Vaim

Eine Stimme für das Unsagbare

Der neueste Roman des norwegischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Jon Fosse mit dem Titel «Vaim» reiht sich ein in sein umfangreiches und vielseitiges Œuvre mit zumeist melancholischer Prägung. In der Begründung des Stockholmer Komitees heißt es, der Preis werde ihm verliehen «für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen». Mit diesem aktuellen Roman, der als erster einer Trilogie angekündigt wurde, hat der Autor seinem Schreiben eine bisher ungewohnte Leichtigkeit beigemischt, die neugierig macht auf die Folgebände.

Die dreiteilig aufgebaute Geschichte beginnt mit einer Bootsfahrt von Jatgeir, ein älterer Junggeselle, der in dem kleinen Ort Vaim lebt. Er fährt in die Stadt Bjørgvin, hauptsächlich um dort Nadel und Faden zu kaufen, mit denen er lose gewordnen Knöpfe seiner Kleidung annähen will, denn hier auf dem Land ist so etwas nirgends aufzutreiben. Aber auch in der Stadt muss er lange suchen, bis er endlich auf einen Laden stößt, in dem die Verkäuferin dem unbeholfen wirkenden Mann eine halbleere Garnrolle und eine Nähnadel anbietet. Sie will dafür 250 Kronen haben, ein unverschämt hoher, völlig überzogener Preis, den er aber notgedrungen zahlt, weil er nicht mit leeren Händen heimfahren will. Auf dem Rückweg macht er einen spontanen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Sartor und hört nachts verdutzt in seiner Kabine, wie eine Frau vom Anleger aus seinen Namen ruft. Es ist Eline die er flüchtig aus der Jugend kennt, mit der er aber nie ein Wort gesprochen hat. Jatgeir hat sie immer nur aus der Ferne bewundert und vor Jahren dann sein Boot nach ihr benannt. «Ich hatte ja gehört, dass Eline irgendwo auf Sartor wohnen solle, aber jetzt hatte ich wohl geradezu Halluzinationen, es konnte doch nicht meine alte heimliche Liebe da stehen und zu meiner Schnigge runterschauen, an deren Steuerhaus auf beiden Seiten so stolz Eline stand, jetzt stand Eline da, denn es war tatsächlich sie, die ohne ihr Wissen meiner Schnigge den Namen gegeben hatte, denn ich hatte ja nie, natürlich nie, Eline etwas von meinen Gefühlen für sie verraten, nie, niemals im Leben hätte ich es gewagt, so etwas zu einer Frau zu sagen, nein so war ich nicht gemacht, ich nicht». Sie war weggezogen und hatte dann einen Fischer geheiratet. Nun steht sie vor ihm. Sie habe gerade ihren Mann verlassen, erklärt sie, und nur einen einzigen Koffer mitgenommen. Und sie bringt den völlig verdutzten Jatgeir schließlich auch noch dazu, jetzt sofort, noch in der Nacht, mit ihr nach Vaim aufzubrechen, in ihre alte Heimat, – und ihm dämmert es, dass sie dort bei ihm wohnen wird!

Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu dem frömmelnden Elias, dem einzigen Freund von Jatgeir, der ebenso verhaltensgestört ist wie er, was soziale Bindungen anbelangt. Elias ist zutiefst verunsichert durch diese Frau, die da plötzlich bei seinem besten Freund wohnt, und steigert sich in Phantasiewelten hinein in seiner Angst, Jatgeir auf Dauer zu verlieren als Freund. Im dritten Teil berichtet Olav ganz unchronologisch von der Vorgeschichte der beiden Erzählungen. Wie er im Gasthof auf Sartor mit zwei Fischern einen ertragreichen Fang feiert und plötzlich eine Frau vor ihm steht, die sich als Eline vorstellt und ihn Frank nennt trotz seiner Proteste, weil er in Wahrheit ja Olav heißt. Sie ist es auch, die ihn zum Tanz auffordert, ihm nicht mehr von der Seite weicht und es schließlich so weit bringt, dass der eingefleischte Junggeselle sie heiratet.

In einem entfernt an Thomas Bernhard erinnernden, hypnotischen Stil wird hier extrem repetitiv, in kreisenden Schritten quasi, eine Dreiecksgeschichte erzählt, die tief in die Psyche der drei männlichen Ich-Erzähler verweist, mit der dominanten Eline als motivisches Zentrum, als eine Art klassischer Schicksalsengel. All das wird in einem einzigen Satz erzählt, als ein meditativer Gedankenstrom der Figuren, durch den man zu kontemplativem Mitdenken angeregt wird. «Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss» hat der Autor zu seinem sehr speziellen, poetischen Erzählstil erklärt, der aber auch amüsante Züge aufweist. Wer sich darauf einlässt, wird von einem Lesesog mitgerissen, der inhaltliche Irritationen schnell vergessen lässt.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Trilogie

Konfuse innere Monologe

Der viele Jahre lang als Favorit für den Nobelpreis angesehene, norwegische Schriftsteller Jon Fosse hat ihn im Jahre 2023 dann endlich auch erhalten. Eine seiner wichtigsten Prosa-Veröffentlichungen ist «Trilogie», die Jury in Stockholm hat dazu erklärt: «Mit ihrer formalen Raffinesse und dem forschenden Verhältnis zur Geschichte stellt die ‹Trilogie› einen Höhepunkt in der neueren norwegischen Literatur dar». Die Rezeption in Deutschland ist eher verhalten, erst nach dem Nobelpreis begann man sich näher mit dem vor allem als Dramatiker bekannten Autor zu befassen. Seine lose verbundenen Erzählungen mit den Titeln «Schlaflos», «Olavs Träume» und «Abendmattigkeit», aus denen die Trilogie besteht, verhandeln schnörkellos und unaufgeregt große Menschheits-Themen wie Geburt, Liebe und Tod. Als der große Minimalist der europäischen Literatur hält er nichts von literarischen Anspielungen, die seine Geschichten enthalten würden: «Es ist doch nur die Geschichte eines jungen Paares, das eine Bleibe sucht». Als plötzlich kurz vor dem Ende ein «Jon» auftaucht, der ein Buch mit Gedichten geschrieben habe und ebenfalls ein «Spielmann» sein soll, sind die autobiografischen Bezüge allerdings unübersehbar. Nach einer in der Jugend erlittenen Nahtod-Erfahrung sei sein Schreiben davon stark beeinflusst: «Ich glaube bis heute, dass ich durch diesen Unfall zum Schriftsteller geworden bin. Die Hauptperspektive meiner Texte ist nämlich die von jemandem, der sich an der Grenze zwischen Leben und Tod befindet.»

Im ersten, an die biblische Weihnachts-Geschichte erinnernden Teil des Buches ziehen die hochschwangere Alida und Asle, beide siebzehnjährig, als unverheiratetes Paar hungrig und obdachlos in dem Fischerdorf Dylgja umher auf der vergeblichen Suche nach einer Bleibe. Asle bestreitet als gelegentlich auftretender Spielmann mit der Fidel mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt, schreckt aber auch vor Gewalttaten nicht zurück, um ihr Überleben zu sichern. Schließlich kommen sie für kurze Zeit bei Alidas Mutter und Schwester unter, stehlen ihnen aber Geld und Lebensmittel und flüchten mit einem ebenfalls gestohlenen Boot, dessen Besitzer Asle ertränkt, in die Stadt Bjørgvin, dem heutigen Bergen. Dort, wo sie niemand kennt, wollen sie endlich eine Unterkunft finden. Als sie aber auch dort überall abgewiesen werden in Hinblick auf die Schwangerschaft, dringt Asle mit Gewalt in das Haus einer alten Frau ein, die sie ebenfalls nicht einlassen will, und tötet sie. Dort bekommt Alida schließlich den kleinen Sigvald, benannt nach dem Großvater.

Um ihre Spuren zu verwischen, nennen sich die Beiden nun Olav und Åsta, und um an Geld zu kommen versetzt Olav seine geliebte Fidel. Vom Erlös will er Eheringe kaufen, die ihnen ebenfalls als Tarnung dienen sollen. In einem Gasthof wird er von einem alten Männchen angesprochen, das ihm hartnäckig auf den Kopf zusagt, er sei in Wahrheit Asle, der gesuchte Mörder aus Dylgja. Und kurz darauf wird der falsche Olav abgeführt und einige Tage später von dem Männchen erhängt, das war nämlich der «Rote Meister», der Scharfrichter von Bjørgvin. Nach einem Zeitsprung von hundert Jahren wird im dritten Teil von Alise erzählt, der inzwischen greisen Tochter von Alida, die einen Fischer geheiratet hatte und mit ihm neben Alise noch vier weitere Kinder bekam. In den wirren Erinnerungen von Alida lebte Asle fort, sie sah ihn immer wieder und sprach mit ihm, hat sich permanent mit ihm beraten.

Formal besticht das Buch mit einem narrativen Schweben, das in der Musik seinen Ursprung hat und zeitenthoben über dem gesamten Geschehen liegt wie ein metaphorischer Schleier. «Die Zeichensetzung in diesem Buch folgt den musikalisch-rhythmischen Besonderheiten der Prosa Jon Fosses», lautet ein vorangestellter Hinweis des Verlags. Es ist gerade dieser eigenwillige, unsortierten inneren Monologen folgende, grandios naive Erzählstil, mit dem dieses Buch einen lang nachwirkenden Lesesog erzeugt, der den Leser am Ende tief betroffen zurücklässt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Erzählungen
Illustrated by Rowohlt