Traumziel Buch und wie Sie es erreichen

Setzen sich drei bekannte Namen der Verlagsszene zusammen, um den gefühlt 300. Ratgeber für Autoren zu schreiben, die auf der Suche nach einem Verlag sind, dann darf der interessierte Leser Großes erwarten. Wolfgang Ehrhardt Heinold zählt zum Urgestein des deutschen Verlagswesen und ist als Fachautor durch seine Werke “Bücher und Büchermacher” sowie “Bücher und Buchhändler” einschlägig bekannt. Martin Julius Bock wirkt als Unternehmensberater für Verlage und hat zahlreiche Verlagsverkäufe initiiert und begleitet. Prof. Dr. Peter Lutz ist Verfasser des Standardwerks “Grundriss des Urheberrechts” und als Jurist kompetent in allen Fragen rund um den Verlagsvertrag.

Die drei Autoren verstehen ihr Gemeinschaftswerk “Traumziel Buch und wie Sie es erreichen können” als Workout, das den Autor fit machen will für den Weg vom Manuskript zum eigenen Buch. Ihr Fitnesse-Studio untergliedern sie in 24 Trainingsstunden.

Interessanterweise startet der Parcours nicht mit einer Bestandsaufnahme der Autorenszene in Deutschland oder des Verhältnisses von eingesandten zu veröffentlichten Manuskripten, also dem Vergleich von Traum und Wirklichkeit. Die Autoren unterstellen vielmehr, dass für viele Menschen das Buch ein Traumziel ist, das es zu erreichen gilt. Sie untermauern dies mit einem Abriß der Kinderbuchautorin Heidemarie Brosche, die ihren Traum vom Büchermachen schildert. Sofort danach geht das Trio in die Vollen, damit sich die Türen für den Buchmarkt für diejenigen Leser öffnen, die ein abgeschlossenes Manuskript in Händen halten.

Nach einem Chrashkurs Urheberrecht werden grundlegende Kenntnisse über die unterschiedichen Verlagstypen unter dem Aspekt vermittelt, was ein Autor von ihnen jeweils erwarten kann. Es werden die Unterschiede zwischen Push- und Pull-Marketing und die Werkzeuge des Buchvertriebs dargestellt sowie die Funktionsweise des Buchhandels erläutert. Gewicht wird den vier verlegerischen Hauptgeboten beigemessen: eindeutige Identifizierbarkeit von Unternehmen und Produkt, fehlerlose bibliografische Erfassung, zweifelsfreie Titelkennzeichnung und Teilnahme am buchhändlerischen Verkehr.

Zum Krafttraining bitten die Trainer den Leser, wenn es ums Geld geht. Ausführlich werden die verschiedenen Honorararten von Vorschüssen der Verlage über Druckkostenzuschüsse bis hin zum Selbstverlag dargestellt. Bei letzterem verwenden sie Zahlen aus Werbeprospekten der Libri-Tochter Book on demand, die Autoren u.a. 380 Euro Einnahmen aus Ausschüttungen der VG Wort versprechen. Hier hätte ein wenig Recherche schnell zu anderen Ergebnissen geführt.

Das gilt auch für die Bezugsgröße des Autorenhonorars in Höhe von zehn Prozent auf den um die gesetzliche Mehrwertsteuer bereinigten Ladenpreis eines Buches: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Autoren muss sich mit einem Honorar von sechs bis acht Prozent auf den Netto-Verlagsabgabepreis bescheiden – und der beträgt rund die Hälfte des Ladenpreises. Anspruch und Wirklichkeit sind unterschiedliche Seiten einer Medaille. Doch gerade an seiner Verankerung in der täglichen Realität misst sich letztlich der Wert eines Autoren-Ratgebers für denjenigen, der konkret damit arbeiten will.

Ob sich mit dem in dem Werk vermittelten Wissen tatsächlich die Pforten der Verlage für suchende Autoren öffnen, mag dahingestellt bleiben. Denn im Training wird nicht verraten, in welcher Präsentationsform der Verfasser sein Werk anbieten soll. Es werden weder Exposé, Klappentext noch Leseprobe trainiert, die doch die eigentlichen Türöffner sein sollten, bevor später im Erfolgsfall über Verträge verhandelt wird. Es gibt auch keine Hilfestellung gegeben, wie beispielsweise die richtigen Ansprechpartnern in Verlagen ermittelt werden können.

Konkret zielt die Veröffentlichung damit auf diejenigen, die bereits einen Verlag gefunden haben und mit diesem in konkreten Verhandlungen stehen. Für exakt diese Zielgruppe ist “Traumziel Buch und wie Sie es erreichen”ein hervorragendes Fachbuch, das fundierten Einblick in die Betriebswirtschaft von Verlagen gibt und kundig hilft, Verlags- und Agenturverträge en detail zu verstehen. Man könnte es auch als flüssig geschriebenes Lehrbuch für den angehenden Verlagskaufmann sehen, der dieses Wissen beherrschen sollte.

Aber: Es ist ein Anachronismus, dass dieses Trainingsbuch ein Jahr nach Einführung des Kindle in Deutschland erscheint, ohne die Beeinflussung der Szene durch die epochalen Entwicklungen der letzten Jahre auch nur im Ansatz zu spiegeln. Das Werk reduziert das Thema auf klassische Holzbücher und streift das Elektrobuch lediglich am Rande. Dabei ist absehbar, dass Digital Print nicht nur einholt, sondern sehr bald überholen wird. Schon die spannende Ausgangsfrage, was denn in der Nach-Gutenberg-Ära eigentlich ein Buch ist, wird ignoriert. Auch das vollkommen veränderte Leseverhalten durch die Einführung von iPad und E-Book-Lesegeräten bleibt ausgeblendet, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen.

Wir erleben derzeit den beginnenden Umbruch des Marktes, der weitreichende Folgen für alle Beteiligten im Verlagswesen haben wird. In 2011 haben sich immerhin mehr als 10.000 deutschsprachige Autoren entschlossen, ihre Werke direkt und ohne verlegerische Hilfe als Elekrobücher mittels Kindle Desktop Publishing (KDP) heraus zu geben. Autoren wie Jonas Winner haben aus dem Stand heraus Bestseller wie “Berlin Gothic” vorgelegt, von denen ohne einen Cent Werbeeinsatz 58.000 Exemplare verkauft wurden. Winner wurde übrigens inzwischen von Amazon weltweit unter Vertrag genommen, seine Bücher werden künftig auch in gedruckter Form über Amazons hauseigene Verlage erhältlich sein.

Begriffe wie Social Media, Social Communities, Blogs, Facebook, Twitter, LovelyBooks & Co bestimmen heute die Diskussion zwischen Autoren. Heinold, Bock und Lutz erwähnen dies nicht einmal. Damit hinken sie ähnlich wie die meisten deutschen Verlage der Entwicklung hinterher statt sich auf die Seite der Early Adoptors zu schlagen. Dabei findet derzeit ein Paradigmenwechsel ohnegleichen statt, denn das neue Medium ist sehr viel demokatischer und hebt die Gatekeeper-Rolle der Verleger, die ja in erster Linie pekunär und dann erst geschmacklich bestimmt ist, auf. Schließlich wird das Traumziel Buch damit auch sehr viel leichter erreichbar als es in der Gutenberg-Ära möglich war, auf die sich der Ratgeber reduziert.

Schon im Jahre Eins der Kindle-Zeitrechnung zeigte sich, dass die Welt der Bücher durch E-Books umbrochen und neu sortiert wird. Bedrucktes Papier wird zunehmend abgelöst von elektronischen Medien, die über das Internet empfangen werden. E-Paper und E-Books befreien das bislang auf Papier gefangene und in eine Linearität gepresste Wissen. Technik ermöglicht eine dynamische Wissensvermittlung, die zwar nicht völlig kostenlos, jedoch wesentlich preiswerter und vor allem sehr viel ökologischer erfolgt als bisher. Medienwissenschaftler sprechen bereits vom Untergang der durch den Erfinder des Buchdrucks im 15. Jahrhundert begründeten “Gutenberg-Galaxis”.
Wir erleben derzeit die Ära des selbstbestimmten Publizierens. Erstmals in der Geschichte des geschriebenen Wortes gewinnen Autoren: Sie können im Ergebnis der digitalen Revolution zensurfrei am Markt teilnehmen. Aus Bittstellern, die bislang an den Toren der etablierten Verlage kratzen und sich im Erfolgsfall deren geschmacklichen und ökonomischen Vorgaben anpassen mussten, sind über Nacht selbstbewusste Publizisten geworden. Autoren werden zu Herren ihres eigenen Schicksals und erlösen Tantiemen, die ihnen kein klassischer Buchverlag in dieser prozentualen Höhe bietet. Träume werden tatsächlich wahr.

E-Booker benötigen keine Agenten, Lektoren und Verleger. Sie kommen ohne die klassischen Torwächter eines vermeintlichen Zeitgeistes aus. Sie machen ihr eigenes Ding, über dessen späteren Erfolg die Leserschaft entscheidet. Die Stunde der verlagsunabhängigen Indie-Autoren (von independent = unabhängig) hat auch in deutschen Landen geschlagen. Autoren übernehmen von Verlagen einen Teil der Schlüsselgewalt. Einige Kommentatoren prophezeien sogar eine baldige Götterdämmerung der herkömmlichen Verlagswelt.

Was auch immer geschieht: Times are changing … und das sollte sich unbedingt auch in einem Autoren-Ratgeber aus dem Jahre 2012 spiegeln. In dieser Hinsicht hätten sich die Autoren vor der Veröffentlichung besser erst einmal selbst coachen lassen sollen.

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Ratgeber
Illustrated by Uschtrin München

Berlin Gothic

Im Prolog seines Berlin-Thrillers setzt Jonas Winner mit drei Blitzlichtaufnahmen auf Horror, Gewalt und Sex: Till Anschütz erwacht in einer Folterkammer und erfährt, umoperiert worden zu sein; Kommissar Konstantin Butz inspiziert den Torso einer Frau, die mit einem Akkubohrer verstümmelt wurde aber noch letzte Lebenszeichen gibt; Fotografin Claire Bentheim lichtet einen blutigen Boxkampf ab und lässt sich danach mit dem Sieger ein.

Während der Autor offen lässt, welchen Torturen Till ausgesetzt ist, inspiziert Kommissar Butz den Fundort der verstümmelten Frau. Er entdeckt einen verborgenen Tunnel in eine unterirdische Welt und wird dabei fast verschüttet. Seine Lebensgefährtin Claire wird derweil von dem liebestollen Boxchampion Frederik bis in ihre Wohnung verfolgt.

Winners eigentliche Geschichte beginnt zwölf Jahre früher: Till flieht aus dem Kinderheim Brakenfelde. Nie wieder will der elternlose Junge dorthin zurück, nachdem sich sein Bruder Armin erhängt hat. Auf seiner Flucht wird er von einem Auto erfasst und begegnet auf diese Weise der Familie Julia und Xaver Bentheim. Deren Kinder Max, Lisa und Claire freunden sich mit dem Flüchtling an und wollen ihm helfen. Sie verstecken ihn im Schuppen des Anwesens ihrer Eltern.

Besonders der strenge Vater, der in einem Gartenhaus Bücher schreibt, reizt die Neugierde Tills. Die Kinder glauben, dass Xaver Bentheim Geschichten schreibt, die nicht nur ausgedacht sind, sondern tatsächlich stattgefunden haben oder sogar immer noch stattfinden. Till belauscht den Schriftsteller nachts bei einer Art Selbstgespräch, in dem dieser einen seltsam-rauschartigen Zustand beschreibt. Doch Bentheim erwischt den heimlichen Zuhörer …

Jonas Winner konstruiert seinen Thriller um Till, Max und Lisa, Xaver und Julia, Butz und Claire in steter Folge von Zeitsprüngen und Rückblenden. Mosaikartig entsteht vor dem geistigen Auge des Lesers das engmaschige Netz einer spannenden Geschichte, zu der ihm Winner scheinbar unabhängig voneinander baumelnde lose Fäden in die Hand gibt. Diverse Cliffhanger und bisweilen bewusst nebulöse Andeutungen dessen, was die Protagonisten erwartet, geben der Geschichte zusätzliche Würze.

„Berlin Gothic“ ist ein düsterer Krimi mit Lokalkolorit, der den Leser rasch in seinen Bann schlägt. Autor Jonas Winner fand für sein Werk, das er für 99 Cent als E-Book in Amazons Kindle-Shop anbietet, in wenigen Monaten zehntausende Leser. Der stürmische Zugriff der Leser katapultierte ihn auf Spitzenplätze in den Amazon-Bestsellercharts. Das Genre des untergegangen geglaubten Groschenromans feierte neue Triumphe.

Seinen Spitzenplatz wird Winner wohl noch eine ganze Weile halten, denn die Sache hat einen raffinierten Haken: Im spannendesten Augenblick bricht „Berlin Gothic“ ab, und es wird der Erwerb eines weiteren Bandes fällig. Der Autor hat seinen Krimi auf sieben Teile geplant, und das Suchtpotential der Serie ist erheblich. Er schreibt die Fortsetzung, während die Leser schon die ersten Teile lesen können und mit seinen Helden fiebern.

Wie in den guten alten Zeiten der Fortsetzungsromane liefert Winner seinen Thriller häppchenweise. Dabei ist bereits der erste Band derart effektvoll geschrieben, dass man unbedingt wissen will, wie es weiter geht und der Reihe atemlos treu bleibt. Den Leser von „Berlin Gothic“ erwartet indes keine ambitionierte Hochliteratur, es geht um spannende Unterhaltung mit kräftigen Knallern. Diese wird sprachlich durch einen aktiven Stakkato-Stil betont, der das Verständnis von „Gestern“ und „Heute“durch den Wechsel zwischen Präteritum und Präsenz unterstreicht.

Der Autor versteht es, das Kopfkino seiner Leser in Gang anzukurbeln und starke Bilder zu erzeugen. Sicherlich wird es deshalb auch dazu kommen, dass „Berlin Gothic“ verfilmt wird. Denn der Autor schrieb bereits Drehbücher für ARD, ZDF, Sat.1 und RTL und verfügt damit über Erfahrungen, die er in seine Schreibe einfließen ließ.

Zuvor jedoch wurde Jonas Winner von einer ganz anderen Seite unerwartete Anerkennung beschieden: Amazon-Chef Jeff Bezos schickte ihm einen Vertrag für die Übernahme der siebenteiligen Reihe ins Englische. Sein Konzern will den Thriller sowohl weltweit als Elektrobuch wie auch als Papierbuch vermarkten. Damit ist Winner der erste sich selbst verlegende deutschsprachige Autor, der über die E-Book-Schiene so bekannt wurde, dass selbst Amis auf ihn aufmerksam wurden. Bislang war der umgekehrte Weg üblich: US-Autoren werden – so sie sich gut verkauften – ins Deutsche übersetzt und den hiesigen Leservasallen vorgesetzt. Deutsche Autoren galten mehrheitlich als nicht weltmarktgängig …

Wer mehr über Jonas Winner erfahren möchte und seine Erfolgsrezeptur kennen lernen will, der liest mein E-Book „Wie man erfolgreich E-Books verkauft. Exklusivinterviews mit Top-Autoren“.


Genre: Thriller
Illustrated by Kindle Edition

Das Geheimnis erfolgreicher Pressearbeit

Dieses Handbuch eines Praktikers spricht Unternehmen, Vereine und Persönlichkeiten an, die Positives über sich in der Zeitung lesen wollen. Der Verfasser, Redakteur mit einem Vierteljahrhundert Berufserfahrung, geht davon aus, dass sowohl der jeweilige Journalist oder Blattmacher wie der Porträtierte etwas voneinander wollen, nämlich eine gute Geschichte.

Gute Absichten bringen im Bemühungen um Veröffentlichungen wenig, es gilt die Regel „Contents counts“. Nur Inhalte zählen, lautet die Philosophie jeder erfolgreichen Veröffentlichung und der Autor erläutert in seinem E-Book, wie das funktionieren kann.

Klaus Krüger setzt in seinen Empfehlungen auf eine Mischform von klassischer Public Relations (PR) und journalistischer Arbeit. Er sieht darin das Geheimnis erfolgreicher Pressearbeit und schlägt vor, den Ansprechpartnern in den jeweiligen Redaktionen tolle Geschichten anzubieten. Diese könnten entweder als Thema vorgeschlagen oder gleich selbst geschrieben werden.

Um den Zauberweg in die Zeitung zu entdecken, schildert der Autor die Interessenlage der Höllenhunde, die vor den Pforten der Zeitungen wachten: Das sind Redakteur und Redakteurin. An ihnen führt kein Weg vorbei, doch es sei durchaus möglich, mit ihnen klarzukommen, wenn man weiß, wie sie ticken.

Klaus Krüger schildert, wie man den gewünschten „Höllenhund“ richtig anspricht, ohne ihn mit zusätzlicher Arbeit zu belasten. Er nennt die wesentlichen Schritte beim Aufbau eines Presseverteilers für die zielgerechte Pressearbeit und die richtige Form der Ansprache. Dabei lässt er auch das Thema kleiner Geschenke nicht aus und verrät, dass eine professionelle Zuarbeit die beste Form erfolgreicher „Bestechung“ ist.

Bei den zu vermittelnden Inhalten gehe es dann darum, Geschichten um Menschen zu servieren. Optimal geeignet seien dazu regional bekannte Menschen, denn diese sind das Salz in der Suppe des guten Lokaljournalismus. Aber auch anrührende Tiergeschichten gehen ans Herz und wühlen die Leser auf.

In seinem Buch geht der Autor schließlich ausführlich auf journalistische Stilformen ein und verrät allerlei Tricks und Techniken des täglichen journalistischen Handwerks. Im Ergebnis hat der Leser einen Schnellbesohlungs-Lehrgang im praktischen Journalismus absolviert, der ihm helfen kann, seine Öffentlichkeitsarbeit effektiver und zielgerichteter zu leisten.


Genre: Ratgeber
Illustrated by Testudo Schutterwald

Eine Weise von Liebe und Tod

Rainer Maria Rilkes lyrisch-expressionistische Erzählung „Die Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke“ aus dem Jahre 1899 diente dem Wortkünstler Horst A. Bruno, der im Netz auch als Brunopolik bekannt ist, als Vorlage für seine experimentelle Wort-Collage.

Brunopolik verdichtet Rilkes Erzählung, bei der es um ein kriegerisches Thema aus dem siebzehnten Jahrhundert (Soldaten marschieren gegen die nach Europa einfallenden Türken) zu einem Sprach-Objekt in Haiku-Metrik. Haiku gelten als die kürzeste Gedichtform der Welt. Horst A. Bruno sieht sich damit in Traditionsfolge von Dada-Künstler Kurt Schwitters bis hin zu Vertretern der mit Namen wie Allan Ginsberg („Howl“) verbundenen Beat Generation.

Interessant bei der vorliegenden Arbeit ist, dass Brunopolik sich dem klassischen japanischen Haiku verschrieben hat. Diese strenge Form besteht aus jeweils drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Silben. Mit seiner Entscheidung für jeweils 17 Silben setzt sich der Haiku-Poet bewusst von modernistischen deutschsprachigen Poeten ab, die mit weniger als 17 Silben auskommen wollen, weil deutsche Silben mehr Informationsgehalt transportieren können als japanische Lauteinheiten.

Wer Freude an offenen Texten hat, die sich erst im Erleben und Fühlen des Lesers vervollständigen, findet mit dieser Wortcollage ein anschauliches Beispiel über die Möglichkeit, bewusst mit Sprache zu gestalten.


Genre: Lyrik
Illustrated by Kindle Edition

Shadowmarch 4 • Das Herz

Im vierten und letzten Band der Tetralogie »Shadowmarch« bringt Tad Williams sein Desaster-Epos vom Aufstieg, Fall und Untergang mächtiger Reiche zu voller Blüte. Die Geschichte gipfelt in einem gewaltigen Krieg, den keiner gewinnen kann und der selbst ärgste Feinde zu Verbündeten macht. Quar und Funderlinge schließen sich zusammen gegen den wahnsinnigen Autarchen Sulepis, Gottkönig des Großreiches Xis, der in der Mitsommernacht mit dem Blut von König Olin dunkle Götter erwecken will, die voller Zorn auf alles Lebende sind. Weiterlesen →


Genre: Fantasy
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Mumpelmonster

Eine hübsche Idee: Roland Brückner baut sein “Mumpelmonster”-Buch wie ein Computerspiel auf. Auf jeder Seite kann der (kindliche) Leser entscheiden, was der kleine grüne Mumpel als nächstes tun soll.

Soll Mumpel beispielsweise einen von ihm erfundenen Helm bei den Wildschweinen im Stadtpark ausprobieren (dann geht es auf Textblock 8 weiter) oder in einem Selbstversuch beim Schaukeln? (Punkt 54) Andererseits könnte Mumpel die ganze Sache Papa erzählen, der das Mini-Monster dafür lobt. (In diesem Fall geht es mit Punkt 41 weiter). Ein buntes Herumnavigieren durch das liebevoll illustrierte Buch inspiriert die Phantasie der Kinder und fordert ihnen Entscheidungen ab. So erklärt sich der Untertitel “Das Entscheide-Dich-Buch”.

Zum Buch habe ich mir die kostenlose iPad-App “Mumpelmonster” geladen. Diese gibt in optischer Hinsicht wesentlich mehr her als das Buch: 45 animierte Figuren sind abgebildet von Flammenlilli über Kritzelcarsten, Puzzlekopf, Tanzwahl und Trötenmumie bis zur Zuckelsusi. Die App lässt ahnen, welche Chancen sich dem Kinderbuch im E-Book-Bereich bereits heute eröffnen. Denn eigentlich hätte das komplette Werk als interaktives Elektrobuch produziert werden können.


Genre: Kinder- und Jugendbuch
Illustrated by Zitty Berlin

Herbert Wernicke. Regisseur, Bühnenbildner, Kostümbildner

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An den am 16. April 2002 mit 56 Jahren früh verstorbenen Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Herbert Wernicke und das von ihm geschaffene eigene Welttheater erinnert ein üppiger Bildband aus dem Schweizer Schwabe-Verlag. Für Wernicke-Fans unter den Opernfreunden ist die mit 350 Abbildungen reich geschmückte Gesamtwürdigung des Lebenswerks ein Muss.

Wernickes Werk ist ebenso Teil der Salzburger Festspielgeschichte wie er an den Opernhäusern von Frankfurt bis Madrid eindrückliche Spuren hinterließ. Schwerpunkt seiner Arbeit war Basel. Sein Verständnis von Bühnenbild war eine Raumidee, in der sich die Handlung organisch entwickeln kann. Es ging ihm dabei nicht um die pure Bebilderung eines Raumes beziehungsweise um Dekoration als um ein weitgehend ebenso abstrahiertes wie komplexes Gesamtbild.

Herbert Wernicke fühlte sich künstlerisch dem Barock und damit der Vorstellung der Bühne als Allegorisierung von Wirklichkeit verpflichtet. Die Malerei spielte in seinen Arbeiten stets eine deutliche Rolle. Stark setzte er auch auf tragende Symbole im Bühnenbild. Mehrfach tauchte in seinen Inszenierungen ein Flügel auf. Das Tasteninstrument steht als Gleichnis für das Kunstverständnis des aufgeklärten Bürgertums, das den schönen Künsten in seinem Denken weiten Raum gibt und sie hegt und pflegt. Kunst wird als befreiender Moment gefeiert, der vom Dunkel der realen Welt abhebt und sich gleichzeitig ausdrücklich vom kunstfeindlichen Kleinbürgertum distanziert.

Seinem Verständnis von Bühne als Gesamtkunstwerk entsprach seine Arbeitsteilung: Wernicke war Regisseur, Bühnenbildner, Beleuchter und Kostümbildner in einem. Um sich herum scharte er nach dem Werkstattprinzip Assistenten und Mitarbeiter, denen die Umsetzung seiner Entwürfe oblag. So schuf er ein ihm eigenes Bühnenuniversum, in das er die Sänger begleitete. Kritiker nannten dies „Wernickes Welttheater“.

Als Beispiel für seine Kunst sei die Inszenierung von Wagners Tetralogie „Ring des Nibelungen“ zitiert. Die Szenographie bestand aus einem festen Bühnenbild für alle vier Teile: Der Bühnenraum wird beherrscht von einem fensterartigen Mauerdurchbruch, der den Blick auf ein faszinierendes Alpenpanorama freigibt. Hoch oben thront Walhall, die von den Riesen Fasolt und Fafner im Auftrag Wotans erbaute Götterburg. Allein durch die unterschiedliche Beleuchtung erscheint der Hintergrund mal erhaben prunkvoll, mal dekadent luxuriös, mal morbid und dem Untergang geweiht. Im Vordergrund agieren die Sänger.

Der vorliegende Bildband bietet neben 13 Aufsätzen, die kundig versuchen, sich der Regiewelt Wernickes anzunähern, einen eindrucksvollen Teil vom Werden einer Inszenierung. Anschaulich lässt sich der Weg einer Oper von einer Raumidee über Zeichnungen, Entwürfe, Modelle und Kostümbilder bis zu Proben und zur Aufführung nachvollziehen. Wernicke selbst beschrieb diesen Prozess wie folgt: „Es ist wie bei jedem Stück, das erstmals aus so einem Urschwamm entsteht, eine Forschungsaufgabe: dahinterzukommen, was gemeint sein könnte, und das mit der eigenen Welt in Verbindung zu bringen, um durch Träume, Visionen oder auch etwas, was man im Alltäglichen sieht, eine Materialsammlung im Kopf zu veranstalten. Daraus entstehen dann manchmal Bilder und manchmal nicht.“

Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift


Genre: Oper
Illustrated by Schwabe Basel

Bomb it, Miss.Tic!

MissTic Paris, St. Germain
“Les actes gratuits ont ils un prix?” etwa: “Haben kostenfreie Handlungen/Akte einen Preis?” _ Typische Graffiti-Schablone von Miss.Tic in St. Germain, Paris. Foto: ©Ruprecht Frieling

Wer die Arbeiten des Londoner Graffiti-Künstler Banksy kennt und schätzt, der wird bei einem Paris-Bummel sicherlich auch schon auf Arbeiten von Miss.Tic gestoßen sein. Die Künstlerin mit dem doppelbödigen Namen besprüht Mauern und Häuserwände mit schwarz-roten Schablonen und verbindet bevorzugt klischeehafte Frauenbilder und poetische Wortspiele.

Die plakativen Arbeiten von Miss.Tic sind von rauer Herzlichkeit und sprühen ein Lokalkolorit, das durchaus als „Pariser Charme“ bezeichnet werden kann. Ihre Frauenbilder entstammen Frauenzeitschriften, die sie verfremdet. Sie selbst sagt dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren?“

Miss.Tic bezieht als Künstlerin und als Frau in der Stadt und in der kreativen Welt Stellung. Kreieren heißt für die 1956 in Paris geborene Graffiti-Poetin, Widerstand zu leisten. Sie meint, allem widerstanden zu haben, „nur manchmal der Liebe nicht und niemals dem Humor.“

Die Tochter eines Tunesiers und einer Normannin verlor im Alter von zehn Jahren ihre Mutter durch einen Autounfall. Früh floh sie aus dem derart zerstörten Elternhaus und trieb sich in den Cafés und Cabarets von St. Germain und St. Michel herum. Im „Georges“ in der Rue de Canettes und im „Bâteau ivre“ in der Rue Contrescarpe rezitierte sie Gedichte von Jules Supervielle, René Char, Jean Cocteau und Jacques Prévert. Die Wirklichkeit um sie herum zerfetzte ihr romantisches Bild von St. Germain: Sie traf auf versoffene Genies und Künstler, die sich maßlos überschätzten.

Mit einem Freund verließ sie 1980 Frankreich und zog nach Los Angeles. Dort kamen gerade Hip-Hop und Street Art auf. Im Zuge der Bewegung entstanden bemalte Häuserwände, die schon aus der mexikanischen Revolutionskunst bekannt waren. 1983 kehrte Miss.Tic wieder nach Paris zurück. In jeder Zeit verließen die ersten Künstler ihre Ateliers, übermalten Werbeplakate, bemalten Bauzäune und Wände. 1985 trat sie selbst mit Schablonenbildern in Erscheinung. Im 14. Arrondissement sprühte sie ihre ersten Wortbilder auf Häuserwände. Sie verband von Anfang an ihre Motive mit Textzeile und Signatur.

Miss.Tic erklärt sich weder politisch noch will sie Feministin sein. Sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge. Ihre Arbeiten wurden mal von links, mal von rechts angegriffen, bisweilen sogar von Hardcorefeministinnen, denen ihre Arbeiten zu glamourös und sexy sind, übersprüht und überklebt. Lakonisch sagt sie dazu: „Es ist nicht die Rolle des Künstlers, von allen geliebt zu werden“. Bewusst überlässt sie die Interpretation ihrer Arbeiten auch dem Betrachter und hat keine Lust, irgendetwas zu erklären, zumal ihre Graffiti oft in direktem Bezug zur Umgebung steht.

1999 wurde die Künstlerin in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen Sachbeschädigung zu 22.000 Franc Strafe verurteilt. Ausgerechnet dieser Prozess verschaffte ihr einen Karrieresprung. Sie wurde vom Status einer Straffälligen, die mit der Spraydose (französisch: la bombe) hantierte, zu einer anerkannten Künstlerin befördert, deren Genehmigungsgesuche seitdem akzeptiert werden. So sind ihre Arbeiten heute weniger als nächtliche Überraschungsangriffe à la Banksy zu sehen sondern als geplante Kunstaktionen im öffentlichen Raum, die viele Kunstfreunde nach Paris lockt.

Jorinde Reznikoff und KP Flügel haben Miss.Tic in einem wundervollen kleinen Büchlein zu Wort kommen lassen, das in der Edition Nautilus erschienen ist. Wer sich ausführlicher mit der Pariser Graffiti-Künstlerin befassen möchte, der wird mit diesem autobiographisch angelegten schlanken Werk ausgezeichnet bedient.

Diskussion dieser Rezension im KunstBlog


Genre: Kunst, Musik und Literatur
Illustrated by Edition Nautilus Hamburg

Der Hypnotiseur

Unter dem Pseudonym Lars Kepler hat das Autorenduo Alexandra und Alexander Ahndoril ihr Krimidebüt gegeben. Das Resultat? Zumindest der Titel wirkt spannend und vielversprechend.

Erik Maria Bark, Experte für Traumata-Behandlungen, der seinen Beruf aus guten Gründen nicht mehr ausüben möchte, wird zu einem bewusstlosen Jungen gerufen. Der 15jährige ist schwer verletzt und soll Zeuge eines brutalen Doppelmordes gewesen sein, bei dem nahezu seine gesamte Familie ausgelöscht wurde. Unter Hypnose gesteht der Junge, selbst der Täter gewesen zu sein. Er entflieht aus dem Krankenhaus und hinterlässt eine grausige Blutspur. In der Nacht darauf wird Barks Sohn Benjamin entführt. Der ist Bluter und dringend auf Medikamente angewiesen, um zu überleben. Barks Frau Simone bittet ihren Vater Kenneth, einen Kripomann im Ruhestand, um Hilfe. Auch Erik geht auf die Suche und erinnert sich dabei an eine frühere Patientin, die ihn attackierte und mit dem Geschehen in Verbindung steht …

Lars Kepler schreiben trocken und schildern emotionslos sachlich. Mit distanzierter Kühle, bisweilen hölzern und seltsam stimmungslos schildern sie das Geschehen. Hinzu kommen wiederholte Wechsel der Erzählperspektive, die der Lektüre Spannung nimmt.


Genre: Kriminalromane
Illustrated by Bastei Lübbe Bergisch Gladbach

Andre Zeiten, andre Drachen

Als treuer Harry-Potter-Leser ist mir das spannende Thema Drachen ebenso geläufig wie durch Richard Wagners Oper „Der Ring des Nibelungen“, in dem sich ein allzu gieriger Riese in einen zänkischen Drachen verwandelt, der schließlich getötet wird. Dass es auch eine wissenschaftliche Drachenforschung gibt, habe ich erst durch die Lektüre dieses faszinierenden Führers durch die Kulturgeschichte der Drachen erfahren. Autor Wolfgang Schwerdt ist ein solcher Forscher, ein Dracologe, der es versteht, seinen Leser auf den Rücken eines feuerspeienden Ungeheuers zu locken und mit ihm die Jahrtausende zu durchbrausen.

Die Reise beginnt bei uralten Mythen und Legenden, die Drachen furchterregend darstellen und von ihrem besonderen Appetit auf Jungfrauen erzählen. Sie führt von den Babylonieren über die Welt der Griechen, die Drachen als Abkömmlinge der Götter verehrten, hin zu den mittelalterlichen Heldensagen vom Drachen Fafnir (vom dem Richard Wagner musikalisch erzählt) und vom Leviathan. Die Entdeckung der Erde und das damit verbundene Interesse an exotischen Tieren (erwähnt sei nur der Komodo-Waran, dem Douglas Adams seine Reportage „Die Letzten ihrer Art“ widmete) bescherte den Drachen auch in der Neuzeit ein starkes Interesse des Publikums, das durch die zeitgenössische Fantasyliteratur phantasievoll beflügelt wird.

„Andre Zeiten – Andre Drachen“ ist alles andere als eine staubtrockene Abhandlung versunkener Kulturgeschichte. Es handelt sich um ein leicht geschriebenes Werk, das auf eine erfrischend unakademische Art rund zehntausend Jahre Kulturgeschichte Europas und Vorderasiens klammert.


Genre: Kulturgeschichte
Illustrated by Vergangenheitsverlag Berlin

Ein perfekter Freund

Journalist Fabio Rossi erwacht in einem Krankenhaus. Er trägt einen schweren Kopfverband und wurde offensichtlich brutal niedergeschlagen. Durch die Verletzung ist der Faden der Erinnerung an die letzten Wochen vor dem Unfall abgerissen, und so erkennt er auch die junge Frau nicht, die an seinem Bett sitzt und ihn küsst. Er kann sich schlicht an nichts mehr erinnern. Weiterlesen →


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Diogenes Zürich

Die dunkle Seite des Mondes

Urs Blank hat mehr erreicht, als er sich zu Beginn seines Jurastudiums hätte träumen lassen. In einer Schweizer Wirtschaftskanzlei ist er innerhalb kurzer Zeit zu einem hoch bezahlten Staranwalt aufgestiegen. Seine Klienten sind steinreiche Männer mit erheblicher Macht, die sie skrupellos zu mehren wissen, und der auf Fusionsverhandlungen spezialisierte Advokat hilft Ihnen dabei. Doch irgendetwas stimmt nicht mit dem smarten Volljuristen. Es schimmert eine dunkle Seite in ihm auf, und er muss sich bisweilen stark zurückhalten, um seine Gesprächspartner nicht zu ohrfeigen oder in den Arsch zu treten. Weiterlesen →


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Diogenes Zürich

Einfach Kompliziert

Zeit seines Lebens misstraute Schriftsteller Thomas Bernhard dem Theaterbetrieb und seinen Akteuren. Ließ er sich aber von dem Einfühlungsvermögen eines Regisseurs überzeugen, dann entstand – wie bei Claus Peymann – eine intellektuelle Lebenspartnerschaft. Ähnlich hielt es Bernhard mit Schauspielern, so sie ihn denn faszinierten.

„Ritter, Dene, Voss“ heißt eines der Bernhard-Stücke, die bereits die Namen der drei Schauspieler (Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss) im Titel tragen und daraus quasi eine Verpflichtung ableitet, die entsprechenden Mimen auch zu besetzen. Thomas Bernhard schneiderte auch dem großen Bernhard Minetti ein Porträt des Künstlers als alter Mann auf den Leib und komponierte einen ähnlich sprachgewaltigen Monolog für Gert Voss, der unter dem Titel „Einfach kompliziert“ Theatergeschichte geschrieben hat.

In „Einfach kompliziert“ monologisiert ein Schauspieler (Gert Voss) über seinen größten persönlichen Erfolg in Shakespeares Drama „König Edward III.“ am Wiener Burgtheater. Inzwischen ist der Mime völlig heruntergekommen. Er haust in einem schäbigen Domizil, in dem die Mäuse auf dem Tisch tanzen. Als letzter Überlebende seiner Familie, auch seine Frau ist inzwischen verstorben, hasst er neben den Mäusen, die er mit Hingabe verfolgt und tötet, auch alle anderen Lebewesen um ihn herum: das Mausvolk, das es zu vergiften gilt.

Seit Jahren hat der Protagonist seine Klause nicht mehr verlassen und sich zwischen Selbstmitleid, Hass und Altersdepression zunehmend zu einem Sonderling entwickelt. Er beantwortet seit 13 Jahren keine Briefe mehr, hat das Telefon abgemeldet und studiert dennoch täglich die Stellenangebote einer Abonnementszeitung. Von seinem Erfolg als Edward III. ist ihm die billige Theaterkrone geblieben, die er in einer Truhe verwahrt und sich jeden zweiten Dienstag im Monat aufs Haupt drückt.

Höhepunkt des Werks in drei den Tageszeiten folgenden Szenen ist der Besuch eines neunjährigen Mädchens, Katharina, die ihm Milch bringt. Sie ist der einzige Mensch, den er zu sich lässt, mit dem er spricht. Ihr gesteht er, Milch zu hassen, diese wegzuschütten, und sie lediglich zu bestellen, um das Mädchen zu sehen. „Schauspieler sind wie Kinder, deshalb vertragen wir uns so gut,“ sagt er ihr und bittet sie zugleich, allen Leuten zu sagen, „der berühmte Schauspieler in der Hanssachsstrasse liebt Milch, und er trinkt Milch, er existiert nur, weil er jeden Tag Milch trinkt.“

Die maßgeschneiderte Textkomposition von Thomas Bernhard, deren beklemmende Wirkung sich optimal von Gert Voss, inszeniert von Claus Peymann, auf der Bühne darstellt, ist (so verrät es schon der Titel) ebenso einfach wie kompliziert. Ihr fehlt vielleicht der in vielen Texten des österreichischen Autors aufscheinende Bernhardsche Humor und auch dessen ätzende Gesellschafts- und Kulturkritik. Es handelt sich vielmehr um einen gedanklichen Sturzbach über das Altwerden, das Altwerden eines Schauspielers im Besonderen, über den Rückzug aus dem gesellschaftlichen Miteinander, über Wahn und Wahnsinn, und der Text bekommt eine zusätzliche philosophische Note in der Auseinandersetzung mit Thesen des „Urphilosophen“ Schopenhauer, die gelegentlich aufscheinen.


Genre: Theater
Illustrated by Suhrkamp Frankfurt am Main

Small World

Small World. Konrad Langs Welt schrumpft und wird immer kleiner. Er vergisst seine Brieftasche im Kühlschrank, er verirrt sich im Dickicht der realen Welt, und eines Tages übergießt er feuchtes Kaminholz mit Benzin, um es leichter entzünden zu können. Das hat er zwar schon öfter gemacht, doch diesmal liegt das Holz noch neben dem Kamin, und die luxuriöse Ferienvilla seiner Chefin und Gönnerin Elvira Senn auf Korfu wird bald darauf zum Raub der Flammen. Nun ist es nicht mehr zu verbergen: Konrad Lang hat Alzheimer, und die Krankheit schreitet mit erschreckender Geschwindigkeit voran. Weiterlesen →


Genre: Kriminalliteratur
Illustrated by Diogenes Zürich