Small World. Konrad Langs Welt schrumpft und wird immer kleiner. Er vergisst seine Brieftasche im Kühlschrank, er verirrt sich im Dickicht der realen Welt, und eines Tages übergießt er feuchtes Kaminholz mit Benzin, um es leichter entzünden zu können. Das hat er zwar schon öfter gemacht, doch diesmal liegt das Holz noch neben dem Kamin, und die luxuriöse Ferienvilla seiner Chefin und Gönnerin Elvira Senn auf Korfu wird bald darauf zum Raub der Flammen. Nun ist es nicht mehr zu verbergen: Konrad Lang hat Alzheimer, und die Krankheit schreitet mit erschreckender Geschwindigkeit voran. Weiterlesen
Small World
In hora mortis
Wild wächst die Blume meines Zorns
und jeder sieht den Dorn
der in den Himmel sticht
dass Blut aus meiner Sonne tropft
es wächst die Blume meiner Bitternis
aus diesem Gras
das meine Füße wäscht
mein Brot
o Herr
die eitle Blume
die im Rad der Nacht erstickt
die Blume meines Weizens Herr
die Blume meiner Seele
Gott verachte mich
ich bin von dieser Blume krank
die rot im Hirn mir blüht
über mein Leid.
Zum Frühwerk von Thomas Bernhard zählen rund 400 Gedichte. Sein Gedichtzyklus „In hora mortis“ („In der Stunde des Todes“) erschien erstmals 1958 und war der zweite Lyrikband, der von dem österreichischen Schriftsteller veröffentlicht wurde.
Der Titel ist dem „Ave Maria“ entlehnt und beschwört die Todesstunde eines Sterbenden. In Form eines direkt an Gott („Oh, Herr!“) gerichteten Stoßgebetes beschreibt der Dichter die Qualen, die er angesichts des Wartens auf seine Todesstunde empfindet. Thomas Bernhard stand aufgrund schwerer Lungenprobleme wiederholt auf der Schwelle des Todes und beschäftigte sich wohl auch deshalb immer wieder mit dem Thema Sterben.
Der Text beginnt mit der durchaus noch festen Klage „Wild wächst die Blume meines Zorn …“, um dann abzuklingen und in Traurigkeit zu verbrennen: „Ich bin vor Frost schon müd´ und traurig, weil mein Tag verglüht.“
Der Tod und die Relativierung aller anderen Werte angesichts dessen steter Nähe und Bedrohung ist eines der wichtigsten Motive des Zyklus. „Wo ist, was ich nicht mehr bin? – Die Zeit ist ausgelöscht“ schreibt der Dichter und stammelt schließlich am Ende des Textes: „zerschnitten ach zerschnitten ach zerschnitten ach ach ach mein Ach.“ Zerschnitten wird die Wahrnehmung der Außenwelt und des eigenen Ich. Der Tod erwischt alle, und keiner entkommt.
Deutlich klingt in dem Gebet auch die katholische Prägung Bernhards durch, wenn er mehrfach den Wunsch zu beten äußert und Gott als seinen Herrn preist. Später sagte er sich von der Amtskirche los und erklärte sie als eine der Hauptschuldigen für die Verkrüppelung des Individuums.
Große Kannibalenschau
Kannibalenschau? – Große Kannibalenschau? Ein derartiger Buchtitel weckt Erwartungen. Schließlich entspricht es den Tatsachen, dass noch bis 1940 exotisch aussehende Menschen von anderen Kontinenten durch deutsche Lande tourten und in Tierparks und Zoologischen Gärten ausgestellt wurden. Sie mussten teilweise sogar rohes Fleisch essen, um als Kannibalen durchzugehen. Weiterlesen
Das Buch ohne Staben
Virales Marketing nennt sich die Methode, mit der die Vertriebsleute des Bastei-Lübbe-Verlages antraten, „Das Buch ohne Staben“ bekannt zu machen: Dutzende Blogger und Online-Communities, die im weitesten Sinne mit Büchern zu tun haben, bekamen geheimnisvolle Post eines „Bourbon Kid“, der ein „Buch ohne Staben“ ankündigte. Kurz darauf flatterte ihnen dieses Werk auch ins Haus: es war ein vollkommen leeres Buch, das angeblich mit Geheimtinte bedruckt war. Es folgte ein geheimnisvolles YouTube-Video. Da niemand imstande war, die „unsichtbaren“ Buchstaben zum Leben zu erwecken, trudelte bald darauf ein neues „Buch ohne Staben“ ein, das jedoch im Unterschied zum ersten Opus großzügig mit „Staben“ bedruckt war. Nun durfte gelesen werden … Weiterlesen
Wortklaubereien
Journalisten, die sich mit einem Spezialgebiet befassen und wie Satelliten um ein definiertes Thema kreisen, haben es mitunter schwer, die richtigen Worte zu finden, um ihren Lesern abwechslungsreiche Kost zu bieten. Mario Scheuermann, der seit vier Jahrzehnten Gastrokritiker ist, kann davon ein Lied singen. Um sich selbst sprachlich zu beflügeln, hat der ausgewiesene Weinkenner begonnen, Wörter, Formulierungen und ganze Sätze aus dem Großraum Essen und Trinken zu sammeln. Dieser Eichhörnchenvorrat an Stichworten, die ihm ins Auge stachen, soll ihn auch in harten Wintern nähren.
In Scheuermanns Sammlung von Kuriositäten, versunkenen Wörtern und semantischen Kleinodien hört der geneigte Leser von Schluckspechten, Topfguckern und Etikettentrinkern. Er erfährt, dass eine Serviergöttin wie die indische Gottheit Shiva acht Arme benötigt, um ihrem Namen gerecht zu werden. Er wird in die Welt der Kellner und Oberkellner, der Waggonbutler, Zuträger und Marköre entführt. Erinnerungen an versunkene Begriffe wie Maggie-Ménage, Gulasch-Kommunismus und Gabelfrühstück werden geweckt. Der „Kalte Hund“ trifft auf den „Restaurant-Bären“ und die „Blaue Hilde“. Es ist ein kulinarisches Kunterbunt der Sprache, das in dem Büchlein aufeinander prallt.
Das für den täglichen Gebrauch bestimmte Werkstattbuch des Journalisten dokumentiert die früheste Bezeichnung des Begriffs Sommelier aus einem am 23. November 1928 erschienenen Artikel von Kurt Tucholsky ebenso wie die erstmalige Veröffentlichung des Begriffs Studentenfutter. Letzteres erwähnt Rumohr in seinem „Geist der Kochkunst“ anno 1832 als eine „Schleckerei deutscher Gymnasiasten und Burschen“.
Scheuermanns Wortklaubereien zergehen auf der Zunge und entfalten ihr volles Bukett langsam aber nachhaltig. Die gesammelten Sprachhäppchen machen Appetit auf mehr. Nur eine Frage lässt Scheuermann offen: welchen Wein er zur Lektüre der gesammelten Bonmots am abendlichen Kaminfeuer empfiehlt.
So weit die Füße tragen
Dem bereits 1955 erschienenen Roman „So weit die Füße tragen“ konnte ich mich erst nach mehr als einem halben Jahrhundert nähern. Denn das Buch hasste ich seit frühester Jugend, ohne je eine Zeile gelesen zu haben. Bauers Werk assoziierte ich mit Weltkrieg, Gefangenschaft und damit meinem Vater. Seine erbarmungswürdigen Geschichten aus dem Haftlager in Sibirien waren unser tägliches Brot.
Er verbüßte sieben Jahre in sibirischer Kriegsgefangenschaft, nachdem er im Kessel von Stalingrad in die Hände derjenigen gefallen war, die er auf Weisung einer ordensgeschmückten Generalität unterwerfen sollte. Wir Kinder verdrehten die Augen, wenn er bei Tisch memorierte, wie er sich im Lager von Löwenzahnresten ernähren musste, während wir am Essen mäkelten. Ich empfand es als unheimlich, wenn er nach dem Abendbrot immer wieder „So weit die Füße tragen“ las, dabei wiederholt in Tränen ausbrach oder mit einem Bleistiftstummel an den Seitenrand „Dieses Schwein!“ oder „Genau so war es!“ kritzelte.
Irgendwie hat mich der Buchtitel seitdem verfolgt, und ich brauchte den Abstand eines halben Lebens, bis ich mich fragte, was die Generation der Kriegsteilnehmer derartig stark angerührt und bewegt hatte. Ich hatte Furcht vor der Lektüre, weil ich ahnte, mich in der durch Krieg und Haft vernichteten Jugend meines Vaters wieder zu finden und Geschichten von einem Elend zu erfahren, die für ein Kind der Wohlstandsgesellschaft unfassbar sind.
Meine Ahnungen bewahrheiteten sich. Der Roman überschreitet die Vorstellungskraft eines Menschen, der in Friedenszeiten aufgewachsen ist und den Krieg nur in den Medien erlebt. „So weit die Füße tragen“ schildert die Geschichte des deutschen Soldaten Clemens Forell, der aus der sibirischen Gefangenschaft ausbricht und drei Jahre unterwegs ist, bis er nach 14.208 Kilometern Fußweg endlich heim kehrt.
Forell, der seine Schuld in einem russischen Bleibergwerk abtragen soll und mehrmals daraus entflieht, kämpft ums nackte Überleben. Hungrig und nur noch von Instinkten getrieben wird er zum Tier, das jede Chance nutzt, einen Bissen Brot zu ergattern und vorwärts zu kommen. Die Odyssee seiner Flucht konfrontiert den Leser mit den Licht- und Schattenseiten der Menschen.
Der Flüchtling verbündet sich mit Gaunern, Goldsuchern und Ganoven, die nicht davor zurückschrecken, ihn umbringen zu wollen. Er trifft aber auch hilfsbereite Einheimische, die in ihm keinen Feind sehen und ihn vor hungrigen Wölfen retten. In seiner schier endlosen Leidensgeschichte verliert Forell schließlich jede Hoffnung, jemals wieder nach Haus zu kommen und richtet sich auf ein Leben im Land der einstigen Feinde ein. Es ist mehr ein Zufall, dass er schließlich doch noch heimkehrt.
„So weit die Füße tragen“ kann als packender Abenteuerroman gelesen werden, der die Kraft eines Thrillers in sich trägt. Der in 15 Sprachen übersetzte, millionenfach verkaufte Bestseller erinnert aber auch an Deutschlands unbewältigte Vergangenheit und die enorme Schuld, die Kriegstreiber aller Couleur auf die Menschheit laden. Insofern ist die Lektüre auch ein zeitaktueller Appell, dem Frieden zu dienen statt in fremden Ländern blutigen Krieg zu führen, sei es damals in der Sowjetunion oder aktuell in Irak, Afghanistan oder Palästina.
Erst 2010 wurde dank der akribischen Arbeit eines Journalisten die Entstehungsgeschichte des Buches bekannt. Danach steckte der 1919 geborene Cornelius Rost hinter der Romanfigur Clemens Forell. 1953 hatte Rost in der Druckerei von Franz Ehrenwirth gearbeitet. Der erfuhr, dass sein Reproduktionstechniker farbenblind war, weil er während der Kriegsgefangenschaft in einem russischen Bleibergwerk arbeiten musste. Rost schrieb auf Bitten Ehrenwirts seine Erlebnisse auf und wurde außerdem von dem Schriftsteller Bauer befragt. Die Tonbänder der Interviews sind noch vorhanden. Josef Martin Bauer bastelte aus den Aufzeichnungen und Schilderungen Rosts unter Beimischung von Phantasie und Legenden den packenden Roman.
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König Ubu
König Ubu: Dada, Surrealismus und Pataphysik

Eine großartige Version von Jarrys Drama “König Ubu” zeigt das Wandertheater “Ton & Kirschen” Fotos: © W. R. Frieling
Einer der ältesten Texte, der dem Surrealismus ebenso wie Dada zugeordnet wird, stammt von dem französischen Autor Alfred Jarry und heißt „König Ubu“ (im Original: „Ubu Roi“). Das Drama in fünf Akten wird sowohl gern im Französischunterricht gelesen als auch auf der Bühne von alternativen Theaterensembles aufgeführt und erfreut sich in jüngerer Zeit wachsender Beliebtheit.
Vater Ubu ist ein genusssüchtiger fetter Wanst, der nur an sich und seine heiß geliebte Leberwurst denkt. Der ständig wüst schimpfende Ubu steht aber auch als Metapher für das Monster, das im Menschen steckt. Er verkörpert die Fleisch gewordene Lust am Fressen, Rauben und Morden.
Mit Hilfe seiner Frau, die ihn aufstachelt und mittels einiger Getreuer, denen er Privilegien verspricht, ermordet Ubu den König von Polen, übernimmt die Staatsgewalt und setzt sich selbst die Krone auf. Als König Ubu presst er fortan seine Untertanen aus und lässt dabei alle Widersacher ebenso schnell beseitigen wie die reichen Adligen, deren Besitztümer er sich aneignet.
Die alten Eliten sind ihm zu kostspielig, für das Geld könne man besser Leberwurst konsumieren. Sie enden im Schnellverfahren in der „Enthirnungsmaschine“.
König Ubu will schließlich den russischen Zaren unterwerfen und zieht gegen Moskau. Dabei erweist er sich als feige und ängstlich. Während seine Leute sterben, macht er sich zynisch aus dem Staub und flieht mit seiner Frau und einem Teil der geraubten Schätze nach Frankreich, wo er als „Doktor der Pataphysik“ unterschlüpft.
Autor Alfred Jarry schuf mit dem kritischen Text einen nahezu zeitlosen Kommentar zu gewissenlosen Machtmenschen und Diktatoren, der heute ebenso gültig ist wie vor mehr als 100 Jahren. Vor allem mit Ubus berühmten Schimpftiraden löste er bei der Uraufführung in Paris anno 1896 einen handfesten Theaterskandal aus. Erst viel später sollten Kritiker erkennen, dass dem exzentrisch-genialen Autor ein Wurf gelungen war, der den Beginn des modernen Dramas in Frankreich kennzeichnet.

Jarrys Text ist von teilweise ätzender Komik und mischt Techniken der burlesk-derben Commedia dell’arte mit intellektueller Sprachkomik. Mit teilweise absurden Pointen assoziiert er Gedanken über die Verführbarkeit des Menschen durch das Ungeheuer, das ein Teil seiner selbst ist und dem er nur allzu gern gehorcht.
Der Autor überzeichnet das Böse und überspannt den Bogen dabei derart, dass Grauen in Gelächter umschlägt. So wird der Schauder zur Groteske, und indem dem Rezipienten keine andere Chance bleibt, als sich lachend zu distanzieren, mag er die Furcht vor dem Wiederaufleben einer Diktatur abbauen, deren zyklisches Auftauchen Jarry lange vor der Ära des Faschismus in der Natur des Individuums festmachte.
Von Alfred Jarry (1873 – 1907) stammt auch der Roman „Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll“. Dieses Werk gilt als Gründungsdokument der von dem Autor erfundenen „Pataphysik“, der Wissenschaft von den imaginären Lösungen. In dem Werk wird die abenteuerliche Seereise des „Doktors der Pataphysik“ Faustroll mit einem Gerichtsvollzieher und einem Pavian auf der Seine beschrieben.
Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift
Erebos
An einer Londoner Schule geschehen rätselhafte Dinge. Schüler tauschen geheimnisvolle Päckchen aus, und selbst gute Freunde benehmen sich untereinander seltsam. Nick versucht heraus zu finden, was geschieht. Doch er blickt erst durch, als auch er in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen wird und eine geheimnisvolle CD erhält. Weiterlesen
Mein Leben
Gitarrengott Eric Clapton hat seine Lebensgeschichte zu Papier gebracht; wer sie liest, erlebt eine grandiose Symphonie aus Alkohol- und Drogensucht und wird in einen Strudel von Liebe, Leidenschaft, Schicksalsschlägen und Enttäuschungen gezogen. Das Leben des Superstars, das der Autor vor seinem Leser ausbreitet, ist wild und abwechslungsreich. Ob es glücklich und erfüllt ist, steht indes auf einem anderen Blatt.
Der am 30. März 1945 im südenglischen Ripley geborene Eric Clapton wuchs als uneheliches Kind in bescheidenen Verhältnissen bei seinen Großeltern auf. Der Junge war schüchtern, fühlte sich zurückgesetzt und abgelehnt; er zog sich zurück und blieb für sich. Früh begann er, Platten, die ihm in die Hände fielen, auf der Gitarre nachzuspielen und sich eine eigene Technik anzueignen. Ehrgeizig lernte er von den Songs von Muddy Waters, Chuck Berry und B. B. King und entdeckte so für sich den Blues.
Besonders begeisterte den jungen Mann Freddy King, dessen Gitarrensoli ihm den Atem verschlugen. Es war wie moderner Jazz, expressiv und melodisch, eine einmalige Spieltechnik, bei der die Saiten auf eine Weise gedehnt wurden, dass Sounds entstanden, die ihm kalte Schauer den Rücken runterjagten. Bei seinen ersten Auftritten mit Casey Jones und später den »Yardbirds« spielte Clapton auf sehr dünnen Saiten, weil er die Töne darauf besser ziehen konnte. Es passierte häufig, dass bei einer der wildesten Passagen der ausgedehnten Songs mindestens eine Saite riss. Während Eric neue Saiten aufzog, verfiel das Publikum oft in ein langsames Klatschen, das dem Lead-Gitarristen den Spitznamen »Slowhand« einbrachte.
Der Londoner Marquee-Club war zu Zeiten des kometenhaften Aufstiegs der »Beatles« Sammelpunkt der R&B-Szene. Dort sah Clapton erstmals John Mayall sowie den Keyboarder Graham Bond, der gemeinsam mit Bassist Jack Bruce und Schlagzeuger Ginger Baker auftrat. Mayall lud ihn ein, bei seinen »Bluesbreakers« zu spielen. Von Stund an war Clapton Profimusiker und lernte das harte Tourleben mit bisweilen zwei Auftritten pro Tag kennen.
Den künstlerischen Durchbruch erzielte er mit dem Bluesbreakers-Album »John Mayall with Eric Clapton«. Fans begannen, über ihn zu sprechen, als wäre er eine Art Genie. Irgendwann schrieb jemand den Slogan »Clapton is God« an der Wand der U-Bahn-Station Islington, der sich danach wie Graffiti in ganz London ausbreitete.
In seiner Autobiographie beschreibt sich Clapton als Menschen, der stets seinen eigenen Zugang zur Musik und in produktiver Unzufriedenheit neue Herausforderungen suchte. So kam es zur Gründung der in Europa und den USA enorm erfolgreichen Drei-Solisten-Band »Cream« mit dem Bassisten Jack Bruce und Schlagzeuger Ginger Baker, die bereits mit ihrem ersten Hit »I feel free« als »Supergroup« in die Musikgeschichte einging.
Spannungen untereinander führten zur Gründung von »Blind Faith«. Neben Clapton und Baker spielten Ex-»Traffic« Stevie Winwood, dessen Kreativität Clapton hoch schätzte, und Ric Grech von »Family« mit. Doch auch diesmal waren die musikalischen Vorstellungen der vier Bandmitglieder auf Dauer nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Clapton spielte danach mit George Harrison und John Lennon von den »Beatles« und tourte, nachdem er nach New York gezogen war, mit Delaney & Bonnie. In den Vereinigten Staaten schaffte er es mit seinem Stück »After Midnight« erstmals in die US-Hitparaden.
Ausführlich beschreibt Clapton sein Verhältnis zu Drogen. Aufgrund seiner Angst vor Spritzen entwickelte er sich nicht zum Junkie, sondern er schnupfte Heroin. Dabei nahm er stets beste Qualitäten, die er sich aufgrund seines enormen Erfolges leisten konnte. Das ist vielleicht der Grund, warum er alle Exzesse überlebte, während andere Musiker um ihn herum zu Grunde gingen. Unter der Drogensucht, die mit extremem Alkoholismus einherging, er soff zwei Flaschen Schnaps pro Tag, litt seine Arbeit als Musiker, und auch sein Privatleben war alles andere als geordnet. Mehrere Aufenthalte in Entzugskliniken, Psychotherapie, gute Freunde und ein gelebter Gottglaube halfen ihm schließlich, clean zu werden.
Der schüchterne und sich gern in sein inneres Schneckenhaus zurückziehende Clapton hatte ein recht einseitiges Verhältnis zum anderen Geschlecht. Meist ließ es sich von Mädchen verführen, die ihm nach Konzerten oder bei anderen Events in die Hände fielen. Lediglich für Pattie, die Frau seines Freundes George Harrison, entwickelte er eine Obsession. Jahrelang umschwärmte er sie, bis sie sich endlich von dem berühmten Beatle trennte und zu ihm zog. Er widmete ihr Songs wie »Layla« und »After Midnight«, doch die Beziehung litt darunter, dass der Musiker auf seinen endlosen Tourneen immer wieder fremdging. Der Ehe, die sie schließlich schlossen, war deshalb keine lange Dauer beschieden.
Eric verliebte sich meist glücklos in andere Frauen, von denen eine ihm einen Sohn namens Connor schenkte. Dieser Junge stürzte jedoch im Alter von drei Jahren aus dem Fenster des Appartements der von Clapton getrennt lebenden Mutter im dreiundfünfzigsten Stock eines New Yorker Appartementhauses. Der Musiker war am Boden zerstört und nahe daran, wieder zur Flasche zu greifen. Schließlich ließ es sich von einem Mädchen, das ihn um ein gemeinsames Foto bei einer Veranstaltung bat, in den Bann schlagen. Sie schenkte ihm inzwischen vier Kinder, und er versucht sich seitdem als Familienvater.
Clapton schildert sein Leben in schlichten Worten. Sein von ständigen Ängsten geprägtes Verhalten wirkt auf den Leser bisweilen schwach, naiv und unreflektiert. Er ließ sich bei seinen Entscheidungen sehr leicht von Freunden, Wahrsagern oder Zufallsbekanntschaften beeinflussen und entschied sich meist spontan für den Erwerb eines Hauses, eines Schiffes, einer Insel, einer Kunstsammlung … Nur wenn es um Musik geht, wirkt er selbständig und nicht fremd gesteuert. Deshalb ist es besonders spannend zu erfahren, wie sein Leben sich in seinen Songs spiegelt, und er sich mittels Musik selbst findet.
Wer tiefer in das Wesen dieses Superstars einsteigen will, wird bei der Lektüre schnell feststellen, dass nicht jedes Genie auf einem Spezialgebiet auch ein intellektueller und charakterlicher Überflieger sein muss. Nahezu anachronistisch wirkt schließlich, wenn ein Musiker, der einen Großteil seines wilden und ausschweifenden Lebens auf Tour war und in Hotels lebte, im Fazit seiner Lebensbetrachtung gesteht, er fürchte inzwischen Hotels, weil es dort bisweilen ein wenig laut hergehe – eine seltsam anmutende Betrachtungsweise eines Mannes, der selbst lange zu den jungen Wilden gehörte.
Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift
Man Down
Kai Samweber, 25, Dachdecker im Dienst eine Leiharbeitsfirma, stürzt vom Dach und kommt darauf mit seinem Leben nicht mehr klar. Er haust in einem herunter gekommenen Loch, nährt sich von Hartz IV und ergibt sich dem Suff und den Drogen, die er von seinem türkischen Kumpel Shane bezieht. Dessen Brüder haben Kai Geld geliehen und fordern es nun zurück. Da der Arbeitsverleiher Lohn und Entschädigung zurück hält, wird der junge Mann zum Drogenkurier, um seine Schulden abzutragen.
Während seiner Kurierfahrten trifft Kai auf Marion, in die er sich verliebt. Das Mädchen wird für ihn zum Weg in die Freiheit. Bald stellt sich heraus, dass sie sich prostituiert, weil ihr Bruder ebenfalls Schulden bei den Dealern hat. Ein Selbstmordversuch bietet keinen Ausweg.
Kai hasst die Schwachen, er versucht alles, um nicht zu den Verlierern zu gehören Er verachtet vor allem seinen unter geheimnisvollen Umständen verunglückten Bruder Florian, weil er sich demütigen ließ und deshalb aus seine Sicht zu den Schwachen zählte. Gleichzeitig schreibt er dem Verstorbenen heimlich Briefe. Als er nach zehn Jahren erstmals gemeinsam mit seinem Dealerfreund Shane seine Stiefmutter besucht, hofft er, Antworten zu finden. Derweil beobachtet ihn die Polizei bereits, und bei seiner letzten Kurierfahrt greift sie zu …
Der Roman von André Pilz schildert in rasantem Tempo und harter Sprache Schicksale miteinander im Drogenmilieu verfilzter Underdogs, die nach der Maxime fressen oder gefressen werden leben. Für sie geht es nur nach oben oder nach unten, ein Dazwischen gibt es nicht mehr. Dabei schaut jeder selbst, wo er bleibt, und letztlich landen sie alle doch ganz tief unten. Freundschaft wird zur Farce; gegenseitiger Betrug gehört zur Tagesordnung. Ein jeder stirbt für sich allein. Es bleibt kaum Hoffnung, wenn »man down« ist.
Ein Buch namens Zimbo
Deutschlands Satiremagazine haben einen schweren Stand. Die Hochzeiten von »Pardon« sind lange vorüber, 1982 wurde die damals größte Satirezeitschrift Europas eingestellt, ein Neubeginn missglückte. Seitdem liegt die einstmals in einer Auflage von wöchentlich 500.000 Exemplaren verkaufte DDR-Wochenzeitschrift »Eulenspiegel« als gesamtdeutsches Monatsmagazin auf Platz Eins der Publikumsgunst.
Die als Antwort auf »Pardon« 1979 gegründete »Titanic« ist indes lange nicht mehr das, was sie dem Lesepublikum lange Jahre war. Mein Abonnement hatte ich zuletzt nur noch aufrechterhalten, um die regelmäßigen Beiträge von Max Goldt zu lesen, alles andere fand ich, von der »Humorkritik« abgesehen, fad. Da seine Texte jedoch recht schnell auch zwischen Buchdeckeln erscheinen, habe ich das Blatt inzwischen abbestellt. Denn es schenkt einfach mehr Genuss, Goldt gesammelt zu lesen, zumal er sich auch dagegen wehrt, »Satiriker« genannt zu werden und schon aus diesem Grunde eigentlich nicht in der »Titanic« publizieren dürfte. Nun liegt jedenfalls mit »Ein Buch namens Zimbo« eine weitere Kompilation seiner stets humorvollen »Titanic«-Beiträge vor.
Goldt erweist sich darin wieder als genauer Beobachter des Alltags. Ohne sich die Nase an jeder Schaufensterscheibe platt zu drücken, erfährt er, was das Leben feilbietet. »Wer seine Sinne pflegt und sie nicht mit zuviel Drogen, zuviel Lärm oder zuviel Lektüre malträtiert,« so sein Credo, »dem zeigt sich das Leben von ganz allein«. Spricht´s, steigt in die U-Bahn und schreibt auf, was er dort zwischen kommunistischen Pärchen und bettelnden Zeitungsverkäufern alles erlebt.
Stärker als bisher dominiert die Sprachkritik in Goldts Kolumnen. Er setzt sich mit »sprachlichem Ungeziefer« auseinander und unterhält dabei glänzend. In Anlehnung an Thomas Mann kämpft er gegen die überschäumende Verwendung des Paradoxons in der deutschen Sprache. Er sucht nach den passenden Adjektiven, die zum Begriff des Snobismus passen und helfen, ihn aufzuwerten. Für Bezeichnungen wie »junge Männer mit Migrationshintergrund«, die von Sittenwächtern im sozialharmonischen Eifer als «Denunziation« einer Bevölkerungsgruppe angesehen wird, sucht er Ersatzformulierungen und kommt letztlich auf »Geschöpfe«.
Warum das Buch den Titel »Zimbo« trägt, erfährt der geneigte Leser indes nicht. Wer bei dem Begriff den größten deutschen Wurstwarenkonzern assoziiert, hofft vielleicht, in Goldts Text »Gastronomisches 2« des Rätsels Lösung zu finden. Dort erfährt er jedoch eher etwas über die unbequeme Möblierung von Restaurants und wird in das Lieblingsrestaurant des Dichters entführt: einen Chinesen, der sich seit Jahren nicht verändert hat und »das Klischee von der stehen gebliebenen Zeit gnadenlos beherzt« auslebt. Jeden Montag wird dort ein mit vier Chili-Schoten gekennzeichnetes Mapo-Tofu-Gericht serviert, das einige Übung erfordert. Über eine dampfende Schüssel dieser brennend scharfen Speise gebeugt, fragte ihn Daniel Kehlmann, ob er etwas dagegen hätte, den Kleist-Preis für seine literarische Leistung in Empfang zu nehmen. »Passt schon«, sagte Goldt darauf und veröffentlicht seine Kleistpreis-Rede als Zugabe.
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Houwelandt
Jorge Houvelandt braucht das Meer. Hier fühlt er sich seinem Gott nahe, hier flieht er den Schmerz, der ihn innerlich zerfrisst. Täglich schwimmt der Daueremigrant an der spanischen Costa Blanca zu einer unwegsamen Insel, um allein zu sein, und hier fasst er seinen Entschluss, sich einer Feier zu seinem 80. Geburtstag zu entziehen.
Der alte Mann und das Meer sind das bestimmende Thema in John von Düffels Novelle »Houwelandt«, die das Scheitern, Zerbrechen und erneute Zusammenwachsen einer Familie skizziert. Das Meer dient ihm dabei als romantische Metapher – Sinnbild für Sehnsucht und Aufbruch, für Abschied und Heimweh eines zerbrochenen Familienclans.
Jorges Sohn Thomas, 57, verwaltet dessen Besitz in Deutschland. Er hat in seinem Leben viel angefangen und wenig zu Ende gebracht. Entsprechend herunter gekommen ist das Anwesen derer von Houwelandts. Seine Mutter Esther, Jorges Frau, hat heimlich Geld gespart, um notwendige Renovierungsarbeiten zu bezahlen. Dafür will sie den Sohn zwingen, eine Rede zum 80. Geburtstag des Patriarchen zu schreiben.
Esther möchte nämlich ein dem Anlass gebührendes Fest veranstalten: kulinarisch anspruchsvoll, aber nicht extravagant, großzügig, aber ohne übertriebene Opulenz. Als ihre Sachwalterin vor Ort betrachtet sie Thomas Ex-Frau Beate, bei der sie sich einige Tage vor der Veranstaltung einquartiert.
Thomas nutzt die Ausarbeitung der Rede zu einer Generalabrechnung mit seinem Vater, einem unnahbaren Hagestolz, der seinen Sohn schikanierte. Mit der Aufarbeitung erlittener Grausamkeiten will er seinem eigenen Spross Christian, „Erstgeborener des Erstgeborenen“, die Augen öffnen. In seiner Aufarbeitung zerrt er tief sitzende Kränkungen und Verletzungen ans Licht. Dabei kämpft er um die eigene Wahrheit wie um Recht und Unrecht in der Vergangenheit.
Über die Vorbereitungen der Geburtstagsfeier wächst die aus lauter Fremden bestehende Familie wieder ein wenig zusammen. Derweil zieht Patriarch Jorge im weit entfernten Mittelmeer unverdrossen seine Bahnen und begegnet dabei einem Jungen, in dem er sich in seiner Härte, seinem Misstrauen und seiner Unfähigkeit, zu lieben, wieder findet. Die einzige Frage, die sich der Leser stellt, lautet nur noch: wird die Geburtstagsfeier tatsächlich stattfinden?
„Houwelandt“ liest sich spannend und schnell. Das Tempo der Erzählung wird durch den Wechsel der Erzählperspektive bestimmt, die jeweils das entsprechende Familienmitglied einnimmt. Was jedoch wie eine Familiensaga beginnt, ertrinkt bald im Klischee. Der bittere Alte, der missratene Sohn, die ungeliebte Frau, das alles sind Ansätze, aus denen sich wesentlich mehr entwickeln ließe.
John von Düffel beobachtet zwar ausgezeichnet und versteht es auch, die drei Generationen in ihrer jeweiligen Denkungsart deutlich zu machen. Er verzichtet jedoch auf den großen Bogen, mit dem er sein Thema zu einer wirklichen Familiensaga hätte machen können.
Deutsches Jahrbuch für Autoren 2010/2011
Laut Impressum erscheint das „Jahrbuch für Autoren/Autorinnen“ zwar erst im November 2010, tatsächlich liegt es aber bereits ein Jahr früher vor, und das ist gut so.
Auf 800 Seiten haben die Herausgeber Gerhild Tieger und Manfred Plinke rund 3000 Adressen und Informationen für angehende Autoren gesammelt, die Hilfestellungen bei der Kontaktaufnahme mit Verlagen und der Verwirklichung des von vielen gehegten Wunsches, gedruckt zu werden, geben wollen.
Herausragend an dem Jahrbuch ist, dass nicht ausschließlich Adressen gesammelt wurden. Vielmehr sind die insgesamt zehn Kapitel des Kompendiums angereichert durch kurze Artikel und Betrachtungen. So beschreibt beispielsweise Thomas Hürlimann, wie er in einer Klosterschule im wahrsten Wortsinn zum Schriftsteller „geschlagen“ wurde. Louise Doughty, die Kurse für kreatives Schreiben gibt, erinnert sich daran, wie es war, eine Schriftstellerin zu sein, die noch nichts veröffentlicht hat: Man beißt sich mehr schlecht als recht durch und kommt mit Leuten in Kontakt, die ausgesprochen abweisend sein können. Dies gilt wohl auch für etablierte Autoren, die gern vergessen, dass es einmal eine Zeit gab, in der noch nichts von ihnen erschienen war, und nun pauschal alle die „Möchtegernschriftsteller“ verachten, die nach ihnen versuchen, sich gleichfalls zu etablieren.
Vor diesem Hintergrund macht das „Jahrbuch“ Mut zur Kontaktaufnahme mit potentiellen Abnehmern und zum Manuskriptversand. Dazu bietet es eine enorme Fundgrube, indem es in den Bereichen Theater, Hörmedien, Film und TV, Autorenförderung und Buchmarkt wichtige Adressen sammelt. Eine Besonderheit dabei ist, diese Adressen mit Auskünften zu ergänzen, aus denen hervorgeht, ob und in welcher Form Manuskriptangebote erwünscht sind.
Diese Zusatzinformation ist von besonderer Bedeutung bei der Verlagsuche, entsprechend nehmen die Adressen der Buchverlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch den größten Teil des 800 Seiten starken Branchenhandbuches in Beschlag. Ergänzend gibt es Tipps zur Manuskriptgestaltung, Empfehlungen für effektive Begleitbriefe, Muster-Exposés für Romane, Verhaltensregeln für den Umgang mit Literaturagenten und Hinweise auf die häufigsten Irrtümer beim Verlagsvertrag.
Vollkommen ausgespart hingegen werden in dem Kompendium die faszinierenden Möglichkeiten des Internets. Gerade das Web 2.0 bietet Autoren vielfältigste Chancen, ohne Einsatz von Geldmitteln zu einer eigenen Veröffentlichung zu kommen und damit sowohl das Betteln bei „renommierten“ Verlagen wie das Bezahlen von Dienstleistungsunternehmen aller Couleur einzusparen. Darin liegt das qualitativ Neue an der Situation der letzten Jahre, die das Verhältnis von Autor und Verleger nicht nur kräftig aufmischt sondern in einem nie zuvor da gewesenen Maße verändert und streckenweise umkrempelt.
Gibt es also einen Kritikpunkt an der vorliegenden Ausgabe des Autoren-Jahrbuches, dann ist es dessen konservative Beschränkung auf die Welt des bedruckten Papiers und das Ignorieren der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wer indes im „klassischen“ Buchmarkt sein Heil sucht, der wird mit dem Handbuch optimal bedient.
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Hellraiser
Geboren wird Peter »Ginger« Baker am 18.08.1939 in London. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und muss früh lernen, seine Fäuste zu nutzen. Der Vater fällt im Krieg, doch er hat Glück mit einem Stiefvater. Bereits im Unterricht fällt der Junge, der gelegentlich schon mal eine Jazz-Schallplatte stibitzt, durch rhythmisches Trommeln auf der Tischplatte auf. Seine Mitschüler glauben, er könne Schlagzeug spielen, und auf einer Fete wird er plötzlich gebeten, eine Probe seines Könnens zu geben. Baker nimmt erstmals hinter einer richtigen Schießbude Platz, legt augenblicklich los und hat augenblicklich seine Bestimmung entdeckt: er will Schlagzeuger werden.
Doch wie wird man Schlagzeuger? Baker bastelt sich aus einem Spielzeugschlagzeug und Blechdosen ein Drum-Kit, übt darauf und meldet sich auf eine Suchanzeige im »Melody Maker« zum Vorspielen. Den Musikern erklärt er, sein »richtiges« Schlagzeug sei defekt, darum spiele er mit Behelfsgerät. Frechheit siegt! Der gerade 18jährige Baker wird Drummer von »The Storyville Jazzmen« und begründet damit seine Karriere als Profimusiker.
Kurz darauf lernt er Phil Seamen kennen, der bereits eine Legende des britischen Jazz ist. Seamen bringt ihm aber nicht nur das Schlagzeugspielen näher, er zeigt ihm auch Heroin. Es dauert nicht lange, und Baker zieht alles durch Mund und Nase, was er erwischen kann. Kurz darauf setzt er seinen ersten Schuss. So startet er nicht nur eine Karriere als Drummer sondern auch als Junkie. In Kürze lernt er alle Musiker kennen, die in jener Zeit den Ton angeben. Er spielt mit dem Saxophonisten Dick Heckstall-Smith und Bassmann Jack Bruce als Mitglied der von Alexis Corner geführten »Blues Incorporated«. Mick Jagger, den Baker als unfähig verachtet, darf gelegentlich singen, Graham Bond stößt zu ihnen und vollführt musikalische Kunststücke auf seiner Hammond-Orgel. Bald entsteht aus dieser Formation die legendäre »Graham Bond Organisation«.
Viele Musiker lehnen Baker trotz seiner allseits anerkannten Fähigkeiten ab, weil er ein bekannter Junkie ist. Sister Morphine sitzt mit ihm am Schlagzeug, und das Übermaß an Drogen, das Ginger konsumiert, lassen ihn ausfällig und unberechenbar gegenüber Freunden und Bandkollegen werden.
Ginger Bakers rasant rauschende Drogenbiographie
»Hellraiser« liest sich streckenweise wie eine grandios rauschende Drogenbiographie. Baker versucht zwar immer wieder, von den harten Drogen loszukommen, akribisch erzählt er in seiner Autobiographie von insgesamt 29 Entziehungsversuchen mit Methadon im Laufe von 21 Jahren, doch die Sucht ist stärker. Zu Alkohol, Amphetaminen, Heroin und Morphium kommt bald LSD hinzu, jeder nur denkbare Drogencocktail wird gemixt, und die Konsequenzen bleiben nicht aus: im Vollrausch verliebt Baker sich immer wieder, er kommt fast in einem Schneesturm um, bei Rangeleien mit anderen Musikern wird er wiederholt verletzt und verliert sämtliche Zähne, teure Autos werden zu Bruch gefahren, Freunde kommen durch Überdosen um.
Baker beschreibt auch die Wesensänderungen, die Bandkollegen durchmachen. Jack Bruce muss wegen unberechenbarer Wutausbrüche aus der Band ausgeschlossen werden, und Graham Bond entwickelt sich von einem eitlen Paradiesvogel, der mit Händen und Füßen mehrere Instrumente gleichzeitig spielen kann, zu einem im Räucherstäbchennebel meditierenden Spiritisten, bevor er schließlich unter den Rädern einer Londoner U-Bahn endet.
Baker lernt Eric Clapton kennen und plant mit ihm die Gründung einer eigenen Band. Trotz Gingers Bedenken einigen sich die beiden auf Jack Bruce als Bassisten, und damit sind »The Cream« geboren. Die Band geht in kurzer Zeit ab »like a fucking rocket«. Das Flower-Power-Publikum gerät aus dem Häuschen, wenn die drei Musiker nur die Bühne betreten. Gagen steigen, Säle werden immer größer, und Clapton und Bruce bauen gigantische Boxentürme auf, um mit immer mehr Power zu spielen. Baker leidet bald an Hörproblemen, er hockt zwischen den Lautsprecherwänden und haut immer kräftiger auf Trommeln und Becken, um sich wenigstens noch selbst zu hören. Seine Proteste gegen den infernalischen Lärm werden von den beiden anderen ignoriert. Gestritten wird auch um die Urheberschaft an den einzelnen Titeln, denn sehr demokratisch geht es im »Cream«-Team nicht zu, und es geht um viel Geld.
1969 trennen sich die Weg der drei Cream-Heroen, und Baker formiert gemeinsam mit Stevie Winwood die nächste Supergroup. Das ist »Blind Faith«, bei der wiederum Clapton mitspielt. Es folgt »Ginger Bakers Airforce« mit der Sängerin Jeanette Jacobs, Gitarrist Denny Laine, Organist Stevie Winwood, den Bläsern Harold McNair und Graham Bond, Rick Grech am Bass und Phil Seamen als zweiten Schlagzeuger. Auch diese Formation hält nicht lange, worauf Baker sein Glück in Afrika versucht, um Abstand zu gewinnen, den Tod seines Freundes Jimi Hendrix, der am Erbrochenen erstickt ist, zu überwinden und von den Drogen loszukommen. Afrika ruft den Drummer, denn Bakers Qualität gründet auf seinem Afrika-Feeling, das seine Spieltechnik unvergleichlich macht. Er hat Afrika im Blut und ist bis heute der einzige weißhäutige Drummer, der auf dem schwarzen Kontinent anerkannt und gefeiert wird.
Ginger Baker in Afrika
In Nigeria baut Baker das erste Tonstudio Westafrikas auf und spielt mit dem Afrobeat-Star Fela Kuti. Der Nigerianer kommt mit zwei Dutzend knackfrischer Ehefrauen zu den Jazztagen nach Berlin, die er stolz auf einer Pressekonferenz präsentiert, ihnen dann jedoch den Mund verbietet. Beim abendlichen Konzert versackt Baker, den ich an dem Tag fotografiere und interviewe, in einer Spielpause an der Theke im Musikerrestaurant der Philharmonie. Der Meister ist bereits schwer angeschlagen, als der Veranstalter bemerkt, dass alle Musiker auf ihren Plätzen sind und weiter spielen wollen, Baker jedoch fehlt. Der hat plötzlich keine Lust mehr und lässt sich nur widerwillig an seine Schießbude zerren.
Bakers Karriere in Nigeria dauert nur kurz, er erlebt ein finanzielles Fiasko und fällt wieder in die Drogenhölle. Getrennt von Frau und Kindern flieht er in die Toskana, um Missernten und eine weitere gescheiterte Ehe ernten zu dürfen. Immer neue Bands entstehen: »Bakers Gurvitz Army, »Masters of Reality«, »BBM«. Er zieht weiter nach Los Angeles, dann nach Colorado, wo er mit der Zucht von Poloponys beginnt. Schließlich siedelt er in KwaZulu-Natal in Südafrika, wo er auf einer eigenen Farm Pferde züchtet, Polo und Schlagzeug spielt und sich mit den Nachbarn anlegt.
In Mai 2005 kommt es noch einmal zu einem legendären »Cream Reunion« Konzert von Baker, Bruce und Clapton. Drei Tage ist die »Royal Albert Hall« total ausverkauft, Tickets werden zu 1000 Euro gehandelt, und das Trio erlebt Begeisterungsstürme wie in alten Zeiten. Die Band spielt auch noch in den USA, dort brüllt Bruce jedoch Baker plötzlich unvermittelt auf der Bühne an, und die beiden gehen vor dem Publikum offen aufeinander los. »Cream« zerbricht ein zweites, allerletztes Mal.
Wer »Hellraiser« liest, bekommt einen tiefen Einblick in die innere Welt vieler Superstars von Clapton bis Hendrix. Es ist teilweise erschütternd, wie das wilde Leben zwischen Sex and drugs and rock n roll wirklich war und was sich hinter den teilweise glamourösen Kulissen abspielte. Diese Autobiographie ist ein Zeitdokument, das seinesgleichen sucht und auch demjenigen, der kein Baker-Fan ist, einen Schlüssellochblick in die Welt von Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll gestattet.
Das verlorene Symbol
Schon im Prolog von »Symbol« baut Dan Brown enorme Spannung auf: ein mysteriöser Mann hat sich in einen geheimnisvollen Männerorden geschlichen und greift nach der Macht …
Browns neueste Story ist übersichtlich: Der schon aus seinen Bestsellern »Sakrileg« und »Illuminati« bekannte unverwüstliche Held Robert Langdon, Erfolgsautor von Büchern über Symbole und Religion, wird unter höchster Geheimhaltung von seinem Freund und Mentor Peter Solomon nach Washington gerufen, um einen Vortrag über freimaurerische Symbolistik zu halten. Vor Ort stellt er allerdings fest, einem Verbrecher aufgesessen zu sein, der ihn in seine Gewalt bringen will und offenbar auch schon Solomon gekidnappt hat. Statt eines erwartungsvoll gefüllten Auditoriums trifft er auf Solomons abgetrennte Hand mit dessen wuchtigem Freimaurerring. Diese »Mysterienhand« weist den Weg zu geheimem Wissen, das seit Jahrhunderten gehütet wird und nun offenbart werden soll. Ein Dämon der Finsternis will sich dieses Schatzes bemächtigen und schreckt vor keinem Verbrechen zurück, wobei er es besonders auf die Familie Solomon abgesehen hat (das Warum wird auf Romanseite 672 verraten) …
Spielhandlung ist Washington D. C., Hauptstadt und Regierungssitz der Vereinigten Staaten. Rund um die drei Gebäude, die das so genannte Federal Triangle in Washington bilden (Kapitol, Weißes Haus und Washingtondenkmal) findet eine atemlose Jagd zwischen Gut und Böse statt, und von Anfang an hat auch die CIA-Chefetage ihre Finger wieder ganz tief mit drin. Geheimlabore explodieren, Täter, Verräter und Attentäter hasten atemlos kilometerlange Gänge entlang, Hubschrauber knattern, und es geht dabei höchst zeitgemäß zu: der Protagonist darf sich im Waterboarding üben, Blackberrys und iPhones blinken in der Dunkelheit, E-Mails und SMS kommen zum Einsatz, und es wird sogar getwittert. Der Autor lässt keinen Trend und keine technische Neuerung aus, er steckt »ganz tief drin« und nutzt das natürlich auch für sein eigentliches Thema: Werbung für die geheimnisvolle Bruderschaft der Freimaurer zu machen.
Dan Brown bedient mit seinem neuesten Thriller wie schon in seinen früheren Büchern Gralsfanatiker, Verschwörungstheoretiker, Mystiker und Geheimbündler ebenso ausgezeichnet wie Interessenten an Astrologie, Tierkreiszeichen und Sterndeutung. Geschickt baut der Autor eine Fülle von Fakten, Halbwahrheiten und Spekulationen über Geheimnisse von Astrologie und Architektur ein, die dann zwar jeweils sachlich richtig gestellt werden, tatsächlich aber immer neue Fragen aufwerfen. Er erwähnt Gott und das Universum, vermengt geschickt Physik, Philosophie, Bibelsprüche, Bildmetaphern aus Dürer-Gemälden und ein gutes Pfund Zahlensymbolistik. Seine Themen sind das kosmische Bewusstsein sowie das Verschmelzen menschlichen Denkens, das in Wechselwirkung mit Materie tritt und die Frage, ob der konzentrierte menschliche Geist die stoffliche Welt verändern kann.
Brown serviert neben der abgetrennten Hand einen Todesschrein in einem Keller sowie bizarre Gravuren auf einer Sagen umwobenen Steinpyramide in Schnitttechnik: er schaltet die Handlungsstränge parallel, schneidet sie in kleine Häppchen, die stets mit einem Cliffhager ausgestattet sind und serviert sie wie Kaiten Sushi auf einem endlos scheinenden Laufband. Die insgesamt 133 auf 765 Seiten geschickt miteinander verwobenen Kapitelfetzen lesen sich flüssig und schnell, seine Ortsbeschreibungen zeugen von hoher Sachkenntnis und genauer Recherche. Der Autor versteht es, auch die absurdesten Situationen und Geschehnisse dramatisch aufzubreiten und plausibel klingen zu lassen. Dabei erzeugt er Hochspannung ohne sprachlichen oder gar literarischen Anspruch. (Stephen King nennt seine Erzeugnisse kritisch »Fast Food«, und damit ist einfach alles gesagt.)
Bereits im Vorfeld der Buchveröffentlichung, die es im Handumdrehen zum Bestseller des Jahres bringen und garantiert in eine paar Jahren mit Tom Hanks in der Titelrolle verfilmt wird, wurden Journalisten von Freimaurern mit Pressetexten bombardiert. Die Angst der international verzweigten geheimnisvollen Bruderschaft, als eine obskure Organisation mächtiger Männer mit mörderischen Motiven dazustehen, ist deutlich. Gleichzeitig nutzen die »Brüder« das Buch, um sich als einen Bund ehrenwerter Philantropen darzustellen, die nie auf die Idee kommen würden, ihre Macht zu missbrauchen. Dass diese in der Geschichte der Freimaurerei, erwähnt sei hier nur die italienische Mafia-Loge P2, oft egoistisch und politisch einseitig eingesetzt wurde, bleibt bei Brown unerwähnt.
»Mr. Secret«, wie ihn der STERN nennt, kokettiert lieber mit Geheimnissen, und entsprechend geheimnisvoll behandelte der Verlag auch sein Buch, das am gestrigen Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse In einer Art Showdown in einer Mitarbeiterkette von Hand zu Hand an den Stand gereicht wurde … Immerhin gilt es, die für den deutschsprachigen Markt schier unglaubliche Startauflage von 1,2 Millionen Exemplare möglichst schnell zu verkaufen. Der Erfolg scheint vorprogrammiert, weltweit wurden bislang 120 Millionen Dan-Browns verkauft, und es gibt keinen Zweifel, dass sein Erfolgsrezept auch bei Buch No. 5 funktioniert, zumal gemäß seiner Roman-Wahrheit die gesamte Welt von den freimaurerischen Geheimnissen bedroht ist …
Diskussion dieser Rezension im Blog der Literaturzeitschrift