Klug und bitterböse
Der dritte Roman «Toxibaby» der Schriftstellerin Dana von Suffrin sei «Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann», heißt es hinten auf dem Buchcover. Es handelt sich nämlich um eine destruktive Liebesgeschichte, was der Buchtitel ja schon andeutet, die in der Gegenwart angesiedelt ist und mit all den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten der Millennials verwoben. Kennzeichnend für den Stil, in dem die Autorin erzählt, ist eine ungehemmte Zuspitzung zwischen politischen Vorurteilen und desaströsen sozialen Bindungen, die hier in satirischer Schärfe erfolgt. Gleichwohl wird aber auch eine anrührende Liaison geschildert, die trotz allem Streit immer wieder auch mal sanfte, zärtliche Momente aufweist.
Ich-Erzählerin des Romans ist Herzchen Goldberg, eine erfolgreiche junge Schriftstellerin (sic!), die an einem neuen Roman schreibt und sich dabei schwer tut. Ihre euphorisch begonnene Beziehung mit dem vierzigjährigen Toxi, den sie, der titelgebende Kosename sagt es bereits, nur Toxibaby nennt, wird schon bald von einem ständigen Auf und Ab zwischen Liebe und Streit geprägt. Er ist politisch ein strammer Marxist, trinkt, nimmt häufig Drogen, lebt in prekären Verhältnissen oft ohne Job und ist ständig in Geldnöten. Sie verdient sehr gut, hat für ihren geplanten Roman sogar schon 160.000 Euro Vorschuss bekommen und übernimmt quasi alle Kosten, auch die für seine überteuerten Klamotten, die er sich selbst ja gar nicht leisten könnte. Beide sind Intellektuelle, die in Hingabe und Abhängigkeit eng miteinander verbunden sind, die aber auch ständig aneinander geraten und in endlosen Disputen die Klinge kreuzen. Wobei er meist die Oberhand behält auch mit den absurdesten Thesen. Ihre Repliken beginnen dann oft mit «Aber Toxi», – oder sie gibt klein bei, um der Harmonie willen. Obwohl er bald nach Beginn ihrer Liaison zu ihr gezogen war, erweist sich die Zweisamkeit als brüchig, denn sie trennen sich immer wieder, mal nur für kurze Zeit, zuweilen aber auch monatelang. Herzchen benutzt diese Auszeiten als Zeitmarken, sie berichtet zum Beispiel, wie es ihr «nach der zwölften Trennung» ergangen sei. Meist kommt Toxi von allein zurück, aber wenn er gar zu lange wegbleibt, sucht Herzchen ihn reumütig wieder auf, ihr Gang nach Canossa sozusagen.
«Beide sind nicht geneigt, an ihren Problemen zu arbeiten», hat die Autorin dazu erklärt. Es ist die beklemmende Geschichte zweier Großstadt-Neurotiker, die Dana von Suffrin hier in einem amüsanten Stil – wohl ganz bewusst auch voller gängiger Klischees – erkennbar lustvoll erzählt. Mit Protagonisten, die intelligent sind, konsumorientiert und markenhörig, wie am Beispiel von Toxi deutlich wird, für dessen übersteigertes Stilbewusstsein das Beste gerade gut genug ist. Und er macht schlichtweg einfach die Gesellschaft für alle seine Probleme verantwortlich. «Wir sind die schwierigsten Leute überhaupt, es ist kein Wunder, dass es uns so schwer fällt» sagt Herzchen an einer Stelle selbstkritisch. Toxi selbst bleibt in seinem Wesen eine unerklärliche Figur, was ihn auf bestimmte Weise sogar attraktiv macht, – auch als Macho, der er ist. Herzchen hingegen durchläuft im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung zwischen Weltschmerz und ihrem Wunsch nach Romantik, zwischen Verzweiflung und Zuversicht, die für sie ganz persönlich die Entwicklung zu einer problemloseren Normalität andeutet.
Das Thema Jüdischsein in Deutschland, das in Dana von Suffrins Romanen bisher im Fokus stand, ist hier nur vage als Nebenstrang in die Erzählung eingeflochten. Zum eigentlichen Thema ihres Romans hat sie im Interview erklärt: «Die Generation vor uns sind Babyboomer, in den Wohlstands-Jahrzehnten nach dem Krieg aufgewachsen, mit großer materieller Sicherheit, mit ganz klaren Werten, mit einem klaren Arbeitsethos”, und dann hinzugefügt: «Das sind alles Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind». Ihre vom Zeitgeist geprägte Liebesgeschichte erzählt davon in langen, klug konstruierten Sätzen voller verblüffender Dialoge zwischen den Protagonisten. Trotz lästiger Längen ist Toxibaby mit seiner satirisch deutlich übertriebenen Erzählweise amüsant zu lesen, klug und bitterböse gleichermaßen, – eine vor allem aber nachdenklich machende Lektüre!
Fazit: lesenswert
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