Die Zikade entschlüpft ihrer goldgelben Hülle

Ausbruch aus der eigenen Denkblase

Der lang erwartete Debütroman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Valeria Gordeev mit dem Titel «Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle» wurde dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gewählt. Der rätselhafte Titel leitet sich ab von einer der 36 Strategeme, Verhaltensregeln also, die als jahrtausende alte Weisheiten in China Schullektüre sind. Die unter der Erde lebende Larve der Zikade hat eine goldglänzende Hülle, die oberirdisch zu gefährlich wäre und von der geschlüpften Zikade zur Tarnung deshalb abgestreift wird. Die Autorin hat erklärt, was ihr außerdem für diesen im Hier und Jetzt angesiedelten Roman besonders wichtig war: «Das finde ich interessant, dass es Leute gibt, die ihre Lebenszeit tatsächlich als die Zeit begreifen, in der sie aktiv daran mitarbeiten können, dass ihr Leben eventuell nicht oder nicht so schnell endet. Und das ist ja auch ein Gegenpol zu dieser anderen starken Einflussgröße, die mit diesen aufkommenden faschistoiden Tendenzen überall zu spüren ist, diese Todesnähe, die damit immer einhergeht. Das war die Triebkraft, die mich bei diesem Buch interessiert hat». Leben und Tod sind demnach die Pole, um die ihre Geschichte kreist.

Das Geschwisterpaar Lada und Konstantin sind die Protagonisten dieses Romans, beide sind zweisprachig aufgewachsen. Eine instabile sprachliche Gemeinsamkeit allerdings, die im Text immer wieder auch lautmalerisch dadurch verdeutlicht wird, das deutsche Wörter in kyrillischen Buchstaben geschrieben sind und umgekehrt. Lada ist Film-Wissenschaftlerin in Berlin, lebt in prekären Verhältnissen und verdient Geld, indem sie für ihren ebenso vermögenden wie dubiosen russischen Patenonkel Botendienste übernimmt. In Moskau arbeitet Konstantin tief unter dem Lenin-Mausoleum in einem geheimen Forschungsinstitut, das sich im Auftrag des Onkels mit dem dubiosen Longevity-Projekt des schwerreichen Oligarchen beschäftigt. Dabei geht es dem Onkel um nichts Geringeres als um Möglichkeiten der Lebens-Verlängerung und letztendlich auch um die endgültige Überwindung des Todes.

Um diesen kreativ erdachten Handlungskern herum entwickelt die Autorin ein Geflecht von skurrilen Geschichten, die sich auch auf politische Ereignisse in Russland beziehen. Die Diktatur dort findet nämlich ein überraschendes Ende, als Präsident Putin bei einem Hubschrauber-Absturz stirbt. In Wahrheit sei sein Hubschrauber aber nur abgestürzt, weil der Diktator unbedingt einen Schneeleoparden habe füttern wollen. Als sein Nachfolger wird der zwölfjährige Akrobat Arkagij zum Präsidenten gewählt, der sich jedoch bei einem Friedensgipfel in Mexiko City sehr merkwürdig verhält. Was wilde Spekulationen auslöst, die in der These eskalieren, er könne eine Wiedergeburt eines Mitglieds der letzten Zarendynastie der Romanows sein. Es gibt immer wieder neue Nebenhandlungen im Plot dieses dickleibigen Romans, wie beispielsweise wiederholte, äußerst groteske Telefonate mit einer Pilzberatung, Überlegungen zu dem in aller Munde befindlichen Thema Künstliche Intelligenz, die Möglichkeiten humanoider Maschinen oder die Forschungen an lebensverlängernden Medikamenten.

Die alles andere als klassische, fragmentierte Erzählweise dieses Gegenwart-Romans stellt ein kaum überschaubares Handlungs-Geflecht dar, das nicht nur volle Aufmerksamkeit erfordert bei der Lektüre, sondern mit seinen ständigen Abschweifungen und Perspektiv-Wechseln den Leser manchmal auch ins Leere führt. Die Autorin hat dazu erklärt: «Weil für mich die Frage, wie man diese Gegenwart verhandeln kann, so wichtig war, dass das auch gar nicht anders geht als über das Zulassen verschiedener Stimmen und Perspektiven. Es ist ja auch so, dass diese Solo-Perspektive der eigenen Blase das einfach nicht abbildet. Dass ich wirklich auch zugrunde gehe, wenn ich immer in der Enge meiner eigenen Perspektive bleiben muss». Zum Lesegenuss trägt vor allem der brillante Stil bei, in dem all diese ebenso phantasievollen wie amüsanten Episoden geschrieben sind, die sich letztendlich zudem auch noch als sehr bereichernd erweisen!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
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