Die Transgender-Frage: Ein Aufruf zu mehr Gerechtigkeit

Nach Lektüre (und Rezension bei Literaturzeitschrift.de) des Buches Material Girls von Kathleen Stock, der Transphobie nachgesagt wurde, wollte ich „Transphiles“ lesen, um meinen Horizont zu erweitern.

Das Buch verschafft einen Einblick in die Schwierigkeiten von Transmenschen und in die Debatten dazu, mit dem Schwerpunkt im UK, der Heimat der Autorin. In zehn Kapiteln werden verschiedene Aspekte abgearbeitet, die Quellenangaben sind eher Zeitungsberichte, kaum theoretische Beiträge. Das Patriarchat und der Kapitalismus werden durchgehend als Ursache des gemeinsamen Leids vieler Menschen benannt.

Auf über 300 Seiten werden Ereignisse und Begegnungen beschrieben. Beim Lesen lernen wir den Werdegang der Autorin kennen, die sich als privilegiert bezeichnet, da sie weiß ist, studieren konnte und von ihrer Familie in ihrem Wunsch, zu transitionieren, unterstützt wurde.

Im Kapitel Klassenkampf berichtet die Autorin über die Medien, und von ihren eigenen Anfängen als Journalistin: Sie hätte lieber längere Hintergrundartikel geschrieben, aber von ihr als geoutete Transfrau wollte man lieber persönliche Statements, von Banalem, etwa wie sie sich schminkt, so wie es auch anderen Frauen geht, auf deren Aufmachung mehr Wert gelegt wird, als auf Taten. So machte sie eher Interviews mit Betroffenen, was ihr den Zugang zu einer Fülle von Biografien verschaffte, die das Buch bereichern.

In Der Staat beschreibt sie den Zusammenhang zwischen Diktaturen und gezielter Diskriminierung, hier am Beispiel USA unter Trump und Ungarn. Trump hatte die gesundheitliche Versorgung von Transmenschen in der Armee ausgesetzt. Und fundamentalistische christliche Glaubensgemeinschaften erfreute er mit seinen Besuchen. Ein anderer Aspekt ist der hohe Anteil von Sexarbeitern unter Transmenschen, das Kapitel dazu heißt plakativ „Sex Sells“, es wird aber auch beschrieben, dass Prostitution für viele von ihnen zu den wenigen Möglichkeiten gehört, Geld zu verdienen.

Bei den anderen Gruppierungen, die unter dem Patriarchat leiden, hätte ich mir Konkreteres über ihre Lage, über ihre Klagen, oder Konzepte gewünscht, so las man nur, dass deren Positionen (meist aus moralischen Gründen) abzulehnen seien.

Um das Ausmaß der Leiden von Transmenschen zu ermessen, empfehle ich das Buch, als politische Strategieempfehlung oder „Aufruf zur Gerechtigkeit“ weniger, es fordert diese gezielt für Transmenschen, die anderen Minderheiten, die das Patriarchat unterdrückt, werden in Untergruppen sortiert.

So lese ich von einer Maya Forstater, der gekündigt worden sei, weil sie einen „transfeindlichen Tweet“ geschrieben hätte, den Frau Rowling unterstützt hätte. Was die beiden Transphobisches geschrieben haben, wird nicht benannt, ich muss im Internet nachlesen. Sie hatte in einem Tweet gemeint, das biologische Geschlecht sei eine Realität, und Frau Rowling, hatte sie unterstützt. Ist das ein Kündigungsgrund? Und weiter lese ich, dass sie in 2. Instanz den Prozess gegen den Arbeitgeber gewonnen hatte.

Wir Alt Achtundsechziger sind dafür, dass Freiheit die Freiheit der Andersdenkenden ist, wem gewähren woke Menschen Meinungsfreiheit?

Allerdings sehe ich, dass die Biografien der Transmenschen sehr vielfältig und divers sind, und sie, zu Recht, in ihrem Sosein verstanden werden wollen. Und warum sollte ich einer äußerlich männlich erscheinenden Transfrau nicht am Waschbecken beim Damenklo begegnen? Dann begegne ich auch endlich mal einem Transmenschen persönlich …


Genre: Gesellschaft, Transgender
Illustrated by ‎ hanserblau

Das Romanische Café

Dieses kleine Büchlein von knapp 150 Seiten hat es in sich: Géza von Cziffra hielt sich von 1923 bis 1933 regelmäßig im Romanischen Café auf, traf Gott und die Welt und sammelte Anekdoten. Das Namensregister umfasst bald 300 Einträge und die Seitenzahlen sind aufgelistet, wann die Personen auftraten, oder auch nur zitiert wurden: Shakespeare und Goethe sind dabei. Es erschien 1981, als der Autor über achtzig war und die Geschichte über diese Zeit hinweggegangen war, unter dem Titel „Die Kuh im Kaffeehaus“. So kann er Vergleiche mit der damaligen Jetztzeit anstellen, als es schon Groupies und Hippies gab.

Viele der Prominenten wurden vom Stammgast Emil Orlik porträtiert und bebildern das Büchlein. Ein Nachwort von Ingrid Feix rundet es ab.

Im R.C. gab es feste Tische, was der 23 Jahre alte von Cziffra nicht wusste, als er das erste Mal an einem leeren Tisch Platz nahm. Der Gast, der sich dazu setzte, fragte ihn, wessen Sohn er sei, und der aufgebrachte Kellner klärte ihn auf: „Das hier ist ein höchst reservierter Tisch! Setzen Sie sich bitte anderswohin.“ Später erfahren wir, dass der Stammgast des Malertisches Max Liebermann war. Und ich glaube nun, dass dieser richtig gut berlinern konnte, das hatte ich einem Spross aus großbürgerlichem Haus nie zugetraut. Von Cziffra wurde ja später Drehbuchautor und kann Dialoge. Die noch nicht arrivierten Maler saßen am Nichtschwimmertisch.

Am Tisch der Männer der Feder saßen Schriftsteller, tauschten sich aus, mal auch mit Wissenschaftlern, Einstein verkehrte hier, flirtete heftig, was ihm den Spitznamen „der relative Ehemann“ einbrachte. Mal bot er Zauberkunststücke dar, oder er erklärte die Relativitätstheorie: „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen neben einer hübschen und geistreichen Frau, dann wird Ihnen diese Stunde wie eine Minute vorkommen. Sitzen sie aber mit dem nackten Hintern nur eine Sekunde auf einem heißen Ofen, so wird Ihnen die Zeit sicher wie eine Stunde vorkommen.“

Es geht um Freundschaften und Feindschaften, Bewunderung, Eitelkeiten, Eifersucht und Neid. Einmal droht ein Duell: Es ging um die Schauspielerin Elisabeth Bergner, von der alle Männer schwärmten. Ein stattlicher Bursche sagte etwas Abfälliges über sie, woraufhin „ihr Lieblingskameramann Adolf Schlazy“, ein kleiner Schmächtiger, ihn ohrfeigte. Als der Riese ihn angriff, wurde er zurückgehalten, fordert dann aber ein Duell. Als er erfuhr, dass Schlazy Jude war, sagte er, mit Untermenschen duelliere er sich nicht. Der war erleichtert: „Der erste sympathische Nazi, den ich kenne.“ Wir verfolgen die Biografien von vielen der Protagonisten, auch wie sie sich später, während und nach der Nazizeit, entwickelten.

Die Frauen hatten auch ihren Tisch und es gibt auch einiges an Zickenzoff. Für einen alten Herrn, der 1900 geboren wurde, berichtet von Cziffra darüber erfreulich sachlich, etwa so wie über die Männer. Nur einmal kommt ein Herrenwitz, nicht vom Frauentisch, vor dem fürchteten sich die Männer, aber vom Kükentisch: „Hier saßen laute junge Mädchen, die … mit den grimmigsten Gesichtern der Welt verkündeten, dass sie fest entschlossen wären, sich von keinem Mann verführen zu lassen. Kurz nach Mitternacht änderten sie fast immer ihren Entschluss.“

Am meisten war am Tisch der Mimen los, wir erfahren viel, etwa, wie es zur Dreigroschenoper gekommen war. Und wie erfolgreich sie war.

Eine Marke für sich waren auch die selbstbewussten Kellner, und so schließt das Buch mit dem Lied von Friedrich Holländer über die „Romanischen Kellner“, rund um die Gedächtniskirche herum.


Genre: Film, Kultur, Kunst, Unterhaltung
Illustrated by be.bra Verlag Berlin

Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats

Was Männer kostenSchon immer waren Ihnen Männer lieb und teuer? Aber wie viel sie unsere Gesellschaft wirklich kosten, ahnt niemand und man staunt beim Lesen des Buches. Der Autor ist Volkswirt und hat seit Jahrzehnten in der Jugendarbeit Erfahrungen gesammelt, zunehmend berät er Männer, die ihre Rolle in der Gesellschaft nicht gefunden haben.

Das Buch enthält zu jeder Feststellung Tabellen, die den Geldwert aufzeigen dessen, was Männer kosten. Seine Quellen sind allen zugänglich, oft das Statistische Bundesamt. Auf den über 300 Seiten sind neben vielen Grafiken 370 Quellen aufgeführt.

Was das Buch besonders lesenswert macht, sind die jahrzehntelangen Beobachtungen, die Gedanken dazu oder auch Gespräche, sowohl im dienstlichen, als auch im privaten Freundeskreis.

Es gibt originelle Thesen, etwa beim Alkoholmissbrauch (kostet 57 Milliarden Euro jährlich, verursacht zu 73 % von Männern), wo er vorschlägt, die Alkohol produzierende Industrie in Haftung zu nehmen.

Oder, wenn er aufzeigt, dass der Unterschied der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern (sechs Jahre) am risikoreicheren Männerleben liegt; Mönche leben fast so lange wie Nonnen. Hier bleiben die Forderungen allgemein …

Bei seiner Beratung fiel ihm auf, dass Männer mit geringerer Bildung nicht wussten, was die Me too Debatte war (Me-was?). Sie findet in einer Akademikerblase statt, was über die Bedingungen des Patriarchats in großen Teilen der Bevölkerung rückschließen lässt.

Das Buch ist ein drei Teile aufgeteilt: In Teil I die messbaren Kosten (elf Kapitel enthält u. a. Häusliche Gewalt, Wirtschaftskriminalität, Fußballromantik, wo es um Hooligans geht, Verkehrsunfälle, überschrieben mit „Männer mit eingebauter Vorfahrt“.)

Teil II behandelt nicht messbare Nebenwirkungen (sechs Kapitel als Beispiele: Lebenserwartung und Suizid, Rechtsextremismus, Sportverbände).

In Teil III Wege aus der Krise (zehn Kapitel. Hier fordert er Veränderungen in der Bildungspolitik, überhaupt der Politik, zur Männergesundheit)

Zwei Bereiche will ich herausstellen: Rechtsextremismus und Männergesundheit:

Im Jahr 2020 erschien, unter Minister Seehofer, der Verfassungsschutzbericht mit 420 Seiten, auf denen je einmal die Wörter Mann und männlich auftauchen. Das Wort Geschlecht nicht einmal. Dagegen stellt er eine Tabelle der rechten Straftaten in Berlin, bei denen 90,4 % der Tatverdächtigen männlich waren.

Zur Männergesundheit lernen wir in den ersten Teilen, dass Männer sich schlechter ernähren, mehr saufen, übergewichtiger sind, seltener zum Arzt gehen. Sie können Depressionen nicht als solche annehmen und deshalb auch keine Therapien für sich nutzen. Mehrmals weist er darauf hin, dass es in Beziehungen nicht nur Gewalt gegen Frauen gibt, aber dass Männer dies nicht zugeben können.

Die Rollen, die Männern zugeschrieben werden: stark sein, keine Schwäche zeigen (wer wagt, gewinnt), werden in unserer Gesellschaft nicht mehr gebraucht. Schon im Kindergarten, in der Bildung, vor allem aber in den Familien kann hier die Zuschreibung einer einzuhaltenden Rolle vermieden werden, dafür gibt es Beispiele und Hinweise auf Organisationen, die Männer bei der Reflexion und Überwindung ihrer Rolle unterstützen.

Diese Rezension schreibe ich während der Debatte über die Ausschreitungen junger Männer in der Silvesternacht 2022/23. In der Grafik, die ich abfotografiert habe, ist die Entwicklung der Bildungsabschlüsse der letzten Jahrzehnte zu sehen. Bei den jetzt 15-25-jährigen Männern haben 48 % keinen Schulabschluss. Mädchen können in unserem System weiterkommen, inzwischen haben 19 % mehr ein Abitur, als Jungen, diese werden zunehmend abgehängt. Und nicht nur die mit Migrationshintergrund!


Genre: Geschlechter, Gesellschaft
Illustrated by Heyne München

Gegen die Ohnmacht: Meine Großmutter, die Politik und ich

gegen die ohnmachtIm Vorwort verteilt Luisas Oma selbst gestaltete Postkarten vor dem Eingang des Hamburger Botanischen Gartens: „Niemand macht einen größeren Fehler, als derjenige, der gar nichts macht, weil er nicht alles machen kann.“ Auf der Vorderseite ein Foto von einem übergewichtigen Adam, der in einen Apfel beißt: „Adam plündert sein Paradies“ heißt die Statue, die dort, am Eingangstor, steht. Hinten sind der Spruch des Philosophen Burke und ein Link zu einer Webseite, die über Ökostromanbieter informiert. Und das im ersten Jahr der Pandemie, sie ist Mitte Achtzig.

„Meine Großmutter ist dreißig Jahre vor mir Aktivistin geworden“. Ausgelöst durch „die atomare Bedrohung, hat sie die wachsenden ökologischen Krisen und weltweiten Ungerechtigkeiten“ auf ihre Art bekämpft, mit Leserbriefen oder Reden auf Aktionärsversammlungen, die als Beispiele aufgeführt werden.

Das Buch, von Luisa geschrieben, führt uns durch zwölf Kapitel, die jeweils einen Schwerpunkt bearbeiten: Erinnern, Rauchen, Empören, Fossilität, Privilegien sind Beispiele für deren Titel.

Ein Hobby schon der Familie der Großmutter sind Filme über das Aufwachsen der Kinder, und Luisa geht gerne zum Filmegucken, so lernen wir auch etwas über die anderen Familienmitglieder. Einige Bilder sind im Buch zu sehen. Es gibt sie schon aus den dreißiger Jahren, als Dagmar Reemtsma in Tilsit aufwuchs, 1933 geboren, nach der Machtergreifung Hitlers.

Der Vater lehnt den Nationalsozialismus ab, rät der Familie vor Kriegsende, inzwischen sind es fünf Kinder, zu fliehen, obwohl der politische Führer der Region genau das verboten hatte. Mutter und Kindern gelingt die Flucht, der Vater kommt wegen Ungehorsam ins KZ Stutthof bei Danzig, „wo er umkommt.“

Die Familie zieht nach Hamburg, wo Dagmar einen Spross der Reemtsma Familie heiratet. Sie genießt die Zuneigung der Schwiegerfamilie (zur Geburt des ersten Kindes schenkt der Schwiegervater „als Kinderwagen“ einen VW-Käfer!), und erst über vierzig Jahre später erfährt sie von der Verstrickung der Zigarettenfirma mit dem Naziregime. Auch in diesem Kapitel geht Luisa dialogisch vor, fragt sie, wie man nicht fragen konnte, warum eben dieser Schwiegervater nach dem Krieg inhaftiert worden war. Oder, was die Schwiegerfamilie zum Tod ihres Vaters im KZ sagte. „Luisa, darüber sprach man nicht. Ich war völlig ahnungslos. Im Geschichtsunterricht kam die jüngere Geschichte nicht zur Sprache, und sonst auch nicht.“

Nachdem Oma ihre Kinder großgezogen und sich von ihrem Gatten getrennt hatte, nahm sie an Demonstrationen teil. Trotz Hippiezeit blieb sie die Bürgerliche: Gut gekleidet und mit Hut. Bei der Aktionärsversammlung von Adidas beklagt sie die Höhe der Dividenden, die wegen der Ausbeutung der Näherinnen in Asien möglich sind.

Durch den Rückblick auf die Aktivitäten der Oma werden wir erinnert an Vorstellungen vom Fortschritt, die inzwischen Zeitgeschichte sind: den Elbausbau in Hamburg, die Flugzeugfabrik, die inzwischen abgerissen wurde.

Besonders lesenswert sind die Leserbriefe an die WELT, wo sie sich, auch schon 2007, gegen den Autowahn wendet: „Nach der mühevollen Einführung des Katalysators haben die deutschen Autohersteller absolut verantwortungslos agiert und produziert, und Herr Verheugen sorgt gerade in Brüssel dafür, dass es auch in Zukunft so bleiben wird.“ Und so kam es auch.

Manchmal spricht Luisa von ihrer Oma so liebevoll wie Großeltern von ihren Enkelkindern: „Der Computer und meine Großmutter führen eine aufreibende Ehe, stundenlang kann meine Großmutter vor mir stehen und sich beschweren: Heute hat er schon wieder dies gemacht …“

Als das Internet aufkam, hatte sie sofort einen Kurs bei der VHS belegt, weil sie ahnte, dass gerade Rentner hier schnell abgehängt werden können.

Im Kapitel Ostfronten geht es von der Flucht der Oma und den Kriegsfolgen weiter mit dem Krieg in der Ukraine. Wieder einen Krieg zu erleben, war für Europäer außerhalb jeder Vorstellung.

Gegen die Ohnmacht schließt mit den Gefühlen, die Aktivisten haben, wenn sie sehen, dass sie ihre Ziele nicht erreichen. Schon der Bericht, wie Aktivisten in Straßburg vor dem EU-Parlament erfahren müssen, dass Gas und Atom nachhaltig sein sollen, berührt. Ein Buch mit viel Informationen und Tiefgang, und auch noch gut zu lesen.


Genre: Biographien, Klimakrise, Zeitgeschichte
Illustrated by Tropen Verlag

Frei: Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Es geht um Freiheiten und wie sie sich beim Erwachsenwerden ändern. Das Buch gefiel anfangs, weil es die Gedanken und Gefühle eines kleinen Mädchens beschreibt, das im stalinistischen Albanien aufwuchs. Sie liebte ihre Lehrerin, die so schöne Geschichte von Stalin erzählte, und auch den Onkel Hoxha. Und die Lehrerin konnte so gut erklären, dass es im Sozialismus noch Klassenkämpfe geben muss, aber im Kommunismus wären dann alle absolut frei. Ihre Eltern und die Großmutter waren auch Sozialisten, jeder hatte eine Lieblingsrevolution, der Vater liebte die, die noch kommen sollte. Aber, warum wollten die Eltern kein Bild vom Präsidenten Enver Hoxha im Wohnzimmer haben?

Als in Berlin die Mauer fiel, war sie zehn Jahre alt geworden, und alles änderte sich. Die Eltern lästerten plötzlich über die geliebte Lehrerin. „Diesmal gab es keine Fixpunkte, alles musste von Grund auf neu erschaffen werden. Die Geschichte meines Lebens war nicht die von Ereignissen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt abgespielt haben, sondern die einer Suche nach den richtigen Fragen, jenen Fragen, die mir zuvor nicht in den Sinn gekommen waren.“ Hier nimmt sie die Leser/innen mit beim Erwachsenwerden, bei der Suche nach den Fragen. Nach und nach erfährt sie, dass die Eltern aus der Bourgeoisie stammten und dass sie wegen „der Biografie“ nicht ihre Berufe hatten wählen können.

Zur Oma hat sie eine besondere Beziehung, sie kam aus Saloniki, hatte am Osmanischen Hof verkehrt, in der Familie spricht sie nur Französisch. Da die Familie enteignet worden war, fährt sie zu Verwandten in Athen, in der Hoffnung, manches wiederzuerlangen. Lea darf mit und die Oma kauft ihr ein Tagebuch, wo sie alles vermerkt: Dass hier die Autos Schlange stehen, und nicht die Menschen, dazu gibt es noch Ausführungen über unterschiedliche Taktiken des Schlangestehens, oder, dass die Menschen angeleinten Hunden nachliefen oder Werbeplakate statt anti-imperialistischen Inschriften. Bananen und Jeans gibt es auch.

In Albanien werden die Auseinandersetzungen gewalttätig. Viele Menschen fliehen, aber keiner will die Migranten nun aufnehmen, manche ertrinken im Mittelmeer. „Freiheit wirkt“, sagte US-Außenminister James Baker, und dass die USA das Land auf seinem Weg in die Freiheit helfen würden. „Vor allem kam es aufs Tempo an. Milton Friedman und Friedrich von Hayek ersetzten Karl Marx und Friedrich Engels praktisch über Nacht.“ Es kommen neoliberale Manager. Irgendwann geht der Vater in die Politik, scheitert aber und die Mutter, ehemalige Mathematiklehrerin, wird Altenpflegerin in Italien.

Als sie dann erwachsen geworden ist, am Ende der Geschichte, schreibt sie einen Epilog, Vater und Oma sind gestorben, das Buch widmet sie der Oma. Eigentlich wollte sie ein Sachbuch schreiben, aber die Lektorin riet zu diesem Format, ein guter Rat, denke ich, so bekommen die Gedanken die Gesichter derer, die sie vertreten. Und die Übersetzung aus dem Englischen ist auch gelungen.

Sie berichtet, dass sie Philosophie erst in Italien studierte, wo sie mit neuen Freunden über Politik diskutierte. „Westliche Sozialisten, um genau zu sein. Sie sprachen von Rosa Luxemburg, Leo Trotzki, Salvador Allende und Ernesto „Che“ Guevara, als wären es westliche Heilige. In der Hinsicht ähnelten sie meinem Vater: Alle Revolutionäre, die sie für bemerkenswert hielten, waren ermordet worden.“ Ein Zitat von Rosa Luxemburg ist dem Buch vorangestellt: „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.“

Und dann erzählt sie noch, wie sie an der London School of Economics ihre Marx Seminare beginnt. Ob man da wohl mal Gasthörerin werden kann?


Genre: Biographien, Erfahrungen
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Zur See

Zur SeeIn ihren anderen Büchern ging es um das Landleben und, wie Menschen sich ändern müssen, um dort zu leben: Im Alten Land suchen Vertriebene eine neue Heimat und bleiben fremd, in der Mittagsstunde flieht ein Einheimischer in die Stadt, aber kommt immer wieder zurück und beobachtet, wer und was sich ändert. (link Landlust und Landfrust) In Zur See bleiben die Inselbewohner der Heimat treu und erleben, wie das Meer auch andere in seinen Bann zieht. Aber auch, was sich hier alles ändert. Da sind alte Geschichten zu erzählen, von Männern, die zur See gingen und von großen Fluten. Wir leben mit den Menschen auch in der Winterzeit, sehen wie die Gewerke der Fischer und Bauern sich ändern und lernen, wie der Zeitplan der Fähre das Leben bestimmen kann.

Auf einer kleinen Nordseeinsel lebt Hanne Sander im Kapitänshaus mit ihrem Ältesten, einem wegen seiner Alkoholkrankheit ausgemusterten Kapitän, der gerne den kauzigen alten Seebären gibt, das lieben die Touristen, besonders weibliche. Das Haus ist seit Jahrhunderten im Familienbesitz. Darüber kreisen Drohnen, denn eine solche Immobilie würde jeder Makler gerne vermarkten. Es gelingt ihr gut, dies zu ignorieren, und wenn sie in Ruhe lesen will, dann versteckt sie sich hinten im Garten neben Komposthaufen und Mülltonnen, denn vorne laufen die Touris.

Ihr Jüngster feiert seinen dreißigsten Geburtstag, in seinem Atelier. Er war schon immer ein Aussteiger, hat die Insel nie verlassen, geht barfuß mit seinem Hund jeden Tag am Strand lang und sammelt Strandgut. Daraus schafft er Kunstwerke, die sich gut verkaufen, an die Städter, die ihre Zweithäuser damit schmücken. Bei der Party kennt sie nur den Pfarrer, die anderen Gäste sind Teil der Parallelwelt, Städter, die vom Meer angezogen wurden. Sie geben sich einheimisch, wenigstens schlurfen keine Tagestouristen mit Schlappen durchs Atelier. Aber auch dieser „zweite Stamm“ bleibt nicht, irgendwann finden sie, dass ihre Sehnsucht nicht gestillt wird, sie bleiben fremd und ziehen wieder zurück aufs Festland. Überhaupt hat sich der Tourismus gewandelt: Früher hat Hanne Zimmer vermietet, an Gäste, die in den Zimmern der Kinder schliefen, die Kinder wurden wegsortiert. Darüber hat sie auch Jens verloren, ihren Mann und Vater der Kinder.

Er zog vor über 20 Jahren aus, lebt als Einsiedler bei seinen geliebten Vögeln, die Zwergseeschwalben haben es ihm besonders angetan. Er kämpft für die Erhaltung der Natur, nicht nur ihm, auch anderen ist bewusst, dass der Meeresspiegel steigt, und größere Fluten kommen könnten. Eigentlich ist er zu alt, um so allein zu leben, zittert stark, seine Vorgesetzten sagen es ihm aber nicht, sie schicken „Prinzen“, junge, dynamische Vogelkundler mit Laptop. Mit dem letzten kommt er klar und mit ihm kann er wieder Menschen in seiner Nähe ertragen, sogar in einem Raum zusammen schlafen.

Tochter Eske ist Altenpflegerin, hört neben Heavy Metal gerne die Geschichten der Alten im Heim, begleitet sie in den Tod. Sie hatte die alten Sprachen der Küsten studiert, kam aber zurück. Sie gibt das Raubein, vertreibt gerne Touristen mit ihrem Auto an die Straßenränder. Eine Inselregel lautet: „Sei nie freundlich zu Touristen!“ Sie schämt sich, wenn die Einheimischen Touristenrummel veranstalten, wie bei der Hafenfeier.  Auch der Pfarrer kennt alle von früher, aus dem Konfa. Sein Glaube, auch an sich selbst, wird bedroht, gerade, als seine Frau aufs Festland zieht, natürlich nicht seinetwegen, sondern, um bei den Enkeln zu sein und er allein zurückbleibt.

In der größten Not … gibt es auch Veränderungen, die die Menschen wieder zusammenbringen, so kommt Jens zurück ins Kapitänshaus, denn schweigen kann er auch dort, bei Hanne.

Ich lese so etwas gerne: die richtige Balance zwischen Sehnsucht und Realität, etwas Spökenkiekerei und viel Empathie.


Genre: Deutsche Literatur, Familiengeschichte
Illustrated by Penguin

Lebendige Gärten im Winter

Für diese Rezension von Lebendige Gärten im Winter habe ich lange gebraucht, und sie ist sehr persönlich geworden: Während der ersten Jahrzehnte meines Gärtnerinnenlebens galt für mich Klaus Foersters Spruch: „Es wird durchgeblüht!” als Leitmotto. Darum geht es auch in meinem Buch „Blütenfreuden“. Ich habe noch einmal die beiden Kapitel zum Winter gelesen: Der Winter war für mich Wartezeit auf und Vorbereitung für den Sommer. Das ist jetzt anders geworden.

Als ich das Buch Lebendige Gärten im Winter bestellt hatte, guckte ich mir die vielen (schönen!) Bilder an, und sah, dass es meist welche aus England waren, ah ja, die Autorin bietet ja Wintergärtenreisen (!) dorthin an, und dann kam erstmal der Sommer. Allerdings hatte ich schon Exemplare von Cornus alba sibirica bestellt, wegen der roten Stiele im Winter.

In den letzten Jahren kann ich den Winter immer besser genießen, etwa wenn rauhreifige Gräser sich bewegen, oder sich die Blüte der Herbstanemone nach dem Frost wie ein Baumwolltupferchen auflöst. Und es gab in meinem Garten auch immer mehr anzugucken, da ich gezielt pflanzte, was im Winter blüht. Dazu gab es im letzten Jahr den Beitrag.

Nun gucke ich mir, im Herbst, das Buch näher an und staune. Es gibt so viel mehr zu sehen. Auf 200 Seiten, fast im DIN A4 Format, werde ich angeleitet, „Eigenschaften von Pflanzen mit winterlichen Höhepunkten“ zu sehen. Dass Frau Ney Gartenplanerin ist, schärfte nicht nur ihren Blick, es prägt auch die Ausdrucksweise.

Es geht um mehr als Blüten, um die Strukturen im Garten, die Texturen und vor allem um „Dauerhafte Farbakzente“, die dann genau aufgeschlüsselt sind in: Farbige Zweige und Rinden, Farbige Nadeln (17 Seiten, mit den Untergruppen; Weißgold, Gelbgold, Altgold und Schwefelgelb), farbiges Laub und die Bodendecker, um Knospen und Früchte, und das bei jeder Wetterlage.

Sie sind beeindruckt und befürchten, in Ihrem Garten so etwas nie schaffen zu können? Dazu kam der Trost schon in der Einleitung: „Unsere Gärten eignen sich eben in der Regel besser für Kammerkonzerte als für Operndramatik.“ Das Kapitel zu meinen geliebten Blüten ist betitelt: „Blüten, kurzfristige Farbakzente und Duft.“ Für eine Oper braucht es eben mehrere Klangkörper …

Es gibt an vielen Stellen Bemerkungen, die würdig sind, gemerkt zu werden. Ich schätze es besonders, wenn sie Gedanken ausdrücken, die mich auch beschäftigen. Als es um Hecken geht: „Man verwendet hierfür gerne Taxus und etwas eingeschränkter auch Buxus – und besonders robuste Gärtner integrieren selbst durch Blattdornen piksende Ilex, Berberis und heimtückisch bedornte Pyracantha.“ Die beiden Letzteren hatte ich nämlich großflächig entfernen müssen, als wir vor bald vierzig Jahren den Garten übernommen hatten und begegneten noch Jahre später heimtückischen Pyracanthadornen.

Im Serviceteil, welches mit dem Register über 20 Seiten ausmacht, werden Pflanzen für verschiedene Rahmenbedingungen kategorisiert.

Ich vermute, diese größere Offenheit für das früher Nebensächliche hat mit dem Älterwerden zu tun. Sie suchen noch ein Geschenk für Oma und Opa, die Gärten lieben? Vielleicht zu Weihnachten, wenn der Winter gerade angefangen hat?

Das Einzige, was ich bemängeln könnte, ist, dass die Autorin, die Schneeglöckchen liebt, im Serviceteil nichts zum Schloss Übigau mit dem Schlossgärtner Manig schreibt. Nach der Erwähnung von zehn Gärten im Vereinten Königreich wäre es dann ein zweiter in Deutschland. Siehe hier.


Genre: Gartengestaltung
Illustrated by Verlag Eugen Ulmer

Die Heldin reist

Doris Dörrie reist und berichtet gerne davon, meist erzählt sie von den Ländern, in denen sie besonders Wichtiges erlebt hatte: den USA und Japan. Hier geht es um drei Reisen, die sie 2019 in diese beiden Länder geführt haben, und auch nach Marokko.

Danach, in den Corona Jahren, gibt sie diesen Erfahrungen den Rahmen eines Heldenfilmes, etwa den eines Western, was macht einen Helden aus, was eine Heldin? Sogar einen Begriff gibt es: „Monomythos des Helden“, so wie bei „Jesus und Buddha, minus Haus, Auto und Frau.“

Wenn sie in die USA einreist, gibt sie allerdings als Beruf immer „Hausfrau“ an, der traut kein immigration officer etwas Böses zu. In Kalifornien liegt sie dann mit gleichaltrigen Freundinnen am Strand und sie freuen sich, dass sie das können, als Frauen finanziell unabhängig sein und frei das Leben und auch das Älterwerden genießen.

So plätschert die Erzählung dahin, so kenne ich Doris Dörrie und mag sie. Aber dann kommen Widersprüche, in Japan trifft sie Tatsu, die in Deutschland Gesang studiert hatte (in Hannover, wo Frau Dörrie herkommt!) und von ihrem Schicksal berichtet, sie ist stark übergewichtig, verdrückt während des Gespräches zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte, und das in Japan, wo das body shaming viel wichtiger ist als in Deutschland. Frau Dörrie kennt das, sie ist ‚mal in München mit einem Fat-suit ausgegangen und hat es selbst erlebt, Tatsu weiß, als Dicke kannst Du Dich in der Wohnung verstecken, denn jeder Gang nach draußen ist heldinnenhaft. Sind das also die Heldentaten der Frauen? Bei der Leserin, die glaubt, in einem postheroischen Zeitalter zu leben, wächst das Interesse.

Es geht um die Freundinnen, die ihr Frauenschicksal nicht immer nur ertragen, mal auch genießen können, zu denen Doris Dörrie eine vertrauensvolle Beziehung hat, und die nun ihr Älterwerden reflektieren.

Zwei Dinge fand ich besonders: Als sie eine junge Studentin in den USA war, schreibt sie ihren Eltern ausführlich von ihrem Liebesleben, auch, als sie vor Liebeskummer todtraurig war. Und dann geht diese mutige, so offene und so coole Frau über Jahre eine toxische Beziehung ein. Was sie wohl beim nächsten Buch offenbaren wird?


Genre: Abenteuer, Reisen
Illustrated by Diogenes

Material Girls: Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist

Anfang des Jahres blieb ich beim Zappen bei einem Interview der BBC mit Kathleen Stock hängen, die gerade ihre Stelle als Philosophin gekündigt hatte, weil sie von den Studierenden wegen Transphobie gemobbt worden war. Das also war Transphobie? Sie berichtete, sachlich und empathisch, auch von Diskriminierungen, die Transmenschen erfahren.

Ihr Buch, im Mai 21 erschienen, kam im Frühjahr 22 auf Deutsch heraus, mit einem Interview, welches die Übersetzerin Vojin Sasa Vukadinovic führte. Frau Stock konnte schon zurückblicken auf weitere Entwicklungen in der universitären Welt, die die Ihre war: Es ist hinderlich für die Karriere, Aussagen wie: „Eine Transfrau ist eine Frau, ein Transmann ist ein Mann.“ zu hinterfragen.

Frau Stock führt uns durch die Entwicklung des Feminismus der letzten Jahrzehnte. Sie argumentiert als Philosophin mit Thesen und Gegenthesen, die jeweils durch Zitate unterfüttert sind: von den knapp vierhundert Seiten des Buches sind über dreißig Literaturangaben. Sie beschreibt, wie sich in den letzten zwei Jahrzehnten der Umgang mit Transmenschen geändert hat, auch deren Zunahme.

Ausgang der Arbeit sind die gesetzlichen Änderungen im Vereinten Königreich, die die gefühlte Geschlechtsidentität in den Vordergrund stellen. “Die Theorie der Geschlechtsidentität behauptet nicht nur, dass Geschlechtsidentität existiert, für Menschen fundamental ist und rechtlich und politisch geschützt werden soll. Sie besagt auch, dass das biologische Geschlecht irrelevant ist und keines solchen rechtlichen Schutzes benötigt. So wie es aktuell steht, würde Geschlechtsidentität in einem direkten Kampf mit Geschlecht gewinnen. Und deswegen muss ich über Geschlecht sprechen.“

Sie stellt verschiedene Modelle vor, mit ihren Stärken und Schwächen. So gibt es die Vorstellung, dass Geschlecht „ein Kontinuum sei“, oder, wie bei Facebook, dass es siebzig Geschlechter gäbe.

Zwei Aspekte mochte ich in der Rezension herausstellen:  die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über menschliche Körper und die Auswirkungen, am Beispiel des Leistungssports, wenn das biologische Geschlecht durch die gefühlte Geschlechtszugehörigkeit ersetzt wird.

Während in der Medizin bis vor etwa 50 Jahren der männliche Körper als Bezugsgröße für Therapien, insbesondere Dosierungen der Medikamente galt, war es dann neuartig, dass weibliche Körper anders sind: Krankheiten anders entwickeln, in Art oder Anzahl. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Dabei geht es nicht nur um Geschlechtsorgane (primäre wie sekundäre), sondern um alle Funktionen. Diese Binärität wird nun, auf Betreiben der „Transaktivisten“, durch die selbst gewählte Geschlechtsidentität ersetzt. Frau Stock bezeichnet dies als Fiktion, ist doch die Beschaffenheit jeder einzelnen Körperzelle nicht durch eine freie Entscheidung zu verändern.

Vornehmlich beim pubertären Körperbau führt die Produktion von Testosteron zu mehr an allem: Lunge, Herz, Knochen und Muskel. Dies führt zu erhöhter Leistungsfähigkeit bei körperlicher Arbeit. Natürlich gibt es Frauen, die stärker sind als manche Männer, aber auch schwächere Männer können vielen Frauen überlegen sein.

Mehrere Organisationen haben im Vereinten Königreich die Meinungsführerschaft übernommen, und verbreiten diese Fiktion als Realität, ein Beispiel ist Stonewall. Sie sind medial aktiv, schreiben auch Universitäten an und bieten ein PR-freundliches Branding an, wenn bestimmte Dinge eingehalten werden: “Sie sollten jeder Person Zugang zu Einrichtungen, Räumen und Gruppen ermöglichen, die mit der jeweiligen Geschlechtsidentität übereinstimmen.“ (zum Beispiel Sportgruppen) Lehrkräfte, müssen „LGBT Themen sensibel und akkurat behandeln.“ Was akkurat ist, gibt Stonewall vor.

Im Vereinten Königreich ist es deshalb nicht passend, von Frauen zu sprechen. Alternativen wären: „nicht-Prostataträger“ „Menstruierende“ oder, aus den USA kommend: „Vorderlöcher“. Männliche Attribute, wie der Penis, können weiter traditionell benannt werden. Dass dies bei gesundheitlichen Einrichtungen, etwa Schwangerschaftsberatungsstellen, nicht zur verbesserten Kommunikation mit den Klientinnen beiträgt, wird, von den dort Tätigen, bestätigt: Viele von ihnen können noch nicht einmal gut Englisch.

Frau Stock beschreibt die Situation in Frauengefängnissen, in denen Transfrauen einsitzen. Ihre gefühlte Geschlechtsumwandlung hat nicht dazu geführt, dass die durch sie verübten Straftaten, denen der Cis-Frauen ähnlicher geworden wären. Diese klagen über gewalttätige Übergriffe.

Die Situation im Leistungssport in dieser Rezension hervorzuheben, hatte ich schon beschlossen, bevor Donald Trump sie für seinen Wahlkampf entdeckt hatte. Es gibt im Buch viele Beispiele von Sportkämpfen im angelsächsischen Raum, wo Transfrauen Siegerinnen sind.

Was mir nicht so klar war: Was dies für Studienplätze und Stipendien bedeutet. Und das IOC plant, Transfrauen dann als Frauen starten zu lassen, wenn sie zwei Jahre lang Testosteronhemmer zu sich genommen haben. Der Blutspiegel des Testosterons kann dann immer noch „6-12mal höher sein“, als bei anderen Frauen. Selbst wenn in allen Gesellschaften Frauen und Männer gleichberechtigt wären, welche Cis-Frau hat dann noch Chancen beim Leistungssport?

Ich wollte dieses Buch lesen, um endlich etwas von der Debatte, und die dabei verwendeten Begriffe zu verstehen. Sven Lehmann, der Queer Beauftragte vertritt, ganz akkurat, die Stonewall Position: „Eine Transfrau ist eine Frau, und ein…“

Das Buch hat mir geholfen, eine Meinung dazu zu entwickeln.


Genre: geschlechtliche Vielfalt, Politik und Gesellschaft
Illustrated by edition TIAMAT

Neue Staudenverwendung

Wie rezensiert man als Hobbygärtnerin ein Lehrbuch wie Neue Staudenverwendung von Norbert Kühn, das mit fundiertem Hintergrundwissen daherkommt?

Einleitend heißt es: “Das Buch soll keine Rezepte vermitteln und keine Dogmen aussprechen. Es soll Grundlagen dafür bieten, um sich selbst neue und eigene Gedanken zu machen. Dazu ist es nötig, in die Geschichte zu sehen und das schon Gedachte vor dem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen … Es soll zurzeit gebräuchliche Prinzipien aufzeigen und will sie auf eine ökologische Grundlage stellen.”

Es folgen 300 Seiten, fast so groß wie DIN A4, mit Fotos, Schaubildern und Tabellen, schon Literaturverzeichnis und Pflanzennamen kommen mit je 15 Seiten. Es ist kein Buch zum Auslesen, aber es regt an, wie es so schön heißt: “sich selbst neue und eigene Gedanken zu machen.” Deshalb empfehle ich es gerade für Menschen, die eigentlich schon genug Gartenbücher haben.

In der Einleitung geht es um die Nomenklatur, die wissenschaftliche Namensgebung, die sich (zu) oft ändert und nun auch noch durch DNA-Ergebnisse hinterfragt wird. Manchmal geben die Züchter ihren Pflanzen auch Phantasienamen, etwa Karl Foerster, der einen seiner Phloxe “Wenn schon-denn schon” taufte.

Früher wurde der Vermehrung der Pflanzen allenfalls durch Züchter geholfen, indem sie Pflanzen, deren Merkmale gefielen, zusammen pflanzen. Ob die Züchtung erfolgreich war, wurde beobachtet. Foerster nannte es den “Enttäuschungsfilter”, über den Vieles hinaus selektiert wurde.

“Als es galt, durch Neuheiten auf sich aufmerksam zu machen” wurden immer neue Züchtungen kreiert, und ohne mehrjährige Überprüfung als Neuheit auf den Markt geworfen, in Gartenzentren, in denen “Pflanzenkonsumenten” sie erstehen. “Das wichtigste Merkmal einer Staude, ihre Dauerhaftigkeit, ist … weder beabsichtigt noch erwünscht.”

Nach dieser (kurzen) Einleitung kommen vier Teile, die die Geschichte, die ökologischen Grundlagen der Staudenverwendung, der Gestaltung mit Stauden, deren aktuelle Prinzipien und neuartige Lebensgemeinschaften beschreibt.

Wir verfolgen die Geschichte der Trends seit den 90er Jahren, die Einflüsse von Beth Chatto, ihren holländischen Kollegen und wie deren Rezeption in Deutschland war. Als Beispiele werden die Gestaltung der jeweiligen Gartenausstellungen oder kommunaler Projekte genannt. Wie reden (und schreiben) Profis über diese Trends, welche Rolle spielt die Ökonomie, wenn den kommunalen Grünflächenämtern die Mittel gekürzt werden?

Was sind die Vorteile der vegetativen, welches die der generativen Züchtungen? Viele Pflanzen werden vorgestellt, von denen ich als Laiin noch nie gehört habe, aber auch zu den bekannten gab es Neues zu lesen. Es geht um Farben und Formen von Ast, Blatt und Blüte, es gibt Tabellen, welche Farben passen zusammen?

Ich habe das Buch über viele Monate immer wieder ein wenig gelesen und es genossen. Es sind kleine Erkenntnisse, die das Lesen des Stoffes auch unterhaltsam machen, etwa, dass Planer eine Gelbphobie haben, ob ich wohl auch eine habe? Es gibt nur zwei gelbe Ecken in meinem Garten.

Was hat Beth Chatto dazu gebracht, ihre Kiesbeete anzulegen? Jahrelange Trockenheit im Südosten Englands. Warum sind Fotografien englischer Gärten so leuchtend? Es liegt am Regen. Schottergärten werden respektvoll Kiesbeete genannt, und sie wären als planerisches Prinzip für Verkehrsinseln geeignet, wenige für Parks.

Spontanvegetation hat durchaus einen planerischen Hintergrund, etwa, wenn alte Industriegelände, wie der Südpark in Berlin, der Natur überlassen werden. Aber, und damit endet das Buch: “Spontane Vegetation in einer ungepflegten Umgebung wirkt für den unvoreingenommenen Beobachter wenig attraktiv. Es kommt daher auf die gezielte Einbindung, die richtige Inszenierung an, ob diese Dinge auch eine Wirkung entfalten.” Besser kann man es nicht sagen.


Genre: Garten, Gartendesign
Illustrated by Verlag Eugen Ulmer

Neulich im Beet: Alles dauert ewig, und die Hälfte misslingt. Aber es gibt nichts Schöneres als Gärtnern

Zu jedem der 26 Kapitel gibt es ein passendes Bild, gemalt von Monika Dietrich-Bartkiewiecz, der Klappentext berichtet, dass sie eine naturverbundene Architektin sei. Die kleinen Bilder sind großflächig angelegt, mit auffallenden Farben und sehr stimmig, obwohl sie gar nicht vorhaben, naturgetreu zu sein.

Kennengelernt habe ich die Artikel aus der ZEIT, wo die beiden eine Kolumne füllen, die ich mit Vergnügen lese. Das Vergnügen nahm beim Buch noch zu, sind die Texte doch länger und können deshalb auch Hintergründe und Zusammenhänge aufzeigen.

Frau Flamm hat als Berlinerin in der Uckermark für die fünfköpfige Familie ein altes Haus mit viel Land gekauft und lässt uns teilhaben an den Freuden, aber auch ihren Leiden als Anfängerin.
Schon im Vorwort werden wir vorbereitet: Ein Garten ist kein Balkon (wo es reicht, Pflanzen zu kaufen und dann zu gießen) es wird viel gestorben, ein Baum kann von einer Krankheit „hingerafft“ werden. “Und dann fängt man wieder von vorne an.” Aber: “Und aus der Erkenntnis, dass man die Dinge hier nicht vollständig im Griff haben muss, weil man sie gar nicht vollständig im Griff haben kann, erwächst eine große Freiheit und ein großes Glück.”

Da ist die Bestandsaufnahme in einem Garten, in dem die Vorbesitzer immer die Weihnachtsbäume ausgepflanzt hatten, nun ist der Boden sauer und nicht alle Pflanzen mögen das. Überhaupt die Erde: die Uckermark ist nicht sehr fruchtbar, also bestellt sie eine Wagenladung (5,2 t!) Dünger, der aber noch nicht verrottet ist und nun mühselig verteilt wird. Der angelegte Komposthaufen trägt, fast aus Versehen, riesige Kürbisse, die sich in der Nachbarschaft herumsprechen und großzügig verteilt werden. Auch das ein Schritt, dass die Nachbarn nicht mehr von den Berliner Buletten sprechen, sondern sie wie Nachbarn behandeln.

Nutzgarten oder Ziergarten? Frau Flamm versucht beides und weiß viel zu berichten. Tomaten können mit Basilikum zusammen gepflanzt werden, sie sind beide Pegeltrinker, Letzteres mag Kaffeesatz als Dünger, Borretsch ist nicht nur bitter, auch giftig, und man sollte Kindern erlauben, es wieder auszuspucken, wenn es nicht schmeckt. Sie schreibt, wie ich es mag, von ihren Erfahrungen, wo das Schwarze unter den Fingernägeln noch durchschimmert und uns noch ahnen lassen, wie Gartenarbeit sich anfühlt.

Für mich als Ziergärtnerin hätte es mehr zu Blumen sein können. Aber, was bilde ich mir da ein, mich als “Gärtnerin” zu bezeichnen? Als Frau Flamm das tat, hat eine Profigärtnerin sich das verbeten, wir seien “Menschen, die sich im Garten aufhalten”. MDSIGA macht sie daraus, weil das Schaffen langer Abkürzungen so in Mode ist.

Mir ist bei manchen Artikeln aufgefallen, dass ich mein Buch vor zehn Jahren schrieb, und ich lasse mich gern auf den aktuellen Stand bringen, etwa bei Rosen, wo wir nun die nicht-gefüllten bevorzugen, weil sie bienenfreundlicher sind.

Oder die Diskussion mit dem selbsternannten Naturgärtner, der sie überreden will, einen Garten ganz ohne Dünger zu entwickeln. Er ist, übrigens, auch ein MDSIGA, der sein Geld als Banker in Frankfurt verdient. Und ganz zum Schluss kommen die Schottergärten. Ich fühle mich als Gartenoma nicht nur gut informiert über das Gärtnern heutzutage, vor allem auch gut unterhalten.


Genre: Garten, Natur
Illustrated by Knaur München

Manifesto. Warum ich niemals aufgebe.

Bernhardine Evaristo hat 60 Jahre an sich gearbeitet, um eine erfolgreiche Autorin zu werden. Zuvor hatte ich das Buch Mädchen, Frau, etc. gelesen, das 2019 den Booker Preis gewonnen hat. Ihren Weg beschreibt sie ehrlich und mit Humor. Sie nennt ihre Selbstreflexionen „ein Memoir und eine Meditation.“

Das Buch ist in sechs Kapitel eingeteilt, deren Zahl in allen Sprachen angegeben werden, die mit ihrer Herkunft zu tun haben. Dazu mehr am Schluss, wenn es um die Übersetzung geht. Für dieses Manifest, es werden anderthalb Seiten am Ende des Buches, hat sie viel recherchiert, angefangen mit ihren Vorfahren: Die Mutter war der Stolz der Familie, die erste Akademikerin, mit englischen, irischen und auch deutschen Wurzeln. Und so wird es für die Großmutter eine Enttäuschung, als sie ihre Liebe, einen nigerianischen Einwanderer, heiratet. Bernhardine wird das vierte von acht Kindern.

Die Nachbarn im armen Süden Londons werfen Scheiben ein, oder legen tote Ratten vor die Tür. Der Vater, sie nennt ihn Yorubakrieger, geht dagegen vor, verklagt Angreifer, als Betriebsrat tritt er auch für Gerechtigkeit Anderer ein. Zu Hause ist er sehr streng, die Wärme und Geborgenheit, die die Mutter schafft, wird durch seine Anwesenheit nur gestört.  Die Mutter ist streng katholisch, Bernhardine beobachtet schon als Kind, wie Priester von der Gemeinde, die Mutter einbegriffen, verherrlicht werden, obwohl sie von denen als „Schokos“ abgewertet werden.

Sie beschreibt sich selbst als Schulkind, erst in einer katholischen Grundschule, kommentiert Zeugnisse, die ihr ausgestellt wurden. In der Mittelschule lernt sie noch Handarbeiten und ist stolz, darin nie gut gewesen zu sein. Als Schwester hat sie die jüngere, mit der sie das Zimmer teilte, dominiert. Als Teenager wollte sie so schnell wie möglich die Familie verlassen. Sie taucht in das aufregende Leben in London ein, das Anderssein wird ihre Rolle.

Sie sucht Beziehungen zu anderen Frauen, sie nennt es ihr „lesbisches Zeitalter“, macht One-Night-Stands, bis sie dauerhafte Beziehungen sucht und findet. Später beschreibt sie, wie sie unter DDD, das steht für die durchgeknallte Domina, leidet. Hier macht es Spaß, die Vorbilder für den Roman zu erkennen.

Sie verbringt viel Zeit in Theatergruppen, initiiert solche, später konzentriert sie sich auf das Schreiben, über Jahre nimmt sie Kurse, Lyrik wird ihr Ding und sie gründet Gruppierungen, mit denen der Nachwuchs gefördert wird, zunehmend für People of Color.

In Kapitel fünf: Lyrik, Roman, Versroman, Fusion Fiction sehen wir, wie sie systematisch die Entwicklung ihrer Stärken betrieben hat, wie sie nach Scheitern immer weiterarbeitet, manches fünfmal umschrieb, bis es zu dem wurde, was sie vorhatte. „Wer Geschichten erzählt, muss alle inneren und äußeren Hürden überwinden und der Hingabe an Ehrgeiz, harte Arbeit, Handwerk, Originalität und Unaufhaltsamkeit immer den Vorrang geben.“

Besonders originell fand ich die Phase, als sie ihr lesbisches Zeitalter beenden wollte, und detailliert beschreibt, was sie am Outfit ändern musste, um auf Männer zu wirken. Es half: Seit einigen Jahren lebt sie mit David, dem Großen, zusammen, wie er in der Danksagung genannt wird.

Ein wichtiger Aspekt ist ihr der Platz, den wir in der Ahnenreihe einnehmen. So endet das Manifest mit folgenden Absätzen:

„Was wir wissen, müssen wir an die nächste Generation weitergeben und denen, die uns helfen, müssen wir unseren Dank aussprechen — kein Mensch kommt je allein ans Ziel.

Und hinter uns schwanken schweigend die Ahnen, die toten ‚Seelen der Verblichenen, die der Grund dafür sind, dass es uns gibt — an sie müssen wir immer denken.“

Sie tut es auch, in dem jedes Kapitel in allen Sprachen nummeriert wird, die von ihren Ahnen gesprochen worden waren. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen. Die Übersetzung war stimmig. Leider hat die Übersetzerin in der deutschen Fassung die Nummerierungen in Deutsch weggelassen. Ob das im Sinne von Bernhardine ist?


Genre: Gesellschaft, Multikulti, Rassismus
Illustrated by Tropen Verlag

Der geschenkte Gaul: Bericht aus einem Leben

Hildegard Knef hatte mit Ende vierzig ihren „Bericht aus einem Leben“ herausgegeben. Dass ich ihn fünfzig Jahre später lesen wollte, liegt an Angela Merkels Wunsch, sich vom Bundeswehrorchester zum Abschied das Lied Für mich soll’s rote Rosen regnen, als Ständchen darbieten zu lassen. Ihre Lieder hatten mir schon lange gefallen, vor allem Von nun an ging’s bergab, nun weiß ich, dass es eine, in ihrem kodderigen Stil gefasste, Kurzbiografie darstellt …

Das Buch überrascht, es ist ein Stilmix, von ihrer Jugendzeit sind es lebhafte Erzählungen, später werden es Tagebuchnotizen, manchmal sind Briefe eingestreut, die Jahrzehnte später verfasst sind, alles ist prall gefüllt mit ihren Erlebnissen, geprägt von ihrer Neugier und Lust auf das Leben.

Als Kleinkind zieht ihre Familie Mitte der Zwanziger nach Berlin, kurze Zeit später stirbt der Vater, die Mutter muss Geld verdienen und so kommt sie zu den Großeltern. Am liebsten ist sie mit dem Opa in Zossen, in einer Laube, wo sie sich frei entfalten konnte. Das erste Kapitel heißt „Liebeserklärung an meinen Großvater.“ Die Oma hatte Angst vorm jähzornigen Ehemann, ihr konnte er gar nichts. Später, als ihr erster Ehemann auch zu Jähzorn neigt, ist es ihr auch kein Problem.

Die Mutter heiratet einen Schuhmacher, dessen Geschäft am S-Bahnhof Wilmersdorf (heute Bundesplatz) liegt, und sie berichtet von seinen Versuchen, den Blockwart auszutricksen, wenn er seinen Laden mit der Nazifahne schmücken soll. Zwei Lehrerinnen langweilen sie mit dem Schwärmen von Führer und Vaterland, manche schikanieren sie. Das erschwert die Berufswahl, es gelingt ihr, in einen Zeichenkurs bei der Ufa zu kommen. Sie will mehr, glaubt an sich, und sie schafft es, als Schauspielerin vorzusprechen. Ihr Motto ist, ganz berlinerisch: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr.

Der Krieg beginnt, die ersten Freunde werden Soldaten, dann fallen die Bomben, sie verbringt Abende in Bunkern und sieht, wie Stück für Stück das Viertel zerstört wird. Die Straßennamen aller ihrer Wohnungen sind ausgeschrieben, die meiste Zeit wohnte sie ganz in der Nähe meines Wohnorts, was meine Aufmerksamkeit erhöhte. Die Mutter ist mit dem kleinen Bruder evakuiert, sie lebt mit dem schwindsüchtigen Stiefvater zusammen, als die Wohnung teils zerbombt ist, kommt die Kapitulation.

Als Freund bei Kriegsende hatte sie einen führenden Parteigenossen, dessen Namen sie nur als Initiale, aber mit Adelstitel verrät. Sie schließt sich ihm zur Verteidigung der Stadt an, sie wollten, an der S-Bahn entlang, Richtung Westkreuz kämpfen und müssen aufgeben, kommen beide in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Alle diese Begegnungen sind ohne Wehklagen geschrieben, nach vorne wird geguckt. An ihn, E.v.D. denkt sie oft, einmal schreibt sie von den Flitterwochen am Kriegsende.

Weiter geht es, als die Alliierten das Sagen haben, als die Amis Häuser besetzen in Zehlendorf und die Briten in Wilmersdorf. Inzwischen ist sie Anfang zwanzig, Schauspielerin: Sie macht mit beim ersten Film nach Kriegsende: Die Mörder sind unter Uns, aber lieber noch spielt sie Theater mit Borislaw Barlog.

Manchmal gibt es tagelang nichts zu essen, die Ruhr grassiert, aber das hält sie nicht auf. Ein Ami macht ihr den Hof. Dazu, ganz trocken: „Kurt Hirsch, wurde später der Assistent von Erich Pommer, noch später mein Angetrauter und wesentlich später ein von mir Geschiedener.“

Bei den Amerikanern in Zehlendorf wird sie entnazifiziert, mit Hirsch sieht sie bei den Sowjets einen Film über Auschwitz und beginnt zu begreifen. Seine Eltern sind Juden und werden nie verstehen, wie ihr Sohn eine Deutsche heiraten konnte.

Die ersten Jahre nach Kriegsende sind bewegt, sie lernt Englisch und französisch. Der Film Die Sünderin wird zu einem Skandal, umso mehr zieht es sie nach Hollywood, sie kann als Deutsche keine Verträge abschließen, mit Ihrem Mann wandert sie aus und filmt in den USA, lebt in Hollywood, das in der Zeit von McCarthy als linksversifft bekämpft wird.

Ihre Beobachtungen sind genau, fast wie ethnologische Studien, wenn sie über Sitten, etwa Grill- und andere Partys, schreibt. Sie beschreibt die Dichte von Therapeuten in Hollywood, besonders amüsant wird es, wenn sie von Vertreterinnen der Frauenorganisationen ob ihrer Moralvorstellungen verhört wird. Natürlich trifft sie viele Prominente, schon in Berlin war es so, sie begegnet Rock Hudson, übrigens hat er dieselbe Sprachlehrerin wie sie, Henry Miller, Cole Porter ist Komponist ihrer Broadway-Show. Es bleibt nicht beim name dropping, sie freundet sich mit manchen an, mit Marcuse, vor allem mit Marlene Dietrich, die sie fast ein bisschen bemuttert, ihr ihren Astrologen empfiehlt, und sie mit Rat und Tat unterstützt.

Eingestreut sind interessante Überlegungen, warum gibt es im Englischen kein „Sie“? Wie ist das Bild der Deutschen im Ausland, wie denken die vielen Emigranten, denen sie immer begegnet? Sie ist die „Kraut“ und wird bei Interviews nicht dazu befragt, wie ihr Schauspiel ist, sondern, ob sie Nazi war.

Später geht sie dazu über, Tagebucheintragungen zu verwenden. Es gibt Erfolge, aber auch Enttäuschungen in New York, Rückkehr nach Deutschland, Ärger mit Produzenten, Me too-Erlebnisse. Eine lange Aufzählung ist den Anfeindungen gewidmet, die sie, lange vor den Zeiten, des Shitstorms erfährt. Und dann Aufzählungen der vielen Krankheiten, die sie durchlitt.

Zum Schluss kommen Berichte ihres Glückes nach der Geburt ihrer Tochter Tinta, und dem Leben mit deren Vater.

Ich las die Erzählungen in ganzen Sätzen, gerne im feuilletonistischen Stil der Theaterkritiker ihrer Zeit, sehr gerne. Das Lesen der Satzbrocken wurde anstrengend. Ob ein Redigieren es verbessert hätte? Oder ist es gerade ihr Stil, frisch und frei „von der Leber weg“ zu schreiben? Jedenfalls konnte ich ihre ersten drei Jahrzehnte mit mehr Aufmerksamkeit, ja Anteilnahme lesen. Schon die vielen zeithistorischen Hinweise lohnen die Lektüre, sie wusste eben, wieder ganz berlinerisch: „Wer angibt, hat mehr vom Leben.“


Genre: Biografien, Theater
Illustrated by Ullstein

Gärten des Jahres 2022: Die 50 schönsten Privatgärten

Gespannt war ich auf den Beitrag von Dieter Kosslick, dass er Gärten liebt, wusste ich. Ein wenig enttäuscht war ich, dass es nur eine Art Vorwort war. Geschrieben während des Wahlkampfes 2021, er erinnert daran, wie Kanzlerin Merkel eine Offensive für ökologischen Landbau ausrief und, verständlicherweise, die amtierende Landwirtschaftsministerin nicht dabeihaben wollte, oder wie Herr Lindner noch glaubte, den Profis die Klimakrise überlassen zu können.

Aber er holt weiter aus, kritisiert den Bau des Humboldtforums; wie viel schöne Gärten hätte man für die Milliarde Euro bauen können, statt „einem monumentalen post barocken Betonklotz mit einer 200 m langen, nachgemachten Preussen-Fassade.“

Man sollte sich auch einen Prinzessinnengarten leisten, womit er auf das urban gardening Projekt in Kreuzberg hinweist.

Und von seiner eigenen Gartenbegeisterung berichtet er, wie er zum Foerster Schüler wurde, noch Marianne, die Tochter, kannte und sich für sein eigenes Haus im Norden (mit Reetdach!) Foerster Stauden kaufte. Das alles geschrieben während des vierten Lockdowns, wo der Drang nach draußen, ins Freie, allen spürbar war.

Anekdoten gibt es auch: auf einer Wiese neben seinem Haus blühen immer Bänder von Narzissen, die aber Leerstellen zwischen sich hatten: Die Nachbarn berichteten, dass der Vorbesitzer ein strammer Nazi gewesen war, der ein Hakenkreuz in 10 x 10 m Größe aus Narzissen gepflanzt hatte. Spätere Versuche, dies unkenntlich zu machen, scheiterten an der Vermehrungsfreude der Narzissenzwiebeln.

Oder er weiß, dass Melania Trump den Stauden- und Nutzgarten von Michelle Obama in einen Rosengarten mit Steinplatten und Rasen verändert hatte. 75 000 Menschen hätten schon eine Petition unterschrieben, um nun dies wieder zu ändern.

Gärten sind also wie „die Menschen ticken“, wer will heute noch einen Barockgarten? Dazu kennt er auch einen Film, „Der Kontrakt des Zeichners“ wo ein solcher in einen englischen Landschaftsgarten verwandelt wird. Es haben sich „die Herrschaftsverhältnisse…umgekehrt, die Verschwörung der Frauen hat die patriarchalische Ordnung unterwandert.“

Damit leitet er zum Buch: Was für Gärten wollen die Menschen heute? Ein Paradies in Zeiten von Corona, mit Homeoffice, aber in der Klimakrise? Oder, wie die „Gartenfighter“ wünschen, aufgerüstete Gartenfuhrparks, mit ohrenbetäubenden „Kanonen“, die Laub aus den Ecken blasen?

Es folgt ist ein Katalog, größer als DIN A4, in dem die 50 schönsten Privatgärten im deutschsprachigen Raum vorgestellt werden, mit wunderschönen Fotos. Es gibt den ersten Preis, sechs „Anerkennungen“ der Rest sind Projekte. Die ersten erhalten eine Laudatio, dazu jeweils Bericht der Schöpfer dieser Planungen.

Natürlich mit den Namen der Planenden, Ausführenden und Fotografierenden, es überwiegen Männer.

Schon die Laudatoren sind interessant, es wird auf die unterschiedlichen Standorte hingewiesen. Man will nun mehr als Stauden oder Zwiebelpflanzen, Gehölze, gerne Bäume und wenigstens Sträucher. Sie sollen robust sein, Trockenheit ertragen, in Nürnberg wird auf den Dächern alter Stadthäuser ein Gewächshaus für urban gardening angelegt, in Absprache mit dem Denkmalschutz.

Dann gibt es ein Gärtnerpaar, das dem eigenen Garten beim Entwickeln zuguckt, und mal dies und mal das ausprobiert.

Am besten gefiel mir, „Das gepflanzte Märchen“ mit Stauden und Gräsern, „die sich dennoch dynamisch und stellenweise naturnah entwickeln dürfen.“ (Aus der Laudatio) Und das Märchen passt in einen Handtuchgarten!

Ein anderer „Garten besticht durch seine Einfachheit. Es wurde bewusst auf zusätzliche Gartenaccessoires wie Gartenküche, Pool, Gartensauna oder eine Garten-Lounge verzichtet.“

Danach kommen „Lösungen“, wo genau diese von den Herstellern angeboten werden. Pools, Gartenküchen, aber auch ein aufstellbares Homeoffice.

Zeit zum Unken, mit einem Realitätscheck: In Berlin bereitet der Senat das Wassermanagement zum Einsparen von Trinkwasser vor, vor allem im Garten reichen Südwesten ist der Wasserverbrauch zu hoch, um von den Wasserwerken beliefert zu werden (Tagesspiegel, 6.4. und 10.4.22).

Anfangs fand ich den Preis von fast sechzig Euro unangemessen. Wer das in der Coronakrise gesparte Geld im eigenen Paradies anlegen will, bekommt wichtige Hinweise. Auf dem Weg dahin kann man angesichts der schönen Bilder schon mal träumen …


Genre: Garten, Gartendesign, Gartengestaltung
Illustrated by Callwey

Das Recht auf Sex: Feminismus im 21. Jahrhundert

Das Buch Das Recht auf Sex: Feminismus im 21. Jahrhundert besteht aus sechs Essays, die unabhängig und zu verschiedenen Zeitpunkten geschrieben wurden. Die Autorin wurde in den USA und den UK zur Philosophin ausgebildet und lehrt soziale und politische Theorie am Chichele Institut für Völkerrecht in Oxford, als erste nicht-weiße Professorin.

Das Buch basiert auf breitem Wissen gerade der feministischen Philosophinnen; die kleingedruckten „Anmerkungen“ umfassen über 50 Seiten und sind teils so lesenswert, wie die Essays selbst. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem anglo-sächsischen Schriftgut zu Sexualität, Feminismus und Gender.

Was sind Rechte, was sind Normen, und wie verändern sie sich in den letzten sechzig Jahren, seit Debatten über Feminismus und zur sexuellen Revolution öffentlich geführt wurden? In der Einleitung heißt es: “Was wäre zu tun, damit Sex frei ist? Wir wissen es noch nicht, aber versuchen, es herauszufinden.“

Im letzten Kapitel wird es utopisch, aber erst einmal viel Dystopisches: Im ersten Kapitel werden die ersten, teil hilflosen, Versuche beschrieben, mit Rechtsmitteln übergriffige Männer zu zügeln, und wie Männer darauf reagieren. In „Gespräche mit Studierenden über Pornografie“ wird das Schriftgut gerade der Feministinnen darüber dargestellt, es gibt „Porn Wars“, „Pro Porno Feministinnen“. „Für die Studentinnen und Studenten ist Sex das, was die Pornoindustrie als Sex definiert.“

Alles geht von Männern aus, Frauen sind untergeordnet, die Darstellerinnen entweder pubertierende oder milfs (mother I’d like to fuck), und zum Abschluss braucht es einen Ejakulationsschwall.

In allen Kapiteln werden Unterschiede nicht nur der Geschlechter, auch von Rasse und Klasse beschrieben, immer wird der in westlichen Ländern propagierte Feminismus der weißen Akademikerinnen mit den Formen und Aktionen der Frauen in armen Ländern kontrastiert. Wenn es in der Entwicklungshilfe Trend ist, Frauen kleine Kredite zu gewähren, weist sie darauf hin, dass es Aufgabe der Staaten ist, Wasser, Land und Nahrung sicherzustellen.

Im letzten Kapitel Sex, Karzeralismus, Kapitalismus wird Karzeralismus beschrieben als Rechtssystem, in dem Menschen eingesperrt werden, die nicht im Mainstream stehen, und das betrifft in den USA zunehmend auch Frauen: „In den USA, wo 30 % der weltweit inhaftierten Frauen leben (zum Vergleich: In China sind es 15 %, in Russland 7,5 %) ist die Inhaftierungsrate von Frauen doppelt so schnell gestiegen, wie die von Männern.“ Ausführlich geht es um die für Frauen meist die Situation verschlechternden Maßnahmen gegen die Prostitution, oft gefordert vom „karzeralen Feminismus.“ Nur in Neuseeland und in einer australischen Region, wo Zwangsmaßnahmen aufgehoben wurden, hat sich die Lage der Frauen verbessert. Das erfahren wir, übrigens, in einer Fußnote.

Dann knüpft die Autorin am Marxismus an, fragt: „Kann sich die Arbeiterbewegung leisten, nicht antirassistisch zu sein?“ und wünscht sich post-kapitalistische Lösungen auch der Frauenfrage.

Am spannendsten fand ich den fünften, und eher kurzen, Essay: „Warum wir nicht mit unseren Studierenden schlafen sollten“ und möchte ihn beispielhaft vorstellen:

Eine erste Fassung hatte sie geschrieben, nachdem 2010 „ihre“ Universität Yale ein generelles Verbot von „Beziehungen zwischen Fakultätsmitgliedern und nicht Graduierten“ beschlossen hatte. Andere Uni folgten und das University College London 2020 als 3. britische Uni.

Die Frage wird breit diskutiert, wie sich sexuelle Beziehungen entwickeln können, wenn zwischen den Partnern ein Machtgefälle existiert, und verschiedene Sichtweisen beschrieben, auch die von Feministinnen. Srinivasan zitiert mit Jane Gallop eine Autorin, die Freuds Konzept der Übertragung bei Beziehungen zwischen Patient und Therapeut für die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden, also für den pädagogischen Bereich übernimmt.

Ja, es lernt und lehrt sich besser, wenn die Beziehung stimmt. Aber die Lehrenden müssen wissen, dass sich ein entstehendes Begehren der Lernenden nicht auf sie als Person richtet, sondern auf das, was sie repräsentieren. Die Projektion muss auf: „Wissen, Wahrheit, Verstehen“ gelenkt werden.

Es gibt eine Fülle von genauen Beschreibungen, wie mit diesen Konflikten umgegangen wurde, bei den Beispielen der Autorin sind es eher Frauen, die als Dozentinnen „bestraft“ wurden, als Männer. Es wird gefordert, Lehrende auf die Bedeutung ihrer und der Körperlichkeit der Studierenden beim Vermitteln der Lehre hinzuweisen, manche fordern gar Vorbereitungskurse, um deren Wirksamkeit besser wahrzunehmen und, dessen bewusst, sich besser zu steuern.

Mir gefiel bei der Lektüre, wie die Autorin neben Zitaten von Philosoph:innen auch Ich-Botschaften einfügt, auch hier in diesem Kapitel. So möchte ich mit einer solchen enden:

Als berentete Professorin bin ich einerseits froh, dass Deutschland nicht vorangegangen war mit Versuchen, Beziehungen zu verrechtlichen, die sind doch oft gescheitert. Die Vorstellung, allerdings, in meiner Universitätszeit in den Nullerjahren, wären wir Profs zu solchen, natürlich koedukativen, Kursen geladen worden, bringt mich zu einem verschmitzten Schmunzeln …

Das Buch bringt viele Denkanstöße, auch in unerwartete Richtungen.


Genre: Frauen, Gender, Soziologie
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart