Die souveräne Leserin

Zufällig besucht die Queen einen Bücherbus, der vor ihrer Palastküche parkt und lernt dort Norman Seakins kennen, einen lesehungrigen Küchenjungen. Angetan von seiner Begeisterung für Literatur befreit sie ihn vom Tellerwaschen und ernennt ihn zu ihrem persönlichen Amanuensis. Als literarischer Assistent bekommt der karottenköpfige Junge einen Stuhl nahe dem Büro der Queen und verbringt seine Zeit zwischen der Erledigung kleiner Aufträge mit Lesen.

Angeregt durch die Zufallsbekanntschaft liest die Queen immer mehr und verliert schnell ihr Interesse an höfischen Pflichten. Das stößt auf den Widerstand ihres Hofstaates, der meint, Lesen zähle nicht zu den Kernkompetenzen einer Monarchin und sei lediglich Zeitvertreib. Die Königin liest fortan, weil sie sich zu ergründen verpflichtet sieht, »wie die Menschen sind«. Im Umgang mit Büchern fühlt sie sich als Gleiche unter Gleichen, denn Bücher buckeln nicht und verhalten sich republikanisch gegenüber ihren Lesern.

Ihre Leselust wird zum Lesefrust ihrer Umgebung, die ungern mit Gewohnheiten bricht. Künftig fragt sie nämlich jeden, dem sie Audienz gewährt, was er denn gerade lese und will sich außerdem mit Staatsgästen über Literatur unterhalten. Ihre Begeisterung für ihr neues Hobby wird zur Besessenheit, und ihren offiziellen Verpflichtungen kommt die Monarchin nur noch mit sichtbarem Unwillen nach: »Grundsteine werden weniger schwungvoll gelegt; die wenigen Schiffe, die noch zu taufen waren, sandte sie mit kaum mehr Zeremoniell auf hohe See hinaus, als man ein Spielzeugboot auf den Teich setzt, denn immer wartete ein Buch auf sie.«

Schon bringen ihr Besucher Bücher statt Blumen mit, im schlimmsten Falle sogar selbst verfasste. Und die Queen liest weiter, sie hat den Eindruck, etwas versäumt zu haben, weil sie erst im Alter das Lesevergnügen entdeckte. Bald will sie die Verfasser der vielen interessanten Bücher persönlich kennen lernen und lädt sie in ihren Palast. Doch dabei stellt sie fest, dass Schriftsteller ebenso sehr Phantasiefiguren ihrer Leser sind wie ihre Romanhelden und belässt es darauf beim Lesen. Schließlich überlegt sie, statt der üblichen Weihnachtsansprache im Fernsehen an ihre Untertanen, ein Gedicht von Thomas Harding vorzulesen.

Um sie wieder auf den »richtigen« Weg zu bringen, wird Norman von den Hofschranzen an eine Universität versetzt, wo er ein Literaturstudium beginnt. Seine ehemalige Arbeitsgeberin vermisst ihn zwar, erfährt aber nichts von der plötzlichen Wende in seinem Leben. In Ermangelung ihres literarischen Gesprächspartners beginnt sie, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und Notizbücher zu füllen. Nun denkt sie ernsthaft darüber nach, selbst zu schreiben … doch ob das einer Monarchin geziemt?

Alan Bennett schildert in seiner Novelle, wie Lesen Menschen beeinflussen und verändern kann. Er beweist diese These ironischerweise am – natürlich fiktiven – Beispiel der Queen, von der außer repräsentativem Winken kaum Neigungen bekannt sind. Mit seiner Erzählung, die in einer unerwartet konsequenten Wendung mündet, macht er die Monarchin menschlich und liebenswert. So leistet er neben der Aufgabe, schreibend für das Lesen zu werben, gleichzeitig seinen Beitrag als britischer Untertan, seine Königin liebenswert zu machen, indem sie sich vom Souverän zur souveränen Leserin entwickelt.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Kurzgeschichten und Erzählungen
Illustrated by Klaus Wagenbach Berlin

Ein wenig sterben

Flammer liegt nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus und kann sich an nichts mehr erinnern. Sein Gehirn ist mangels Sauerstoffzufuhr irreparabel geschädigt. Georg, ein Jugendfreund, wird von Flammers Vater alarmiert. Schritt für Schritt taucht er darauf in die Welt seines Kumpels ein, um dessen Handeln zu verstehen. Dabei prallen zwei gegensätzliche Lebensentwürfe aufeinander.

Georg ist als selbständiger Versicherungsmakler erfolgreich. Mühsam hat er sich sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erkämpft und möchte niemandem Rechenschaft ablegen. Er pflegt einen gehobenen Lebensstil und nimmt gern mal eine Nase Koks. Studienabbrecher Flammer hingegen hielt sich derweil mit miesen Jobs über Wasser. »Alles ist eine große Gleichgültigkeit«, lautete sein Credo. »Aus dieser Kälte gibt es kein Entkommen«.

Der Freund besucht den Platz im Wald, wo Flammer versucht hatte, sich aufzuknüpfen. Er inspiziert Flammers muffige Wohnhöhle und fragt sich, warum er nicht einfach vom Balkon gesprungen sei oder sich in den eigenen vier Wänden seiner Zelle aufgehängt habe.

Georg spürt die Spuren seines Jugendfreundes auf und reflektiert dabei sein eigenes Leben, das von Flucht vor Einsamkeit und daraus resultierender Arbeitswut geprägt war. Er lebte stets so, als bestünde die einzig erträgliche Methode mit dem Leben fertig zu werden, es permanent abzuwehren und sich so gut wie möglich gegen alle Risiken abzusichern. Georg spürt aber auch, dass das Leben, das Flammer geführt hat, stets ein Teil von ihm selbst war, und zwar jener Teil, den er bewusst verdrängte. Stück für Stück beginnt er sich zu häuten und streift die Vergangenheit ab.

Stefan Kalbers entwickelt mit seiner Erzählung ums mehr oder weniger freiwillige Sterben einen spannenden Dialog zwischen einem, der sich nicht mehr erinnern kann und einem, der alles verdrängt hat und sich langsam wieder besinnt. Dabei versteht er es, den Leser in die Gedankenwelt seines Protagonisten zu führen und die dunklen Seiten der eigenen Existenz zu belichten. Nun ist der Text alles andere als eine trocken-philosophische Abhandlung. Im Gegenteil. Kalbers schafft es, dem Stoff eine unerwartet spannende Wendung zu geben, die schrittweise den Grund für Flammers Unglück erhellt.


Genre: Romane
Illustrated by Ubooks Diedorf

Am Beispiel des Hummers

Hummer wollte ich immer schon einmal essen, aber es ist nie dazu gekommen. Mal schien er mir unerschwinglich teuer, mal hielt ich es für dekadent und deshalb ablehnenswert. Dann wieder wusste ich nicht, wie die Scheren fachgerecht geknackt werden müssen, um ohne öffentliche Blamage an das eiweißreiche Fleisch zu kommen. Jetzt habe ich David Foster Wallaces kurze Reportage über das Maine Lobster Festival gelesen und dadurch miterlebt, wie 25.000 Pfund fangfrischer Hummer in die Mägen von mehr als 100.000 Besuchern wandern. Ja, und irgendwie ist mir dadurch der Appetit auf die mit Furcht erregenden Zangen bewaffneten Krebstiere gründlich vergangen.

Dabei kommt der Text, ursprünglich für ein Gourmet-Journal geschrieben, wie ein Appetithäppchen daher: Wallace, Großmeister der Reportage, besucht das traditionelle Hummerfestival und beschreibt, was dort geboten wird. Tonnenweise Hummer wird direkt vom Kutter in den größten Hummerkessel der Welt geworfen und in kochendem Wasser gesotten, um dann im großen Fest- und Fresszelt von entfesselten Schlemmern verzehrt zu werden. Kochwettbewerb, Rummelplatz, Schönheitswettbewerb und Souvenirparaden bilden das Rahmenprogramm, mit dem der US-Bundesstaat Maine als weltgrößter Hummerlandeplatz punktet.

Der Leser erfährt, dass Hummer noch im 19. Jahrhundert als Dreckfraß galt, der zur Gefangenensättigung genutzt wurde. Denn der Hummer als alles vertilgender Müllschlucker des Meeres genoss den Status der Ratte, und derartiges Zeug war für den verurteilten Abschaum der Gesellschaft gerade gut genug. Inzwischen hat sich das grundlegend gewandelt, das aromatische weiße Fleisch der Krebstiere gilt als Delikatesse, das in seinen Rang als Luxusgut allenfalls dem Kaviar den Vorrang lassen muss. Das hat vielleicht auch mit der Zubereitungsart zu tun, denn zu Vorväters Zeiten wurden die Tiere komplett zermahlen und an die Sträflinge verfüttert. Hier setzt das Lobster Festival an, mit dem der US-Bundesstaat Maine Werbung für ein Produkt macht, das ihm die Natur quasi direkt auf den Tisch spült. Denn an keinem anderen Ort der Erde tummeln sich derartig viele Hummer.

Und genau über dieses Festival schreibt Wallace, ohne die Massenfütterung zu loben. Im Gegenteil: er schafft es, den Leser sanft an sein Thema heran zu führen, er begleitet ihn durch die schmatzenden Massen des Mega-Events, und er prüft – durch und durch Journalist – auch die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft in Bezug auf Nerven und Schmerz der Hummer. Nach der Lektüre des zu einem schmalen Büchlein aufgeblasenen Textes bleibt dem Leser der Hummer dann aber im wahrsten Sinne des Wortes im Halse stecken.

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Mehr über den Autor:
David Foster Wallace: Freitod mit 46


Genre: Reportagen
Illustrated by Arche Zürich

Bitterstoffe

Der schüchterne Hobbydichter Felix liebt die selbstbewusste, zwei Jahre ältere Julia. Doch Julia bevorzugt Georg. Georg ist der Freund von Felix und war mit der langen, dünnen Annemarie zusammen. Julia wiederum ist mit der von Lithium aufgedunsenen Susanne befreundet. Dann gibt es noch Daniel, Franz, Sonja, Jesse und Anja, deren Verhältnis derjenige kennt, der sich durch den Beziehungsgeflechtsroman »Bitterstoffe« gebissen hat.

Die Protagonisten treffen jedenfalls nach fünfzehnjähriger Abstinenz bei der Beerdigung von Annemarie zusammen und der Ich-Erzähler Felix erinnert sich an das erste Mädchen, mit der er geschlafen hat, an Julia. Auch Julia erinnert sich an den schalen Geschmack der ersten Liebe und schläft, ebenso freudlos wie in der Jugendzeit, erneut mit Felix und dann – etwas intensiver – mit Georg. Die Jugendfreunde trennen sich nach der Beerdigung wieder und gehen ihrer Wege. Felix treibt es jedoch bald darauf von Berlin nach Hamburg, und er besucht Julia. Doch die ist bereits wieder mit Georg beschäftigt, Felix kommt ungünstig und kehrt wieder heim. Seiner Affenliebe zu Julia tut dies keinen Abbruch.

Florian Voß erzählt die Geschichte seiner ersten Beziehungskiste mit verquaster Distanziertheit. Nach 27 Seiten wechselt er jäh die Perspektive und benennt einen Felix, der als sein Alter Ego neben Julia erwachen darf. Es braucht allerdings Zeit, bis sich der Leser sicher sein darf, dass dieser Felix auch der Ich-Erzähler ist. Diesen Wechsel der Erzählperspektive wiederholt er, um auch aus Julias Sicht das Verhältnis zu dem schüchternen jungen Mann zu schildern. Weiter aufgepeppt wird die an sich unscheinbare Geschichte einer sich wieder begegnenden Jugendliebe, indem der Autor häufig Zeitsprünge vornimmt und den Leser zum Zurückblättern zwingt. Klingelt auf Seite 58 das Telefon, wurde das entsprechende Gespräch bereits zehn Seiten zuvor geführt. Schleppt Julia Felix auf Seite 74 zum Erinnerungsfick ins das nächste Gebüsch, hat der Leser bereits Seiten zuvor den jungen Mann begleitet, der sich abschleppen lässt.

Diese an sich reizvolle Methode, beide Parteien zu Wort kommen zu lassen, wirkt in der leidenschaftslosen Erzählung angestrengt und artifiziell. Eingebettet ist sie zudem in eine Hommage an den Großvater des Autors, an dessen Einäscherung der Leser gleich im Einstieg des Werkes teilnehmen darf, die aber mit dem Handlungsstrang selbst wenig zu tun hat. Dem Roman-Debut des Herbstes aus dem Rotbuch-Verlag hätte ein klein wenig mehr Farbigkeit, ein wenig Empathie, und ein Hauch jenes Knisterns, der Beziehungen bisweilen eigen sein soll, gut getan.


Genre: Romane
Illustrated by Rotbuch

Die Hunde bellen

Truman Capote verzichtete bewusst auf die üblichen Reporterutensilien wie Tonband oder Diktiergerät, er nutzte nicht einmal Stift und Papier bei seinen Interviews. Der Autor setzte lediglich sein Hirn als Speichermedium ein, weil er der Überzeugung war, nur so eine natürliche Beziehung zwischen den Interviewpartnern (dem nervösen Kolibri und dem Vogelfänger, wie er es nannte) herstellen zu können. Die Ergebnisse dieser Arbeitsmethode lässt sich jetzt in geballter Form in seinen gesammelten Reportagen und Porträts nachlesen, und ich gestehe neidlos: Capotes Texte sind gnadenlos gut.

Eingeleitet wird der voluminöse Band nicht-fiktionaler Texte von Capotes umfangreichem Konversationsporträt des exzentrischen Schauspielers Marlon Brando, den er in einem Hotel in Kyoto während der Dreharbeiten zum Liebesmelodram »Sayonara« besuchte. Er schildert den Charakterdarsteller als »Fürst in seinem Reich« und nutzt Brando zugleich als Versuchskaninchen, um eine neue Art des journalistischen Schreibens auszuloten.

Capotes Ansatz lautete, eine Reportage ebenso anspruchsvoll zu schreiben wie jede andere Art Prosa, sei es Essay, Kurzgeschichte oder Roman. Im Erscheinungsjahr 1956 war das ein Wagnis, und Capote schildert den Ausgangspunkt seiner Überlegungen: »Was ist die niederste Stufe des Journalismus? Anders gefragt, welcher Dreck lässt sich am schwersten zu Geld machen? Antwort, ganz klar: Interviews mit Hollywood-Stars, dieses unerträgliche Promi-Gelaber … So etwas zur Kunst zu erheben, wäre eine echte Aufgabe.«

Capote gelang mehr als das: seine journalistischen Texte lesen sich wie Literatur und wurden zu einer eigenen Kunstform. Seine Reportagen und Porträts sind Kampfansagen an eine zunehmend unverständliche Sprache der so genannten Hochliteratur, die sich auf rein formale Spielereien und auf die Vernachlässigung der Alltagsstoffe kapriziert. »Schlicht sollen sie sein, meine Sätze, und klar wie ein Gebirgsbach«, lautete sein sprachliches Credo, während er bei seinem Stil besonderen Wert legte auf die Gestaltung »statischer« Textteile, mit denen er seinen jeweiligen Gesprächspartner und die Stimmung des Interviews herausarbeitete.

Eine gewalttätig knisternde Spannung liegt auf seinem Gespräch mit Robert Beausoleil, einem Dauergast im Hochsicherheitstrakt von San Quentin in Kalifornien. Der Leser spürt unmittelbar den mörderischen Atem der wohl schillerndsten Gestalt aus der Charles-Manson-Sekte, der sich im Gefängnis zum Anführer der faschistischen »Arischen Bruderschaft« erhob.

Ganz anders und nahezu beschwingt schilderte Capote das Tagewerk der Mary Sanchez. Er begleitet die Putzfrau auf ihren Einsatzorten in New York und erfährt dabei enorm viel über sie wie über die Bewohner der Appartements, die sie putzt. Sanchez erträgt ihre Arbeit als Putzteufel, indem sie immer wieder zu einer kleinen Blechschachtel greift, in der sich eine Ansammlung von Jointkippen befindet. Irgendwann gelingt es ihr, Capote zum Mitrauchen zu animieren und darauf bekommt die Story einen wundervoll leichten, geradezu bekifften Touch.

In »Versteckte Gärten« wiederum beschäftigt sich Capote in einer Art Selbstgespräch mit seiner Heimatstadt New Orleans. Dazu setzt er sich an einem prachtvollen Frühlingstag in einen uralt gewachsenen Park und reflektiert, was er dort sieht und erlebt. In einem der Gespräche, die der Wind an sein Ohr trägt, streitet sich ein Zuhälter mit einer Frau, die für ihn anschafft, und es wäre kein Text von Capote, wenn die Dame nicht am Schluss der Geschichte wie zufällig vorbei kommt und ihn anspricht.

Wer sich für journalistische Sprache und Stil interessiert, der wird von Capote vorzüglich bedient. Der am 30. September 1924 in New Orleans geborene Autor steht für den »New Journalism«, zu dessen Wegbereitern auch Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Norman Mailer zählen. Sein 1958 veröffentlichtes »Frühstück bei Tiffany« erlangte auch dank der Verfilmung mit Audrey Hepburn große Berühmtheit. Capote begründete 1965 mit seinem Welterfolg »Kaltblütig«, der exakten Aufarbeitung eines blutigen Mordes an einer Farmerfamilie, sogar eine neues Genre: den Tatsachenroman. Truman Capote starb am 25. August 1984 in Los Angeles.

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Genre: Reportagen
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Holzfällen

Cover Bernhard HolzfällenThomas Bernhards Roman »Holzfällen« war kaum erschienen, das wurde das Buch in Österreich am 29. August 1984 gerichtlich beschlagnahmt und verboten. Der in dem Text angeblich dargestellte Komponist Lampersberg und seine Frau, die Sängerin Maja Lampersberg, meinten sich in dem Werk wieder zu erkennen und hatte die Klage ausgelöst. Erst im Februar 1985 konnte eine außergerichtliche Einigung erzielt werden, die Klage wurde zurückgezogen und der »Schlüsselroman« wieder freigegeben. Weiterlesen


Genre: Romane
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Prokop erzählt im Prolog seines Werkes, wie er in der Skybar eines Chicagoer Wolkenkratzers Bekanntschaft mit einem eitlen, arroganten und versnobten Zwerg namens Timothy Truckle schließt. Die äußerst trinkfeste Attraktion der Bar gilt als der beste Detektiv der Vereinigten Staaten. Mittels glänzender Kombinationsgabe, gut informierter Freunde und einem mächtigen Elektronengehirn namens Napoleon löst »Tiny« Truckle schwierigste Kriminalfälle.

Der Autor schildert darauf einige dieser Fälle, die dem Leser höchst seltsam anmuten. Warum werden zur Transplantation vorbereitete Unterschenkel gestohlen und wieder zurückgegeben? Wieso verschwinden auf mysteriöse Weise Eisberge, die zur Trinkwasserversorgung der USA aus dem Eismeer herangeschleppt werden? Wer hat zwei Mitglieder des aus den einflussreichsten Pharmabossen bestehenden »Clubs der Unsterblichen« ermordet?

In der Auflösung der Fälle wird deutlich, dass Truckle in einer Welt ermittelt, die einer totalen Überwachung durch Staatsorgane unterliegt, denen kein Schritt und kein Gedanke der Bürger entgeht. Es ist eine Gesellschaft, in der übermächtige Konzerne alles und jeden beherrschen und dem Einzelnen keinerlei Freiraum geschenkt wird. Es herrscht Mangel an Trinkwasser und Grundnahrungsmitteln, die Städte sind von einer undurchdringlichen Smogschicht bedeckt, und zum Betrachten eines Sonnenuntergangs müssen die Bewohner in Skybars gehen, die viele tausend Stockwerke hoch über den Wolken liegen.

Truckle, der Held der Erzählungen, arbeitet offiziell für die Mächtigen und hilft zugleich einer Untergrundbewegung, von der in Andeutungen die Rede ist. Dabei schützt ihn ein Mausoleum, das er den staatlichen Gewalten aufgrund seiner kriminalistischen Erfolge abgetrotzt hat, und in dem er ohne fremde Ohren und »Elektronenaugen« sprechen und arbeiten kann. In diesem abhörsicheren Raum nimmt er Kontakt mit dem »Großen Bruder« auf, der ihm Zugang zu den Rechnersystemen des Staatsapparates verschafft. Dieser steht jedoch, anders als in Orwells Roman »1984«, der Prokop Pate gestanden hat, auf der Seite der Systemkritiker und symbolisiert nicht die Macht des Bösen.

»Wer stiehlt schon Unterschenkel« rangiert aufgrund seiner in der Zukunft spielenden Handlung als Science-Fiction-Literatur. Fortgesetzt wurden die Erzählungen um den zwergenhaften Meisterdetektiv in »Der Samenbankraub«. Es handelt sich dabei um eine Dystopie oder Anti-Utopie. Damit werden Geschichten bezeichnet, die in einer fiktiven Gesellschaft spielen, die sich zum Negativen entwickelt hat. Die Erzählungen waren in der DDR vor allem unter kritischen Geistern bekannt, und auch als Sciene-Fiction-Autor genoss Prokop im östlichen Deutschland einen guten Ruf. Außerdem hat der Autor eine ganze Generation DDR-Kinder und Jugendliche fasziniert und mit geprägt. Sein Kinderbuch »Detektiv Pinky« gilt als Klassiker der DDR-Kinderbuchliteratur und wird heute noch gern erinnert. 2001 wurde es sogar verfilmt.

Prokops Erzählungen um Timothy Truckle können als Kritik an den übermächtigen USA verstanden werden. Möglich ist aber auch die Deutung als eulenspiegelhaftes Schmunzeln über die Verhältnisse im eigenen Land, denn auch die DDR trug ausgeprägte Züge eines Überwachungsstaates. Gerade die Form der Zukunftsliteratur bot sich an, auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen und diese kritisch zu beleuchten. 1977 erstmals veröffentlicht wirkt manches auf den heutigen Leser im Zuge der Entwicklung der letzten 40 Jahre allerdings technisch überholt. Ungeachtet dessen ist die Lektüre vergnüglich. Im Westen blieb Gert Prokop, der anno 1994 im Alter von 61 Jahren freiwillig aus dem Leben schied, weithin unbekannt.


Genre: Science-fiction
Illustrated by Das Neue Berlin Berlin

Wie man berühmte Menschen trifft

Den ersten »berühmten Menschen«, den ich in grauer Vorzeit als angehender Journalist interviewen sollte, war ein Filmstar. Ich kannte ihn nicht. Ich hatte seinen Namen nie zuvor gehört, obwohl er doch so unerhört berühmt sein sollte, dass ich eigens nach Berlin zu einem Filmset geschickt wurde, um ihm ein paar Antworten abzuluchsen. Das Internet war in jener undenkbar lang zurück liegenden Zeit noch nicht erfunden, sonst hätte ich den Namen flink gegoogelt und wäre schlauer gewesen. Ich hätte mir auch ein Foto meines Interviewpartners anschauen können, und so wäre mir die erste Peinlichkeit erspart geblieben. Denn ausgerechnet den ersten Typen, der auf dem Set gelangweilt herumstand, fragte ich nach jener Berühmtheit, und ich möchte nicht wissen, was er von mir gedacht hat, als er sich als jener ach so gefragte Promi zu erkennen gab.

Immerhin hatte ich damit meinen ersten Promi im Interview, und ich kam auch leidlich zurecht, weil der Superstar hilfsbereit war und mein Unwissenheit mit mitleidigem Augenaufschlag hinnahm. Gay Talese, der Monate lang Frank Sinatra verfolgte, aber nicht vorgelassen wurde, hatte es da weitaus schwerer. Dafür hat er uns einer der besten Profilreportagen aller Zeiten hinterlassen. Sein Meisterwerk »Frank Sinatra ist erkältet« porträtiert den interviewunwilligen Superstar, ohne mit ihm auch nur ein Wort gewechselt zu haben, aus der Sicht des ihn begleitenden Tross.

Der Schweizer Kolumnist Mark van Huisseling kultivierte seinerseits die persönliche Art des Umgehens mit Berühmtheiten, über die er schreiben sollte. Er durchbrach das klassische Interview, indem er seine Gesprächspartner fragte, worüber sie selbst gern reden wollten. Dabei verstand er die oft bizarren Rahmenbedingungen, unter denen die Interviews stattfanden, als Lösung für seine Arbeit. Statt sich auf die konventionellen Frage-Antwort-Spielchen einzulassen, die zudem meist noch von Zerberussen der jeweiligen PR-Abteilungen überwacht und zensiert werden, erzählt er, was sich am Rande ereignet. Er stellt niemanden bloß, das überlässt er den Befragten selbst. Die floskelhafte Leere, die Pseudo-Promis, Stars und Sternchen umgibt, enthüllt sich damit von ganz allein.

Im Ergebnis schuf er Porträtminiaturen, die den Interviewten bisweilen in einem nicht unbedingt vorteilhaften Licht erscheinen lassen. Auf die Frage, welches Buch sie zuletzt gelesen habe, antwortet Verona Pooth, es seien einige von Homo Faber gewesen … Die dünne Oberfläche, auf der sich derartige Interviews bewegen, lassen damit durchaus tiefe Einblicke zu. Sein Spaziergang durch den Zoo der Alphatiere führt vom Avantgardekünstler Blixa Bargeld (»Wo sind wir heut losgefahren? Ach, Paris!« )über den professionell dauergutgelaunten Roberto Blanco (»Ich bin kein Spaßmacher, ich bin kein Clown. Ich bin Entertainer, ich will unterhalten«) und Pierre »Winnetou« Brice (»Die Helden von heute sind schwule Apachen, rosa gekleidet«) zu Dolly »Ballonbusen« Buster (»Wie lauten die Titel der letzten drei Filme, die Sie produzierten?« – »Ich kann mich nicht erinnern«).

Viereinhalb Stunden muss der Reporter auf Mariah Carey warten, die sich einen Fingernagel abgebrochen hat und ihm dann ihre nackten, langen Beine entgegen streckt (»Ich möchte weniger planen – Planen ist für die Armen«). Rocksänger Joe Cocker überrascht ihn mit dem Geständnis, von Hitler fasziniert zu sein (»Dieses Nazi-Ding war irgendwie umwerfend, von der Ideologie mal abgesehen«). Sarah Connor, die Pop-Prinzessin aus Delmenhorst, wird von einem albanischen Elitesoldaten gemanagt, und will nur über Oberbekleidung statt über Unterwäsche, für die sie wirbt, sprechen. Rolf Eden, Berlins ältester Playboy, bestreitet, Viagra zu nehmen (»Feministinnen – Wenn ich mit denen fertig bin, sind sie bloß noch feminin«).

Mark van Huisseling vertextet seine Interviews und reichert sie mit markigen Zitaten aus der Boulevardpresse an, die sein Gegenüber charakterisieren und spiegeln. Dabei zeichnet er sich durch einen extensiven Gebrauch von Zitaten in Klammern aus, es sind wohl dutzende pro Artikel. Seine Texte lesen sich unterhaltsam und beschwingt, er weicht positiv vom Klischee des Society-Reporters ab. Aber die Texte erschienen ursprünglich ja auch in der liberalen Schweizer »Weltwoche« und nicht in der Klatschpresse. Van Huisselings Interviews sind um ein Vielfaches besser als das Zeug, das ich in meinen Anfangsjahren zusammen dichtete. Gay Talese kann er hingegen nicht das Wasser reichen.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Kolumnen
Illustrated by Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins Berlin

In darkest Leipzig

Als der Autor anno 2004 für ein studienbegleitendes Praktikum nach Tansania aufbrach, vermutete der angehende Ethnologe noch, dass Fremdartigkeit und Exotik in anderen Kulturen beheimatet wären, und er mit jedem Flugkilometer diesem Phänomen näher kommen könnte. Doch nicht in der Weite des schwarzen Kontinents stieß er auf das Gesuchte. Die Fremde wartete vielmehr nach seiner Rückkehr direkt vor seiner Wohnungstür in Leipzig-Lindenau.

Lindenau ist ein Stadtteil im Westen der sächsischen Stadt Leipzig. Hervorgegangen aus einem vor rund 1000 Jahren von deutschen Bauern gegründeten Dorf entwickelte sich der Ort zu einer prosperierenden Industriegemeinde. Mit der Wende brach die Industrieproduktion zusammen, der Stadtteil zerfiel. Heute ist er von Industriebrachen und hoher Arbeitslosigkeit geprägt. In diesen Teil Leipzig verschlug es den jungen Ethnologen.

Während der Autor die Nächte dafür verwendete, die dunkle Romantik in den Ruinen von Lindenau aufzusuchen, war er tagsüber damit beschäftigt, die seltsamen Menschen zu beobachten, die den Gestalten mancher Albträume nicht unähnlich sahen. Es schien ihm, als trügen viele Bewohner eine dämonische Kraft in ihrem Innersten, etwas Böswilliges, Verbittertes. Etwas, das versuchte, die Träume derer, die noch an den Zauber der Welt glaubten, in der Bitternis der eigenen Unzufriedenheit zu ertränken. Horden von Säufern mit üblen Knasttattoos und fettigen Haaren lungerten auf den Straßen. Ihre aschbleichen Gesichtszüge mit den blutunterlaufenen Augen erschienen wie die Überreste einer fremdartigen Kriegbemalung für einen Feldzug, der schon lange verloren war.

Als Ergebnis seiner zwölfmonatigen Feldforschung liefert Schweßinger einen ethnografischen Bericht, der den Leser staunen macht. Denn die Lindenauer scheinen um ein Vielfaches exotischer als die Menschen im tiefsten Afrika. Er meint sogar, die Wilden, für die manche Afrikaner gern gehalten werden, seien eher in den Straßen Lindaus anzutreffen als in den Weiten des schwarzen Kontinents und schildert zum Beweis die Bewohner mit ihren bizarren Gesichtern und unbekannten Sitten.

Es sind Expeditionen in die Leipziger Finsternis, die den Leser des Buches erwarten. Nach der Lektüre der Schilderungen des begeisterten Ethnologen ist eines klar: Wanderer, kommst du nach Leipzig, meide Lindenau! Denn dieser Stadtteil ist keine Reise wert.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Erfahrungen
Illustrated by Edition PaperONE Leipzig

Neulich in Neukölln

Uli Hannemann zog 1985 nach Berlin und landete ausgerechnet im tiefsten Neukölln. In herrlichen Wortbildern beschreibt er den Alltag in seinem Kiez mit distanziertem Wohlwollen und versprüht dabei rabenschwarzen Humor.

Der schreibende Taxifahrer und Lesebühnenmatador erzählt die Geschichte eines neureichen Münchener Neumieters, den er am offenen Fenster beim Telefonieren abhört, während dessen Kätzchen erstmals das Terrain erkundet und sogleich von fetten Ratten in mundgerechte Häppchen zerlegt wird. Er schildert die strahlende Wiedergeburt des Tante-Emma-Ladens als Onkel-Mehmet-Gemischtwarenhandel, bei dem es rund um die Uhr alles und nichts zu kaufen gibt. In seinem Argwohn gegen den Staat, der nichts ist als »ein schlampiger, alter Kumpel, der sich Bücher, Videos und Geld leiht und niemals zurückgibt«, spricht er dem Neuköllner aus dem Herzen, der in diesem Punkt zum gemeinsamen Widerstand findet.

In seinen Notizen von der Talsohle des Lebens skizziert Hannemann seine Mitmenschen als Alkoholiker, Schreihälse, Schläger, Krachmacher und Drogendealer, die ihn umzingelt haben.

Keinesfalls darf das Thema Hundekot fehlen, denn wer einmal in Pitbull-Scheiße getreten ist, weiß, dass er in Berlin-Neukölln unterwegs ist. Dort verhüllt die Kotschicht das öffentliche Straßenland zeitweise so flächendeckend, dass es für Rettungs-, Reinigungs- oder ähnlich verantwortliche Kräfte nahezu unmöglich ist, überhaupt in die Gegend vorzudringen. Die »Tretminendichte« in Neukölln sei die höchste von ganz Deutschland, konstatiert der Autor; gerade das Gebiet zwischen Hermannstraße und Flughafen Tempelhof sei zur buchstäblichen »No-Go-Area« geworden. Lediglich die Erfindung einer »Schlorkmaschine«, mit der die Haufen gezielt aufgesaugt werden können, schlügen Schneisen in das Grauen und verhinderten, den wohl anrüchigsten Kiez Deutschlands in letzter Sekunde vor der Vernichtung und dem Vergessen zu bewahren.

»Neulich in Neukölln« ist eine spröde Liebeserklärung an den Bezirk, der mit Rütli-Schule, Ehrenmorden, Hundekot und Unterschicht verknüpft ist. Es sind mit Biss und anarchischem Humor gefertigte Momentaufnahmen vom Alltagswahnsinn einer deutschen Innenstadt.


Genre: Kolumnen
Illustrated by Ullstein Berlin

Das Mädchen, das sterben sollte

Auf dem Filmset von Megastar Thomas Bayne in der libyschen Wüste geht eine Bombe hoch und tötet fast hundert Leute. Die Welt hält 99 Minuten lang den Atem an, bis feststeht, dass Bayne nicht zu den Getöteten zählt. Während dessen sucht die 28jährige Fremdenführerin Susan Mantle eine Wahrsagerin, Dawn Sage, auf, mit der sie in einem Haus wohnt. Von ihr will sie wissen, ob ihr neuer Freund der Richtige für sie ist. Doch die Prophezeiung der geheimnisvollen Seherin wirft sie aus der Bahn. »Sie werden berühmt. Sie werden reich. Sie werden über Erde und Wasser reisen. Sie werden einem großen dunklen Fremden begegnen. Sie werden Nein zu ihm sagen bis zu dem Tag, an dem Sie Ja sagen. Am Tag darauf werden Sie sterben.«

Völlig verwirrt stolpert Susan aus der Höhle der Wahrsagerin und läuft tränenüberströmt einem Fernsehteam in die Arme, das Stellungnahmen zu dem Attentat sammelt. »Dem Tod wird kein Reich mehr bleiben«, stammelt sie unter dem Eindruck der Nachricht vom bevor stehenden eigenen Tod weinend in die Kamera, ohne zu wissen, worum es den Interviewern überhaupt geht. Die mysteriöse Stellungnahme gelangt in die Nachrichten und wird dort immer wieder gezeigt. Bald ist Susan »das geheimnisvolle Mädchen« und wird über Nacht berühmt. Die erste Prophezeiung der Wahrsagerin geht damit in Erfüllung.

Schon am nächsten Tag ist das geheimnisvolle Mädchen in aller Munde. Zeitungen drucken ihr Konterfei und PR-Berater belagern sie am Telefon. Von einem Unbekannten wird eine Million Dollar auf ihr Konto überwiesen, und damit trifft auch der zweite Teil der Weissagung ein. Susan bekommt Angst und würde am liebsten der Wahrsagerin die anonyme Million überweisen, damit keine weiteren Voraussagen in Erfüllung gehen. Ehe sie sich versieht, haben jedoch die Medien Besitz von ihr ergriffen. Filmstars, Rockgenies und die Shakespeare Company wollen mit ihr gemeinsam auf Sendung gehen, doch sie verkriecht sich in ihrem Bett, um dem verkündeten Schicksal zu entgehen. Clevere Fernsehleute machen daraus die Reality-Show »The Babe in Bed Forever«.

Susan Mantle will einfach nicht berühmt werden und wehrt sich gegen das Liebeswerben quotengieriger TV-Typen, spirituell erleuchteter Hollywood-Stars, Ex-Lover und angeblicher Freundinnen, die sich um sie versammeln. Je mehr sie sich dem Trubel zu entziehen versucht, desto mehr wird sie in den Mahlstrom hinein gezogen. Selbst verliebte Zyniker, Depressive und voll verblödete Typen geben sich die Tür in die Hand und lassen ein Bild vom Narrenhaus entstehen, das sich Fernsehen nennt.

Das Buch, dessen Titel im ersten Augenblick wie ein Kriminalroman wirkt, ist tatsächlich ein höchst verschachtelter Dialogroman mit Anspruch. Der gesamte Text besteht ausschließlich aus ständigen Telefonaten und Gesprächen mit Eltern, Freundinnen, Freunden, Managern und anderen Figuren. Abgesehen von der Kunstfertigkeit, mit der die Handlung entwickelt und erzählt wird, verlangt der Text vom Leser höchste Konzentration, um der Satire folgen zu können.


Genre: Romane
Illustrated by Kunstmann München

Pornostern

PornosternNamenlos jobbt ohne Erfolg und Anspruch in einer Versicherungsagentur und fristet ein eher erbärmliches Junggesellendasein. Lediglich Ex-Freundin Andrea dringt gelegentlich telefonisch zu ihm durch und erkundigt sich nach seinem Zustand. Ansonsten ist sein einziger Gesprächspartner ein kleiner braungrüner Kaktus, der aus einem Müllhaufen stammt. Diesen stacheligen Mitbewohner tauft er »Rod«, weil dies auf einem Etikett an dessen Unterseite steht.

Seine Zeit verbringt der Ich-Erzähler am liebsten vor dem Fernseher oder in seiner Stammkneipe »Peaches«. Dort verpasst er sich die tägliche Dröhnung. Eines eintönigen Tages lernt er einen Goldkettchenträger kennen, der ihm wie eine Mischung aus Zuhälter und Ramschkönig vorkommt. Der neue Bekannte entpuppt sich als Betreiber eines Pornolabels und bietet ihm einen Job an. Nach einem kurzen Disput zwischen seiner ständigen Trägheit und einer beklemmenden Ebbe des Kontostandes nimmt er das Angebot an und tritt seinen Dienst als Deckhengst des Filmchenmachers an. Künftig darf er willige Novizinnen vor der Kamera vögeln und wird dafür sogar noch gut bezahlt.

Skrupel sind ihm fremd, und über Geschmack macht er sich keine Gedanken. Besonderen Genuss bietet ihm lediglich ein Wiedersehen mit einer Beraterin einer Arbeitsvermittlung, der er nach Vollzug ins Gesicht spritzen und sagen darf, er habe jetzt den seiner Qualifikation entsprechenden Job gefunden.

In seiner neuen Tätigkeit geht er voll auf und findet dabei sogar zu einer eigenen Identität. Als Hommage an seinen Kaktus wählt er den Künstlernamen Rod Reptile. Regelmäßige Nasen Koks, die ihm seine neuen Arbeitsgeber versorgen, tragen dazu bei, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Sein Geld trägt er weiterhin in seine Stammkneipe, in der er eines schönen Tages sogar seine Traumfrau kennen lernt. Mit der knackigen Jasmin ist er bald fest zusammen und genießt die Zweisamkeit.

Da er ahnt, dass seine neue Liebe wenig erbaut auf seine Erwerbstätigkeit reagieren würde, täuscht er sie mit Lügengeschichten. Wenn das Telefon klingelt, steht er weiterhin stets zur Verfügung, um neue Damen, wie die 24jährige Fitnesstrainerin Claudia, die »neue Herausforderungen« sucht und sich als Filmsternchen bewirbt, einem gründlichen Leistungstest zu unterziehen. So kommt es, wie es kommen muss: eines bösen Tages wirft Jasmin ihrem geliebten Rod eine DVD mit dem prosaischen Titel »Ehehuren«, in der er als Hauptdarsteller wirkt, vor die Füße und verlässt ihn tief enttäuscht.

Rod Reptile ist wieder mutterseelenallein und steigt noch tiefer ins Pornobusiness ein. Er träumt von einer Solokarriere mit professionellen Darstellerinnen und entwickelt sich allzeit bereit, immer bereit, zum Pornostern. Koks, Aufputschmittel, Alkohol und Potenzpillen helfen ihm, in jeder Situation als Mann zu bestehen. Dabei bricht er charakterlich immer tiefer ein und führt bald nur noch ein Leben auf Speed. Seine Auftraggeber lassen ihn fallen. Als eines schlimmen Tages zu allem Übel auch noch sein einziger Freund, der Kaktus Rod, wegen mangelnder Aufmerksamkeit sein Leben aushaucht, will er endgültig alles ändern. Er springt in einen Zug und folgt Jasmin. Ein Happy-End bleibt aus.

Strasser baut die Geschichte von Rod Reptile geschickt und nachvollziehbar auf. Im Dialog mit dem Kaktus bedient der 34-jährige Düsseldorfer Autor sich eines Kunstmittels, das literarische Qualität hat. Er erzählt seine Story in lakonisch-distanziertem Stil und verzichtet auf die klebrige Ausschmückung eines Soft-Pornos. Damit enttäuscht er vermutlich die Hoffnungen der Voyeure, die zu dem Buch greifen, weil sie hinter dem Titel eine saftige Sexstory wittern. »Pornostern« lüftet hingegen einen Zipfel des Vorhangs der Sexindustrie und liest sich als eigenwilliger und durchaus nachvollziehbarer Bericht.


Genre: Romane
Illustrated by Ubooks Diedorf

Sense

Kristof Kryszinksi erwacht nach durchzechter Nacht mit dröhnendem Schädel in seiner Matratzengruft neben einer Leiche. Der Tote ist der Automatenkönig Sascha, den der Privatdetektiv eigentlich gesund und munter ausfindig machen sollte. Die attraktive Gattin des Spielhöllenbetreibers hatte den Schnüffler angeheuert, weil Männe die Einnahmen nicht wie gewohnt brav daheim abgeliefert hatte sondern spurlos verschwand. Nun ist der Mann mausetot und liegt in seinem Blut. Kryzinski hat den lukrativen Auftrag ergo voll vor die Wand gefahren, und seine »Freunde« von der Bulleria halten ihn zu allem Überfluss auch noch für den Mörder.

Vor diesem Hintergrund geht der vollkommen heruntergekommene Detektiv in den düstersten Ecken zwischen Essen, Bochum und Gelsenkirchen auf die Suche nach seinem Alibi und dem Hergang des Geschehens. Kryszinski geht nicht wirklich auf die Suche. Was er unter Suche versteht, ist ein chaotisches Herumstöbern mit dem Ziel, etwas aufzuspüren oder aufzuscheuchen, das ihn seiner Sache näher bringt. Er schwört dabei auf seinen »Instinkt«. Hat er aber erst einmal eine Fährte aufgenommen, dann verstärkt er den Druck durch sofortiges Hinterherhetzen. Bleibt das ohne Erfolg, kehrt er zurück zum Ausgangspunkt und spickt das Terrain mit Lockmitteln, Ködern und Fallen. Seine Technik nennt er »Jagd«.

Das »private eye« bewegt sich bevorzugt im Rotlichtmilieu zwischen seiner Stammkneipe »Endstation«, Abwrackplätzen und Lasterhöhlen. Dabei versucht er, eines der letzten Abenteuer des Alltags zu bestehen und 24 Stunden ohne Alkohol und Koks zu bleiben. Das fällt ihm spürbar schwer, und so sieht er wie etwas aus, das ein Hund im Wald gefunden, runter geschlungen und dann daheim aufs Kanapee gewürgt hat. Bevorzugt schleudert er in betagten japanischen Spritfressern durch die Landschaft und schafft es durch seine Auftritte, eine gehörige Portion Unruhe in die Halbwelt des Pütts zu bringen. Farbenprächtige Schlägereien in Kneipen und Clubs, wilde Verfolgungsjagden über Stock und Stein in gestohlenen Autos sowie wüste Sauf- und Drogenexzesse reihen sich wie Perlen auf eine Schnur und liefern alles, was ein Krimi bieten sollte.

Juretzka serviert eine brillante Kombination von Wortwitz und Sprachgewalt Die furztrockene, mit schwarzem Humor gewürzte Sprache des Kohlenpott-Chandlers macht es zu einem großen Vergnügen, diesen chaotischen Krimi zu lesen. Es handelt sich dabei um den Auftakt einer kantigen Detektiv-Reihe um den Mühlheimer Antihelden Kryszinski, die zwischenzeitlich eine Reihe Preise bunkern konnte und eine wachsende Zahl von Fans findet. Dieser Roman ist großes Kino!

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Aufbau Taschenbuch Berlin

Ich bin schizophren und es geht mir allen gut

Bernemann wird alt. Inzwischen hat er die 30 deutlich überschritten und ist immer noch auf der Suche nach sich selbst. Als Autor möchte er weder schubladisierbar noch schubladesk sein und behauptet, seine Literatur führe eine Art Angriffskrieg. Davon ist in seiner nunmehr vierten Buchveröffentlichung leider wenig zu spüren.

Ubooks hat seinen bisher einzigen Bestseller-Autor dazu verdammt, Neues auf den Markt zu werfen. So greift der geforderte Autor in die Ablage und zaubert einige halbgare Texte hervor, um sein Publikum zu beglücken. Er nennt sie »persönlich«. Alle, die seine Texte kennen, meint Bernemann, hielten ihn für einen Depressiven, manisch Fingernägel kauenden und ewig beunruhigten Alptraumtänzer, einen weit draußen Stehenden, der so far out of space zu sein scheint, dass er »nur an Weltraumbahnhöfen verweltreist«. Tatsächlich will er ein »Kopfkrieg-Youth« sein. »Ich bin ein Modeschmuckgeschäft, in dem es lediglich Assoziationsketten gibt«, brüllt er die Alleen entlang, wenn er zwischen Leipzig, Herne und Trier auf die Suche nach dem Leser geht.

Zum Beweis publiziert er einige kurze Geschichten im Genre Fuckrockblutkotzeliteratur. Das Material füllt kein Buch, Bernemann greift zur Technik, die er schon in seinem Erstling »Ich hab die Unschuld kotzen sehen« anwandte: er schiebt dreißig Seiten Gedichte und Songtexte ein, die er »lyrische Manifeste« nennt. Und tatsächlich: mehr als Assoziationsketten bietet er nicht.

Seiner Zielgruppe, der »schwarzen« Subkultur im Rahmen der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung, mag das vielleicht genügen. Mit Hilfe eines Lektors, der sein Potential fordert, könnte aus ihm jedoch deutlich mehr werden. Geschichten wie »Der Campingstuhl« jedenfalls zeigen das literarische Vermögen des Autors: ein 18jähriges Mädchen zieht mit einem frisch erworbenen Sitzmöbel auf ein wildes Rockfestival und definiert sich darüber. Auf diesem Klappstuhl sitzt sie als ultimativ Gerockte und betrachtet das Universum, das sich ihr bald in Form von Bier, Schnaps, Haschisch und fröhlichen Freiern vorstellt und findet sich dabei maximal cool und extravagant.

Die eindrucksvolle Beschreibung der Fete rund um das Klappmöbel beweist auch, dass sich im Selbstverständnis junger Leute und ihrer Erlebniswelt in den zurück liegenden 30 Jahren wenig geändert hat und auch die Subkultur immer noch in ihrem Wesen beständig ist. Insofern ist die Lektüre dieses literarischen Kleinods auch für die Altersgruppe 30+ durchaus geeignet. Ob eine Story allerdings genügt, das Buch zu kaufen, mag jeder selbst entscheiden.


Genre: Underground
Illustrated by Ubooks Diedorf

Hä??

Eine aufgebitchte Atze mit Achselkatze, Arschkordel und Arschvignette säuft Dackelwichse am Glutamat-Palast, während ihr Bonsaikeimling vor einem Komposthaufen herum bounct, statt zum Brettergymnasium zu gehen. Da überreicht ihr ein bratziger Hunger-Harry im Asselanzug mit Butterkopf, der frisch aus der Fantafarm kommt, einen Heuchlerbesen …

Keine Peilung, Alter?

Wieder mal nix gerafft?

Dann wird es Zeit für die Anschaffung eines Lexikons der Jugendsprache, das der Verlag Langenscheidt soeben heraus gebracht hat.

500 Wörter und Sprüche aus der deutschen Jugendsprache wurden zusammen getragen und gleich noch ins britische und amerikanische Englisch, ins Italienische, Spanische und Französische übersetzt. Nachdem gerade die »Gammelfleischparty« als Vergnügung der Über-30jährigen zum Jugendwort des Jahres 2008 ernannt wurde, kommt dieses kleine Büchlein gerade recht.

Wer es braucht? Nun, vielleicht derjenige, der das obige Textbeispiel übersetzen möchte.

Und das bedeuten die mit Hilfe des Lexikons verfassten Eingangszeilen auf Hochdeutsch:

Eine aufgetakelte Frau mit starker Achselbehaarung, Stringtanga und Steisstattoo trinkt Eierlikör am Schnellimbiss, während ihr Kind vor einem Bioladen herum springt, statt die Sonderschule zu besuchen. Da überreicht ihr ein dümmlich wirkender magerer Mann im Trainingsanzug mit angeklatschten Haaren, der gerade aus der Entziehungsklinik kommt, einen Blumenstrauß …


Genre: Wörterbücher
Illustrated by Langenscheidt Berlin