
Non-Fiction als Fiction: Fiasko
In sieben “Fiktionen” beschreibt der aus Brooklyn, N.Y. stammende Autor die privaten Zerwürfnisse unserer Zeit. Identitätspolitik und Gender Gap werden hier ebenso durch den Kakao gezogen wie die Widersprüche liberaler Glaubenssätze. Eine Nabelschau aus dem “belly of the beast”, demRalph Aldo Emersons “doch lieber sind uns jene, die uns zurückweisen” richtungsweisend vorangestellt wird.
Fiasko: Freaking Epicness
In der ersten Geschichte, “Der Feminist” beschreibt Tulathimutte die Wirrungen eines Campus-Zöglings, der es einfach nicht schafft, die Aufmerksamkeit von jenen Frauen zu bekommen, die ihm gefallen: “Auf dem Campus bekommen weiterhin die Reichen, Schönen und Breitschultrigen die ganze Aufmerksamkeit”. Der Protagonist hat sehr schmale Schultern und wundert sich über die “promisken Lurche” die sogar noch vor ihm zum Zug kommen. Beim Online-Dating wird ihm dann schnell klar, dass man die Wahl hat “zwischen Täuschung und einer Form von Ehrlichkeit, die mit Täuschung nicht mithalten kann”. Aber als letzter “Dudebro” oder “Creep” will er definitiv nicht überbleiben. Die zweite Geschichte, “Pics” ist in einem ähnlichen Milieu angesiedelt, hat aber eine Frau, Alison, zur Hauptperson, die sich im Chat-Room mit ihren Freundinnen stets über ihre Fortschritte absichert. Die Chats sind vom Autor so geschrieben, als würde man wirklich bei einer fremden Person mitlesen und schreien geradezu vor Ironie und Sarkasmus. Denn wenn sich Menschen wirklich so unterhalten und das alles ist, ist es vielleicht doch besser zu schweigen. “Ahegao oder: Die Ballade von der unterdrückten Sexualität” legt weitere Wunden der Millenials offen. “Alles ist watteweich und unspektakulär”, schreibt er über Kant, den Protagonisten dieser Geschichte, der sich sein Leben darauf ausgerichtet hat, “das Fehlen von Beziehungen zu kompensieren”. Eine witzige Szene mit einer Sexpuppe und “ein paar Aspirin gegen Schmerzen und Blutgerinnung” zeigen wie humorvoll Tulathimutte mit den Wehleidigkeit seiner Generation umzugehen weiß.
“Unsere Zukunft wird Dope” und gucci
“Ihre Kompatibilität beruht auf der geteilten Vorliebe dafür, sehr viel Zeit gemeinsam schweigend zu verbringen.” Ist dieser Satz der Ausdruck absoluter Traurigkeit und Einsamkeit oder drückt er vielmehr die Verbundenheit zweier Personen aus, die ganz ohne Worte auskommen und sich dennoch vertraut sind? In der vierten Geschichte “Unsere Zukunft wird Dope” läuft der Autor zur Hochform auf. Das verwendete Denglisch – typisch für die junge Generation – ist dermaßen witzig verbraten, dass man sich frägt, ob es im englischen Original überhaupt genauso lustig sein könnte. “Ich kenne safe mehr Slangwörter als irgendwer sonst, deshalb kann ich mit wirklich jedem chillen – Alter, Herkunft, Klasse, Race, Kultur egal -, und es ist immer Gucci. Der Protagonist schäumt förmlich über vor Sprachpointen, ein köstliches Abenteuer das in Melanoglossie enden könnte, wenn da nicht…”Main Character”, “Sechzehn Metaphern” und “Aw: Fiasko” schließen diesen Erzählrausch ab und machen Hoffnung auf eine neue Literaturentdeckung, die sogar mit ihrer eigenen Veröffentlichung seine Späße treibt. Der Brief seines (fiktiven) Herausgebers in “Aw: Fiasko” ist gleichzeitig eine Persiflage auf die Literaturkritik als auch eine bitterböse Abrechnung mit selbsternannten Auskennern der Literaturgeschichte aka Verlagsleitern. Das Durchbrechen der vierten Wand gelingt Tony Tulathimutte damit wie keinem zuvor. “Every rejection is God’s protection” ist der sarkastische Schlusssatz, der den Kritiker vor dem Autor und den Autor vor dem Kritiker schützt. Oder um es anders zu sagen “Rejection.Fiction” – so der Originaltitel – ist das Buch zur Stunde und voller Humor, Selbstironie und einer Sehnsucht nach Nähe, die heutzutage wohl nur mehr gute Literatur gewähren kann… Nominiert für den National Book Award, Best Book of the Year in The New York Times, Time Magazine, New Yorker u. v. m.
Tony Tulathimutte
Fiasko
Fiktionen
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr
2026, Hardcover, 4. Auflage, 384 Seiten
ISBN: 978-3-423-28577-3
dtv
26,00 €


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