Können Sie mich sehen?

Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“ möchte an jene Disziplin anschließen, in der sein Autor lange nahezu konkurrenzlos war: die kunstvolle Kleinform der satirischen Büroprosa. Wieder geht es um das Personal der gehobenen Arbeitswelt — um CEOs, Bereichsleiter, Aufsteiger, Statusgläubige und jene mittlere Managementkaste, die sich mit bewundernswerter Verbissenheit für unentbehrlich hält. Das Milieu ist Suter nach wie vor vertraut. Nur: Vertrautheit allein ist noch keine literarische Frische.

Der Band versammelt Miniaturen aus der Welt der Arbeitsrituale, Hierarchiegesten und sprachlichen Selbstveredelungen. Homeoffice, Maskenzeit, Selbstoptimierung, Anglizismen, Karrierepose und soziale Verkrampfung bilden das Material. Man erkennt sofort den alten Suter: den genauen Beobachter jener Menschen, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Rollen eingerichtet haben, deren Lächerlichkeit sie selbst nicht bemerken. Auch diesmal verfügt er über das feine Ohr für das Idiom des Managements, für die hohle Eleganz seiner Floskeln, für den Hochglanzton einer Welt, die jeden simplen Vorgang mit Wichtigkeit auflädt.

Und doch bleibt die Lektüre merkwürdig unerquicklich. Denn was früher leicht, präzise und böse wirkte, erscheint hier oft wie die routinierte Wiederholung einer bewährten Methode. Viele Texte folgen demselben Bewegungsmuster: Ein Funktionsträger nimmt eine neue Verhaltensregel, ein modernes Führungsritual oder eine sprachliche Mode todernst; daraus entsteht eine kleine Schieflage, am Ende eine kalkulierte Bloßstellung. Das ist handwerklich sauber, aber selten überraschend. Die Pointen kommen zuverlässig, nur treffen sie zu oft ins Leere.

Gerade dort, wo das Buch besonders gegenwartsnah sein will, zeigt sich seine Schwäche. Die Texte über Homeoffice, Distanzregeln, Masken, digitale Sichtbarkeit und neue Coolness-Gebote besitzen zwar Wiedererkennungswert, aber nur selten Verwandlungskraft. Suter registriert Verhaltensformen; er hebt sie jedoch nicht immer auf jene Ebene, auf der aus Beobachtung Literatur wird. Vieles bleibt Skizze, manches bloß Einfall. Das Komische erschöpft sich dann im Achselzucken über bekannte Büroabsurditäten, wo man sich eigentlich Schärfe, Fallhöhe oder wenigstens einen wirklich treffsicheren Stich wünschen würde.

Hinzu kommt, dass die Figuren oft nicht mehr als Träger einer Pointe sind. Sie haben Namen, Statussymbole, Marotten und sorgfältig lackierte Oberflächen, aber nur selten innere Kontur. Dadurch verflüchtigt sich auch die Satire: Was nicht mehr als Figur glaubhaft wird, kann schwerlich als gesellschaftlicher Typus nachhallen. Die Welt der Business Class erscheint hier weniger als scharf gezeichnetes System denn als Ansammlung von Schablonen, die in immer neuen Variationen dasselbe Personal vorführen.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Suter sein Handwerk unverkennbar beherrscht. Seine Sätze sind geschmeidig, sein Timing ist intakt, sein Blick für die Eitelkeiten des gehobenen Erwerbslebens keineswegs erloschen. Man spürt immer wieder, dass er Witz, Rhythmus und Beobachtungsgabe nach wie vor besitzt. Aber gerade deshalb enttäuscht dieses Buch: Nicht weil es völlig misslungen wäre, sondern weil es so deutlich unter dem Niveau seiner Möglichkeiten bleibt.

„Können Sie mich sehen?“ hinterlässt am Ende den Eindruck eines Buches, das auf den Glanz einer alten Form vertraut, ohne ihr noch einmal neue Spannung zu geben. Es ist elegant geschrieben, gewandt gebaut und in Momenten durchaus amüsant — aber zu oft auch mechanisch, vorhersehbar und seltsam aus der Zeit gefallen. Die Welt, die es verspottet, ist voller Aufsteigerphantasien; literarisch jedoch steigt dieser Band nicht auf, sondern sinkt eher eine Klasse tiefer.


Genre: Erzählungen, Kolumnen, Miniaturen
Illustrated by Diogenes

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose

Winfried Ripp erzählt in Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose die Geschichte einer Institution, die im Berlin des Kaiserreichs für ein anderes Verständnis von Fürsorge stand. Sein Gegenstand ist der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein, der wohnungs- und obdachlosen Menschen Schutz bot, ohne sie zu registrieren, zu moralisieren oder zur Arbeit zu zwingen. Das Buch verfolgt die Entwicklung dieses Vereins von den sozialen Ursachen der Obdachlosigkeit über Gründung, Ausbau und Alltag der Asyle bis zu den Kampagnen seiner Gegner, vor allem Friedrich von Bodelschwinghs, und zum späteren Niedergang des Projekts.

 

Ripp schreibt keine bloße Vereinschronik, sondern eine Sozialgeschichte der Ausgrenzung – und der Gegenwehr. Die Stärke seiner Studie liegt in ihrer Klarheit des Gegenstands und in ihrer archivalischen Dichte. Der Autor stützt sich auf Vereinsbestände, staatliche Archive, Materialien aus Bethel sowie auf zeitgenössische Fach- und Tagespresse; ausführliche Originalzitate setzt er bewusst ein, um Denkweisen und Interessenlagen sichtbar zu machen. Das verleiht dem Band ein hohes Maß an Anschaulichkeit.

 

Man liest hier nicht nur von Institutionen, sondern von konkurrierenden Menschenbildern: auf der einen Seite ein Verständnis von Hilfe, das Obdachlose als Menschen in Not begreift, auf der anderen ein System der Kontrolle, Disziplinierung und moralischen Prüfung. Gerade in dieser Zuspitzung wird deutlich, warum das Buch über sein historisches Thema hinausweist.

 

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Ripp die Prinzipien des Asyl-Vereins konkret werden lässt. Dessen Kern war die Wahrung der Anonymität: keine namentliche Erfassung, keine Polizeikontrollen, kein Auftreten als Richter über „Schuld“ und „Unschuld“. Hilfe sollte schnell, unbürokratisch und würdeschonend erfolgen.

 

Dass dies nicht nur ein humanitärer Anspruch blieb, zeigt Ripp am Beispiel der „Wiesenburg“, die er als baulich, hygienisch und organisatorisch überlegenes Gegenmodell zum städtischen Obdach „Palme“ beschreibt: hellere und sauberere Räume, bessere Betten, geordnetere Verpflegung, insgesamt ein weniger entwürdigendes Umfeld.

 

Gerade hier gewinnt das Buch seine größte Überzeugungskraft, weil es zeigt, dass Sozialpolitik sich auch in Architektur, Hausordnung und Alltagsdetails entscheidet. Zwar dient Ripps große Materialtreue nicht immer der Eleganz der Darstellung, doch die Fülle der Quellen macht den Band autoritativ. In seinen Darlegungen lässt der Autor seine Sympathie für den Asyl-Verein und seine Distanz zu Bodelschwinghs Modell sehr deutlich erkennen. Das ist sachlich oft gut begründet, gelegentlich aber stärker engagiert als analytisch austariert.

 

Gerade darin liegt jedoch auch der Nutzen des Buches. Der Autor macht sichtbar, dass die Geschichte der Obdachlosigkeit keine Randnotiz urbaner Elendsgeschichte ist, sondern ein Prüfstein moderner Gesellschaften: Wie wird geholfen, unter welchen Bedingungen – und mit welchem Bild vom Menschen? Der umfangreiche Anhang mit Nutzungszahlen, Zeittafel, Quellen, Literatur und Personenregister unterstreicht zudem den dokumentarischen Wert der Arbeit.

 

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist ein materialreiches, verdienstvolles und in seiner Tendenz bewusst streitbares Buch, das historische Forschung, Berliner Stadtgeschichte und aktuelle Debatten über Wohnungslosigkeit produktiv miteinander verbindet.

 


Genre: Berliner Geschichte, Sachbuch, Sozialgeschichte
Illustrated by Metropol

Der alte Zausel oder Was ist Wahrheit?

Es gehört zu den bittersten Erfahrungen eines Lebens, irgendwann erkennen zu müssen, die falschen Menschen für die richtigen gehalten zu haben – und zugleich zu begreifen, wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Noch bitterer wird diese Einsicht, wenn die Hoffnung dennoch nicht stirbt, die Schere zwischen beiden könne sich eines Tages wieder schließen. In dieser Spannung bewegt sich das Leben des 1940 geborenen Ludwig Zaumseil, dessen Biografie Ulrich Völkel in seinem Roman „Der alte Zausel“ mosaikartig und eindringlich erzählt.

Völkel schildert die Entwicklung eines ehrgeizigen jungen Mannes, der von der sozialistischen Idee überzeugt ist und seine Begabung in den Dienst des neuen Staates stellt. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften geht Zaumseil nach Rügen, in die „weiße Stadt am Meer“, wo er zum jüngsten Chefdramaturgen der DDR aufsteigt. Seine Karriere verläuft zunächst steil: Auszeichnungen, SED-Mitgliedschaft, Funktionärslaufbahn, Aussicht auf den Intendantenposten. Dazu kommen Privilegien, die in der DDR nicht selbstverständlich sind – eine begehrte Wohnung, direkte Zugänge zu politischen Entscheidungsträgern, gesellschaftliches Ansehen. Dass er sich zugleich als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit verdingen lässt und sogar einen systemkritischen Freund verrät, gehört zur dunklen Seite dieses Aufstiegs.

Gerade darin liegt eine Stärke des Romans: Völkel zeichnet keinen eindimensionalen Täter und keinen makellosen Helden, sondern eine widersprüchliche Figur, die sich in einem System bewegt, das Loyalität belohnt und Zweifel sanktioniert. Hinter der glatten Fassade des Parteigängers treten immer wieder menschliche Züge hervor. So hilft Zaumseil einem Ehepaar, dessen Sohn nach dem Mauerbau auf der Flucht nach Westberlin erschossen wurde, indem er heimlich Briefe an dessen schwangere Verlobte schreibt. Die Großmutter möchte ihren Enkel sehen – ein Wunsch, der an der hermetischen Grenze scheitert. Solche Szenen verleihen dem Roman emotionale Tiefe und zeigen, wie politische Systeme in das Intimste menschlicher Beziehungen eingreifen.

Zunehmend stößt Zaumseil auf Widersprüche zwischen dem moralischen Anspruch des Sozialismus und der gelebten Realität. Besonders prägnant ist eine Episode aus dem Umfeld der Volkskammerwahlen, bei denen er als Helfer eingesetzt wird und feststellen muss, dass die triumphalen Wahlergebnisse der SED teilweise manipuliert sind. Spätestens hier rückt die Frage nach subjektiver und objektiver Wahrheit ins Zentrum des Romans – und mit ihr die Frage, wie lange man an ein System glauben kann, dessen Praxis seine eigenen Ideale dementiert.

Auch auf ästhetisch-kulturpolitischer Ebene wird dieser Konflikt sichtbar. Zaumseil verliebt sich in die Enkelin eines Arbeiterschriftstellers, dessen Werke er an seinem Theater zeigen möchte. In den Gesprächen mit ihr schärft sich sein Blick für die Diskrepanz zwischen marxistisch-leninistischem Anspruch und realsozialistischer Wirklichkeit. Gerade am Theater – also dort, wo Sprache, Idee und gesellschaftliche Debatte aufeinandertreffen – erfährt er die Grenzen des Erlaubten. Eine von oben verordnete Kulturpolitik reglementiert die künstlerische Auseinandersetzung. Aus dem linientreuen Funktionär wird ein innerlich Zerrissener.

Als Zaumseil immer stärker in Konflikt mit den Machtstrukturen gerät, greift das System zu den bekannten Mitteln: Die Staatssicherheit lässt ihn unter dem Vorwand einer Erkrankung für drei Monate in die Psychiatrie einweisen. Dass ihn das engagierte Eingreifen der Theaterintendantin wieder in Freiheit bringt, ist nicht nur ein dramatischer Wendepunkt, sondern verweist auch auf die Gegenkräfte innerhalb des Systems – auf Mut, Integrität und Solidarität. Zaumseil übersteht diese Phase und erlebt schließlich in den späten 1980er Jahren die schrittweise Auflösung der DDR bis hin zur Grenzöffnung.

Wer sich für die Biografie eines DDR-Kulturschaffenden interessiert – und für die Widersprüche, in denen sich Intellektuelle in diesem Staat bewegten –, findet in Völkels Roman eine überzeugende Lektüre. Vieles deutet darauf hin, dass eigene Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen des Autors in die Gestaltung eingeflossen sind. Gerade dadurch gewinnt das Buch an Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit, ohne sich im Dokumentarischen zu erschöpfen.

Der Titel „Der alte Zausel“ wirkt auf den ersten Blick etwas unglücklich gewählt. Er geht auf einen neckisch-liebevollen Spitznamen zurück, den die Bühnenarbeiter des Theaters dem Protagonisten geben. Wer hinter dem Titel ein Alterswerk in staubigem Ton vermutet, wird jedoch schnell eines Besseren belehrt: Völkels Prosa ist lebendig, klar und nah an den Konflikten seiner Figur. Der Roman liest sich keineswegs wie eine rückwärtsgewandte Abrechnung, sondern wie eine bis heute aktuelle Auseinandersetzung mit der politischen und moralischen Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit.

„Der alte Zausel“ ist mehr als nur ein DDR-Roman. Ulrich Völkel gelingt ein facettenreiches Lebensbild, das von Anpassung und Verrat, von Hoffnung und Ernüchterung, von Macht und Gewissen erzählt. Gerade in dieser Ambivalenz liegt die literarische Qualität des Buches – und seine gegenwärtige Relevanz.


Genre: Gesellschaftsroman, Zeitgeschichte
Illustrated by Ultraviolett

Minnesota

Der norwegische Krimiautor Jo Nesbø, berühmt geworden mit seiner Reihe um den charismatischen Ermittler Harry Hole, wählt mit dem US-Bundesstaat Minnesota einen Schauplatz, der ausgerechnet in den Tagen der Buchpremiere traurige Berühmtheit erlangt. Nesbøs blutige Story spielt in Minneapolis, der an den Ufern des Mississippi River gelegenen Metropole, die schon vor dreißig Jahren wegen ihrer extremen Tötungsrate mit dem Beinamen „Murderpolis“ bedacht wurde.

Die brutale Tötung des schwarzen Jugendlichen George Floyd, der am 25.05.2020 von einem Polizisten zu Boden gedrückt und erstickt wurde, löste die Protestbewegung „Black Lives Matter“ aus. Und während ich Nesbøs Kriminalroman verschlinge, werden unbewaffnete Bürger von Trumps „ICE“ auf offener Straße getötet. Der norwegische Bestsellerautor hat offenbar einen sicheren Instinkt für Orte, an denen der Sensenmann regiert.

Mit Bob Oz führt Nesbø einen neuen Ermittler ein, der seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter nicht mehr er selbst ist. Seine Frau Alice hat ihn verlassen, Freunde haben sich zurückgezogen. Oz ist – wie Harry Hole – ein vom Leben hart gebeutelter einsamer Wolf mit Hang zu Frauen und Alkohol, dazu ein gestörtes Verhältnis zu Autorität und Vorgesetzten. In Minneapolis jagt der Detective einen raffinierten Mörder, der einen persönlichen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führt.

Der Roman beginnt als Protokoll eines Erzählers, der durch die Stadt streift, um die Geschichte eines länger zurückliegenden Mordfalls zu rekonstruieren. Mit diesem Kniff versteht es der Autor, die Leser in eine atmosphärisch dicht geschilderte Welt hineinzusaugen und die Spannung so beharrlich zu steigern, bis man nicht mehr aussteigen kann.

Nesbøs psychologisches Thema ist traumatische Einsamkeit. Ein solches Trauma entsteht, wenn man jemanden verliert, von dem man glaubte, sein ganzes Leben mit ihm verbringen zu können – eine feste Überzeugung, gespeist aus dem Leben, das man bis dahin geführt hat. Dieser Verlust reißt Wunden auf, und die Einsamkeit hält einen im Trauma gefangen. Nesbø spricht von „Verlassenheitswut“: ein Gefühl, das an ein früheres Trauma rührt und die Wut wieder zum Leben erweckt. Dann geschieht alles, was früher geschehen ist, noch einmal. Die ganze Last der Erfahrungen ist plötzlich wieder da – und die bis dahin festgefrorene Trauer explodiert in wütender Rache. Die dabei freigesetzte Gewalt ist oft extrem.

Oz scheint den Täter in seiner Gefühlsstruktur zu verstehen. Doch der ist ihm stets einen Schritt voraus, trickst Kameras aus, legt falsche Fährten, hinterlässt irreführende Spuren. Erst als bekannt wird, dass ein Anschlag auf den Bürgermeister geplant ist, fällt es Oz wie Schuppen von den Augen, wen er vermeintlich – und wen er tatsächlich – jagt.

Nesbø ist ein großartiger Kriminalroman gelungen: spannungsgetrieben, mit psychologischem Tiefgang, und zugleich beweglich genug, sich durch ein gesellschaftliches Szenario zu arbeiten, das sich aktuell chaotisch aufzulösen scheint. Der Meister des packenden Erzählens zeigt, dass es möglich ist, mit wenigen Federstrichen politische Entwicklungen anzudeuten – und sie im selben Moment zur Diskussion zu stellen.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Ullstein

Fehldiagnose: Psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen.

Mit seinem Standardwerk »Fehldiagnose psychosomatisch. Wenn Ärzte nicht weiter wissen« richtet sich der Berliner Heilpraktiker Reinhard Clemens an Menschen, die sich mit ihrer Krankengeschichte allein gelassen oder von der Medizin nicht wirklich gesehen fühlen. Zugleich versucht er, eine Brücke zu schlagen zwischen etablierter Schulmedizin und einer ganzheitlichen Sicht auf Krankheit und Heilung. Clemens’ Ausgangsthese: Wer nicht rasch in die gängigen Raster der schulmedizinischen Diagnostik passt – oder bei wem eine aufwendigere Abklärung nötig wäre –, erhält nicht selten die Verlegenheitsdiagnose »psychosomatisch« als ultima ratio im Rahmen routinierter ICD-10-Klassifikationen.

Die moderne Medizin, so der Autor, neige aufgrund ihrer zunehmenden Spezialisierung dazu, den Patienten »wie einen Flickenteppich aus Organen zu behandeln«. Als maßgeblicher Treiber erscheint ihm der Kostendruck: Er zwinge Ärztinnen und Ärzte in engen Zeitfenstern zu einer abrechenbaren Diagnose. Dass Hausärzten dafür – wie Clemens anmerkt – teils nur ein sehr geringes Laborbudget von rund vier Euro pro Patient und Quartal zur Verfügung steht, illustriert die strukturelle Enge, in der Diagnostik heute häufig stattfindet.

Dem setzt Clemens den ganzheitlichen Ansatz entgegen. Dieser könne die Versorgung verbessern, indem er das Risiko von Fehldiagnosen senke und die Chancen einer langfristigen Gesundung erhöhe. Zu einem solchen Umdenken gehöre, so Clemens, „die verstärkte Forschung in Bereichen wie Mikrobiom, Mitochondrien, Mikronährstoffen, Genetik und psychosozialen Faktoren“.

Statt sich an der Oberfläche der Symptome aufzuhalten, plädiert der Autor dafür, alle relevanten Facetten eines Krankheitsbildes zu ergründen, um eine tragfähige Diagnose und darauf aufbauend eine umfassende Therapie zu ermöglichen. Doch gerade eine ausführliche Anamnese und eine differenzierte Labordiagnostik seien unter dem enormen Zeit- und Kostendruck in vielen Praxen kaum realisierbar. Hinzu kommt: Spezialisierte Laboranalysen sind nicht selten nur für Selbstzahler zugänglich.

Den besonderen Wert des Buches bilden die zahlreichen Fallbeispiele und die gründliche Auseinandersetzung mit Beschwerden, die in der Schulmedizin mitunter nicht ernst genommen oder nicht konsequent genug hinterfragt werden. Clemens spannt dabei einen weiten Bogen – von stillen Entzündungsprozessen über Nahrungsunverträglichkeiten bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten.

Am Ende bietet der Autor eine kurze Checkliste, die dem Leser ein pragmatisches Instrument an die Hand gibt, um grob zwischen psychosomatischen und somatischen (also körperlich bedingten) Ursachen zu unterscheiden. Seine Stärke liegt dabei in der Fähigkeit, komplexe medizinische Zusammenhänge verständlich und zugänglich zu erläutern. Auch wenn ein – bei Sachbüchern dieser Art hilfreiches – Schlagwortverzeichnis fehlt, erhält der Leser insgesamt einen soliden, anregenden Einstieg in das Thema.


Genre: Medizin, Sachbuch Gesundheit
Illustrated by tredition

Beobachter

Zeus hält es einmal mehr für angebracht, in Menschengestalt auf der Erde aufzuschlagen, um sein Ohr an die Stimmen derjenigen zu legen, die er geschaffen hat. Und damit sich diese anstrengende Geschäftsreise zu den Menschen überhaupt lohnt, gönnt er sich ein Bonbon: Es erscheint in Gestalt einer üppigen Griechin, von der der alte Götterbock unbedingt ein Kind will – natürlich in der Hoffnung, dass daraus ein prächtiger Halbgott der Literatur entspringe. Weiterlesen


Genre: Roman
Illustrated by SALONLiteraturVERLAG

1945 bis heute – Wer uns um den Frieden betrogen hat

Der Autor versteht sein Buch als Gegenerzählung zur etablierten Geschichtsschreibung der Bundesrepublik. Schumacher möchte „die Geschichte vom Kopf auf die Füße stellen“ und legt dar, dass Deutschland nach 1945 nicht zwangsläufig gespalten werden musste, sondern dass die Teilung von westlichen Alliierten und ihren Interessen bewusst betrieben worden sei. Weiterlesen


Illustrated by Selbstverlag

Lila Eule

Cordt Schnibbens „Lila Eule“ ist ein Erinnerungsroman, der von den verrauchten Kellern der Bremer Szene Ende der 1960er/Anfang der 1970er über Ost-Berlin der frühen Siebziger bis in die aufgewühlten Monate des Herbstes 1989 driftet. Was sich wie ein riskanter Spagat liest, wird in Briefform zu einer Freundin zusammengehalten: ein epistoläres Langzeitprotokoll, das Coming-of-Age, Ost-West-Politik und Popgeschichte zu einem vibrierenden Ganzen montiert. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Gesellschaftsroman
Illustrated by Correctiv

Der Mann, der aus dem 3D-Drucker kam

In „Der Mann, der aus dem 3D-Drucker kam“ entwirft Max Claro eine faszinierende Zukunftsvision des Jahres 2060, in der Medizintechnik, künstliche Intelligenz und Bioengineering ineinandergreifen, um Menschen buchstäblich neu zu erschaffen. Im Zentrum der Handlung steht Walter Fabricius, ein ehemaliger Schauspieler, der nach einem Suizidversuch in einem futuristischen Rehabilitationszentrum in Bangkok erwacht – mit ausgetauschten Organen, einem Exoskelett und einem gehirnvernetzten Interface, das sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Weiterlesen


Genre: Roman, Science-fiction

Wendepunkte

Gleich zu Beginn stellt sich die Frage: Kann eine Stadt ein Gegenüber sein? Ein Sehnsuchtsort, ein Spiegel der eigenen Brüche? M. Kruppe beantwortet sie mit seinem autofiktionalen Erfahrungsbericht Wendepunkte ohne Zögern mit Ja. Tampere, die drittgrößte Stadt Finnlands, wird nicht nur zum geografischen Ziel, sondern zum seelischen Resonanzraum eines Autors, der sich auf der Flucht vor den Trümmern seines deutschen Alltags in eine fremde Kultur begibt – und dabei in erster Linie sich selbst begegnet. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Reisen
Illustrated by Edition Outbird

Terrorballade

Was bleibt von einer Bewegung, wenn ihr Pathos verraucht ist? Was bleibt von einem Leben, wenn es in Widersprüchen aufgelöst wird? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, die ihre eigenen Extremismen nur noch als Archivmaterial kennt? Alexander Pfeiffer geht diesen Fragen in seinem neuen Roman Terrorballade nach – klug, lakonisch und mit sicherer Hand für Zwischenräume. Weiterlesen


Genre: Krimi, Romane
Illustrated by Edition Outbird

Der lachende Uhu: Gedichte im Zeichen des Uhus

Der Uhu lacht – und die Poesie fliegt mit
Ein federleichtes Lesebuch über Weisheit, Witz und Waldgeflüster

Mit Der lachende Uhu legt die Prinz Rupi Kulturstiftung einen poetischen Sammelband vor, der auf ebenso charmante wie überraschende Weise unterhält. Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Buch entstand im Rahmen eines offenen Literaturwettbewerbs in Zusammenarbeit mit der Schlaraffia Lietzowia, der bemerkenswerte Resonanz fand: 337 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum beteiligten sich – vom Grundschüler bis zum Großvater, von Hobbypoeten bis zu literarisch versierten Stimmen. Der jüngste Teilnehmer ist neun Jahre alt, der älteste zählt 94 Jahre. Diese ungewöhnliche Spannweite verleiht dem Band eine authentische, generationenübergreifende Vielstimmigkeit. Weiterlesen


Genre: Anthologien, Lyrik
Illustrated by Kindle Edition

Wut und Liebe

Martin Suter ist ein Vielschreiber mit Hang zur stilistischen Experimentierfreude. Er bewegt sich souverän zwischen Romanform, Drehbuch und publizistischem Diskurs. Während ich seinen letzten Roman Melody als eine gelungene Mischung aus Eleganz und Melancholie empfand, blieb mir das darauf folgende, seitenstarke Gesprächsbuch mit Benjamin von Stuckrad-Barre fremd. Nun legt Suter mit Wut und Liebe ein neues Werk vor – sprachlich geschliffen, dramaturgisch ambitioniert, inhaltlich jedoch von ambivalenter Tiefe. Weiterlesen


Genre: Kriminalromane, Roman
Illustrated by Diogenes

Hanka

Mit »Hanka« legt János der Trompeter ein bemerkenswert stilles Debüt vor – eine Erzählung, die mehr aus Zwischentönen als aus Plot besteht, mehr aus Blicken als aus Worten. Das Buch, irgendwo zwischen Protokoll und Poesie, erzählt die vorsichtige Annäherung zweier Nachbarn in Berlin – Martinek, ein introvertierter Musiker, und Hanka, eine eigenwillige junge Frau mit polnischen Wurzeln und auffälligem Körperbewusstsein. Weiterlesen


Genre: Liebesgeschichte
Illustrated by Epubli

Schaurige Orte an der Nordsee. Unheimliche Geschichten

An Land gespülte Mumien aus Ägypten, von Piraten vergrabene Goldschätze, Warften, die dem Untergang geweiht sind – die Nordsee, nicht ohne Grund einst als Mordsee gefürchtet, hat über die Jahrhunderte unzählige Schrecken hervorgebracht. Grund genug für Herausgeber Lutz Kreutzer, in seiner Sammlung „Schaurige Orte – Die Nordsee“ den unheimlichen Facetten dieser Landschaft literarisch nachzuspüren. Weiterlesen


Genre: Anthologie, Gruselgeschichten, Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Gmeiner