Orca

Überambitioniert und voller Stereotypen

Der dritte Roman von Franziska Gänsler trägt den kryptischen Titel «Orca» und wurde beim diesjährigen Deutschen Buchpreis auf die Shortlist gewählt. Darin wird, in wechselnden Zeitebenen, multithematisch über gewaltsamen Umweltaktivismus, soziale Ungerechtigkeiten und instabile Freundschaften zwischen jungen Frauen erzählt, zeitlich ist der Plot im Sommer während der Hochphase der Corona-Pandemie angesiedelt. Das Echo in den Feuilletons und den Online-Kommentaren der Leserschaft ist recht zwiespältig, es reicht bei den Kritiker-Profis von verhaltenem Lob bis zum gnadenlosen Verriss. Bleibt die Frage: Ist der Platz auf der Shortlist berechtigt oder nicht?

Die Ich-Erzählerin Cora arbeitet an der Fleischtheke in einem Supermarkt. «Als Olympia festgenommen wird, bin ich bei der Arbeit», lautet der erste Satz. Als ehemalige Freundinnen aus Kindertagen treffen sich die Beiden Jahre später zufällig auf dem Parkplatz des Supermarktes wieder. In Rückblenden wird erzählt, dass Cora, die aus bescheidenen Verhältnissen stammt und deshalb oft gedemütigt wurde, als äußerst fleißige und intelligente Schülerin ein Stipendium für einen Studienplatz an der Sorbonne oder in Cambridge angestrebt habe. «Sie hat es geschafft, über Referenzen in ein System zu kommen, in dem ihre Schulgebühren übernommen werden», heißt es im Roman. Daraus wurde nichts, und nun trifft sie auf dem Supermarkt-Parkplatz zufällig Olympia wieder, eine Freundin aus Kindertagen, die vor Jahren weggezogen war und nun wieder zurückgekommen ist. Deren selbstbewusste unerschrockene Art imponiert Cora, sie nimmt sich ein Vorbild an ihr. Ein halbtotes Kaninchen, das sie im Rasen finden, erlöst Olympia ohne Zögern mit einem beherzten Steinschlag. Mit diesem Auftakt ist das Verhältnis der Beiden gleich deutlich gesetzt: Olympia ist der spontane, skrupellose Tatmensch, Cora die eher zaghafte, schüchterne Beobachterin.

Als die Beiden zufällig auf eine Gruppe von Klima-Aktivisten treffen – ähnlich «Fridays for Future» oder «Letzte Generation» -, beginnen sie sich langsam zu radikalisieren. Wobei Cora sich Anerkennung davon erhofft, bei Olympia ist eine nicht definierte, aber latente Wut das eigentliche Motiv. Die Autorin verknüpft genau beobachtend ihre Themen Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Radikalisierung, Gewalt und die Suche nach eigener Authentizität miteinander, wobei hier unverkennbar auch die Detailfreude eines schreibenden Nerds eine Rolle spielt. Indem sie ihrer Protagonistin den Job an der Fleischtheke gibt, provoziert sie bewusst Vegetarier und Veganer und erspart sich damit einen thematisch nahe liegenden Nebenschauplatz. «Wie kann man eigentlich über so eine jugendliche Politisierung oder auch Radikalisierung schreiben im Klimakontext, der nicht sofort abgelehnt wird oder wo nicht sofort so ein genervtes ‹oh, zu woke, zu sehr Gutmenschen› als Reaktion kommt?» hat sie erklärt. Ihre Figur der Cora ist als illoyal angelegt, wobei sie auch viele Grenzen überschreitet. In der Beziehung der Beiden vermischen sich hier Freundschaft, Romantik, aber auch erotische Motive miteinander.

Das in diesem Coming of Age Thriller beschriebene Szenario eines schwulen Preppers, der seine Villa für den zivilisatorischen Ernstfall hergerichtet hat, und die scheinbar unaufhaltbare Klimakatastrophe bilden als Menetekel den thematischen Hintergrund dieses Romans. Stilistisch schlicht berichtet die Autorin – mit einer Überfülle von oft sinnlosen Details – über die jugendlichen Aktivisten unserer Zeit. Dabei strotzt ihr Text nur so von Schlagworten im Jugendsprech und mit Stereotypen einer aktuellen Teenie-Szene, deren wahre Atmosphäre sie letztendlich aber doch nicht zu erzeugen vermag. Der Plot bleibt weitgehend spannungslos, denn vieles ist bereits deutlich vorgezeichnet oder bleibt dem Nicht-Nerd und/oder Nicht-Teen als Leser unverständlich. Insofern ist die Auszeichnung als Shortlist-Roman ebenso unverständlich wie das Loblied der New York Times auf dem Buchumschlag!

Fazit:   mäßig

Meine Website: https://ortaia-forum.de


Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich