
Was für eine herrliche Persiflage auf die Astrologie-Szene – und mit einigen Seitenhieben auch auf jene Esoterik, die sich gerne um sie herum versammelt. Katja Kullmann nimmt in ihrem ersten belletristischen Roman „Stars“ eine Welt aufs Korn, in der die Sehnsucht nach Orientierung offenbar umso größer wird, je weniger Orientierung die Wirklichkeit zu bieten hat. Und sie tut das erfreulicherweise nicht mit dem Degen, sondern mit dem Florett.
Die Protagonistin Carla Mittmann hätte eigentlich das geistige Rüstzeug, um gegen kosmische Heilsversprechen einigermaßen immun zu sein. Sie hat Philosophie studiert, ist belesen, intelligent und mit den großen Denkern der Geistesgeschichte bestens vertraut. Nur mit dem eigenen Leben weiß sie nicht so recht etwas anzufangen. Aus einer Mischung aus mangelnder Initiative, Bequemlichkeit und den Zufällen des Lebens landet sie in der Serviceabteilung einer Möbelfirma. Dort bleibt sie neun lange Jahre hängen. Ihr Leben ist nicht wirklich schlecht, aber es findet irgendwie auch nicht statt.
Nebenher betreibt Carla eine Horoskop-Website. Nicht, weil sie an Astrologie glaubt, sondern eher zum Spaß und als kleinen Zuverdienst. Dann steht eines Tages ein Schuhkarton vor ihrer Tür, gefüllt mit 10.000 Dollar und ohne erkennbaren Absender. Carla nimmt das als Wink des Schicksals – oder zumindest als willkommene Gelegenheit, einen solchen darin zu sehen – und gibt ihrem Leben endlich eine neue Richtung, indem sie aus der Hobby-Astrologie ein Geschäftsmodell macht.
Und siehe da: Es funktioniert.
Aus der trägen, gelangweilten Angestellten wird eine erfolgreiche „Astrophilosophin“ mit kontinuierlich wachsender Expertise und fast unangreifbarer Professionalität, schließlich eine gefragte Star-Astrologin mit zahlender Kundschaft, Medienauftritten und Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen, von denen sie vorher weit entfernt war. Das eigentlich Vergnügliche daran ist jedoch, wie sich dabei die Grenze zwischen Hochstapelei und Überzeugung immer weiter verschiebt. Carla beginnt schließlich, selbst an das zu glauben, was sie ursprünglich mit reichlich Distanz ihren Kunden verkauft hat. Oder glaubt sie nur, dass sie daran glaubt? Genau diese Unsicherheit zieht sich eigentlich durch den ganzen Roman. Ein amüsanter Spannungsbogen.
Kullmann erzählt dabei nicht nur eine Geschichte über Astrologie. Sie erzählt über Menschen, die bereitwillig viel Geld dafür bezahlen, dass ihnen jemand eine Geschichte über ihr eigenes Leben erzählt. Eine Geschichte, die erklärt, warum sie sind, wie sie sind, warum Dinge geschehen und was als Nächstes kommen könnte. Dass dafür heute statt eines Philosophen auch einmal Saturn, Pluto oder ein Aszendent zuständig sein können, gehört zu den wohl sehr realistischen Absurditäten unserer Zeit.
Im ersten Drittel hätte „Stars“ allerdings durchaus etwas Straffung vertragen. Die Geschichte braucht eine Weile, bis sie Fahrt aufnimmt. Manche philosophische Abschweifung und manche Beschreibung von Carlas Angestelltendasein ist länger geraten, als es für den Roman unbedingt notwendig gewesen wäre. Auffällig ist zudem der Erzählstil: Über weite Strecken wird mit indirekter Rede gearbeitet. Das schafft Distanz und ist zunächst gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber zunehmend einen eigenen Rhythmus und Charakter. Einen Punktabzug in der B-Note gibt es leider dafür – und das ist sicher etwas ganz Subjektives -, dass eine Kerngeschichte des Plots unaufgeklärt bleibt.
Aber alles in allem ist Katja Kullmann eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin. Bisweilen erinnert die Art, mit der sie ihre Protagonistin von einer eigentlich ziemlich gewöhnlichen Ausgangslage immer tiefer in eine zunehmend absurde Lebensgeschichte hineinmanövriert, sogar ein wenig an Jonas Jonasson – nur deutlich moderner und intellektueller. Kullmann kommt schließlich aus dem Essayistischen und Journalistischen und versteht es entsprechend gut, gesellschaftliche Beobachtungen beinahe beiläufig in eine Geschichte einzubauen. Dass sie schreiben kann, hatte sie ohnehin lange vor ihrem Romandebüt bewiesen: Für „Generation Ally“ erhielt sie bereits 2003 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie Sachbuch.
Besonders gelungen ist der Schluss. Gerade als man meint, Carla habe sich von ihrer eigenen Geschäftsidee endgültig überzeugen lassen und sei vom astrologischen Saulus zum kosmischen Paulus geworden, schlägt Kullmann noch einmal einen Haken. Mehr soll darüber nicht verraten werden. Nur so viel: Die letzten Seiten lassen manches, was vorher geschah, noch einmal in einem etwas anderen Licht erscheinen – und verraten vielleicht auch ein wenig mehr über Kullmanns eigene Haltung zur Astrologie, als sie sich auf den gut 250 Seiten zuvor anmerken lässt.
Ein kluger, amüsanter und wunderbar zeitgemäßer Roman über Orientierungslosigkeit, Lebensunlust, Astrologie, Selbsttäuschung, Geschäftssinn und die so verbreitete und unverwüstliche Sehnsucht danach, dass irgendwo da draußen doch jemand – oder wenigstens irgendein Planet – einen Plan für unser Leben haben möge.



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Nero Corleone. “Es ist wie bei mir“, dachte er, “wir sind gescheite, prächtige Männer von Welt, aber jeder schleppt eben sein Mädchen hinter sich her“, denkt sich der schwarze Kater Nero Corleone und teilt sein Essen mit seiner Rosa. Der von der Schriftstellerin Elke Heidenreich erfundene und von Quint Buchholz liebevoll illustrierte Mäuseschreck ist zwar in Italien geboren, macht aber bald eine große Reise zum Kölner Dom.
„Na? Wie würdest du die Mona Lisa stehlen?“ Eine Frage, die Vincenzo Peruggia, der Kunstdieb des Gemäldes, während seines Gefängnisaufenthalts 1913 einen Mitinsassen mit einem nicht minder verschmitzten Lächeln hätte stellen können. Wie wahrscheinlich wäre es außerdem, eine ‚Leihgabe‘ des Gemäldes genehmigt zu bekommen, wie im Falle des reichen Entrepreneurs Miles Bron im Film Glass Onion? Realistischer war da schon 2019 die Chance, im Rahmen eines Gewinnspiels mit Airbnb eine Nacht im Louvre zu verbringen. Eine Aktion, die sicherlich auch von Beyonces und Jay-Zs Video zu „Apeshit“ inspiriert wurde.
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