Freiheit und Vertrauen. Von alten Ordensleuten für das Leben lernen

Ruth Mächlers Freiheit und Vertrauen trägt den Untertitel Von alten Ordensleuten für das Leben lernen. Das klingt zunächst nach einem religiösen Ratgeber. Tatsächlich hat die Soziologin und evangelische Theologin für eine Studie mit 21 hochbetagten Ordensleuten gesprochen, vor allem mit Jesuiten und Schwestern des Sacré-Cœur-Ordens. Sie fragt nach Lebensentscheidungen und Krisen, Arbeit und Alter, Freiheit und Gehorsam, Glauben und Zweifel – schließlich auch nach dem Tod.

Die große Stärke des Buches liegt in diesen Gesprächen. Mächler lässt ihre Gesprächspartner ausführlich erzählen und zeichnet sie nicht als entrückte Heiligenfiguren, sondern als Menschen mit Brüchen, Ängsten, unerfüllten Wünschen und viel Humor. Gerade dadurch gewinnen ihre Erfahrungen eine Bedeutung, die über das Kloster hinausweist.

Ein Leitmotiv ist das „Durchhalten“. Doch ist Durchhalten tatsächlich ein Wert an sich? Oder wird eine Entscheidung erst dann tragfähig, wenn sie immer wieder neu geprüft werden darf? Pater Zacher etwa stand kurz vor dem Austritt aus dem Orden. Erst die erneute Auseinandersetzung mit seinen ursprünglichen Motiven führte ihn zu einem bewussten, nun selbstständigeren Weitergehen. Mächler macht daraus keine simple Moral. Bleiben kann richtig sein, Gehen ebenso. Entscheidend ist die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Spannend wird das Buch dort, wo Gewissheiten ins Wanken geraten. Selbst Menschen, die ihr gesamtes Leben Gott gewidmet haben, bleiben von Zweifeln nicht verschont. Hochbetagte Ordensfrauen fragen sich, was nach dem Tod kommt, ob ihre Glaubensvorstellungen tragen und ob sie sich möglicherweise etwas vormachen. Eine Schwester zweifelt ausdrücklich an der Auferstehung. Das Bild eines festgefügten, zweifelsfreien Glaubens wird dadurch eindrucksvoll relativiert.

Ebenso anregend ist das Kapitel über das „Paradoxon von Begrenzung und Freiheit“. Auf den ersten Blick scheint kaum eine Lebensform stärker eingeschränkt als das klösterliche Leben: Gehorsam gegenüber Vorgesetzten, Verzicht auf persönlichen Besitz und Partnerschaft sowie eingeschränkte Wahlmöglichkeiten bei Aufgaben und Wohnort. Kann aus solchen Begrenzungen tatsächlich innere Freiheit entstehen? Und wo endet freiwillige Bindung und beginnt Unterwerfung? Die Autorin zeigt beides: Menschen, die innerhalb der Ordensregeln Freiheit fanden, und andere, bei denen dies offenbar nicht gelang.

Exemplarisch wirkt die Geschichte einer Schwester, der einst beigebracht wurde, sie müsse täglich ihre Rosshaarmatratze wenden, sonst gefährde sie ihre Berufung. Sie unterließ es probeweise eine Woche lang. Nichts geschah. Danach wendete sie die Matratze wieder – nun aber, weil sie verstanden hatte, dass es für das Material sinnvoll war. Diese kleine Episode veranschaulicht treffend den Unterschied zwischen blindem Gehorsam und begründeter Entscheidung.

Gerade an diesem Punkt stellen sich allerdings Fragen, die das Buch nur teilweise beantwortet. Mächler hat ausschließlich Menschen befragt, die im Orden geblieben sind. Sie äußert zwar ausdrücklich Respekt vor denen, die gegangen sind. Doch wie anders hätte sich das Bild von Freiheit und Gehorsam möglicherweise dargestellt, wären auch ehemalige Ordensleute ausführlich zu Wort gekommen?

Ähnliches gilt für die dunklen Seiten kirchlicher Institutionen. Sexueller Missbrauch, Gewalt und manipulative religiöse Autorität werden erwähnt, aber bewusst nicht vertieft. Ist das bei einem Buch über Gehorsam und Selbstbestimmung ausreichend? Oder hätte die institutionelle Seite von Macht und Abhängigkeit stärker einbezogen werden müssen?

Wie tief solche Strukturen einst in persönliche Lebensverhältnisse eingriffen, zeigen manche Lebensgeschichten eindrucksvoll. Ordensleute mussten beim Eintritt teilweise praktisch Abschied von ihren Familien nehmen. Erst die Reformen infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils lockerten diese Regeln. Einige der Befragten betrachten die damalige Praxis heute selbst mit Befremden.

Auch die Übertragungen vom Ordensleben auf die allgemeine Lebensführung überzeugen nicht immer gleichermaßen. Wenn Mächler etwa die Arbeitsbiografien ihrer Gesprächspartner als mögliches Modell für ein erfülltes Alter beschreibt, bleibt zu fragen, wie vergleichbar die Voraussetzungen sind. Ordensleute verfügen über materielle Absicherung und eine Gemeinschaft, während Arbeitnehmer und Selbstständige oft unter völlig anderen Bedingungen arbeiten.

Am überzeugendsten ist das Buch dort, wo die Autorin erzählt und ihren Gesprächspartnern Raum gibt. Besonders eindringlich sind die Kapitel über Krisen, Altern und Sterben. Dabei wird Leid nicht vorschnell verklärt. Nicht jede Krise sei notwendig oder sinnvoll, betont Mächler; der Satz, irgendetwas werde schon „für etwas gut“ sein, könne sogar verletzend wirken.

Freiheit und Vertrauen ist weniger ein Buch über Klöster als über Lebensentscheidungen. Was trägt über Jahrzehnte? Wann wird Treue zur Starrheit? Wann kann Verzicht befreien? Wie viel Mut braucht es, eine frühere Entscheidung noch einmal infrage zu stellen? Und was bleibt von einem Leben, wenn Leistung, Besitz und gesellschaftliche Rollen an Bedeutung verlieren?

Ruth Mächler gibt darauf keine endgültigen Antworten – und gerade darin liegt eine Stärke des Buches. Manches erscheint etwas zu harmonisch, manches wird zu schnell verallgemeinert. Doch die Stimmen der alten Ordensleute bleiben im Gedächtnis. Ihre Geschichten machen Freiheit und Vertrauen zu einer klugen und lebensnahen Einladung, über Bindung und Freiheit, Zweifel und Zuversicht, Altern und Sterben neu nachzudenken.


Genre: Interview, Religion, Spiritualität
Illustrated by Patmos Verlag Eschbach

Tagebuch einer Berliner Busfahrerin: Band 2

Manche Berufe eignen sich besser zum Geschichtenerzählen als andere. Wer acht Stunden täglich allein vor einem Bildschirm sitzt, muss schon über eine bemerkenswerte Fantasie verfügen, um daraus 250 unterhaltsame Buchseiten zu gewinnen. Wer dagegen über Jahrzehnte einen Linienbus durch Berlin steuert, bekommt das Personal für seine Geschichten täglich frei Haus geliefert. Und manchmal steigt es sogar vorne ein.

Antje Boesler hat reichlich davon gesammelt. In ihrem zweiten Band über das Leben einer Berliner Busfahrerin erzählt sie von Fahrgästen und Kollegen, Polizisten und Vorgesetzten, Baustellen und Umleitungen, Unfällen und Missverständnissen, Ikarus-Bussen, modernen Elektrobussen und gelegentlich von einer Berliner Verkehrsplanung, bei der man den Eindruck gewinnen kann, sie sei eigens geschaffen worden, um Busfahrer auf ihre Leidensfähigkeit zu prüfen.

Das alles erzählt Boesler nicht aus der behaglichen Distanz einer Schriftstellerin, die das wirkliche Leben beobachtet. Sie war und ist Teil dieses Lebens. Sie sitzt am Steuer, und der Leser nimmt gewissermaßen auf dem Klappsitz daneben Platz.

Das ist die große Stärke dieses Buches – und gelegentlich auch seine Schwäche.

Denn Antje Boesler besitzt eine unverwechselbare Stimme. Nach wenigen Seiten könnte man einen anonym vorgelegten Absatz vermutlich ohne Schwierigkeiten ihr zuordnen. Sie schreibt, wie sie offenbar spricht: spontan, temperamentvoll, schnoddrig, manchmal derb, meistens komisch und mit einer ausgeprägten Neigung, den Leser unmittelbar anzusprechen. Dazu kommen Selbstironie und eine erfreuliche Bereitschaft, auch die eigenen Fehlleistungen nicht auszusparen. Wenn sie beispielsweise Fahrgäste dazu bringt, einen Ikarus-Bus anzuschieben, nur um auszuprobieren, ob dies tatsächlich funktioniert, endet das Experiment erwartungsgemäß nicht mit einer Beförderung, sondern mit einem Monat als Assistentin.

Solche Geschichten funktionieren ausgezeichnet, weil Boesler ein Gespür für Situationskomik besitzt. Besonders gelungen sind jene Episoden, in denen sich eine vermeintliche Katastrophe unvermittelt in etwas Menschliches verwandelt. Da fällt eine Frau samt Einkauf auf einen männlichen Fahrgast, ein Becher Sahne geht zu Bruch – und zwei Jahre später erhält die Busfahrerin eine Einladung zur Hochzeit des auf diese ungewöhnliche Weise zusammengeführten Paares. Das ist beinahe zu schön, um wahr zu sein, und gerade deshalb eine jener Geschichten, bei denen man nach der letzten Zeile unwillkürlich lächelt.

Überhaupt ist dieses Buch stärker, wenn Boesler Menschen beschreibt, als wenn sie über sie richtet.

Denn sie richtet gern. Über Fahrgäste, Fahrradfahrer, Taxifahrer, Behördenvertreter, Polizisten, Vorgesetzte und die Menschheit im Allgemeinen. Dabei gerät ihr Urteil bisweilen pauschal, und gelegentlich wäre ein wenig weniger Empörung der Wirkung durchaus zuträglich. Nicht jeder Unsympath muss gleich zum Repräsentanten einer ganzen Gattung erhoben werden. Manchmal wünscht man sich als Leser, die Autorin möge eine Pointe einfach stehen lassen, statt ihr noch zwei Ausrufezeichen, einen Kommentar und eine weitere Erklärung hinterherzuschicken.

Auch stilistisch hätte dem Buch gelegentlich eine strengere redaktionelle Hand gutgetan. Boesler liebt Abschweifungen. Eine Geschichte biegt ab, nimmt eine Seitenstraße, hält kurz bei einem Erlebnis von vor zwanzig Jahren und kehrt irgendwann auf die ursprüngliche Route zurück. Das ist durchaus authentisch – schließlich erzählt hier eine Frau, die ihr Berufsleben auf wechselnden Linien verbracht hat –, aber nicht jede gedankliche Umleitung ist für den Leser gleichermaßen notwendig.

Hinzu kommen Wiederholungen, rhetorische Fragen und Erklärungen, die bisweilen ausführlicher ausfallen, als es die Geschichte verlangt. Auch ihr Hang zu Hervorhebungen, Ausrufen und kommentierenden Einschüben kann auf Dauer ermüden. Literarische Zurückhaltung gehört zweifellos nicht zu Boeslers bevorzugten Verkehrsmitteln.

Doch gerade wenn man beginnt, sich daran zu stoßen, zeigt das Buch plötzlich eine ganz andere Qualität.

Denn zwischen all dem Klamauk liegt ein bemerkenswertes Stück Berliner Alltags- und Zeitgeschichte.

Besonders eindrucksvoll ist die Erinnerung an den 9. November 1989. Boesler tritt ihren Dienst an, ohne zu wissen, dass an diesem Abend die Welt, in der sie aufgewachsen ist, zusammenbrechen wird. Erst die Menschenmassen, die plötzlich zum Bus strömen, die Sektflaschen, das Rufen nach Freiheit und die Fragen nach den Grenzübergängen lassen sie begreifen, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Später steht ihr hoffnungslos überfüllter Ikarus mitten in dieser historischen Nacht, während die Fahrgäste feiern und singen.

Das ist keine Geschichtsschreibung von oben, sondern Geschichte aus dem Führerhaus. Gerade deshalb funktioniert sie.

Ähnlich interessant sind die Schilderungen des Übergangs vom Ost- zum West-Berliner Verkehrssystem. Ikarus-Busse treffen auf Westberliner Fahrgäste, unterschiedliche Gewohnheiten aufeinander, und aus scheinbaren Nebensächlichkeiten entsteht ein anschauliches Bild der ersten Nachwendejahre.

Das Buch besitzt aber noch eine dritte Ebene, und diese ist vielleicht seine sympathischste: hinter der robusten Berliner Fassade steckt eine Autorin mit einem ausgeprägten Sinn für Mitmenschlichkeit.

Das zeigt sich besonders in der Geschichte um Emil, einen Jungen im Rollstuhl und begeisterten BVG-Fan. Aus einer zunächst kleinen Idee entwickelt sich mit Unterstützung zahlreicher Mitarbeiter ein Besuch auf einem Betriebshof, bei dem Emil Busse erkunden, Werkstatt und Einsatzzentrale kennenlernen und schließlich sogar einen E-Bus an die Ladestation anschließen darf. Diese Episode ist weitgehend frei von jener Angriffslust, die andere Kapitel bestimmt, und gerade deshalb eine der stärksten des Buches. Hier muss Boesler nichts zuspitzen. Die Geschichte trägt sich selbst.

Ähnliches gilt für zahlreiche kleinere Begegnungen, in denen Fremde helfen, Fahrgäste füreinander eintreten oder aus einer zufälligen Begegnung etwas Unerwartetes entsteht. Diese Momente verhindern zuverlässig, dass das Buch zu einer bloßen Sammlung von Beschwerden über den Niedergang der Fahrgastkultur wird.

Und genau darin liegt letztlich seine Qualität.

Dieser Band ist weniger ein kunstvoll komponiertes literarisches Werk als ein großes, höchst subjektives Mosaik aus mehreren Jahrzehnten Berliner Alltag. Darin liegen Komik und Tragik, DDR und Wiedervereinigung, Bürokratie und Technik, Aggression und Hilfsbereitschaft dicht nebeneinander.


Genre: Autobiografie, Erzählungen, Städte
Illustrated by Books on Demand

Die Dame ohne Unterleib. Magie und Schaustellung im Wiener Prater

Die Dame ohne Unterleib ist mehr als eine Attraktion aus der Welt der Jahrmärkte. Sie ist eine Chiffre für den alten Wiener Prater: Ein Körper verschwindet hinter Spiegeln und schwarzem Samt, das Publikum sieht etwas, das nicht sein kann, und will doch unbedingt glauben, es sei wahr. Robert Kaldy-Karo hat diesem Kosmos ein Buch gewidmet, das zugleich Nachschlagewerk, Bilderbogen und kulturhistorische Reise in eine versunkene Unterhaltungswelt ist.

Im Zentrum steht der Wiener Prater als Ort populären Vergnügens. Seit seiner Öffnung für die Bevölkerung im Jahr 1766 war er nicht nur Flaniermeile und Erholungsraum, sondern ein Reich der Sensationen: Ringelspiele, Gasthäuser, Schaubuden, Automaten, Geisterbilder, Zauberer, Bauchredner, Gedankenleser, Kraftmenschen und jene „Wunder“, die ihre Wirkung gerade daraus bezogen, dass niemand genau wissen sollte, wie sie zustande kamen. Kaldy-Karo führt durch diese Welt von den frühen Schaustellern um 1800 bis zu den Zauber- und Varietétheatern des 20. Jahrhunderts und den späteren Versuchen, diese Tradition wiederzubeleben.

Der Titel verweist auf eine klassische Spiegelillusion, bei der eine Frau scheinbar ohne Unterleib auf einer Bühne sitzt. Doch das Buch interessiert sich nicht bloß für den Trick. Es erzählt von den Bedingungen, unter denen solche Tricks überhaupt funktionieren konnten: von Reklame, Konkurrenz, Publikumspsychologie, technischen Neuerungen und dem täglichen Kampf um Einnahmen. Der Zauberer erscheint hier nicht als entrückter Künstler im Frack, sondern oft als Unternehmer, Handwerker, Reklamefachmann und Überlebenskünstler.

Besonders anschaulich wird das dort, wo Kaldy-Karo einzelne Bühnen und ihre Besitzer vorstellt. Namen wie Sebastian von Schwanenfeld, Basilio Calafati, Anton Kratky-Baschik, Amanda von Oeser, Carlo Arminio, Karl Juhasz oder Otto Wessely treten aus der Vergessenheit hervor. Sie betrieben ihre kleinen Theater, wechselten Programme, engagierten Assistentinnen und Assistenten, reisten, scheiterten, bauten neu auf und warben mit immer kühneren Versprechen. Nicht selten war die Ankündigung vor der Schaubude bereits eine Kunstform für sich. Rekommandeure priesen das Unbegreifliche an, übertrieben schamlos und wussten doch: Entscheidend war nicht die Wahrheit, sondern die Bereitschaft des Publikums, sich für ein paar Kreuzer verführen zu lassen.

Gerade diese Verbindung aus Illusion und Geschäft macht das Buch reizvoll. Kaldy-Karo zeigt, dass die Zauberkunst im Prater nie isoliert existierte. Sie gehörte zu einem Markt der Sensationen, in dem Hypnose, Antispiritismus, elektrische Effekte, exotische Versprechen, mechanische Automaten und später auch Kino und technische Moderne miteinander konkurrierten. Elektrizität, Röntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie oder vermeintliche Gedankenübertragung wurden rasch zu Themen der Bühne und zu Versprechen einer Zukunft, die man vor allem bestaunen sollte.

Das Buch ist erkennbar mit Leidenschaft geschrieben. Kaldy-Karo hat Anzeigen, Programmzettel, Presseberichte und Bildmaterial zusammengetragen und macht daraus ein Panorama, das weit über die bloße Geschichte einiger Zaubertricks hinausreicht. Gerade darin liegt ein erheblicher Reiz. Der Wiener Prater erscheint nicht als nostalgisch verklärtes Biedermeieridyll, sondern als lärmender, geschäftiger und bisweilen ziemlich rauer Ort.

Die chronologische Folge von Bühnen, Besitzern, Künstlern und Programmen lässt den Leser spüren, wie dicht dieses Milieu einst besiedelt war. Zugleich liegt hierin eine kleine Schwäche. Manche Abschnitte geraten in die Nähe eines sorgfältig annotierten Katalogs; Namen und Daten folgen so rasch aufeinander, dass man sich gelegentlich stärkere Zäsuren und weiterführende Einordnungen wünscht.

Die Dame ohne Unterleib ist eine kenntnisreiche Spurensuche, die ihre Stärke aus Nähe, Sammelleidenschaft und Freude am Detail gewinnt. Wer eine streng systematische Kulturgeschichte erwartet, wird sich bisweilen mehr Ordnung wünschen. Wer sich dagegen auf den Sog dieser Materialfülle einlässt, wird belohnt: mit einer erstaunlichen Vielfalt von Figuren, Geschichten und Effekten.

Am eindrucksvollsten bleibt dabei die Erkenntnis, dass der Zauber nicht allein im Spiegeltrick lag. Er entstand aus dem Zusammenspiel von Bühne, Stimme, Licht, Gerücht und Erwartung. Die „Dame ohne Unterleib“ war nicht nur eine technische Konstruktion. Sie war ein Versprechen: Hinter dem Vorhang könnte es etwas geben, das die gewohnte Ordnung außer Kraft setzt.

Robert Kaldy-Karos Buch bewahrt diese Welt vor dem Verschwinden. Es zeigt den Prater als Labor des Staunens, als Vorläufer moderner Erlebnisindustrie und als Ort, an dem die Kunst, Menschen für einen Augenblick an das Unmögliche glauben zu lassen, ihren ganz eigenen Glanz entfaltete.

 


Illustrated by Rokko´s Adventures Wien

Der rote Kaiser. Xi Jinping und sein neues China

China ist für den Westen seit Jahrzehnten Projektionsfläche, Handelspartner, Angstgegner und Rätsel zugleich. Mal erschien das Land als verlängerte Werkbank der Globalisierung, mal als Hoffnung auf eine sanfte Öffnung durch Wohlstand, mal als kommende Weltmacht, die mit Hochgeschwindigkeitszügen, Wolkenkratzern und künstlicher Intelligenz den Takt des 21. Jahrhunderts vorgibt. Michael Sheridan interessiert sich in seinem Buch „Der rote Kaiser“ jedoch weniger für das glänzende Schaufenster dieses neuen China. Er geht hinter die Kulissen der Macht und stellt die Frage, wer jener Mann ist, der an der Spitze dieses riesigen Apparates steht.

Sheridan sieht in Xi Jinping keinen gewöhnlichen Parteifunktionär, keinen Technokraten der Moderne und auch keinen bloßen Verwalter kommunistischer Macht. Für ihn ist Xi das Produkt einer roten Aristokratie, eines innerchinesischen Hochadels der Revolution, dessen Familiengeschichte, Opfermythologie und Herrschaftsanspruch sich zu einer neuen Form politischer Alleinherrschaft verdichten. Der Titel „Der rote Kaiser“ ist daher nicht nur zugkräftige Zuspitzung, sondern das eigentliche Deutungsmodell des Buches.

Sheridan beginnt bei Xis Vater Xi Zhongxun, einem der alten Revolutionäre, die Maos Volksrepublik mitbegründeten, selbst aber in die Mühlen jenes Systems gerieten, dem sie gedient hatten. Aus dieser Familiengeschichte entwickelt der Autor sein zentrales Motiv: In China, so Sheridans Lesart, wurde die Kaiserzeit von der kommunistischen Partei in neuer Gestalt fortgeschrieben.

Besonders eindringlich sind die Passagen über Xis Jugend während der Kulturrevolution. Der Sturz des Vaters, die Erniedrigung der Familie, die Jahre auf dem Land: Sheridan schildert diese Erfahrungen als Training in Härte, Vorsicht und politischem Überlebenswillen.

Sheridan erzählt Xis Aufstieg als Charakterstudie im Machtmilieu. Aus dem jungen Mann, der in Provinzen wie Hebei, Fujian und Zhejiang scheinbar unauffällig Karriere macht, wird ein Politiker, der gerade durch seine Undurchsichtigkeit aufsteigt. Xi wirkt nicht brillant, nicht flamboyant, nicht reformerisch. Er wirkt beharrlich, kontrolliert und ungefährlich – bis er es nicht mehr ist.

Lesenswert sind die Kapitel über die Machtkämpfe vor Xis endgültigem Durchbruch. Der Sturz Bo Xilais, der Mordfall um den britischen Geschäftsmann Neil Heywood, die Rolle Gu Kailais und die Ausschaltung mächtiger Rivalen lesen sich bei Sheridan stellenweise wie ein Politthriller. Hier zeigt sich seine Erfahrung als Auslandskorrespondent: Er kann komplexe Machtverhältnisse erzählerisch bündeln, ohne sie völlig zu vereinfachen.

Doch gerade darin liegt auch eine Gefahr. Das Buch ist stark, weil es eine klare These hat. Es ist zugleich begrenzt, weil diese These fast alles überstrahlt. Die Kaiser-Metapher trägt weit, manchmal vielleicht zu weit. Wo immer Xi erscheint, sieht Sheridan Hof, Clan, Dynastie, Mandat, Palast und Unterwerfung.

Auch der Ton ist nicht der eines zurückhaltenden Historikers, sondern der eines engagierten Journalisten, der seine Warnung deutlich vernehmbar formuliert. Sheridan schreibt mit Tempo, mit Sinn für dramatische Zuspitzung und mit sichtbarer Skepsis gegenüber der westlichen Illusion, wirtschaftliche Öffnung werde früher oder später politische Freiheit erzwingen.

Vorsichtig sollte man besonders jene Passagen lesen, in denen der Autor Gerüchte, Insiderberichte oder schwer überprüfbare private Details verarbeitet. Das Buch ist quellenbewusst, aber nicht jedes Detail besitzt dieselbe Belastbarkeit. Nicht jede Hofgeschichte wird dadurch wahr, weil sie gut erzählt ist.

Dennoch bleibt der Erkenntnisgewinn erheblich. Sheridan zeigt, wie Xi Jinping die Reformära nicht fortsetzt, sondern beendet. Die Antikorruptionskampagne erscheint bei ihm nicht als moralischer Neubeginn, sondern als politisches Schwert. Die Partei wird nicht modernisiert, sondern enger an ihren Führer gebunden. Das private Unternehmertum darf wachsen, solange es sich duckt. Technologie wird nicht als Freiheitsversprechen verstanden, sondern als Instrument perfektionierter Überwachung. Aus dem ökonomischen Aufstieg Chinas entsteht kein liberaler Staat, sondern ein hochgerüsteter Parteiapparat mit digitalem Nervensystem.

Gerade für westliche Leser ist das unbequem. Sheridan schreibt auch die Geschichte einer Selbsttäuschung. Jahrzehntelang glaubte man, Handel werde Wandel bringen. Man hoffte, Konsum werde Ideologie verdrängen. Man hielt Globalisierung für eine Einbahnstraße in Richtung Offenheit. Xi Jinping steht in diesem Buch als Gegenbeweis: Er nutzt die Modernisierung, ohne sich ihr politisch zu unterwerfen. Er nimmt den Kapitalismus als Werkzeug, nicht als Weltanschauung.

„Der rote Kaiser“ ist weniger eine klassische Biografie als eine politische Warnung. Sheridan erzählt vom Aufstieg eines Mannes, aber eigentlich vom Umbau eines Systems. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von Familiengeschichte, Parteigeschichte und Machtanalyse. Seine Schwäche liegt in der gelegentlichen Übermacht der eigenen Leitmetapher.

Am Ende bleibt das Bild eines Herrschers, der die Vergangenheit nicht überwunden hat, sondern sie in die Zukunft verlängert. Xi Jinping erscheint als Mann, der Mao beerbt, kaiserliche Muster imitiert und die Werkzeuge des digitalen Zeitalters nutzt. Das ist keine beruhigende Lektüre, aber eine notwendige. Denn wer China verstehen will, muss nicht nur auf Handelszahlen, Parteitage und Militärparaden schauen. Er muss auch begreifen, welche Geschichten sich die Mächtigen über sich selbst erzählen.

 


Illustrated by Finanzbuch

Das Japan-Buch

Lafcadio Hearn war einer jener seltenen Schriftsteller, die nicht nur über ein Land schrieben, sondern allmählich in dessen Vorstellungswelt einzuwandern versuchten. Als er 1890 nach Japan kam, war er kein Tourist im heutigen Sinn, sondern ein Suchender: ein heimatloser, durch viele Brüche gegangener Autor, der in Japan offenbar jenes Gegenbild zur rastlosen westlichen Moderne fand, das er zeitlebens ersehnt hatte. Das Japan-Buch versammelt berühmte Japan-Texte Hearns, begleitet von Stefan Zweigs hymnischem Vorwort und in der historischen Übersetzung von Berta Franzos.

Schon Zweigs Einführung macht klar, in welcher Tradition dieses Buch steht. Hearn erscheint darin als Mittler zwischen Abendland und Japan, als jemand, der das „alte Nippon“ noch einmal festhält, bevor es unter dem Druck der Moderne verschwindet. Diese Deutung ist pathetisch, manchmal überhöht, aber nicht wirkungslos. Zweig sieht in Hearn keinen Reporter statistischer Tatsachen, sondern einen Künstler der Wahrnehmung: einen, der Düfte, Gesten, Schatten, Glockenklänge und Volksglauben bewahrt. Genau darin liegt die Faszination dieses Buches.

Der Text „Mein erster Tag in Japan“ zeigt Hearn auf der Höhe seiner Kunst. Eine Fahrt durch Yokohama wird bei ihm zum Staunenserlebnis. Straßen, Läden, Schriftzeichen, Tempel, Kirschblüten, Priester, Kinder, Klang und Licht treten nicht als touristische Sehenswürdigkeiten auf, sondern als flüchtige Erscheinungen, die der Erzähler vorsichtig berührt. Hearn beschreibt Japan nicht von oben herab, sondern mit einer fast kindlichen Bereitschaft, sich verwandeln zu lassen. Er sieht in Kleinigkeiten ganze Welten: in Papierschirmen, in Votivlaternen, in Tempeltoren, im Klang einer Glocke.

Besonders eindrucksvoll ist „Kusa-Hibari“, die Geschichte eines winzigen Heimchens, dessen Gesang den Erzähler Nacht für Nacht begleitet. Aus der Beobachtung eines kaum sichtbaren Insekts entwickelt Hearn eine Meditation über Liebe, Erinnerung, Abhängigkeit und Schuld. Als das Tier stirbt, weil seine Versorgung vernachlässigt wurde, kippt die Miniatur ins Ethische: Plötzlich steht nicht mehr die exotische Schönheit Japans im Vordergrund, sondern die Verantwortung des Menschen gegenüber dem kleinsten Leben. Das ist große Literatur, weil sie ohne große Geste auskommt.

Auch „Die Macht des Karma“ verbindet erzählerische Spannung mit religiöser und philosophischer Betrachtung. Hearn erzählt von einem schönen jungen Priester, der sich den Anfechtungen der Liebe entziehen will und den Tod sucht. Die Geschichte wird nicht westlich-romantisch verklärt, sondern im Gespräch mit buddhistischem Denken gedeutet. Gerade hier wird sichtbar, wie sehr Hearn an Grenzfragen interessiert ist: an Schuld, Wiederkehr, Begehren, Selbstüberwindung und den unsichtbaren Bindungen zwischen Lebenden und Toten.

Gleichzeitig verlangt dieses Buch eine historisch wache Lektüre. Hearn und erst recht Zweig schreiben aus einer Zeit, in der Japan im Westen häufig als Sehnsuchtsbild, als Kunstlandschaft, als Gegenwelt zur europäischen Moderne betrachtet wurde. Manche Begriffe und Bilder wirken heute überholt, teils exotisierend, gelegentlich paternalistisch. Moderne Hearn-Lektüren weisen genau auf diese Ambivalenz hin: Man kann ihn als empfindsamen Anwalt nichtwestlicher Kulturen lesen, aber auch als Autor des 19. Jahrhunderts, der sich fremde Welten aneignet und ästhetisch formt.

Doch gerade diese Spannung macht Das Japan-Buch interessant. Es ist kein aktueller Japanführer und keine kulturwissenschaftlich neutrale Studie. Es ist ein literarisches Dokument der Meiji-Zeit, ein Werk der europäischen Japanbegeisterung um 1900 und zugleich ein erstaunlich feines Buch der Wahrnehmung. Hearn sieht mehr, als viele Reisende sehen, weil er nicht nur wissen, sondern lauschen will. Seine besten Seiten besitzen die Zartheit einer Tuschezeichnung und die Unruhe eines Menschen, der weiß, dass jede Schönheit vergeht.

Berta Franzos’ Übersetzung trägt den Ton einer anderen Epoche. Sie ist blumig, gelegentlich schwer, aber auch von einer Musikalität, die zu Hearn passt. Wer eine knappe, moderne Reportagesprache erwartet, wird sich einlesen müssen. Wer jedoch bereit ist, dem Rhythmus dieser Prosa zu folgen, entdeckt ein Buch voller atmosphärischer Genauigkeit.

Das Japan-Buch ist damit eine lohnende Wiederbegegnung mit einem Autor, der in Deutschland einmal große Resonanz hatte und heute neu gelesen werden kann: nicht naiv bewundernd, nicht vorschnell verwerfend, sondern mit Sinn für seine Schönheit und seine historischen Begrenzungen. Hearn schenkt uns kein „wahres Japan“ im objektiven Sinn. Er schenkt uns den literarischen Traum eines Menschen, der in Japan eine geistige Heimat fand — und der aus diesem Traum Bilder geschaffen hat, die noch immer leuchten.

Fazit: Ein poetisches, stellenweise altmodisches, aber eindrucksvolles Lesebuch über Japan. Am stärksten ist Hearn dort, wo er nicht erklärt, sondern betrachtet: ein Tempeltor, ein Lächeln, eine Glocke, ein Insekt. Gerade in diesen kleinen Dingen wird seine Prosa groß.


Genre: Reisen, Reportagen
Illustrated by Anaconda

Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze

Es gehört zu den haltbarsten Versuchungen der Kulturgeschichte, das Genie dort zu suchen, wo der Mensch aus der Bahn gerät. Wer anders sieht, anders hört, anders empfindet, wer leidet, halluziniert, träumt, vergisst oder sich erinnert, gilt schnell als Berührter höherer Mächte – oder als Fall für die Klinik. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Mario de la Piedra Walters Buch „Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze“, das aus dem Spanischen von Petra Strien-Bourmer übersetzt wurde.

Der Autor ist Mediziner und Neurologe, aber er schreibt nicht wie jemand, der Kunst auf Befunde reduzieren möchte. Gerade darin liegt der Reiz dieses Buches. De la Piedra Walter interessiert sich für die empfindlichen Übergänge: zwischen Wahrnehmung und Bild, Krankheit und Ausdruck, Erinnerung und Erfindung, wissenschaftlicher Erklärung und ästhetischem Geheimnis. Sein Buch ist weniger eine systematische Theorie der Kreativität als ein weit ausschwingender Essay über die Frage, was im Gehirn geschieht, wenn der Mensch mehr tut, als bloß zu funktionieren.

Der Auftakt ist bezeichnend. Das Buch beginnt mit Albert Einsteins Gehirn, jenem berühmten Organ, das nach dem Tod seines Besitzers zum Gegenstand wissenschaftlicher Neugier, aber auch beinahe reliquienhafter Verehrung wurde. Schon hier stellt sich die Grundfrage, ob sich Genialität anatomisch fassen lässt? Sitzt der Geistesblitz irgendwo zwischen Furchen, Windungen und Nervenzellen? Oder verrät diese Suche vor allem unsere eigene Sehnsucht, das Außerordentliche endlich dingfest zu machen?

Von dort aus führt de la Piedra Walter in zwölf Kapiteln durch eine erstaunlich breite Landschaft. Er spricht über Höhlenkunst und frühe Zeichen, über Erinnerung und Vergessen, über Borges, Dostojewski, Frida Kahlo, Kandinsky, Virginia Woolf, Andy Warhol, über Synästhesie, Epilepsie, Depression, Traum, Autismus, Art brut und schließlich auch über künstliche Intelligenz. Das ist viel, manchmal fast zu viel. Doch im besten Fall entsteht daraus ein funkelndes Panorama menschlicher Ausdrucksformen.

Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo es verbreitete Klischees aufnimmt, um sie anschließend zu verfeinern. Die alte Formel von „Genie und Wahnsinn“ wird nicht einfach bestätigt. De la Piedra Walter zeigt vielmehr, wie gefährlich diese Formel ist. Krankheit erklärt keine Kunst. Leiden macht niemanden eo ipse schöpferisch. Depression, Epilepsie, neurologische Ausfälle oder abweichende Wahrnehmungsformen sind keine romantischen Produktionsmittel des Genies. Sie können Erfahrungen prägen, Wahrnehmungen verschieben, biografische Wunden schlagen – aber aus ihnen entsteht erst dann Kunst, wenn ein Mensch ihnen Form, Sprache, Rhythmus, Bild oder Komposition abringt.

Dostojewskis Epilepsie wird deshalb nicht als simpler Ursprung seines literarischen Ranges behandelt. Frida Kahlos Schmerzen erklären nicht ihre Kunst, sondern bilden einen Erfahrungsraum, den sie mit unerhörter Bildkraft verwandelt. Kandinskys Nähe von Farbe und Klang öffnet den Blick auf die Frage, wie porös unsere Sinnesgrenzen tatsächlich sind. Und bei Warhol wird Wiederholung nicht nur als Pop-Geste verständlich, sondern als Wahrnehmungsprinzip einer Welt, die längst aus Oberflächen, Marken, Vervielfältigungen und medialen Echos besteht.

Der Autor betrachtet seine Figuren nicht wie Präparate unter Glas. Das unterscheidet sein Buch wohltuend von Sachbüchern, die Kunstwerke am liebsten in Hirnareale übersetzen und damit den Eindruck erwecken, ein Gedicht, ein Gemälde oder eine Sonate sei im Grunde nur eine besonders hübsche Nebenwirkung neuronaler Aktivität. Hier bleibt die Kunst mehr als ihr biologischer Unterbau. Das Gehirn ist Bedingung, nicht Ersatz des Kunstwerks.

Zugleich liegt in der Anlage des Buches auch seine Schwäche. Die Fülle der Beispiele, Namen und Themen kann stressen. Der Bogen reicht von prähistorischer Kunst über indigene Rituale, psychedelische Erfahrung, Psychoanalyse, Neurowissenschaft, Psychiatriegeschichte bis zu KI-generierten Bildern. Nicht jede Verbindung ist gleich zwingend. Manchmal wirkt der Übergang von der Fallgeschichte zur großen kulturgeschichtlichen Deutung etwas rasch. Dann gleitet der Text vom Befund in die schöne Analogie, vom neurologischen Phänomen in die essayistische Erhellung. Das ist anregend, aber nicht immer beweisend.

Auch die wissenschaftliche Erklärungstiefe schwankt. Einige Passagen vermitteln neurologische Zusammenhänge sehr anschaulich, andere bleiben eher im Modus der gebildeten Annäherung. Wer eine streng systematische Theorie kreativen Denkens erwartet, wird hier nicht fündig. Wer sich hingegen auf einen gelehrten, erzählerisch beweglichen Streifzug einlässt, findet zahlreiche Anstöße. Das Buch liefert keine Formel der Kreativität. Es zeigt eher, warum jede solche Formel verdächtig klingt.

Bemerkenswert ist auch das Kapitel über künstliche Intelligenz. Es erweitert die Grundfrage des Buches: Wenn Maschinen Bilder erzeugen, Texte kombinieren und Stile imitieren können, was bleibt dann als genuin menschliche Kreativität? De la Piedra Walter sieht in der KI ein Werkzeug, vielleicht auch eine Herausforderung, aber keinen Beweis dafür, dass Maschinen bereits erleben, leiden, träumen oder verstehen. Gerade nach den Kapiteln über Schmerz, Erinnerung, Körper und Wahrnehmung wird deutlich: Kreativität ist nicht nur Produktion von Neuem. Sie ist auch Erfahrung von Welt.

„Unser kreatives Gehirn“ ist ein kluges, stellenweise glänzend erzähltes Sachbuch, dessen Reiz in der Verbindung von Kunstgeschichte, Medizin und Kulturessay liegt. De la Piedra Walter zerlegt die Kunst nicht in Synapsen. Er zeigt, dass jedes Kunstwerk durch ein Gehirn hindurch muss – aber nicht in ihm aufgeht. Am Ende bleibt weniger die Antwort auf die Frage, wo Kreativität sitzt, als die Einsicht, dass sie aus Beziehungen entsteht: zwischen Körper und Geist, Erinnerung und Verlust, Schmerz und Form, Wahrnehmung und Deutung, Mensch und Welt.


Genre: Kulturgeschichte, Neurologie
Illustrated by Diogenes

Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands

Manchmal braucht es leider erst die Gier der Macht, damit der Blick auf eine ferne Kultur fällt. Seit US-Präsident Donald Trump seine Besitzphantasien gegenüber Grönland wiederholt öffentlich erneuert hat und die Insel dabei wie ein strategisches Objekt, einen Rohstoffspeicher oder eine arktische Trophäe behandelt, ist Grönland in den europäischen Feuilletons und Nachrichtenspalten plötzlich wieder präsent. Die grönländische Politik reagierte mit deutlicher Zurückweisung: Nicht Washington, sondern die Grönländer selbst hätten über ihre Zukunft zu entscheiden.

In einem solchen Moment erscheint im Inuit Verlag ein Buch, das wohltuend das Gegenteil jener geostrategischen Gier verkörpert: Bestiarium Groenlandicum. Die mythischen Wesen Grönlands. Das ist nicht die kartographische Aneignung einer riesigen Eisinsel von oben herab, sondern eine Annäherung von innen — über Geschichten, Ängste, Naturbilder, Volksglauben und die schöpferische Erinnerung eines Landes, das mehr ist als seine militärische Lage oder seine Bodenschätze. Die deutsche Ausgabe versammelt auf 160 Seiten mehr als 65 mythische Wesen; sie basiert auf einem grönländischen Original. Wir begegnen dem Riesenwurm Aassik, dem Riesenwalross Aaverpak, dem Landbär Allaq, dem Riesenwolf Amaroq, dem Mondmann Aningaaq, dem Fuchswesen Pissaap Inua und dem Bergläufer Qivittut. In alphabetischer Reihenfolge versammelt sind Hilfsgeister, Geisterschreck, Steintroll, Wind- und Wettergötter, Fischgeister, Gedärmfresserin, Topfwesen, Halbmenschen, Gestaltwandler, Eisschildriesen, Tollpatsche, Kratzwesen, Riesen und Hexen. Die Unwirtlichkeit des Landes scheint einen optimalen Nährboden für die Entstehung von Kreaturen, Geistern und fremdartigen Erscheinungen zu bilden.

Schon der verlegerische Entschluss verdient Beachtung. Kleine, mutige Editionen sind es oft, die dorthin gehen, wo die großen Programme sich nicht hinwagen: an die Ränder der Wahrnehmung, in sprachliche und kulturelle Zonen, die im deutschen Buchmarkt allzu leicht exotisiert oder übergangen werden. Der Inuit Verlag hebt mit diesem Band nicht nur ein Nischenthema ins Sichtbare; er zeigt auch, dass Vermittlung mehr sein kann als wohlmeinende Folklore. Das Buch will Grönlands mythische Überlieferung nicht verniedlichen, sondern in ihrer Rauheit, Dunkelheit und Fremdheit ernst nehmen. Schon der Verlag weist auf Darstellungen von Nacktheit und Gewalt hin, die den ursprünglichen Erzähltraditionen entsprechen.

Wer nach einer linearen Erzählung sucht, wird freilich umdenken müssen. Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Bestiarium im besten Sinne: eine Sammlung von Kreaturen, Geistern und Zwischenwesen, deren Einzelporträts zusammen ein kulturelles Weltbild ergeben. Das Prinzip ist alt, die Wirkung überraschend frisch. Da ist etwa der Kiliffak, jenes riesenhafte, langhaarige Wesen mit sechs, manchmal gar zehn Beinen, größer als ein Eisbär, schnell, gefährlich und von bedrängender Körperlichkeit. Und da ist der Qivittoq, ein Mensch, der sich aus der Gemeinschaft löst, in die Wildnis flieht und dort zum übermenschlichen Wesen wird — eine tragische Figur der Einsamkeit, der Verwandlung und der Selbstentäußerung. Solche Gestalten werden hier nicht als pittoreske Kuriositäten abgeheftet, sondern als Ausdruck einer Erfahrungswelt, in der Natur, Gefahr, Schamane, Tier und Mensch ineinander übergehen.

Wenn man Trump nun, mit einem Anflug von Bosheit, in eines dieser Wesen verwandeln wollte, käme wohl am ehesten der Kiliffak in Betracht: ein raumgreifendes Geschöpf aus der Eiswelt, das jagt, scharrt, verschlingt und sich nimmt, was ihm nicht gehört. Doch das ist nur die feuilletonistische Pointe. Der eigentliche Triumph dieses Buches liegt darin, dass es Grönland gerade nicht durch die Fratze des amerikanischen Begehrens betrachtet, sondern durch die Eigenmacht seiner Imagination. Das Land erscheint hier nicht als Objekt, sondern als Erzählraum — bevölkert von Mächten, die älter sind als jede Präsidentschaft und langlebiger als jeder außenpolitische Größenwahn.

Besonders eindrucksvoll ist die ästhetische Umsetzung. Hinter dem Band steht nicht bloß eine Herausgeberin, sondern ein ganzes Recherche- und Künstlerteam. Maria Bach Kreutzmann arbeitete mit weiteren Rechercheuren und acht Illustratoren zusammen; die visuelle Gestaltung setzt ausdrücklich auf zeitgenössische nordische und grönländische Positionen. Der Verlag spricht zu Recht von einer Übertragung der Mythenfiguren ins 21. Jahrhundert. Das klingt schnell nach Werbesprache, trifft hier aber einen Kern: Diese Bilder illustrieren nicht bloß, sie aktualisieren. Sie machen aus dem Stoff kein Museum, sondern Gegenwart.

Dass ein solches Projekt im Deutschen erscheint, ist kulturell alles andere als selbstverständlich. Es verlangt Recherche, Übersetzungsarbeit, editorisches Augenmaß und den Mut, einer wenig vertrauten Mythologie Raum zu geben, ohne sie zu trivialisieren. Gerade deshalb verdient diese Edition Lob. Sie öffnet ein Fenster in eine Überlieferung, die im deutschsprachigen Raum kaum präsent ist, und tut dies mit Respekt vor der Herkunft und mit Sinn für künstlerische Form. Selbst die bislang wenigen öffentlichen Leserreaktionen betonen vor allem diese Sorgfalt: die Kraft der Illustrationen, die Nähe zu den Geschichten, die besondere Stimmung des Bandes.

Natürlich liegt in der Anlage des Buches auch eine Grenze. Wer zu jedem Wesen eine ausführliche ethnologische Abhandlung erwartet oder sich eine stärker systematische Kommentierung wünscht, könnte die Form als zu knapp empfinden. Doch wäre es verfehlt, daraus einen Mangel zu machen. Dieses Buch will kein universitärer Apparat sein. Es will erschließen, verlocken, sichtbar machen. Und genau das gelingt ihm.

Bestiarium Groenlandicum ist mehr als ein schön gemachtes Sonderbuch. Es ist ein verlegerisches Statement: gegen die gedankenlose Vereinnahmung einer Kultur, gegen das kartographische Denken der Macht, gegen die Arroganz des bloßen Zugriffs. Während anderswo über Grönland gesprochen wird, als sei es eine zu erwerbende Fläche, erinnert dieses Buch daran, dass ein Land zuerst aus Geschichten besteht. Aus Bildern. Aus Stimmen. Aus Wesen, die nur dem etwas verraten, der nicht kommen will, um zu besitzen, sondern um zu lernen.


Genre: Bildband, Kulturgeschichte, Mythologie
Illustrated by Inuit

Lena

Ludwig Aumüllers Roman Lena erzählt von Aufbruch, Verlust, sozialem Aufstieg und weiblicher Selbstbehauptung. Die Titelfigur, eine junge Frau aus Bayern, verlässt im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Heimat und wagt den Schritt in die Vereinigten Staaten. Was zunächst als Auswanderungsgeschichte beginnt, entfaltet sich nach und nach zu einem breit angelegten Lebensroman, der Liebesgeschichte, Gesellschaftspanorama, Abenteuererzählung und historische Kulisse miteinander verbindet.

Seine stärkste Seite hat dieses Buch in seiner Hauptfigur. Lena ist eine Frau mit Eigenwillen, Energie und Zähigkeit. Sie liebt, leidet, lernt, handelt und behauptet sich in einer Welt, in der Frauen gewöhnlich nicht die Regeln bestimmen. Gerade diese Konstellation verleiht dem Roman innere Spannung. Lena trägt den Text fast durchgehend, weil sie nicht nur Objekt der Ereignisse bleibt, sondern deren Motor wird.

Der Autor setzt dabei deutlich auf Handlung. Sein Roman scheut weder große Gefühle noch große Wendungen. Auswanderung, geschäftlicher Erfolg, gewaltsamer Verlust, Reise in den Wilden Westen, neue Liebe, familiäre und wirtschaftliche Bewährung, schließlich Alter und Tod: All das ist großzügig aufgefächert und mit sichtbarer Lust am Erzählen dargeboten. Wer von einem Buch erzählerischen Zug, Anschaulichkeit und einen langen Lebensbogen erwartet, wird an Lena durchaus Gefallen finden.

Auch das historische Ambiente besitzt Reiz. Amerika erscheint als Raum großer Chancen, aber auch als Schauplatz von Härte, sozialem Risiko und entschlossener Selbstformung. Der Roman bewegt sich von Bayern über New York und Virginia bis nach Louisiana und gewinnt aus diesen Ortswechseln Weite. Besonders die Verbindung aus weiblicher Emanzipationsgeschichte und ökonomischem Aufstieg ist interessant, weil sie der Figur ein Profil jenseits bloßer Liebesverstrickung gibt.

Allerdings liegen hier auch die Grenzen des Buches. Lena ist ein Roman, der viel will und viel erzählt; mitunter will und erzählt er vielleicht zu viel. Manche Wendungen häufen sich in einer Weise, die weniger aus innerer Notwendigkeit als aus erzählerischer Lust an der Zuspitzung hervorgegangen scheint. Das mindert die Glaubhaftigkeit einzelner Entwicklungen. Der Roman bewegt sich dann streckenweise nahe an melodramatischen Mustern.

Aumüller kann zügig und verständlich erzählen, doch nicht selten gerät der Ton ins Erklärende oder Referierende. Wo man sich als Leser mehr atmosphärische Verdichtung, mehr Zwischenton, mehr sinnliche oder psychologische Feinzeichnung wünschte, begnügt sich der Text bisweilen mit einer soliden Mitteilung des Geschehens. Nebenfiguren wirken dadurch gelegentlich eher funktional als ausgearbeitet.

Das muss man allerdings im Kontext der Anlage sehen. Lena will offenkundig kein Sprachkunststück oder formales Experiment sein, sondern eine große, gut lesbare Erzählung. Das gelingt: Das Buch besitzt einen deutlichen Zug zur anschaulichen Historisierung, eine sympathische Bewunderung für seine Heldin und spürbare Freude am epischen Ausmalen eines außergewöhnlichen Frauenlebens.

Lena ist ein engagiert und mit sichtbarer Sympathie erzähltes historisches Lebensbild. Seine Qualitäten liegen in der Stofffülle, in der tragenden Figur und im bewegten Erzählfluss. Wer historische Romane mit starker weiblicher Hauptfigur schätzt und bereit ist, über manche grobere Naht hinwegzulesen, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.


Genre: Historischer Roman
Illustrated by DWG

Sie sitzen ja immer noch hier!

Ein Bahnhof ist ein Ort der Übergänge, des Wartens, des Aufbruchs, der Gereiztheit und der Verlorenheit. Wer dort arbeitet, sitzt mitten im Strom der Gegenwart. Andreas Schorsch nutzt diese besondere Beobachterposition für ein Buch, das aus scheinbar kleinen Szenen besteht und doch ein erstaunlich präzises Zeitbild entstehen lässt. Sie sitzen ja immer noch hier! versammelt kurze Episoden aus dem Alltag am DB-Service-Point, ergänzt durch Ausflüge an den Flughafen und in die sogenannte Freizeit. Was nach lockerer Anekdotensammlung klingt, entwickelt rasch einen eigenen Reiz: als Chronik eines Berufslebens im Dauerfeuer menschlicher Eigenheiten.

Schorsch schreibt aus der Nähe zur Wirklichkeit, und genau darin liegt eine der Stärken dieses Bandes. Nichts wirkt ausgedacht oder nachträglich aufbereitet. Der Ton ist direkt, schnörkellos, lakonisch, oft von trockenem Witz getragen. Der Erzähler beobachtet seine Umwelt mit geschärftem Blick und feinem Gespür für jene Momente, in denen der Alltag ins Absurde kippt. Fahrgäste, Fragesteller, Besserwisser, Eilige, Hilflose, Nachtschwärmer und notorisch Orientierungslosige treten auf wie in einem fortlaufenden Stationendrama, das mal komisch, mal unerquicklich, bisweilen auch anrührend ist.

Gerade die Kürze der Texte erweist sich dabei als produktiv. Schorsch braucht keine langen Anläufe. Er setzt auf die schnelle Erfassung einer Situation, auf den knappen Dialog, auf die Pointe, die oft nicht gesucht wirkt, sondern aus der Sache selbst hervorgeht. Das verleiht vielen Stücken Tempo und Frische. Man liest diese Miniaturen mit dem Gefühl, einem Erzähler zuzuhören, der sein Material nicht aus zweiter Hand kennt, sondern Tag für Tag erlebte – müde, wach, genervt, amüsiert und immer gezwungen, weiterzumachen.

Dem Autor gelingt es, das Buch den Bahnhof als sozialen Verdichtungsraum sichtbar macht. Hier kreuzen sich Milieus, Erwartungen und Überforderungen. Zwischen Servicefenster, U-Bahn-Anschluss, nächtlicher Leere und vorweihnachtlichem Ausnahmezustand erscheint der öffentliche Raum nicht als abstrakte Infrastruktur, sondern als Bühne des Menschlichen in all seiner Komik und Zumutung. Hinter den Schilderungen steht ein genauer Blick auf Verhaltensmuster, auf Sprachunfälle, auf moderne Ungeduld und jene eigentümliche Mischung aus Anspruch und Hilflosigkeit, die den öffentlichen Alltag so unerquicklich wie erzählenswert macht.

Hinzu kommt, dass das Buch mehr ist als bloße Unterhaltungsliteratur aus dem Bahnbetrieb. Besonders in den Texten aus der Corona-Zeit gewinnt es eine dokumentarische Qualität, ohne trocken zu werden. Plötzlich stehen nicht nur skurrile Kundenfragen im Raum, sondern auch Leere, Unsicherheit, Verordnungen, Maskenpflicht, latente Gereiztheit, soziale Erosion. Der Bahnhof verändert sein Gesicht, und mit ihm verändert sich der Ton der Beobachtungen. Gerade hier zeigt sich, dass Schorschs Buch nicht nur komisch sein will, sondern auch eine Chronik jener Jahre liefert, in denen die öffentliche Welt aus den Fugen geriet.

Dabei ist der Humor dieses Bandes wohltuend unprätentiös. Er kommt ohne artistische Verrenkungen aus und vertraut auf den Eigensinn der Realität. Schorsch muss seine Figuren nicht karikieren, weil sie sich oft schon selbst entwerfen. Dass der Erzähler dabei bisweilen schnoddrig, genervt oder sarkastisch klingt, gehört zum Ton des Milieus und gibt dem Buch seine Glaubwürdigkeit. Unter der Ironie bleibt stets spürbar, dass hier einer nicht von oben herab schreibt, sondern aus dem Inneren einer Dienstwelt heraus, die viel Geduld verlangt und kaum Dank kennt.

Natürlich lebt ein solcher Band stärker von Stimme und Blick als von dramatischer Entwicklung. Aber genau darin liegt sein Charme. Sie sitzen ja immer noch hier! ist ein Episodenbuch, das seinen Stoff kennt, sein Personal beherrscht und aus der Wiederkehr des Ähnlichen einen eigenen Rhythmus gewinnt. Gerade in dieser Form wird es zu einer Art literarischem Protokoll des öffentlichen Alltags: leicht, bitter, komisch und überraschend gegenwärtig.

Andreas Schorsch ist ein Buch gelungen, das man mit Vergnügen liest – nicht trotz, sondern wegen seines unspektakulären Schauplatzes. Denn der Service-Point erweist sich hier als ein Platz in der ersten Reihe. Wer wissen will, wie Menschen reden, reagieren, sich verirren, aufregen, improvisieren und weitermachen, findet in diesem Band reichlich Anschauungsmaterial. Und wer literarische Alltagsbeobachtung schätzt, die ihren Witz aus dem gelebten Betrieb zieht, wird an diesen Geschichten Freude haben.


Genre: Anekdoten, Humor und Satire
Illustrated by DWG

Der Mörder zahlt mit einer Mark

Gabi Thiemes Der Mörder zahlt mit einer Mark versammelt drei reale Kriminalfälle aus Sachsen und kreist um eine ebenso schlichte wie verstörende Frage: Gibt es das perfekte Verbrechen? Schon der Aufbau des Bandes zeigt, dass es der Autorin nicht um sensationslüsterne Effekte geht, sondern um die Rekonstruktion von Taten, die lange im Dunkeln lagen. Im Vorwort beschreibt sie ihr Buch ausdrücklich als Arbeit gegen das Vergessen, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporterin.

Am eindringlichsten gerät der erste, große Fall um die 1987 ermordete Heike Wunderlich. Thieme zeigt das Opfer zunächst als junge Frau mit Familie, Arbeit, Zukunftsplänen und alltäglichen Sorgen, bevor das Verbrechen mit voller Härte in dieses Leben einbricht. Gerade diese behutsame Vergegenwärtigung macht die spätere Tat so erschütternd. Dass der Täter Jahrzehnte später dank DNA-Spur doch noch wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird, verleiht dem Text eine beklemmende, fast unerhörte Form später Gerechtigkeit.

Die beiden anderen Fälle erweitern den Band stimmig. In „Der verlorene Sohn“ geht es um Uwe Schulze, einen Beteiligten an einem Sparkassenraub, der nach seiner Verurteilung, Haft und erneuter Reise schließlich bei der Einreise nach Thailand aufgrund eines noch aktiven internationalen Haftbefehls festgenommen wird; hier interessiert die Autorin weniger die bloße Strafsache als die beschädigte Vater-Sohn-Beziehung. „Tödlicher Cocktail“ wiederum erzählt von Anja Kaiser, die ihren Mann nach Überzeugung des Gerichts vergiftete und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde; besonderes Gewicht erhält dabei der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs mit der Tochter, der zum zentralen Beweismittel wird.

Die Stärke des Buches liegt in seiner journalistischen Genauigkeit, seiner Nähe zu Ermittlern, Angehörigen und Gerichten und in der Fähigkeit, aus Aktenstoff erzählerische Spannung zu gewinnen. Schwächen liegen dort, wo die Darstellung zu sehr erklärt, emotional nachdrückt oder in eine leicht romanhafte Rekonstruktion hineinrutscht. Nicht jede Szene müsste so stark auf Wirkung hin formuliert sein; manches wäre gerade dann noch eindringlicher, wenn es kühler bliebe.

Der Mörder zahlt mit einer Mark ist ein bemerkenswertes True-Crime-Buch: kein bloßes Gruselkabinett, sondern ein Stück ostdeutscher Erinnerungs- und Mentalitätsgeschichte. Gabi Thieme schreibt mit Ernst, Erfahrung und Respekt vor den Opfern. Gerade das macht den Band lesenswert.


Genre: Sachbuch, True Crime
Illustrated by Paperento

Wie die Karnickel

In einem alternativen England leben vernunftbegabte, sprechende Kaninchen unter den Menschen, mitten im Alltag und doch in einer eigentümlichen Zwischenstellung: geduldet, beargwöhnt, registriert, verwaltet. Was zunächst nach skurriler Phantastik klingt, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierte Satire.

Im Mittelpunkt steht Peter Knox, Ich-Erzähler und alles andere als ein Held von strahlender Entschlossenheit. Er arbeitet als sogenannter Spotter für RabCoT, die Rabbit Compliance Taskforce, das ist eine Behörde, die Kaninchen identifizieren und kontrollieren soll. Aufgrund eines genetischen Defekts kann Peter Kaninchen einigermaßen voneinander unterscheiden – eine Fähigkeit, die ihn in dieser Welt beruflich wertvoll, moralisch aber unerquicklich verstrickt macht. Als seine Arbeit ihn immer tiefer in die Logik eines zunehmend befremdlichen Systems hineinzieht und zugleich persönliche Begegnungen seine Perspektive verschieben, gerät seine sorgsam gepflegte Neutralität ins Wanken.

Damit ist bereits das eigentliche Feld des Romans betreten. Wie die Karnickel ist weder Tierfabel noch bloße Groteske, sondern Satire im klassischen Sinn: Literatur der Überzeichnung, der Verschiebung und der entlarvenden Zuspitzung. Fforde nimmt eine absurde Prämisse und behandelt sie mit einer Konsequenz, die das Lächerliche nie im bloßen Klamauk versanden lässt. Entscheidend ist nicht der Einfall allein, sondern die Strenge, mit der er durchgespielt wird. Gerade daraus gewinnt der Roman seine eigentümliche Spannung.

Fforde beherrscht jene trockene, scheinbar beiläufige Komik, die aus sachlichem Vortrag und irrem Inhalt Funken schlägt. Verordnungen, Zuständigkeiten, Regelwerke und statistisch klingender Unsinn entfalten hier eine fast gespenstische Komik. Das Absonderliche erscheint in Gestalt sauber formulierter Verwaltungslogik. Darin liegt der Reiz dieses Buches: Nicht das Chaos ist erschreckend, sondern die Ordnung, mit der es organisiert wird.

Peter Knox ist dafür die richtige Zentralfigur. Er ist anständig genug, um Unbehagen zu empfinden, bequem genug, um daraus nicht sofort Konsequenzen zu ziehen. Gerade diese Durchschnittlichkeit macht ihn literarisch interessant. An ihm zeigt sich, wie leicht man sich in fragwürdigen Verhältnissen einrichten kann, solange sie ordentlich aussehen und sich mit den passenden Begriffen versehen lassen. Fforde macht aus ihm keinen moralischen Leuchtturm, sondern einen Zeugen seiner eigenen Langsamkeit. Das ist klug, weil die Satire dadurch nicht nur auf offen erkennbare Torheiten zielt, sondern auch auf das träge Selbstverständnis des Normalen.

Wer freilich psychologische Feinarbeit und schillernde Mehrdeutigkeit erwartet, wird an Grenzen stoßen. Fforde ist kein Autor des diskreten Andeutens. Die Linien seines Romans sind deutlich gezogen, die Konstruktion bleibt sichtbar, manche Figur erfüllt eher eine satirische Funktion, als dass sie in voller Tiefe ausgeleuchtet würde.

Interessant ist dabei die Frage, wie gut Ffordes britischer Humor deutsche Leser erreicht. Denn seine Komik ist unverkennbar englisch geprägt: trocken, unterkühlt, absurd und oft aus einer Pedanterie gespeist, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Dazu kommen Wortspiele, kulturelle Nebenklänge und ein Rhythmus des Erzählens, der stark vom Understatement lebt. Vermutlich lässt sich so etwas nicht verlustfrei übertragen. Manches dürfte im Original federnder, boshafter und eleganter sein. Doch die deutsche Fassung von Miriam Neidhardt trägt erstaunlich weit. Denn der Witz sitzt nicht nur im einzelnen Bonmot, sondern in der gesamten Konstruktion: in der bürokratischen Sprache, in der Situationskomik, in der Konsequenz, mit der das Ungeheuerliche als normal behandelt wird.

Die eigentliche Qualität des Romans besteht darin, dass. Fforde sich nicht damit begnügt, eine kuriose Ausgangsidee auszubreiten. Er baut aus ihr eine eigene Wirklichkeit, mit Regeln, Ritualen und Denkfehlern, die in sich stimmig sind. Gerade dadurch entsteht jene merkwürdige Balance zwischen Komik und Beklemmung, die das Buch trägt. Man schmunzelt über die Absurditäten dieser Welt und merkt zugleich, wie vertraut einem ihre Mechanismen vorkommen.

Bisweilen ist die Absicht des Romans allzu deutlich sichtbar, bisweilen gerät die Zuspitzung etwas didaktisch. Auch bleiben einige Nebenfiguren eher Markierungen im satirischen Tableau als vollgültige Charaktere. Doch Wie die Karnickel besitzt Witz, Tempo, formale Konsequenz und jenes kontrollierte Maß an Verrücktheit, das gute Satire braucht.

Jasper Ffordes Roman ist eine klug gebaute, sehr britische Satire, die ihre skurrile Prämisse nicht als Selbstzweck ausstellt, sondern als präzises literarisches Werkzeug nutzt. Der Autor schreibt nicht über possierliche Tiere, sondern über die seltsamen Ordnungen, die Menschen hervorbringen, und über die Absurditäten, die sie dann mit großer Ernsthaftigkeit für vernünftig erklären. Das ist komisch, unerquicklich und von beachtlicher Schärfe.


Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Satyr

Eternos

Stefan Leitholds Eternos ist ein verschachtelt gebauter Roman, und gerade daraus bezieht er einen guten Teil seines Reizes. Der Roman, den wir lesen, heißt Eternos. In ihm gibt es den Schriftsteller Richard Kalluff, der ebenfalls einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht hat. Und dieser fiktive Roman wird wiederum von Regisseur Mirko Lossewsky als gleichnamiges Schauspiel auf die Bühne gebracht. Der Text markiert diese Konstruktion ausdrücklich: Lossewsky spricht von Kalluffs neuem Roman und davon, dass dessen Werk als Theaterstück auf die Bühne solle; später sieht der Schauspieler Martin Sterngrad das Plakat: „ETERNOS – Ein Schauspiel nach dem Roman von Richard Kalluff“.

Schon der Prolog zeigt, dass Leithold nicht bloß Theateratmosphäre erzeugen will, sondern Theater als Lebensmacht begreift. Mirko Lossewsky wächst zwischen Schauspielerin-Mutter, Bühnenbildner-Vater und frühem Puppenspiel auf. Der Satz des Vaters, der Künstler befreie das Kunstwerk und dies sei ein schmerzhafter Prozess, klingt wie ein Programm durch den ganzen Roman. Früh verschränken sich hier Kunst, Verwandlung und Gefahr.

Im Zentrum der eigentlichen Handlung steht dann Martin Sterngrad, ein talentierter, aber noch nicht gefestigter Schauspieler. Lossewsky besetzt ihn überraschend als Linus in der Bühnenfassung von Kalluffs Eternos. Von da an beginnt die Grenze zwischen Probe und Wirklichkeit zu zerfließen. Denn Lossewsky will nicht, dass seine Schauspieler bloß spielen. Sein Credo lautet: „Du sollst deine Rolle nicht spielen, du sollst sie werden!“ Damit wird Martin nicht nur Darsteller einer Figur, sondern allmählich ihr Träger.

Hier liegen die stärksten Seiten des Romans. Leithold entwirft die Stadt Eternos mit deutlicher Sinnlichkeit: Palast, Gassen, Bezirke, Brunnen, Unterwelten und Übergänge erscheinen nicht als bloße Dekoration, sondern als Bühnenwelt mit eigener Sogkraft. Martin betritt diese Kulisse und erlebt, dass sie ihren Status als Szenerie verliert. „Willkommen in Eternos!“, sagt Lossewsky – und dieser Satz wirkt wie eine Schwelle. Von nun an wird aus dem Bühnenbild eine zweite Wirklichkeit.

Dass dieser Übergang bedrohlich ist, spricht vor allem Dorothea Manserna aus, die warmherzige Kostüm- und Maskenbildnerin des Romans. Sie warnt Martin, er könne sich auf dieser Bühne verlieren. Auch Martin selbst findet dafür die prägnanteste Formel: „Es wird alles echt!“ In solchen Momenten gewinnt das Buch seine eigentliche Tiefe. Es handelt dann nicht bloß von Theaterzauber, sondern von der Frage, was Kunst mit denen macht, die sich ihr ganz ausliefern.

Zugleich ist Eternos ein poetologischer Roman. Richard Kalluff steht für den Autor, der seine Figuren entwirft und auf ein Ende hin ordnet. Mirko Lossewsky dagegen will diese Verfügung aufbrechen. Er besteht darauf, dass die Zuschauer eben nicht nur das geschriebene, sondern das „wahre Ende“ erleben sollen. In dieser Konstellation verhandelt Leithold den Gegensatz von Literatur und Bühne, von Text und Verkörperung, von Komposition und Kontrollverlust. Das ist gedanklich reizvoll und hebt den Roman über bloße Fantasy hinaus.

Leitholds Sprache liebt das Bedeutungsleuchten, den dunklen Schimmer, die große Geste. Das passt zum Stoff, führt aber gelegentlich zu einer gewissen Überhitzung. Nicht jede Szene müsste in solcher Emphase stehen. Manches wäre stärker, wenn es schlichter gesagt wäre. Auch einige Figuren der Binnenwelt bleiben eher Funktionen eines großen Entwurfs als voll ausgearbeitete Charaktere.

Dennoch ist Eternos ein bemerkenswert eigenständiges Buch. Es nimmt Theater ernst, nicht als Dekor, sondern als riskante Kunstform der Verwandlung. Der Epilog bestätigt den Erfolg der Inszenierung, verändert Martins Schauspielerleben grundlegend und lässt Lossewskys Geheimnis doch bewusst ungelöst. Gerade darin liegt Konsequenz. Ein Roman, der von der Macht der Illusion lebt, darf sein Zentrum nicht restlos entzaubern.

Leitholds Eternos ist ein ambitionierter, bildstarker Theaterroman mit phantastischem Kern. Nicht alles daran ist makellos; manches ist zu viel, manches zu ausdrücklich bedeutungsvoll. Aber das Buch besitzt Sog, Mut und eine unübersehbare Liebe zur Kunst. Das macht es lesenswert.

Wer nach literarischen und ästhetischen Wahlverwandtschaften sucht, mag sich bei Eternos bisweilen an Arthur Schnitzlers Der grüne Kakadu erinnert fühlen, wo Spiel und Wirklichkeit ununterscheidbar ineinanderkippen; an Erin Morgensterns Der Nachtzirkus, dessen künstlich erschaffene Wunderwelt den Besucher nicht bloß umgibt, sondern verschlingt; oder auch an Christopher Nolans Inception, das seine Wirkung aus der raffinierten Verschachtelung mehrerer Realitätsebenen gewinnt. Doch Stefan Leithold variiert diese Motive auf eigene Weise: stärker vom Theater her gedacht, stärker auf Verkörperung, Regie und Identitätsverlust zugespitzt. Wo Schnitzler die Maske gesellschaftlich pointiert, Morgenstern die Kunstwelt märchenhaft verzaubert und Nolan Wirklichkeit als Konstruktion befragt, macht Eternos aus all dem ein düsteres Spiel über die gefährliche Macht der Bühne.


Genre: Roman
Illustrated by Ultraviolett

Mutmacher-Menschen. Schräg. Stark. Außergewöhnlich.

Es gibt Buchtitel, die zunächst Skepsis wecken. „Mutmacher-Menschen“ ist so ein Fall. Das Wort klingt nach Ratgeber, nach guter Absicht, vielleicht sogar nach jener Tonlage, in der das Leben allzu schnell in moralisch brauchbare Lehren zerlegt wird. Umso erfreulicher ist es, dass Marcel Friederichs Buch besser ist, als sein programmatischer Titel zunächst vermuten lässt.

Friederich hat kein Buch über Helden geschrieben. Seine Stärke liegt darin, Menschen nicht zu idealisieren, sondern sie als Menschen ernst zu nehmen: verletzlich, erschöpft, gezeichnet, reflektiert, manchmal tapfer, manchmal müde, oft überraschend pragmatisch. Dass dieses Buch funktioniert, liegt vor allem daran, dass sein Autor nicht von außen auf seine Gesprächspartner blickt. Er bringt seine eigene Geschichte mit.

Friederich lebt seit Geburt mit dem Möbius-Syndrom, einer körperlichen Beeinträchtigung, die sich besonders in seiner Mimik zeigt. Diese biografische Erfahrung verleiht dem Band sein moralisches Zentrum. Hier spricht keiner aus sicherer Beobachterdistanz über „Betroffene“. Hier schreibt einer, der selbst weiß, was es heißt, angestarrt, eingeordnet oder unterschätzt zu werden.

Aus diesem persönlichen Ausgangspunkt entwickelt sich ein Buch, das aus autobiografischen Passagen, Begegnungen und Interviews besteht. Friederich porträtiert sehr unterschiedliche Menschen: Teresa Enke, die für einen offeneren Umgang mit Depressionen kämpft; Thomas Hitzlsperger, der über Homosexualität und Öffentlichkeit spricht; David Dietz, der ohne Hände und mit einem halben Arm eine verblüffende Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Alltag entwickelt hat; die 90-jährige Rosi aus Mainz, die auf Instagram nicht Jugend simuliert, sondern gelebte Zeit in Lebensklugheit verwandelt. Andere Kapitel widmen sich Fehlgeburten, Alopezie, chronischen Erkrankungen, Rollstuhlerfahrung oder psychischer Krise.

Die stärksten Momente dieses Buches sind jene, in denen Friederich nicht bloß Botschaften sammelt, sondern Szenen schafft. Wenn Lilly Fritz auf einem Pferd sitzt und plötzlich nicht mehr nur von unten auf die Welt schaut. Wenn David Dietz mit einem Stift, den er unter seiner Armbanduhr fixiert, schneller auf einer Tastatur tippt als manche mit zehn Fingern. Wenn Teresa Enke am Maschsee erscheint und in einem unaufgeregten Gespräch jene seltene Mischung aus Schmerz und Klarheit spürbar wird, die das Thema psychische Erkrankung dem bloß Symbolischen entreißt. Solche Bilder tragen das Buch. Sie geben ihm Anschaulichkeit und Würde.

Gerade darin liegt die eigentliche Qualität von „Mutmacher-Menschen“: Es will sichtbar machen, ohne auszustellen. Es sucht Nähe, ohne larmoyant zu werden. Und es widerspricht, leise aber beharrlich, jener gesellschaftlichen Gewohnheit, Menschen mit Behinderung, Krankheit oder biografischem Bruch entweder zu bemitleiden oder zu übersehen. Friederich interessiert sich nicht für spektakuläre Ausnahmeexistenzen, sondern für gelebte Wirklichkeit. Sein Thema ist nicht Heldentum, sondern Selbstannahme.

Freilich hat das Buch auch Grenzen. Sein Grundgestus ist so eindeutig auf Ermutigung ausgerichtet, dass manche Kapitel einer wiederkehrenden Dramaturgie folgen: Krise, Erkenntnis, Aufrichtung. Das nimmt der Lektüre bisweilen Reibung. Nicht jede Erfahrung fügt sich so sauber in eine positive Bewegung, wie es die Buchkonzeption nahelegt. Manches bleibt geglättet, manches allzu rasch auf Ermutigung hin zugespitzt. Die Ambivalenz des Lebens, die Zähigkeit des Scheiterns, die lange Dauer von Überforderung dürfen in diesem Buch zwar vorkommen, doch sie bekommen nicht immer denselben Raum wie die Hoffnung.

Stilistisch schreibt Friederich eher klar als kunstvoll. Seine Sprache ist funktional, zugewandt, journalistisch solide, aber selten von besonderer literarischer Eigenwilligkeit. Wo er kommentiert und seine Gesprächspartner ausdrücklich bewundert, kippt der Ton gelegentlich ins allzu Bekräftigende. Vor allem das abschließende „Rezeptbuch“, das die Erfahrungen des Bandes in Wege zu mehr Mut und Selbstwert übersetzt, wirkt nützlicher als literarisch überzeugend. Gerade nach den konkreten, oft berührenden Lebensgeschichten ist diese Verdichtung in Leitsätze die schwächere Form.

Und doch wäre es verfehlt, dieses Buch an Kriterien zu messen, die ihm nur teilweise angemessen sind. Mutmacher-Menschen“ will keine sprachartistische Prosa sein und kein theoretisches Standardwerk über Inklusion, Trauma oder Resilienz. Es ist ein Buch des Gesprächs, der Anteilnahme und der Sichtbarmachung. Sein Wert liegt nicht in formaler Radikalität, sondern in menschlicher Glaubwürdigkeit. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten schnell verhärten und Schwäche gern entweder dramatisiert oder verdrängt wird, setzt Friederich auf eine andere Geste: zuhören, erzählen, enttabuisieren.

Man kann das pathetisch finden. Man kann sich an manchen Wiederholungen stören. Man kann einwenden, dass der Titel das Buch enger macht, als es in seinen besten Momenten ist. All das wäre nicht falsch. Aber ebenso richtig ist: Dieses Buch hat ein offenes Herz und einen klaren sozialen Blick. Es traut seinen Figuren Würde zu. Es spricht über Behinderung, Krankheit, Verlust und Anderssein nicht als Defizite, sondern als Teil menschlicher Erfahrung. Das ist nicht wenig.

Am Ende bleibt der Eindruck eines ernsthaften, warmen und notwendigen Buches. Eines Buches, das dort überzeugt, wo Literatur und Journalismus sich sinnvoll berühren: im genauen Hinsehen auf Leben, die allzu oft an den Rand gedrängt werden.


Illustrated by pinguletta Verlag

Können Sie mich sehen?

Martin Suters „Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice“ möchte an jene Disziplin anschließen, in der sein Autor lange nahezu konkurrenzlos war: die kunstvolle Kleinform der satirischen Büroprosa. Wieder geht es um das Personal der gehobenen Arbeitswelt — um CEOs, Bereichsleiter, Aufsteiger, Statusgläubige und jene mittlere Managementkaste, die sich mit bewundernswerter Verbissenheit für unentbehrlich hält. Das Milieu ist Suter nach wie vor vertraut. Nur: Vertrautheit allein ist noch keine literarische Frische.

Der Band versammelt Miniaturen aus der Welt der Arbeitsrituale, Hierarchiegesten und sprachlichen Selbstveredelungen. Homeoffice, Maskenzeit, Selbstoptimierung, Anglizismen, Karrierepose und soziale Verkrampfung bilden das Material. Man erkennt sofort den alten Suter: den genauen Beobachter jener Menschen, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Rollen eingerichtet haben, deren Lächerlichkeit sie selbst nicht bemerken. Auch diesmal verfügt er über das feine Ohr für das Idiom des Managements, für die hohle Eleganz seiner Floskeln, für den Hochglanzton einer Welt, die jeden simplen Vorgang mit Wichtigkeit auflädt.

Und doch bleibt die Lektüre merkwürdig unerquicklich. Denn was früher leicht, präzise und böse wirkte, erscheint hier oft wie die routinierte Wiederholung einer bewährten Methode. Viele Texte folgen demselben Bewegungsmuster: Ein Funktionsträger nimmt eine neue Verhaltensregel, ein modernes Führungsritual oder eine sprachliche Mode todernst; daraus entsteht eine kleine Schieflage, am Ende eine kalkulierte Bloßstellung. Das ist handwerklich sauber, aber selten überraschend. Die Pointen kommen zuverlässig, nur treffen sie zu oft ins Leere.

Gerade dort, wo das Buch besonders gegenwartsnah sein will, zeigt sich seine Schwäche. Die Texte über Homeoffice, Distanzregeln, Masken, digitale Sichtbarkeit und neue Coolness-Gebote besitzen zwar Wiedererkennungswert, aber nur selten Verwandlungskraft. Suter registriert Verhaltensformen; er hebt sie jedoch nicht immer auf jene Ebene, auf der aus Beobachtung Literatur wird. Vieles bleibt Skizze, manches bloß Einfall. Das Komische erschöpft sich dann im Achselzucken über bekannte Büroabsurditäten, wo man sich eigentlich Schärfe, Fallhöhe oder wenigstens einen wirklich treffsicheren Stich wünschen würde.

Hinzu kommt, dass die Figuren oft nicht mehr als Träger einer Pointe sind. Sie haben Namen, Statussymbole, Marotten und sorgfältig lackierte Oberflächen, aber nur selten innere Kontur. Dadurch verflüchtigt sich auch die Satire: Was nicht mehr als Figur glaubhaft wird, kann schwerlich als gesellschaftlicher Typus nachhallen. Die Welt der Business Class erscheint hier weniger als scharf gezeichnetes System denn als Ansammlung von Schablonen, die in immer neuen Variationen dasselbe Personal vorführen.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Suter sein Handwerk unverkennbar beherrscht. Seine Sätze sind geschmeidig, sein Timing ist intakt, sein Blick für die Eitelkeiten des gehobenen Erwerbslebens keineswegs erloschen. Man spürt immer wieder, dass er Witz, Rhythmus und Beobachtungsgabe nach wie vor besitzt. Aber gerade deshalb enttäuscht dieses Buch: Nicht weil es völlig misslungen wäre, sondern weil es so deutlich unter dem Niveau seiner Möglichkeiten bleibt.

„Können Sie mich sehen?“ hinterlässt am Ende den Eindruck eines Buches, das auf den Glanz einer alten Form vertraut, ohne ihr noch einmal neue Spannung zu geben. Es ist elegant geschrieben, gewandt gebaut und in Momenten durchaus amüsant — aber zu oft auch mechanisch, vorhersehbar und seltsam aus der Zeit gefallen. Die Welt, die es verspottet, ist voller Aufsteigerphantasien; literarisch jedoch steigt dieser Band nicht auf, sondern sinkt eher eine Klasse tiefer.


Genre: Erzählungen, Kolumnen, Miniaturen
Illustrated by Diogenes

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose

Winfried Ripp erzählt in Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose die Geschichte einer Institution, die im Berlin des Kaiserreichs für ein anderes Verständnis von Fürsorge stand. Sein Gegenstand ist der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein, der wohnungs- und obdachlosen Menschen Schutz bot, ohne sie zu registrieren, zu moralisieren oder zur Arbeit zu zwingen. Das Buch verfolgt die Entwicklung dieses Vereins von den sozialen Ursachen der Obdachlosigkeit über Gründung, Ausbau und Alltag der Asyle bis zu den Kampagnen seiner Gegner, vor allem Friedrich von Bodelschwinghs, und zum späteren Niedergang des Projekts.

 

Ripp schreibt keine bloße Vereinschronik, sondern eine Sozialgeschichte der Ausgrenzung – und der Gegenwehr. Die Stärke seiner Studie liegt in ihrer Klarheit des Gegenstands und in ihrer archivalischen Dichte. Der Autor stützt sich auf Vereinsbestände, staatliche Archive, Materialien aus Bethel sowie auf zeitgenössische Fach- und Tagespresse; ausführliche Originalzitate setzt er bewusst ein, um Denkweisen und Interessenlagen sichtbar zu machen. Das verleiht dem Band ein hohes Maß an Anschaulichkeit.

 

Man liest hier nicht nur von Institutionen, sondern von konkurrierenden Menschenbildern: auf der einen Seite ein Verständnis von Hilfe, das Obdachlose als Menschen in Not begreift, auf der anderen ein System der Kontrolle, Disziplinierung und moralischen Prüfung. Gerade in dieser Zuspitzung wird deutlich, warum das Buch über sein historisches Thema hinausweist.

 

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Ripp die Prinzipien des Asyl-Vereins konkret werden lässt. Dessen Kern war die Wahrung der Anonymität: keine namentliche Erfassung, keine Polizeikontrollen, kein Auftreten als Richter über „Schuld“ und „Unschuld“. Hilfe sollte schnell, unbürokratisch und würdeschonend erfolgen.

 

Dass dies nicht nur ein humanitärer Anspruch blieb, zeigt Ripp am Beispiel der „Wiesenburg“, die er als baulich, hygienisch und organisatorisch überlegenes Gegenmodell zum städtischen Obdach „Palme“ beschreibt: hellere und sauberere Räume, bessere Betten, geordnetere Verpflegung, insgesamt ein weniger entwürdigendes Umfeld.

 

Gerade hier gewinnt das Buch seine größte Überzeugungskraft, weil es zeigt, dass Sozialpolitik sich auch in Architektur, Hausordnung und Alltagsdetails entscheidet. Zwar dient Ripps große Materialtreue nicht immer der Eleganz der Darstellung, doch die Fülle der Quellen macht den Band autoritativ. In seinen Darlegungen lässt der Autor seine Sympathie für den Asyl-Verein und seine Distanz zu Bodelschwinghs Modell sehr deutlich erkennen. Das ist sachlich oft gut begründet, gelegentlich aber stärker engagiert als analytisch austariert.

 

Gerade darin liegt jedoch auch der Nutzen des Buches. Der Autor macht sichtbar, dass die Geschichte der Obdachlosigkeit keine Randnotiz urbaner Elendsgeschichte ist, sondern ein Prüfstein moderner Gesellschaften: Wie wird geholfen, unter welchen Bedingungen – und mit welchem Bild vom Menschen? Der umfangreiche Anhang mit Nutzungszahlen, Zeittafel, Quellen, Literatur und Personenregister unterstreicht zudem den dokumentarischen Wert der Arbeit.

 

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist ein materialreiches, verdienstvolles und in seiner Tendenz bewusst streitbares Buch, das historische Forschung, Berliner Stadtgeschichte und aktuelle Debatten über Wohnungslosigkeit produktiv miteinander verbindet.

 


Genre: Berliner Geschichte, Sachbuch, Sozialgeschichte
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