Trost

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Thematisch dreht sich «Trost», der im Jahre 2022 angesiedelte, neue Roman von Angelika Klüssendorf um eine Patchwork-Familie in Dauerkrise, er ist der fünfte aus ihrem Œuvre. Darin erzählt sie aus wechselnden Perspektiven von Liebe, Zugehörigkeit, Freundschaft, Entzweiung und Enttäuschung, einem Leben voller ungelöster Probleme, oder, wie eine Krankenschwester es an einer Stelle im Roman lapidar ausdrückt: «Manchmal ist das Leben einfach nur anstrengend». Im Mittelpunkt all dieser «Anstrengungen» steht Rita, eine Schriftstellerin Mitte sechzig, die seit mehr als zehn Jahren mit dem falschen Mann liiert ist, was sie zwar schon lange ahnt, was ihr aber, seit kurzem erst, inzwischen zur Gewissheit geworden ist. «Es ist ein stilles Aushalten, das sich über Jahre in diese Beziehung eingeschlichen hat, die einmal Liebe war. Der Alltag mit seinen Unaufmerksamkeiten und kleinen Vertrauensbrüchen hat die Beziehung nach und nach erodieren lassen«, heißt es zu der schleichenden Entzweiung der Beiden.

Obwohl Ritas Tod schon auf Seite 45 feststeht, bleibt sie nach einem Insektenstich und der davon ausgelösten, tödlich endenden, allergischen Reaktion auch im Dauerkoma in der Klinik, der thematische Mittelpunkt. Rita hat auf ihrem alten Bauernhof in Brandenburg, ihrem Refugium, gerade erst ein desaströses Weihnachtsfest hinter sich gebracht. Wie es um sie steht, zeigt gleich zu Beginn eine Szene an einem Januarmorgen. Nach gemütlichem Frühstück -ganz allein am Küchentisch, wie sie es liebt – geht sie ihre geliebten Eulenbarthühner füttern. «Sie öffnet die Haustür, das Draußen erschreckend real. Da steht sie in ihrem Morgenmantel, als hätte sie schon immer dagestanden, so hell ist es, wie in einem überbelichteten Bild. Der Mond allerdings wie wegradiert. Sie geht in die Knie, versucht zu schreien, doch es gelingt ihr nicht, und selbst wenn, wer würde sie hören»? Später fliegt ihr dann auf tragische Weise ein Insekt direkt in die Kehle.

Von nun an wechselt die Erzählperspektive in einem vielfältigen Beziehungsgeflecht, dessen Figuren eng miteinander verknüpft sind. Rita ist seit zehn Jahren mit dem 67jährigen, ehemaligen Musiklehrer Joachim liiert, der in Berlin wohnt und ab jetzt eine der folgenden beiden Erzähl-Instanzen bildet. Nach Ritas tragischem Unfall beginnt er eine Liaison mit der vierzigjährigen Schwester von Ritas Grundstücks-Nachbarn, die dann zu Joachims Entsetzen auch prompt noch schwanger wird von ihm. Joachims Tochter Jane wiederum, die kurz vor dem Abitur steht, ist dann die zweite Figur, aus deren Perspektive berichtet wird. Sie ist eng mit Rita verbunden, die ihr als Vorbild und wichtigste Bezugsperson besonders nahe steht. Zusammen mit dem drogen-süchtigen Bruder von Jane und dessen patenter Frau verkörpern die jungen Leute und ihre Freunde eine ostdeutsche Nachwende-Boheme. Jane stößt bei der Suche nach Autonomie auf die typischen Nöte einer Heranwachsenden, leidet unter der Ignoranz ihrer fernseh-süchtigen Mutter und einer beschämenden Zurückweisung durch ihre beste Freundin. Restlos überfordert verlässt sie schließlich ziel- und orientierungslos das Gymnasium noch vor dem Abitur.

Bei all dem wechselhaften Geschehen, von dem in diesem Plot in vielen Rückblenden berichtet wird, bleibt Rita stets im Mittelpunkt der Erzählung, ihr ausgeglichenes Wesen wirkt auch im Koma noch auf all die Figuren ein, mit denen sie eng verbunden war. Der titelgebende «Trost» entsteht im Roman nur im Kleinen, wenn Jane zum Beispiel an Ritas Krankenbett sitzt und ihre Hand streichelt, oder wenn Ritas Nachbar sich wie selbstverständlich um ihre geliebten Hühner kümmert. Am Schluss heißt es dazu: «Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe». Na bitte, die Hoffnung stirbt zuletzt! Mit ihren eher schwermütigen Themen ist Angelika Klüssendorf im aktuellen Kanon leicht verdaulicher, Buchpreis prämierter Wohlfühl-Romane jedenfalls eindeutig unterbewertet, aber auch da hilft bekanntlich – Trost!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

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