Der Fall Julian Assange. Geschichte einer Verfolgung

WikiLeaks-Gründer Julian Assange ist einer der bekanntesten politischen Gefangenen unserer Zeit. Seit elf Jahren interniert, feiert er am 3. Juli 2021 als »Untersuchungsgefangener« seinen 50. Geburtstag im britischen Hochsicherheitsgefängnis. Wer sich näher mit der Geschichte seiner Verfolgung befassen möchte, liest den spektakulären Report des UNO-Sonderberichterstatters für Folter, Nils Melzer, der jetzt in Buchform vorliegt. Weiterlesen


Genre: Politik und Gesellschaft, Sachbuch
Illustrated by Piper Verlag München

Sind Sie das? Eine Spurensuche

Wie viel vom tatsächlichen Leben eines Autors steckt in seinen Romanen? Diese Frage taucht nahezu in jedem Publikumsgespräch mit Autoren auf. Aber auch Literaturwissenschaftler und Rezensenten beschäftigen sich teilweise akribisch und streng wissenschaftlich mit dieser Thematik. Charles Lewinsky hat sich mit seinem neuesten Buch auf Spurensuche im eigenen Werk begeben. Weiterlesen


Genre: Autobiografie, Sachbuch
Illustrated by Diogenes

Erzählende Seelen – Die therapeutische Rückführung (Fallgeschichten)

https://www.xine.de/wp-content/uploads/2014/02/Cover-Erz.Seelen-Teil-1-220x300.jpgBeruf und Berufung

In einem gelungenen Mix und plausibler Verzahnung aus eigenem Lebenslauf, Tipps, Weitergabe von eigenen Erfahrungen und ihren Fallgeschichten erzählt die Autorin, wie sie zu ihrem jetzigen Beruf kam. Dabei ist ihr maximale Transparenz wichtig, was man als Leser*in durchweg in dem Buch spüren kann.

Früher als erfolgreiche Unternehmerin in der Textilbranche tätig führte sie eine Wendung des Schicksals  in Form eines  in einem Kosmetiksalon aufgestellten Buddhas zu ihrer jetzigen Tätigkeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie und daraus resultierend als Autorin. Sie erzählt anschaulich von ihrer ersten eigenen Rückführung in ein früheres Leben, verzahnt das mit ihrem heutigen Wissen über gelungene und individuell an Klient*innen orientierte Rückführungen, schildert dabei auch die Fallen, in die man als Klient*in geraten kann und wie man diese vermeidet. Sie verhehlt nicht, dass auch eine Berufung nicht immer geradlinig und ohne Hindernisse verläuft. Dazu zitiert sie ein altes, chinesisches Sprichwort, das da lautet: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Der Erfahrungsschatz ist durch diese Umwege durchaus gewachsen und kommt laut Buch ihrer Arbeit zugute.

Des Weiteren schildert sie ihre Aus- und Weiterbildungen, u.a. nach Michael Newton, sodass sie neben Rückführungen in frühere Leben auch LBL-Reisen anbieten kann: Reisen in die geistige Welt bzw. das Jenseits, die heilende Wirkungen haben und Hinweise zur Lösung von Problemen geben können. Sie erzählt insgesamt sehr ausführlich über ihre Erfahrungen und unterfüttert diese mit ihren (anonymisierten) Fallbeispielen, um den Leser*innen ein detailliertes Bild von ihrem Beruf zu vermitteln. Sie betont auch ihren Wunsch, dass es für ihren Beruf eine anerkannte Ausbildung geben sollte, um Scharlatanerie vorzubeugen. Ihrem eigenen Anspruch, Sachinformationen spannend an die Frau oder den Mann zu bringen, wird sie hierbei gerecht, denn das Buch ist nicht nur informativ, sondern auch kurzweilig. Allerdings ist der Titel evtl. etwas irreführend, weil die Fallgeschichten nicht das Hauptthema des Buches sind, sondern in ihren Erfahrungsbericht eingebaut werden.

Sehr sympathisch gerade für Kritiker*innen dürfte folgende Einstellung der Autorin sein: „Ich habe nichts mit Esoterik am Hut. Ich bezeichne mich selbst als spirituelle Exoterikerin. Esoteriker neigen dazu, nichts zu hinterfragen […]. Natürlich ist es gut, auf sein Herz und/oder die Seele zu hören, aber es ist auch immer gut, wenn man sich noch eine 2. Meinung einholen kann. In dem Falle vom Verstand.“ Deshalb darf der Verstand auch immer mit auf Reisen gehen und wird bei ihr ernstgenommen. Die Hypnose ist auch so angelegt, dass die Klient*innen sie jederzeit verlassen können.

Der Verstand fragt oft hinterher, ob man sich das alles nicht bloß aus den Fingern gesaugt hat. Hierzu meint die Autorin: „Jeder Mensch mit einem gesunden Verstand fragt sich das nach seiner RF. Das ist ganz normal und auch gut so. Ich finde es immer wichtig, dass meine Klienten alles (selbst)kritisch betrachten und auch dazu in der Lage sind. Das ist etwas, was Esoterikern bspw. komplett abhandengekommen ist, wie ich finde. Und in diesem Falle drehen wir den Spieß dann auch um und holen uns eine 2. Meinung vom Bauchgefühl oder dem Herz […] Es sind letztendlich aber immer die mit einer RF verbundenen Emotionen, die den Klienten darin bestärken, sich nicht bloß alles aus den Fingern gesaugt zu haben.“

Überhaupt ist es ihr wichtig, Fragen in dem Buch zu beantworten, die mit ihrer Arbeit zusammenhängen, z.B. Fragen darüber, was passiert, wenn man in ein traumatisches früheres Leben eintaucht. Oder was passiert, wenn heutige Kindheitserfahrungen alles andere als positiv waren. Diese Fragen und auch die dazu gehörigen Fallbeispiele sind der Grund dafür, dass sie eine Ausbildung als Heilpraktikerin in Psychotherapie gemacht hat, um ihren Klient*innen mit diesem Handwerkszeug besser zur Seite stehen zu können. Sie empfiehlt ebenfalls, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn man an psychischen Krankheiten leidet.

Das vorliegende Buch vom Schirner-Verlag allerdings weist sehr viele Tippfehler auf. Diese seien aber in ihrem E-Book nicht mehr vorhanden, versichert Weitzels. Das sei einer der Gründe gewesen, warum sie die Rechte an ihrem Buch zurückgekauft habe und es jetzt selbst anbietet.

Selbstrückführungen mithilfe von CDs

https://www.xine.de/wp-content/uploads/2020/05/Deine-Seele-erz%C3%A4hlt-R%C3%BCckf%C3%BChrungs-CD-von-Kristine-Weitzels.jpghttps://www.xine.de/wp-content/uploads/2021/01/Deine-Seele-erzahlt-Ruckfuhrungs-CD-in-die-geistige-Welt-von-Kristine-Weitzels.jpg

Nach dem erfolgreichen Verkauf ihres o.g. Buches kam ihr die Idee, CDs zur Selbstrückführung anzubieten. In mittlerweile 6. Auflage ist die CD „Deine Seele erzählt – Eine Anleitung zur Selbstrückführung“ 2020 erschienen, 2021 die CD „Deine Seele erzählt Teil 2 – Eine Anleitung zur Selbstrückführung in die geistige Welt“. Dazu gibt sie auf ihrer Webseite, deren Internetadresse auch in ihren CDs zu finden ist, eine ausführliche Anleitung und Beratung; sie kommentiert auch Rückmeldungen zu ihren CDs. Ihr ist es wichtig, dass die Selbstrückführungen sicher sind, weshalb sie Ausstiegsmöglichkeiten und Möglichkeiten zum Überstehen von unangenehmen Situationen eingebaut hat. „Das A und O einer jeden RF, egal ob geführt oder mit CD, ist immer, dass man dabei ein gutes Gefühl hat.“ Die Anleitung hat sie allerdings aus Kostengründen nicht in die Booklets der CDs integriert.

Wie im Buch beschrieben, ist es ihr bei Rückführungen wichtig, dass die Wahrnehmungen, die die Klient*innen durch die Tranceinduktionen erhalten, nicht verfälscht werden. So legt sie Wert auf offene und neutrale Formulierungen. Das ist auch in ihren CDs so. Ein Beispiel: Wenn man an sich herabsieht und sein Äußeres in einem früheren Leben beschreiben soll, verwendet sie nicht den Begriff „Schuhe“ – schließlich ist es nicht abwegig, dass man damals gar kein Schuhwerk an den Füßen hatte. Außerdem nehmen nicht alle Klient*innen visuell wahr, sondern viele mit anderen Sinnen bzw. bei vielen sind die Antworten auch ohne Sehen einfach da. Deshalb verwendet sie nicht den Begiff „sehen“, sondern „wahrnehmen“.

Da ich die CDs persönlich ausprobiert habe, kann ich zumindest für mich sagen, dass sie funktionieren. Die Stimme der Autorin ist angenehm, die Pausen soweit in Ordnung (diese kann sie nur pauschal setzen, weil sie die Hörer*innen ja nicht persönlich vor sich hat). Unangenehme Situationen erlebt man aus der Distanz. Bei der Rückführung in ein früheres Leben kam ich tatsächlich in ein solches – als Mann. Das allein würde schon das ein oder andere erklären. Das Erleben war zudem emotional mit Körperreaktionen. Bei der 2. CD war ich emotional nicht ganz so beteiligt. Aber das Gefühl hinterher war ein gutes und ich empfand mich als etwas mehr mit mir im Frieden als vorher. Meine Freundin hat die erste CD ausprobiert, kam aber nicht weit, weil die Tanceinduktion für sie so entspannend war, dass sie dabei einschlief – und das, obwohl sie Schlafstörungen hat.

Die CDs gehören nicht zum Buch; man kann sie einzeln erwerben. Sie sind für je knapp 20 Euro günstig – v.a. wenn man sich die Preise anschaut, die eine „normale“ Rückführung kostet.

 

Fazit

Das Buch ist informativ und spannend geschrieben, wobei der Fokus aber entgegen des Titels auf dem Werdegang der Autorin liegt. Die Fallbeispiele sind in diesen Werdegang eingebaut. Da Kristine Weitzels nicht als Esoterikerin bezeichnet werden will, ist ihr ausdrücklich der Verstand als 2. Meinung wichtig, sodass sie Kritiker*innen verstehen kann und es sogar begrüßt, wenn sie nachfragen.

Die CDs funktionieren zumindest für mich; ich kann hier aber auch nur für mich sprechen. Die Stimme der Autorin ist angenehm und sie achtet tatsächlich auf größtmögliche Sicherheit in einer Situation, in der sie die Hörer*innen nicht persönlich begleiten kann.


Genre: Erfahrungsbericht, Sachbuch
Illustrated by Schirner Verlag

Die Schlange im Wolfspelz

Von den Ursachen getrübter Lesefreude

Die Reihe nützlicher Sachbücher zum Thema Literatur ist von Michael Maar mit «Die Schlange im Wolfspelz», einem bei Eva Menasse entlehnten Titel, jüngst um ein populäres Werk ergänzt worden. Der Untertitel «Das Geheimnis großer Literatur» weist auf das durchaus ambitiöse Vorhaben hin, Licht ins Dunkel der Buchstaben-Kunst zu bringen. Wobei der Autor sich als Germanist, wen wundert’s, auf die deutsche Literatur beschränkt. Wer also als Leser in seiner Lektüre mehr sieht als nur einen angenehmen Zeitvertreib, wer sich über die Finessen eines gekonnten Schreibstils umfassend aufklären lassen will, der wird in diesem informativen Buch fündig. Um dann, deutlich besser gerüstet, in künftige Leseabenteuer aufzubrechen.

Diese Stilkunde beginnt denn auch gleich, die Frage «Was ist Stil?» mit vielen Textbeispielen systematisch und unterhaltsam zu klären. Was sind denn wohl die Fallstricke, die beim Schreiben auf den Autor warten? Um zu verdeutlichen, was denn Stil überhaupt ist, zitiert Maar eine kurze Passage aus Daniel Kehlmanns Roman «Die Vermessung der Welt». Darin wird Humboldt von seinen Ruderern gebeten, etwas zu erzählen. Er könne, bietet er ihnen an, das schönste deutsche Gedicht für sie ins Spanische übersetzen: «Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald wird man tot sein». Die Zuhörer sind verblüfft. Aber er hat alles richtig gemacht, er hat genau das erzählt, was Goethe, als «Wanderers Nachtlied», 1870 an die Holzwand einer Jagdhütte geschrieben hatte. Inhaltlich also gleich, nur stilistisch nicht! «Über allen Gipfeln / ist Ruh, / in allen Wipfeln / spürest du / kaum einen Hauch; / die Vöglein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / ruhest du auch.» Einprägsamer kann man die Funktion von Inhalt und Stil in der Literatur wohl kaum demonstrieren. Und solche anschaulichen Beispiele gibt es ungewöhnlich viele in diesem Buch! Inhalt und Stil, so lernen wir, kann man eben nicht trennen voneinander. Sie gehören zusammen, bilden eine künstlerische Einheit, die, wenn alles perfekt aufeinander abgestimmt ist, zu großer Literatur werden kann.

Mit vielen Porträts ganz unterschiedlicher Schriftsteller verdeutlicht Maar in unzähligen Textauszügen sprachliche Besonderheiten. Satzbau, Wortwahl, Sprach-Rhythmus, Dialoge, gekonnt eingesetzte Metaphorik oder einprägsame Leitmotive sind Bausteine, aus denen wahre Prosa-Kathedralen entstehen können, wenn Sprachgenies die Baumeister sind. Trotz aller akademischen Bemühungen bleibt die Beurteilung von Sprachkunst aber ein eitles Unterfangen. Das weiß der Autor auch, und so finden sich bei seiner oft sehr strengen Kritik häufig Anmerkungen wie «Die Arno-Schmidt-Jünger werden laut Protest erheben». Es bleibt also auch nicht aus, dass man als Leser manchen Einwand partout nicht nachvollziehen kann. Aber das ist völlig normal und mindert den Wert dieses Literatur-Führers keineswegs. Die Auswahl der als Referenz herangezogenen Schriftsteller ist, Germanisten können wohl nicht anders, zudem derart vorvorgestrig, dass man als heutiger Leser viele nie gelesen hat, bei einigen nicht mal ihrem Namen kennt. Umso erstaunter ist man dann, wenn plötzlich Hildegard Knef auftaucht, deren Autobiografie von Michael Maar stilistisch sehr gelobt wird, – nicht zu unrecht übrigens, wie die Textzitate zeigen.

Wer einigermaßen belesen ist, wird natürlich auch manches finden, bei dem er mitreden, seine Meinung mit dem vergleichen kann, was Maar, oft durchaus scharfzüngig, darüber schreibt. En passant erfahren wir zudem, dass Goethe mit ausgezählten 90.000 Wörtern den höchsten je gemessenen deutschen Wortschatz hatte. Trotzdem sind «Die Wahlverwandtschaften» kein Roman, den heute jemand freiwillig lesen würde, Wortschatz ist eben nicht alles! Schlechten Stil aber dürften aufmerksame Leser nach der Lektüre dieses Ratgebers deutlich besser entlarven können als eine Ursache getrübter Lesefreude!

Fazit: erfreulich

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Genre: Sachbuch
Illustrated by Rowohlt

Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde

Für echte Leser

Was kann einen heutigen Leser dazu bewegen, ein Fachbuch wie «Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde» von Alfred Henschke zu lesen, besser bekannt unter seinem Synonym Klabund. In dem 1920 erstmals erschienenen Büchlein von gerade mal hundert Seiten erklärt er gleich im ersten Satz: «Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch philologische Absichten». Volker Weidermann liefert das Vorwort zu dieser aktuellen Ausgabe von Klabunds literarischen Betrachtungen, im Klappentext feiert er es als «das subjektive Begeisterungsbuch eines echten Lesers».

«Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart» lautet der Untertitel, und so beginnt Klabund mit dem um das Jahr 800 entstandenen ‹Wessobrunner Gebet› als ältestem Zeugnis deutscher Dichtung. Weiter über das Nibelungenlied und die Minne eines Walther von der Vogelweide beleuchtet der Autor nach der Ritterpoesie, den Dichtern der Mystik und der Hinwendung zu den Volksmärchen dann das Aufkommen von Meistersinger-Schulen und das Genre der Eulenspiegeleien. Die sich anbahnende Abkehr vom Latein durch Luthers Bibelübersetzung schließlich «kann nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche Sprache erst geschaffen». Die Wirkung des Dreißigjährigen Kriegs auf die Literatur, Grimmelshausen sei genannt, wird ebenso besprochen wie die Epoche des ‹Sturm und Drang›. Zum Einfluss von Herder merkt er an: «Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der Volksdichtung gedeihen». Schiller und Goethe widmet er, wen wundert’s, die umfangreichsten Passagen seiner Literaturgeschichte, um sich dann der Romantik zuzuwenden mit Jean Paul, Hölderlin, Novalis, Eichendorf und anderen. Mit den Befreiungskriegen entsteht schließlich eine politische Dichtung, für die insbesondere Heine symptomatisch sei, den er mit den melancholischen Worten zitiert: «Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich / Das Beste wäre nie geboren sein». Es folgt der pfarrhausnahe schwäbische Dichterkreis, dessen Philisterhaftigkeit Klabund anprangert. Uhland, Hebbel und Mörike, um nur einige zu nennen, werden ausführlich besprochen. Es folgt Fontane, der es zu einiger Berühmtheit gebracht habe, «nicht aber wegen seiner großen Kunst der Milieu- und Menschen-Schilderung, sondern wegen seiner stofflichen Vorwürfe», wofür ‹Der Stechlin› als typisches Beispiel genannt wird. Das Buch endet schließlich mit der deutschen Literatur im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei Thomas Mann in zwei Sätzen abgehandelt wird.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein derart ambitioniertes Vorhaben anfechtbar ist. So mancher Germanist dürfte sich die Haare raufen wegen der nassforschen Art, wie Klabund hier mit seinem Studiengebiet umgeht. «Philologische Absichten» aber hat Klabund ja, wie wir wissen, definitiv ausgeschlossen, das müsste doch auch allen heutigen Kritikastern klar sein. Gerade wegen seiner Kürze hat ein solches Buch schließlich überhaupt erst eine Chance, für ein breiteres Lesepublikum goutierbar zu sein. Dicke wissenschaftliche Wälzer über deutsche Literatur gibt es zuhauf, die meisten aber verstauben, nur von wenigen Insidern in ihren akademischen Zirkeln je gelesen, ziemlich nutzlos in ständig weiter auswuchernden Archiven.

Ohne Zweifel ist dieses Buch äußerst kenntnisreich geschrieben, es teilt aber in seiner Subjektivität das Schicksal aller Kritiker, nicht in allem und immer jedermanns Zustimmung zu finden. Wie sollte das auch gehen, man erinnere sich nur an Marcel Reich-Ranicki, den Prototyp des subjektiven Rezensenten. Um auf Weidermanns «echten Leser» zurückzukommen, für den ist damit schon das Stichwort gegeben: Wer sich also über den Horizont seiner Lieblings-Lektüre hinausgehend für die Grundlagen der 24-Buchstaben-Kunst interessiert, dem sei dieses lehrreiche Büchlein empfohlen. Denn es bereichert nicht nur kenntnisreich, es bietet mit seiner etwas pathetischen Sprache zuweilen eine amüsante, immer aber sehr unterhaltsame Lektüre.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de

 


Genre: Sachbuch
Illustrated by Textem-Verlag

Sketch every day – Einfach mit dem Zeichnen loslegen

(Fast) jeden Tag zeichnen

Das „fast“ ist Simone Grünewald wichtig. Denn ohne das „fast“ wird Zeichnen zum Zwang. Und wenn der Zwang da ist, geht der Spaß, geht die Kreativität. Zeichnen kommt aus der inneren Motivation heraus, und diese soll erhalten werden. Aus dieser inneren Motivation heraus entsteht auch die Lust, fast jeden Tag zu zeichnen. Aber Angst vor Unvollkommenheit hemmt die Motivation. Deshalb plädiert die Autorin dafür, einfach loszulegen und damit der Entwicklung seines Zeichnens Raum zu geben.

Mutterschaft und Beruf – schwierige Kombination, aber machbar mit eingehaltenen Versprechen und Absprachen!

Um den angehenden Künstler/innen Mut zu machen, beginnt sie mit ihrer eigenen Geschichte und rundet das Buch mit ihrem Mutter- und Künstlerinnendasein ab. Sehr gut gefallen hat mir, dass sie unangenehme Dinge nicht verschweigt; v.a. die schwierige Verbindung von Beruf und Elternschaft einer Frau. Sie gibt zu, dass sie das nicht geschafft hätte, wenn ihr Mann nicht seine 50% an Haushalt und Kindererziehung leisten würde. Sie machte zwar von Anfang an klar, dass sie nur dann ein Kind will, wenn der Mann seinen Teil der Arbeit tut. Aber: Das wird viel versprochen und genauso viel gebrochen, wenn das Kind erst einmal da ist und der Mann merkt, dass für ihn überhaupt kein Raum mehr bleibt. Dann ist es bequem, in alte Rollenklischees zu verfallen und zu sagen, das könne die Frau doch viel besser, um sich so aus der Affaire zu ziehen.

Im Fall Grünewalds scheint es funktioniert zu haben. Ihr zeichnerisch dargestellter Alltag mit Kind sollte für die Männer, die Vater sind und sein wollen, ein Vorbild sein. So funktioniert Beruf, so funktioniert Ehe, so funktioniert Elternschaft – in respekt- und liebevoller Absprache und v.a. dem Einhalten dieser Absprache! Schlimm genug, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass zum Mannsein mehr dazugehört als nur das Kind zu zeugen und danach der Frau das meiste bis alles weitere aufzubürden. So entsteht erst das Dilemma, in dem Frauen stecken: Sich entweder zwischen Beruf und Mutterschaft entscheiden oder bei beidem Abstriche machen zu müssen – und dann die (nicht nur finanziellen) Konsequenzen dafür bis ans Lebensende zu spüren. (Männer, für die es selbstverständlich ist, nach Hause zu kommen und – ohne dass die Frau das hundertmal sagt – z.B. die Wäsche richtig sortieren und das richtige Waschmschinenprogramm anschmeißen und alles aus der Waschmaschine räumen und aufhängen und später wieder abhängen und zusammenlegen und sogar in die richtigen Fächer des richtigen Schranks einräumen und nebenei das Kind wickeln und erneut die Waschmaschine bedienen, weil das Kind alles in erstaunlich großer Reichweite beim Wickeln vollgepullert und später in ebenso großer Reichweite auf das Sofa gebrochen hat, brauchen sich nicht angesprochen zu fühlen! ^^) Oder anders ausgedrückt: Die Autorin ist um ihren Mann, der immer noch ein seltenes, aber mindestens genauso begehrtes Exemplar darstellt, zu beneiden.

Übersichtlichkeit

Die Künstlerin gestaltet ihr Buch sehr übersichtlich, indem sie es in überschaubare thematische Kapitel und Unterkapitel einteilt und untergliedert. Innerhalb der Kapitel dominieren die Zeichnungen zur Veranschaulichung ihrer Tipps. Der Text ist kurz und in einfachen Sätzen gehalten. Trotzdem fällt es mir an manchen Stellen schwer zu verstehen, was genau sie meint. Aber ich schätze, das ist meiner zeichnerischen Nichtbegabung geschuldet. Grünewald teilt die Kapitel folgendermaßen ein: Einleitung (in der sie von vorneherein klarstellt, wie sie ihr Buch aufbaut und verstanden wissen will), Meine kreative Reise, Künstlerische Grundlagen (die sie trotz allen Spaßes für wichtig und v.a. hilfreich hält), Charakterdesign (mit umfassenden Tipps und Anschauungsmaterial von Menschen in allen Alltersstufen und Lebenslagen über Tiere bis hin zu Pflanzen), Familienleben.

Die Frau als Künstlerin

Dass in diesem Buch eine Künstlerin am Werk ist, merkt man allenthalben. Schon das Cover zeigt den weiblichen Aspekt des künstlerischen Daseins – und der wird immer und immer wieder im Buch deutlich. Das spiegelt sich nicht nur in Motiven aus weiblicher Perspektive, sondern v.a. auch daran, dass Grünewald als Referenzfigur nicht – wie sonst überlich – den männlichen, sondern den weiblichen Körper benutzt. V.a. dann, wenn explizit Männer und Jungen dargestellt werden sollen, rückt der männliche Körper in den Fokus. Ansonsten dominieren kleine Mädchen in Mechas, Frauen und Mütter in Berufs-, Alltags- und Fantasysituationen. Dabei stellt sie ganz nebenbei heraus, wie vielgestaltig der weibliche Körper ist. Das alles ist eine wohltuende Abwechslung zu dem meist eher eindimensionalen Frauenbild der Comicwelt, das in Bezug auf Frauen nicht nur (unrealistische) Männerträume ausdrückt, sondern viel zu oft sogar noch konservativer als der real gelebte Alltag ist.

Fazit

Sehr anschauliches und übersichtliches Buch über den Spaß am Zeichnen und die Grundlagen des Zeichnens, das wohltuend nicht den männlichen, sondern den weiblichen Körper als Referenz benutzt – aus weiblicher Sicht! Gerne mehr davon; die Comicwelt braucht dringend mehr Comics aus weiblicher Sicht und Hand!

 


Genre: Hobby, Sachbuch
Illustrated by Carlsen Verlag Hamburg

Lymph-Drainage: Hilfe bei Schwellungen und Ödemen. Selbst behandeln, einfach entschlacken

LymphdrainageLymphsystem – das unbekannte Wegenetz

… welches das Buch als erste „Amtshandlung“ den Leser/innen näher zu bringen versucht. Denn das Lymphsystem transportiert nicht nur die Fette, sondern leitet u.a. auch Schadstoffe, Eiweißmoleküle und abgestorbene Zellen ab, neutralisiert und entsorgt Abfallstoffe des Stoffwechsels, produziert Abwehrstoffe und verteilt sie weiter.  Damit hat es eine wesentliche Funktion zur Gesunderhaltung des Körpers inne, die oft nicht im Fokus steht.

Das Buch erklärt also eingangs einfach und verständlich, was das Lymphsystem überhaupt ist, wie es funktioniert, wie die Lymphwege verlaufen, welche Störungen auftreten können. Den nächsten Block bilden die Behandlungen, die man an sich selbst ausführen kann, um das Lymphsystem zu unterstützen. Dabei wird deutlich gemacht, dass diese wirklich nur eine Unterstützung darstellen und man bei Beschwerden die Ärztin/ den Arzt und/oder Physiotherpeut/innen aufsuchen muss. Ich persönlich hätte mir allerdings gewünscht, dass die Behandlungsgriffe zur besseren Anschaulicheit wie in anderen Büchern schrittweise bebildert werden. So würde ich sie wohl eher nicht anwenden aus Angst, etwas falsch zu machen, bzw. zur Physio gehen, um sie mir zeigen zu lassen.

Gut hingegen sind die mit Farbe unterlegten Kästchen, die Wissenswertes hervorheben oder zusammenfassen. Die Grenze zwischen dem Machbaren und dem, was in fachmännische Hand gehört, wird immer wieder klar gezogen. Auch weitere Beispiele für die Unterstützung der Lymphe außerhalb der Griffe werden aufgezeigt, z.B. Mini-Trampolin mit Gummiringen (sowieso ein Allround-Talent für die Gesundheit), Faszientraining, Nordic Walking, Wassergymnastik und Schwimmen, Spaziergänge, gesunde Ernährung, richtige Hautpflege und spezielle Kräutertees, lymphfreundliche Lebensmittel, viel trinken.

Auffällig sind allerdings die Tippfehler, die auf ein paar Seiten gehäuft vorkommen. Auch ein unterstützender Bildtext taucht unter einem völlig anderen Bild erneut auf (S. 39 und 42). Es entsteht der Eindruck, dass das Buch überhastet korrigiert worden ist.

25 Rezepte, die entschlacken, entwässern und entgiften sollen

Die Rezepte sind meist einfach gehalten mit wenigen Zutaten und Angaben der Zubereitungszeit, die sich ebenfalls in Grenzen hält. Allerdings hat man nicht mal eben Thai-Basilikum zuhause oder Mangold, Granatapfel, Spirulina-Pulver oder Kokoswasser. Manche der angegebenen Zutaten findet man nicht in jedem Supermarkt. Selbst wenn, sind sie nicht immer im Sortiment. Man sollte sich also die Rezepte raussuchen, die supermarktkompatibel sind. Ansonsten sind die Rezepte Geschmackssache. Ich persönlich würde z.B. den reinen Tomatenreis etwas fade finden und mit Mozarella, Basilikum und gerösteten Nüssen aufpeppen.

Davon abgesehen habe ich generell bei der Lektüre von gesunden Rezepten des Öfteren den Eindruck, dass sie v.a. für die (wohlhabende) Mittelschicht geschrieben worden sind, denn die Menschen, die gesundes Essen besonders nötig hätten, können es sich aufgrund der mangelnden Finanzen oft gar nicht leisten – ich selbst habe das gemerkt in Zeiten, als ich mit 50 Euro für einen Wocheneinkauf auskommen musste. Ungesundes ist tatsächlich weitaus günstiger als gesundes Essen. Und ich spreche hier nicht von empfohlenem Bio, sondern schon von konventionell angebautem Gemüse, das deutlich teurer ist als die Tüten- oder Dosensuppe für ein paar Cent.

Ebenfalls nicht miteinbezogen sind die Menschen (ältere oder Menschen mit Handicap), die allein leben, aber nicht (mehr) selbstständig kochen können. Oder die, die aus Zeitdruck nicht selbst kochen (wovon es mehr als genug gibt). In einer halben oder 3/4 Stunde Mittagspause lässt sich nicht viel zubereiten, geschweige denn essen. Und abends vorkochen, v.a. bei Frauen/Alleinerziehenden mit Kindern, ist schlicht meist unmöglich. Eine Fertigmahlzeit in die Mikrowelle oder Pfanne geworfen ist in einer solchen Situation für die meisten das (zeitsparenste, günstigste) Mittel der Wahl.

Allgemein müsste die Lebensmittelindustrie viel mehr in die Verantwortung gezogen werden, gesunde Fertigmahlzeiten herzustellen! Auch die Lieferanten der Mensas der Unis, Kitas, Schulen, Firmen müssten mehr auf gesunde, unverarbeitete Lebensmittel achten und es müsste mehr Küchenpersonal geben. Die meisten Menschen essen aus Zeitgründen außerhalb, also sollte man v.a. dort mit der gesunden Ernährung ansetzen.

Fazit

Bis auf ein paar Mängel ein gutes, verständlich geschriebenes Buch über die Wichtigkeit unseres Lymphsystems und wie man es behandeln und gesund erhalten kann.


Genre: Gesundheit, Sachbuch
Illustrated by Lisa Mestars, Riva Verlag München

Wie Proust Ihr Leben verändern kann

Eine Entmystifizierung

Alain de Botton versucht in seinem Buch «Wie Proust Ihr Leben verändern kann», das den deskriptiven Untertitel ‹Eine Anleitung› trägt, bei seinen Lesern eine Art literarische Bewusstseins-Erweiterung zu bewirken. Nicht zuletzt dürfte er damit aber auch den Zweck verfolgen, das siebenbändige, monumentale Werk des französischen Jahrhundert-Schriftstellers, den Romanzyklus «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit», zu entmystifizieren. Und natürlich auch einem größeren Leserkreis die Angst vor der schieren Textmasse zu nehmen. Der erste Band von «À la recherche du temps perdu» erschien 1913, der letzte dann 1927.

In neun Kapiteln, deren Überschriften alle mit ‹Wie› anfangen, destilliert Alain de Botton all die Erkenntnisse, die man aus der Lektüre der ‹Recherche› ziehen kann. Dabei geht es um das Unglücklichsein ebenso wie um richtiges Lesen und um das Problem, genügend Zeit für die Lektüre zu erübrigen. Das vierte Kapitel widmet er den tatsächlichen oder vermeintlichen Leiden des ewigen Hypochonders, der seine Zeit am liebsten im Bett verbracht hat und an allem litt, was von außen in sein hermetisch abgeschlossenes Zimmer eingedrungen ist, Licht, Lärm und Gerüche. Proust hasste auch jedwede sprachliche Gedankenlosigkeit, seien es gestelzte Modeworte oder gedankenlose Phrasen und Plattitüden. Es folgt ein Kapitel über die Art, Freundschaften zu pflegen, in dem man erfährt, wie rücksichtsvoll Proust sich stets verhalten hat, selbst wenn ihm sein Gegenüber eher unsympathisch war. Bezeichnend dafür ist ein Festbankett, wo er nach der Uraufführung von Strawinskys Ballett ‹Reinecke Fuchs› auf James Joyce traf. Die beiden berühmten Schriftsteller hatten sich rein gar nichts zu sagen! Egal wie sich Proust auch bemüht hat, mit ihm ins Gespräch zu kommen, Joyce hat ihn immer nur stumm angestarrt.

Unterschiedlicher als ‹Ulysses› und ‹Recherche› können Romane ja auch kaum sein, wen wundert es da, dass ihre Autoren sich fremd blieben. Dem extrem fragmentarischen, äußerst vielschichtigen und assoziationsreichen Bewusstseinsstrom von Leopold Bloom bei seinem Streifzug durch Dublin steht bei Proust eine ausufernd detaillierte, alle denkbaren Aspekte eines Gegenstandes oder Ereignisses akribisch ausleuchtende Beschreibungskunst gegenüber, die man negativ auch als Beschreibungswut bezeichnen könnte. Alain de Botton verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise, dass es wohl keinen Schriftsteller gibt, der genauer hinsieht als Proust. Der es ja fertigbrachte, das Kirchenfenster einer Kathedrale auf dutzenden von Seiten bis zum letzten Farbschimmer zu beschreiben. Vor dieser Sprachvirtuosität hat dann sogar Virginia Woolf kapituliert, wie wir im Buch erfahren. Denn als sie sich nach Jahren erstmals an die Lektüre der ‹Recherche› herangewagt hat, hätte das zunächst mal eine veritable Schreibblockade bei ihr ausgelöst. Wenig überzeugend ist Proust als Berater in Sachen Liebe, wie wir im achten Kapitel erfahren, seine eher asexuelle Vita wie auch sein ebenso asexuelles Opus magnum prädestiniert ihn jedenfalls nicht als Experten, auf dessen Rat man in diesen Dingen hören sollte. Als Ratgeber ergiebiger ist da das letzte Kapitel, in dem die Vorzüge des Lesens beschrieben und die Grenzen einer Lektüre aufgezeigt werden.

Bleibt die Frage, was man als Leser aus diesem Buch mitnehmen kann für künftige Leseabenteuer. Die lockere, amüsante Art, mit der Alain de Botton sich dem verwöhnten Muttersöhnchen nähert, garantiert einige vergnügte Lesestunden. Außerdem erfährt man en passant nicht nur manche Details aus dessen Leben, sondern auch über Zeitgenossen, die zum Teil als Vorlage für seine Figuren dienten. Erhellt werden zudem einige reale Hintergründe für die ‹Recherche›, angefangen bei der berühmten, einen Erinnerungsschub auslösenden ‹Madeleine› als Teegebäck bis hin nach Combray, einem der Handlungsorte. Zu dem pilgern heute die Proust-Jünger, um Tante Leonies Haus zu besuchen und im Ort die ‹originalen› Madeleines zu kaufen.

Fazit: lesenswert

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Sachbuch
Illustrated by Fischer Verlag

Mein Kompass ist der Eigensinn

Eigensinn – was ist das eigentlich, fragt Autorin Maria Almana. Gelegentlich hören wir von eigensinnigen Kindern, auch eigensinnige Jugendliche sind vor allem in der Pubertät keine Seltenheit. Der »Trotzkopf« galt lange als Standardbegriff für aufbegehrende junge Menschen, die erst geformt und dann gebrochen werden sollten. Erwachsene, die eigensinnig sind, werden hingegen weit seltener erwähnt. In der Altersgruppe der Senioren spricht man dann wohl eher abwertend von »seltsam« oder »verschroben«. Weiterlesen


Genre: Literatur, Psychologie, Sachbuch
Illustrated by Edition Texthandwerk

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe.„…äh…“, lautete die Antwort des President-elect Donald Trump auf die Frage eines Fox-Reporters nach seinen Plänen für die nächsten vier Jahre. Die beiden Spitzenjournalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby betonen, nicht zu scherzen. Denn tatsächlich hat Donald Trump kein politisches Programm außer sich selbst. „Der Herrscher ist das Programm.“ L’etat c’est moi, meinte auch der Sonnenkönig von sich. Aber das war im 18. Jahrhundert. In Frankreich, einer Monarchie.

Im Wahn: Der Staat bin ich

Was lief damals, im 18. Jahrhundert, als die USA sich formierten, eigentlich falsch? Warum gaben sich die Gründungsherren der ersten Demokratie der Welt so ein abstraktes und konfuses Wahlsystem (electoral vs. people’s vote), das es einem Mann wie Donald Trump ermöglichte, an die Macht zu kommen? Das vorliegende Buch kann diese Frage zwar nicht beantworten, dafür aber viele andere. Es wurde sehr gut recherchiert und die beiden Journalisten hatten interessante Gesprächspartner. Sie ziehen durchaus nachvollziehbare Parallelen zu Richard Nixon und warnen eindringlich vor einem Mann, der alle vier Erkennungsmerkmale einer sterbenden Demokratie für die USA verwirklicht hat. Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, zwei Historiker, erforschten diese vier Kriterien als Gründe für die Selbstabschaffung einer Demokratie wie folgt: Der Anführer verpflichtet sich demokratischen Regeln nicht; er leugnet die Legitimation seiner Gegner; er toleriert oder fördert Gewalt; er schränkt Bürgerrechte und Pressefreiheit ein. Mit Ausnahme Richard Nixons hätte kein Präsidentschaftskandidat im letzten Jahrhundert auch nur eines der vier Kriterien erfüllt. „Trump erfüllt alle vier“.

Die amerikanische Katastrophe

Schonungslos decken die beiden Journalisten die Propagandalügen eines Präsidenten, der außer sich selbst kein Programm hat, und auch die seines „Haus- und Hofsenders Fox“ auf. Auch die Auseinandersetzungen um den Mord an George Floyd und der jahrhundertealte Rassismus in den USA werden in Bezug zu Black Lives Matter thematisiert. Aber auch der institutionelle Umbau, der aus dem an und für sich unparteiischen Supreme Court eine politische Institution machen soll, wird bloßgestellt und kritisch beurteilt. Dass sogar jemand wie Donald Trump, der zweimal bankrott ging, einmal Vorbilder hatte, wird ebenso erzählt. Rush Limbaugh, ein Talk-Radiomoderator, der schon in den Achtzigern durch seine populistischen Reden auffiel kann als solches gelten. Ihm wurde von der Präsidentengattin Melania die „Presidential Medal of Freedom“ bei der State of the Union Rede 2020 verliehen. Allein diese Tatsache spricht Bände, handelt es sich bei Limbaugh doch um einen gnadenlosen Verdreher von (Un-)Wahrheiten. Oder sollte man die 20.555 Lügen und Unwahrheiten allein in den ersten 1267 Amtstagen erwähnen, die die Post bei Donald Trump gezählt hat und belegen kann?

We, the people…

Das amerikanische Volk hat entschieden, wen es zu seinem Präsidenten haben möchte, das war auch bei Hillary Clinton so. Jedoch entscheidet in letzter Instanz das electoral vote. Oder die Gerichte. „Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe“ ist das Buch zur Zeit. Jeder der mitdiskutieren möchte und sich versucht zu erklären, warum ein Mann wie Trump die Welt in Atem hält, sollte es lesen. In einer Gesellschaft in der Hollywood wesentlich an der Gestaltung der Realität mitarbeitet, braucht es einen aber eigentlich auch nicht zu verwundern, wenn ein Serienstar („The Apprentice“) zum Präsidenten wird. Aber vielleicht wird Trump ja jetzt bald selbst von „seinem Wahlvolk“ seinen Stehsatz aus der Serie zu hören bekommen: „You’re fired!

Brinkbäumer, Klaus / Lamby, Stephan

Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

ISBN: 978-3-406-75639-9

2020, Hardcover, 4. Auflage, 391 S., mit 25 Farbabbildungen im Tafelteil, Gebunden

C.H. Beck Verlag

22,95 €


Genre: Politik und Gesellschaft, Sachbuch, Zeitgeschichte
Illustrated by C.H. Beck München

Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch Über Leben: Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden von Dirk Steffens und Fritz Habekuß geht unter die Haut und man sieht die Welt danach mit anderen Augen an. Es zeigt uns, dass die Biodiversität Grundlage jedweden menschlichen Lebens ist und wie sehr sie heute schon gefährdet ist. Gelesen habe ich es während der ersten Welle der Coronazeit — in der Geborgenheit meines Gartens.

Und staunte, wie die Autoren in diesem Buch auf die Gefahr globaler Krisen hinweisen, die letztlich mit dem Eindringen der Menschen in gewachsene Ordnungen entstanden sind. Wie schnell bewährte Ordnungen durch Invasoren aus dem Gleichgewicht geraten können. Die Pandemie, die nach Fertigstellung des Buches auftrat, schien wie eine Folge der verlorenen Biodiversität.

Das Buch ist in acht Kapiteln aufgebaut, im ersten geht es um die Liebe zur Natur. Wir werden als die Nachfahren der Nomaden beschrieben, die wir sind: Wer sich besser auf die Natur verstand, hatte bessere Überlebenschancen. Dabei geht es nicht nur um eine scharfe Beobachtungsgabe, sondern auch um Gefühle. Der Untertitel des Kapitels lautet „Wahre Liebe“. „Gefühle sind zwar real, aber sie sind nicht objektivierbar. Disqualifizieren sie sich deshalb für eine Diskussion?“

Im nächsten Kapitel wird die Expansion, der Wunsch nach mehr und noch mehr beschrieben: „I take what’s mine, then take some more.“ Sagt ein Rapper als Leitmotiv. War das Schaffen von Besitz bei den ersten Nomaden noch sinnvoll zum Überleben, gilt es jetzt den Verstand dagegen zu setzen, wenn „wir Dinge (kaufen), die wir nicht brauchen, um damit Menschen zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“

Das dritte Kapitel heißt einfach „Zusammen sind wir stark“ und wir erkennen die Bedeutung der Biodiversität, deren Entstehung im vierten Kapitel „Anthropozän“ minutiös beschrieben wird: Wir Menschen sind, wenn wir der Entstehung der Welt bis heute in vierundzwanzig Stunden ordnen, erst um 23:59:57 Uhr dazugekommen und haben seitdem der Erde unseren Stempel aufgedrückt. Unsere Spuren sind bis auf den tiefsten Meeresgrund zu sehen, viele Arten sind schon durch uns ausgestorben. Als Einleitung ein Satz von Charles Darwin: „Alles was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand.“ Auch dieses Kapitel ist mit vielen Beispielen versehen, die das globale Geschehen beschreiben.

Im fünften Kapitel „Ein Fluss klagt an“ werden die schädlichen Eingriffe von der Quelle bis zur Mündung des Mississippi aufgezählt. Der Untertitel lautet: Wie es wäre, wenn nicht nur Menschen Rechte hätten. Neben all den Untaten, die dem Fluss (Begradigungen und 40 000 Deiche!) zugemutet werden, und damit den Menschen, die an seinen Ufern leben, wird der Gedanke entwickelt, der Natur Rechte zuzusprechen. „In letzter Zeit haben Richterinnen und Richter mehr für den Umweltschutz getan als Regierungen.“ In diesem Kapitel eingebettet sind Grafiken, die erst das beschriebene Elend quantifizieren, dann aber auch aufzeigen, wie „Der Weg in eine grüne Gesellschaft“ aussehen könnte.

Mit gefielen am besten die Zitate, manche Jahrhunderte alt, die zeigen, dass der Übergang des Gemeindebesitzes (Allmende) in Privateigentum der Beginn der Fehlentwicklungen war. (Siehe auch die Rezension von der Hauptstadtgärtner!) Das Kapitel schließt: „Und wenn Aktiengesellschaften Rechte haben können, gibt es keinen Grund, sie dem Mississippi zu verweigern.“

Im sechsten Kapitel Selbstlose Vampire —Der Kapitalismus im Zeitalter der Ökologie geht es um die Anzeichen, dass der Kapitalismus mehr und mehr gezwungen ist, die Natur zu schützen. Das Paradigma, dass Wirtschaft wachsen muss, wird hinterfragt. Unter dem Zwischentitel Fuck capitalism! machen wir einen Ausflug nach China, wo die Regierung schon vor Jahren einen Plan aufgestellt hat, Treibhausgasemissionen ab 2030 zu verringern, und ihn wahrscheinlich vorfristig erreicht. Nach kurzer Debatte über den Vergleich der Systeme, wird diese aber damit abgeschlossen, dass sich auch Zentralkomitees irren können. In diesem Kapitel geht den beiden Naturliebhabern das Herz durch, Politik ist nicht ihr Ding. Wer kann schon sagen, „Die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frauen sind Beispiele dafür, wie lange für selbstverständlich gehaltene Hierarchien überwunden werden können.“ Allenfalls gilt das für die Sklaverei in Europa und Amerika, aber: wo, bitte, ist das Patriarchat überwunden? Aber warum nicht auch einmal mit den Autoren träumen, dass der Chef von BlackRock und Greta Thunberg „aus völlig unterschiedlichen Motiven auf dasselbe Ziel zusteuern?“

Im siebten Kapitel Kollaps oder Revolte werden historische Beispiele für gesellschaftliche Fortschritte durchleuchtet: Abschaffung der Sklaverei, Wasser- und Abwassersysteme oder vor etwa 20 Jahren das Bannen des Rauchens. Welche Schritte braucht es für den Prozess und wer spielt dabei welche Rolle? Das achte Kapitel ist dann zu Beginn der Coronakrise geschrieben und ermuntert zu Maßnahmen gegen die Ökokrise, die Jede/r von uns schaffen kann.

In meinen Rezensionen gebe ich gerne Empfehlungen, wer dieses Buch lesen sollte. Aufgrund der Fülle der Beispiele eigentlich Jeder, der verstehen will, in welchem Zustand sich unser Planet befindet. Wenn Politiker das nicht schaffen, dann kann man den Naturwissenschaftlern das nicht vorwerfen. Mein Schlusssatz steht schon im Buch: „Wir haben kein Weltuntergangbuch geschrieben. Denn wenn es um die Erde geht, ist Optimismus Pflicht, allein schon wegen fehlender Alternativen.“

Leseprobe


Genre: Artensterben, Klima, Sachbuch, Umwelt
Illustrated by Penguin

Notes on a Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z

Ein überraschend vielschichtiger Blick auf den Dirty Old Man

 

Pünktlich zum 100. Geburtstag, den Charles Bukowski am 16. August 2020 gefeiert hätte, veröffentlicht der Verlag Zweitausendeins das Buch „Notes on a Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z“. Der Verlag kündigt es als ein „unlexikografisches Lexikon“, eine „persönliche Bukowskipedia“ an. Diese forsche Einordnung, die von Understatement und Übertreibung zugleich geprägt ist, hätte Bukowski sicherlich gefallen. Immerhin kann sich Zweitausendeins auf die Fahnen schreiben, im Dreigespann mit dem Augsburger Maro-Verlag und dem 2012 verstorbenen Übersetzer Carl Weissner Bukowski Ende der 1970er Jahre in Deutschland bekannt gemacht zu haben. Erst diese Aufmerksamkeit sorgte für eine weiter geschärfte Wahrnehmung in seiner Heimat Amerika.

Die Schattenseite des American Dream

Charles Bukowski, dessen Romane, Gedichte und Short Stories sich vornehmlich um Verlierer, Säufer, Außenseiter, Machos, Prostituierte, Schmuddelsex und Entmenschlichung drehen – also die Schattenseite des American Dream -, war für Zweitausendeins schon immer eine Herzensangelegenheit. Für das Buchprojekt konnte man Frank Schäfer gewinnen, seines Zeichens Schriftsteller, Popkulturexperte, Heavy Metal-Freak und Bukowski-Enthusiast.

„Charles Bukowski von A bis Z“ suggeriert etwas Umfassendes, Kompendienhaftes. Der Untertitel erinnert beispielsweise an die bei Metzler/Springer erschienenen „Personen-Handbücher Literatur“, etwa zu Robert Walser, Thomas Mann oder Franz Kafka. Genau ein solches Nachschlagewerk ist „Notes on a Dirty Old Man“ jedoch nicht. Und dennoch schafft es Frank Schäfer, einen überraschend vielschichtigen Blick auf Leben, Werk und Wirkung Charles Bukowskis zu werfen.

47 Stichwörter und profundes Wissen

Unter insgesamt 47 Stichwörtern, von „Ablehnungsbescheid“ bis „Weissner“, hat Schäfer jeweils ein- bis sechsseitige Essays verfasst und in zwei Fällen Interviews geliefert, die mit profundem Wissen zu Bukowski aufwarten. Dabei zeigt sich Schäfer nicht nur auf der Höhe des jeweiligen Forschungsstandes, sondern es gelingt ihm auch, eine Fülle an Details in einer kurzweiligen Form und einem gut lesbaren, bisweilen ironisch-saloppen Schreibstil zu vermitteln.

Schäfer bestätigt zwar so manches Bukowski-Klischee, etwa den für die literarische Produktion nötigen Dauersuff (erst 1988 lebt er nach einer Therapie gegen Hautkrebs für sechs Monate abstinent). Doch zeichnet er das ebenso differenzierte Bild eines sensiblen, zu scharfen Beobachtungen fähigen Dichters, der schon in jungen Jahren aufgrund seiner schweren Akne-Erkrankung zum Außenseiter („Gesicht“) wurde. Zugleich machten ihn die fortwährenden Misshandlungen durch seinen gewalttätigen Vater zum desillusionierten Fatalisten („Vater“). Bukowski sprang nicht gerade zimperlich mit Zeitgenossen in seinem Umfeld um („Open City“), war erklärtermaßen apolitisch („Politik“) und hasste Dichterlesungen (und hielt sie doch des Geldes wegen, „Dichterlesungen“). Zudem hatte er ein merkwürdig ambivalentes Verhältnis zu den umfangreichen Textüberarbeitungen durch seinen Verleger John Martin („Verschlimmbesserungen“).

Reizthemen

Auch Kontroverses wird nicht eingeebnet: Bukowski war mitunter rassistisch, frauenfeindlich, homophob. Dennoch pflegte er eine Freundschaft zu dem schwulen Dichter Harold Norse („Homos“) oder arbeitete durchaus respektvoll mit vielen schwarzen Kollegen während seiner diversen Aushilfsjobs zusammen („Rassismus“). Gerade diese offensichtliche Beliebigkeit von Standpunkten und der nicht zu leugnende Opportunismus Bukowskis liefern seinen Kritikern bis heute genug Reizthemen für die Geringschätzung seines Werks. Doch nicht zuletzt in den unideologischen Abbildungen der Realität finden Bukowski-Fans dagegen ebenso viele Qualitätsaspekte. Die Polarisierung, die Bukowski nach wie vor erzeugt, hat unter anderem hier ihre Wurzeln.

Da es zu X, Y und Z keine Stichwörter gibt, präsentiert Schäfer unter „XYZ“ eine stichwortartige Biografie Bukowskis, die, nach Jahren geordnet, die wichtigsten Stationen in Leben und Werk nachzeichnet. Abgerundet wir der Band mit einem aufs Wesentliche beschränkte Literaturverzeichnis und mit einem Fototeil. Dieser bietet 20 Schwarzweißbilder, die der deutsche Fotograf Michael Montfort 1978 hauptsächlich während Bukowskis Lesereise nach Deutschland geschossen hatte. Diese Reise wurde seinerzeit von Zweitausendeins organisiert – so schließt sich der Kreis.

Für Kenner und Einsteiger

„Notes on a Dirty Old Man” eignet sich für Bukowski-Kenner wie für -einsteiger gleichermaßen. Man kann die Essays chronologisch lesen oder sich auch bestimmte, ausgewählte Stichwörter vornehmen. Jeder Essay ist wie ein Teil eines sich nach und nach zu einem Gesamtbild fügenden Puzzles.

Nach der Lektüre hat man den Eindruck, dem kontroversen Autor und seinem Werk nicht nur ein Stück näher gekommen zu sein, sondern auch ein differenziertes Bild fernab einseitiger Lobhudelei erlangt zu haben. Das ist eine Leistung, die eine ausführliche Bukowski-Biografie (von denen es einige gibt), nicht besser machen könnte. Insofern ist das Buch ein durchaus gelungenes und würdiges Geburtstagsgeschenk zu Charles Bukowskis Hundertstem. Der gute, alte Buk stößt sicherlich darauf an – im Himmel, in der Hölle oder irgendwo dazwischen.

 

Frank Schäfer: Notes on a Dirty Old Man. Charles Bukowski von A bis Z.
Leipzig: Zweitausendeins, 2020.
272 Seiten, 17,90 Euro.
ISBN: 978-3963180675

Zweitausendeins


Genre: Amerikanische Literatur, Amerikanistik, Biographien, Kulturgeschichte, Lyrik, Roman, Sachbuch, Short Story
Illustrated by Zweitausendeins Leipzig

Der englische Gärtner

Der englische Gärtner

Im letzten Frühling erschien in der ZEIT Literaturbeilage ein Interview mit dem Autor: Es fand in Oxford statt, wo er über Jahrzehnte die Gartenanlage einer Universität gestaltet hatte. Im Hauptberuf war er Antikenforscher mit dem Schwerpunkt Griechenland, und nebenbei hatte er mehr als vier Jahrzehnte lang eine Gartenkolumne für die Financial Times geschrieben. Wie die von mir so geschätzte Vita Sackville-West, die er auch als Vorbild bezeichnet. Das Interview führte Susanne Mayer.

Aus dem Fundus der Kolumnen hatte Fox 2010 für das Buch Thoughtful Gardening, Great Plants, Great Gardens, Great Gardeners mehrere Dutzend ausgewählt, und sie (so wie Vita) nach Jahreszeiten geordnet. In den Texten legt er Wert darauf, thoughtful zu gärtnern, was die Übersetzerin meist durch besonnen übersetzt. Nun kommt das Problem: in vielen Texten gibt er sich gänzlich unbesonnen, mal wie ein Pubertist, der gerne polarisiert. Von Besonnenheit, Nachdenklichkeit oder gar Altersweisheit keine Spur.

Da besucht er die Firma Bayer und schwärmt von Herbiziden, klagt darüber, dass die richtig starken Keulen uns Gärtnern verwehrt bleiben, nur die Landwirtschaft darf sie anwenden. Er bekämpft mit unverschämter Freude die Tiere, die ihn im Garten stören. Es half, mir einzureden, wer die Financial Times liest, bräuchte das so. Ich kenne niemanden, der oder die sie regelmäßig liest, stelle mir als Leser erfolgreiche Banker und Manager vor, oder solche, die es gerne wären.

Aber trotzdem hab ich weitergelesen: Wir ziehen mit einem älteren Herrn in die Vergangenheit, besuchen Stätten der Antike und sehen, wie es den Pflanzen heute dort geht. Wir reisen durch die Welt und entdecken den Garten einer ehemaligen thailändischen Prinzessin in Thailand, wandern entlang der blühenden Kirschen in Korea, reiten durch die kirgisische Steppe auf der Suche nach den schönsten Krokussen. Besonders freue ich mich, wenn er Parks beschreibt, die ich kenne und durch sein großes Wissen meine Erinnerungen runder werden.

Von vielen Pflanzen, die ich im Garten hab, weiß ich nun, ob sie es sauer oder kalkreich mögen, dass man Kaiserkronen gaaanz tief einbuddeln und regelmäßig düngen muss, wenn sie wieder blühen sollen. Ansteckend ist auch die Liebe zum Säen und Vermehren. Gärten atmen den Hauch der Ewigkeit, und er lässt ihn uns spüren.

Warnen muss ich allerdings doch vor seiner Geringschätzung Frauen gegenüber. Da kann man kaum glauben, dass er aus meiner Generation ist. Über sein Frauenbild hat er seit der Internatszeit in Eton offensichtlich noch nicht neu nachgedacht. Er ist eher wie mein Großvater, selbst mein Vater, auch ein Internatsschüler, war da schon weiter.

Es sind Belanglosigkeiten, aber auch Verstörendes. Einige Beispiele: Ein bekannter englischer Gärtner weiß, dass „Frauen kein Auge für den Mittelgrund des Gartens haben“ und wird für diese Beobachtung als gradlinig gelobt. Richtig dumpfbackig sind die Kapitel Rüsslerinnen an der Macht und aggressiv wird er in Ladykiller.

Fast um die Fassung brachte mich der schlüpfrige Bericht über Blumen im Leben der Lady Chatterly. Dieses „erotische Meisterwerk“ wurde von einem Mann geschrieben, D.H.Lawrence. Dabei machte dieser einen gärtnerischen Fehler, in dem er die Lady und ihre Haushälterin im Frühling Akeleien einpflanzen lässt, die im Sommer blühen sollen. Nun weiß man, dass Akeleien im Juni mit dem Blühen aufhören. Beim Legen der Wurzeln haben die Frauen erotische Gefühle, sie „spüren, wie ihr Schoß vor Glück bebte.“ Fox flicht dagegen ein, er hätte so was nie gehabt.

Diese von einem Mann phantasierte Geschichte, turnt ihn so sehr an, dass er immer, wenn Frauen sich selbst als leidenschaftliche Gärtnerinnen bezeichnen, an diese Literaturstelle denken muss. Wenn sie wenigstens eine Frau geschrieben hätte … wäre sie immer noch nicht fair gegenüber der Gärtnerin.

Beim Lesen fragte ich mich immer öfter, warum Susanne Mayer auf diese Frauenverachtung nicht eingeht. In der ZEIT hat sie eine Kolumne, die sich kritisch mit männlichen Eigenarten befasst. So etwas ließe sie Männern da nicht durchgehen. Ich guckte mir das Interview noch einmal an. Chapeau! Sie geht darin gar nicht auf das Buch ein, sondern plaudert mit ihm über seine Biographie. Geschickt gemacht. Ich bin fast dankbar, dass sie nur über Schönes sprach. Sonst wüsste ich immer noch nicht, dass ich den Schneeball kalken und die Zaubernuss sauer halten muss.

Ältere Gärtnerinnen, mit oder ohne Leidenschaft, die auch einem Zausel gern zuhören, wenn er Interessantes zu erzählen hat, können sich auf die Lektüre freuen. Gärtner natürlich auch.

Leseprobe


Genre: Garten, Pflanzen, Sachbuch
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Die Intelligenz der Pflanzen

Die Intelligenz der Pflanzen

Auf das Buch Die Intelligenz der Pflanzen von Stefano Mancuso und Alessandra Viola stieß ich über ein Interview im ZEIT Magazin (13/2018) mit Stefano Mancuso. Es gefiel mir so gut, dass ich ein Buch von ihm in meinem Blog besprechen wollte.

Als gutes Geschenk für naturliebende Menschen jenseits der Vierzig kommt natürlich mein Gartenbuch Blütenfreuden in Frage. Aber wer noch etwas für Teenager oder Jugendliche sucht, ist bei diesem Buch gut beraten.

Seit einigen Jahren schreibe ich für die sozial- und gesundheitswissenschaftliche Plattform Socialnet Rezensionen mit dem Ziel, mich dazu zu bringen, neue Bücher bis zu Ende zu lesen und das Gelesene schriftlich zusammenzufassen. Also eine Art Hirnjogging für Wissenschaftlerinnen in Rente. Selten gibt es in neuen Büchern Offenbarungen wie in diesem, deshalb muss ich davon berichten!

Stefano Mancuso ist seit 2001 Professor für Botanik an der Universität Florenz. Er gründete dort das Laboratorio Internazionale di Neurobiologica Vegetale. Dass er es mit der Journalistin Alessandra Viola verfasst, trägt sicher zu der guten Lesbarkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse bei. In der Einleitung wird vorgestellt, was in den fünf Kapiteln bearbeitet wird:

  • Die Wurzeln des Problems
  • Die Pflanze, das unbekannte Wesen
  • Die Sinne der Pflanzen
  • Die pflanzliche Kommunikation
  • Die Intelligenz der Pflanzen

Hinten im Buch finden sich ausführliche Literaturhinweise, die zu jedem Kapitel aufgeführt sind. Das Geschriebene wird durch sehr schöne Bildtafeln illustriert. Ihr könnt diese in der Leseprobe unter dem Beitrag entdecken.

Das Buch gibt den aktuellen Stand der botanischen Forschung wieder. Wenn ich das Buch besonders für junge Menschen empfehle, denke ich an die vorbildlich wissenschaftliche Vorgehensweise, Studien untermauern das Gesagte. Im Literaturteil werden nicht nur Quellen angeboten, sondern auch Abstracts wiedergegeben. Ein guter Einstieg in wissenschaftliches Arbeiten! Dies hebt sich ab vom derzeitigen Bestseller: “Das geheime Leben der Bäume – was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt“ wo Bäume vermenschlicht werden und es an wissenschaftlichen Belegen mangelt. Wer sich dafür interessiert kann im Internet verfolgen, wie manche Naturwissenschaftler gegen Herrn Wohlleben argumentieren.

Dabei bleibt es aber nie trocken, manchmal geht Mancuso auch das Herz für Pflanzen über. Solche Stellen gefallen mir besonders, geht es mir doch mit meinen Pflanzen auch so. Deshalb lasse ich ihn sprechen: “Wieso sind wir überhaupt so felsenfest überzeugt, dass ihre manipulatorischen Fähigkeiten nicht auch auf uns zielen und Blüten, Früchte, Düfte Geschmacksnoten, Aromen und Farben nicht uns gefallen sollen? Könnte es nicht sein, dass sie vor allem uns beeindrucken wollen, damit wir sie als Gegenleistung weltweit verbreiten, sie hegen, pflegen und schützen? Wäre es nicht möglich, dass sie für uns ihren Duft, ihre wunderbaren Formen und Farben hervorbringen, die schon so viele Künstler inspiriert haben und mit denen sie uns erfreuen? Schließlich tut niemand etwas umsonst, und manche Arten können sich wirklich keinen besseren Verbündeten wünschen als uns.“

Die Wurzeln des Problems

Hier erkennen wir, wogegen ein Pflanzenlobbyist ankämpfen muss: Pflanzen sind die ewigen Zweiten. Mancuso holt weit aus und bringt Beispiele für die notorische Geringschätzung der Pflanzen in allen möglichen Bereichen wie beispielsweise Philosophie und Religion. Kleinere Naturvölker bilden hier eine Ausnahme, indem sie Pflanzen als Heilige anbeten. „Es konnten sich noch so viele Stimmen erheben, die anhand wissenschaftlicher Experimente die Intelligenz der Pflanzen belegten, stets fanden sich noch mehr Stimmen, die der These widersprachen. Als gäbe es eine stille Übereinkunst, haben Religionen, Literatur, Philosophie und moderne Wissenschaft in der westlichen Welt an der Verbreitung der Vorstellung mitgewirkt, Pflanzen seinen niedrigere Lebewesen als andere – von Intelligenz ganz zu schweigen,“ schreibt er.

Ausführlich werden die „Väter der Botanik“, Linné und Darwin, mit ihren Abhandlungen erwähnt. Linné „bestimmte die Fortpflanzungsorgane und das Sexualsystem der Pflanzen als grundlegendes Kriterium seiner Taxonomie — was ihm kurioserweise zugleich einen Universitätslehrstuhl und eine Verurteilung wegen Unmoral einbrachte.“

Darwin forschte überwiegend über Pflanzen und gab 1875 eine Abhandlung zu „Insectenfressenden Pflanzen“ heraus. Mancuso legt den Gedanken nahe, er hätte mit dem breiten Wissen zu Pflanzen die Grundlagen für sein Lebenswerk über den Ursprung der Arten geschaffen. Vor allem im Alter widmete er den Pflanzen seine Aufmerksamkeit, schrieb 1880 „Das Bewegungsvermögen der Pflanzen“ und bezeichnete Pflanzen als „die außergewöhnlichsten Lebewesen, die ihm je begegnet seien.“ Sein Sohn Frances führte sein Werk weiter und wurde der erste Professor für Pflanzenphysiologie.

Er löste 1908, wie zuvor sein Vater, einen heftigen Expertenstreit aus, als er sagte: „Pflanzen sind intelligente Lebewesen.“ Das Kapitel fasst Mancuso so zusammen: „Ein ganzes Reich, das Pflanzenreich, wird völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.“

Die Pflanze, das unbekannte Wesen

In diesem Kapitel werden die in der Wissenschaft inzwischen unbestrittenen Unterschiede zwischen Pflanze und Tier wie bei einem Wettstreit bearbeitet. Ausgehend von je einem pflanzlichen und tierischen Einzeller werden ihre Merkmale benannt. Vieles ist gleichwertig, aber die Pflanzenzelle beherrscht die Fotosynthese, kann also Sonnenlicht in Energie umwandeln und ist somit „kampflos Sieger.“ Tiere haben in der Entwicklung andere Wege eingeschlagen. Während Pflanzen sesshaft wurden, wurden sie Nomaden. Dies wurde zum Ausgang einer erstaunlichen Differenzierung und Spezialisierung ihrer Zellen. Bei Gefahr können Tiere sich durch Flucht vor einem Feind retten, die Pflanze nicht.

So konnten Tiere verschiedene Organe mit spezifischen Fähigkeiten bilden, die Pflanzen mussten in jedem Pflanzenteil diese Spezialitäten unterbringen. Sie sind modular aufgebaut. Auch wenn 95 Prozent der Pflanze verloren gehen, kann sie sich regenerieren, während Tiere schon das Fehlen eines Organsystems nicht überleben.
Ein anderer Faktor ist die Zeit: unsere menschliche Wahrnehmung erlaubt uns nicht, Bewegungen der Pflanze wahrzunehmen. Obwohl diese alltäglich sind, scheinen sie unsichtbar. Videos mit sich öffnenden Blüten sind ein Hit! Viele Pflanzen leben viel länger als wir. Sie stellen weltweit 99,5 Prozent der Biomasse dar, alle Tiere zusammen 0,1 bis 0,5 Prozent. Unsere Energieträger sind allesamt von Pflanzen eingelagerte Sonnenenergie. Wie kommt es dann, dass wir die Bedeutung so unterschätzen?

Mancuso stellt eine (nicht belegbare) Hypothese auf, wir Menschen werden mit Pubertierenden verglichen, die sich von der Abhängigkeit von ihren Eltern befreien wollen. „Unsere Abhängigkeit von den Pflanzen ist so allumfassend, dass wir sie am liebsten vollständig verdrängen möchten. Wahrscheinlich wollen wir nicht daran erinnert werden, weil schon allein der Gedanke Ohnmachtsgefühle in uns auslöst. Von wegen Herrscher der Welt!“

Das Kapitel schließt dann wieder mit Erkenntnissen, die wissenschaftlich belegt sind, über die positiven Wirkungen, die schon allein der Anblick von Pflanzen auf Konzentration, Lernerfolg und allgemeines Wohlbefinden hat.

Die Sinne der Pflanzen

Zuerst werden die Sinne beschrieben, über die wir Menschen auch verfügen: Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Hören, danach noch weitere Fähigkeiten der Pflanzen. Anders als bei Tieren, sind nicht einzelne Zellen spezialisiert, sondern Fähigkeiten überall untergebracht. Beim Riechen produzieren die Pflanzen BVOC (Biogenic Volatile Organic Compounds, biogene flüchtige Verbindungen) und nehmen die von anderen mit Geruchsrezeptoren wahr. Geschmeckt wird mit Hilfe der Wurzeln, die im Boden nach Nährstoffen suchen.

Ausführlich werden fleischfressende Pflanzen beschrieben, auch der jahrhundertelange Gang zu den heutigen Erkenntnissen: Pflanzen, die in stickstoffarmen Gegenden wachsen, locken Tiere (nicht nur Insekten!) an, fassen und verdauen sie. Ein Baum, die Pawlonia tormentosa, fängt sie mit ihren klebrigen Blättern und nimmt den wertvollen Stickstoff nach dem Zersetzungsprozess mit den Wurzeln auf. Eine Veilchenart hat unterirdische Blätter entwickelt, mit denen sie Würmer aus der Erde aufnimmt und verdaut.

Am meisten fühlen die Pflanzen mit ihren Wurzeln, aber auch mit den oberirdischen Anteilen. Dies wird an Hand von Rankepflanzen erläutert, die aus dem Schatten großer Bäume dem Licht entgegen wachsen. Hören können Pflanzen, indem sie Schallschwingungen wahrnehmen, und offenbar auch erzeugen können, Letzteres wird noch erforscht. In einem Projekt mit der Firma Bose wurden Weinstöcke über einige Jahre regelmäßig beschallt und sie trugen nicht nur mehr, sondern auch bessere Früchte. Das Kapitel schließt mit den Hinweisen auf die Herstellung medizinisch wirksamer Produkte, aber auch die Fähigkeit, Schadstoffe abzubauen.

Die pflanzliche Kommunikation

Worüber könnten Pflanzen kommunizieren? Und mit wem? Intern findet der Austausch zwischen Wurzeln und Blättern statt. Wenn die Wurzeln spüren, dass Wasser knapp wird, teilen sie den Blättern mit: weniger Wasser verdunsten! Blätter haben die Aufgabe, ihren Mund weit zu öffnen, um Licht für die Fotosynthese und Kohlendioxid für die Zuckerproduktion aufzunehmen. Dabei verdunstet über den Mund Wasser. Um Wasser zu sparen, muss er geschlossen werden, auch wenn dann weniger Licht und Kohlendioxid aufgenommen werden können.

Für die Informationsweiterleitung arbeiten Pflanzen mit hydraulischen und chemischen Systemen. Auch elektrische Signale fließen über das komplexe Gefäßsystem. „Während Tiere alle Signale über ein zentrales Gehirn verarbeiten, besitzen die modular und repetitiv aufgebauten Pflanzen zahlreiche ‚Datenverarbeitungszentren‘, die unterschiedliche Signale verwalten.“ Sie können nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen Wesen kommunizieren. Meist geht es über chemische Botenstoffe, aber es scheint so, als wenn sie „auch gestisch“ kommunizierten, jedenfalls vermeiden manche Pflanzen geflissentlich die Berührung anderer Baumkronen.

Die Wurzeln sichern sich ihr Terrain, indem sie es besetzen. „Dabei sind Pflanzen echte Kämpfernaturen!“ Wenn sie allerdings erkennen, dass der Nachbar zur Familie gehört, dann können sie sie sich auf das Laubwerk konzentrieren und es wird buschiger. Pflanzen gehen Verbindungen nicht nur mit Ihresgleichen, sondern auch mit Pilzen oder Bakterien ein. Hier zeigt Mancuso auf, wie es durch Förderung dieser Symbiosen zu ertragreicheren Ernten kommen kann.

In diesem Kapitel gibt es einen Grundkurs in Botanik: Um die Kreativität der Lösungen zu ermessen, die Pflanzen zu ihrer Fortpflanzung einsetzen, wiederholt er erst alles über deren Geschlechtsorgane. Und wir lernen von der Fülle an Strategien, wie Pflanzen Boten für ihre Samen einsetzen, vor allem Insekten, aber auch Vögel, Fische, Mäuse, große Tiere oder der Wind sind ihre Kuriere. Sie alle werden mit Lockstoffen umworben, die extra für sie entwickelt wurden, um sie zu manipulieren. Manche Pflanzen, wie die Orchideen, gehen dabei nicht nur raffiniert, sondern auch rücksichtslos gegen ihre Boten vor.

Die Intelligenz der Pflanzen

Hier wird Mancuso wieder allgemein, was ist eigentlich Intelligenz? Er definiert Intelligenz als Fähigkeit zur Problemlösung. Dazu sind Pflanzen eindeutig in der Lage, auch wenn sie nicht über ein Gehirn verfügen. Pflanzen sind eher wie eine Kolonie aufgebaut, als wie ein Individuum.

Noch einmal werden Darwins Forschungen und die Bewegungen der Pflanzen und die ablehnenden Reaktionen der Wissenschaftler, die mit ihm lebten, erläutert. Drei Viertel seines Werkes seien dem Wurzelwerk gewidmet und die Ergebnisse neuerer Forschungen bestätigen: an jeder Wurzelspitze sitzt ein Rechenzentrum. Die vielen Millionen Fühler arbeiten wie ein lebendes Web zusammen. Es gibt auch einem Ausflug in die Entwicklung künstlicher Intelligenz und er vergleicht, dass es Menschen solange nicht gelingt, sie zu verstehen wie sie denken, Intelligenz müsse so gestaltet sein, wie ihre eigene. Er zieht eine Parallele dazu, wie sie es mit Pflanzen halten.

Die Leseprobe vom Verlag zeigt, wie schön das Buch auch grafisch gestaltet wurde.


Mehr Informationen

Autor: Stefano Mancuso und Alessandra Viola
Titel: Die Intelligenz der Pflanzen
Erschienen: 11. Februar 2015
Verlag: Kunstmann
Form: 172 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3956140303
Preis: 19,95 €


Genre: Pflanzen, Sachbuch, Umwelt
Illustrated by Kunstmann München

Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart

RealitätsschockGleich in der Einleitung des Buches von Sascha Lobo steht fettgedruckt dieser Satz: „Realitätsschock in einem Satz: Plötzlich müssen wir erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft.“

Die Welt scheint aus den Fugen geraten, und ist mit unserem geistigen Vermögen schwer zu erfassen. Wir werden „der Hoffnung beraubt, Politik, Wirtschaft und Eliten hätten eine gewisse Kontrolle über den Lauf der Dinge.“

Die These des Buches lautet: Digitalisierung und Globalisierung bedingen sich gegenseitig, sodass die eine Entwicklung ohne die andere nicht möglich und deswegen nicht zu verstehen wäre. Dieser Gedanke wird auf bald vierhundert Seiten in zehn (wie wir später sehen werden, eigentlich elf!) Kapiteln durch dekliniert.

Gleich eingangs entschuldigt er sich, dass er einen weiteren Entwicklungsstrang auslassen musste: die zunehmenden und für Viele überraschenden Rollen, die Frauen nun einnehmen. Dies müsse er seiner Frau, Meike Lobo, überlassen, die ein Buch darüber vorbereite, und er möchte nicht vorgreifen. Schade! Ein wenig old School, aber nicht unsympathisch für einen Ehegatten …
Er bezieht sich auf das Buch „Die Metamorphose der Welt“ von Ulrich Beck 2016 geschrieben, in dem es heißt, die Welt in der wir leben, verändert sich nicht bloß, sie befindet sich in einer Metamorphose. „… Die ewigen Gewissheiten moderner Gesellschaften brechen weg.“ Später zitiert er Beck: „Die laufende Metamorphose hängt zutiefst mit dem Konzept des Nichtwissens zusammen. Dieses Nichtwissen kann uns nicht mehr schützen, wenn wir alles Wissen, das uns zugänglich ist, aufnehmen und bedenken.“

Ich hatte beim Lesen mit den Bereichen angefangen, über die ich schon viel wusste und nachgedacht hatte. Als dabei Lobos Konzept nachvollziehbar und immer auch erfrischend war, konnte ich vertrauensvoll die mir unbekannten Bereiche lesen und staunen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle schon anmerken, dass er das Alter meiner Kinder hat.

Beim Lesen genoss ich seine große Sachkenntnis und Erfahrung im Netz: Wer kann schon von sich im Klappentext schreiben, dass er „in Berlin und im Internet lebt“? Als Gesundheitswissenschaftlerin fand ich das Kapitel zur Gesundheit realitätsfern, es sollte überarbeitet werden.

Klima (Kapitel 1)

Klimakollaps, Plastikpanik, vegane Visionen

Das Kapitel beginnt in einem sibirischen Dorf am Barentssee, in dem hungrige Eisbären die Menschen bedrohen. Der Klimawandel, der 2018 beginnt, führt zu Verschiebungen: während die USA Temperaturen bis zu minus 50°C haben, im nahe am Pol gelegenen Russland wird es dagegen zu warm. Dadurch schwimmen für die Eisbären keine Robben mehr auf Eisschollen heran und sie müssen sich ihre Nahrung anderswo suchen, etwa in der Nähe menschlicher Behausungen. Woher wissen wir diese Zusammenhänge? Von Satellitenaufnahmen.
Das Zeitalter des Holozän mit klimatischer Stabilität ist beendet, wir leben im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen. Der Klimaforscher Schellnhuber sagt 2019: „Wir Forscher haben gewarnt vor den Folgen des Klimawandels … und Keiner hört zu.“ Erst als die Jugendlichen der Klimabewegung das Wissen ernst nehmen, wird der Begriff „Kippelemente der Erdsysteme“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Als nächstes wird ausführlich die „Plastikpanik“ behandelt, wie die Plastik produzierende Industrie schon in den siebziger Jahren Stimmung für ihr Produkt machen (kann man immer wiederverwenden!) und die Schuld für den Plastikmüll auf die Verbraucher schiebt. Oder man soll recyceln, was aber faktisch nur in 5,6 % der Fälle geschieht.

Zeitgleich entwickeln sich digitale Medien und die Bilder von Plastik verseuchten Meeren erreichen uns. Sie zeigen, wie Produkte, die in reichen Ländern hergestellt und genutzt wurden, als Müll in die Verantwortung armer Staaten kommen, die die Probleme nicht besser lösen können. Es folgt eine Übersicht, wann einzelne Länder beispielsweise Plastiktüten verboten haben.

Seit Anfang der Zehnerjahre werden mehr Menschen „plötzlich pflanzlich.“ In Deutschland sind 2016 1,3 Millionen Menschen vegan, knapp 9 % vegetarisch. Ein Grund sind die Leiden der Tiere, aber angesichts des durch Viehzucht entstehenden Kohlendioxidüberschusses (70 % der Agrarflächen werden für die Tierproduktion verwendet!) wird zunehmend pflanzliche Ernährung als bester Ausweg gesehen.

Israel gilt als Hochburg des Veganismus, schon 2015 mit rund 5 % der Bevölkerung, die sich vegan ernährt. Beim anstehenden Wechsel der Ernährungsgewohnheiten spielen Kinder und Jugendliche eine große Rolle, auch als Mediennutzer, die ihre Eltern beeinflussen. In ihnen sieht Lobo die entscheidenden Akteure, um den Kapitalismus „ökologischer und bedingungslos nachhaltig“ zu machen.

Migration (Kapitel 2)

Massenwanderungen: Warum Migration heute ein höchst digitales Problem ist

Die UN hat ein „Predictive Analytics“ Projekt aufgebaut, das mit Daten wie Konflikteinschätzungen eine Wiederholung des „Realitätsschock von 2015“ künftig vermeiden soll. Die damalige Migration von mehr als einer Millionen Syrern wird als „Zeitenwende“ bezeichnet. Alle Parteien in der BRD fordern, die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu bekämpfen, manche eher human, andere eher inhuman – hilflos sind sie alle.

Große Wanderungsbewegungen gab es immer: 90 % innerhalb von Afrika. Die Migrationsvermeidungsstrategien der Europäer denken eurozentrisch nur an die, die nach Europa wollen, in besonders erwählte Länder, zu denen Deutschland gehört.

„Wasser, Smartphone, Essen, in dieser Reihenfolge“, so beschreibt eine britische Migrationssoziologin die Prioritäten der Migranten. Sie schätzen die Möglichkeit, Kontakt zu Freunden und Familie aufrecht zu erhalten, darüber ihre Flucht zu organisieren, und Kontakte am geplanten Zielort zu finden.

Die afrikanische Migration ist eine Spätfolge des Kolonialismus; viele der europäischen Staaten hatten Kolonien in Afrika. In einem längeren Zitat eines togolesischen Kulturhistorikers schreibt er: „Kolonisierung (war) eine gewalttätige Einführung von Systemen“ … mit dem Ziel, die Länder auszubeuten. „Eine Elite führt diese Systeme weiter. In den meisten afrikanischen Ländern wird eine große Masse der Bevölkerung (von dieser Elite) im Stich gelassen … Migration und Entwicklung gehören zusammen, aber mit einer Sensibilität für die hinterlassenen Systeme der Kolonialzeit.“

Nach der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Nationen ging es auf neue Weise weiter. Die Ermordungen afrikanischer Führer wurden, wie wir aus inzwischen freigegebenen Geheimdienstunterlagen wissen, durch die europäischen Mächte und die USA inszeniert.

Handelsbeziehungen sollen die alte Einteilung, ihr liefert die Rohstoffe und wir die Produkte, erhalten. 2014 wollte Kenia ein europäisches Freihandelsabkommen mit der Ostafrikanischen Staatengemeinschaft nicht unterzeichnen, weil es befürchtete, die heimischen Produkte hätten gegen Subventioniertes keine Chance. Darauf erhöhte die EU die Zölle für kenianische Waren (Blumen, Kaffee, Obst) um 30 %. Der Export drohte zu versiegen, und Kenia unterschrieb. Ein kenianischer Wirtschaftsexperte schätzt, dass das Land aus den durch das Handelsabkommen resultierenden EU-Importen jährlich rund 100 Millionen Euro verliert.

„Sie kommen so oder so“ und hinterlassen, gerade in Westafrika, in manchen Gegenden praktisch keine Jugendlichen mehr, die für die heimische Landwirtschaft nötig sind.

Integration (Kapitel 3) und Rechtsruck (Kapitel 4)

sind ebenfalls kenntnisreich und lesenswert. Zur Integration habe ich mir gemerkt, dass Helmut Kohl 1982 (in einem inzwischen veröffentlichtem Dokument) Frau Thatcher in London erklärte, dass es notwendig wäre, die Anzahl der in Deutschland lebenden Türken um 50 % zu reduzieren. Wir sehen dann die langsame Entwicklung auch bei der CDU, Integration steuern zu wollen, die Phasen des Multikulti, der Leitkultur, und wie der Versuch scheitert, die muslimischen Kirchenverbände mit der Integration zu betrauen. Statt der Leitkultur gälte es, Leitwerte zu vermitteln, eine Art Multikulti 2.0. „Es handelt sich um die basalen Regeln der liberalen Demokratie, die allerdings in Europa auch von lange heimischen Einwohnern nicht ausreichend ernst genommen werden.“ Diesen widmet sich das vierte Kapitel.

China (Kapitel 5)

Die chinesische Weltmaschine—Wie Chinas Gegenwart auch unsere Zukunft verändert

Das Kapitel beginnt mit der Beschreibung eines Fünfjährigen, dessen „Tigereltern“ das Einzelkind auf das Leben in einer „gesellschaftlichen Effizienzradikalität“ vorbereiten. Die meisten unter Vierzigjährigen in der wachsenden Mittelschicht glauben an das „meritokratische Wohlstandsversprechen“ und „konsumieren sich reich.“

Die Digitalisierung der Gesellschaft ist unglaublich weit fortgeschritten, finanzielle Transaktionen werden meist digital erledigt. Dieses Jahrhundert wird zum chinesischen, weil auch die westlichen Firmen ihre Produkte danach entwickeln, ob sie auf dem chinesischen Markt bestehen. Übrigens richtet auch Hollywood seine Filme danach aus. Und der Vorsprung wird in China weiter ausgebaut durch gezielte Förderung gerade der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI).

Wenn früher galt: Demokratie plus Marktwirtschaft gleich Wohlstand, scheint das chinesische Gegenmodell: Autoritäre Herrschaft plus Digitalkapitalismus gleich Wohlstand für manche überzeugender.

Im Mai 2020 liest sich der folgende Satz des 2019 erschienenen Buches prophetisch: „Ab und zu wird eine kommende chinesische Krise beschworen, und die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering. …wird eine chinesische Krise, so merkwürdig das klingt, den Rest der Welt härter treffen, als China selbst.“

Künstliche Intelligenz (Kapitel 6)

Wir nannten es Arbeit

Wie künstliche Intelligenz und Plattformen verändern, was wir unter Arbeit verstehen.

In einigen Chefetagen ist schon der Begriff der Decision making Strategie angekommen. Problem dabei, je mehr KI angewandt wird, „umso schwieriger wird es, den Sinn dahinter zu erkennen.“ Wer etwa Facebook fragt, warum ein „Inhalt im Nachrichtenstrom angezeigt wird und der andere nicht, dann ist deren einzige ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht, das hat die KI so anhand von Nutzungsdaten entschieden.“ Ein bisschen anders als in China ist es bei uns also doch …

Gesundheit (Kapitel 7)

Digitale Körperlichkeit

Dies ist das Kapitel, welches mich zu einem zweiwöchigen Realitätsschock Detox veranlasste. Der Tenor ist: mit der Digitalisierung wird bestimmt auch in Deutschland endlich die Gesundheit besser. Die in den anderen Kapiteln durchschimmernde Systemskepsis vermisse ich hier. Bei „Wir nannten es Arbeit“ wird über die ungerechte Bezahlung verschiedener Tätigkeiten gesprochen, seit Jahrzehnten wissen wir, dass Pflegekräfte unterbezahlt sind, viele nach wenigen Jahren den Beruf aufgeben, und viele Stationen, schon lange vor Corona, unterbesetzt sind. Das in anderen Kapiteln Bearbeitete wird nicht auf das Gesundheitswesen bezogen.

Lobo stellt Erkenntnisse medizinischer Forschung dar, vor allem im Bereich der genetischen Forschung, die eine aufs Individuum angepasste Medizin erlauben. Deutschland hat sich dieser Entwicklung bisher eher verweigert. „Wir wohnen der Entstehung unseres zweiten Körpers bei.“ Und der ist digital. Die Vermessung des Körpers läuft inzwischen bei „hunderte(n) Millionen Menschen“ und Lobo begrüßt, dass einige davon sinnvoll verknüpft werden können. Er hofft: „Eine digitale Kultur der Offenheit (gegenüber etwa psychischen Erkrankungen) ist im Netz entstanden, und sie betrifft auch das Körperliche.“ Wie soll die mögliche Diskriminierung von Menschen, deren Genom sie für Erkrankungen (etwa psychische) prädestiniert, verhindert werden? „Wir brauchen gesellschaftliche, regulatorische, politische und auch technische Antworten auf die Fragen, die sich daraus ergeben.“

Nicht nur Gesundheitswissenschaftler wissen, dass es in Deutschland eine Unterversorgung bei der sprechenden Medizin gibt, eine Überversorgung bei operativen Eingriffen, weil diese besser bezahlt werden. Da geht es um Macht und viel Geld. Wessen Interessen werden „Antworten auf die Fragen“ entsprechen. Stattdessen wünscht er: „Irgendwann werden physischer und digitaler Körper wieder eins.“ Und wo bleibt die Seele?

Noch bedenklicher sein Schluss: Die Kosten-Nutzen-Rechnung des deutschen Gesundheitswesens ist mies. Warum? Wegen der mangelhaften Digitalisierung. Erst wenn die kommt, wäre das deutsche Gesundheitswesen „ausreichend effizient.“

Soziale Medien (Kapitel 8)

Fun und ein Stahlbad

Wir erfahren, wie ein junger Mann, mit Spitznamen „Drachenlord“ von der Medienmeute fertig gemacht wurde. An einem Augusttag kamen in sein kleines fränkisches Dorf 800 Menschen, um ihn zu belagern, traten die Türen ein und legten einen Brand, sodass er mit Hilfe von Polizei und Feuerwehr geschützt werden musste. Was hatte er verbrochen? Im Netz seine eigenwilligen Meinungen vertreten. Dazu wurde er provoziert. Ein Beispiel: Er wurde von einer Frau dazu verführt, dass er ihr seine Liebe gestand, worauf sie dies Hunderten Interessierten mitteilte. Ihr Freund, auch ein Youtuber, hat alles aufgenommen und ins Netz gestellt.

Nachbarn rieten ihm, mit dem Posten aufzuhören, aber er sieht es als sein Recht an, weiterzumachen. An diesem Punkt wurde mir als alter weißer Frau etwas klar: Sascha Lobo hat ein Verständnis für dessen Weitermachen entwickelt, das mir fehlt. Als wenn es ein Recht gäbe, auf Provokationen hereinzufallen! Sein Zitat dazu: „Solche Ratschläge beruhen auf der Selbstverständlichkeit einer Zeit, in der man noch die Wahl hatte, ob man ins Netz geht oder nicht. Diese Zeit ist für die meisten jüngeren Menschen vorbei.“ Der Drachenlord lebt auch von den Werbeeinnahmen, die er, wie viele Youtuber auch, ausgezahlt bekommt.

Wir lernen viel über Cybermobbing: In den USA gab es Selbstmorde von überlebenden Schülern nach Schulschießereien, oder auch von Eltern getöteter Schüler. Es war verbreitet worden, die Massaker hätten gar nicht stattgefunden, sondern seien vom „tiefen Staat“, also den Behörden, selbst inszeniert. Die rechtsgerichteten Provokateure, die auch der Waffenindustrie nahestehen, unterstellten, die Trauernden seien Krisenschauspieler, die vom Staat bezahlt und von der „Lügenpresse“ über nicht stattgefundene Schießereien interviewt worden waren.

Gamegater sind Gruppen, die gerne ihre Spiele austauschen und einen Hass auf Frauen pflegen, und gespielt verfolgen, indem sie Intimes, auch Erfundenes, verbreiten.

In diesem Zusammenhang lernen wir die Besonderheiten von Twitter kennen. “Twitter ist ein großartiger Ort, um der Welt mitzuteilen, was man denkt, noch bevor man darüber nachgedacht hat.“ Wie funktioniert ein Hashtag, wie werde ich als Twitterin Teil eines Shitstorms, ohne es zu wissen?

Die enge Beziehung zwischen Fake News und Verschwörungstheorien (Traumpaar) wird an harmlosen Beispielen (der Mond ist aus Käse, oder die Erde ist eine Scheibe) gezeigt. Mit welchem Algorithmus („lernender Empfehlungsalgorithmus“) wird beim Autoplay bei Google der nächste Film ausgewählt, der mich als Nutzerin mit weiteren Beweisen für die angesprochene Theorie überzeugen soll. „Bei frisch zur Verschwörungstheorie Konvertierten handelt es sich um das absolute Traumpublikum von Youtube.“

Gefährlicher ist die Verwendung zur Rekrutierung von Islamisten, oder die Verbrechen der Militärs in Myanmar gegenüber den Rohingyas. Erst vier Jahre nach Vorwürfen, dass über Facebook die herrschende (buddhistische) Elite Greueltaten der (muslimischen) Rohingyas vorgetäuscht hatten, reagiert Facebook: Für die siebenstellige Zahl der Nutzer in Myanmar wird eine Task Force für die Überprüfung von Hassreden in der Landessprache gebildet: „Die Zahl der Mitarbeiter der Task Force: eins.“ Das Unternehmen Facebook hat im Jahr 2018 übrigens 55 Milliarden Dollar mit Werbung eingenommen.

Zukunft (10.) Kapitel

Die Weisheit der Jugend

Warum die Älteren von den Jungen lernen müssen, um den Realitätsschock zu bewältigen

Ein schönes Kapitel: Es werden die bekannten Aktivitäten dargestellt, mit der Zuversicht, dass sie dem Erhalt der Erde dienen, mit einem Schlusswort von Greta.

Zum elften Kapitel, das auch lesenswert ist, kommen wir über einen QR Code, im Anhang des Buches. Der soll aber nicht im Netz verbreitet werden, darüber wird Buchfluch ausgesprochen. „Ihnen möge für den Rest der Tage stets im unpassenden Moment der Handyakku leer sein.“ Ein Tipp für diejenigen, die länger auf die € 22 sparen müssten: Man kann das Buch auch in der Stadtbücherei ausleihen! Es lohnt sich!

Fazit: Schockierend realistisch, das Gesundheitskapitel noch mal überarbeiten!


Genre: Klima, Politik und Gesellschaft, Sachbuch, Umwelt, Zukunft
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln