Toxibaby

Klug und bitterböse

Der dritte Roman «Toxibaby» der Schriftstellerin Dana von Suffrin sei «Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann», heißt es hinten auf dem Buchcover. Es handelt sich nämlich um eine destruktive Liebesgeschichte, was der Buchtitel ja schon andeutet, die in der Gegenwart angesiedelt ist und mit all den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten der Millennials verwoben. Kennzeichnend für den Stil, in dem die Autorin erzählt, ist eine ungehemmte Zuspitzung zwischen politischen Vorurteilen und desaströsen sozialen Bindungen, die hier in satirischer Schärfe erfolgt. Gleichwohl wird aber auch eine anrührende Liaison geschildert, die trotz allem Streit immer wieder auch mal sanfte, zärtliche Momente aufweist.

Ich-Erzählerin des Romans ist Herzchen Goldberg, eine erfolgreiche junge Schriftstellerin (sic!), die an einem neuen Roman schreibt und sich dabei schwer tut. Ihre euphorisch begonnene Beziehung mit dem vierzigjährigen Toxi, den sie, der titelgebende Kosename sagt es bereits, nur Toxibaby nennt, wird schon bald von einem ständigen Auf und Ab zwischen Liebe und Streit geprägt. Er ist politisch ein strammer Marxist, trinkt, nimmt häufig Drogen, lebt in prekären Verhältnissen oft ohne Job und ist ständig in Geldnöten. Sie verdient sehr gut, hat für ihren geplanten Roman sogar schon 160.000 Euro Vorschuss bekommen und übernimmt quasi alle Kosten, auch die für seine überteuerten Klamotten, die er sich selbst ja gar nicht leisten könnte. Beide sind Intellektuelle, die in Hingabe und Abhängigkeit eng miteinander verbunden sind, die aber auch ständig aneinander geraten und in endlosen Disputen die Klinge kreuzen.  Wobei er meist die Oberhand behält auch mit den absurdesten Thesen. Ihre Repliken beginnen dann oft mit «Aber Toxi», – oder sie gibt klein bei, um der Harmonie willen. Obwohl er bald nach Beginn ihrer Liaison zu ihr gezogen war, erweist sich die Zweisamkeit als brüchig, denn sie trennen sich immer wieder, mal nur für kurze Zeit, zuweilen aber auch monatelang. Herzchen benutzt diese Auszeiten als Zeitmarken, sie berichtet zum Beispiel, wie es ihr «nach der zwölften Trennung» ergangen sei. Meist kommt Toxi von allein zurück, aber wenn er gar zu lange wegbleibt, sucht Herzchen ihn reumütig wieder auf, ihr Gang nach Canossa sozusagen.

«Beide sind nicht geneigt, an ihren Problemen zu arbeiten», hat die Autorin dazu erklärt. Es ist die beklemmende Geschichte zweier Großstadt-Neurotiker, die Dana von Suffrin hier in einem amüsanten Stil – wohl ganz bewusst auch voller gängiger Klischees – erkennbar lustvoll erzählt. Mit Protagonisten, die intelligent sind, konsumorientiert und markenhörig, wie am Beispiel von Toxi deutlich wird, für dessen übersteigertes Stilbewusstsein das Beste gerade gut genug ist. Und er macht schlichtweg einfach die Gesellschaft für alle seine Probleme verantwortlich. «Wir sind die schwierigsten Leute überhaupt, es ist kein Wunder, dass es uns so schwer fällt» sagt Herzchen an einer Stelle selbstkritisch. Toxi selbst bleibt in seinem Wesen eine unerklärliche Figur, was ihn auf bestimmte Weise sogar attraktiv macht, – auch als Macho, der er ist. Herzchen hingegen durchläuft im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung zwischen Weltschmerz und ihrem Wunsch nach Romantik, zwischen Verzweiflung und Zuversicht, die für sie ganz persönlich die Entwicklung zu einer problemloseren Normalität andeutet.

Das Thema Jüdischsein in Deutschland, das in Dana von Suffrins Romanen bisher im Fokus stand, ist hier nur vage als Nebenstrang in die Erzählung eingeflochten. Zum eigentlichen Thema ihres Romans hat sie im Interview erklärt: «Die Generation vor uns sind Babyboomer, in den Wohlstands-Jahrzehnten nach dem Krieg aufgewachsen, mit großer materieller Sicherheit, mit ganz klaren Werten, mit einem klaren Arbeitsethos”, und dann hinzugefügt: «Das sind alles Sicherheiten, die bei uns verschwunden sind». Ihre vom Zeitgeist geprägte Liebesgeschichte erzählt davon in langen, klug konstruierten Sätzen voller verblüffender Dialoge zwischen den Protagonisten. Trotz lästiger Längen ist Toxibaby mit seiner satirisch deutlich übertriebenen Erzählweise amüsant zu lesen, klug und bitterböse gleichermaßen, – eine vor allem aber nachdenklich machende Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Herz in der Faust

Menschenverachtung versus Menschlichkeit

Der neue Roman «Herz in der Faust» des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon ist in seinem Heimatland schnell zum Bestseller avanciert, es ist sein bis dato zehnter Roman. Auch als Journalist erfolgreich tätig, ist er zuletzt vor allem als Redakteur der Zeitung «Le Canard enchaîné», der bedeutendsten satirischen Wochenzeitung in Frankreich, bekannt geworden. Mit authentischem Hintergrund erzählt er hier die Geschichte eines Jungen, der als 13Jähriger in eine so genannte «Korrektionsanstalt» kommt, wo die jugendlichen Insassen derart brutal behandelt werden, dass ihre Wut darüber in pure Gewalt mündet. «Unsere Wut war überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül», heißt es im Roman. Wie schon der Buchtitel es ausdrückt, wurde ihr menschliches Herz nicht nur symbolisch durch die kämpferische Faust ersetzt.

Der von seinen Eltern verstoßene Jules war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde, eher Mitläufer als Täter, in das blasphemisch frech als «Korrektionsanstalt» bezeichnete Straflager für Jugendliche auf der Zitadelle der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer eingewiesen. Als Ich-Erzähler berichtet Jules, der von allen nur «Kröte» genannt wird, von der brutalen Gewalt, die dort allgegenwärtig ist. Sie wird von heimtückischen Aufsehern und Kapos ausgeübt, die sadistisch die jugendlichen Insassen misshandeln und oft völlig grundlos sogar krankenhausreif schlagen, ohne deshalb je zu Rechenschaft gezogen zu werden. Auch die dort tätige und mit all den mutwillig zugefügten Verletzungen der Jungens voll beschäftigte Krankenschwester Sophie kann an diesen vom Direktor der Anstalt ausdrücklich gutgeheißenen Strafmaßnahmen nichts ändern, – und der Anstaltsarzt drückt beide Augen zu. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten und werden gegen Entgelt sogar extern, zum Beispiel bei Erntearbeiten, eingesetzt. Alle Ausbruchsversuche sind bisher gescheitert, die Mauern sind hoch, und wer sie dennoch überwindet, der scheitert spätestens am Atlantik, denn die Insel zu verlassen ist völlig unmöglich. Gleichwohl, die verzweifelten jungen Inhaftierten versuchen es immer wieder!

So auch im August 1934, als nach einer Meuterei 56 Jugendlichen eine Massenflucht gelingt, unter ihnen auch der inzwischen zwanzigjährige Jules. An der Jagd auf die Häftlinge beteiligen sich auch viele Bewohner der Insel, immerhin ist ein Kopfgeld von zwanzig Franc auf sie ausgesetzt. Nach und nach werden alle gefasst, nur Jules nicht. Er kann sich schwimmend mit letzter Kraft auf ein ankerndes Fischerboot retten, wird dort aber frühmorgens von dessen Kapitän aufgestöbert, der zum Fang auslaufen will. Nach kurzem Kampf überwältigt der überraschte Käpt’n den Ausreißer, bietet ihm aber auch an, als Decksjunge mit zum Sardinenfang hinauszufahren. Den später eintreffenden vier Crewmitgliedern erklärt er, Jules wäre sein Neffe, der für den erkrankten Decksjungen einspringe. Diese nicht ganz ungefährliche Fluchthilfe des Käpt’n hat Jules dem Umstand zu verdanken, dass der Sardinen-Fischer zutiefst verärgert ist über die politischen Zustände im Lande. Er nimmt Jules auch mit nach Hause, wo der davon überrascht wird, dass Sophie, die Krankenschwester aus der Anstalt, die Frau des Käpt’n ist. Das Paar will dem jungen Mann eine Lebens-Perspektive geben, sie nehmen ihn auf wie Ersatzeltern und bringen ihn in einem nicht benutzten Zimmer ihres Hauses unter, das einst das Kinderzimmer ihres mit fünf Jahren verstorbenen Sohnes war.

Der nüchtern und sachlich ohne jedes Pathos, aber stets wütend und anklagend erzählte Roman bleibt mit seiner turbulenten Fluchtgeschichte bis zum Ende spannend, ab dem Ausbruch insbesondere natürlich durch die latent lauernde Gefahr einer Enttarnung des Protagonisten. Im Original trägt dieser Roman den Titel «L´Enragé«, was «Der Wütende» bedeutet und darauf hindeutet, das Jules wirklich nicht nur Opfer ist. Den auf Böses gefassten Leser erwartet eine hoch emotionale Lektüre, die um das Gegensatzpaar Menschenverachtung und Menschlichkeit kreist und im Epilog mit einem durchaus passenden Paukenschlag überraschend stimmig endet!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Der Absturz

Psychologische Nabelschau

Auch der neueste Roman «Der Absturz» des französischen Schriftstellers Eddy Bellegueule, der schon als Kind wegen seiner Homophobie häufig diskriminiert wurde und deshalb unter  dem Namen Édouard Louis schreibt, beschäftigte sich wieder mit emotionalen Verwerfungen innerhalb seiner in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Nach einem Band über seinen Vater und zwei weiteren über die Mutter wendet er sich nun auch noch seinem älteren Bruder zu. Wegen dieser speziellen Thematik und seiner rigiden Gesellschaftskritik gilt der Autor in den Feuilletons als einer der frühen und prägenden Schriftsteller politisierter, autofiktionaler Herkunfts-Erzählungen. Allerdings hat er erklärt, nie wieder über seine Familie schreiben zu wollen, «Der Absturz» wäre nun der Abschluss seiner literarischen Bearbeitung dieser Thematik.

«Als ich vom Tod meines Bruders erfuhr, empfand ich nichts; weder Traurigkeit, noch Verzweiflung, noch Erleichterung, noch Freude. Ich nahm die Nachricht auf wie den Wetterbericht oder wie man jemandem zuhört, der vom Einkauf im Supermarkt erzählt». Mit dem verbalen Paukenschlag dieser beiden Sätze beginnt die beklemmende Geschichte einer posthumen Auseinandersetzung mit dem verstorbenen, 38 Jahre alten Halbbruder, den der Ich-Erzähler seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Er war drogensüchtig und ein schwerer Alkoholiker, nach einem Herzstillstand wurde er tot in seiner Wohnung aufgefunden. Völlig ungerührt fährt Édouard zu ihrer gemeinsamen Mutter, die mit ihm und seiner Schwester über die zu entscheidenden und zu erledigenden bürokratischen Schritte nach einem Todesfall beraten will. Es entbrennt schon bald eine heftige Diskussion, weil die Schwester ganz bestimmte Vorstellungen hat, wo er beerdigt werden soll und welche Feierlichkeiten angemessen wären. Als es dann um die Bezahlung der anfallenden Kosten geht, zu denen die in prekären Verhältnissen lebende Mutter rein gar nichts beitragen kann und die Schwester ebenso, kommt es zum Streit. Denn Édouard ist absolut nicht bereit, dafür zu bezahlen, die Kosten für die gesetzlich vorgeschriebene Beerdigung müsse der Staat tragen. Über den toten Bruder selbst aber verlieren sie alle in diesem Gespräch kein einziges Wort!

Nach und nach erzählt der Autor in Rückblenden, wie der zehn Jahre ältere Bruder schon als Kind auf die schiefe Bahn gelangt ist. Er hat die Schule geschwänzt und später die Ausbildung, wurde gewalttätig und kriminell und blieb immer öfter von zu Hause weg. Erst nur mal eine Nacht, dann mehr, und schließlich kam er irgendwann gar nicht mehr nach Hause. Édouard hingegen konnte den prekären Verhältnissen der Familie und der latenten Gewalt seines Vaters entkommen, ging aufs Gymnasium und hat dann in Paris studiert. Jetzt versucht er im Nachhinein, in Gesprächen mit der Familie und den ehemaligen Freundinnen seines Bruders zu verstehen, wie es überhaupt zu dessen tragischem Absturz kommen konnte.

In diesem zwischen Realität und Fiktion angesiedelten Roman geht es dem Autor um Wahrhaftigkeit. «Wenn ich schreibe, will ich so wahr wie möglich über die Welt schreiben. Ich habe immer den Eindruck, dass die Wirklichkeit selten vorkommt», hat er im Interview erklärt. Herausgekommen ist dabei eine psychologisch breit angelegte, analytische Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familiengeschichte, die gleichzeitig auch eine soziologische Anklageschrift ist, was die Probleme in Familien generell betrifft. Die eigene im Buch lässt er übrigens über seine permanente Nabelschau protestieren, – immerhin so etwas wie Selbstkritik! Die psychologisch bedeutsamste Frage aber, warum es denn so weit kommen musste mit dem ältesten Bruder, und warum ausgerechnet er auf die lieblose Erziehung derart heftig reagiert hat, die bleibt letztendlich leider offen. Allzu vieles wird hier nur vage angedeutet. Stilistisch, dem Thema entsprechend, kühl und emotionslos erzählt, ist dieser von herben Enttäuschungen und vielen Demütigungen erzählende Roman jedenfalls weder eine erfreuliche Lektüre noch eine kontemplativ bereichernde!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

250 Jahre Amerika: América

América. Reich und arm, oben und unten, liberal und konservativ: Welten prallen aufeinander in diesem Roman, der 1995 unter dem Original-Titel “The Tortilla Curtain” erstmals erschien. Boyle beschreibt in “América” genau das Klima, das den Aufstieg eines gewissen Mannes mit rotblondem Haarschopf zum US-Präsidenten ermöglichte.

Das Land der unbegrenzten Gegensätze

“América” ist der Name einer illegalen mexikanischen Einwanderin, die mit Cándido, dem Mann ihrer Schwester Resurrecion, in den USA ihr Glück versucht. Gerade einmal 17 Jahre alt ist sie und Cándido doppelt so alt aber leider nicht doppelt so intelligent. Wie der Candide in Voltaire’s 1759 erschienen “Candide ou l’optimisme” stolpert Boyle’s Anti-Held durch diesen Roman und führt den Optimismus eines Emigranten genauso ad absurdum wie einst Candide in Voltaire’s satirischem Schelmenstück. Es scheint als hätte Cándido alles Pech der Welt für sich gepachtet, zuerst wird er von dem rotblonden Nachfahren deutscher Einwanderer, Delaney Moosbacher, mit dem Auto angefahren und dann muss er es zulassen, dass seine 17-jährige Frau, América, für ihn arbeiten geht. Das verletzt ihn ebenso in seinem männlichen Stolz wie die Tatsache, dass er ihr nicht einmal eine Unterkunft bieten kann und sie gezwungen sind, in einem Canon zu campen. Illegal selbstverständlich. In einer gekonnten Parallelmontage beschreibt Boyle aber auch die Welt des “Pilgers” Delaney, der ab und zu ein paar Artikel über die Natur Kaliforniens schreibt und sich ansonsten von seiner Frau Kyra, der gutverdienenden Immobilienmaklerin, versorgen lässt. Natürlich haben sie auch einen Sohn, zwei Hunde, eine Katze und ein Eigenhäuschen. Aber auch diese Besitztümer sind bald gefährdet: die Hunde durch die umherstreifenden Coyoten, die Katze durch andere “Fleischfresser” und das Haus durch ein wild wütendes Feuer. Zwischen seinen Wanderungen streitet sich der Liberale Delaney mit seinen Nachbarn, die unbedingt eine Mauer (sic!) um ihr Viertel errichtet haben wollen, “…but he won’t back down”.

Von einer (hausgemachten) Naturkatastrophe zur nächsten

Wohlgemerkt: der Roman wurde Mitte der Neunziger Jahre geschrieben und dennoch enthält er bereits alles, was dieses unglaubliche Land, Amerika, heute bis an den Rand der Zerstörung bringt: Rassismus, Sexismus, Klassismus. Natürlich hält T. C. Boyle am Ende seines Romans auch eine ordentlich Pointe bereit, aber allein das abwechselnde Lesen der beiden unterschiedlichen Erlebniswelten, Delaney und Cándidos, bereitet schon sehr viel Vergnügen und kann als Momentaufnahme des Klimas gewertet werden, das den jetzigen US-Präsidneten an die Macht brachte. Mit beißender Ironie beschreibt Boyle die Auseinandersetzungen Delaney’s mit seinen Nachbarn und ihrer kleinen Probleme. Umso präziser ist er noch in der Beschreibung des Elends der Migranten unter denen es natürlich genauso viel Gute wie Schlechte gibt, ebenso wie bei den weißen Amerikanern. Allerdings bleibt einem bei aller Ironie das Lachen oft im Halse stecken, wenn man bedenkt, wozu diese Diskussionen und Einstellungen geführt haben. “Eine Mauer hochziehen. Genau das hatten sie vor. Deshalb waren sie zusammengekommen. Das war der Zweck des Treffens.” Das Schüren von Ressentiments von unverantwortlichen Politikern gegen alles Fremde, die mit Hilfe ihres Populismus einfach nur ihre Macht erhalten wollen, zeichnet die konservative Rechte nicht nur in den USA aus. Im zweiten Kapitel “El Tenksgivih” in dem Boyle die ureigenste Tradition des Erntedankfestes, “Thanksgiving”, aufs Korn mit kulminiert die Handlung schließlich in einem Feuer, wie es viele Bewohner Los Angeles 2025 tatsächlich erleben mussten. Doch im dritten Kapitel wird “Soccorro” geboren, eine waschechte Nordamerikanerin. Ihr Vater: Cándido, ein “Versager, Narr, ein Bauerntölpel, ein Dummkopf”. Ein rasanter Showdown läuft dann auf ein Duell zwischen Delaney und Cándido hinaus, doch es wartet schon die nächste Naturkatastrophe.

T. C. Boyle
América
Roman
Übersetzung: Übersetzt von Werner Richter
2025/2006, 17. Auflage, Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN : 978-3-423-20935-9

dtv
15,00 €


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Nostromo

Der Mann für die Drecksarbeit

Der politische Roman «Ostromo» des in der heutigen Ukraine geborenen Schriftstellers Józef Teodor Konrad Korzeniowski gehört zu seinen drei wichtigsten Werken. In der Fachwelt zählt der unter dem Namen Joseph Conrad in englischer Sprache publizierende Autor zu den wichtigsten Schriftstellern des 19ten Jahrhunderts. Auch dieser komplexe Roman ist geprägt von seinen eigenen Erfahrungen auf Reisen in ferne Länder während der zu Ende gehenden Kolonialzeit, wobei ihm allerdings auch häufig Rassismus vorgeworfen wurde. Der Buchtitel leitet sich mutmaßlich ab von «nostro uomo», was als Verballhornung des Italienischen «Unser Mann» bedeutet, also ein für die Mächtigen nützlicher und verlässlicher Helfer, der für sie die Drecksarbeit macht. Wie der Autor in seinem Nachwort erklärt, wurde er für den Roman Nostromo durch eine wahre Geschichte inspiriert, bei der ein beherzter Mann während revolutionärer Wirren bei der Schiffsentladung einen ganzen Leichter voll Silber gestohlen hat – und nie erwischt wurde!

Schauplatz der Handlung ist die fiktive südamerikanische Provinz Costaguana, die zerrissen ist von ständigen politischen Umstürzen. In dieser nicht zu regierenden Bananen-Republik kämpfen verschiedene Cliquen der Reichen um die Macht, unterstützt zum Teil vom Ausland her, insbesondere von den ehemaligen Kolonialmächten Großbritannien und Italien. Es herrscht ein rigides System von Unterdrückung in einer Vier-Klassen-Gesellschaft, wo die jeweils niedere Klasse gnadenlos ausbeutet wird. So verlangt denn auch die Provinz Sulaco für eine nahe am Meer gelegene Silbermine weiterhin ein einst vereinbartes jährliches Nutzungsentgelt, obwohl sie inzwischen längst eingestürzt und aufgegeben ist. Als der hilflose Eigentümer Gould vor lauter Gram stirbt, nimmt sich sein Sohn, der in England Bergbau studiert hat, beherzt der Sache an. Er findet einen potenten Investor, mit dessen Hilfe der Betrieb wieder aufgenommen werden kann. Nach der für Joseph Conrad typischen Erkenntnis, dass die Gier nach Macht und Geld die Kraft hat, alles zu zerstören, muss allerdings auch diese Geschichte letztendlich scheitern.

Zentrale Figur in diesem ausufernden Epos ist der titelgebende Nostromo, als Exil-Italiener und ehemaliger Seemann ein Mann aus dem Volke, der in Sulaco gestrandet war. Er wurde als Adoptivsohn von einer Familie aufgenommen und arbeitet nun als Vorarbeiter der Schauerleute am Hafen, man nennt ihn dort ehrfurchtsvoll «Capataz de Cargadores». Als furchtloser Gewaltmensch wird er von allen geachtet, er ist ein Mann des Volkes, der Autor bezeichnet ihn sogar ausdrücklich als «Mann von Charakter». Gleichzeitig aber wird dieser gefürchtete Tatmensch von den jeweils Herrschenden als Mann für die Drecksarbeit instrumentalisiert. Sein Chef ist Kapitän Mitchell, der die örtliche Niederlassung einer englischen Schifffahrts-Gesellschaft leitet, die auch den Hafen von Sulaco betreibt. Für seinen Chef ist er «einer jener unbezahlbaren Untergebenen, die zu besitzen ein begründeter Anlass zur Prahlerei ist», – er leiht ihn sogar gern mal an Verbündete aus, für die er dann tätig werden muss. Ein nützlicher Idiot mithin, denn er steht in diesem korrupten politischen System immer auf verlorenem Posten, ohne es zu erkennen.

Stilistisch lebt diese komplexe Geschichte von ihrer alles beherrschenden Bildkraft, der Plot ist da fast schon Nebensache. Der Autor hat sich dazu auch ausdrücklich bekannt, seine Aufgabe sähe er darin, den Leser «sehen» zu lassen, hat er erklärt. Kein Wunder also, dass dieser cineastisch angelegte Roman als Melange aus einer Tragödie mit einem Abenteuerroman sowie gesellschafts-kritischen Elementen auch erfolgreich verfilmt wurde. Raffiniert aufgebaut und wortgewaltig geschrieben ist dieses Buch, das 1904 bei seinem ersten Erscheinen ein Misserfolg war, ein wahrer Genuss für den sprachlich orientierten Leser, an dem übrigens auch die neue Übersetzung ihren nicht zu unterschätzenden Anteil hat.. Eine weitere Stärke dieses zeitlosen Klassikers ist seine psychologisch tiefgründige Figuren-Zeichnung. Angesichts der schieren Textmasse erwartet geduldige Leser immerhin eine wahrhaft zeitlose Lektüre!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Manesse Verlag München

Ganz zu schweigen von: Offene Rechnung

Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.

Arbeitslos, impotent, voyeuristisch

Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…

Ganz zu schweigen von…

“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…

Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80


Genre: Roman
Illustrated by Diogenes

Ist es Liebe

Vom Zufall der Geburt

Der zweite Roman der Schriftstellerin und Schauspielerin Valery Tscheplanova weist mit seinem fragenden Titel deutlich auf seine Thematik hin, dem in der Belletristik scheinbar unerschöpflichen Genre der Liebe. Aber welche Facetten kann die in Russland geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland lebende Autorin denn diesem ewigen Thema noch abgewinnen? Im Interview hat sie zu ihrem neuen Roman erklärt: «Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen». Gemeint hat sie jene Altlasten, die ja in der Regel spätestens nach drei Monaten Liebestaumel erkennbar würden. «Dieses Mitgebrachte wollte ich porträtieren und sagen: Das ist erstmal kein Hindernis». Stimmt das, fragt man sich!

Anne hat ein Studium als Schauspielerin absolviert und sich am Deutschen Theater in Berlin beworben. Sie liebt ihre Freiheit über alles, was dazu geführt hat, dass sie auch in ihren Beziehungen zu Männern immer ungebunden geblieben ist. Ihrem letzten Lover, als Informatiker ein Nerd durch und durch, hat sie gerade den Laufpass gegeben. Als sie bei einer Fahrt mit der U-Bahn auf einen bunt gekleideten Farbigen aufmerksam wird, der in seiner selbstbewussten Präsenz alle Blicke auf sich zieht, setzt sie sich in seine Nähe. Dann steigt ein Typ mit einer Gitarre zu und beginnt zu spielen, Anne lauscht ihm fasziniert und wirft fünfzig Cent in den herum gereichten Pappbecher. Nachdem sie ausgestiegen ist, ruft ihr jemand nach: «Excuse me, Miss». Der Farbige erklärt ihr auf Englisch, dass ihm gefallen habe, wie sie gerade eben der Musik zugehört hat. Sie kommen ins Gespräch, beim Trennen schreibt er eine Nummer auf seine Hand, sie soll sie fotografieren, wenn sie möchte. Natürlich ruft sie Richard dann auch an, und sie werden sehr schnell ein Paar. Er arbeitet in einer Bäckerei und verwöhnt sie gleich beim ersten Treff mit leckeren Backwaren, sie ziehen dann auch schon bald zusammen. Als Anne bald darauf schwanger wird, entschließt sie sich erst in der Abtreibungs-Klinik, unmittelbar vor dem Eingriff, dass sie das Kind doch lieber austragen will, – Karriere hin oder her!

In Rückblenden wird erzählt, wie Anne als Teenager unter massiven Essstörungen gelitten hat. Zuerst an Bulimie, bei der sie bis auf die Knochen abgemagert ist, dann aber auch an unstillbarer Fresssucht, die sie immer fetter werden lies und immer unattraktiver. Richard erzählt ihr nur sehr ungern aus seinem Leben. Erst nach und nach kann sie ihm entlocken, dass er aus einem riesigen Slumviertel in Nairobi stammt und unter desaströsen familiären Verhältnissen groß geworden ist. Durch einen glücklichen Zufall gelangte er in die italienische Botschaft, wo man ihm bei der illegalen Einreise nach Deutschland geholfen habe. Er lebte nur mit Duldungsstatus in Berlin und rechnete jederzeit mit seiner Abschiebung, ein Trauma, unter dem er sehr gelitten hat, – das nun aber durch seine Vaterschaft beseitigt ist. Mit der Geburt des Kindes ändert sich auch fast alles für Anne, sie allein ist es, die nun das Geld verdient. Richard tut so gut wie nichts mehr, kauft sich teure Klamotten und ist oft tagelang weg, er feiert in Nachtclubs ab und betrügt Anne nach Strich und Faden. Auslöser für seine Hemmungslosigkeit ist seine traumatische Jugend, die er nun geradezu zwanghaft zu kompensieren sucht. Es ist sein «Päckchen», das er als Altlast mit in die Beziehung gebracht hat, was Anne, zum Schrecken aller, letztendlich akzeptiert.

Durchaus bereichernd sind die Passagen des Romans, wo vom Theater erzählt wird, vor allem als Anne die Hauptrolle in «Alice im Wunderland» spielt. Was da aber zum eigentlichen Thema erzählt wird, das hat psychologisch leider wenig Tiefgang. Die beiden Protagonisten bleiben nämlich im Verhältnis zueinander in ihrem schwierigen Alltag stecken, daran ändert auch das Kind nichts. «Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren» redet Annes Schwester ihr ins Gewissen. «Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus». Von wegen «erstmal kein Hindernis», wie die Autorin erklärt hat, eine Katharsis fehlt nämlich in ihrem überkonstruierten Roman vom Zufall der Geburt!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Ein Königreich für eine Schnecke 

276 Schnecken. Gastropodologe oder Malakologe, Helikologe oder Conchologe nennt man jene, die sich mit den “Endlingen” beschäftig en. So wie Jewa. Sie besitzt 276 Schnecken, die sie in ihrem beweglichen Labor, ein Wohnmobil, züchtet. Doch dann schlägt ihr das junge Mädchen Nastja einen ganz anderen Deal vor.

Agentur “Romeo Meets Julija”

Die Schwestern Nastja und Sol besitzen ein Unternehmen. “Romeo Meets Julija” nennt sich ihre Heiratsvermittlungsagentur die berufstätige Unternehmer aus dem Westen mit arbeitssuchenden Frauen aus dem Osten zusammenbringen will. Gegen eine zusätzliche Gebühr selbstverständlich, denn der Aufwand die westlichen Junggesellen, die zu wenig Zeit haben selbst auf Brautschau zu gehen, weil sie ja so viel arbeiten müssen, ist recht umfangreich. Reisekosten, Verpflegung, Unterbringung, Dolmetscherinnen, Werbekosten und vieles mehr. Die Ehevermittlungen basieren aber nicht nur auf einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, sondern auch auf der Tatsache, dass in der Ukraine auf zehn Frauen nur 2,5 Männer kommen. Das liegt nicht nur am Alkohol oder am Krieg, sondern auch an der Auswanderung von Ukrainern. Für Nastja ist dieses Geschäftsmodell aber derart suspekt, dass sie dagegen etwas unternehmen will. Schließlich arbeiten sie einer Agentur zu, die wiederum von einer Mascha geleitet wird, die eventuell selbst noch weitere Verwicklungen in andere dubiose Geschäftspraktiken pflegt. Und als Nastja Jewa, die Schneckenzüchterin, kennenlernt, schließt sich für sie der Kreis: das Wohnmobil soll 12 Junggesellen entführen, um so international für Aufsehen zu sorgen und das Ende aller Heiratsvermittlungen einzuleiten. Aber zuerst muss sie Jewa, die alles andere als begeistert von der Idee ist, überzeugen. Doch denn bekommt sie den Tipp dass ein Exemplar ihrer aussterbenden Arten – sogenannte “Endlinge” – hinter der Front auf einem Baum lebt. Ein gefundenes Fressen für ihren Schützling “Lefty”, der sehnsüchtig auf eine Partnerin wartet.

Schneckenvermitllung auf Kanadisch

Doch dann macht nicht nur der Krieg mit Russland ihren Plänen ein Ende, sondern auch der Romanidee selbst. Maria Reva, die Autorin, hat kurzerhand die Ereignisse vom 20.2.2022 in ihren Roman mitaufgenommen und so den geplanten Plot ihres Romans über den Haufen geschmissen. Der Mittelteil sorgt zunächst also für etwas Verwirrung, wird aber dann im letzten Teil zu einem gelungenen Roman zusammengeführt, der zeigt, wie sehr der Krieg alle Ebenen der Gesellschaft durchdringt, erfasst und schließlich zerstört. Der “Tag der Himmlischen Hundertschaft” wird zum Stichtag der Entführung der 12 Männer durch die drei Frauen, der dicht hinter die russischen Kampflinien führt und in einer Schwejkschen Tragikomödie mit dichtem schwarzen Humor gepflastert ist. Als Tochter der fiktiven Frauenrechtlerin Jolanta Tschernow wird Nastja gezwungen in einem Film auf offenem (Schlacht-)Feld mit Brot und Salz die Okkupanten willkommen zu heißen. Aber ob sich aus dieser brenzligen Situation mit aufrechtem Rückgrat entziehen wird können, dafür hat die Autorin eine gute Lösung gefunden. Ebenso wie für die Fertigstellung ihres Romans während eines Krieges, der längst zu Ende sein sollte. Die aus der Ukraine stammende Autorin lebt in Vancouver/Kanada und wurde von der russischen Regierung 2022 mit Einreiseverbot belegt und hat bereits folgende Nominierungen und Auszeichnungen erhalten: Booker Prize (Longlist), Atwood Gibson Writers’ Trust Fiction Prize, Gordon Burn Prize (Shortlist), Climate Prize für Fiction (Longlist). Mehr zu Buch und Autorin hier. Ob Lefty am Ende doch noch eine Partnerin findet und somit nicht als Endling enden muss, verrät das Ende dieses außergewöhnlichen Romans einer vielversprechenden Autorin.

Maria Reva
Ein Königreich für eine Schnecke
Roman
Originaltitel: Endling
Aus dem kanadischen Englisch von Stephan Kleiner
2026, Hardcover, 480 Seiten
ISBN: 978-3-423-28548-3
diogenes
EUR 26,00 [DE] – EUR 26,80 [AT]


Genre: Roman
Illustrated by dtv

Sehnsucht – eine Meditation über Zeit

Wenn ich die Lächerlichkeit fürchten würde, wäre ich nicht Schriftsteller geworden.” Gleich dreimal Erwin Piontek lässt Szczepan Twardoch in seinem neuen Roman “Sagen wir, Piontek” (Originaltitel) auferstehen. Oder ist es ein Mensch mit drei Leben? Die Wahrnehmung der Zeit und die Rolle des Individuums sowie dessen Sehnsucht im Fokus.

Die Zeit und ihre Manifestationen

Der Piontek der Gegenwart, ein Bergmann im Ruhestand, kauft sich eine Segeljolle und kreist auf dem etwa zwölf Kilometer südlich von Plichowice gelegenen Stausee Rybnik. Durch die Wiederholung der Kreisbewegung fällt er in eine zeitliche Elipse 100 Jahre zurück und findet sich plötzlich in der Wüste Deutsch-Südwestafrikas inmitten eines Völkermords an den dortigen Hereros. Aber auch in eine düstere Zukunft lässt Twardoch blicken, wenn er das Leben des dritten Erwin Piontek in der heutigen Zukunft schildert. Als Doppelgänger ähnlich “Der Gefangene von Zenda” wird Erwin Piontek Präsident eines aus der NATO ausgetretenen von Russland besetzten Volksstaates Polen. Mit diesem tritt der Autor selbst, Szczepan Twardoch, in einen Dialog und sie einigen sich darauf, dass ersterer seine Geschichte selbst erzählen soll und der Autor ihn nicht mehr – in kursiv – unterbrechen solle. So wird aus dem Gespräch eine muntere Unterhaltung über die Fantasie eines Autors und der Freiheit gegenüber den von ihm erschaffenen Figuren. Ganz nebenbei will Szczepan Twardoch auch die historischen Ereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts erzählen und entwirft eine Dystopie, die wohl Europa auch als Warnung dienen soll. Aber noch ist Polen nicht verloren…

Die Vierte Wand

Du bist es jetzt, der sich selbst erzählt, Erwin, durch mich. Ich mache dich nicht mehr. Du selbst machst dich. Du selbst bist für dich verantwortlich.” Das Stilmittel “Sagen wir, …“, das Twardoch im Originaltitel des Romans verwendet, wird auch des öfteren im Roman selbst verwendet. Damit will er wohl andeuten, dass alles auch erfunden sein könnte, was es ja auch ist. Ein paar vulgäre Einsprengsel über das, was Matrosen auf hoher See sich gegenseitig für Gefallen tun erläutert Twardoch anhand der Erlebnisse des ersten Piontek. Dieser segelte mit Kapitän Schumacher auf der Ex Silesia Lux und musste dem Kapitän selbst diesen Gefallen des öfteren tun. Teilweise handelt es sich ja auch um Twardochs Familiengeschichte, wie er in einem Interview bekennt, aber wohl nicht in diesem pikanten Detail. Piontek (*1868), Piontek (*1946) und Piontek (*1979) dienen Twardoch also auch zur Darstellung der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Twardoch scheut auch nicht davor zurück die Bibel und die Bhagavadita zu zitieren oder sich selbst als Schriftsteller durch Piontek III als “Schweinhund” beschimpfen zu lassen. Aber am Ende versammeln sich alle drei Pionteks, ihre Angehörigen und der Autor friedlich um ein Lagerfeuer und Festmahl. Und so kommt zu Heidegger, “Moby Dick”, “Der Gefangene von Zenda” auch noch “Asterix” als Inspiration dieses wohl ersten humoristischen Romans Twardochs hinzu.

Szczepan Twardoch
Sehnsucht
Roman
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
2026, Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7371-0232-2
Rowohlt
24,00 €


Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die letzte Patientin

Psychologischer Doppelroman

Mit ihrem aktuellen Roman «Die letzte Patientin» hat Ulrike Edschmid ein Werk vorgelegt, das im Umfeld der 68er-Bewegung angesiedelt ist. Es handelt von zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht seien können, und beide Figuren durchleben eine ganz unterschiedliche, komplizierte psychologischen Phase ihres Lebens. Es sind zwei Geschichten, die da erzählt werden, zunächst die einer erlebnishungrigen, unkonventionellen jungen Frau auf der Suche nach ihrer Identität, die erst nach jahrelangen abenteuerlichen Reisen als Psychotherapeutin sesshaft wird und sich dann gesellschaftlich integriert. Erzählt wird diegetisch von einer nicht in das Geschehen einbezogenen Ich-Erzählerin. Deren spätere Freundin, eben jene namenlose Indentitäts-Sucherin, war 1973 in ihre Frankfurter WG  eingezogen und hat nach ihren wilden Jahren dann spät noch Psychologie studiert. Deren Briefe und Notizen sind es denn auch, nach denen hier posthum erzählt wird. Ab der Mitte des  Romans trifft sie auf eine junge Patientin, die sehr lange sprachlos bleibt und nur «N» genannt wird, «N wie Niemand».

Der autobiografisch inspirierte Roman beginnt mit einer Taxifahrt in Barcelona, wo die im Endstadium krebskranke, dann etwa sechzigjährige Psychotherapeutin in Begleitung ihrer ehemaligen Patientin ins Krankenhaus fährt, aus dem sie nicht mehr zurückkommen wird. In vielen kurzen Rückblenden wird anschließend der Weg jener Sinnsucherin nachgezeichnet, die sich gleich nach dem Studium in einen spanischen Anarchisten verliebt, von dem sie nur den Tarnnamen kennt, von dem sie sich aber schnell wieder trennt. Sie versackt in ihrer zwanzigjährigen, odysseeartigen Tour durch Südamerika, die sie u. a. nach Mexiko, Guatemala, Costa Rica, Bolivien und Argentinien führt und in die Betten sehr vieler, unterschiedlichster Männer, wird als Anhalterin auch zweimal vergewaltigt. «Wärme sei das Einzige, was sie von einem Mann wolle«, kann man da lesen. «Jedes Verlassen aber liefere sie aus an das Nichts. Und jedes Mal gehe eine Heimat verloren, die sie nie hatte. Sie zwinge sich, dieses Nichts auszuhalten, es genau zu betrachten, damit es seinen Schrecken verliere. Aber es verliere seinen Schrecken nicht. Es bleibe eine graue, kriechende Einsamkeit, kalt wie die Stube, in der ihr Kinderbett stand, sauber, ordentlich und leer». Alle ihre Beziehungen scheitern, aber das Alleinsein ist auch keine Option für die entwurzelte Frau.

Schließlich studiert sie auch noch Psychologie, eröffnet eine Praxis und erkrankt später an Brustkrebs, was sie als Zeichen deutet. Dann trifft sie auf «N», eine sechzehnjährige, drogenabhängige Patientin, die jahrelang sprachlos bleibt, zu der sie keinen Zugang findet, die aber ihrerseits unbedingt in therapeutischer Behandlung bei ihr bleiben will, so unsinnig das auch erscheint. Als Ausreißerin ähnlich wie ihre Therapeutin, war sie vor zwei Jahren aus ihrem Elternhaus in die Obhut des Sozialamts geflohen, vom Vater schwer traumatisiert und voller innerer Schreckensbildern, wie deren Leiterin erklärt habe. Diese kranke Innenwelt muss Außenstehenden jedenfalls unverständlich bleiben. Für die Therapie gilt es nun, heraus zu finden, durch welches äußere Ereignis dieses schreckliche Trauma bei «N» bewirkt worden sein könnte.

«Die meisten Menschen könnten Schicksalsschläge bewältigen oder verdrängen. Aber bei denen, die dazu nicht in der Lage sind, genüge irgendein Anlass, und ein Geschehnis aus der Vergangenheit breche mit aller Gewalt über sie herein». Ulrike Edschmid versucht in diesem Roman mit psychologischem Sachverstand möglichst präzise das Geheimnis des menschlichen Ichs zu erklären, auch wenn das laut Sigmund Freud von vornherein zum Scheitern verurteil ist. Der kurze Roman ist eine anregende Lektüre, die auf ein leider  etwas kitschiges Ende zuläuft, dabei zuweilen aber auch Zweifel aufwirft, was die Glaubwürdigkeit des Geschehens betrifft. Denn allein sechs Jahre wöchentliche Therapiesitzungen ohne ein Wort der Patientin «N» erscheint denn doch mehr als fragwürdig. Beides trübt das ansonsten positive, bereichernde Leseerlebnis.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Blautöne

Unisono praktiziertes Totschweigen

Der 2022 auf Deutsch erschienene Roman »Blautöne» der dänischen Schriftstellerin und Psychologin Anne Catherine Bomann beschäftigt sich mit dem Thema Trauer. Schon der Buchtitel weist versteckt darauf hin, denn der Blues gehört bekanntlich im Jazz zu den eher Traurigkeit ausdrückenden Varianten dieses musikalischen Genres. Im Buch nun geht es um die Frage, wie man medikamentös die Dauer verkürzen und die Intensität von Trauer verringern kann. Anders als bei ihrem erfolgreichen Debütroman «Agathe», der auch in den deutschen Medien durchaus positiv aufgenommen wurde, ist hier aber das beredte Desinteresse der Medien ziemlich rätselhaft. Das gab es hier nämlich noch nie in zwölf Jahren mit über tausend rezensierten Büchern, ist dieser Roman denn wirklich so schlecht, dass man ihn totschweigt?

Mitnichten, das wird schon nach wenigen Seiten deutlich. Die psychologische Frage nach unserem seelischen Schmerz wird von Anfang an in einem klug konstruierten Plot auf zwei verschiedenen, aufeinander zulaufenden Zeitebenen aus der Perspektive verschiedener Protagonisten geschildert. In dem universitären Setting des Romans geht es um ein neues Medikament, das ein dänischer Pharmakonzern über einen Zeitraum von mehr  als zehn Jahren hinweg entwickelt und auch international zur Zulassungsreife gebracht hat. In kurzen Kapiteln mit jeweils einer Zeitangabe als Titel werden nach und nach die verschiedenen Protagonisten eingeführt, beginnend im April 2011 mit «Elisabeth», leitende Forscherin dieses Pharmakonzerns. Ihr kleiner Sohn ist an einer unheilbaren, tückischen Krankheit verstorben, nachdem sie den Ärzten als Mutter zugestimmt hatte, die sinnlos gewordenen, künstlich lebenserhaltenden Maßnahmen abzuschalten. Sie versucht sich in ihrer Trauer durch Kickboxen abzulenken und stürzt sich in sexuelle Abenteuer. Dann tritt unter dem Datum September 2024 «Shadi» auf, eine mit ihrer Masterarbeit über Trauer beschäftigte Psychologie-Studentin. Mit «Thorsten» kommt dann ein Dozent ins Bild, der die mit Trauerforschung beschäftigte Gruppe betreut, zu der schließlich auch «Anna» stößt, die um ihren Vater trauert und zufällig auch über dieses Thema schreiben will. Er kann sie als Betreuer nicht mehr annehmen und schlägt ihr vor, sich mit Shadi zusammen zu tun, um eine umfangreichere Arbeit gemeinsam zu schreiben. Die kurz vor dem Abschluss stehende Studie der Uni Aarhus mit 400 Probanden soll Collacain, dem neuen Medikament, europaweit die für den Pharma-Konzern lukrative Zulassung sichern.

Intensive Trauerstörung wird unter dem Begriff «Prolonged Grief Disorder» seit geraumer Zeit dann als Krankheit anerkannt, wenn sie mit mehr als sechs Monaten zu lange dauert oder sogar überhaupt nicht mehr aufhört. Mit dieser Thematik entwickelt sich der Roman zunehmend zum Pharma-Thriller, denn die positiven Ergebnisse der universitären Forschungs-Gruppe für Wirksamkeit und Nebenwirkungen des neuen Medikaments lassen bei Teamleiter Thorsten Zweifel aufkommen. Ein von seiner Chefin für die Studien eingesetzter Statistik-Experte hat, stellt sich schließlich dann tatsächlich heraus, nachweislich ziemlich trickreich und kaum merkbar Ergebnisse manipuliert. Die Chefin will jedoch so kurz vor Abschluss davon partout nichts wissen und weist Thorsten als notorischen Skeptiker zurück, sie bangt nämlich um die üppigen Spenden des Pharma-Konzerns, vom wissenschaftlichen Skandal ganz zu schweigen!

In einer schnörkellosen Sprache mit stimmigen Dialogen wird in vielen Rückblenden eine gesellschafts-kritische Geschichte erzählt, die nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch sehr lehrreich. Nicht jeder Leser dürfte allerdings die Geduld aufbringen, den vielen psychologischen Gedankengängen zu folgen, um dann die subtilen Erkenntnisse daraus wirklich nachvollziehen zu können. Sämtliche Figuren sind glaubhaft beschrieben, das geschilderte Geschehen ist plausibel und der geschickt angelegte Spannungsbogen hält den Leser bis zum Schluss in Atem. Kein Grund zu erkennen also für das unisono praktizierte Totschweigen in den großen Medien!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Dr. No

Satirischer Denk-Marathon

Von dem voriges Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten, amerikanischen Schriftsteller Persival Everett gibt es inzwischen einige weitere seiner 24 Romane, die auf Deutsch erschienen sind, so auch Dr. No. Es geht um nichts in diesem Roman, und zwar wortwörtlich, gilt doch sein Protagonist und Ich-Erzähler als renommierter Professor für Mathematik an der Brown University als Koryphäe für das «Nichts». Und wie man schon am Titel merkt, handelt es sich dabei um einen Spionage-Thriller, in dem nach bewährter James-Bond-Manier ein Bösewicht im Mittelpunkt steht, hier ein farbiger Milliardär, der es auf einen in Ford Knox aufbewahrten Schuhkarton abgesehen hat, in dem sich «nichts» befindet.

Prof. Ralph Townsend ist als Mathematik-Experte weltweit unter dem Namen Wala Kitu bekannt, wobei Vor- und Nachname jeweils das Gleiche bedeuten: Wala heißt in der philippinischen Sprache Tabalog «nichts», und Kitu in der Bantusprache Suaheli ebenfalls «nichts». Auch der Name seiner Kollegin, der Differenzial-Topologin Prof. Eigen Vector, ist mathematisch konnotiert, und wenn er seinen über alles geliebten, einbeinigen Hund Trigo nennt, weist er damit deutlich auf dessen fehlende drei Beine hin. Mit Trigo trägt er in seinen häufigen Träumen sogar oft hoch wissenschaftliche Dispute aus, sein Hund ist dabei äußerst schlagfertig und bleibt ihm keine Antwort schuldig. Der Plot als solcher mit seiner satirisch deutlich überzogenen Schurken-Thematik erhält erst durch die dauernden mathematischen Exkurse und philosophischen Höhenflüge sein besonderes Flair als typischer Nerd-Roman.

Als Running Gag dabei erweisen sich immer wieder die quasi auf jeder Seite auftauchenden Beteuerungen und Schwärmereien des Protagonisten sein Forschungsgebiet betreffend, welches er selbstbewusst für unangreifbar hält. Ständig tauchen dabei doppeldeutige Wortspiele wie «Ich habe von nichts eine Ahnung» oder «Mich treibt nichts um». Und es gibt auch etliche Witze um das Wort nichts, dessen köstlichster von Gott handelt: «Ein Mathematiker wird gefragt, ob er lieber eine Tasse kalten Kaffee haben oder Gott begegnen möchte. Er sagt, er möchte den kalten Kaffee». Man habe ihm nämlich erklärt, wird hinzugefügt, dass nichts besser sei, als Gott zu begegnen, dass aber kalter Kaffee besser sei als nichts! Als ausgesprochen metafiktionalem Roman wird in «Dr. No» ständig über Logik und Sprache referiert, wobei immer wieder köstliche und auch ziemlich verblüffende Zusammenhänge deutlich werden. Nach eigenem Bekunden leidet der autistische Held des Romans am Asperger-Syndrom, er hat erhebliche Schwierigkeiten, die Gefühlslage seiner Mitmenschen richtig einzuschätzen und Beziehungen einzugehen, der Mittdreißiger war deshalb auch noch nie mit einer Frau intim.

Gleich zu Beginn engagiert als bondtypischer Bösewichtt der schwarze Milliardär John Sill den berühmten Prof. Wala Kitu – mit drei Millionen Dollar Vorschuss – als Experte für das «Nichts». Er soll helfen, einen Schuhkarton aus Ford Knox zu entwenden, in dem nichts ist, – genau damit aber könne man alles erreichen. Dieses wundersame «Nichts» will der Schurke benutzen, um aus Rache für den Tod seiner Eltern Amerika wieder zu nichts machen, er will quasi die Kraft der Negation einsetzen für seine Abrechnung mit diesem rassistischen Amerika. Das natürlich nicht ernst zu nehmende, turbulente Geschehen in diesem satirischen Roman wird bis zum metaphysischen Ende getragen von den komischen Dialogen, in denen eben «nichts» die Hauptrolle spielt. Allmählich wird durch ständige Wiederholung selbst den Nicht-Nerds unter den Lesern klar, welche Bedeutung nichts wirklich hat. «Die Wichtigkeit von nichts besteht darin, dass es der Maßstab dessen ist, was nicht nichts ist», – alles klar? Das Spiel dieses popkulturell umtriebigen Autors mit den ständigen sprachlichen Mehrfach-Bedeutungen erweist sich mit der Zeit allerdings als anstrengender Denk-Marathon, der als Lektüre nicht jedermanns Sache sein dürfte! Gleichwohl, unterhaltsam ist das alles aber allemal, – und speziell für die Mathematik-affinen Nerds unter den Lesern kontemplativ bereichernd natürlich auch.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Macht

Dystopischer Öko-Thriller

Mit ihrem Roman «Macht» hat sich Karen Duve ein dystopisches Setting ausgedacht, bei dem ein bösartiger Psychopath seine Frau schon seit mehr als zwei Jahren im Keller seines Hauses eingesperrt hat. Das familiäre Geschehen wird gespiegelt am ökologischen und politischen des Jahres 2031, als streitbare, revolutionäre Feministinnen in einer Kontrollierten Demokratie das passive Wahlrecht auf Kandidaten beschränkt haben, die vorher eine strenge psychologische Prüfung bestanden hatten, mit der ihre Eignung für ein politisches Amt vorbehaltlos bestätigt wurde. Außerdem wurde eine ökologische Politik etabliert, bei der jedem Bürger ein streng reglementiertes, gleich hohes Kohlenstoffdioxid-Konto zur Verfügung steht, mit dem er den CO2-Verbrauch seiner jeweiligen Konsum-Ausgaben ausgleichen muss. Benzin zum Beispiel oder Fleisch kann man somit nur kaufen, wenn man dafür auch genügend CO2-Guthaben zur Verfügung hat, ein dem heutigen Emissionshandel ähnliches Verfahren.

Die von Olav Scholz als Bundeskanzler geleitete, überwiegend aus Frauen bestehende Regierung des Jahres 2031 betreibt eine streng ökologisch ausgerichtete Politik. Die Gegner dieser Politik sprechen von Öko-Faschismus, obwohl durch den Klimawandel bereits so schlimme Schäden entstanden sind, dass beispielsweise Häuser nicht mehr versichert werden können. Eine genmanipulierte Rapssorte hat sich so schnell und hartnäckig ausgebreitet, dass alles damit zuwuchert, eine schlimme Plage, der man nicht mehr Herr werden kann. Durch die Zulassung eines von fast allen Menschen begehrten Verjüngungsmittels sehen Sechzigjährige wie Zwanzigjährige aus, verkürzen durch das damit verbundene, extrem hohe Krebsrisiko ihre Lebens-Erwartung aber je nach Dosierung drastisch bis auf nur noch fünf Jahre. Man unterscheidet fortan zwischen bio-alt und chrono-alt, wobei fast nur die Fundamentalisten der wie Pilze aus dem Boden schießenden, öko-religiösen Sekten in dieser Endzeit-Stimmung auf jedwede medizinische Verjüngung verzichten, – und damit dann sprichwörtlich «alt» aussehen.

In der Nähe von Hamburg lebt in einer kleinen Gemeinde der Ökoaktivist Sebastian Bürger in einem bescheidenen Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat. Nostalgisch verklärt hat der machohafte Sonderling es im Stil der späten 1960er Jahre komplett umgebaut und dabei keine Mühen gescheut, die dafür erforderlichen, originalen Baustoffe und Einrichtungs-Gegenstände wieder aufzutreiben. Seine Ehefrau Christine, Umwelt-Ministerin im Kabinett von Olav Scholz, ist seit zwei Jahren spurlos verschwunden, ihre beiden Kinder leben seither bei der Oma. Niemand ahnt, dass er seine Frau in einem als Schutzkeller ausgebauten, schalldichten Raum gefangen hält. Er lehnt sich damit gegen den staatstragenden Feminismus auf und gegen die Dominanz seiner promovierten Frau in ihrer Ehe. In seinem Narzissmus genießt er lustvoll ihre Unterwerfung, er kettet sie an  und demütigt sie immer wieder. Als der Wutbürger bei einem Klassentreffen seine heimliche Jugendliebe Elli wieder trifft und sie überraschend schnell zueinander finden, hofft er, mit ihr ein neues Leben beginnen zu können.

Im Interview hat Karen Duve zu ihrem Roman erklärt, sie wollte eine Geschichte schreiben, die in der näheren Zukunft angesiedelt ist, und dabei den Gedanken aufgreifen, dass früher alles besser gewesen sei. Ferner habe sie die grauenhafte Geschichte des österreichischen Inzest-Täters Josef Fritzl inspiriert. «Macht», der daraus entstandene Roman, fand in den Feuilletons ein überwiegend negatives Echo. Tatsächlich jedoch bietet dieser wegen seiner überraschenden Wendungen bis zuletzt spannende Roman trotz seiner beklemmenden Thematik einen hohen Unterhaltungswert, der nicht zuletzt auch von unterschwelligem Humor lebt. Wahrhaft prophetisch erscheint dabei, dass die Autorin in diesem 2016 erschienenen, gesellschafts-kritischen Werk Olav Scholz zum Bundeskanzler gemacht hat (sic!). Das hätte damals selbst in der SPD niemand für möglich gehalten, und es ist dann ja auch erst sechs Jahre später tatsächlich geschehen, – Chapeau!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Drei Frauen

Alle Texte in diesem Buch schreiben die drei Protagonistinnen, das Schreiben läge in der Familie; so beginnt es in einem Tagebucheintrag von Lori, der siebzehnjährigen Tochter. Der Vater war ein Sportjournalist, aber gestorben, als sie noch ein Kleinkind war, die Mutter ernährt die Familie mit Übersetzungen. Lori schreibt es in ihrem Tagebuch, und versteckt es dann vor der neugierigen Oma. Weiterlesen


Genre: Roman
Illustrated by Unionsverlag

Das Ereignis

Autofiktion aus der Knaus-Ogino-Zeit

Aus dem Œuvre der mit dem Nobelpreis geehrten französischen Schriftstellerin Annie Ernaux ist, wenn auch mit mehr als 20jähriger Verspätung, inzwischen auch «Das Ereignis» auf Deutsch erschienen. In der Begründung der Nobelpreis-Jury von 2022 wird ausgeführt, dass sie geehrt wird «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt». Sie sei mit ihrem Werk stilistisch als die «Urmutter der Autofiktion» anzusehen, wie Dorothea Westphal geschrieben hat, die meisten ihrer Bücher sind jedenfalls stark autobiografisch geprägt. Dieses Buch wurde übrigens 2021 unter gleichem Titel verfilmt und gewann in Venedig den Goldenen Löwen.

Thematisch stehen bei Annie Ernaux die Frauen und Mädchen der französischen Gesellschaft im Fokus, Buchtitel wie «Eine Frau» oder «Erinnerungen eines Mädchens» zeugen davon, viele ihrer «Romane» könnte man durchaus passend auch dem Genre «Autobiografie» zuordnen. Wobei sie es in ihren Werken geschickt versteht, das zutiefst Private en passant ins Algemeingültige zu verwandeln. So auch in dem vorliegenden Band, wobei «Das Ereignis» hier in einer Abtreibung besteht. Annie Ernaux erzählt davon absolut authentisch, aus eigenen Erfahrungen als 23Jährige nämlich, als sie 1963 während des Studiums in Rouen selbst einen Schwangerschafts-Abbruch unter schlimmsten Bedingungen beinahe nicht überstanden hätte. Mit der gleichen Thematik wie im vorliegenden Band hatte die aus einfachen Verhältnissen stammende Annie Ernaux sich übrigens auch schon in ihrem Debüt-Roman von 1974 mit dem Titel «Die leeren Schränke» beschäftigt, den sie damals aber noch fiktional erzählt hat, – diese Thematik hat sie also offensichtlich nicht losgelassen, es war noch nicht alles gesagt dazu! Was sicherlich an den katastrophalen Umständen lag, mit denen dieses Thema damals soziologisch und politisch behandelt wurde. Die Schriftstellerin berichtet in ihren Buch sehr nachvollziehbar von ihren Zweifeln, ob sie denn tatsächlich als Ethnologin über diesen Teil ihrer eigenen Vergangenheit schreiben solle.

In den 1960er Jahren gehörte Abtreibung noch zu den großen gesellschaftlichen Tabus nicht nur in Frankreich, sie war schlicht illegal! Bekannte Schriftstellerinnen wie Marguerite Duras oder Simone Beauvoir und viele andere prominente Frauen bekannten sich mutig in einem Aufsehen erregenden Manifest im Nachrichtenmagazin «Le Nouvel Observateur» dazu, gleichwohl eine Abtreibung gemacht zu haben, auch im «Stern» gab es damals eine entsprechende Aktion. Die junge Annie Ernaux stieß nicht nur in ihrer Familie auf kein Verständnis für ihre missliche Lage geschweige denn auf Beistand oder Hilfe, die Literatur-Studentin fühlte sich auf ihre schiere Körperlichkeit reduziert. In ihr Tagebuch notiert sie: «Ich habe das Gefühl, dass ich auf abstrakte Weise schwanger bin», sie fühlt sich plötzlich sehr einsam. Moralische Bedenken hat sie nicht, ein Kind würde für sie den Abbruch des Studiums bedeuten mit allen Konsequenzen. Da ihr nicht geholfen wird, versucht sie der Schwangerschaft mit Stricknadeln ein Ende zu setzen, allerdings vergebens. Schließlich landet sie bei einer «Engelmacherin», verblutet dann beinahe und landet schließlich im Krankenhaus. Die entsprechenden Textpassagen sind schwer auszuhalten, dieses Buch ist also nichts für schwache Gemüter! Gleiches gilt übrigens auch für den Film.

Die Autorin hat erklärt, sie wolle sich demonstrativ mit diesem Buch all jenen Frauen gegenüber solidarisch zeigen, die sich in einem ähnlichen Dilemma befinden, – moralischen Diskursen geht sie dabei ganz bewusst aus dem Wege, auch im Buch übrigens! Dieser Text aus der Knaus-Ogino-Zeit ist der vielleicht mutigste der damals von der Gesellschaft stigmatisierten Autorin, die distanziert, nüchtern und zum Teil lakonisch, aber immer schonungslos offen ein extrem schwieriges literarisches Terrain bearbeitet, den Leser damit aber ziemlich fordert!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin