
Krimi der anderen Art: Das Schicksal von Mary Rose
Die Wiederentdeckung eines Romans, der noch aus einer Zeit stammt, als es eines der größten Vergnügen war, sich im Pub einen hinter die Binde zu kippen. Rowan Anderson tut dies fast jeden Tag: mit Whisky. “Domestic Noir” nennt man die vorliegende Krimigattung in der es hauptsächlich um die Gewalt geht, die sich Familienmitglieder gegenseitig antun…
Spuren eines Verbrechens
Caroline Blackwood erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive des Mannes, der einer Frau, Cressida, die er nicht liebt, ein Kind gemacht hat. Eigentlich war es nur ein Ausrutscher, da er ohnehin schon eine Freundin hatte, Gloria, aber Cressida war eben gerade verfügbar und irgendwie hatte sie ihn ja reingelegt, denn sie war noch Jungfrau. Dass sie von Sex schwanger wird hätte sie dennoch wissen müssen und deswegen vermutet er eine Absicht dahinter. Ob er sich deswegen jeden Abend betrinken muss bleibt unklar, denn als Historiker hat er eigentlich ohnehin genug um die Ohren und seine Arbeit befriedigt ihn auch. Dennoch ließ er sich breitschlagen Cressida und ihrer gemeinsamen Tochter Mary Rose ein Cottage im Speckgürtel von London zu kaufen. Er übernachtet ab und zu dort, hat aber keine Beziehung zur Tochter oder ihrer Mutter. Sie kocht für ihn, aber es gibt keine Gefühle. Die holt er sich bei Gloria, bis diese mit ihm Schluss macht. Als in der Nachbarschaft des genannten Cottage ein kleines Mädchen ermordet aufgefunden wird, beginnt Cressida ihre Obsorge für Mary Rose zu übertreiben und Rowan beginnt sich ernsthaft Sorgen um sie zu machen. Er entwickelt erstmals Vatergefühle und schmiedet mit der Nachbarin von Cressida und seiner Sekretärin ein Komplett, um Mary Rose von ihrer besitzergreifenden Mutter zu befreien. Aber macht er sich damit nicht selbst verdächtig?
Paranoia und Klassismus
Die Autorin Caroline Blackwood, Erbin des Guinness Vermögens und schillernde Figur der Londoner Bohème, erzählt in einem erschütternden, kühlen Ton von einer Beziehung zwischen Mann und Frau, wie man sie sich selbst nicht vorstellen möchte. Das vermeintliche Idyll einer intakten Familie wird auf den Kopf gestellt, denn zwischen Cressida und Rowan läuft alles so richtig falsch. Aber es gibt einen Hinweis im Roman, warum Cressida so ist wie sie ist und damit wird ein Tabuthema angesprochen, das nicht nur in England, sondern auch in den USA sich ungebrochen durch die Literaturgeschichte zieht: Klasse. Auch wenn Rowan an und für sich nichts falsch macht und wie ein Schiffbrüchiger in ein Verhältnis mit Cressida stolpert ist ihm doch der Vorwurf zu machen, warum er das überhaupt tut. Kann ihn der Alkohol entschuldigen? Blackwood beschreibt ein bekanntes Stereotyp, ein Mann der von einer Frau “reingelegt” wird, aus der Perspektive des Mannes so hautnah, dass man beinahe Mitleid mit ihm bekommt, denn eigentlich will er ja auch nur das Kind, Mary Rose, vor ihrer Mutter retten. Aber wo liegt die Grenze zwischen ehrlicher Fürsorge und obsessivem Besitzdenken? Ab wann wird Schutz zu Paranoia? Caroline Blackwood findet Antworten, die vielleicht nicht allen gefallen werden.
Hautnahe Erfahrung: domestic noir
Caroline Blackwood war mit dem Maler Lucian Freud, dem Komponisten Israel Citkowitz und dem Dichter Robert Lowell verheiratet. Mit “The Fate of Mary Rose” schrieb sie einen Psychothriller der Extraklasse, der weniger auf das Verbrechen selbst fokussiert – das sich ohnehin in einer anderen Familie ereignet – sondern vielmehr ganz im Sinne des “Domestic Noir” beobachtet, was es mit dem Umfeld macht und wie sich andere Familien verhalten, wenn ein so furchtbares Verbrechen in ihrer Nachbarschaft geschieht. Bereits existierende Traumata werden reaktiviert und wachsen sich zu einer psychischen Paranoia aus in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Der wahre Noir liegt ohnehin in den Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, egal ob sie Familie sein wollen oder sind. Nichts für schwache Nerven!
Caroline Blackwood
Das Schicksal von Mary Rose. Roman
Originaltitel: The Fate of Mary Rose
Aus dem Englischen von Claudia Voit
2026/1981, 2.Auflage, fester Einband mit Schutzumschlag, 284 Seiten
ISBN: 978-3-458-64623-5
Insel Suhrkamp Verlag
24,00 €
