Schon Lilith sei eine Femme fatale gewesen, schreibt die Wienerin Samra Kljajic in ihrem in die 4. Auflagen gehenden Bestseller über die weiblichen Akteurinnen in der Geschichte der Menschheit. Denn Frauen waren nicht nur die Mütter von Herrschern, sondern legten auch selbst Hand an.
Pandora’s Box
Der Ausdruck Femmes Fatales suggeriert, dass männliche Schwäche eine Folge von weiblicher Manipulation sei. Weibliche Sexualität werde dabei als Bedrohung inszeniert, das gelte für damals ebenso wie für heute. Dabei wäre es in frühen Kulturen des Neolithikums noch primär als Ursprung und nicht als Gefahr gesehen worden, wie etwa die Venus von Willendorf (29.000 Jahre) beweise. “Der Körper als kosmische Ressource.” In der Antike etablierte sich erst jene männliche Ordnung, von der heute noch einige profitieren. So würde Athene ihre Macht vor allem aus ihrer Jungfräulichkeit beziehen, Macht gedeihe also nur “stark getrennt von Sexualität bzw. Geschlechtlichkeit”. Athene wurde zur “Hüterin männlicher Ordnung, indem sie jene Frauen entmachtet, die außerhalb des akzeptierten Rahmens handeln”. Sie ist “die Ausnahme, die die Regel bestätigt”, ein “paradoxes Modell weiblicher Macht” also. Die wandernde Gebärmutter, die zur Hysterie führe, blieb bis ins 19.Jahrhundert präsent und wissenschaftlicher Konsens. Selbst Kant attestierte Frauen zwar “schönen Verstand”, also Intuition, aber keine Vernunft. Philosophische Erkenntnis blieb für ihn wie für viele andere männlich. Die mythische Legende in der griechischen Mythologie von Pandora, die “All-Begabte”, so die wörtliche Übersetzung ihres Namens, öffnete das Zeus’sche Gefäß und es entwichen Krankheit, Leid und Tod, die Hoffnung aber blieb zurück… Kleopatra und Jeanne d’Arc über Anne Boleyn, Madame de Pompadour, Katharina de’ Medici, Hürrem Sultan und Maria Theresia bis zu Marie Antoinette, Lola Montez und Mata Hari zeigten wie es auch anders geht.
Querelles des Femmes
Samra Kljajic unternimmt in ihrer Darstellung der “weiblichen Macht im Schatten der Geschichte” einen wilden Ritt durch Nationen, Länder und Adelsgeschlechter, aber auch durch Frühzeit, Antike, Mittelalter, Renaissance sowie die Gegenwart. Sie greift die klassischen Narrative der Geschichtswissenschaft, die von Jules Michelet und Jacob Burkhardt geprägt wurden an und beklagt die Unsichtbarkeit von Frauen in der (männlichen) Geschichtsschreibung. Dieser setzt sie ihre teilweise auch kurzbiographisch gehaltenen Essays entgegen, die zeigen, was für eine wichtige Rolle Frauen in der Geschichte – tatsächlich immer schon – gespielt haben. Nicht nur als Heilige, Opfer oder negative Vorbilder, sondern durchaus auch als das genaue Gegenteil. So erfahren wir etwa auch, dass das Wort “wip”, später “Weib” eine neutrale Bezeichnung für Frau gewesen sei, während die “frouwe” die Herrin im Hause war. Auch ob Krieg tatsächlich immer nur Männersache gewesen sei, stellt die Autorin in Frage und liefert gleich einige Gegenargumente: “konnotiert ja, praktiziert nein”, schließt sie etwa aus den Kreuzzügen. Besonders interessant ist das Kapitel über das Haus Osman, also die türkische Geschichte: “Durch den Verzieht auf politische Heiraten mit mächtigen Dynastien blieb das unmittelbare Umfeld des Sultans frei von rivalisierenden Schwiegerfamilien.” Die Mutter des Sultans hätte entschieden, welche Konkubine (des Harems) Zugang zu ihrem Sohn erhielt. Auch die Kira – Vermittlerinnen zwischen Harem und Außenwelt – spielten eine wichtige Rolle im Machtgefüge. Und wie trug eigentlich die Halskette der Königin zum Sturz einer ganzen Dynastie bei?
Samra Kljajic
Femme fatale. Die weibliche Macht im Schatten der Geschichte
2026, Taschenbuch, 4. Auflage, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-35271-0
dtv
15,00 €


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