Wenn einem auf der Suche nach einem neuen Buch auf die Schnelle nichts anderes einfällt und man einfach gut und leicht unterhalten werden möchte, liegt der Griff zu einem Ken-Follett-Roman nahe. Seine Geschichten sind leicht verdaulich, spannend und verlangen dem Leser keine besonderen intellektuellen Anstrengungen ab. Ein Ken Follett geht auch noch am Abend nach einem langen Arbeitstag. Selbst im Halbschlaf verliert man den Faden nicht und weiß am nächsten Morgen noch ziemlich genau, wo man am Vorabend stehen geblieben ist.
Damit hat es der britische Bestsellerautor erstaunlich weit gebracht. Ken Follett gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Welt. Seine inzwischen fast 40 Bücher wurden in ebenso viele Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 200 Millionen Mal verkauft. Sein wohl berühmtestes Werk ist der 1989 erschienene historische Roman „Die Säulen der Erde“, der sich über Jahre in den deutschen Bestsellerlisten hielt und 2004 bei einer ZDF-Umfrage sogar auf Platz drei der beliebtesten Bücher der Deutschen landete. Vor ihm rangierten nur Tolkiens „Der Herr der Ringe“ und die Bibel. Eine bemerkenswerte Gesellschaft.
Die Geschichte von „Die Brücken der Freiheit“ ist eigentlich schnell erzählt. Im Schottland des 18. Jahrhunderts wächst der junge Bergarbeiter Mack McAsh in einer Gesellschaft auf, in der die feudalen Grundherren ihre Arbeiter wie Leibeigene behandeln. Die Besitzer der Kohlegruben verfügen nahezu uneingeschränkt über deren Leben, und von Menschenwürde oder gar persönlicher Freiheit kann kaum die Rede sein. Mack, intelligent, aufmüpfig und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet, will sich damit nicht abfinden. Er flieht nach London, nur um dort festzustellen, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse zwar andere Formen angenommen haben, die Ausbeutung der einfachen Menschen aber keineswegs geringer geworden ist.
Schließlich gerät er als verurteilter Aufrührer auf ein Gefangenenschiff nach Virginia, in die amerikanischen Kolonien der britischen Krone. Dort erwartet ihn erneut ein Leben in Unfreiheit. Parallel dazu entwickelt sich seine Liebesgeschichte mit der adeligen Lizzie Jamisson, einer für ihre Zeit ungewöhnlich selbstbewussten Frau, deren Lebensweg sich immer wieder mit dem seinen kreuzt. Dass die beiden aus denkbar unterschiedlichen gesellschaftlichen Welten stammen, liefert reichlich Stoff für Konflikte, Intrigen, dramatische Verwicklungen und natürlich auch für zahlreiche erotische Begegnungen. Gerade letztere haben bei Follett einen hohen Stellenwert und stellen mit ihrer relativ detaillierten Ausmalung sogar einen nicht unwesentlichen Teil seiner Erzählung dar. Wie das alles am Ende ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Allerdings dürfte es selbst einem wenig geübten Follett-Leser nicht allzu schwerfallen, eine ziemlich zutreffende Vermutung anzustellen.
Denn Ken Follett gehört zu jenen Autoren, bei denen man den Verlauf einer Geschichte häufig schon recht früh erahnt. Seine Romane sind vor allem handlungsgetrieben. Es geschieht ständig etwas, die Guten sind überwiegend gut, die Bösen zuverlässig böse, und wenn sich ein neuer Konflikt abzeichnet, kann man ziemlich sicher sein, dass er nicht lange auf seine dramatische Zuspitzung warten lässt. Literarisch ist das handwerklich eher überschaubar, funktioniert aber offensichtlich hervorragend. Follett versteht es, seine Leser bei der Stange zu halten, auch wenn die Überraschungen weniger überraschend ausfallen, als der Autor vermutlich intendiert.
Bemerkenswert ist dabei, dass Follett nach seinem Schulabschluss immerhin Philosophie am University College London studiert hat. Viel davon ist in diesem Roman allerdings nicht zu spüren. Und wenn sich irgendwo philosophischer Tiefgang verbirgt, dann hat ihn der Autor ausgesprochen gut versteckt. Natürlich berührt die Geschichte durchaus gewichtige Themen: die Frage nach individueller Freiheit, die Willkür feudaler Herrschaft, die Macht des Geldes und die patriarchalen Strukturen einer Gesellschaft, in der despotische Familienoberhäupter über das Schicksal ihrer Angehörigen bestimmen. Aber Follett nutzt diese Themen weniger zur vertieften Auseinandersetzung als vielmehr als Kulisse für seine Abenteuerhandlung.
Ähnliches gilt für die Frauenrollen. Abgesehen von der rebellischen Lizzie bleiben die meisten weiblichen Figuren in traditionellen gesellschaftlichen Mustern gefangen. Nach außen untergeordnet und den männlichen Autoritäten verpflichtet, ziehen sie im Hintergrund nicht selten geschickt die Fäden, intrigieren und versuchen auf indirektem Wege Einfluss auszuüben. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit diesen patriarchalen Verhältnissen findet kaum statt.
Eine gewisse Stärke liegt eher woanders. Die Schilderungen der schottischen Bergwerke, der sozialen Verhältnisse im London des 18. Jahrhunderts und insbesondere der kolonialen Ausbeutung in Nordamerika vermitteln durchaus interessante historische Einblicke. Follett versteht es, Geschichte anschaulich und unterhaltsam zu machen, ohne den Leser mit allzu vielen historischen oder gesellschaftspolitischen Reflexionen zu belästigen. So entsteht am Ende eine eigentümliche Mischung aus Charles Dickens und Bonanza.
Interessant ist ganz nebenbei auch die Art, wie Ken Follett seine Bücher produziert. Für seine aufwendigen historischen Romane greift er auf einen umfangreichen Mitarbeiter- und Rechercheapparat zurück, durch den historische Hintergründe recherchiert, Schauplätze überprüft und Fakten zusammengetragen werden. Ob und in welchem Umfang darüber hinaus auch Textvorarbeiten entstehen, ist von außen kaum zu beurteilen. Aber angesichts der heutigen Diskussionen über künstliche Intelligenz drängt sich eine durchaus reizvolle Frage auf: Ist Ken Follett mit seiner arbeitsteiligen Romanproduktion womöglich schon seit Langem ein Vorreiter jener KI-assistierten Literatur, über die heute so heftig diskutiert wird? Nur dass bei ihm bislang Menschen die Aufgaben übernehmen, die künftig möglicherweise eine KI erledigt, die der Autor hier wie dort aber partiell nicht selbst leistet.
Wie auch immer: „Die Brücken der Freiheit“ ist ein unterhaltsamer, historisch durchaus interessanter Abenteuerroman, der keine großen literarischen Ansprüche erhebt und auch keine erfüllen muss. Wer tiefgründige Charakterstudien, überraschende Wendungen oder philosophische Erkenntnisse sucht, wird anderswo besser bedient. Wer dagegen einfach ein paar Stunden in eine andere Zeit eintauchen und sich von einer flott erzählten Geschichte mitnehmen lassen möchte, liegt bei Ken Follett ziemlich richtig. Selbst nach einem langen Arbeitstag. Und notfalls auch noch im Halbschlaf.
