Offene Rechnung. Mit “Betty Blue” (1986) feierte der französische Autor Philippe Djian seinen internationalen Durchbruch. Sein neuester Roman ist wieder “eine etwas andere Liebesgeschichte”: der Journalist Nathan lebt mit Ehefrau und Schwiegermutter unter einem Dach, observiert eine Wanderin und bekommt die nackten Brüste seiner Ex-Chefin zu sehen.
Arbeitslos, impotent, voyeuristisch
Der einzige (lebende) männliche Protagonist Nathan ist am Ende seiner Journalistenlaufbahn angelangt. Er darf nur mehr als “Freier” an der Zeitung “Morgen” mitarbeiten. Aber nicht nur beruflich ist er “beschnitten”, nein, auch in seiner Beziehung zu seiner Ehefrau Sylvia ist er nach einer mißglückten Vasektomie nicht mehr so ganz der Mann der er war. Nachdem der Ehemann seiner Schwiegermutter Gaby, sein Schwiegervater, in einer Badewanne durch einen Fön zu Tode gekommen ist, wohnen Nathan und Sylvia mit Gaby unter einem Dach. Obwohl sie zumeist das Gartenhaus bevorzugt. Dort macht sie ihm unversehens Avancen, aber aufgrund seiner Impotenz kann er diese quasi nur platonisch erwidern. Dafür betrachtet er seine Frau und seine Schwiegermutter nächtens gerne beim Schlafen. Voyeurismus? Skopophilie? Gaby ist nicht nur seine Schwiegermutter, sondern auch Eigentümerin der Zeitung, für die Nathan nur mehr ab und zu arbeiten darf und zudem noch eine begnadete Dichterin, deren Werk Nathan wohl noch mehr als ihren Körper bewundert. Aber der “Morgen” soll von einer dubiosen Investorengruppe aufgekauft werden und damit beide Frauen arbeitslos machen. Doch dann gibt es da noch diese Wanderin, Nicole Dorflinger…
Ganz zu schweigen von…
“Offene Rechnung” liest sich sehr irritierend. Während “Betty Blue” – der inzwischen vor 40 Jahre erschienene Roman ein echter Pageturner war – ist der neue Roman des 77-jährigen Djian ein eher verwirrendes Lebenszeichen. Was besonders auffallend ist, ist die Tatsache, dass der Roman ganz im Präsens geschrieben ist und völlig ohne Anführungszeichen (bei Dialogen) verfasst wurde. Zudem ist der Protagonist Nathan ein klassischer Looser, der nicht gerade zur Identifikation dienlich ist. Dass die Männer alle tot sind und Nathan der einzige lebende Mann zwischen den einzelnen Frauen – Barbara Brunevigne, die Frau des ebenfalls bald toten Senators kommt später noch hinzu – wirkt ebenfalls sehr befremdend. Als impotenter, arbeitsloser Journalist mit voyeuristischen Veranlagungen wird er bei den Leser:innen vielleicht etwas Mitgefühl hervorrufen, aber es ist schwer zu glauben, dass daraus viel mehr als ein Abgesang auf das männlichen Geschlecht im 21. Jahrhundert abzuleiten sein wird. “Ganz zu schweigen” (franz.: sans compter) von den gesellschaftspolitischen Implikationen bringt auch der plot wenig Spannung auf. Hat Philippe Djian im Alter von 77 Jahren einen Kultroman für die “incels” geschrieben? Aber gut, Nathan lebt nicht freiwillig zölibatär, eher gezwungenermaßen aufgrund der verfehlten Vasektomie…
Philippe Djian
Offene Rechnung
Originaltitel: Sans compter
Aus dem Französischen von Norma Cassau
2026, Hardcover Leinen, 256 Seiten
ISBN: 978-3-257-07354-6
diogenes
€ (D) 26.00 / sFr 35.00* / € (A) 26.80