonialzeit.“

Nach der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Nationen ging es auf neue Weise weiter. Die Ermordungen afrikanischer Führer wurden, wie wir aus inzwischen freigegebenen Geheimdienstunterlagen wissen, durch die europäischen Mächte und die USA inszeniert.

Handelsbeziehungen sollen die alte Einteilung, ihr liefert die Rohstoffe und wir die Produkte, erhalten. 2014 wollte Kenia ein europäisches Freihandelsabkommen mit der Ostafrikanischen Staatengemeinschaft nicht unterzeichnen, weil es befürchtete, die heimischen Produkte hätten gegen Subventioniertes keine Chance. Darauf erhöhte die EU die Zölle für kenianische Waren (Blumen, Kaffee, Obst) um 30 %. Der Export drohte zu versiegen, und Kenia unterschrieb. Ein kenianischer Wirtschaftsexperte schätzt, dass das Land aus den durch das Handelsabkommen resultierenden EU-Importen jährlich rund 100 Millionen Euro verliert.

„Sie kommen so oder so“ und hinterlassen, gerade in Westafrika, in manchen Gegenden praktisch keine Jugendlichen mehr, die für die heimische Landwirtschaft nötig sind.

Integration (Kapitel 3) und Rechtsruck (Kapitel 4)

sind ebenfalls kenntnisreich und lesenswert. Zur Integration habe ich mir gemerkt, dass Helmut Kohl 1982 (in einem inzwischen veröffentlichtem Dokument) Frau Thatcher in London erklärte, dass es notwendig wäre, die Anzahl der in Deutschland lebenden Türken um 50 % zu reduzieren. Wir sehen dann die langsame Entwicklung auch bei der CDU, Integration steuern zu wollen, die Phasen des Multikulti, der Leitkultur, und wie der Versuch scheitert, die muslimischen Kirchenverbände mit der Integration zu betrauen. Statt der Leitkultur gälte es, Leitwerte zu vermitteln, eine Art Multikulti 2.0. „Es handelt sich um die basalen Regeln der liberalen Demokratie, die allerdings in Europa auch von lange heimischen Einwohnern nicht ausreichend ernst genommen werden.“ Diesen widmet sich das vierte Kapitel.

China (Kapitel 5)

Die chinesische Weltmaschine—Wie Chinas Gegenwart auch unsere Zukunft verändert

Das Kapitel beginnt mit der Beschreibung eines Fünfjährigen, dessen „Tigereltern“ das Einzelkind auf das Leben in einer „gesellschaftlichen Effizienzradikalität“ vorbereiten. Die meisten unter Vierzigjährigen in der wachsenden Mittelschicht glauben an das „meritokratische Wohlstandsversprechen“ und „konsumieren sich reich.“

Die Digitalisierung der Gesellschaft ist unglaublich weit fortgeschritten, finanzielle Transaktionen werden meist digital erledigt. Dieses Jahrhundert wird zum chinesischen, weil auch die westlichen Firmen ihre Produkte danach entwickeln, ob sie auf dem chinesischen Markt bestehen. Übrigens richtet auch Hollywood seine Filme danach aus. Und der Vorsprung wird in China weiter ausgebaut durch gezielte Förderung gerade der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI).

Wenn früher galt: Demokratie plus Marktwirtschaft gleich Wohlstand, scheint das chinesische Gegenmodell: Autoritäre Herrschaft plus Digitalkapitalismus gleich Wohlstand für manche überzeugender.

Im Mai 2020 liest sich der folgende Satz des 2019 erschienenen Buches prophetisch: „Ab und zu wird eine kommende chinesische Krise beschworen, und die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering. …wird eine chinesische Krise, so merkwürdig das klingt, den Rest der Welt härter treffen, als China selbst.“

Künstliche Intelligenz (Kapitel 6)

Wir nannten es Arbeit

Wie künstliche Intelligenz und Plattformen verändern, was wir unter Arbeit verstehen.

In einigen Chefetagen ist schon der Begriff der Decision making Strategie angekommen. Problem dabei, je mehr KI angewandt wird, „umso schwieriger wird es, den Sinn dahinter zu erkennen.“ Wer etwa Facebook fragt, warum ein „Inhalt im Nachrichtenstrom angezeigt wird und der andere nicht, dann ist deren einzige ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht, das hat die KI so anhand von Nutzungsdaten entschieden.“ Ein bisschen anders als in China ist es bei uns also doch …

Gesundheit (Kapitel 7)

Digitale Körperlichkeit

Dies ist das Kapitel, welches mich zu einem zweiwöchigen Realitätsschock Detox veranlasste. Der Tenor ist: mit der Digitalisierung wird bestimmt auch in Deutschland endlich die Gesundheit besser. Die in den anderen Kapiteln durchschimmernde Systemskepsis vermisse ich hier. Bei „Wir nannten es Arbeit“ wird über die ungerechte Bezahlung verschiedener Tätigkeiten gesprochen, seit Jahrzehnten wissen wir, dass Pflegekräfte unterbezahlt sind, viele nach wenigen Jahren den Beruf aufgeben, und viele Stationen, schon lange vor Corona, unterbesetzt sind. Das in anderen Kapiteln Bearbeitete wird nicht auf das Gesundheitswesen bezogen.

Lobo stellt Erkenntnisse medizinischer Forschung dar, vor allem im Bereich der genetischen Forschung, die eine aufs Individuum angepasste Medizin erlauben. Deutschland hat sich dieser Entwicklung bisher eher verweigert. „Wir wohnen der Entstehung unseres zweiten Körpers bei.“ Und der ist digital. Die Vermessung des Körpers läuft inzwischen bei „hunderte(n) Millionen Menschen“ und Lobo begrüßt, dass einige davon sinnvoll verknüpft werden können. Er hofft: „Eine digitale Kultur der Offenheit (gegenüber etwa psychischen Erkrankungen) ist im Netz entstanden, und sie betrifft auch das Körperliche.“ Wie soll die mögliche Diskriminierung von Menschen, deren Genom sie für Erkrankungen (etwa psychische) prädestiniert, verhindert werden? „Wir brauchen gesellschaftliche, regulatorische, politische und auch technische Antworten auf die Fragen, die sich daraus ergeben.“

Nicht nur Gesundheitswissenschaftler wissen, dass es in Deutschland eine Unterversorgung bei der sprechenden Medizin gibt, eine Überversorgung bei operativen Eingriffen, weil diese besser bezahlt werden. Da geht es um Macht und viel Geld. Wessen Interessen werden „Antworten auf die Fragen“ entsprechen. Stattdessen wünscht er: „Irgendwann werden physischer und digitaler Körper wieder eins.“ Und wo bleibt die Seele?

Noch bedenklicher sein Schluss: Die Kosten-Nutzen-Rechnung des deutschen Gesundheitswesens ist mies. Warum? Wegen der mangelhaften Digitalisierung. Erst wenn die kommt, wäre das deutsche Gesundheitswesen „ausreichend effizient.“

Soziale Medien (Kapitel 8)

Fun und ein Stahlbad

Wir erfahren, wie ein junger Mann, mit Spitznamen „Drachenlord“ von der Medienmeute fertig gemacht wurde. An einem Augusttag kamen in sein kleines fränkisches Dorf 800 Menschen, um ihn zu belagern, traten die Türen ein und legten einen Brand, sodass er mit Hilfe von Polizei und Feuerwehr geschützt werden musste. Was hatte er verbrochen? Im Netz seine eigenwilligen Meinungen vertreten. Dazu wurde er provoziert. Ein Beispiel: Er wurde von einer Frau dazu verführt, dass er ihr seine Liebe gestand, worauf sie dies Hunderten Interessierten mitteilte. Ihr Freund, auch ein Youtuber, hat alles aufgenommen und ins Netz gestellt.

Nachbarn rieten ihm, mit dem Posten aufzuhören, aber er sieht es als sein Recht an, weiterzumachen. An diesem Punkt wurde mir als alter weißer Frau etwas klar: Sascha Lobo hat ein Verständnis für dessen Weitermachen entwickelt, das mir fehlt. Als wenn es ein Recht gäbe, auf Provokationen hereinzufallen! Sein Zitat dazu: „Solche Ratschläge beruhen auf der Selbstverständlichkeit einer Zeit, in der man noch die Wahl hatte, ob man ins Netz geht oder nicht. Diese Zeit ist für die meisten jüngeren Menschen vorbei.“ Der Drachenlord lebt auch von den Werbeeinnahmen, die er, wie viele Youtuber auch, ausgezahlt bekommt.

Wir lernen viel über Cybermobbing: In den USA gab es Selbstmorde von überlebenden Schülern nach Schulschießereien, oder auch von Eltern getöteter Schüler. Es war verbreitet worden, die Massaker hätten gar nicht stattgefunden, sondern seien vom „tiefen Staat“, also den Behörden, selbst inszeniert. Die rechtsgerichteten Provokateure, die auch der Waffenindustrie nahestehen, unterstellten, die Trauernden seien Krisenschauspieler, die vom Staat bezahlt und von der „Lügenpresse“ über nicht stattgefundene Schießereien interviewt worden waren.

Gamegater sind Gruppen, die gerne ihre Spiele austauschen und einen Hass auf Frauen pflegen, und gespielt verfolgen, indem sie Intimes, auch Erfundenes, verbreiten.

In diesem Zusammenhang lernen wir die Besonderheiten von Twitter kennen. “Twitter ist ein großartiger Ort, um der Welt mitzuteilen, was man denkt, noch bevor man darüber nachgedacht hat.“ Wie funktioniert ein Hashtag, wie werde ich als Twitterin Teil eines Shitstorms, ohne es zu wissen?

Die enge Beziehung zwischen Fake News und Verschwörungstheorien (Traumpaar) wird an harmlosen Beispielen (der Mond ist aus Käse, oder die Erde ist eine Scheibe) gezeigt. Mit welchem Algorithmus („lernender Empfehlungsalgorithmus“) wird beim Autoplay bei Google der nächste Film ausgewählt, der mich als Nutzerin mit weiteren Beweisen für die angesprochene Theorie überzeugen soll. „Bei frisch zur Verschwörungstheorie Konvertierten handelt es sich um das absolute Traumpublikum von Youtube.“

Gefährlicher ist die Verwendung zur Rekrutierung von Islamisten, oder die Verbrechen der Militärs in Myanmar gegenüber den Rohingyas. Erst vier Jahre nach Vorwürfen, dass über Facebook die herrschende (buddhistische) Elite Greueltaten der (muslimischen) Rohingyas vorgetäuscht hatten, reagiert Facebook: Für die siebenstellige Zahl der Nutzer in Myanmar wird eine Task Force für die Überprüfung von Hassreden in der Landessprache gebildet: „Die Zahl der Mitarbeiter der Task Force: eins.“ Das Unternehmen Facebook hat im Jahr 2018 übrigens 55 Milliarden Dollar mit Werbung eingenommen.

Zukunft (10.) Kapitel

Die Weisheit der Jugend

Warum die Älteren von den Jungen lernen müssen, um den Realitätsschock zu bewältigen

Ein schönes Kapitel: Es werden die bekannten Aktivitäten dargestellt, mit der Zuversicht, dass sie dem Erhalt der Erde dienen, mit einem Schlusswort von Greta.

Zum elften Kapitel, das auch lesenswert ist, kommen wir über einen QR Code, im Anhang des Buches. Der soll aber nicht im Netz verbreitet werden, darüber wird Buchfluch ausgesprochen. „Ihnen möge für den Rest der Tage stets im unpassenden Moment der Handyakku leer sein.“ Ein Tipp für diejenigen, die länger auf die € 22 sparen müssten: Man kann das Buch auch in der Stadtbücherei ausleihen! Es lohnt sich!

Fazit: Schockierend realistisch, das Gesundheitskapitel noch mal überarbeiten!


Genre: Klima, Politik und Gesellschaft, Sachbuch, Umwelt, Zukunft
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Leben, schreiben, atmen

Das Buch von Doris Dörrie »Leben, schreiben, atmen« kommt im richtigen Moment und gibt uns in der Zeit der Quarantäne etwas Neues zu tun: Wir sollen schreiben! Am besten mit der Hand, unbedingt mindestens 10 Minuten lang und das ohne Denkpausen. Dazu werden mehrere Dutzend Themen vorgeschlagen: Dunkel, süchtig, Piercing, Hochzeit, Kleid oder Flanieren. Weiterlesen


Genre: Biographien, Ratgeber, Sachbuch
Illustrated by Diogenes

Die Akte Glyphosat

Die Akte Glyphosat Wussten Sie, dass deutsche Behörden zur Bewertung der Schädlichkeit von Substanzen nicht-öffentliche Studien der Industrie verwenden? Und denen mehr vertrauen, als veröffentlichten Studien unabhängiger Wissenschaftler? Und, wie 2015/16 zu Glyphosat geschehen, die deutsche Behörde BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) dies sogar für alle europäischen Staaten mitmacht? Ich auch nicht, und ich kann über meine eigene Naivität nur immer wieder staunen. Weiterlesen


Genre: Ernährung, Garten, Landwirtschaft, Umwelt
Illustrated by Kremayr und Scheriau