Der Autor ist Psychiater und Psychotherapeut in einer Berliner Klinik und leitet in der Charité den Forschungsbereich Affektive Störungen. Sein neues Projekt ist das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistik, welches die Auswirkungen des Stadtlebens auf die Strukturen des Nervensystems untersucht. Aufgabe des Gehirns ist „dafür zu sorgen, dass sich sein Besitzer an Gegebenheiten seiner Umwelt anpassen kann.“
Archiv
Stress and the City Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind
Wer sind wir? Deutschland auf der Suche nach seiner Identität
Joschka stellt dem Buch Strophen von Heines Wintermärchen voraus und schreibt dazu, was ihn beeindruckt: “seine tiefe Abneigung gegen Preußen und dessen autoritären Obrigkeitsstatt, zugleich seine fast verzehrende Liebe zu diesem Deutschland, zu dessen Sprache und Musik!“ Und stellt die Frage, wie es dem Sohn einer jüdischen Familie ergangen wäre, hätte er in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt.Damit umreißt er die Widersprüche seines eigenen Deutschseins. Weiterlesen
Erzählte Welt
Ohne Skandal geht es nicht
Mit seinem literatur-wissenschaftlichen Fachbuch «Erzählte Welt», dessen Untertitel «Eine Literatur-Geschichte der Gegenwart – 1989 bis heute» seinen Inhalt klar benennt, hat der an der Humboldt Uni in Berlin lehrende Steffen Martus ein wichtiges Werk zum Verständnis seiner Kunstgattung geliefert. Denn wie kein anderes spiegelt es die fundamentalen Umbrüche der Zeit in vielerlei Hinsicht, politisch, soziologisch, aber natürlich auch ästhetisch. Nach der politischen Wende waren ja insbesondere in den beiden deutschen Staaten plötzlich alte Gewissheiten obsolet geworden. Und mit der Digitalisierung änderten sich zunehmend nicht nur die altbewährten Vertriebswege, es änderte sich auch der Stellenwert von Büchern, speziell im Vergleich zu den im Internet konsumierbaren Möglichkeiten der Unterhaltung und Erbauung.
Vorweg bleibt festzustellen, dass dieses Buch kein Nachschlagewerk über Literatur ist, die Intention des Autors besteht vielmehr klar erkennbar darin, Literatur-Geschichte als gespiegelte Gesellschafts-Geschichte zu erzählen. Kein Wunder also, dass mit dem turbulenten politischen Geschehen nach 1989 in Deutschland – über mehr als dreißig Jahre hinweg also – auch die bis dato eher behäbig erscheinende deutsche Literatur kräftig aufgemischt wurde, alle der vielen sozialen Krisen haben in ihr sichtbare Spuren hinterlassen. Schaffen doch ihre kreativ gesehen gottgleichen Schöpfer in ihren Werken eine Welt im Kleinen, die immer auch auf die Realität zurückwirkt. Ganz deutlich war das an der Situation der DDR-Schriftsteller zu sehen, denen sich Steffen Martus gleich zu Beginn ausführlich widmet. Er nennt Christa Wolf als Beispiel dafür, wenn von ihr bei den die Wende auslösenden Demonstrationen am Berliner Alexanderplatz politische Orientierung erwartet wurde. Die sie auch geliefert habe, die sich dann aber schnell als reine Utopie erwiesen hat. Der Sozialismus war wegen der Konsumgier der ostdeutschen Bevölkerung, wegen ihres übermächtigen, materiellen Nachholbedarfs aus der Politik wie auch aus der Literatur in kürzester Zeit verschwunden. Ihm wurde keine Träne nachgeweint, was sich erst in jüngster Zeit vereinzelt geändert hat, ohne dass aber bisher eine wirklich literarische Aufarbeitung stattgefunden hätte. Während des so genannten deutsch-deutschen Literaturstreits veränderte sich die Gesellschaft jedenfalls von Grund auf.
Die literatur-soziologische Perspektive von Steffen Martus, die immer eng an den behandelten Büchern bleibt, beschäftigt sich weniger mit den Aufregungen um die allseits bekannten «Großschriftsteller» wie Handke, Grass, Böll oder Botho Strauss. Er arbeitet vielmehr an vielen Beispielen speziell die Bedeutung der Entwicklungen im popkulturellen Bereich heraus und zeigt auf, wie Literatur marktkonform wird. Dabei interessiert er sich auch für den rasanten Aufstieg des neuen Marktsegments «New Adult». Ausgehend von einem New Yorker Verlag seit 2009 als spezielles Subgenre der Literatur forciert, wird damit eine neue, bisher nicht erreichte Zielgruppe zwischen den Lesern von Liebes- und denen von Jugendromanen angesprochen. Neben den explizit erotischen Themen darin sind im deutschen Sprachraum die fast ausschließlich englischen Titel dieser Romane typisch, ein Merkmal der mit Anglizismen am ehesten ansprechbaren Jugendlichen.
Anschaulich verfasst, ist dieses unterhaltsame Buch der Versuch, dem über den Tellerrand der konsumierten Lektüre hinaus interessierten Lesern tiefere Einblicke in eine der großen Kunstgattungen zu gewähren, ohne sie mit spezifischem Fachwissen zu überfordern. Sein Augenmerk liegt dabei auch auf der Rezeption von Literatur, den Wirkmechanismen im allfälligen Meinungsstreit unter denn Kritikern und Lesern sowie den literarischen Strömungen und Skandalen. Und prompt wurde dem Autor nun in einer Kolumne von Maxim Biller, dem Enfant terrible und Spitzenreiter peinlicher Selbstüberschätzung unter den deutschen Autoren, fälschlich unterstellt, bewusst jüdische Autoren ignoriert zu haben, – ganz ohne Skandal geht es wohl nicht in der Literatur, lernen wir daraus!
Fazit: lesenswert
Meine Website: https://ortaia-forum.de
Der Mörder zahlt mit einer Mark
Gabi Thiemes Der Mörder zahlt mit einer Mark versammelt drei reale Kriminalfälle aus Sachsen und kreist um eine ebenso schlichte wie verstörende Frage: Gibt es das perfekte Verbrechen? Schon der Aufbau des Bandes zeigt, dass es der Autorin nicht um sensationslüsterne Effekte geht, sondern um die Rekonstruktion von Taten, die lange im Dunkeln lagen. Im Vorwort beschreibt sie ihr Buch ausdrücklich als Arbeit gegen das Vergessen, getragen von jahrzehntelanger Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporterin.
Am eindringlichsten gerät der erste, große Fall um die 1987 ermordete Heike Wunderlich. Thieme zeigt das Opfer zunächst als junge Frau mit Familie, Arbeit, Zukunftsplänen und alltäglichen Sorgen, bevor das Verbrechen mit voller Härte in dieses Leben einbricht. Gerade diese behutsame Vergegenwärtigung macht die spätere Tat so erschütternd. Dass der Täter Jahrzehnte später dank DNA-Spur doch noch wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird, verleiht dem Text eine beklemmende, fast unerhörte Form später Gerechtigkeit.
Die beiden anderen Fälle erweitern den Band stimmig. In „Der verlorene Sohn“ geht es um Uwe Schulze, einen Beteiligten an einem Sparkassenraub, der nach seiner Verurteilung, Haft und erneuter Reise schließlich bei der Einreise nach Thailand aufgrund eines noch aktiven internationalen Haftbefehls festgenommen wird; hier interessiert die Autorin weniger die bloße Strafsache als die beschädigte Vater-Sohn-Beziehung. „Tödlicher Cocktail“ wiederum erzählt von Anja Kaiser, die ihren Mann nach Überzeugung des Gerichts vergiftete und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde; besonderes Gewicht erhält dabei der heimliche Mitschnitt eines Gesprächs mit der Tochter, der zum zentralen Beweismittel wird.
Die Stärke des Buches liegt in seiner journalistischen Genauigkeit, seiner Nähe zu Ermittlern, Angehörigen und Gerichten und in der Fähigkeit, aus Aktenstoff erzählerische Spannung zu gewinnen. Schwächen liegen dort, wo die Darstellung zu sehr erklärt, emotional nachdrückt oder in eine leicht romanhafte Rekonstruktion hineinrutscht. Nicht jede Szene müsste so stark auf Wirkung hin formuliert sein; manches wäre gerade dann noch eindringlicher, wenn es kühler bliebe.
Der Mörder zahlt mit einer Mark ist ein bemerkenswertes True-Crime-Buch: kein bloßes Gruselkabinett, sondern ein Stück ostdeutscher Erinnerungs- und Mentalitätsgeschichte. Gabi Thieme schreibt mit Ernst, Erfahrung und Respekt vor den Opfern. Gerade das macht den Band lesenswert.
Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen
Gehören Sie auch schon der Selbsthilfegruppe für Ratgeber-Frustrierte an? Soviel vorweg: Ellen Kuhn gibt dafür keinen Anlass. Im Gegenteil.
Der Anteil der sogenannten Ratgeber-Literatur beträgt auf dem deutschen Markt immerhin 10 bis 15 Prozent. Dabei ist die Erfahrungsendlos-Schleife bei diesen Büchern doch eigentlich immer die gleiche: Die Titel versprechen das sofortige Lösen des Problems in Rekordzeit, am besten sogar aller Probleme. Der Weg dorthin ist von Affirmationen im Befehlston gepflastert, die kein Nachdenken und keinen Widerspruch zulassen („Sei Du selbst. Sei die beste Version Deiner selbst. Sorge Dich nicht, lebe. Vergleiche Dich nicht. Sei unvergleichlich. Du musst unbedingt …“ Und unendlich viele mehr). Das empfinden erstaunlich viele Menschen als primär angenehm, da es vordergründig Sicherheit vermittelt, Komplexität reduziert, das Leben also scheinbar einfacher macht. Bis das böse Erwachen folgt – hat doch nichts gebracht. Aber da wartet ja schon der nächste Wunder-Guru mit dem nächsten Ratgeber.
Was für eine Wohltat, wenn man in diesem Szenario ein Buch von Ellen Kuhn in die Hände bekommt.
Nach Ihrem Erfolgsbuch „Erfüllendes Mutterglück oder kinderlose Freiheit – mein Weg zur Entscheidung“ war man schon gespannt, welchem schwierigen, aber immer aktuellen Thema Sie sich – nach einem kurzen Intermezzo über einen Essay-Band – wohl als Nächstes widmen würde. Im Sachbuch „Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen“ bekommt man genau die Ellen Kuhn, die man im ersten Buch so schätzen gelernt hat.
Wer hat sich noch nie mit dem Gefühl konfrontiert gesehen, dass man für manche oder viele um sich herum unsichtbar ist, nicht wahrgenommen wird, egal was man tut? Während anderen die Herzen ohne großes Zutun einfach nur zufliegen. Gesehen werden zu wollen, gehört ohne jeden Zweifel zu den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen. Viele wissen das, viele leugnen es, viele leiden darunter, viele driften ab in abstruse Verhaltensweisen, nur weil fehlende Anerkennung, fehlende Resonanz, fehlende Spiegelung am Selbstwert und an der gesamten Persönlichkeit zehren. Manchmal Tag um Tag, nicht selten Jahr um Jahr, vielleicht sogar lange Phasen des Lebens. „Wie die Sehnsucht nach Anerkennung unser Selbst formt“ ist folgerichtig ein weiterer Untertitel des Buches.
Erst wenn man dieses Buch liest, erkennt man, wie facettenreich dieser Themenkomplex eigentlich ist. Kuhn geht trotz tiefschürfender Materie mit erfrischender Leichtigkeit zum Beispiel darauf ein, was wir wirklich brauchen, was Applaus und Bewunderung mit uns machen, wie es zu verletzenden und gar toxischen Beziehungen kommen kann, was Lob und Belohnung mit uns machen können, welche Bedeutung soziale Medien in diesem Gefüge haben und wie Liebe und Sex ganz ausgeprägt mit dem Gesehenwerden zusammenhängen können. Und vieles, vieles mehr.
Trotzdem wird das Buch nie langweilig. Das liegt zum einen an der guten Gliederung und Proportionierung und vor allem auch an den immer wieder eingestreuten Berichten von Betroffenen, in denen man sich mehr als einmal wiederfindet. Und an den Fragen, mit denen sie ihre Leserschaft direkt einbindet. Sogar kurze Ausflüge in die dazugehörigen Aspekte der Philosophie (einschließlich fernöstlicher Perspektiven wie des Konfuzianismus, des Daoismus und des Zen-Buddhismus) und der Psychotherapie wirken nie trocken, sondern immer stimmig und zusätzlich erhellend.
„Das Thema ist komplex, vielschichtig und oft widersprüchlich. Eine einfache Antwort würde ihm nicht gerecht“, schreibt die Autorin in ihrer Einleitung.
Wenn man ihr Buch gelesen hat, hat man durch den Reflexionsprozess, den Kuhn mit Ansage intendiert, vielleicht noch nicht alle Probleme gelöst. Aber man ist sich selbst ein großes Stück näher gekommen.

Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose
Winfried Ripp erzählt in Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose die Geschichte einer Institution, die im Berlin des Kaiserreichs für ein anderes Verständnis von Fürsorge stand. Sein Gegenstand ist der 1868 gegründete Berliner Asyl-Verein, der wohnungs- und obdachlosen Menschen Schutz bot, ohne sie zu registrieren, zu moralisieren oder zur Arbeit zu zwingen. Das Buch verfolgt die Entwicklung dieses Vereins von den sozialen Ursachen der Obdachlosigkeit über Gründung, Ausbau und Alltag der Asyle bis zu den Kampagnen seiner Gegner, vor allem Friedrich von Bodelschwinghs, und zum späteren Niedergang des Projekts.
Ripp schreibt keine bloße Vereinschronik, sondern eine Sozialgeschichte der Ausgrenzung – und der Gegenwehr. Die Stärke seiner Studie liegt in ihrer Klarheit des Gegenstands und in ihrer archivalischen Dichte. Der Autor stützt sich auf Vereinsbestände, staatliche Archive, Materialien aus Bethel sowie auf zeitgenössische Fach- und Tagespresse; ausführliche Originalzitate setzt er bewusst ein, um Denkweisen und Interessenlagen sichtbar zu machen. Das verleiht dem Band ein hohes Maß an Anschaulichkeit.
Man liest hier nicht nur von Institutionen, sondern von konkurrierenden Menschenbildern: auf der einen Seite ein Verständnis von Hilfe, das Obdachlose als Menschen in Not begreift, auf der anderen ein System der Kontrolle, Disziplinierung und moralischen Prüfung. Gerade in dieser Zuspitzung wird deutlich, warum das Buch über sein historisches Thema hinausweist.
Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Ripp die Prinzipien des Asyl-Vereins konkret werden lässt. Dessen Kern war die Wahrung der Anonymität: keine namentliche Erfassung, keine Polizeikontrollen, kein Auftreten als Richter über „Schuld“ und „Unschuld“. Hilfe sollte schnell, unbürokratisch und würdeschonend erfolgen.
Dass dies nicht nur ein humanitärer Anspruch blieb, zeigt Ripp am Beispiel der „Wiesenburg“, die er als baulich, hygienisch und organisatorisch überlegenes Gegenmodell zum städtischen Obdach „Palme“ beschreibt: hellere und sauberere Räume, bessere Betten, geordnetere Verpflegung, insgesamt ein weniger entwürdigendes Umfeld.
Gerade hier gewinnt das Buch seine größte Überzeugungskraft, weil es zeigt, dass Sozialpolitik sich auch in Architektur, Hausordnung und Alltagsdetails entscheidet. Zwar dient Ripps große Materialtreue nicht immer der Eleganz der Darstellung, doch die Fülle der Quellen macht den Band autoritativ. In seinen Darlegungen lässt der Autor seine Sympathie für den Asyl-Verein und seine Distanz zu Bodelschwinghs Modell sehr deutlich erkennen. Das ist sachlich oft gut begründet, gelegentlich aber stärker engagiert als analytisch austariert.
Gerade darin liegt jedoch auch der Nutzen des Buches. Der Autor macht sichtbar, dass die Geschichte der Obdachlosigkeit keine Randnotiz urbaner Elendsgeschichte ist, sondern ein Prüfstein moderner Gesellschaften: Wie wird geholfen, unter welchen Bedingungen – und mit welchem Bild vom Menschen? Der umfangreiche Anhang mit Nutzungszahlen, Zeittafel, Quellen, Literatur und Personenregister unterstreicht zudem den dokumentarischen Wert der Arbeit.
Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose ist ein materialreiches, verdienstvolles und in seiner Tendenz bewusst streitbares Buch, das historische Forschung, Berliner Stadtgeschichte und aktuelle Debatten über Wohnungslosigkeit produktiv miteinander verbindet.
Cum/Ex, Milliarden und Moral Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt
„Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht“
Vorwort von Marie von Ebner-Eschenbach
Anne Brorhilker hatte als junge Staatsanwältin schon 2013 verstanden, dass Cum/Es Geschäfte illegal und zu verurteilen sind. Sie hatte Fälle von „Umsatzsteuerkarussel“ bearbeitet, wo ebenfalls nicht gezahlte Steuern erstattet wurde. Und es gab Urteile dagegen, zu Cum/Ex bis dahin nur Geraune über „.Marktineffizienzen“. Weiterlesen
Der Kosmos Baumführer – Europa
Nachdem mir ein Kosmos Führer derselben Autorin so gut gefallen hatte Was blüht denn da?, wollte ich auch diesen kennenlernen.
Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten
Ich lese dieses Buch seit einem halben Jahr und bin noch nicht „durch“. Pro Tag etwa drei Objekte, und manche immer wieder. Was können alles Objekte sein? Annabelle Hirsch erklärt es uns und beginnt mit einen 30 Tausend Jahre alten weiblichen Oberschenkelknochen, der einen verheilten Bruch zeigt.
Im Vorwort berichtet sie, dass ein Mann losprustete, als sie im Kreis von Bekannten über den Plan sprach, die Geschichte der Frauen an Objekten zu beschreiben: Frauen wären doch selbst Objekte!
Von den hundert beschriebenen kann es hier nur eine kleine Auswahl werden. Ihr profundes Wissen auch über Mythologie, Religionen und Geschichte verblüfft, auch wie sie Zusammenhänge darstellt. Es geht um Sex and Crime, um Religion und Mystik, um Recht und Liebe, wie sie von Frauen erlebt werden.
Zurück zum Oberschenkel: Margret Mead berichtet von der Frage eines Studenten, was wohl ihrer Meinung das älteste Zeugnis menschlicher Zivilisation sei. Sie antwortete: Dieser Oberschenkel zeigt, dass die Frau mit dem gebrochenen Oberschenkel über Wochen auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen war; die sie fütterten, vielleicht auch trugen. Ein Tier wäre, ohne Laufen zu können, gestorben…
Dann geht es nicht nur ums Überleben, auch um die weibliche Lust: Drei Dildos stellte sie vor, der erste im 17. Jahrhundert aus Muranoglas. Venedig war ein Ort der raffinierten Sünde, schade, dass die katholische Kirche nichts von Onanie hält.
Da war man 1984 weiter, als in den USA der kleine Rabbit Pearl entwickelt wurde, mit einem Kitzler für den Kitzler. Im Film Sex and the City wurde Miranda süchtig nach ihm und man sprach davon.
Dann geht es um die Rechte der Frauen im Grundgesetz: Von den vier „Müttern“ des Grundgesetzes war nur eine, Elisabeth Selbert, konsequent gegen die Fortführung der Formulierung des Textes der Weimarer Republik. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt,“ forderte sie, das ist etwas anderes als: sie sind gleich. Als auch die anderen drei Mütter eher zu Kompromissen bereit waren, betrieb Frau Selbert Öffentlichkeitsarbeit in Fabriken, auch im Radio und „erklärte den Frauen, was auf dem Spiel stand“. Das erinnert mich an den Film „Die Unbeugsamen“ von Torsten Körner, wo die CDU-Frauen vor Adenauers Haus dagegen protestierten, dass er immer nur eine (Alibi) Frau als Ministerin zulassen wollte.
Aus Großbritannien stellte sie die Hungerstreikmedaille vor: Als Frauen vor und während des ersten Weltkrieges bürgerliche Rechte forderten, sahen sie, dass es andere Aktionen gegen brauchte, notfalls mit Gewalt. Auch gegen sich selbst; sie hungerten. Dazu gab es den „Cat and Mouse Act“. Wenn die Frauen so geschwächt waren, dass sie drohten zu sterben, wurden sie entlassen, aber zurück ins Gefängnis gebracht, wenn sie wieder hungerten. Erst später gab es dann die Medaillen.
In den USA gab es eine Medaille für Women Airforce Service Pilotinnen, die während des Krieges dienten. Als die Männer zurückkamen, wurden sie nicht mehr gebraucht. Sie könnten doch Stewardessen werden…
Frau Hirsch ist Deutsch-Französin und hat auch in Paris studiert. Viele ihrer Objekte stammen aus Frankreich.
Etwa das vom Buch des Essayisten de Montaigne aus dem sechzehnten Jahrhundert. Da geht es um die Freundschaft im Sinne des Humanismus. „Weil ich es war, weil er es war“ beschreibt er eine Beziehung. Das ist etwas Anderes, als die Nächstenliebe. Wie kann die funktionieren, wenn mir ein Mensch nicht angenehm ist.
Aber, geht das nur unter Männern? De Montaigne hatte eine Brieffreundschaft mit einer Frau und wünschte sich nach seinem Tode, dass sie sein Werk weiter betreut, und seine Witwe bat sie darum.
Oder der Nervenarzt Charcot, der sich auf hysterische Frauen spezialisierte und es schaffte, dass sie sich vor großem Publikum in einem Krampfanfall hineinsteigerten. Selbst Freud hat sich das mal angesehen. Von dessen Theorie vom Penisneid hält sie dann auch nichts.
Auf dem Klappentext steht: von diesem Buch kauft frau sich am besten gleich zwei; eins für sich und eines für die beste Freundin. Ich habe es schon dreimal verschenkt.
The Book. Der ultimative Wegweiser zum Wiederaufbau einer Zivilisation.
The Book. Das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt: sollte unsere Zivilisation demnächst untergehen, sind in “The Book” alle lebens-notwendigen Informationen enthalten, derer es zum Überleben nach einem etwaigen Atomschlag bedarf. “The Book” ist mit seinem Weltuntergangsszenario vielleicht ein Kind der Achtziger (Kalter Krieg, zwei unversöhnliche Blöcke), aber dennoch so aktuell wie kein anderes Buch. Vor allem aber ein großes Lese- und Schnuppervergnügen für Jung und Alt.
The Book: Kreatives Kollektiv mit viel Knowhow
180 Themen, aufgeteilt in 23 Kapitel auf über 400 Seiten. Das einzigartige Hardcover-Buch im Schuber wurde von einem Expertenteam in über 5.000 Stunden akribischer Kleinarbeit erstellt und liegt auf Englisch im Original, aber auch in einer deutschen Übersetzung vor. The Book wurde zur Sensation bei Kickstarter, sammelte $3.5 Millionen, und war ein Bestseller in gleich mehreren Ländern. Es verkaufte sich bereits über 100,000 mal. Medizin, Werkstoffe, Mechanik, Militär, Alltagsleben, Landwirtschaft, Unterhaltung, Musik Gesellschaft, Spiele, Delikatessen sind nur einige der Themen, die hier erwähnt werden können, denn The Book ist prallvoll mit Informationen, die mit Illustrationen im Stile des englischen Steam Punk auch bildlich dargestellt werden. Als eine Kombination aus Ingenieurzeichnungen und mittelalterlicher Kunst kann man die faszinierenden Illustrationen bezeichnen, die die Struktur von Geräten und Materialien in vielen Formen aufschlüsseln und erschließen.
Hungry Minds for Hungry Hearts
Die Herausgeber, Hungry Minds, verstehen sich als kreatives Kollektiv unterschiedlichster Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller und Designlovers, die gemeinsame Werte teilen. Neben der Liebe zur Schönheit, Kreativität und gutem Geschmack sind dies – laut Eigendefinition – auch Neugierde, Courage, Verantwortung und Sinn für Humor. Auch Teal Organization, also das Pendant zu Arbeiterselbst-organisation, wird hier groß geschrieben. Wer selbst den Hunger nach neuen Herausforderungen verspürt, kann sich sogar bei Hungry Minds melden und auch selbst mitarbeiten, denn das Team hat noch viel vor.
Anleitung zum DIY nach dem Weltuntergang
Menschliche Errungenschaften vom Pflug bis zur komplexen Mikroelektronik sind sachlich erklärt und anhand detaillierter Illustrationen verständlich gemacht. The Book zeigt brillante Ideen, die unsere Zivilisation geformt haben und bietet damit gleichzeitig einen Bauplan für die Zukunft und ihren Wiederaufbau. Kunst, Technologie, Geschichte und geheimnisvolle Wissenschaften wie Semiotik und Hermeneutik sind ebenso erläutert wie die richtige Mund-zu-Mund-Beatmung oder einen Blinddarm selbst zu entfernen (!). Natürlich geht es aber auch um die Basics, nämlich Wassergewinnung und Nahrungsaufnahme. Welche Pilze lecker sind oder welche Pilze nur Spaß machen ist hier mit einem Augenzwinkern erklärt. Yoga und chinesische Nadeltherapie oder die Herstellung von Gips, Klebstoff, Penizillin sowie Papier kann man hier genauso nachlesen und studieren.
Was wir wirklich brauchen (werden)
Aber auch die Produktion größerer Mengen von Schießpulver wird angeleitet. Das wirft natürlich die Frage auf, ob wir so etwas für einen Neubeginn wirklich noch brauchen werden. Man kann vielleicht ein Feuerwerk daraus machen, denn zum Feiern wird es ja nach wie vor noch etwas geben. Neben Bauanleitungen für Werkzeuge zur Nahrungsgewinnung wurde zudem auch an Unterhaltung gedacht. Kartenspiele, Schach, Ballspiele oder einen Drachen steigen lassen oder vielleicht gleich ein Phenakistiskop herstellen? The Book zeigt wie es gemacht wird. Selbst an Vibratoren und Kondome wurde gedacht, denn schließlich spielt Geburtenkontrolle auch in der Zukunft eine Rolle. Auch um Mangel und Verteilungskämpfen vorzubeugen.
“The Book ist eine Hommage an die menschliche Vorstellungskraft, an die Fähigkeit, außerhalb der alltäglichen Realität zu denken. Es wurde von Träumern für Träumer gemacht“, schreiben die Herausgeber bei Hungry Minds und geben damit auch den Fahrplan für ihr weiteres Verlagsprogramm vor. Die nächsten Bücher sind schon geplant: The Black Book ist soeben erschienen.
The Book. Der ultimative Wegweiser zum Wiederaufbau einer Zivilisation.
2024, Hardcover, Schuber, 23 x 34 cm, 405 S., Leinen, Silberprägung.
Hungry Minds Verlag
120,00 €
Der Klimaatlas- 80 Karten für die Welt von morgen
Luisa Neubauer ist das Gesicht von Fridays for Future, der „unideologischen Bewegung“, leiteten sie doch ihre Aktivitäten von Studienergebnissen ab. „Wissenschaftliche Bekenntnisse sind das stärkste Argument gegen Klimazerstörung,“ dachten sie.
Aber, warum ist FFF verschwunden?
An der Wissenschaft liegt es nicht, und so werden von den Autoren andere Wege gesucht, und gefunden, diese Erkenntnisse bekannter zu machen.
Dazu kommt ein Buch im DIN A4 ähnlichen Format, knapp zweihundert Seiten, mit großflächigen Abbildungen. Die Kapitel werden durch Texte eingeleitet, die in sehr hellem Grau gehalten und für Ältere nicht gut lesbar sind. Umso farbiger sind die Abbildungen.
Die ersten beiden Kapitel beschreiben die Lage, dass weltweit Frühlinge früher beginnen, die Temperaturen ansteigen.
Dass der ökologische Wandel ein komplexeres Geschehen ist, wird im dritten Kapitel eingeleitet: Es ist mehr als der CO2 Anstieg. Lebensräume sind bedroht. Arten sterben. Wie schützen wir unsere Ressourcen, die Böden und das Trinkwasser?
Im Kapitel Gesundheitlicher Wandel wird die Tatsache angesprochen, die sich durch das Werk zieht: Es trifft die Ärmeren stärker. Länder, die am Äquator liegen, sind schon bei einem Anstieg von 1,5° C nicht mehr bewohnbar, andere in deren Nähe werden es bei über 2°C nicht mehr sein. Alle Länder, die deutlich oberhalb des Äquators liegen, ob in Amerika, Europa oder Asien, also die reicheren, bleiben auch dann bewohnbar.
Und wen trifft es hier? Die Ärmeren, die kürzer leben, schlechtere Luft atmen, weniger Parks haben, keine Gärten. Eine Abbildung dazu: Dein Lamborghini schadet meiner Lunge.
Ein gesellschaftlicher Wandel ist gefragt. Dazu ist zu reflektieren, was wir anstreben und was Fortschritt ist. Und: was wer verlieren wird.
Ist unsere Welt die von Hollywood, mit breiten Autospuren, auf denen ein „PS-gestählter Superheld“ dahinbraust? Gerade diejenigen Menschen, die ohne lebensgefährdende Einschränkungen etwas für den Bestand des Planeten tun könnten, genießen diesen Lebensstil und glauben, sie hätten ihn sich verdient.
Gibt es andere Leitbilder? Es geht auch anders. In einer Abbildung werden Popheld:innen bewertet: Batman gehört der Vergangenheit an, Asterix setzt auf Technologien mit geringem Ressourcenaufwand, Lucky Luke hat einen Hauch toxischer Männlichkeit, gepaart mit einer Liebe für Eisenbahn und Empathie. Besser wird es mit Bibi Blocksberg, sie ist klimaneutral und setzt auf Frauen und Pipi sieht Kinder an der Macht, mit PS, aber ohne Auto.
Dann gibt es Vorschläge, wie die Leser: innen sich einbringen können. Die Auswahl ist groß, auf allen Ebenen können Aktivitäten entwickelt werden. Senior: innen können auf Klappstühlen den Eingang einer Bank blockieren. Und neben diesen gut hundert Vorschlägen gibt es nochmal so viele fürs Internet.
Mein Lieblingskapitel folgt: Politischer Wandel. Auf der einen Seite sind das Grundgesetz und das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Klimakrise abgedruckt, auf der anderen die Aussagen aktueller Politiker, schon Bekanntes von Lindner zum Freisein im Auto und Söder zur Bratwurst. Neu war mir das Beste: „Autobahnen sind in Beton gegossene Freiheit“ von Christoph Meyer, FDP von 2024!
Die nächsten Kapitel behandeln den wirtschaftlichen und den technologischen
Wandel mit globalen Beispielen.
In der Einleitung steht: „Wir möchten den Blick weiten, für all das, was sich kulturell, technologisch, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich gerade verändert. Von der Energiegewinnung über die Gesetzgebung hin zu unserer Sprache und unseren Zukunftsträumen. Die Welt ist im Wandel, und das ist eine gute Nachricht.“
Das ist den Autor:innen gelungen.
Schecks Bestsellerbibel
Zwischen Jubel und Verriss
Mit dem Titel «Schecks Bestsellerbibel» suggeriert Denis Scheck, Deutschlands bekanntester Literatur-Kritiker, gleich auch noch den Begriff Papst als unfehlbare Autorität an der Spitze einer gläubigen Leserschar. Durch seine Aktivitäten in Rundfunk und Fernsehen ist er zweifellos der populärste Vertreter seiner Zunft in der Nachfolge des unvergessenen Marcel Reich-Ranicki. Der ist bekanntlich vor allem durch seine schriftlichen Rezensionen in den Feuilletons einem breiteren Publikum bekannt geworden, mit der Sendung «Das literarische Quartett» aber später eben auch durch das Fernsehen. Als Urgestein des literarischen Kritikers galt Reich-Ranicki bis zu seinem Tode als der deutsche Literatur-Papst. Beiden Kritikern ist gemein, dass sie ihre dezidiert subjektive Einschätzung der Qualität eines Buches äußerst vehement vortragen und andere Meinungen partout nicht gelten lassen wollen. Das führt dann oft zu unerbittlichen Kontroversen. Beide Herren haben zum Beispiel eine Dauerfehde mit Elke Heidenreich geführt. Deren gefühlsbetonte Bewertungen lehnt Scheck entschieden ab, für sie sei «Literatur ein Mittel gegen seelische Blessuren», also eine zweckgebundene Kunstgattung!
Die Sammlung von kurzen Beurteilungen der Bücher, die in den letzten zwanzig Jahren in die beiden Bestsellerlisten des Nachrichten-Magazins «Der Spiegel» aufgenommen wurden, bieten als Orientierungshilfe einen guten Überblick der meistverkauften Bücher, nicht der besten! ‹To sell› heißt verkaufen, und mit dem Untertitel «Schätze und Schund aus 20 Jahren» weist der Autor ja auch unmissverständlich darauf hin. Die meistverkaufte Tageszeitung in Deutschland ist «Bild», wäre anzumerken, ist sie deshalb die beste? Den Schund heraus zu filtern aus der Flut der jährlichen Neuerscheinungen ist dem unerschrockenen Kämpfer Denis Scheck offensichtlich das Hauptanliegen. Aber er warnt auch vor gesundheits-schädigenden Autoren: «Die amerikanische Neuro-Wissenschaftlerin Maryanne Wolf hat herausgefunden, dass unser Gehirn durch das, was wir lesen, unwiderruflich geprägt wird – und zwar sowohl physiologisch als auch intellektuell. Das aber heißt nichts anderes, als dass Sie ihr Hirn irreparabel schädigen, wenn Sie einen Roman etwa von Sebastian Fitzeck, Susanne Fröhlich oder Paolo Coelho lesen.» Deutlicher geht’s nicht!
Gleich zu Beginn dieser Bibel findet man «Die zehn Gebote des Lesens». Man solle skeptisch sein als Leser, mehr ausländische Bücher lesen als deutsche, mehr von Autoren des anderen Geschlechts und mehr aus vergangenen Zeiten. Denken Sie sich in die Epochen hinein, lassen Sie sich nicht leiten durch den tollen Umschlag, durch Genres oder Verlage, bleiben Sie bei der Wahrheit, ob Ihnen ein Buch gefallen hat oder nicht. Urteilen Sie öffentlich nur über Bücher, die Sie komplett gelesen haben, urteilen Sie über Bücher und nicht über die Menschen, und seien Sie sich dessen bewusst, wenn Sie eine Übersetzung lesen. Im Vorwort wie auch in den einundzwanzig Einführungen zu den einzelnen Bestseller-Jahreslisten äußert sich Denis Scheck ergänzend auch sehr anschaulich und lehrreich zu verschiedenen Themen rund ums Buch. Da finden sich beispielsweise Beiträge wie «Leben Lesende länger», «Wie verändern Bücher unser Leben», «Warum sind so viele Bücher Krimis», «Stiften Bücher Werte», «Sind Bücher Spiegel oder Fenster», «Kann man aus Büchern lieben lernen», «Kann man Gott in der Literatur finden», «Kann man mit Büchern reich werden», «Wie verliebe ich mich in ein Buch».
Man wird sich kaum in die «Bestsellerbibel» verlieben, schon allein deshalb, weil man vielleicht den einen oder andern Verriss findet von einem Buch, das einem selbst sehr gefallen hat. So ist das nun mal, unser Urteil ist subjektiv, und das von Denis Scheck erst recht, wie er zugibt. Die Hälfte der Bücher sind Sachbücher, in die erklärte Belletristik-Leser nur ganz selten mal hineinschauen. Bleibt die andere Hälfte, die mit Hilfe des 22seitigen Personen-Registers ein nützliches Nachschlagewerk bildet. Aber wie in der Kritiker-Szene üblich changieren auch hier die verbalen Urteile zwischen Jubel und Verriss, Zwischentöne sind leider eher selten.
Fazit: lesenswert
Meine Website: https://ortaia-forum.de
Einfach gärtnern! Naturnah und nachhaltig
Das Buch habe ich mit wachsender Freude gelesen: Erst kommt das Buch wie eine Liebeserklärung an seinen Garten daher: so, als wäre er seine Beziehungskiste, wie zu seinem Hund. Dann geht es um nichts weniger als die Liebe zur Natur, zu Pflanzen. Zu „Tiere(n) im Garten–Wie werde ich ein guter Gastgeber?“ heißt ein Kapitel. Und dass er sich als Junge zur Kommunion eine Magnolie gewünscht hatte—so etwas gefällt einer Oma.
Die Kühe, mein Neffe und ich Mit großen Tieren aufwachsen, leben und arbeiten.
Frau Ruge kennt und verehrt Kühe, für dieses Buch hat sie breit recherchiert, besonders interessiert sie die Rolle, die Kühe in den Kulturen der verschiedenen Epochen für Menschen spielten. Dabei geht es ihr um die Beziehungen der Menschen zu ihren Rindern. Sie kennt sich mit Kühen aus: für die Laien werden anfangs alle Bezeichnungen, von Färse bis zur Kuh erklärt, auch, wofür der Stier gut ist, aber was der Ochse nicht kann.
Illustrated by Kunstmann
Große und kleine Schätze der Natur – Pflanzen – Über 100 Blumen, Samen und Bäume und was sie uns erzählen
„Wenn es keine Pflanzen gäbe, könnten auch alle anderen Lebewesen nicht existieren.“
„Obwohl Pflanzen weder Augen noch ein Gehirn haben, können sie sich gezielt bewegen, einander helfen, zählen und sogar lernen. Viele ahmen andere Pflanzen und Tiere nach, bekämpfen oder beklauen sie.
Pflanzen erfüllen die Luft mit Sauerstoff zum Atmen. Der Wasserdampf, den sie abgeben, wird zu Wolken, aus denen es später wieder regnet. Auch für das Klima spielen sie eine entscheidende Rolle, da sie Kohlenstoff speichern. Nahrung, Kleidung, Arzneimittel und viele andere Dinge, die wir täglich benötigen, stammen von Pflanzen.
Heute sind mehr als ein Drittel aller Pflanzenarten gefährdet.“ (S.5)
Schon die einführenden Worte dieses Buches zeigen sehr eindrücklich auf, welch große und umfassende Rolle Pflanzen für diese Erde spielen. Umso erschreckender, dass 1/3 aller Pflanzenarten gefährdet sind, denn mit dem Wegbrechen dieser gefährdeten Pflanzen brechen ganze Netzwerke und Ökosysteme zusammen.
Pflanzen brauchen z.T. Tiere, um sie zu bestäuben. Das sind allen voran Insekten wie z.B. Bienen, Schmetterlinge oder Hummeln, aber auch Kolibris. Automatisch kommt einem da das Insektensterben in den Sinn – bis zu 75% der Insektenarten sind gefährdet oder sogar schon ausgestorben! Erschreckende Zahlen. Denn ohne die Bestäuber gibt es keine pflanzliche Nahrung für den Menschen, man denke u.a. an Früchte, essbare Nüsse oder Samen, Raps, Kaffee usw. Hauptursache des Insektensterbens ist die konventionelle Landwirtschaft mit ihren großen Anbauflächen (die der so dringend notwendigen Wildnis mit ihren Lebewesen den Platz wegnehmen), den Insektiziden, den schweren Maschinen (die sowohl die zentralen Kleinstlebewesen im Erdboden töten als auch CO2 aus dem Boden pressen) und dem riesige Dimensionen annehmenden Anbau von Futtermitteln für sogenannte „Nutztiere“. Man sehe sich dazu gern die Artikel des NABU an – dort wird z.B. ausgeführt, dass Ernteeinbrüche um bis zu 90% zu befürchten wären ohne Bestäuber, oder was die Landwirtschaft früher für die Natur getan hat und was heutige Landwirtschaft für sie tun könnte.
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/info/22683.html
https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/artenvielfalt/index.html
https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/artenvielfalt/23701.html
Wundersame Pflanzen
Das Buch bietet faszinierende Einblicke in die Welt der Pflanzen. Eigentlich gedacht für Kinder ab dem 7. oder 8. Lebensjahr sind die einprägsamen, prägnanten und sehr informativen Texte auch eine Fundgrube an Wissen für Erwachsene, denn auch diese dürften nicht wissen, dass z.B. Seegras große Mengen an CO2 speichert, Schlamm und Sand festhält, damit das Wegbrechen von fruchtbaren Böden verhindert und insgesamt vielfältigen Schutz und Nahrung für viele Tiere bietet. In Dokus zum Thema Klimaschutz und CO2-Speicherung spielen auch Algen eine große Rolle. Algen dienen aber auch als Nahrung oder zur Herstellung von Plastik (s. „Planet Wissen“ oder auch die Ausstellungen der Mannheimer BUGA 2023). Im Buch wird als Beispiel das Phytoplankton genannt, das einen großen Teil des Sauerstoffes bildet, den wir atmen. Einige Algenteppiche dieser Art sollen so groß sein wie Großstädte und mehr CO2 speichern als alle Landpflanzen zusammen. Grünalgen besitzen z.T. nur eine Zelle und gelten als ursprüngliche Pflanze. Symbiosen zwischen Pilzen und Algen nennt man „Flechte“ – der Pilz liefert der Alge Wasser und Schutz. Die Flechte wird übrigens nicht zu den Pflanzen gezählt.
Auch das Torfmoos wird genannt. Moore sind ebenfalls CO2 Speicher, Wasserspeicher und Lebensraum, den es zu schützen und renaturieren gilt. Früher wurden aus dem Moos Babywindeln gemacht. Außerdem wurden sie für die Wundheilung benutzt, da die Kombination Wasser und Moos ein saures Milieu bildet, das Bakterien tötet. Moose zur Wundheilung kamen z.B. im Ersten Weltkrieg zum Einsatz. Moose sind sowieso interessant: Die Lebermoose z.B. bilden keine Blätter/Stängel und Wurzeln und waren die ersten Landpflanzen. Pflanzen mit Blättern haben Spaltöffnungen, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff sowie Wasserdampf abgeben. Nachts schließen sie die Spaltöffnungen, um Wasser zu sparen.
Oder wer weiß schon, dass Kürbisse zu den Beerengewächsen gehören, die Wacholderbeeren aber Zapfen sind und die Erdbeersamen den Nüssen und die Pflanze den Rosengewächsen zugerechnet werden? Oder dass Schneeglöckchen in ihrer Zwiebel Kohlenhydrate verbrennen, um die Pflanze zu erwärmen, sodass der Schnee um sie herum schmilzt? Dass die Vanille von einer Orchideenart stammt, die auf Waldbäumen wächst? Dass Klee mit Erbsen und Bohnen verwandt ist und durch die Bakterien an seinen Wurzeln für andere Pflanzen ein guter Stickstofflieferant ist? Dass der Löwenzahn ein Überlebenskünstler ist, eine wichtige Futterpflanze für Insekten und außerdem heilen kann? Dass Tomatenpflanzen bei Stress fiepen? Und dass der Grasbaum weder Gras noch Baum, dafür feuerfest ist? Zählende Mimosen, die eine innere Uhr besitzen und deren Stängel sich krümmen können, und giftige Spritzgurken, deren Früchte explodieren, um den Samen wegzuschleudern, sind weitere interessante Pflanzen.
Auch Mangroven sind faszinierend. Mangroven sind Pflanzen, die mit dem für Pflanzen sonst so tödlichen Salzwasser zurechtkommen. Außerdem sind sie wichtige Kinderstuben für Fische, Schildkröten und schützen Dörfer und Städte vor dem Meer, den Wellen und dem Wegspülen von Sand und Schlamm. Erstaunlich ist, dass Pflanzen Tiere, Steine, Pilze, Aas usw. nicht sehen können, sie aber sehr gut nachahmen. Dafür gibt es anscheinend noch keine Erklärung. Die Titanwurz z.B. heizt sich auf, um den Aasgeruch ihrer Blüte besser zu verbreiten. Auch die Rafflesie hat eine übelriechende Blüte – die so schwer wie ein Autoreifen werden kann! Der Biene-Ragwurz ähnelt einer solchen, um Bienen anzulocken.
Und ich wusste auch nicht, dass Palmen die ersten Pflanzen waren, die Insekten anlockten, aber keine Blüten, sondern Zapfen haben. Unter Pflanzen gibt es auch Riesen; z.B. sind die Blätter des Mammutbaumes breiter als ein Doppelbett. Außerdem sind Mammutbäume an Waldbrände angepasst: Die Asche dient als Dünger für Keimlinge, die dicke Rinde schützt vor Feuer. Nährstoffe und Wasser nehmen die Aufsitzerpflanzen Tillandsien aus der Luft auf. Die großen Arten bilden mit ihren Laubblättern sogar Mini-Teiche in luftiger Höhe für Baumfrösche.
Es gibt auch kunterbunte Pflanzen wie den Regenbogeneukalyptus, der einen mehrfarbigen Stamm besitzt, oder die Mandeleibisch, deren Blüten je nach Tageszeit die Farben wechseln. Der Stamm des roten Eukalyptus ist innen tatsächlich rot. Auch die Oca-Pflanze – eine der ersten Gemüsepflanzen, die Menschen angebaut haben – hat viele Farben.
Mein Eindruck vom Buch
Auch sonst gibt es viele interessante Informationen. Für Kinder sind die Infos recht einfach gehalten, manchmal könnten evtl. die Sätze selbst zu lang sein, passen aber von der Länge des Textes her sehr gut. Die Doppelseiten zu je einer Pflanze oder einem zusammenfassenden Thema sind wunderschön, detailreich und z.T. sehr großformatig bebildert mit prägnanten Bildunterschriften. Ich als Erwachsene hätte mir vielleicht etwas mehr Text gewünscht – kaum war ich im Thema drin, schon war die Seite zu Ende. Das Buch ist großformatig gehalten, mit festem, sehr schön gestaltetem, ansprechendem Einband. Der Buchblock ist goldgefärbt, was sehr edel aussieht.








