Surreale Enttäuschung
Der Debütroman «King Cobra» des ungarisch-deutschen Schriftstellers Muri Darida stellt einen Ausflug in eine ungarische Familien-Geschichte dar, deren Protagonist Lazi sich darin, einer sich häutenden Schlange ähnlich, gleichzeitig wieder finden und neu erfinden muss. Das Buch wurde für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, wo traditionell meistens auch das eine oder andere Werk aufgenommen wird, das sich vor allem durch sprachliche Innovation von konventionell erzählender Belletristik abhebt. Der vorliegende, avantgardistische Roman mit seiner sprach-experimentellen Erzählweise scheint dieses Jahr der Repräsentant das juryübliche Auswahl-Kriterium gewesen zu sein.
Der etwa zwanzigjährige Lazi reist von Berlin aus in sein ungarisches Heimatdorf Őzbarna, das großväterlichen Jagdgewehr soll ihm dienen bei seinem geplanten Rachefeldzug dort. Ein Trauma aus frühester Jugend, das er wegen des Missbrauchs durch einen Blutsverwandten damals erlitten hat, konnte in der anschließenden psychologischen Therapie nicht überwunden werden, nun soll es eben jetzt, durch eiskalte Rache, endlich überwunden werden. Denn nur so, da ist sich Lazi sicher, lassen sich die dauernden Alpträume beseitigen, unter denen er, auch heute noch, sehr leidet. Im Buch heißt es dazu: «In der Behandlung hatte Lazi alles durchgekaut, runtergeschluckt, ausgewürgt und wieder gegessen, mit geschlossenen Augen in der Ich-Form und im Präsens und dann, so sagte Frau Wagner, war alles schön an seinen Platz gerückt, in den Hippocampus. Lazi wollte nicht mehr sterben, sondern töten». So ohne weiteres kommt er dann aber doch nicht an das Gewehr, es gibt familiäre Streitigkeiten um das großväterliche Erbe, und auch rund um das Gewehr tun sich Konflikte auf. Schließlich bringt ihm wenigstens seine Großtante Zsófi bei, mit einem Luftgewehr zu schießen. [Lazi] «legte das rechte Ohr über das Gewehr wie über ein Telefon, ließ es von Zsófi in Position rücken, schob den Blick über die Kimme bis zum Korn, schob ein ‹Bazzeg› (Fuck it) durch die Zähne und schoss. Spürte den Wumms erst in der Brust, dann im Kopf. Ein Donnern wie aus einem fernen Universum, ein Riss im Herzen und dann im Trommelfell. Aztakurva! (dt. Heilige Scheiße)».
In Budapest verliebt er sich in die Kellnerin Kinga. «Auf dem Weg nach draußen hörte Lazi einen Korken ploppen, Kinga singen ‹I’ve fallen in love for the first time›, und das hysterische Kreischen der Kaffeemaschine. This time I know it’s for real: Die Fähnchen auf der Theke, das DJ-Pult, die toten und unsterblichen Stars in den Bilderrahmen. Freddie Mercury, der gerade von Ava Max mit Sweet but Psycho abgelöst würde: alles frühe Vergangenheit, die in Lazis Gegenwart gehörte. Da war er, der Unterschied zu Őzbarna. Dort war alles Gegenwart, die in die Vergangenheit gehörte. […] Und hier, in Budapest, da lag eine Gegenwart, die auf keiner Vergangenheit fußte, sondern von einer Zukunft gezogen wurde». Zeitweilig vergisst er darüber sogar seine Rachepläne und überlegt, vielleicht doch lieber einen Film zu drehen, um den Großvater vor aller Augen auf seiner Geburtstagsfeier damit bloßzustellen.
Die lockere, geradezu subversiv uneindeutige Sprache, die der Autor für seine Erzählung gewählt hat, passt stimmungsmäßig so gar nicht zu dem tragischen Geschehen, über das da berichtet wird. In geradezu absurder Weise wird hier die literarische Äquivalenz von Form und Inhalt negiert, Wut und Hass findet stilistisch in der fast kindlichen Diktion des Romans par tout keine Entsprechung, was während der Lektüre ziemlich verstörend wirkt. Mutmaßlich gewollt verbleibt der Autor in semantischer Mehrdeutigkeit, was dieses Buch zusammen mit seinem zwiespältig erscheinenden Plot zu einem wahrhaft surrealen Roman formt. Er dürfte damit die Erwartungen der Leserschaft eklatant enttäuschen. Das äußerst seltene, weil offensichtlich einmütige Ignorieren dieses irritierenden Romans in den für Literatur maßgeblichen deutschen Feuilletons bestätigt diese Einschätzung denn auch überdeutlich!
Fazit: miserabel
Meine Website: https://ortaia-forum.de