Löwenherz

Schlafesruh

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer hat mit dem Roman «Löwenherz» ihre autofiktionale Trilogie über ihre Großfamilie abgeschlossen, die ihr gleich mit dem ersten Band einen späten Durchbruch auch am deutschen Buchmarkt beschert hat. Als Buchtitel hat sie den lustigen Kosenamen des Vaters für ihren jüngeren Bruder Richard gewählt, dem sie mit dieser feinsinnigen, behutsamen Erzählung ein literarisches Denkmal setzt. Sie denke nun viel öfter an ihren sechs Jahre jüngeren, im Alter von dreißig Jahren viel zu früh verstorbenen Bruder und habe nur die Hoffnung, dass er «von oben runterschaut und sagt: ‹Hast du gut gemacht›».

Der Roman beginnt damit, dass ihrem Bruder ein «struppiger, knapp übers Knie hoher», herrenloser Hund zulief, den er gleich ins Herz geschlossen hat und dem er spontan den Namen Schamasch gab. Beide waren fortan unzertrennlich, und weil er als 25jähriger Schriftsetzer allein lebte, nahm er den Hund auch mit zur Arbeit, wo sich alle Kollegen und auch der Chef sofort mit ihm anfreundeten. Bei einem Badeausflug fand er am Ufer des Bodensees eine verrostete Badewanne, die er ins Wasser zerrte und hinein stieg, obwohl er nicht schwimmen konnte. Prompt versank die Wanne im See, und er rief wild um sich schlagend um Hilfe. Eine hochschwangere Frau, die mit ihrer kleinen Tochter in der Nähe war, zog ihn an Land. Richard bedankte sich bei ihr und wollte gerade gehen, als sie ihn aufforderte, ihr doch seine Adresse zu geben. Er solle als Gegenleistung für seine Rettung während ihrer Entbindung ein paar Tage auf ihre kleine Tochter Putzi aufpassen. Was er dann auch gerne tut, und Putzi, Schamasch und er lieben sich alle drei auf Anhieb, sie bilden eine geradezu ideale Gemeinschaft. Putzi nennt ihn von Anfang an Papa und geht ihm nicht mehr von der Seite, ihre Mutter aber lässt sich wochenlang nicht mehr sehen. Monika Helfer springt oft ein, wenn er Putzi manchmal nicht mitnehmen kann in die Fabrik. Sie selbst, ihr späterer Mann Michael Köhlmeier und Richard haben in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zueinander.

Das alles geht wider jede Erfahrung lange Zeit gut, Richard erweist sich als idealer Vater. Bis er, der sich nie für Frauen interessiert hat, plötzlich auf die smarte Rechtsanwältin Tanja trifft, die ihn sogar heiratet und ihm ein Leben in Luxus bietet. Er kündigt seinen Job und kann sich künftig voll seiner Passion widmen, naive Kunst nämlich, die er als mäßig erfolgreicher Maler eifrig betreibt. Mit dem Tod des Hundes, der von einem Jäger erschossen wird, erreicht sein glückliches Leben dann aber einen Wendepunkt, dem wenig später auch der Verlust der innig geliebten Putzi folgt, die von ihrer Mutter plötzlich mit Gewalt aus Richards Wohnung herausgeholt wird. Diese beiden Ereignisse werfen den Eigenbrötler völlig aus der Bahn. Er entfremdet sich nun immer mehr von seiner Schwester Monika und ihrem Mann.

Das Besondere am Stil der Autorin ist ihre behutsame Herangehensweise an den Stoff. Sich vorsichtig herantastend bezieht sie sogar den Schreibprozess selbst mit ein in ihre Erzählung, und sie hat in ihrem Mann und Kollegen Michael Köhlmeier einen kundigen Gegenleser, mit dem sie sich intensiv austauscht. Sie reden nicht nur über den Roman, den sie schreibt, sondern auch über die Erinnerungen an den charmanten Richard. Ihr Mann war ziemlich eng mit ihm befreundet und erinnert sich zuweilen sogar an manches, was sie nicht mehr weiß. Er habe ihn mutmaßlich sogar besser gekannt als sie, wenn er etwa erklärt: «Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard». Zweifellos ist das Schreiben für Monika Helfer hier auch eine Art Selbstbestätigung. Feinsinnig schildert sie Richard als ebenso kauzigen wie widersprüchlichen, ebenso fantasievollen wie gutmütigen Mann, österreichisch gesagt als «Schmähtandler». Wahrscheinlich sei, hat sie alles hinterfragend erklärt, dessen Kindheit, getrennt von den Schwestern bei einer unfreundlichen Tante, der wahre Grund für seine Schrullen gewesen. Voller Wehmut wünscht sie ihm ganz am Ende des Romans «Schlafesruh»!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Auf den Gleisen

Radikaler Underdog-Roman

Das Romandebüt der Schriftstellerin Inga Machel unter dem Titel «Auf den Gleisen» wurde 2024 auf die Shortlist für den Leipziger Buchpreis gewählt. Angesichts seiner Thematik eine kühne Entscheidung der unkonventionellen Jury, die hier trotz einer zweifellos vorhandenen langen Reihe von literarischen Mängeln offensichtlich die rigorose Abkehr der Autorin von narrativen Konventionen und insbesondere wohl auch die beklemmende Thematik dieses Romans hervorheben wollte. So sind denn auch die Kritiken der Feuilletons dahingehend unisono positiv, dass nämlich gerade diese Radikalität den Roman in letzter Konsequenz literarisch auszeichne, auch wenn die Mängelliste lang sei! Ein zulässiger Kompromiss?

«Ich dachte, ich müsste jemand umbringen. Als würde der Tod meines Vaters einen Gegentod erfordern», heißt es zu Beginn. Lange ist es nicht sicher, ob da vielleicht eine Frau erzählt, bis irgendwann dann endlich der Name Mario genannt wird, der Mitte zwanzig war, als sein depressiver Vater sich vor den ICE geworfen hat. Das ist inzwischen zehn Jahre her. Aber der Ich-Erzähler, der als Abiturient in der mündlichen Abiturprüfung das Thema Suizid hatte und dafür 15 Punkte bekam, ist seit fünf Jahren total aus der Bahn geworfen, er ist also alles andere als «auf den Gleisen». Bei seinen ständigen, ruhelosen Streifzügen durch Berlin begegnet er einem Mann, in dem er seinen Vater zu erkennen glaubt und dem er von nun an geradezu zwanghaft folgt, ohne ihn jedoch anzusprechen. Es handelt sich um einen heroinsüchtigen Obdachlosen, den er in seiner Erzählung nur P. nennt und dem er sich wie ein lästiger Stalker ohne Sinn und Zweck an die Fersen heftet. So kennt er bald auch dessen Wohnung und klettert sogar, als P. sie einmal kurz verlässt, neugierig durch das offen gelassene Fenster, wo ihn ein unbeschreibliches Chaos voller Schmutz empfängt. Offensichtlich ist P. für ihn eine Ersatz-Vaterfigur, deren absehbaren Niedergang er neugierig miterlebt, um damit wohl seine eigenen Traumata verarbeiten zu können.

In ständigem Wechsel erzählt Mario immer wieder auch aus seiner glücklosen Kindheit in prekären Verhältnissen. Er musste unter der gefühlskalten Mutter ebenso leiden wie unter dem depressiven, oft ausrastendem Vater, der dann meist um sich schrie: «Ich bin nur von Idioten umgeben». Und damit meinte er ausnahmslos alle, Familie, Nachbarn, Freunde, Kollegen und seine vielen Zechkumpane, aber auch Mario. Und der trägt nun die gescheiterte Beziehung zum Vater sowie das Fehlen jedweder Sicherheit und bedingungsloser Liebe als seelisches Handicap mit sich herum.

Der eigenwillige Stil, in dem das alles erzählt wird, ist allein schon dadurch geprägt, das allzu vieles einfach offen gelassen, also nichts wirklich auserzählt wird. Angesiedelt in Berlin, stellt die dort lebende Autorin diese Metropole in ihrem Roman als völlig verdeckten, dysfunktionalen Moloch dar, als ein idealer Nährboden also für Kleinkriminelle, Junkies und Lebensmüde. Insoweit ist dies ein völlig untypischer Berlin-Roman. Denn die meist euphorisch beschriebene Großstadt-Stimmung wird hier stilistisch gekonnt auf eine äußerst subtile Art demaskiert: «Es war noch nicht Nacht, aber fühlte sich schon eine Weile lang so an. Der Himmel lag abgenutzt über dem See, an dessen Ufer, direkt gegenüber, ein betrunkener Mann eine betrunkene Frau schlug». Neben der chaotisch wechselnden, oft intermittierenden Chronologie der Handlung, die man allerdings nicht wirklich als Plot bezeichnen kann, stört insbesondere die allzu dick aufgetragene Melodramatik dieser Geschichte. Die Autorin suhlt sich schreibend geradezu in dem Elend, das sie da unbeirrt heraufbeschwört. Es gibt zudem wahrhaft schiefe Bilder und irrwitzige Szenen voller Selbstmitleid, an denen man sich prompt stößt als irritierter Leser. Verblüfft wird man resümieren, dass Inga Machel suizidale Depression und Drogen-Missbrauch als etwas völlig Normales beschreibt. Wer das wirklich nachvollziehen kann, wird wohl auf seine Kosten kommen bei diesem radikalen Underdog-Roman!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Frau und der Fjord

Nordischer Trauer-Exzess

Die äußerst vielseitig tätige Schriftstellerin Anette Strohmeyer, die auch unter diversen Pseudonymen schreibt, hat in ihrem Debütroman «Die Frau und der Fjord» eigene Erfahrungen nach dem Tod ihres Mannes eingebracht. Wie schon der Titel erahnen lässt, befindet sich der Handlungsort ihrer traurigen Geschichte im nördlichen Norwegen, genauer gesagt in einem Fjord auf einer der zugehörigen Inseln, von den Einheimischen nur «Die Heimsuchung» genannt. Dort hat eine hoch angesehene und extrem gut verdienende Top-Geologin aus der Erdölbranche nach dem Unfalltod ihres Mannes spontan ein einsam gelegenes Anwesen gekauft, um sich in der absoluten Einsamkeit eines abgelegenen Fjords endgültig vom Weltgeschehen zu verabschieden und in ihrer Trauer ein Einsiedler-Dasein zu führen. Mit dem untertitel-artigen Hinweis «Roman über Heilung, Neubeginn und die tröstende Kraft der Natur» hat der Verlag die Thematik des Buches überaus deutlich umrissen. Der im Herbst 2025 erschienene Roman wurde in den verschiedenen Leserforen einhellig positiv bewertet, von den Feuilletons aber ebenso einhellig ignoriert, so als wäre dies ein Schundroman. Wer bitte liegt denn da falsch, all die euphorisierten Leser oder die ignorante Kritikerzunft, die doch sonst so gern Jubel-Rezensionen veröffentlicht?

Die 45jährige, kinderlos verheiratete Gro Kristjánsdóttir gilt in ihrer hart umkämpften Branche als absolutes Ausnahme-Talent mit dem besonderen Gespür für Erdöl-Vorkommen. Sie arbeitet oft monatelang auf einer einsamen Bohrplattform in der Barentsee nördlich von Norwegen, wo sie als leitende Geologin verantwortlich dafür ist, anhand der von ihr durchgeführten Bohrungen und den laufend daraus gewonnenen Gesteinsproben auf die Ergiebigkeit der Ölquellen zu schließen. Liegt sie richtig, verdient ihre Firma meist Riesensummen mit der Exploration des Vorkommens, liegt sie aber falsch mit ihren Einschätzungen, würde die vergebliche Bohrung ihren Ölkonzern viele Millionen kosten. Die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes erreicht sie bei einem der monatelangen Aufenthalte auf der Bohrinsel. Wie sich herausstellt, war ihr Mann im Krankenhaus gewesen, wo ihm die Diagnose gestellt wurde, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf dem Heimweg mit dem Auto hatte er dann einen tödlichen Unfall, er ist aus ungeklärter Ursache frontal auf einen Fels geprallt.. Was natürlich zu Spekulationen führte, ob das womöglich ein Suizid war. Völlig entnervt und aus der Bahn geworfen kündigt Gro ihren Job und zieht in die extreme Einsamkeit ihres Fjords.

Ob sie zurück ins Leben findet, bleibt sehr lange fraglich in diesem breit angelegten Roman, denn sie ist absolut untröstlich über ihr Schicksal. Das kleine Holzhaus mit Anlegesteg und einem Schuppen hat vor ihr ein älterer Mann besessen, der bei einem Sturz vom Fels tödlich verunglückt ist. Sie hat zwar einen Stromanschluss, aber kein Telefon und auch kein Handy, das Radio und ein altes Funkgerät ist ihr einziger Kontakt nach draußen. Alle zwei Monate fährt sie mit ihrem kleinen Boot zum Einkaufen ins nächste Fischerdorf, wo sie sich im Supermarkt mit allem eindeckt und wo auch ihre Post lagert. Immer wieder wird in langen Passagen von der unberührten Natur in ihren Fjord berichtet, von ihrer unendlichen Trauer und ihrem latenten Unvermögen zu einem wirklichen Neubeginn. Erst in der Mitte des Romans, beginnend mit der Rettung eines schiffbrüchigen Fischers, mit dem überraschenden Auftauchen zweier ehemaliger Kollegen und mit einem beunruhigenden Besuch der Kriminalpolizei wird diese narrative Monotonie dann endlich unterbrochen.

Auch wenn Trauer und Natur als tragende Bestandteile über weite Strecken dieses Romans schon bald sehr langweilig werden, wird beim Lesen doch ganz allmählich auch die Erwartung auf ein Ende des bereits zwei Jahre andauernden Trauer-Exzesses erweckt. Vergeblich, denn ihre Geschichte endet, gewissermaßen nordisch unterkühlt, nur mit einer vagen Andeutung. Banal ist das alles aber nicht, und man lernt sogar manches dazu – über die arktische Natur.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Das Liebespaar des Jahrhunderts

Eine wichtige Erkenntnis

«Das Liebespaar des Jahrhunderts» ist das zweite Buch einer Trilogie von Julia Schoch über die Biografie einer Frau. Dieser selbständig lesbare Roman ist erkennbar autobiografisch gefärbt, die Ich-Erzählerin weist nicht nur als Schriftstellerin Parallelen auf zur Autorin, auch wenn die dafür gesorgt hat, alle Spuren zu verwischen. Konsequent werden keine Namen genannt in diesem literarischen Zwei-Personen-Stück, und die zwei Kinder, die schließlich aus der dreißigjährigen Beziehung hervorgegangen sind, bleiben sogar auch im fortgeschrittenen Alter noch geschlechtslos, sie sind immer nur das« ältere» und das «jüngere Kind». Dementsprechend wird, der Thematik des Romans folgend, hier eine Liebe von ihrem Ende her zu erzählen, konsequent nur aus der Perspektive der namenlosen Frau, und das sehr distanziert und weitgehend emotionslos. Insoweit ist der Titel dieses Romans irreführend, denn seine beiden Protagonisten sind weit davon entfernt, das Traumpaar «des Jahrhunderts» zu bilden.

«Im Grunde ist es ganz einfach. Ich verlasse dich» heißt es am Beginn des Romans, das Scheitern ihrer Beziehung ist nämlich für die Ich-Erzählerin schon lange beschlossene Sache. Ohne dass sie allerdings je mit ihrem Partner darüber gesprochen hat, nicht mal ansatzweise. Der ist und bleibt jedenfalls völlig ahnungslos. Denn wie sie es sagen wird und wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist, das erweist sich für sie als großes Problem. Sie fertigt eine Liste mit Argumenten an, die für eine Trennung sprechen, schreibt genau auf, was sie sagen will und lernt den Text auswendig, um nicht aus dem Konzept zu kommen, wenn er sie unterbricht und Einwände vorbringt. Als Schriftstellerin ist es für sie auch nahe liegend, ihm einen ausführlichen Brief zu schreiben über ihren Entschluss und alle Faktoren dazu, – und ihn nie abzuschicken! Erst sind es die Kinder, die eine Trennung fast unmöglich machen für sie, und obwohl es nicht mangelt an Kehrpunkten ihrer Beziehung, die einen Anlass bieten würden, schreckt sie letztendlich immer wieder davor zurück, auszubrechen in das, was sie ein freies Leben nennt.

In endlosen Rückblenden reflektiert sie in einer Art innerem Monolog ihre dreißigjährige Liebe, die ganz nebenbei auch ein Stück Zeitgeschichte mit abbildet, zu der auch der Fall der Berliner Mauer gehört. Die Beiden haben sich während des Studiums kennen und lieben gelernt, sie hat ihn geradezu angehimmelt damals in einer symbiotischen Beziehung. Und sich schließlich sogar entschlossen, ihre Doktorarbeit seinetwegen abzubrechen. Man verkehrt in intellektuellen Kreisen, die Beiden sind kunstinteressiert, lesen viel und gehen gern ins Kino. Sie holen auch all die Reisen nach, die sie zu DDR-Zeiten nie  machen konnten. Was den Abkühlungs-Prozess einer Liebe anbelangt ist dieser Roman jedenfalls recht banal und voller Gemeinplätze, seine Stärke, ja fast sein Alleinstellungs-Merkmal sind die klugen Reflexionen zum Thema. «Ich habe einen Wimpernschlag gebraucht, um mich in dich zu verlieben, und dreißig Jahre, um Gründe dagegen zu sammeln», sinniert sie. «Jemanden zu verlassen heißt: Ich verlasse meine Vergangenheit. Zögert man deshalb?» grübelt sie an anderer Stelle. Durchaus selbstkritisch merkt sie an: «Vielleicht hat das Zusammenleben ‹mit mir› dich zu jemandem gemacht, der mir allmählich unerträglich geworden ist». Der Superlativ des Romantitels wird schließlich dahingehend relativiert, es handele sich um ein repräsentatives Liebespaar, in dem «sämtliche Paare dieser Welt enthalten waren». Und auf der letzten Seite wartet noch eine handfeste Überraschung dazu!

Erich Kästner hat zum Thema geschrieben: «Als sie einander acht Jahre kannten, und man darf sagen: sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie andern Leuten ein Stock oder Hut». Im Roman wimmelt es nur so von derartigen Betrachtungen, wobei da auch ständig darüber reflektiert wird, wie authentisch das alles denn wirklich ist. Denn ein Gefühl stellt sich hier schon bald ein, dass es nämlich nichts zum Anhimmeln gibt, im Roman nicht und wohl auch nicht im richtigen Leben. Immerhin eine wichtige Erkenntnis, die zurückbleibt nach der Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Geht so

Beatriz Serrano ist nicht nur Spanierin, sondern auch eine Überraschung. Die studierte Journalistin und erfolgreiche Podcasterin hat mit „El descontento (Temas de hoy)“ einen grandiosen literarischen Treffer gelandet. „Unzufriedenheit (Themen von heute)“ wäre die eigentlich korrekte, aber doch recht sachliche und sperrige Titel-Übersetzung gewesen. Der Eichborn-Verlag hat daraus ein knackiges und flapsiges „Geht so“ gemacht und wird dem Inhalt in der Tat mehr gerecht.

Auch eine an dieser Stelle übliche Inhaltsangabe würde dem Buch wegen inadäquater Sachlichkeit in keiner Weise entsprechen. Aber muss ja wohl sein. Es geht um eine Marketing-Angestellte in einer Madrider Agentur, die im Frust über ihren sisyphoshaften Alltag in Sarkasmus, Isolation und Medikamente gegen Angststörungen und Panikattacken flüchtet. Und in eine Freundschaft mit gewissen Extras mit ihrem Nachbarn Pablo. Das ist sozusagen das Framing, das grobe Handlungsskript. Das Buch lebt jedoch in allererster Linie von den feinen Beobachtungen der Protagonistin Marisa in einer Vielzahl von mosaikartig aneinandergereihten Makro-Szenen eines ach so typischen Büroalltags. Wiedererkennungseffekte en masse garantiert. Die künstlichen Erregungen über Bagatellen, die Floskeln und Plattitüden im Umgang miteinander, die falsche Vorspiegelung von Kollegialität und Sympathie einerseits und gnadenlosem Karrierestreben auf der Hierarchieleiter andererseits. Durch all das schlängelt sich Marisa mit über Jahre antrainierten, instinktiven Verhaltensweisen und intuitivem Geschick, ist folgerichtig aufgestiegen, sollte also Genugtuung empfinden, das System zu ihren Gunsten durchschaut zu haben. Aber sie ist unglücklich. Mit ihrem Job, mit ihrem Leben, mit sich.

Seine absoluten Höhepunkte hat der Roman, wenn die Autorin ihre Leserschaft an Marisas Gedanken teilhaben lässt. Die folgenden Zitate sind nur ein marginaler Auszug aus der enormen humoristisch-ironischen Note, die letztendlich zum Erfolg des Buches entscheidend beigetragen hat.

Zu ihrer eigenen Rolle: „Ich werde mich für die nächsten acht Stunden in das verwandeln, was der Kapitalismus unter Feminismus versteht. In jenes konstruierte Monstrum von Vollfrau, die einfach alles schafft.“

Über ihre Kollegen: „Wie wohl sie sich fühlen in der Wiederholung, im Immer-wieder-Aufwärmen derselben Gedanken und Floskeln, in der Kommunikation der Oberfläche.“

„… der bescheuerte Tanz der Gemeinplätze, der jedes Meeting in allen Unternehmen der Welt einläutet …“

„… diese Pflicht-Pantomime im Büro …“

… ob man diese eisernen Überzeugungen nur hat, weil man sie immer und immer wieder wiederholt.“

Über ihre Kolleginnen, die nach der Schwangerschaft an den Arbeitsplatz zurückkehren: „Ein Kind ist immer eine große Freude, aber die Mutter fängt schnell an zu rosten und hält das ganze System auf.“

Das klingt teilweise düsterer, als es ist. Denn hat man aus dem eigenen Leben all diese realistischen Bilder vor Augen, wird der Roman zur erheiternden Parodie, bei der man mehr als einmal vor Lachen herausprusten muss. Wer kennt sie nicht, all diese nervigen Gesten und sinnentleerten Worthülsen bis hin zum allmittäglichen „Maaahlzeit“ vor und in der Kantine, wo es einen immer wieder wundert, dass hier nicht mehr psychiatrische Notfälle generiert werden.

Wie es einen guten belletristischen Roman ausmacht, liegen aber Lachen und Weinen dicht beieinander. Spätestens wenn man sich fragt, warum Marisa nicht aus diesem Alltag flieht, nicht einen anderen Lebensweg einschlägt, wo sie doch so unzufrieden scheint. Zwei Freundinnen sind mehr oder weniger beim Ausbruch aus dem System gescheitert. Eine verübt auf einem Bahnhof Suizid, die andere verdient ihr Geld nach diversen plastischen Operationen durch reiche Liebhaber, weigert sich aber standhaft, dies sich selbst gegenüber als Prostitution zu deklarieren.

Am leider recht melodramatischen Schluss des Buches findet Marisa unfreiwillig eine sich von außen ergebende Lösung, also wieder nicht aktiv, sondern passiv zugeflogen. Aber es kann wohl eher nicht der Ausweg für alle Menschen in dieser Lage sein. An dieser Stelle wird einem spätestens bewusst, dass die Lebensphilosophie der Protagonistin (und der Autorin?) eigentlich schon im einleitenden Zitat des bulgarischen Schriftstellers Georgi Gospodinow aus „Physik der Schwermut“ deutlich wurde: „Unternimmt man gewisse Anstrengungen, normal zu erscheinen, spart man sich ziemlich viel Zeit, während der man so sein kann, wie man sein will.“ Das schränkt den Aktivitätsgrad in Richtung verändernder Maßnahmen schon einmal sehr ein.

Aber diese lebensphilosophischen Fragezeichen im finalen Teil geben allenfalls Abzüge in der B-Note. Oll over ist Beatriz Serrano ein sehr kurzweiliges und durchweg unterhaltsames Buch gelungen, das einen ein ums andere Mal in den Spiegel schauen lässt.

Zum Schluss ein ganz großes Lob an die Übersetzerin Christiane Quandt, die die Pointen mit sicherlich schwierigen spanischen Original-Termini perfekt treffend ins Deutsche transferiert hat und in beiden Sprachen über einen unglaublichen Wortschatz verfügen muss. Wer kommt denn sonst beim Übersetzen auf Begriffe wie „veritabler Schwengel“? Qué bueno!


Genre: Belletristik, Gesellschaftsroman, Humor und Satire, Roman
Illustrated by Eichborn Verlag

Wie die Karnickel

In einem alternativen England leben vernunftbegabte, sprechende Kaninchen unter den Menschen, mitten im Alltag und doch in einer eigentümlichen Zwischenstellung: geduldet, beargwöhnt, registriert, verwaltet. Was zunächst nach skurriler Phantastik klingt, erweist sich rasch als sorgfältig konstruierte Satire.

Im Mittelpunkt steht Peter Knox, Ich-Erzähler und alles andere als ein Held von strahlender Entschlossenheit. Er arbeitet als sogenannter Spotter für RabCoT, die Rabbit Compliance Taskforce, das ist eine Behörde, die Kaninchen identifizieren und kontrollieren soll. Aufgrund eines genetischen Defekts kann Peter Kaninchen einigermaßen voneinander unterscheiden – eine Fähigkeit, die ihn in dieser Welt beruflich wertvoll, moralisch aber unerquicklich verstrickt macht. Als seine Arbeit ihn immer tiefer in die Logik eines zunehmend befremdlichen Systems hineinzieht und zugleich persönliche Begegnungen seine Perspektive verschieben, gerät seine sorgsam gepflegte Neutralität ins Wanken.

Damit ist bereits das eigentliche Feld des Romans betreten. Wie die Karnickel ist weder Tierfabel noch bloße Groteske, sondern Satire im klassischen Sinn: Literatur der Überzeichnung, der Verschiebung und der entlarvenden Zuspitzung. Fforde nimmt eine absurde Prämisse und behandelt sie mit einer Konsequenz, die das Lächerliche nie im bloßen Klamauk versanden lässt. Entscheidend ist nicht der Einfall allein, sondern die Strenge, mit der er durchgespielt wird. Gerade daraus gewinnt der Roman seine eigentümliche Spannung.

Fforde beherrscht jene trockene, scheinbar beiläufige Komik, die aus sachlichem Vortrag und irrem Inhalt Funken schlägt. Verordnungen, Zuständigkeiten, Regelwerke und statistisch klingender Unsinn entfalten hier eine fast gespenstische Komik. Das Absonderliche erscheint in Gestalt sauber formulierter Verwaltungslogik. Darin liegt der Reiz dieses Buches: Nicht das Chaos ist erschreckend, sondern die Ordnung, mit der es organisiert wird.

Peter Knox ist dafür die richtige Zentralfigur. Er ist anständig genug, um Unbehagen zu empfinden, bequem genug, um daraus nicht sofort Konsequenzen zu ziehen. Gerade diese Durchschnittlichkeit macht ihn literarisch interessant. An ihm zeigt sich, wie leicht man sich in fragwürdigen Verhältnissen einrichten kann, solange sie ordentlich aussehen und sich mit den passenden Begriffen versehen lassen. Fforde macht aus ihm keinen moralischen Leuchtturm, sondern einen Zeugen seiner eigenen Langsamkeit. Das ist klug, weil die Satire dadurch nicht nur auf offen erkennbare Torheiten zielt, sondern auch auf das träge Selbstverständnis des Normalen.

Wer freilich psychologische Feinarbeit und schillernde Mehrdeutigkeit erwartet, wird an Grenzen stoßen. Fforde ist kein Autor des diskreten Andeutens. Die Linien seines Romans sind deutlich gezogen, die Konstruktion bleibt sichtbar, manche Figur erfüllt eher eine satirische Funktion, als dass sie in voller Tiefe ausgeleuchtet würde.

Interessant ist dabei die Frage, wie gut Ffordes britischer Humor deutsche Leser erreicht. Denn seine Komik ist unverkennbar englisch geprägt: trocken, unterkühlt, absurd und oft aus einer Pedanterie gespeist, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Dazu kommen Wortspiele, kulturelle Nebenklänge und ein Rhythmus des Erzählens, der stark vom Understatement lebt. Vermutlich lässt sich so etwas nicht verlustfrei übertragen. Manches dürfte im Original federnder, boshafter und eleganter sein. Doch die deutsche Fassung von Miriam Neidhardt trägt erstaunlich weit. Denn der Witz sitzt nicht nur im einzelnen Bonmot, sondern in der gesamten Konstruktion: in der bürokratischen Sprache, in der Situationskomik, in der Konsequenz, mit der das Ungeheuerliche als normal behandelt wird.

Die eigentliche Qualität des Romans besteht darin, dass. Fforde sich nicht damit begnügt, eine kuriose Ausgangsidee auszubreiten. Er baut aus ihr eine eigene Wirklichkeit, mit Regeln, Ritualen und Denkfehlern, die in sich stimmig sind. Gerade dadurch entsteht jene merkwürdige Balance zwischen Komik und Beklemmung, die das Buch trägt. Man schmunzelt über die Absurditäten dieser Welt und merkt zugleich, wie vertraut einem ihre Mechanismen vorkommen.

Bisweilen ist die Absicht des Romans allzu deutlich sichtbar, bisweilen gerät die Zuspitzung etwas didaktisch. Auch bleiben einige Nebenfiguren eher Markierungen im satirischen Tableau als vollgültige Charaktere. Doch Wie die Karnickel besitzt Witz, Tempo, formale Konsequenz und jenes kontrollierte Maß an Verrücktheit, das gute Satire braucht.

Jasper Ffordes Roman ist eine klug gebaute, sehr britische Satire, die ihre skurrile Prämisse nicht als Selbstzweck ausstellt, sondern als präzises literarisches Werkzeug nutzt. Der Autor schreibt nicht über possierliche Tiere, sondern über die seltsamen Ordnungen, die Menschen hervorbringen, und über die Absurditäten, die sie dann mit großer Ernsthaftigkeit für vernünftig erklären. Das ist komisch, unerquicklich und von beachtlicher Schärfe.


Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Satyr

Ein Wochenende

Ebenso vorhersehbar wie freudlos

Die australische Schriftstellerin Charlotte Wood hat mit ihrem Roman «Ein Wochenende» eine interessante Thematik für ihre Geschichte gewählt. Sie umfasst zeitlich, der Titel sagt es bereits, nur ein einzelnes Wochenende. In dem unzertrennlichen Kleeblatt von vier älteren Frauen stirbt Sylvie, und Jude, Wendy und Adele werden gebeten, deren altes Sommerhaus am Meer komplett zu entrümpeln, damit es verkauft werden kann. «Nehmt Euch, was ihr wollt», heißt es in der E-Mail von Sylvies Erben, «betrachtet es als Ferien».

Zwei Tage haben die seit Jahrzehnten eng befreundeten Frauen Zeit dafür, und zwar an Weihnachten, wo es in dem auf der südlichen Halbkugel gelegenen Erdteil Australien ja Sommer ist und damit in der Regel auch sehr heiß. Sie waren schon oft in dem Haus von Sylvie, haben dort Weihnachten zusammen verbracht oder auch Ferien gemacht. Obwohl sie sich untereinander so gut kennen wie niemand anderen sonst, ist dieser Aufenthalt elf Monate nach Sylvies Tod eine besondere Herausforderung für die drei Freundinnen, die sich nun angesichts dieses eher ungewöhnlichen Auftrags und der geänderten Konstellation ihrer langjährigen Freundschaft auf neue Weise kennen lernen. Die Autorin lässt sich zu Beginn viel Zeit, die Anreise der Frauen mit den verschiedensten Verkehrsmitteln und ihre individuellen Reise-Erlebnissen und –Eindrücken zu schildern, was schon ein wenig auf ihre charakterlichen Eigenarten hindeutet. Als sie dann glücklich alle eingetroffen sind, ist zunächst alles wie immer, sie kennen sich ja schließlich lange genug. Ihrem Wesen entsprechend verhalten sich die Frauen dann aber recht unterschiedlich angesichts der bevorstehenden Aufgaben. Die kapriziöse Schauspielerin Adele hat sich gleich auf ihr Zimmer zurückgezogen, um sich im Bett liegend erstmal auszuruhen und einzustimmen auf das, was bevorsteht. Und wie es ihre Art ist, hat sie natürlich gleich auch das schönste Zimmer im Haus okkupiert. Wendy hingegen, die als intellektuelle Schriftstellerin ein erfolgreiches Buch nach dem anderen schreibt, ist mit ihrem altersschwachen, kranken Hund Finn beschäftigt, den sie abgöttisch liebt, der den anderen Frauen aber nicht zuletzt mit seinen Hinterlassenschaften gewaltig auf die Nerven geht. Aber nicht nur die Romanfiguren sind entsetzt, sondern auch der Leser, denn Finn ist nun sozusagen der Vierte im Bunde der Frauen und wirkt allenfalls als lästiger Störfaktor im Roman.

Nur Jude hat sich als einstmals erfolgreiche Besitzerin eines angesagten Restaurants gleich an die Arbeit gemacht und angefangen, die vorhandenen Konserven nach Verfallsdatum zu sortieren. Wie zu erwarten kommt es während der beiden Tage zu allerlei Enthüllungen, Geständnissen und Verdächtigungen zwischen den befreundeten Frauen, vieles ist nicht so, wie es scheint. Es sind all die Probleme, die da aufscheinen und von den anderen mehr oder weniger gehässig kommentiert werden, es menschelt gewaltig in diesem Roman. Die einst glamouröse Adele hat schon lange keine Rolle mehr bekommen, ihre Zeit als Schauspielerin ist vorbei. Ihre lesbische Geliebte hat sie am Abfahrtstag vor die Tür gesetzt, sie steht jetzt plötzlich sozusagen auf der Straße, was sie den Freundinnen natürlich schamhaft verschweigt. Aber auch Judes finanzielle Großzügigkeit erweist sich in Wahrheit als aufgesetzte Attitüde, nur dank ihres reichen Liebhabers, von dem die anderen nichts wissen dürfen, kann sie sich ihren extravaganten Lebensstil überhaupt leisten. Und die intelligente Wendy wiederum kommt partout mit ihren erwachsenen Kindern nicht klar.

Der von Anfang an langweilige, profane Plot wartet mit allerlei Klischees auf bei den psychischen Eigenheiten seiner Figuren, die sich untereinander auf die Nerven gehen – und bald auch dem Leser! Es fehlt ihnen deutlich an Charisma, um sympathisch wirken zu können. Und der in allerlei Rückblenden stocknüchtern erzählten, vorhersehbaren Handlung fehlt es  zudem leider an Humor, was diese Lektüre zu allem Überfluss letztendlich völlig freudlos macht!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kein & Aber Zürich

Eternos

Stefan Leitholds Eternos ist ein verschachtelt gebauter Roman, und gerade daraus bezieht er einen guten Teil seines Reizes. Der Roman, den wir lesen, heißt Eternos. In ihm gibt es den Schriftsteller Richard Kalluff, der ebenfalls einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht hat. Und dieser fiktive Roman wird wiederum von Regisseur Mirko Lossewsky als gleichnamiges Schauspiel auf die Bühne gebracht. Der Text markiert diese Konstruktion ausdrücklich: Lossewsky spricht von Kalluffs neuem Roman und davon, dass dessen Werk als Theaterstück auf die Bühne solle; später sieht der Schauspieler Martin Sterngrad das Plakat: „ETERNOS – Ein Schauspiel nach dem Roman von Richard Kalluff“.

Schon der Prolog zeigt, dass Leithold nicht bloß Theateratmosphäre erzeugen will, sondern Theater als Lebensmacht begreift. Mirko Lossewsky wächst zwischen Schauspielerin-Mutter, Bühnenbildner-Vater und frühem Puppenspiel auf. Der Satz des Vaters, der Künstler befreie das Kunstwerk und dies sei ein schmerzhafter Prozess, klingt wie ein Programm durch den ganzen Roman. Früh verschränken sich hier Kunst, Verwandlung und Gefahr.

Im Zentrum der eigentlichen Handlung steht dann Martin Sterngrad, ein talentierter, aber noch nicht gefestigter Schauspieler. Lossewsky besetzt ihn überraschend als Linus in der Bühnenfassung von Kalluffs Eternos. Von da an beginnt die Grenze zwischen Probe und Wirklichkeit zu zerfließen. Denn Lossewsky will nicht, dass seine Schauspieler bloß spielen. Sein Credo lautet: „Du sollst deine Rolle nicht spielen, du sollst sie werden!“ Damit wird Martin nicht nur Darsteller einer Figur, sondern allmählich ihr Träger.

Hier liegen die stärksten Seiten des Romans. Leithold entwirft die Stadt Eternos mit deutlicher Sinnlichkeit: Palast, Gassen, Bezirke, Brunnen, Unterwelten und Übergänge erscheinen nicht als bloße Dekoration, sondern als Bühnenwelt mit eigener Sogkraft. Martin betritt diese Kulisse und erlebt, dass sie ihren Status als Szenerie verliert. „Willkommen in Eternos!“, sagt Lossewsky – und dieser Satz wirkt wie eine Schwelle. Von nun an wird aus dem Bühnenbild eine zweite Wirklichkeit.

Dass dieser Übergang bedrohlich ist, spricht vor allem Dorothea Manserna aus, die warmherzige Kostüm- und Maskenbildnerin des Romans. Sie warnt Martin, er könne sich auf dieser Bühne verlieren. Auch Martin selbst findet dafür die prägnanteste Formel: „Es wird alles echt!“ In solchen Momenten gewinnt das Buch seine eigentliche Tiefe. Es handelt dann nicht bloß von Theaterzauber, sondern von der Frage, was Kunst mit denen macht, die sich ihr ganz ausliefern.

Zugleich ist Eternos ein poetologischer Roman. Richard Kalluff steht für den Autor, der seine Figuren entwirft und auf ein Ende hin ordnet. Mirko Lossewsky dagegen will diese Verfügung aufbrechen. Er besteht darauf, dass die Zuschauer eben nicht nur das geschriebene, sondern das „wahre Ende“ erleben sollen. In dieser Konstellation verhandelt Leithold den Gegensatz von Literatur und Bühne, von Text und Verkörperung, von Komposition und Kontrollverlust. Das ist gedanklich reizvoll und hebt den Roman über bloße Fantasy hinaus.

Leitholds Sprache liebt das Bedeutungsleuchten, den dunklen Schimmer, die große Geste. Das passt zum Stoff, führt aber gelegentlich zu einer gewissen Überhitzung. Nicht jede Szene müsste in solcher Emphase stehen. Manches wäre stärker, wenn es schlichter gesagt wäre. Auch einige Figuren der Binnenwelt bleiben eher Funktionen eines großen Entwurfs als voll ausgearbeitete Charaktere.

Dennoch ist Eternos ein bemerkenswert eigenständiges Buch. Es nimmt Theater ernst, nicht als Dekor, sondern als riskante Kunstform der Verwandlung. Der Epilog bestätigt den Erfolg der Inszenierung, verändert Martins Schauspielerleben grundlegend und lässt Lossewskys Geheimnis doch bewusst ungelöst. Gerade darin liegt Konsequenz. Ein Roman, der von der Macht der Illusion lebt, darf sein Zentrum nicht restlos entzaubern.

Leitholds Eternos ist ein ambitionierter, bildstarker Theaterroman mit phantastischem Kern. Nicht alles daran ist makellos; manches ist zu viel, manches zu ausdrücklich bedeutungsvoll. Aber das Buch besitzt Sog, Mut und eine unübersehbare Liebe zur Kunst. Das macht es lesenswert.

Wer nach literarischen und ästhetischen Wahlverwandtschaften sucht, mag sich bei Eternos bisweilen an Arthur Schnitzlers Der grüne Kakadu erinnert fühlen, wo Spiel und Wirklichkeit ununterscheidbar ineinanderkippen; an Erin Morgensterns Der Nachtzirkus, dessen künstlich erschaffene Wunderwelt den Besucher nicht bloß umgibt, sondern verschlingt; oder auch an Christopher Nolans Inception, das seine Wirkung aus der raffinierten Verschachtelung mehrerer Realitätsebenen gewinnt. Doch Stefan Leithold variiert diese Motive auf eigene Weise: stärker vom Theater her gedacht, stärker auf Verkörperung, Regie und Identitätsverlust zugespitzt. Wo Schnitzler die Maske gesellschaftlich pointiert, Morgenstern die Kunstwelt märchenhaft verzaubert und Nolan Wirklichkeit als Konstruktion befragt, macht Eternos aus all dem ein düsteres Spiel über die gefährliche Macht der Bühne.


Genre: Roman
Illustrated by Ultraviolett

Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte

Auch ein Wal spielt dieser Tage eine gewisse einsame Rolle…

Einsamkeit. Eine Befreiungsgeschichte. Was erst wie ein Psychoratgeber aussieht, entpuppt sich bei genauerem Lesen als packender Befreiungsschlag von einem unfreiwillig angetretenen “Erbe der Einsamkeit“. Seinen Job verloren, vn seiner Freundin verlassen, beide Elternteile durch Suizid verabschiedet, befreit sich Daniel endgültig von seiner Drogensucht und anderen Süchten und erfährt endlich Läuterung und Befreiung. Ein Heldenepos ohne Pathos, aber viel Ethos.

Das Säurebad des Zynismus oder die präventive Selbstdemontage

In drei an Gottfried Benn angelehnten Kapiteln – Verluste, Sehnsucht, Hoffnung – erlebt der Protagonist Daniel am Ende endlich das, was man wohl gemeinhin als Gnade bezeichnen könnte. Denn er begreift, nach harten Jahren der Tortur in Elternhaus, Schule und Psychiatrie sowie diversen Süchten, endlich das, was im Leben wirklich wichtig ist: “Liebe und Freundschaft“. Und vor allem: Zugehörigkeit. Im ersten Kapitel, “Verluste“, geht es um seine Eltern, die sich durch Suizid aus der Affäre ziehen. Sein Vater fährt absichtlich gegen einen Baum, seine Mutter, die sich mit mehreren Männern und Luxus vorerst trösten konnte, fährt in die Schweiz. Dort ist Sterbehilfe zwar nicht legal, wird jedoch nicht geahndet. Grund dafür hat sie eigentlich keinen, außer vielleicht den, nicht mehr zu genügen, nicht mehr gut genug zu sein für eine Welt des Prestige (“die Bühne der Blasiertheit”), ein Gefängnis, das sie sich selbst zimmerte. Das zweite Kapitel, “Sehnsucht“, ist ganz von seiner manischen Liebesgeschichte zu Esther gekennzeichnet, die er in einem Berliner Nachtclub kennenlernt. Von ihr erwartet er sich Erlösung, die er sich aber aufgrund seiner Veranlagung zu Selbstdemontage bald wieder verpatzt. “Sie würde sich mit meiner Hilfe aus ihrer Ehe stemmen, und ich würde mich dank ihrer Zuneigung vor dem Einsamsein retten.” Aber wie fügt er ganz selbstkritisch und süffisant hintan: “Ex-Junkies sollten sich von Deals Fernhalten“.

Antidot Einsamkeit: Zugehörigkeit

Das flüssig geschriebene Werk voller Selbstironie und Humor des Kulturjournalisten Daniel Haas, Jahrgang 1967, ist ein Roman ganz in jugendliche Eleganz getaucht. Haas glänzt mit einigem Literaturwissen: Benn, Kafka, Mann. Aber auch die Welt des Demimonde, das Berliner Nachtleben, dürften ihm nicht ganz unbekannt sein. Voll liebevoller Ironie, mit feiner Klinge, beschreibt Haas das Leben seines jüngeren alter ego, Daniel, eines “Liebeshelden mit Opiat- und Literaturexpertise“. Aber im dritten Kapitel, “Hoffnung“, macht er ihm ordentlich den Garaus. In Gestalt seines besten Freundes, Friedrich, werden Daniel die Leviten gelesen und er begreift schließlich, dass er sich selbst die Rolle des Versagers zugeteilt hat, um sich schmollend auf das sich daraus ergebende Recht, einsam zu sein, zurückziehen zu können. Einsamkeit war zwar eine wesentliche Prägung seiner Existenz, aber nicht die Begründung für seine Existenz. Groll und Zorn bildeten jahrzehntelang die unsichtbaren Gitterstäbe, “durch die man die Welt einerseits zwar wahrnimmt, sie andererseits aber verzerrt und verkennt“, so Haas. “Grübeleien, Unterstellungen und vorauseilende Ängste sind ein guter Nährboden für Einsamkeitsgefühle“, schreibt Daniel Haas. Friedrich hingegen, sein bester Freund, “missionierte in Glück und Zufriedenheit, weil er wusste, dass wir das, was wir haben, nur bewahren können, indem wir es weitergeben“. “Alles ist möglich, wenn wir nur darauf bestehen, dass die Zugehörigkeit stärker ist als das, was uns trennt.” Sie entsteht durch Mitgefühl, Humor und Vertrauen. Ein wertvoller Roman, der viel zu bieten hat und voller Leidenschaft geschrieben wurde.


Genre: Autobiographie, Debüt, Roman
Illustrated by Goldmann München

Schwebebahnen

Stilistisch schwebend mit banalem Plot

Wie auch in vielen seiner anderen Romane geht es in «Schwebebahnen» von Hanns-Josef Ortheil um Episoden aus seinem Leben. Zu diesem neuen Roman hat er angemerkt: «Ich habe von 1957 bis 1962/1963 in Wuppertal gelebt, und das Seltsame ist, dass ich danach immer wieder von Wuppertal geträumt habe. Und zwar von den Schwebebahn-Fahrten». Der aus Köln kommende sechsjährige Josef hat äußerste Schwierigkeiten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Vater ist Eisenbahner und hat in Wuppertal eine Wohnung in einem Haus voller Eisenbahner-Familien bezogen. Josef musste in Köln die Schule abbrechen, er ist ein introvertierter Einzelgänger, der sich fast nur für Musik interessiert.

In dieser autofiktionalen Coming-of-Age-Geschichte werden für einen Zeitraum von etwas mehr als fünf Jahren Josefs Erlebnisse in neuer Umgebung und mit neuen Mitmenschen geschildert, an die er sich nun langsam gewöhnen muss. Das gilt insbesondere auch für die neuen Mitschüler, denn er «lebt, denkt und fühlt anders als andere Kinder», er wurde deshalb in Köln auch immer wieder gehänselt. Die neue Rektorin nimmt sich seiner besonders intensiv an, sie wurde durch einen Brief der Kölner Schule vorinformiert und will ihm möglichst helfen. Gleich am ersten Tag in der neuen Wohnung hat er ein Mädchen im Haus gegenüber gesehen, das ihm gewunken hat. Es ist Rosa, die Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, die klug ist und voller Temperament. Sie will «Mücke» genannt werden, weil sie Rosa schrecklich findet, und sie selbst nennt Josef schon bald nur noch «Giuseppe». Die Beiden freunden sich schnell an und werden bald unzertrennlich. Furchtlos geht sie mit ihm in den Wald, sie hat keine Angst vor den feindlichen Jugendbanden, die dort herumstrolchen, und sie zeigt ihm auch ihre versteckte Höhle, in der sie Engelsfiguren aufgestellt hat, die sie manchmal sogar mit Kerzen beleuchtet.

Mücke symbolisiert im Roman das Gegenbild zu einer herzlosen Leistungs-Gesellschaft mit hohem Erwartungsdruck, die nur durch Anpassung zu funktionieren scheint und in der hartnäckiges Verschweigen zum Prinzip geworden ist. Die titelgebende Schwebebahn wiederum, das kuriose städtische Wahrzeichen Wuppertals, fungiert hier als poetisches Symbol für das Leichte, Schwebende, für das, was möglich bleibt in der schwer gewordenen Realität des Nachkriegs-Lebens, in dem die unheilvolle Vergangenheit ständig durchschimmert. Die Eltern von Josef haben vier Kinder verloren, all ihre Hoffung richtet sich nun auf ihn. Aber es ist nun mal die Musik, in die er sich flüchtet mit seinem Klavierspiel, das ihm alles bedeutet. Bei dem er so wunderbar improvisieren kann, statt sich der eisernen Disziplin des Lehrbuchs zu unterwerfen, – es ist sein Fluchtweg aus dem allgemeinen, eisernen Schweigen heraus. Im Roman ist die Nachkriegs-Gesellschaft mit ihren Erwartungen, «etwas aus sich zu machen», als diffuse Autorität und permanente Aufforderung im Hintergrund ständig erkennbar.

Der Autor hat keinen klassischen Entwicklungsroman im Sinn gehabt, ihm ging es mit dem Aneinanderreihen von Episoden vielmehr um das Nachklingen einer Kindheit, die immer noch fortwirkt und nicht abgeschlossen ist. Erzählt wird «doppelgleisig», einerseits aus der kindlichen Innen-Perspektive von Josef, andererseits aus einer distanzierten Außenperspektive. Dabei wird dann fleißig sinniert oder räsoniert, – es wird also nichts erklärt oder gar analysiert, sondern nur gezeigt. Man wird als Leser nicht alles verstehen können, aber doch auch manches wieder erkennen aus eigenem Erleben. Im autobiografischen Œuvre des Vielschreibers Hanns-Josef Ortheil ist dieser Roman nichts Neues, er ist allenfalls eine Ergänzung zu bereits Erzähltem. Die Kernaussagen wiederholen sich hier nämlich, wobei das Narrativ kaum variiert wird, was eifrige Stammleser dieses Autors wohl nicht stören, manche hingegen aber durchaus enttäuschen dürfte. Was den Stil anbelangt, so ist das Leichte, Schwebende, an Musik Erinnernde als Markenzeichen des Autors die Lektüre allemal wert, der Plot als solcher aber enttäuscht leider als deutlich zu banal.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Zur See

Vom Preis des Wohlstands

Mit dem deskriptiven Titel «Zur See» hat die in Husum geborene Schriftstellerin Dörte Hansen die Thematik ihres neuesten Romans verdeutlicht. Dieses Buch ist nicht nur ein Lobgesang auf das Meer, hier auf die Nordsee, sondern auch die detaillierte Milieubeschreibung einer kleinen Insel und ihrer geschichtlichen Entwicklung über mehrere Jahrzehnte hinweg bis in die Neuzeit. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte einer fünfköpfigen Familie aus einer viele Generationen zurück reichenden Seefahrerdynastie, deren sich ändernde Lebensweise auf die sich allmählich verbessernden ökonomischen Bedingungen durch den aufkommenden Tourismus zurück zu führen ist. Aber dieser Wohlstand hat auch einen hohen Preis!

Jens Sander hat sich total von der Familie zurückgezogen, seine Kinder sind ihm immer fremd geblieben. Er lebt seit zwanzig Jahren als Vogelwart in einem primitiven Pfahlhaus des Amtes für Umweltschutz auf einer nahe gelegenen Vogelinsel. Mutterseelenallein kümmert er sich dort um die Vogelwelt und verscheucht Touristen, die hier keinen Zutritt haben. Hanne Sander musste ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder deshalb allein großziehen. Ihr ältester Sohn Rykmer hatte als Kapitän eines Tankers bei einem Orkan auf hoher See die Nerven verloren, sein Steuermann musste das Kommando übernehmen. Seit diesem Schock ist er Alkoholiker und arbeitet, als Deckmann degradiert, auf der Inselfähre. Hanne hat nach dem Verkauf eines uralten Reetdach-Hauses an die Gemeinde, die darin ein schmuckes Heimaltmuseum errichtet hat, den Job als Museums-Führerin angenommen. Ihre selbstbewusste und unangepasste Tochter Eske hat Sprachwissenschaft studiert, arbeitet jetzt aber als Pflegerin im örtlichen Seniorenheim. Sie ist mit einer Frau liiert, die auf dem Festland ein Tattoostudio betreibt und Eskes Körper mit Tattoos regelrecht zugepflastert hat. Mit Sorge beobachtet Eske, dass die ländliche Idylle der Insel durch die wachsenden Touristenströme immer mehr zur Folklore verkommt, dass geldgierige Investoren Grundstücke an sich reißen und eine Wellness-Oase nach der anderen errichten, die das Dorfbild total verschandeln und Kirche und Leuchtturm nicht nur optisch verdrängen. Henrik, der jüngste Bruder, hat sich nie zu Schiffen hingezogen gefühlt, er hat immer schon am Strand Treibgut gesammelt und daraus Plastiken gefertigt, die er dann mit der Zeit sogar verkaufen konnte. Als Dorfkünstler ist er inzwischen durch die Zeitung auch auf dem Festland bekannt geworden und veranstaltet nun umfangreiche Ausstellungen seiner originellen Werke, zu der die Sammler von weit her angereist kommen.

Dieser auktorial erzählte Roman einer Zeitenwende folgt keinem Plot, er berichtet distanziert, mit immerzu wechselndem Fokus auf seine wortkargen Figuren, von den Veränderungen der dörflichen Idylle durch den Tourismus. Der hat die Seefahrt allmählich als Erwerbsquelle abgelöst und Wohlstand gebracht. Viele Fischerboote wurden zu Ausflugsbooten umgebaut oder veranstalten zur Demonstration kurze Fischfang-Ausflüge. Und mit umgebauten Pferdewagen werden die vielen Touristen unermüdlich über Insel kutschiert. Jeder Einwohner vermietet inzwischen auch Zimmer oder wandelt sein Haus in eine Pension um. Sogar der Dorfpfarrer ist mit seinen gut besuchten Predigten inzwischen berühmt, obwohl er sich doch innerlich schon längst von Gott gelöst hat. Nachdem fast alle ehernen Gewissheiten verschwunden sind, schwindet auch das unverbrüchliche Urvertrauen der Inselbewohner in das Element Wasser.

Als Begründung ihrer extrem dialogarmen Erzählweise hat die Autorin im Gespräch erklärt: «Vielleicht weil ich meine Figuren eher so ein bisschen in ihrer Tarnung lasse». Natürlich spielen neben den stimmig gezeichneten Figuren, die im Roman ein Jahr lang nebeneinander her leben, auch die See und das unwirtliche Wetter eine erzählerisch dominante Rolle. Obwohl nicht ganz klischeefrei – bis hin zu einem gestrandeten Potwal – ist diese pessimistische Erzählung vom Preis des Wohlstands besonders auch für nicht-maritime Leser durchaus bereichernd.

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Ein Mann mit vielen Talenten

Eine moderne Faust-Persiflage

Castle Freeman, der in Texas geborene, amerikanische Schriftsteller, ist für seine thematisch originellen Romane aus seiner zweiten Heimat, dem Bundesstaat Vermont bekannt. «Ein Mann mit vielen Talenten» gehört zu den vier Titeln, die nicht zu seiner ebenfalls vier Bände umfassenden «Sheriff Lucian Wing»-Reihe gehören. Aber auch der vorliegende, 2022 auf Deutsch erschienene Roman ist wieder im ‹Green Mountain State› im ländlichen Neuengland angesiedelt, wo der Autor seit mehr als vierzig Jahren lebt. Dessen Landschaft inspiriert ihn immer wieder ebenso sehr für seine Romane wie auch dessen schlichte, ungeschliffene Einwohnerschaft. Während in den Feuilletons dieser Roman – immerhin aus dem renommierten Hanser-Verlag – ganz einfach ignoriert wurde, ist die Resonanz beim Lesepublikum so einhellig positiv wie selten. Das liegt wohl einerseits an der den deutschen Lesern wohlbekannten und überaus geschätzten Thematik wie auch an dem köstlichen Humor, mit dem hier so frohgemut erzählt wird.

Der originelle Plot ist in einem einsamen, bewaldeten Tal angesiedelt und hat die Faust-Thematik zum Inhalt. Da gibt es mit Langdon Taft einen dem Alkohol zugeneigten, genügsamen Faust und einen ebenso geheimnisvollen wie eloquenten Besucher namens Dangerfield als Mephisto. Die Beiden schließen einen zeitlich begrenzten Pakt von knapp sieben Monaten, bis zum Columbus Day am 12. Oktober. Der Eigenbrödler Taft steckte in einer tiefen Sinnkrise, als der schneidige Dangerfield urplötzlich bei ihm auftauchte und ihm das berühmte, verführerische Angebot machte. Er hat sich auf den Pakt eingelassen, weil er als pensionierter Lehrer und erfolgloser Schriftsteller ja nichts zu verlieren habe, wie er glaubt, für ihn ist das Leben einfach nur noch langweilig. Als Abgesandter des Teufels hat Dangerfield ihm versprochen, ihm für den vereinbarten Zeitraum alle «Talente» zu verleihen, die er sich nur wünscht. Er dürfe aber mit niemandem über seinen Pakt reden, sonst wäre alles nichtig, was er erreicht oder erworben habe. Dabei geht der Abgesandte des Leibhaftigen natürlich davon aus, dass Taft seine grenzenlosen Möglichkeiten nur für sich selbst nutzen wird.

Kurz danach erzählt ihm sein bester – und einziger – Freund Eli, der ihn fast täglich besucht, von einer armen Familie. Deren Sohn ist seit langem im Krankenhaus und müsste operiert werden, aber sie haben kein Geld, die Rechnungen würden sich bei ihnen schon fünf Zentimeter hoch stapeln. Taft bezahlt kurz entschlossen alle offenen Rechnungen und die erforderliche OP. Als nächstes sorgt er mit Dangerfields Hilfe dafür, dass einem allseits bekannten Schläger und Kriminellen das Handwerk gelegt wird und er spurlos verschwindet. Als er später von einem Jungen hört, der im Schulbus von zwei Schwestern bös gemobbt wird, übernimmt er für einen Tag den Job als Busfahrer und stoppt sofort den Bus, als die Mädchen wie immer mit ihren Schikanen anfangen. Er verwandelt sie in Kröten, was sie ja eigentlich sind, und wirft sie aus dem Bus. Wenig später zieht ihre Familie in eine andere Gegend. Einem smarten Anwalt aus New York, der eine völlig ungerechtfertigte Forderung per Gerichtsbeschluss gegen hilflose alte Leute eintreiben will, legt er das Handwerk, indem er einfach dessen Original-Dokumente aus seinem fernen Büro abholen lässt und vor seinen Augen im Feuer verbrennt. Für diese und weitere guten Taten nutzt er die Hilfe des ziemlich verblüfften Dangerfield.

Mit Prolog und Epilog versehen ist diese von psychologischem Einfühlungs-Vermögen gekennzeichnete Faust-Hommage in einer flüssig lesbaren Sprache geschrieben, die besonders mit ihren vielen äußerst originellen, lakonischen und verblüffend schlagfertigen Dialogen in Alltagssprache glänzt. Die intertextuellen Bezüge zu Goethe spiegeln sich sogar in der Gretchenfrage wieder, hier mit einer toughen jungen Polizistin, und es gibt auch eine leibhaftige Hexe in dieser modernen, zuweilen aber etwas gar zu albern wirkenden Faust-Persiflage.

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München

Demon Copperhead

Der Begriff „Remake“ ist vor allem in Zusammenhang mit Neuverfilmungen älterer, irgendwann bereits verfilmter Stoffe geläufig. In der Musik ist die Neuinterpretation vergangener Hits auch gang und gäbe, manche nennen es auch Covern. Aber das gibt es auch in der Literatur. Und man kann dafür sogar einen Pulitzer-Preis gewinnen.

So geschehen bei Barbara Kingsolver. Die renommierte US-Schriftstellerin lebt und arbeitet auf der eigenen Farm in Washington County, Virginia. Obwohl sie hauptberuflich Autorin ist, betreibt sie den Hof aktiv. So sagt man. In Ihren Werken scheut sie sich nicht, mit dem Finger auf vordringliche gesellschaftliche Probleme zu zeigen, wie ungleichen gesellschaftlichen Wandel, mangelhafte politische Verantwortung, gestörte Verbindung zwischen Mensch und Natur und fehlende soziale Gerechtigkeit.

Kingsolvers Roman ist eine moderne Nacherzählung von Charles Dickens’ Klassiker „David Copperfield“. Während Dickens im viktorianischen England spielt, versetzt Kingsolver die Geschichte in die USA von heute und thematisiert unter anderem Pflegekinderschicksale, oft unverschuldete Opioidabhängigkeit, inter- und intrafamiliäre Konflikte und das Leben am Rand der Gesellschaft.

Auf ihrer Farm hat die Autorin neben Ackerbau und Viehzucht offensichtlich viel Zeit zum Schreiben. Die Geschichte von Demon Copperfield – der eigentlich Damon Fields heißt (zu deutsch „Felder“!) – erstreckt sich über stattliche 864 Seiten oder 2,2 MB. Also schon einmal eine gute Investition, da es viel Buch fürs Geld gibt.

Und es läuft eine ganze Weile auch richtig gut.

Es ist in weiten Teilen des Buches beeindruckend, wie die siebzigjährige Schriftstellerin keine Mühe hat, sich in das Denken und die Ausdrucksweise eines vielleicht acht- bis zwölfjährigen Jungen hineinzuversetzen. Der Underdog-Slang ist maximal authentisch, vielleicht mit einer leichten Beimischung Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als Leser fühlt man sich direkt angesprochen, als wäre man Demon’s gleichaltriger Kumpel. Und das ist beim Lesen ohne Zweifel eine ganze Weile „verdammt nochmal voll cool, Mann …“. Vielleicht hat die Autorin in ihrer Jugend mal ein paar Jahre in der Bronx verbracht.

Mit dem Heranwachsen des Protagonisten ändert sich nicht nur der Stil des Buches, sondern die Story wird spürbar langatmiger und langweiliger. Die Sprache wird reifer und erwachsener. Leider schleichen sich auch die ein oder anderen sachlichen Fehler ein. Vor allem bei medizinischen Aspekten hat Kingsolver schlecht recherchiert. Die Versorgung einer akuten Knieverletzung ist ebenso falsch dargestellt wie die Gewinnung injizierbaren Fentanyls aus den gleichnamigen Pflastern. Gut dagegen hat sie ausgeführt, wie der unkritische Einsatz morphinähnlicher Schmerzmittel viele Menschen über Jahrzehnte in die Drogenabhängigkeit trieb. Und vielleicht noch treibt.

Gibt es eine Message to take home? Ist man als Kind einer drogenabhängigen Mutter wirklich ohne Perspektive, zur Ausweglosigkeit verdammt? Zieht sich Janis Joplins „Nothing Left to Lose“ wirklich unabdingbar durch das ganze, verdammte Leben, Mann? Oder hat Demon seine Chancen, die es durchaus gab, einfach nicht genutzt? Oder war er aufgrund seiner Startvoraussetzungen dazu einfach nicht in der Lage?

Obwohl das niemand propagiert, scheint das Buch von Barbara Kingsolver vor allem an Adoleszente adressiert zu sein. Aber dafür ein Pulitzer-Preis? Ein Fleißkärtchen wäre auch ok gewesen.


Genre: Belletristik, Erzählung, Gesellschaftsroman, Roman
Illustrated by dtv