Meine Woche mit Marilyn

100 Jahre Marilyn Monroe: Meine Woche mit Marilyn. Auch nach mehr als 60 Jahren ist Marilyn Monroe immer noch ein Mythos. Aber aus Anlass ihres Geburtstages am 1.6.1926 erscheint eine Vielzahl von Publikationen, die mehr Licht in das Rätsel um die eigentliche Norma Jean Baker bringt

Der dritte Produktionsassistent und die weltberühmte Diva

Soll ich sie spielen?”, frägt die private Marilyn ihren neu auserkorenen Schützling Colin Clark. Mit “sie” meint sie ihre andere Persönlichkeit, die Filmdiva, auf die sie getrimmt wurde und an der andere Millionen verdienten. Das “Showgirl” oder “Revuegirl” – die ewig gleiche Rolle – konnte sie erst durchbrechen und sich mit Marilyn Monroe Productions selbständig machte. Ungefähr zur Zeit dieses ersten eigenständigen Films, “Der Prinz und die Tänzerin“, spielt auch die Episode, die Colin Clark in vorliegender “wahrer Geschichte” erzählt. Seine “Woche mit Marilyn” erzählt von der Begegnung im Herbst 1956 in England in den Londoner Pinewood Studios. Die Dreharbeiten mit Sir Laurence Olivier drohen ob der vermeintlichen Allüren der Diva zu scheitern, jedoch gibt es einen, der eisern zu ihr hält: Colin Clark, der Erzähler. Eigentlich kam er über seine Eltern, die Olivier persönlich kannten, zur Filmproduktion. Als dritter Regieassistent ist er Mädchen für alles und muss u.a. die suizidgefährdete Marilyn durch eine Leiter an ihr Fenster retten. Aber alles löst sich in Wohlgefallen auf, denn der vermeintliche Vamp ist ein herzlicher, liebevoller Mensch, der einfach nur etwas Liebe sucht. Dass sie dann auch noch ihre Ehemann, der Dramatiker Arthur Miller, verlässt, gibt ihr erneut das Gefühl des Verlassenwerdens, ihr eigentliches Drama seit ihrer Kindheit. Doch Colin versteht es, ihr das zu geben, was sie auf den rechten Pfad zurückbringt: und sieh da, sie erscheint pünktlich morgens um sieben Uhr zu den Dreharbeiten.

Splish Splash, ein feuchter Kuss im Pool

Natürlich kann alles, was Colin Clark in seinem Tagebuch damals aufgeschrieben hatte, in Zweifel gezogen werden. Aber immerhin versucht er der Legende menschliche Züge abzugewinnen und allein dafür hat er sich ja schon Sympathien verdient. Er ist nicht nur ihrem Ehemann gegenüber kritisch eingestellt, sondern auch Milton H. Greene, ihrem Geschäftspartner in der eigenen Produktionsfirma und Paula Strasberg, ihrem Coach. Die ihm und Marilyn nachgesagte Affäre hat aber eigentlich nie stattgefunden, auch wenn Marilyn in seiner Darstellung auch ein ziemliches Boxluder gewesen zu sein scheint. Insofern ist die Erzählung, dass er als einziger ihr widerstehen konnte und es sogar schaffte sie künstlerisch zu disziplinieren, schon etwas hochgeschraubt, zumal er ja auch noch um sechs Jahre jünger war. Selbst als sie ihn nach dem Nacktschwimmen einen feuchten Kuss auf die Lippen drückt, steht er seinen Mann und widersteht. Man muss anerkennen, dass Clark sie einfach als menschliches Wesen beschreibt, das einfach auch mal sie selbst sein wollte, mit ihm, Colin Clark, konnte sie das scheinbar, wenn auch nur für eine Woche. Und selbst in dieser einen Woche muss sie “sie” spielen. Die Folgen kann sich jeder ausmalen: als sie nämlich “sie” spielt, befinden sich Clark und MM im Windsor Castle und in Null Komma Nichts sind sie von einem Menschenauflauf umringt und die Wachen haben alle Hände voll zu tun. Marilyn diente vielen Männern als perfekte Projektionsfläche ihrer eigenen Phantasien und hatten eigentlich nichts mit MM selbst zu tun, das arbeitet auch Clark gut heraus.

Marilyn Monroe, geb. am 1.6.1926 in Los Angeles als uneheliche Tochter einer Filmcutterin wuchs bei Verwandten und diversen Pflegefamilien auf. Sie war u.a. mit dem Baseballstar Joe DiMaggio (1954) und dem Dramatiker Arthur Miller (1956-61) verheiratet und starb am 4.8.1962 mit 36 Jahren in Brentwood, Los Angeles, an einer Überdosis von Barbituraten. Die genauen Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Colin Clark: Meine Woche mit Marilyn ist der literarische Band der Schirmer/Mosel Centennial-Edition 2026, die vier Titel zu Marilyn Monroe umfasst.

Colin Clark
Meine Woche mit Marilyn
Eine wahre Geschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Bernadette Ott
2026, gebunden, mit Lesebändchen, 224 Seiten
ISBN 978-3-8296-0599-1
Schirmer/Mosel Verlag
€ 7,95 €(Ö) 8,20 CHF 9,15


Genre: Erzählung
Illustrated by schirmer/mosel

Du hättest gehen sollen

Autofiktionale Schreibkrise

Die Erzählung «Du hättest gehen sollen» von Daniel Kehlmann thematisiert die Schaffenskrise eines Drehbuchautors mit Elementen des Horrorfilms, allen voran wird man an «Shining» von Stanley Kubrick erinnert. Dem Ich-Erzähler kommt in einem einsam gelegenen, hochmodernen Chalet in den Alpen die Wirklichkeit abhanden. Das Ganze endet chaotisch, das Kladde des Drehbuchautors bleibt leer und seine Ehe ist gescheitert, – oder auch nicht? So ganz sicher ist nichts in dieser mit phantastischen Elementen angereicherten Erzählung, deren letzter Satz «Und dabei bin ich erst ganz am» ohne Schlusspunkt endet! Ein Zeichen der Unfertigkeit, die sich auch an anderen Stellen im Text dieses unzuverlässigen Ich-Erzählers häufig findet.

Mit Frau und vierjähriger Tochter hat sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler für einige Tage ein Chalet gemietet, um Ruhe zu finden für das Drehbuch eines Films, der als Fortsetzung an den großen Erfolg seines letzten Spielfilms anknüpfen soll. Aber er kommt über einzelne Stichworte und Ideen für sein Filmskript, die er in sein Notizbuch schreibt, nicht hinweg, die auf dem Schreibtisch bereit gelegte Drehbuch-Kladde bleibt leer. In diesem 92 Seiten langen Büchlein findet sich, wie in vielen seiner anderen Bücher, auch der Spiegel als beliebtes Metapher des Autors wieder. Sein Held erkennt sich nicht wieder im Spiegel, er ist seltsam verzerrt oder überhaupt nicht sichtbar, wirkt wie sein eigener Doppelgänger, weiß zwischen Original und Spiegelbild nicht mehr zu unterscheiden. Sogar in dem nächtlich dunklen Fenster seines Arbeitszimmers sieht er manchmal nicht sein Spiegelbild. Ähnlich mysteriös erscheinen plötzlich Bilder an den Wänden, wo vorher keine waren, tauchen an anderer Stelle auf oder zeigen etwas ganz anderes. Der Schwindel mit der Realität geht so weit, dass er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr traut, die Entfernungen im Haus verschieben sich, auf nichts ist mehr Verlass. Ein Geodreieck, das ihm der ziemlich einsilbige Besitzer des Dorfladens beim Einkauf geschenkt hat, zeigt falsche Winkel an. Sogar das Haus verändert seine Proportionen, ist plötzlich riesengroß oder wirkt völlig schief gebaut, er glaubt schließlich sogar, sich in zwei Wesen aufgespaltet zu haben, denn wenn er die Hautür öffnet, fürchtet er, selbst davor zu stehen.

Im Dorf raunt man von unerklärlichen Vorgängen in dem Chalet und dessen Vorgängerbauten, es soll sogar mal ein Turm an dieser Stelle gestanden haben. Einige Urlauber seien spurlos von dort verschwunden, der Ort sei des Teufels. Als der Drehbuchautor den Vermieter anrufen will, um ihn über seine vorzeitige Abreise zu informieren, sucht er im Mobiltelefon seiner Frau nach dessen Nummer und stößt dabei auf eine Textnachricht: «Ich will dich wieder anfassen», -Absender ist ein gewisser David. Er blättert weiter und findet viele ähnliche Nachrichten von ihm. Als er seine Frau zur Rede stellt, verlässt sie nach heftigem Streit das Haus und fährt mit dem Auto davon. Er sitzt in der Falle und flüchtet mit seiner kleinen Tochter zu Fuß hinunter ins Dorf, um dort ein Taxi zu bestellen. Als er fast am Ziel ist, sieht er plötzlich ein erleuchtetes Haus, muss aber feststellen, dass er vor der Haustür des gemieteten Chalets steht. «Du hättest gehen sollen», denkt er sich.

Nach der Lektüre stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob diese Erzählung autofiktional ist, ob Daniel Kehlmann hier seine eigene Schreibkrise schildert. Weder der Plot kann überzeugen noch die wenigen Figuren in diesem literarischen Kammerspiel. Eine besonders schwache Figur ist die der Ehefrau, einer ebenso berühmten wie attraktiven Schauspielerin, die einen akademischen Abschluss in Deutscher Philologie hat und ihrem Mann intellektuell überlegen ist. Sie bleibt als Figur völlig blutleer, die durch ihre Untreue ausgelöste Ehekrise wird lapidar in wenigen Sätzen abgehandelt. Unklar bleibt auch, ob zwischen Schaffenskrise und Ehekrise ein Zusammenhang besteht. Fest steht nur, dass die äußeren Koordinaten des Ich-Erzählers total verschoben sind. Wirklich ärgerlich aber bleiben die vielen mysteriösen Vorkommnisse, denen rein gar nichts folgt!

Fazit:   miserabel

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Erzählung
Illustrated by Rowohlt

Demon Copperhead

Der Begriff „Remake“ ist vor allem in Zusammenhang mit Neuverfilmungen älterer, irgendwann bereits verfilmter Stoffe geläufig. In der Musik ist die Neuinterpretation vergangener Hits auch gang und gäbe, manche nennen es auch Covern. Aber das gibt es auch in der Literatur. Und man kann dafür sogar einen Pulitzer-Preis gewinnen.

So geschehen bei Barbara Kingsolver. Die renommierte US-Schriftstellerin lebt und arbeitet auf der eigenen Farm in Washington County, Virginia. Obwohl sie hauptberuflich Autorin ist, betreibt sie den Hof aktiv. So sagt man. In Ihren Werken scheut sie sich nicht, mit dem Finger auf vordringliche gesellschaftliche Probleme zu zeigen, wie ungleichen gesellschaftlichen Wandel, mangelhafte politische Verantwortung, gestörte Verbindung zwischen Mensch und Natur und fehlende soziale Gerechtigkeit.

Kingsolvers Roman ist eine moderne Nacherzählung von Charles Dickens’ Klassiker „David Copperfield“. Während Dickens im viktorianischen England spielt, versetzt Kingsolver die Geschichte in die USA von heute und thematisiert unter anderem Pflegekinderschicksale, oft unverschuldete Opioidabhängigkeit, inter- und intrafamiliäre Konflikte und das Leben am Rand der Gesellschaft.

Auf ihrer Farm hat die Autorin neben Ackerbau und Viehzucht offensichtlich viel Zeit zum Schreiben. Die Geschichte von Demon Copperfield – der eigentlich Damon Fields heißt (zu deutsch „Felder“!) – erstreckt sich über stattliche 864 Seiten oder 2,2 MB. Also schon einmal eine gute Investition, da es viel Buch fürs Geld gibt.

Und es läuft eine ganze Weile auch richtig gut.

Es ist in weiten Teilen des Buches beeindruckend, wie die siebzigjährige Schriftstellerin keine Mühe hat, sich in das Denken und die Ausdrucksweise eines vielleicht acht- bis zwölfjährigen Jungen hineinzuversetzen. Der Underdog-Slang ist maximal authentisch, vielleicht mit einer leichten Beimischung Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als Leser fühlt man sich direkt angesprochen, als wäre man Demon’s gleichaltriger Kumpel. Und das ist beim Lesen ohne Zweifel eine ganze Weile „verdammt nochmal voll cool, Mann …“. Vielleicht hat die Autorin in ihrer Jugend mal ein paar Jahre in der Bronx verbracht.

Mit dem Heranwachsen des Protagonisten ändert sich nicht nur der Stil des Buches, sondern die Story wird spürbar langatmiger und langweiliger. Die Sprache wird reifer und erwachsener. Leider schleichen sich auch die ein oder anderen sachlichen Fehler ein. Vor allem bei medizinischen Aspekten hat Kingsolver schlecht recherchiert. Die Versorgung einer akuten Knieverletzung ist ebenso falsch dargestellt wie die Gewinnung injizierbaren Fentanyls aus den gleichnamigen Pflastern. Gut dagegen hat sie ausgeführt, wie der unkritische Einsatz morphinähnlicher Schmerzmittel viele Menschen über Jahrzehnte in die Drogenabhängigkeit trieb. Und vielleicht noch treibt.

Gibt es eine Message to take home? Ist man als Kind einer drogenabhängigen Mutter wirklich ohne Perspektive, zur Ausweglosigkeit verdammt? Zieht sich Janis Joplins „Nothing Left to Lose“ wirklich unabdingbar durch das ganze, verdammte Leben, Mann? Oder hat Demon seine Chancen, die es durchaus gab, einfach nicht genutzt? Oder war er aufgrund seiner Startvoraussetzungen dazu einfach nicht in der Lage?

Obwohl das niemand propagiert, scheint das Buch von Barbara Kingsolver vor allem an Adoleszente adressiert zu sein. Aber dafür ein Pulitzer-Preis? Ein Fleißkärtchen wäre auch ok gewesen.


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Roman
Illustrated by dtv

Katzentage

Ewald Arenz: Katzentage

Katzentage. “Manchmal ist das so. Dann ist die ganze Welt nur Kulisse für das eine kurze Stück, das unser Leben heißt.” Der Oktober steht  vor der Tür und damit die schönste Jahreszeit, mit so vielen Schattierungen, wie die Blätter Farben haben. Von Ewald Arenz stammen die herbstlichen Worte, von Florian Bayer die verführerischen Bilder.

Eine wunderschöne Erzählung, so leicht wie…

Ewald Arenz hat eine wunderschöne Erzählung, so leicht wie ein Radausflug an einem sonnigen Herbsttag geschrieben. Zwei Fremde, Paula und Peter, landen aufgrund eines Bahnstreiks – ungewollt und unverhofft – in dem Mainstädtchen Würzburg. Sie beschließen, das Beste aus der Situation zu machen und nehmen sich ein malerisches B&B in einem Garten. Peter, den Paula ursprünglich für einen langweiligen Juristen hielt, entpuppt sich als witziger Gesellschafter und Reisegefährte. Er arbeitet in der Verwaltung derselben Klinik, wo sie eine Arztstelle hat. Aber außer ein paar gemeinsamen Kantinenbesuchen hatte sich zwischen ihnen nicht so viel getan. Alles rein freundschaftlich natürlich, denn die Arbeit läßt mehr als das kaum mehr zu. Doch dann bietet sich ihnen da dieses Fenster: eine Auszeit, eine Flucht aus ihrem Leben und ihrem Alltag. “Katzentage“, nennt der Autor diese Seinsform, “ein paar gestohlene Oktobertage“, eine Auszeit vom Alltag.

…Ein Radausflug an einem sonnigen Herbsttag

Im Herbst wird man immer ein wenig atemlos von der Schönheit, die man so besonders nur jetzt mit allen Sinnen aufnimmt“, sagt Peter, der Poet. “Das sind die leuchtenden Tage, die am Ende entscheiden, ob ein Leben gut war oder nicht“, erwidert Paula, die Sinnliche. Bei einem ersten Spaziergang prickelt es zwischen den beiden schon und das mag nicht nur am Wein liegen. Ein Kuss am Friedhof, was für Peter immer ein Spielplatz der Kindheit war und immer noch, Jahrzehnte später, das Gefühl des Nachhausekommens bei ihm auslöst, verbindet die beiden. “Manches muss ja im Herbst gesät werden“, sagt Peter hoffnungsvoll, “dass es im Frühjahr blüht und Frucht im Sommer trägt“. Aber Paula zögert noch, ziert sich, denn sie will vor allem den Moment, den Augenblick genießen und sich nicht zu viele Gedanken über die Zukunft machen. Ein gemeinsames Wochenende haben sie und so mieten sie sich zwei Fahrräder und genießen den Herbst und seine “tausend Schattierungen“. “Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er Glück oder Wehmut, Abschied oder Anfang bedeutet”, meint Peter verheißungsvoll, doch dann taucht plötzlich eine Katze auf, die alles verändern wird. Vor allem das Leben der beiden.

Einfach Katzentage im Oktober…

Eine bestechende Geschichte, bebildert mit verführerischen Illustrationen, die das schöne Leben genauso feiern wie die Liebe. Die Leichtigkeit des Seins zelebriert mit einem rührenden Ende. Eine Katze müsste man sein. Oder zumindest wieder einmal ein paar solcher Katzentage erleben.

Ewald Arenz/Florian Bayer
Katzentage
Illustrierte Erzählung
ISBN: 978-3-7558-0056-9
2025, Hardcover, 128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen
DuMont Verlag
22,00 €

Ewald Arenz, 1965 in Nürnberg geboren, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium in Nürnberg. Seine Romane und Theaterstücke sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Mit ›Alte Sorten‹ (DuMont 2019) stand er auf der Liste »Lieblingsbuch der Unabhängigen« 2019 und ›Der große Sommer‹ (DuMont 2021) erhielt 2021 ebenjene Auszeichnung. Zuletzt erschien ›Zwei Leben‹ (DuMont 2024).

Florian Bayer ist freier Illustrator aus Esslingen bei Stuttgart. Seit 2007 illustriert er u. a. für Der Spiegel, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und FAZ. Seit 2023 ist er Professor für Illustration an der Merz Akademie, Hochschule für angewandte Kunst, Design und Medien, Stuttgart. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem World Illustration Award, dem European Design Award und dem German Design Award.


Genre: Erzählung, Illustrationen
Illustrated by DuMont

UTOPIA AVENUE

Was sagen Ihnen die folgenden Namen? Frank Zappa, Jackson Browne, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Herman’s Hermits.

Stirnrunzeln? Zu schwierig? Machen wir es einfacher. Leonard Cohen, Janis Joplin.

Es schwant etwas?

Ok, nun ist es eigentlich kein Rätsel mehr: John Lennon, Mick Jagger, Jimi Hendrix, Bob Dylan.

In der Tat handelt es sich durchgehend um Bands oder Musiker, die solo oder in Musikgruppen in den späten Sechzigern, den Siebzigern oder sogar noch lange danach die weltweite Musikszene bestimmten. Kurzzeitig oder als Evergreens, wobei ein einzelner Herr in dieser Reihe mit den verbliebenen anderen rollenden Steinen bis zu einem Durchschnittsalter von circa 80 Jahren regelmäßig auf Welttournee ging. Doch das ist eine andere Geschichte.

Nach seinen diversen literarischen Welterfolgen hat sich David Mitchell in ein ganz anderes, unerwartetes Metier gewagt. Eben in diese Musikszene der „Wild Sixties“, der wilden Sechziger.

Der Plot: Ein talentierter und ehrgeiziger Produzent stellt in England – wo sonst – eine Band zusammen. Natürlich zieht man zu Beginn erfolglos über die Dörfer, aber wird schließlich – wie könnte es anders sein – zu Weltstars. Im Laufe des Karriere-Weges trifft man so ganz nebenbei alle oben angeführten Legenden der damaligen Musikwelt. „Cool“, denkt der Leser und spürt den Promi-Schauer den Rücken runterlaufen. Ach ja, ist ja nur eine Geschichte. Die Band gab es nie, sie ist rein fiktiv. Aber die anderen ja schon. Also wenigstens ein bisschen Gänsehaut darf dann doch sein.

Aber es wäre nicht ein Werk von David Mitchell, wenn es nicht doch die typischen Fantasie-Exzesse abseits des Haupt-Erzählstranges gäbe.

Jeder Protagonist der vierköpfigen Band erhält von Mitchell seinen ganz eigenen Charakter und seine ganz persönliche Story.

Da ist Dean, der Junge aus sozial schwachem Umfeld mit dem gewalttätigen Vater. Dean, der Frauenheld und der Angeklagte in einem Vaterschaftsprozess. Aber auch Dean, der begnadete Bassist, Komponist und Texter. Dean, der neben dem schon allseits selbstverständlichen Koks auch LSD-Versuchen nicht abgeneigt ist.

Jasper, der magische Gitarrist, der aber mit seiner Schizophrenie zu kämpfen hat. Jasper, der versucht, mittels Horologie und psychochirurgischer Seelentransplantation (was immer das ist), aus seinem Teufelskreis herauszukommen. An dieser Stelle erlaubt sich Mitchel ein wenig Story-Recycling. Jasper ist Niederländer und heißt mit Nachnamen De Zoet (gesprochen „de Zuut“). Klingelt was? In der Tat kommt sein Großvater bei der Analyse der Timeline aller Vorfahren kurzzeitig vor. Mitchells Buch aus dem Jahre 2014 „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ lässt grüßen.

Da ist Elf, nicht nur die Quotenfrau der Band, sondern weibliches Rückgrat der Gruppe, aber auch der Familie, die unter dem plötzlichen Kindstod bei Elfs Schwester leidet. Irgendwann entdeckt sie im Verlauf auch noch ein eigenes unterdrücktes Geheimnis.

Am blassesten kommt Griff, der Schlagzeuger, weg, wie so viele Schlagzeuger der Welt (vielleicht abgesehen von Charlie Watts). Seine Persönlichkeit beschränkt sich auf den Tod des Bruders und ein paar Frauengeschichten. Und Schlagzeugspielen.

Die vier entwickeln sich gemeinsam weiter, werden musikalisch besser, touren durch England und die USA, geben Konzerte, schuften Tag und Nacht in Studios und lassen auch keine Party aus.

Alles in allem also alles genauso, wie man sich ein Bandleben in den späten Sechzigern so vorstellt. Ist das Buch von David Mitchell deshalb eine stereotype Flachpass-Geschichte?

Eigentlich eher nein. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass David Mitchell genau das wollte. In diesem Autor schlummerte ganz offensichtlich über all die Jahre genau dieses Werk, denn seine Begeisterung für den Zeitgeist der Sechziger und Siebziger mit der Hippie-Flower-Power-Anti-Vietnam-Bewegung, sein Detailwissen zu den historischen Ereignissen, weltpolitisch wie in den Straßen von San Francisco, und seine Faszination und seine Kompetenz für die Musik der damaligen Zeit sind unverkennbar. Da hat sich einer seine Leidenschaft von der Seele geschrieben. Man sieht förmlich seine strahlenden Augen und das ist manchmal ein wenig ansteckend.

Literarisch ist „Utopia Avenue“ allerdings nicht Mitchells bestes Werk und zum Beispiel mit „Wolkenatlas“ nicht vergleichbar. Stellenweise hat man fast das Gefühl, er hat bestimmte Passagen einem Ghostwriter oder aufstrebenden Jungautor übergeben. Geradezu plump wirkt sein(?) Stil, wenn er krampfhaft versucht, längere Dialoge aufzulockern. Ein Beispiel:

„Würde das nicht alles ändern?“

Ein Müllwagen rumpelt vorbei.

„Dein Leben wartet, Jasper!“

Der Auflockerungs-Müllwagen taucht immer mal wieder auf. Ebenso der zwitschernde Vogel oder das schreiende Kind auf der Straße vor dem Haus. Zwanghafte Bildeinschübe in einem einzigen Satz, die man in dieser Form nicht mal mehr in den Volkshochschulkursen für kreatives Schreiben in Wanne-Eickel oder Bad Ischl durchgehen lassen würde.

Dennoch ist David Mitchell in Summe ein durchaus unterhaltsames Buch gelungen. Die einleitend abgefragten Grundkenntnisse sind hilfreich, aber keine Conditio sine qua non.


Genre: Erzählung, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Roman
Illustrated by Rowohlt

Geständnisse eines Touristen: Ein Verhör

Wer „Atlas eines ängstlichen Mannes“ gelesen hat, ist unweigerlich verloren. Verloren im Universum der Literatur-Droge namens Christoph Ransmayr. Wie es in Selbsthilfegruppen üblich ist, nennt man seinen Namen und gesteht: „Ich bin süchtig“. Weiterlesen


Genre: Erinnerungen, Erzählung, Gesellschaftsroman, Kurzgeschichten und Erzählungen, Politik und Gesellschaft, Reisen
Illustrated by Fischer Verlag

Hey Guten Morgen, wie geht es Dir?

Juno, die Erzählerin, ist Anfang Fünfzig. Sie lebt mit Jupiter, ihrem seit Jahren bettlägerigen Mann in einer kleinen Wohnung in Leipzig. Er ist Schriftsteller, sie freiberufliche Performancekünstlerin, die, nicht nur zu Coronazeiten, gerne häufiger Engagements hätte.

Sie teilt ihren Alltag mit den Leser:innen, ihre Gedanken, Vorlieben, Sorgen, Erinnerungen und ihre Moralvorstellungen, manchmal auch mit Gedichten.

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Genre: Belletristik, Erzählung, Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Nachmittage

Ein neuer von Schirach. Ab dem Erscheinungstag auf Platz 1 der Spiegelbestsellerliste. Ferdinand von Schirach ist derzeit der erfolgreichste und berühmteste Schriftsteller Deutschlands. Aber nicht nur das, seine Geschichten und Romane werden in über 40 Sprachen übersetzt und ganz viele für Leinwand und Fernseh-Serien verfilmt.

Nun sind es sechsundzwanzig Kurzgeschichten, die der Autor an unterschiedlichste Schauplätze lokalisiert (Taipeh, Tokio, Marrakesch, Zürich, Wien, New York, Oxford, Pamplona, Oslo, Paris) und die manchmal auch nur Gedanken über wenige Zeilen sind. Im Gegensatz zu „Schuld“, „Verbrechen“ und „Strafe“ handelt es sich im Wesentlichen nicht (bzw. nur in einer Story) um Kriminalfälle aus seinen Zeiten als Strafverteidiger. In Anlehnung an „Kaffee und Zigaretten“ beinhaltet sein neuestes Buch wieder eine Sammlung von Begegnungen, Beobachtungen, Momenten, Notizen.

Man kann von Schirach lieben.

Für sein unglaubliches Repertoire an Erlebnissen.

Für seinen reduzierten Schreibstil mit dem Herunterbrechen der Sprache auf Hauptsätze (laut der WELT deshalb als der deutsche Raymond Carver bezeichnet). Eine Sprache, die es einem leicht macht, in einem angenehmen Flow zu lesen, zu folgen, zu verstehen, auszumalen und in die Geschichten eigene Farben und Bilder einzubringen.

Für Geschichten, die auf den Punkt kommen und die nach einem gezielten, aber doch unmerklichen Stimmungsaufbau schleichend auf Pointen im genau richtigen Augenblick zusteuern, oft als Finale furioso mit einem Schlüsselsatz oder einem Ein-Wort-Tusch am Ende der Erzählung.

Für Gedanken, die als fast musikalisch-harmonisches Fade-out ausklingen und einen sinnierend zurücklassen.

Für die Offenheit, dass ihm „seine eigenen Bücher fremd werden, wenn er über sie sprechen muss“ oder dass er sich bei Einladungen nicht als der „Ehrengast, sondern als der Hofnarr“ fühlt.

Man kann mit von Schirach leiden.

Wenn er von seiner Jugend in einer vom Nationalsozialismus gezeichneten Familie berichtet (sein Großvater Baldur von Schirach stand als Kriegsverbrecher vor dem Nürnberger Tribunal): „Ich war nicht der Sohn aus gutem Haus, weil es kein gutes Haus mehr war.“

Wenn er – völlig untypisch für von Schirach, der sein Privatleben immer schon zum absoluten Tabu-Thema macht – , die Scheidung seiner Eltern und den Tod des Vaters im Alkoholismus erwähnt.

Wenn er  – in Analogie zum Zitat des Don Fabricio aus einem seiner Lieblingsbücher „Der Leopard“ von Giuseppe di Lampedusa – zugibt, dass es auch bei ihm im Laufe seines Lebens nur „zwei bis drei Jahre“ waren, „in denen alles stimmte“.

Wenn schemenhaft eine verflossene Liebe auftaucht, die er einmal in New York kennenlernte, die er aber irgendwann verloren hat und offenbar schmerzlich vermisst. Ganz viel Melancholie beim feinsinnigen Juristen, der als Strafverteidiger mit mehr als einem schrecklichen Verbrechen konfrontiert war, von dem man aber auch weiß, dass er in der Vergangenheit unter depressiven Episoden zu leiden hatte. Da ist Thomas Manns Zitat aus dem Zauberberg „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“ schon fast eine Affirmation.

Man kann von Schirach hassen.

Wenn er unablässig darüber klagt, wie er sich nach der Theaterpremiere todmüde ins Hotel schleppt, nach einem langen Flug völlig erschöpft ist, nach wieder einer dieser vielen Lesungen mit ach so vielen anstrengenden Fragen keine Lust mehr auf Unterhaltungen jedweder Art hat.

Wenn er seine Freundin, die erfolgreiche Konzertpianistin, doch ach so sehr beneidet, dass sie es geschafft hat, aus dieser Marketing-Maschinerie auszusteigen, die Kunst und Künstler vergewaltigt.

Was für eine elegische Klage in extrem losgelöster Position und auf extrem hohem Niveau. Was für ein divenhaftes Gezeter eines Mannes im Olymp der Literatur. Jeder Jungautor würde liebend gerne sofort mit ihm tauschen und dieses ach so schreckliche Schicksal an seiner Statt erdulden. Und es gibt einen, der dieses schreckliche Autoren-Leben sofort ändern und aus diesem Hamsterrad der Vermarktung ad hoc aussteigen kann – Ferdinand von Schirach.


Genre: Belletristik, Erinnerungen, Erzählung, Roman
Illustrated by Luchterhand

Euphoria

„Spannend… intensiv, verführerisch, erotisch…“, so überschlagen sich Literaturkritiker diverser renommierter Medien bei ihren Rezensionen zu Euphoria. Kombiniert mit dem Wortklang des Titels und dem nach einem fiktiven Pseudonym klingenden Namen der Autorin verführen spätestens Keywords aus der Inhaltsangabe wie „Dreiecksbeziehung in exotischem Setting“ zu völlig unzutreffender Kategorisierung. Also Vorsicht vor voreiligen Schnellschlüssen, denn das Buch bietet aus diesem Genre relativ wenig, aber dafür viel mehr Höherkarätiges. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Historischer Roman, Reisen
Illustrated by C.H. Beck München

Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zum Ende der Welt

Der schwedische Autor Jonas Jonasson gehört zu den Autoren, die aus jedem Buchtitel eine Kurzgeschichte machen. „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ war sein Erstlingswerk, das den Journalisten auf einen Schlag weltberühmt und reich machte, da es sich nicht nur millionenfach verkaufte, sondern auch in 45 Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Erzählung, Roman, Romane
Illustrated by C. Bertelsmann München

Das Archiv der Gefühle

Nach der vorausgehenden Lektüre von Orhan Pamuk, Richard Powers und Jonathan Franzen kann man den Schweizer Autor Peter Stamm mit Fug und Recht als echtes Kontrastprogramm bezeichnen. Nach Büchern mit einer blumigen bis schwülstigen Sprache, bunten und detaillierten Bildern, feinsinnig gerankten bis langatmigen Familiengeschichten und teilweise aufwühlenden Emotionen ist die Umstellung zu „Das Archiv der Gefühle“, als hänge man Pieter Bruegel den Älteren neben Mondrian.

Aber – im einen wie im anderen Fall – absolut wohltuend und bereichernd. Weiterlesen


Genre: Belletristik, Erzählung, Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Seide

Nett. Das ist das erste, was einem einfällt, wenn man die letzte Seite dieses Buches gelesen hat. Und schön kurz. An einem entspannten Nachmittag hat man die 145 Seiten print und 534 KB digital durch.

Alessandro Baricco, italienischer Autor, Philosoph und Dozent für kreatives Schreiben, erzählt uns eine Geschichte, die Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts spielt und in welcher der französische Protagonist Hervè Joncour seinen Lebensunterhalt als Seidenhändler verdient. Eine Seuche unter den Seidenraupen (in einer Nebenrolle Louis Pasteur) zwingen ihn und die ganze Innung, ihren Seidenraupen-Import auf immer fernere Länder auszudehnen, so das Joncour als Abgesandter irgendwann im damals völlig von der Welt abgeschotteten Japan landet. Hier fasziniert ihn nicht nur die fremdartige Kultur, sondern vor allem die geheimnisumwobene Frau seines japanischen Gastgebers. Die Anziehungskraft von Land und Frau sind so stark, dass er die strapaziöse Reise wieder und wieder auf sich nimmt und seine eigene Frau monatelang alleine zurücklässt. Jahr um Jahr beschränkt sich das Verhältnis zwischen ihm und der japanischen Schönen auf ein gegenseitiges Anschmachten. Viele Blicke, manch symbolische Geste, jedoch niemals ein Wort. Bis eines Tages… Das ist dann wohl die Stelle, wo ein Rezensent abbrechen muss.

Baricco hat einen Stil gewählt – aufgrund der Vita nehmen wir mal an ganz bewusst -, der Leserin und Leser mühelos ins 19. Jahrhundert und in die französisch-japanische Kultur der damaligen Epoche mitnimmt. Die Erzählung ist weniger Roman, mehr poetisch-lyrisch, nur nicht in Versform. Sie ist bildstark und doch zurückhaltend, mit geradlinigem Handlungsstrang und doch feinsinnig und fast zartfühlend, farbenreich und doch einfach. Zur Verstärkung manchmal fast infantil-perseverierend wie die Gebrüder Grimm. Eine Erzählung wie eine in Worte gefasste naive Malerei.

Die Geschichte und das Erschaffen dieser Stimmung scheint für Baricco über alles zu gehen. Ihn interessiert nicht, welches Mann-Frau-Rollenverständnis er dabei transportiert. Männer handeln, Frauen bleiben im Hintergrund, sind scheu, duldsam, allenfalls im Geheimen aktiv und kreativ. Man nimmt hin, dass das damals einfach so war.

In Summe nette Kurzunterhaltung. Besonders geeignet für Liebhaber von Katzenbildern, Karel Gott, Hummelfiguren und Schneekugeln.


Genre: Belletristik, Erzählung, Historischer Roman, Liebesroman
Illustrated by Hoffmann und Campe

Gebrauchsanweisung für Thailand

Mit der Reihe der „Gebrauchsanweisungen“ ist dem Piper-Verlag eine echte Erfolgsgeschichte gelungen. Nach der ersten „Gebrauchsanweisung für Amerika“ von Paul Watzlawick, die bereits 1978 auf den Markt kam, sind mittlerweile etwa 120 weitere Bände erschienen und jedes Jahr kommen sechs bis acht neue hinzu, in denen namhafte Autoren ihre Eindrücke und ortskundige Geschichten aufschreiben und sich mit persönlichem Blick den Ländern, Regionen oder Städten auf ungewöhnliche und literarische Weise annähern. 

Martin Schacht hat in genau dieser Tradition seine „Gebrauchsanweisung für Thailand“ umgesetzt. Man kann vorwegnehmen, dass ihm nicht nur gelungen ist, die Philosophie dieser Buchreihe perfekt zu verinnerlichen, nein, es ist auch ein echter Schacht geworden.

Das Faktische kommt nicht zu kurz – es ist ja schliesslich eine Gebrauchsanweisung -, aber niemals geht es darum, welchen Nippel man durch welche Lasche zieht, oder im Reiseführer-Slang, welchen Tempel oder Turm man an welcher Stelle am besten fotografieren kann oder welcher menschenleere Strand auch noch zehn Jahre nach Erscheinen eines der üblichen Reiseführer immer noch ein Geheimtipp ist, an dem jährlich Millionen Menschen Ruhe und Einsamkeit finden.

Der Autor hat selbst viele Jahre lang, bevorzugt in den deutschen Wintermonaten, in Thailand gelebt und weiß, wovon er spricht. Viele Geschichten sind deshalb einfach nur unterhaltsam, ganz unabhängig, ob man nun nach Thailand reisen möchte oder nicht. Hinzu kommt, dass Schacht über zwei herausragende Talente verfügt. Er besitzt eine exzellente Beobachtungsgabe und die Gabe, all diese Wahrnehmungen auch noch mit feinsinniger Stilistik zu verbalisieren.

Er beschreibt das Naturell und die Kultur der Thailänder treffsicher und gerne mit einem Schuss Humor, immer aber mit gebührendem Respekt. Aber er macht auch vor dem typischen, so viele Klischees bestätigenden Verhalten der Touristen und Expats nicht halt. Ein Beispiel: „Bambus-Tische, Bambus-Stühle und Muschellampe, die leise im Wind klimpern – so etwas finden Thailand-Besucher ursprünglich und naturverbunden, vermutlich auch ökologisch sinnvoll wegen der nachwachsenden Rohstoffe. Der Thai hingegen findet das so prickelnd wie der durchschnittliche deutsche Großstadtbewohner Kuckucksuhren oder Wohnungseinrichtungen im Gelsenkirchener Barock, die heutzutage höchstens in Pseudohippen Cafès als ironisches Zitat existieren“. Oder: „Viele Expats sind Zyniker, die Thais für ein notwendiges Übel halten.“ Aber, so fügt er an anderer Stelle hinzu, „…das bringt viele Expats dazu, sich zu isolieren.“

Schacht scheut sich nicht, in jede Vorurteilswunde gegenüber Thailand zu fassen. Natürlich wird das non-stop laufende Sexbusiness in Bangkok oder in den strandnahen Metropolen des käuflichen Gewerbes wie zum Beispiel in Pattaya thematisiert, wobei der Hinweis auf die Ursprünge dieser speziellen Form des Tourismus in Zeiten des Vietnam-Krieges mit den über Thailand und die thailändischen Frauen herfallenden GI’s auf Urlaub nicht fehlen darf. Die vielen selbst erlebten Geschichten relativieren das ein oder andere und fokussieren vor allem auf all das, was für den Autor Thailand ausmacht und in die er seine Leser ganz spielerisch und mit spannendem Handlungsstrang gerne mitnimmt. Und dieser sich gerne mitnehmen lässt, da es so leicht ist, den farbenreichen Beschreibungen in tropischer Umgebung zu folgen und ins Träumen zu geraten.

Ohne dass er es expressis verbis formuliert, wird durch den hochwertigen und wertschätzenden Inhalt dieser Gebrauchsanweisung jedem Leser klar, dass menschengemachte Auswüchse nicht Thailand sind, sondern dass es sich zu neunundneunzig Prozent um ein wunderschönes Land mit liebenswerten Menschen handelt.


Genre: Dokumentation, Erzählung, Reiseführer, Sachbuch
Illustrated by Piper München, Zürich

Das Gleichgewicht der Welt

Auch wenn das Buch von Rohinton Mistry, einem kanadischen Autor indischer Herkunft, irgendwann zwischen 1966 und 1984 angesiedelt ist, hat seine Szenerie mit Sicherheit bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Es handelt von Zeiten, in denen Indira Gandhi (die nicht mit Mahatma Gandhi verwandt war) in Indien zwei längere Perioden als Premierministerin amtierte. Zeiten, in denen diese versuchte, dem fortwährenden politischen und humanitären Chaos des Subkontinents Herr/Frau zu werden.

In dieser Kulisse erschafft Mistry vier Protagonisten, deren teilweise schockierende Einzelschicksale sie für eine kurze, aber glückliche Zeit zusammenführen, bevor ökonomische, politische und menschliche Zwänge dazu führen, dass sich ihre Wege zum Teil wieder trennen.

Das Buch ist kein Werk für Liebhaber von Happy Ends, von rosaroten Brillen oder des „Eigentlich ist doch alles gar nicht so schlimm“-Slogans. Will man das alltägliche Leben in Indien beschreiben, ist dafür auch kein Platz. Die Realität ist Existenzkampf pur, der tägliche Kampf ums nackte Überleben. Ab Geburt das permanente Bestreben, nicht in die gnadenlose Maschinerie der politischen Willkür oder der Kasten-Fehden zu geraten. Jeder für sich unter 1,4 Milliarden anderen Indern.

Seine vier exemplarischen Lebensläufe baut Mistry gut auf und aus. Das gesellschaftliche Stimmungsbild ist hervorragend koloriert. Allerdings leidet der Gesamteindruck sehr stark unter seiner Liebe zu schier nicht enden wollenden Dialog-Passagen. Das ermüdet und lässt das Panoptikum an emotionalen Bildern gelegentlich verblassen.

Eine Frage begleitet den Leser durch das monumentale Werk. Bei all dem Elend, bei all den Schicksalsschlägen, bei all den menschlichen Katastrophen – wo ist denn nun das Gleichgewicht bei seinen Figuren oder gar auf dieser Welt?

Dazu muss man wissen, dass Rohinton Mistry der ethnischen Gruppe der Parsen angehört, die Anhänger der Lehre des Zoroastrismus sind. Der religiöse Glaube des Zoroastrismus bewertet die Schöpfung des Gottes Ahura Mazda prinzipiell erst einmal als gut. In dieser Welt ringt das Gutsein aber beständig zwischen den guten und den bösen Mächten, versucht also zwischen beidem ein Gleichgewicht zu erreichen. Beides und auch der permanente, alltägliche Kampf sind Inhalt des Lebens, das ob seines göttlichen Ursprungs genau so zu akzeptieren ist.

Neben der ein oder anderen Anspielung auf den Buchtitel im Text, legt Rohinton Mistry nur an einer Stelle einem Protagonisten eine schon eher erklärende Analogie in den Mund:“ … es sei alles Teil des Lebens, dass das Geheimnis des Überlebens darin bestehe, ein Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu finden, sich auf Veränderungen einzulassen.“

Ein monumentales Werk, dass einen ein Stück weit in einer Stimmung der Erschütterung, der Hilflosigkeit und der Ausweglosigkeit zurücklässt. Oder kann die eine oder andere Figur im Roman Mistry’s mit ihrer existentialistischen Reduktion auf das Lebensminimum im Vergleich zu einer westlichen Gesellschaft mit ihrer permanenten Sinn- und Singularitätssuche auch Vorbildfunktion haben oder zumindest als relativierender Weckruf verstanden werden?


Genre: Belletristik, Erzählung, Kulturgeschichte, Roman
Illustrated by Fischer Verlag