América. Reich und arm, oben und unten, liberal und konservativ: Welten prallen aufeinander in diesem Roman, der 1995 unter dem Original-Titel “The Tortilla Curtain” erstmals erschien. Boyle beschreibt in “América” genau das Klima, das den Aufstieg eines gewissen Mannes mit rotblondem Haarschopf zum US-Präsidenten ermöglichte.
Das Land der unbegrenzten Gegensätze
“América” ist der Name einer illegalen mexikanischen Einwanderin, die mit Cándido, dem Mann ihrer Schwester Resurrecion, in den USA ihr Glück versucht. Gerade einmal 17 Jahre alt ist sie und Cándido doppelt so alt aber leider nicht doppelt so intelligent. Wie der Candide in Voltaire’s 1759 erschienen “Candide ou l’optimisme” stolpert Boyle’s Anti-Held durch diesen Roman und führt den Optimismus eines Emigranten genauso ad absurdum wie einst Candide in Voltaire’s satirischem Schelmenstück. Es scheint als hätte Cándido alles Pech der Welt für sich gepachtet, zuerst wird er von dem rotblonden Nachfahren deutscher Einwanderer, Delaney Moosbacher, mit dem Auto angefahren und dann muss er es zulassen, dass seine 17-jährige Frau, América, für ihn arbeiten geht. Das verletzt ihn ebenso in seinem männlichen Stolz wie die Tatsache, dass er ihr nicht einmal eine Unterkunft bieten kann und sie gezwungen sind, in einem Canon zu campen. Illegal selbstverständlich. In einer gekonnten Parallelmontage beschreibt Boyle aber auch die Welt des “Pilgers” Delaney, der ab und zu ein paar Artikel über die Natur Kaliforniens schreibt und sich ansonsten von seiner Frau Kyra, der gutverdienenden Immobilienmaklerin, versorgen lässt. Natürlich haben sie auch einen Sohn, zwei Hunde, eine Katze und ein Eigenhäuschen. Aber auch diese Besitztümer sind bald gefährdet: die Hunde durch die umherstreifenden Coyoten, die Katze durch andere “Fleischfresser” und das Haus durch ein wild wütendes Feuer. Zwischen seinen Wanderungen streitet sich der Liberale Delaney mit seinen Nachbarn, die unbedingt eine Mauer (sic!) um ihr Viertel errichtet haben wollen, “…but he won’t back down”.
Von einer (hausgemachten) Naturkatastrophe zur nächsten
Wohlgemerkt: der Roman wurde Mitte der Neunziger Jahre geschrieben und dennoch enthält er bereits alles, was dieses unglaubliche Land, Amerika, heute bis an den Rand der Zerstörung bringt: Rassismus, Sexismus, Klassismus. Natürlich hält T. C. Boyle am Ende seines Romans auch eine ordentlich Pointe bereit, aber allein das abwechselnde Lesen der beiden unterschiedlichen Erlebniswelten, Delaney und Cándidos, bereitet schon sehr viel Vergnügen und kann als Momentaufnahme des Klimas gewertet werden, das den jetzigen US-Präsidneten an die Macht brachte. Mit beißender Ironie beschreibt Boyle die Auseinandersetzungen Delaney’s mit seinen Nachbarn und ihrer kleinen Probleme. Umso präziser ist er noch in der Beschreibung des Elends der Migranten unter denen es natürlich genauso viel Gute wie Schlechte gibt, ebenso wie bei den weißen Amerikanern. Allerdings bleibt einem bei aller Ironie das Lachen oft im Halse stecken, wenn man bedenkt, wozu diese Diskussionen und Einstellungen geführt haben. “Eine Mauer hochziehen. Genau das hatten sie vor. Deshalb waren sie zusammengekommen. Das war der Zweck des Treffens.” Das Schüren von Ressentiments von unverantwortlichen Politikern gegen alles Fremde, die mit Hilfe ihres Populismus einfach nur ihre Macht erhalten wollen, zeichnet die konservative Rechte nicht nur in den USA aus. Im zweiten Kapitel “El Tenksgivih” in dem Boyle die ureigenste Tradition des Erntedankfestes, “Thanksgiving”, aufs Korn mit kulminiert die Handlung schließlich in einem Feuer, wie es viele Bewohner Los Angeles 2025 tatsächlich erleben mussten. Doch im dritten Kapitel wird “Soccorro” geboren, eine waschechte Nordamerikanerin. Ihr Vater: Cándido, ein “Versager, Narr, ein Bauerntölpel, ein Dummkopf”. Ein rasanter Showdown läuft dann auf ein Duell zwischen Delaney und Cándido hinaus, doch es wartet schon die nächste Naturkatastrophe.
T. C. Boyle
América
Roman
Übersetzung: Übersetzt von Werner Richter
2025/2006, 17. Auflage, Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-20935-9
dtv
15,00 €


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