Gedanken einer Lichtgestalt
Schon im Vorwort zu seiner Sammlung von Aufsätzen und Anmerkungen unter dem Titel «Nichts als Literatur» brilliert Marcel Reich-Ranicki durchaus passend mit einer Hommage an die altehrwürdige Reclam Universal-Bibliothek. Sie «repräsentiert und verkörpert ein Stück deutscher Kulturtradition», wie er schreibt. Welcher Leser wird ihm da nicht zustimmen und, sofern er der älteren Generation angehört, wehmütig an die eigene Schülerzeit zurückdenken? Der in vier Teile gegliederte, 1985 erschienene Band befasst sich mit allen Aspekten der Literatur, vornehmlich der deutschen allerdings, zu der natürlich die Rezeption ebenso gehört wie auch die Kritik als deren unentbehrlicher Bestandteil, selbst wenn, wie er launig von einem Treffen der Gruppe 47 berichtet, deren Vertreter dort von Martin Walser mal als «Lumpenhunde» beschimpft wurden.
«Wer schreibt, provoziert die Gesellschaft» beginnt das erste Kapitel «Unser literarisches Leben», in dem er die Funktion der Literatur als Waffe ebenso beleuchtet wie die unterhaltende Wirkung, die sie auszuüben vermag, dem Sport vergleichbar. Er bricht eine Lanze für die alte Oberlehrerfrage «Was wollte der Autor sagen», einer modernistischen Wertung der literarischen Form allein eine Absage erteilend, weil Aussage und Form «sich gegenseitig bedingen und eine Einheit bilden müssen». Die Bedeutung von Sex in der Literatur ist ebenso Thema wie die Rolle der Übersetzer, er verteidigt das Leichte am Beispiel Fontanes und wendet sich engagiert «Gegen die linken Eiferer». Und beendet dieses Kapitel mit einer kenntnisreichen Betrachtung über «Erfolg und Ruhm», in dem er Simmel mit Böll, Grass und Lenz vergleicht und zu dem Schluss kommt: «Auflagenhöhe und Ruhm decken sich eben nicht». Die Vorliebe für Ich-Erzählungen wird im zweiten Kapitel «Deutsche Literatur heute» als «Hang zum Monologischen» gedeutet. Die Konfektionäre unter den Literaten würden ihre Unfähigkeit durch «repetieren und kopieren, imitieren und montieren» tarnen, es gäbe ferner einen Trend zum «Schriftsteller am stillen Herd», der Rückzug in die Ruhe ländlicher Idylle. Walter Jens habe 1961 eine Tendenz zur kleinen Form konstatiert, die Abkehr von den dickleibigen Romanen, wie sie Proust, Joyce, Musil und Thomas Mann perfektioniert hätten. «Wer aber in einer Kurzgeschichte einen Absatz oder auch nur einen einzigen Satz nicht wahrnimmt, riskiert, dass sie ihm unverständlich bleibt». Er beschwört wehmütig einen wenig hoffnungsvollen Herbst der Literatur herauf (mit Recht, wie wir heute wissen), dessen Symptome er ebenso kundig wie humorvoll beschreibt, widmet sich sehr ausführlich dem panegyrischen Begriff der deutschen Innerlichkeit, um mit einer Betrachtung über die Ich-Besessenheit der Autoren zu enden, welche nützlich sei für die literarische Produktion.
Unter «Dichter und Richter» behandelt der Autor im dritten Kapitel das Phänomen der Gruppe 47, jene von Hans Werner Richter initiierten literarischen Tagungen, deren Prozeduren er sehr gründlich untersucht, wobei er etliche konzeptionelle Mängel aufzeigt, zum Beispiel die Probleme der Sofortkritik oder der sachfremde Einfluss der rezitatorischen Fähigkeiten des vorlesenden Autors. Ebenso kritisch beschäftigt er sich mit dem Klagenfurter Wettbewerb und dessen Jury, wo prozedurale Unzulänglichkeiten zu falschen Bewertungen führen würden. Gleichwohl, erläutert MRR, wäre trotz der antikritischen Mentalität der Deutschen, manifestiert in der (historisch ja erwiesenen, möchte ich hinzufügen) Vorliebe für den Untertanenstaat, wäre also die Kritik ein integraler Bestandteil des Literaturbetriebes, das Salz in der Suppe aus Schriftsteller, Verleger und Leserschaft, kurz und in seinen Worten: «Kritik will Literatur ermöglichen – das ist alles». Mit einem Epilog über das Herz als Joker der deutschen Dichtung endet dieses kenntnisreiche Buch unseres 2013 verstorbenen Kritikerpapstes, einer wahren Lichtgestalt der deutschen Literatur.
Fazit: erfreulich
Meine Website: http://ortaia.de
Wir Glückpilze alle
Club der toten Dichter
Erstaunliche Lesefrüchte
Advocatus Diaboli einer städtischen Kultur
Von literarischem Kannibalismus
Amüsantes aus dem literarischen Olymp
Sie lässt sich in Österreichs Bergen schockfrosten beim Hirsch-Watching, reist alternden Ameisenbären durch halb Europa hinterher und domestiziert eine Kakerlaken-Gang samt des berüchtigten Anführers Schabi Alonso: Anja Rützel ist die geborene Tierflüsterin (auch wenn man sich bisweilen nur schwer des Eindrucks erwehren kann, dass einige ihrer Patienten kurzerhand den Spieß umdrehen um ihrerseits als Rützel-Flüsterer zu reüssieren).
Ein Buch für Querdenker
Wer sucht, der findet
Ein Marketing-Trick des deutschen Verlegers
»Man darf als Kulturwissenschaftler nicht vor scheinbar niederen Themen und Phänomenen zurückschrecken, weil sich ein Müllmann auch nicht vor dem Müll fürchten darf.«

Pokémon Go ist statistisch betrachtet das erfolgreichste Handy-Spiel aller Zeiten. Um die Millionen deutscher Kids, die mit ihren Smartphones Pokémons jagen, mit erforderlichem Basiswissen auszustatten, legt der Loewe Verlag nun ein ansprechendes Handbuch vor. Damit können sich Anfänger die Grundlagen des Spiels aneignen und Fortgeschrittene erhalten nützliche Anregungen. 
2016 feierte der Wiener Prater sein 250-jähriges Jubiläum, nachdem Kaiser Joseph II. die ehemals kaiserlichen Jagdgründe öffentlich zugänglich gemacht hatte. 2005 – zum fünfzigjährigen Bestehen des Filmarchivs Austria – erschien die vorliegende Publikation mit dem Titel “Prater Kino Welt”, die sich mit dem Prater als Mythos und Heimat von Illusionen beschäftigt. Eine DVD, die auch heute noch erhältlich ist, sowie eine Ausstellung und ein Festival beim Riesenrad begleiteten das Jubiläum und feierten u.a. auch die ersten Filmvorführungen überhaupt die in eben diesem Prater erstmals Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden. Der Prater ist seit damals ein Raum zur Assimilierung der Moderne in dem Hochschau- oder Achterbahnen, Schiffs- und Aeroplankarusselle oder das Prater Hochhaus Hotel Mysteriös und Kaiserpanoramen ausgestellt wurden. Auch Reisen in fremde Welten wurden dort angeboten, etwa nach Venedig, Japan oder Afrika. Aber auch die literarische Repräsentation des Praters von Stifter, Salten und Zweig wird in vorliegender Publikation Rechnung getragen, sowohl in visueller als auch klanglich-auditiver aber sexueller Konnotation und Dimension.