Lila Eule

Cordt Schnibbens „Lila Eule“ ist ein Erinnerungsroman, der von den verrauchten Kellern der Bremer Szene Ende der 1960er/Anfang der 1970er über Ost-Berlin der frühen Siebziger bis in die aufgewühlten Monate des Herbstes 1989 driftet. Was sich wie ein riskanter Spagat liest, wird in Briefform zu einer Freundin zusammengehalten: ein epistoläres Langzeitprotokoll, das Coming-of-Age, Ost-West-Politik und Popgeschichte zu einem vibrierenden Ganzen montiert.

Im Zentrum steht Carl, 18, Kabelträger beim „Beat-Club“, Hippie-Idealist, vollgesogen mit Hendrix und Joplin und dem Bremer Club „Lila Eule“ als kulturellem Biotop. Aus Protest gegen den Nazi-Vater wechselt er 1972 trotzig die Systemseite: in die DDR, wo er Mara kennenlernt – Tochter eines Stasi-Offiziers im Westeinsatz. Der private Aufbruch kollidiert mit der staatlichen Paranoia: Maras Vater hält Carl für einen Spitzel und LSD-Dealer, Carl wird festgesetzt und schließlich ausgewiesen. Nach dem Mauerfall kehrt er als Journalist zurück, um Mara in den Ruinen einer Ideologie zu suchen. Dazwischen: Freunde aus der Bremer Clique, ein London-Trip mit Studio-Legenden, Begegnungen, die bis in die Nähe von Markus Wolf führen. Später flackert in der postsozialistischen Verwahrlosung Ost-Berlins der frühe Techno wie ein neues Freiheitsversprechen auf.

Der Roman arbeitet mit einer aufwendig montierten Struktur: Erinnerungsinseln, dokumentarische Dialoge, recherchierte Zeugnisse, autobiografische Splitter – ein Mosaik, das weniger linear erzählt als assoziativ verknüpft. Die Briefform erweist sich dabei als mehr als nostalgischer Rahmen: Sie schafft Nähe, bricht zugleich mit der Pose des allwissenden Erzählers und erlaubt Ambivalenz. Das Politische infiltriert das Private, und umgekehrt – genau in diesem Durchlässigwerden liegt die Intensität des Buches. Die Liebesgeschichte wird zum Seismogramm eines Jahrzehnts, in dem Systeme ihre Bürger misstrauisch mustern und Jugendliche im Rausch der Möglichkeiten Halt suchen.

Die Popkultur ist hier nicht bloße Kulisse, sondern Erkenntnismedium: Musik als Sozialisation, als Dissens, als Schule der Wahrnehmung. Beat-Club und „Lila Eule“ stehen für eine Gegenöffentlichkeit, in der Klangkörper zu politischer Erfahrung werden. LSD und andere Psychodrogen sind nicht romantisiert, aber als Beschleuniger eines Wahrnehmungsregimes präsent, das die Poren für Utopie öffnet – und sie zugleich überreizt.

Stark ist das Buch überall dort, wo es Reibung zulässt: zwischen Carls jugendlicher Hybris und der spröden DDR-Realität; zwischen Sehnsucht und Systemlogik; zwischen dem Archivton dokumentarischer Passagen und dem flirrenden Ich. Der Agentenplot – das Verdachtsgefälle, die Verhöre, die Festsetzung – ist nicht als Genre-Gimmick ins Buch geklebt, sondern wächst organisch aus der Liebesgeschichte. Gerade diese Verschränkung verhindert Kitsch und hält die Spannung, ohne auf billige Cliffhanger zu setzen.

Gestalterisch sticht das Buch hervor durch psychedelisch gestaltete Kapitelseiten und Collagen, am Ende Playlists (via QR-Code) mit über hundert im Text erwähnten Songs. Das ist ein paratextuelles Archiv, das den Lektüremodus erweitert: Man liest nicht nur über Klang – man liest im Klang. Es passt zur Montage-Ästhetik des Romans, dass die Form das Sammeln, Sichten und Neuordnen sichtbar wird.

Kritisch anzumerken ist der offenkundig autobiografische Hintergrund: Vieles wirkt erlebt, protokolliert, wiederaufbereitet. Warum also ein Protagonist namens Carl als vorgeschobene Instanz? Die Entscheidung hat, literarisch betrachtet, Konsequenz: Sie schafft Freiräume für Verdichtung, für die Reibung von Fakt und Fiktion, für das, was Erinnerungsliteratur oft nicht leisten darf, wenn sie sich dem Beleg schuldig glaubt. Carl ist hier nicht Tarnkappe, sondern Laborfigur – er erlaubt, dass biografisches Material poetisch transformiert werden kann, ohne zum Nabelschauen zu erstarren. Wer reine Authentizität sucht, wird das als Manöver lesen; wer Literatur als Form von Erkenntnis begreift, wird darin das ästhetische Versprechen des Buches erkennen.

Wenn „Lila Eule“ eine Diagnose ausspricht, dann diese: Aufbruchsideen scheitern selten an ihrem Mangel, sondern an der Wirklichkeit, die sie nicht mitdenkt – an Institutionen, Routinen, Körpern, die sich der Beschleunigung entziehen. Das Buch hält diesem ernüchternden Befund die Beharrlichkeit des Erinnerns entgegen. Es bleibt dem Pop verpflichtet, ohne ihm zu verfallen; es zeigt Politik in ihrer Intimität, ohne pädagogisch zu werden. Und es bewahrt die Energie der Jugend, indem es ihr Grenzen lässt.

Fazit: Ein vielstimmiger, formal klug gebauter Zeit- und Liebesroman zwischen Kellerclub und Staatssicherheit, zwischen LSD-Euphorie und Kater des „danach“. „Lila Eule“ ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein Resonanzraum: für eine Generation, die lernen musste, dass Intensität kein Ersatz für Institution ist – und dass beides, mit Glück, manchmal zusammenfindet.

 


Genre: Autobiografie, Gesellschaftsroman
Illustrated by Correctiv

Der Mann, der aus dem 3D-Drucker kam

In „Der Mann, der aus dem 3D-Drucker kam“ entwirft Max Claro eine faszinierende Zukunftsvision des Jahres 2060, in der Medizintechnik, künstliche Intelligenz und Bioengineering ineinandergreifen, um Menschen buchstäblich neu zu erschaffen. Im Zentrum der Handlung steht Walter Fabricius, ein ehemaliger Schauspieler, der nach einem Suizidversuch in einem futuristischen Rehabilitationszentrum in Bangkok erwacht – mit ausgetauschten Organen, einem Exoskelett und einem gehirnvernetzten Interface, das sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Weiterlesen


Genre: Roman, Science-fiction

Wendepunkte

Gleich zu Beginn stellt sich die Frage: Kann eine Stadt ein Gegenüber sein? Ein Sehnsuchtsort, ein Spiegel der eigenen Brüche? M. Kruppe beantwortet sie mit seinem autofiktionalen Erfahrungsbericht Wendepunkte ohne Zögern mit Ja. Tampere, die drittgrößte Stadt Finnlands, wird nicht nur zum geografischen Ziel, sondern zum seelischen Resonanzraum eines Autors, der sich auf der Flucht vor den Trümmern seines deutschen Alltags in eine fremde Kultur begibt – und dabei in erster Linie sich selbst begegnet. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Reisen
Illustrated by Edition Outbird

Terrorballade

Was bleibt von einer Bewegung, wenn ihr Pathos verraucht ist? Was bleibt von einem Leben, wenn es in Widersprüchen aufgelöst wird? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, die ihre eigenen Extremismen nur noch als Archivmaterial kennt? Alexander Pfeiffer geht diesen Fragen in seinem neuen Roman Terrorballade nach – klug, lakonisch und mit sicherer Hand für Zwischenräume. Weiterlesen


Genre: Krimi, Romane
Illustrated by Edition Outbird

Der lachende Uhu: Gedichte im Zeichen des Uhus

Der Uhu lacht – und die Poesie fliegt mit
Ein federleichtes Lesebuch über Weisheit, Witz und Waldgeflüster

Mit Der lachende Uhu legt die Prinz Rupi Kulturstiftung einen poetischen Sammelband vor, der auf ebenso charmante wie überraschende Weise unterhält. Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Buch entstand im Rahmen eines offenen Literaturwettbewerbs in Zusammenarbeit mit der Schlaraffia Lietzowia, der bemerkenswerte Resonanz fand: 337 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum beteiligten sich – vom Grundschüler bis zum Großvater, von Hobbypoeten bis zu literarisch versierten Stimmen. Der jüngste Teilnehmer ist neun Jahre alt, der älteste zählt 94 Jahre. Diese ungewöhnliche Spannweite verleiht dem Band eine authentische, generationenübergreifende Vielstimmigkeit. Weiterlesen


Genre: Anthologien, Lyrik
Illustrated by Kindle Edition

Wut und Liebe

Martin Suter ist ein Vielschreiber mit Hang zur stilistischen Experimentierfreude. Er bewegt sich souverän zwischen Romanform, Drehbuch und publizistischem Diskurs. Während ich seinen letzten Roman Melody als eine gelungene Mischung aus Eleganz und Melancholie empfand, blieb mir das darauf folgende, seitenstarke Gesprächsbuch mit Benjamin von Stuckrad-Barre fremd. Nun legt Suter mit Wut und Liebe ein neues Werk vor – sprachlich geschliffen, dramaturgisch ambitioniert, inhaltlich jedoch von ambivalenter Tiefe. Weiterlesen


Genre: Kriminalromane, Roman
Illustrated by Diogenes

Hanka

Mit »Hanka« legt János der Trompeter ein bemerkenswert stilles Debüt vor – eine Erzählung, die mehr aus Zwischentönen als aus Plot besteht, mehr aus Blicken als aus Worten. Das Buch, irgendwo zwischen Protokoll und Poesie, erzählt die vorsichtige Annäherung zweier Nachbarn in Berlin – Martinek, ein introvertierter Musiker, und Hanka, eine eigenwillige junge Frau mit polnischen Wurzeln und auffälligem Körperbewusstsein. Weiterlesen


Genre: Liebesgeschichte
Illustrated by Epubli

Schaurige Orte an der Nordsee. Unheimliche Geschichten

An Land gespülte Mumien aus Ägypten, von Piraten vergrabene Goldschätze, Warften, die dem Untergang geweiht sind – die Nordsee, nicht ohne Grund einst als Mordsee gefürchtet, hat über die Jahrhunderte unzählige Schrecken hervorgebracht. Grund genug für Herausgeber Lutz Kreutzer, in seiner Sammlung „Schaurige Orte – Die Nordsee“ den unheimlichen Facetten dieser Landschaft literarisch nachzuspüren. Weiterlesen


Genre: Anthologie, Gruselgeschichten, Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Gmeiner

Mind Control

Während ein rechtsfanatischer Attentäter in Magdeburg auf einem Weihnachtsmarkt mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge rast und Dutzende Leben zerstört, zeigt sich erneut, wie nah Fiktion und Realität manchmal beieinanderliegen. Stephen King hat das Thema des Massenmords durch ein Fahrzeug bereits Jahre zuvor in seinem Thriller »Mr. Mercedes« aufgegriffen und in »Finderlohn« fortgeführt. Mit »Mind Control« denkt er das Thema auf erschreckende Weise weiter. Weiterlesen


Genre: Horror, Romane, Thriller
Illustrated by Heyne München

Wir sind die Bunten – Erlebnisse auf dem Festival-Mediaval

„Wir sind die Bunten“ ist eine lebendige und faszinierende Anthologie, die die Magie und Vielfalt des Festival-Mediaval in Selb, Europas größtem Mittelalterfestival, einfängt. Mit Beiträgen von bekannten Autoren, Musikern und Festivalbesuchern entsteht eine facettenreiche Sammlung, die Geschichten, Erinnerungen und die einzigartige Atmosphäre dieses Events miteinander verbindet. Weiterlesen


Genre: Anthologie, Phantastik
Illustrated by Acabus

Edward Gorey – Großmeister des Kuriosen

Das Buch über Edward Gorey, den Großmeister des Kuriosen, ist eine Hommage an einen der ungewöhnlichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Es taucht tief in Goreys faszinierende Welt ein, die zwischen surrealistischem Humor, düsterer Melancholie und subtiler Gesellschaftskritik oszilliert. Weiterlesen


Genre: Humor und Satire, Kunst, Surrealismus
Illustrated by Aufbau Berlin, Die andere Bibliothek

Kunst im Krieg: Kulturpolitik als Militarisierung

Stefan Ripplingers Essay “Kunst im Krieg: Kulturpolitik als Militarisierung” ist ein ambitioniertes und differenziertes Werk, das die Verflechtungen von Kunst, Kulturpolitik und den Mechanismen der Macht in Zeiten von Krise und Krieg analysiert. Das Buch ist ein Appell für die Unabhängigkeit der Kunst und eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Instrumentalisierung durch Politik und Gesellschaft. Weiterlesen


Genre: Kunst, Politik und Gesellschaft
Illustrated by PapyRossa

Weinkumpane

Walter Laufenbergs Regionalkrimi beleuchtet auf ebenso unterhaltsame wie tiefsinnige Weise eine historisch turbulente Zeit in Heidelberg. Der Roman schildert das Leben am Hofe des Pfalzgrafen Karl Philipp, dessen schillernder Hofnarr Perkeo nicht nur für humorvolle Einlagen, sondern auch für das Beschaffen von dringend benötigtem Geld verantwortlich ist. Dabei nimmt der Autor seine Leser mit in eine spannende und zugleich skurrile Geschichte, in der Kriminalfall und Zeitgeschichte miteinander verschmelzen. Weiterlesen


Genre: Historischer Roman, Roman
Illustrated by SALONLiteraturVERLAG