Diamanten

Eloquenz versus Narrativ

Der jüngst erschienene Debütroman des Schriftstellers David Vajda mit dem Titel «Diamanten» sprengt alle Regeln bewährter Belletristik. Das Buch handelt von einer über die ganze Welt verteilten Familie, in deren Mittelpunkt ein ehemals jugoslawischer Vater steht, der unermüdlich versucht, die durch den frühen Kebstod der Mutter entstandene Lücke im familiären Gefüge zu ersetzen. Rührend um seine vier erwachsenen Kinder besorgt, die allesamt mehr oder weniger im filmischen Milieu engagiert sind, nennt dieser exzentrische Vater sie zuweilen Mačak, was Kater bedeutet, oder bezeichnet sie als seine «Diamanten», wenn er es besonders gut meint. Zuweilen aber nennt er sie auch Trottel, wenn sie ihm nämlich partout nicht folgen können bei seinen vielen Späßen und Witzen, die sie aufheitern sollen.

Zum Familiengefüge gehört eine große, fast über die gesamte Welt verteilte Familie, die in Berlin, der Provence, in Hollywood, Griechenland oder Belgrad lebt und teils zum deutschen Großbürgertum, teils aber auch zur Boheme gehört. Man trifft sich zur grandiosen Hochzeit des Onkels in Griechenland, besucht gemeinsam das Grab Titos in Belgrad oder besucht gemeinsam die esoterische Tante in der Provence. So sind sie ständig  auf der Suche nach Ablenkung, denn was sie nicht gemeinsam können, ist trauern! Ihr oft groteskes Miteinander ist von Sarkasmus geprägt, sie alle wollen unbedingt ein beschwingtes Leben führen. Der Autor hat seine Geschichte einzig um die vier eigenwilligen Geschwister angesiedelt, die allesamt trinkfreudig dem Künstlermilieu angehören oder sich beim Film engagieren. Diese Nähe zum Film ist auch im Text zu spüren, was nicht verwundert, hat der Autor doch zu Beginn seiner künstlerischen Karriere als Regisseur selbst filmisch gearbeitet. Im Motiv des Beschützers ähnelt «Diamanten» J. D. Salingers Roman «Der Fänger im Roggen», bei dem es um den früh verstorbenen Bruder ging. Die Parallelen ergeben sich vor allem in den verschiedenen Möglichkeiten der Interpretation dieser Texte, die beide Werke zu wahrhaft schwierigen Lektüren macht, – schwer lesbar, aber gedankentief! Anders als Salinger hat es Vajda allerdings verstanden, in seiner Geschichte das Tragische mit dem hier ebenfalls vorhandenen Komischen zu einer narrativen Einheit zu verflechten, in deren Mittelpunkt aber, alles überstrahlend, stets der Tod der Mutter steht.

«Diamanten» wird als Familien-Panorama abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt, zum einen in der Jetztzeit einige Jahre nach dem Tod der Mutter, und zum anderen in deren letzten Jahren vor dem Tod. Anders als in vielen anderen Romanen wird hier auch einiges über das Leben in der Diaspora nach Tito erzählt. Der Autor versteht es, allein durch seine schwerelos scheinende, lockere Erzählweise und die vielen lebensecht wirkenden Dialoge seinen Figuren eine beachtliche Präsenz zu verleihen, ohne sie je psychologisch auszuleuchten. Ganz im Gegenteil erfährt man so gut wie nichts über deren Lebensweise, sie sind nur in Gemeinschaft und im Gespräch als Charaktere gezeichnet, geradezu frei von irdischem Leben. Politik, Geld, Beruf, Liebe bleibt erzählerisch außen vor, wir erleben sie als Leser fast nur in Gesellschaft mit anderen Familien-Mitgliedern. Selbst so profane Dinge wie gut Essen oder edle Weine werden nur angedeutet, sie sind in keiner Weise prägend für ihr Verhalten.

In diesem ungewöhnlichen Roman wird eloquent von einer Familie erzählt, deren Seelenzustand allein durch eine geradezu filmische Szenerie verdeutlicht wird. Die stützt sich auf eine scharfe Beobachtungsgabe des Autors, der die Tragik unter Verzicht auf jedwede psychologische Deutung auszudrücken versteht. So verdienstvoll das in der Theorie erscheint, so problematisch ist es in der Praxis, wo der Leser sich durch eine Geschichte quälen muss, in der so gut wie nichts passiert und die auch auf nichts hinsteuert. Ein Roman also für eine sprachorientierte Leserschaft, der Eloquenz über alles geht und ein sinnstiftendes Narrativ entbehrlich ist!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

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