Wir Glückpilze alle
Anekdotisch berichtet Volker Weidermann schon im Vorwort seiner «Lichtjahre» von einer Trouvaille, die Anlass wurde für sein Buch. Er fand in einem Antiquariat das Werk «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde» von Klabund, «das subjektive Begeisterungsbuch eines echten Lesers», wie er es nennt. Diesem Vorbild folgend, was die unbeirrte Subjektivität anbelangt, behandelt der Autor wohlgemut eine «der interessantesten und reichsten Epochen der deutschen Literatur». Und stellt damit zu Beginn auch gleich klar, was wir heutigen Leser doch für Glückspilze sind, in dieser elysischen Zeit der deutschen Literatur leben und lesen zu dürfen!
In Weidermanns literarischem Kanon sind 133 deutsche Schriftsteller versammelt, die für ihn die glorreiche Epoche von 1945 bis zum Erscheinen seines Buches 2006 verkörpern, wobei sich mir spontan die Frage aufdrängt, inwieweit diese Blütezeit auch heute noch anhält. Es ist natürlich müßig, diese erklärtermaßen ja völlig subjektive Auswahl anzufechten. Wie immer in solchen Fällen gibt es manche Autoren, die man vergeblich sucht und andere, die man für durchaus fehl am Platze hält. Vorbild Klabund hatte 1920 Thomas Mann «in zwei Zeilen erledigt», schreibt er begeistert, und mit eben dieser Begeisterung lässt er selbst sich auf acht Seiten über Rainald Goetz aus, während er Heinrich Böll gerade mal zwei Seiten widmet. Mehr Subjektivität geht wohl kaum! «Als Heinrich Böll am 16. Juli 1985 starb, haben viele Menschen in Deutschland geweint», schreibt er am Ende seines kurzen Porträts, der damals 16jährige Volker Weidermann war wohl eher nicht darunter. Er fasst seine Schriftsteller in 33 übertitelte Gruppen zusammen, «Weltliteratur aus der Schweiz» zum Beispiel, unter denen er mit schmissigen Untertiteln dann Dürrenmatt und Frisch abhandelt, oder «Wut im Süden» mit Achternbusch, Kroetz, Jelinek und Bernhard. Es sind Erfolgreiche und Vergessene, Exilanten und Zurückgekehrte, DDR-Staatsautoren und Dissidenten, Wirkmächtige und Kampfeslustige, Laute und Stille, Hundertjährige und Frühverstorbene, Selbstmörder zudem in erschreckender Zahl.
Ziehvater Marcel Reich-Ranicki, der pflichtschuldig den Werbetext für den Buchrücken geliefert hat und von dem ihn nun wirklich «Lichtjahre» trennen sowohl als Literaturkenner wie auch als Moderator des «Literarischen Quartetts», hat in einer dieser Sendungen mal geäußert: «Ein Buch gerne lesen und die Bedeutung eines Buches zu erkennen, das sind zwei verschiedene Sachen». Dies gilt in gleicher Weise auch für Autoren, die in diesem Band draufgängerisch direkt besprochen werden, immer mit Betonung des Biografischen, wobei er neben vielen mit Gewinn zu lesenden anekdotischen Beiträgen auch reine Polemik abliefert. Eine Selektion in Gut und Schlecht bedeutet das im Ergebnis, bei der seine ganz persönlichen Aversionen nicht selten in ein unbegründet bleibendes Verdikt münden. Dem dann zum Beispiel eine fünfseitige, äußerst peinliche Eloge über Maxim Biller gegenübersteht, seinem arrogant grinsenden Mitstreiter in der neuen ZDF-Sendung, von dem er doch tatsächlich schreibt, ohne ihn «wäre es in der deutschen Gegenwartsliteratur wahnsinnig langweilig». Nun wissen wir’s!
Literaturführer wäre die angemessene Bezeichnung für ein Werk, dessen Autor selbstverliebt ausschließlich die eigene Meinung als Kriterium gelten lässt, der objektive Faktoren schlichtweg negiert in seinem Überschwang. Seine anekdotischen Berichte grenzen zuweilen an Kitsch, wofür die Teestunde in Heidelberg bei der greisen Hilde Domin am Ende des Buches ein beredtes Beispiel ist. Aber gerade diese anbiedernden Passagen mit den persönlichen Begegnungen dürften die erfreulichsten sein für viele Leser, die einen Blick hinter die Kulissen tun wollen, denen das reine Lesen nicht genügt. Was die Mär von der reichsten Epoche anbelangt, so halte ich es allerdings mit Heinz Schlaffer, für den gerade die Zeit nach 1945 bedeutungslos ist, was die deutschsprachige Literatur anbelangt.
Fazit: lesenswert
Meine Website: http://ortaia.de
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Sie lässt sich in Österreichs Bergen schockfrosten beim Hirsch-Watching, reist alternden Ameisenbären durch halb Europa hinterher und domestiziert eine Kakerlaken-Gang samt des berüchtigten Anführers Schabi Alonso: Anja Rützel ist die geborene Tierflüsterin (auch wenn man sich bisweilen nur schwer des Eindrucks erwehren kann, dass einige ihrer Patienten kurzerhand den Spieß umdrehen um ihrerseits als Rützel-Flüsterer zu reüssieren).
Ein Buch für Querdenker
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Ein Marketing-Trick des deutschen Verlegers
»Man darf als Kulturwissenschaftler nicht vor scheinbar niederen Themen und Phänomenen zurückschrecken, weil sich ein Müllmann auch nicht vor dem Müll fürchten darf.«

Pokémon Go ist statistisch betrachtet das erfolgreichste Handy-Spiel aller Zeiten. Um die Millionen deutscher Kids, die mit ihren Smartphones Pokémons jagen, mit erforderlichem Basiswissen auszustatten, legt der Loewe Verlag nun ein ansprechendes Handbuch vor. Damit können sich Anfänger die Grundlagen des Spiels aneignen und Fortgeschrittene erhalten nützliche Anregungen. 
2016 feierte der Wiener Prater sein 250-jähriges Jubiläum, nachdem Kaiser Joseph II. die ehemals kaiserlichen Jagdgründe öffentlich zugänglich gemacht hatte. 2005 – zum fünfzigjährigen Bestehen des Filmarchivs Austria – erschien die vorliegende Publikation mit dem Titel “Prater Kino Welt”, die sich mit dem Prater als Mythos und Heimat von Illusionen beschäftigt. Eine DVD, die auch heute noch erhältlich ist, sowie eine Ausstellung und ein Festival beim Riesenrad begleiteten das Jubiläum und feierten u.a. auch die ersten Filmvorführungen überhaupt die in eben diesem Prater erstmals Ende des 19. Jahrhunderts stattfanden. Der Prater ist seit damals ein Raum zur Assimilierung der Moderne in dem Hochschau- oder Achterbahnen, Schiffs- und Aeroplankarusselle oder das Prater Hochhaus Hotel Mysteriös und Kaiserpanoramen ausgestellt wurden. Auch Reisen in fremde Welten wurden dort angeboten, etwa nach Venedig, Japan oder Afrika. Aber auch die literarische Repräsentation des Praters von Stifter, Salten und Zweig wird in vorliegender Publikation Rechnung getragen, sowohl in visueller als auch klanglich-auditiver aber sexueller Konnotation und Dimension.
Zwischen 2008 und 2010 war Leonard Cohen nochmals auf Tournee, darunter auch Auftritte in Europa und vielleicht beschlich schon damals einige Zuschauer das mulmige Gefühl, dass es ja die letzte sein könnte. Im selben Jahr war er auch in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen worden. Im Herbst 2016 trat der „bibelfeste Jude aus Westmount/Montreal“ wie ihn zuletzt ein Kollege nannte seine letzte Reise und viele mögen dabei in das von ihm oft gespielte „Hallelujah“ eingestimmt haben, leise, zum Abschied eines Sängers, der eigentlich Schriftsteller werden wollte: „I did my best, it wasn’t much/I couldn’t feel, so I tried to touch/I’ve told the truth/I didn’t come to fool you/And even though it all went wrong/I’ll stand before the lord of song/With nothing on my tongue but hallelujah“. Leonard Cohen starb mit 82 Jahren und hinterließ einen „Tower of Songs“, also viel mehr als in dem Song Hallelujah anklingt: it was really much and it it still is.