Verwirrspiel um Wahrheit und Dichtung
Vom hoch gelobten Schriftsteller Ingo Schulze wurde mit «Das Wasser im August» kürzlich ein neuer Roman veröffentlicht, der auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises gewählt wurde. Dessen in zwei Ebenen erzählter Plot ist unverkennbar autobiografisch inspiriert. In der Rahmenhandlung wird davon erzählt, wie ein älterer Schriftsteller 2025 zu einer privaten Lesung nach Mecklenburg fährt, um dort aus einer noch unvollendeten Novelle vorzulesen. Der Text dieser Novelle bildet die innere Ebene dieses Romans, die zeitlich in der Jugend des Schriftstellers angesiedelt ist, der damals einen Sommer am Tollensesee verbracht hat. Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven heraus behandelt Ingo Schulze als Alter Ego seines Protagonisten im zeitlichen Abstand von mehr als vier Jahrzehnten Fragen über Liebe und Illusionen, über Ansprüche und Hoffnungen.
Auf Einladung der Frau seines ehemaligen Schulfreundes Manfred, die ihrem Mann damit zum Geburtstag eine Freude machen will, reist der namenlose Ich-Erzähler zu einer Lesung in einem Hotel an der mecklenburgischen Seenplatte. Er hatte sich einst mit ihm überworfen, weil Manfred ihn bei der Stasi denunziert hat. Nun ist er ein erfolgreicher Schriftsteller und soll einiges aus seiner noch unvollendeten Novelle vorlesen. Er reist mit seinem betagten Auto an, das dann unterwegs, nach dem Tanken, prompt den Dienst versagt und nicht mehr anspringt. Da kurzfristige Hilfe nicht möglich ist, bietet ihm ein anderer Autofahrer spontan an, ihn zum Hotel zu fahren, er sei an der Lesung interessiert und werde dann auch dort bleiben. Im Wechsel mit dieser Außenhandlung werden immer wieder die Abschnitte aus der Lesung eingebaut, die der Autor vorliest. Der Aufenthalt seines Protagonisten von 1979 sollte dem damals 16jährigen Jochen dort die Gelegenheit bieten, sich ganz in Ruhe und ungestört seinem Schreiben widmen zu können. Er war bei einem Künstlerehepaar untergekommen und hat dort die deutlich ältere Sonja kennen und lieben gelernt. Es war ein Sommer, der ihn nicht nur durch die Liebe, sondern auch durch lebhafte politische Diskussionen und zwischen-menschliche Konflikte stark geprägt hat, zu denen auch das Leben in der DDR gehört hat. Er fühlte sich damals als Schriftsteller erstmals wirklich ernst genommen.
Im Publikum der Lesung sitzen auch einige seiner damaligen Weggenossen, die nun natürlich in der Lage sind, in den jeweils anschließenden Diskussionen die Erzählung der Novelle und die Realität miteinander vergleichen können – und auch lebhaft davon Gebrauch machen. Insbesondere ist es Angelika, die ihn dabei verunsichert, sie spielt dann auch im weiteren Verlauf der Novelle eine wichtige Rolle. Ingo Schulze behält sich hier mit einem Augenzwinkern vor, die Erwartungen des Lesers zu unterlaufen, selbstbewusst die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion mit der künstlerischen Freiheit des Autors als Stilmittel zu begründen. Verschmitzt weist ja schon das dem Roman vorangestellte Motto aus Peter Esterhàzys «Harmonia Caelestis» genau darauf hin: «Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt».
Aus dem lebensecht gezeichneten Figuren-Ensemble heben sich sowohl der Ich-Erzähler des Romans als auch Jochen, der Protagonist der eingebetteten Novelle, als menschlich ziemlich hölzerne Charaktere heraus, zu denen man nur wenig Empathie entwickeln kann als Leser. Neben den Verweisen auf russische Autoren finden sich auch viele Reflexionen über das Schreiben an sich. Beim Erzählen der Coming-of-Age-Geschichte in der Novelle machen sich einige Längen störend bemerkbar, auch Landschafts-Beschreibungen wirken in der soundsovielten Wiederholung irgendwann nur noch lästig. Das nicht immer leicht durchschaubare Verwirrspiel um Wahrheit und Dichtung setzt jedenfalls erhöhte Wachsamkeit voraus bei der Lektüre. Inwieweit aber hier das Prinzip des unzuverlässigen Erzählers bereichernd ist, das kann und muss jeder Leser für sich selbst entscheiden!
Fazit: mäßig
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