Der Fetzen: Roman

Als alle Charlie sein wollten

Das Leben des französischen Journalisten Philippe Lançon, der für die Tageszeitung „Libération“ und das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ schreibt, veränderte sich am 7. Januar 2015 auf fundamentale Art und Weise: Am Morgen jenes Tages verübt die Organisation „Al-Quaida im Jemen“ einen Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris. Sie töten elf Menschen und verletzen mehrere.

Philippe Lançon überlebte den Anschlag nur knapp und wurde an Händen und Armen schwer verletzt – vor allem aber im Gesicht. Sein Mund und sein kompletter Unterkiefer wurden weggeschossen, übrig blieb ein klaffendes Loch. Er muss sich 17 Operationen unterziehen. Fast das gesamte Jahr 2015 verbrachte er in der Chirurgie des Hôpital de la Pitié-Salpêtrière und zur Anschlussheilbehandlung im Hôpital des Invalides.

„Der Fetzen“ beginnt mit drei hinführenden Kapiteln („Was ihr wollt“, „Fliegender Teppich“, „Die Konferenz“) und kommt dann zur Sache selbst: eine detaillierte Beschreibung des 7. Januar 2015, der Tag des Attentats. Es war ein Jazzbuch, das Philippe das Leben gerettet hat. Philippe wollte eigentlich schon aufbrechen, doch er blieb noch zwei Minuten stehen, um dem Comiczeichner Jean Cabut – der beim Anschlag ermordet wurde – ein neues Jazzbuch zu zeigen:

„Wenn ich nicht stehengeblieben wäre, um es ihm zu zeigen, wäre ich zwei Minuten früher gegangen und, ich habe es hundertfach durchgerechnet, im Flur oder im Treppenhaus auf die beiden Mörder gestoßen. Sie hätten mir wahrscheinlich eine Kugel oder mehrere in den Kopf gejagt, und ich wäre den anderen Palinuri, meinen Gefährten, ans Ufer der grausamen Bewohner und in die einzig existierende Hölle gefolgt; die, in der man nicht mehr lebt“ (Seite 74f.).

Der Roman endet in den Novembertagen 2015, als Philippe die erste USA-Reise seit dem Anschlag unternimmt. In New York erreichen in die Berichte von den Anschlägen vom 13. November 2015 des sog. „Islamischen Staates“ (IS) in Paris, bei denen 130 Menschen getötet und mehr als 680 verletzt wurden. Seine Chirurgin Chloé, die weiß, dass Philippe gerade nicht in Frankreich weilt, schreibt ihm eine SMS um ein Uhr morgens:

„Ich bin froh, Sie weit weg zu wissen. Kommen Sie nicht so bald wieder“ (Seite 548).

Mit dieser SMS endet der Roman von Philippe Lançon.

Zum Zeitpunkt des Anschlages im Jahr 2015 war Charlie Hebdo eine Zeitschrift, die eigentlich bereits am Ende war, Philippe spricht offen vom „Niedergang“ – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Dieser Rückblick auf die Zeit vor 2015 ist wichtig, denn der nach dem Anschlag entstehende Hype unter dem Slogan „Ich bin Charlie“ kommt nicht ganz ohne Heuchelei aus. Philippe erläutert, dass „Charlie Hebdo“ bis zur Affäre um die Mohammed-Karikaturen um Jahr 2006 eine maßgebliche Rolle in der Kulturlandschaft gespielt hat. Doch danach distanzierten sich die meisten Zeitungen von der Wochenzeitschrift, weil sie die Mohammed-Karikaturen veröffentlich hatte. Die Zeitung wurde um ihre Stammleserschaft gebracht. Entsprechend deutlich waren die Worte von Philippe:

„Abwechselnd kam man sich vor wie in einer Teestube oder in der Replik einer stalinistischen Zell. Diese fehlende Solidarität war nicht nur eine berufliche und moralische Schande. Indem sie Charlie isolierte und anprangerte, machte sie die Zeitung zu einer Zielscheibe der Islamisten“ (Seite 65).

Man kann durchaus die These vertreten: Hätte es den Anschlag nicht gegeben, es würde „Charlie Hebdo“ heute nicht mehr geben. Der Anschlag veränderte alles – auch die betriebswirtschaftliche, ökonomische Situation der Wochenzeitschrift:

„Am 7. Januar 2015 gegen 10 Uhr 30 waren in Frankreich nicht viele Leute Charlie“ (Seite 66).

Nur wenige Minuten später kam es zu einer radikalen Veränderung. Viele wollten Charlie sein.

Zwei Leben

Die fundamentale Art und Weise, auf die sich das Leben von Philippe durch den Anschlag veränderte besteht darin: der alte Philippe ist tot. Der 7. Januar 2015 war die „Stunde Null“ für Philippe. Seine alte Identität war weggefetzt worden. Sehr detailliert beschreibt er das Attentat und die unmittelbaren Minuten und Stunden danach. Es sind jene Bilder, die sich durch den Rest des Buches hindurchziehen. In seiner eigenen Blutlache liegend setzt sich der Anblick seines Kollegen und Freundes Bernard in seinen Gedanken fest, der tot auf dem Bauch lag und dessen Gehirn aus dem Schäden hervorquoll:

„Bernard ist tot, sagt mir derjenige, der ich war, und ich antwortete, ja, er ist tot, und genau hier wurden wir eins, an jenem Punkt, an dem dieses Gehirn hervorquoll, das ich am liebsten wieder in den Schädel zurückgestopft hätte und von dem ich mich nicht mehr losreißen konnte, denn seinetwegen habe ich in diesem Moment endlich gespürt und begriffen, dass etwas nicht rückgängig zu Machendes geschehen war“ (Seite 87).

Ist der neue Philippe ein Opfer? Ist er ein Held?

Ein Krankenpfleger sagt einmal zu Philippe, dass es nun in seiner Familie einen Helden gebe (Seite 196). Doch Philippe beschreibt, dass er sich nicht als Held fühlt und sich gleichzeitig schämt, die ihm von den Umständen zugewiesene Rolle nicht spielen zu können. Er gibt offen zu, dass er die typischen Schuldgefühle des Patienten habe. Er ist in allem abhängig und kann nicht einmal die Abhängigkeit kontrollieren. Eine besondere Abhängigkeit durchzieht sich im ganzen Roman zu seiner Chirurgin Chloé, die seinen neuen Unterkiefer gemacht hat. Chloé wird von Philippe idealisiert – oft stellt der Leser sich die Frage: Hat sich Philippe in Chloé verliebt? Doch diese Romantik bleibt uns Lesern dankenswerter Weise erspart.

Philippes Buch ist weder eine Heldengeschichte noch die Anklageschrift eines Opfers. Philippe ist Überlebender. Sein neuer Unterkiefer, den er ab sofort „Schnitzel“ nennt, wird mühsam aus einem seiner Wadenbeine rekonstruiert.

Bereits sieben Tage nach dem Attentat veröffentlicht Philippe einen Beitrag in „Libération“. Zum ersten Mal in seiner damals dreißigjährigen Berufstätigkeit berichtete er in einer Zeitung über sich selbst. Nicht zuletzt diese Zeilen sind eine sehr lohnenswerte Lektüre, denn sie erinnern uns an den Wert der Pressefreiheit:

„Dieses Attentat hat mir in Erinnerung gerufen, wenn nicht erst entschlossen, weshalb ich meinen Beruf bei diesen beiden Zeitungen ausübe – weil ich die Freiheit hochhalte und für sie eintreten möchte, in Form von Nachrichten oder Karikaturen, in guter Gesellschaft und in allen möglichen Formen, die, selbst wenn sie missraten sind, kein Urteil verdienen“ (Seite 215).

Philippe hat diese Freiheit mit dem Drittel seines Gesichts bezahlt.

Rekonstruktion durch Literatur: Kann Literatur wirklich Leben retten?

Das Ziel von „Der Fetzen“ ist eine Rekonstruktion in einem doppelten Sinne. Zum einen geht es für Philippe darum, dem Leser und dem „neuen Philippe“ nachzuzeichnen, wie sein Unterkiefer mühsam aus seiner Wade („Sekundärtransplantation“) rekonstruiert. wird. Zum anderen geht es für Philippe aber um eine viel tiefergehende Rekonstruktion, nämlich die bereits angedeutete, seelische und geistige Rekonstruktion als neuer Philippe.

Damit die seelische und geistige Rekonstruktion als neuer Philippe gelingt, schreibt er diesen Roman. Literatur hat ihm das Leben gerettet. Um zu verstehen, wie Literatur wirklich Leben retten kann, bringen wir kurz Denis Scheck ins Spiel: In seinem „Vorwort zu einem frivolen Unternehmen“ zu seinem „Kanon“ über die „100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ berichtet Denis Scheck über ein Gespräch mit Stefan Raab. Raab gilt als sehr belesen, liest keine Belletristik. Raab stellte Scheck die kritische Frage, warum solle er sich denn mit Literatur aufhalten solle und nie begriffen habe, weshalb er sich für erfundene Probleme erfundener Figuren interessieren müsse. Für Scheck gibt es keinen Zweifel daran, dass wir nur lesend die Welt verstehen und uns in ihr zurechtfinden können:

„Im Spiel der Kunst, nicht zuletzt im Gedankenspiel der Literatur entwickeln wir jene Systeme der Wahrnehmung, unserer moralischen Werte und ethischen Orientierung, die es uns erlauben, uns in dieser Welt zurechtzufinden. Nur lesend verstehen wir diese Welt – und fühlen uns sogar gelegentlich von der Welt verstanden“ (Quelle: Denis Scheck 2019: Schecks Kanon. Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von „Krieg und Frieden“ bis „Tim und Strupi“, München: Piper, Seite 8).

Weit über das Verstehen der Welt hinaus hat die Literatur das Potenzial, Leben zu retten:

„Literatur hat mir das Leben gerettet. Oft. Literatur hat mich beschützt und bewahrt, aber auch ausgesetzt und aus der Passivität ins Leben gestoßen“ (Seite 9).

Literatur und vor allem sein Dialog mit einer riesigen Werkgeschichte hat Philippe nicht das Leben gerettet. Der alte Philippe ist tot. Literatur hat das Leben des neuen Philippe gerettet. Es war eine Rettung durch Verwandlung. Dass dieser Prozess der Verwandlung in den neuen Philippe sehr schwierig war, veranschaulicht er unter anderem mit der Hilfe von Marcel Proust:

„Nichts ist schmerzlicher als dieser Gegensatz zwischen der Verwandlung der Menschen und der Starrheit der Erinnerung, wenn wir begreifen, dass das, was in unserem Gedächtnis so viel Frische bewahrt hat, im Leben keine Frische haben kann“ (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, zitiert Seite 406).

Für Philippe war die Identitätssuche als neuer Philippe auch deshalb so schwer, weil er die Beständigkeit der Menschen nicht ertragen konnte, die ihn im Krankenhaus besuchten – unter anderem der damalige Staatspräsident François Hollande. Seine Besucher steckten  für immer in den Tagen vor dem 7. Januar 2005 fest. Doch diese Zeit gibt es für Philippe nicht mehr. Der neue Philippe lebt weder die verlorene noch die wiedergefundene Zeit; er lebt die unterbrochene Zeit.

Literatur gibt jedem nicht nur das richtige Gefühl, sondern auch die richtige Orientierung: Du bist nicht alleine. Wir sind alle Opfer. Wir sind alle Helden. Jeder führt große Armeen an. Literatur liefert Verständnis. Literatur befriedigt Bedürfnisse. Literatur macht jeden zum Erwachsenen. Jeder ist ein Dichter. Jeder erobert Königreiche. Literatur lässt den Einsamen nicht alleine. Literatur ist Flucht in die Realität. Wir sind alle Verlierer. Wir sind alle Königskinder.

„Karussell der prophetischen oder didaktischen Kommentare“

In jedem Buch gibt es die persönliche Lieblingsstelle. Meine Lieblingsstelle ist jene Passage, auf die ich gewartet habe. Jene, in der Philippe über den „Sinn“ des Anschlags nachdenkt, Genauer: Über die Frage der (moralischen) Legitimität von politisch motivierter Gewalt bzw. „Terrorismus“ – diesen Begriff verwendet Philippe sehr sparsam. Es ist die einzige Stelle im ganzen Buch, in der Philippe diese Thema anschneidet:

„Ich las praktisch keine Zeitungen, hatte immer noch kein Fernsehen abonniert, und das Radio langweilte mich wie das in den Tiefen eines Sees brummende Geräusch eines Außenbordmotors. Als ich in einer Wochenzeitschrift, die mir jemand mitgebracht hatte, das Interview mit einem französischen Intellektuellen las, der nicht nur mit der Gewalt liebäugelte, sondern von deren inspirierenden und revolutionären Potenzial sichtlich fasziniert war, bestätigte das meinen Reflex – denn man kann es weder Willen noch Überlegung nennen -, das Karussell der prophetischen oder didaktischen Kommentare zu fliehen. Das Denken hatte etwas Skrupelloses, wenn es dem Ereignis, dem es unterworfen war, einen unmittelbaren Sinn zuschrieb. Die Fliege schwang sich zum Adler auf, nur war das keine Fabel, sondern die Wirklichkeit, die triste Wirklichkeit des intellektuellen Hochmuts: Diese Leute hielten sich für Kant, der Benjamin Constant antwortet, oder für Marx, der den Staatsstreich Louis Napoleons analysiert. Sie abstrahieren vorschnell“ (S. 374).

Einfacher ausgedrückt oder auf den Punkt gebracht: Philippe ruft den Gewaltliebhabern zu: „Ich habe es an meinem eigenen Körper erlebt, ihr Schwätzer. Ihr könnt mich mal!“

Die Lieblingsstelle ist ein wohltuender Abgesang Philippes auf den intellektuellen „Diskurse“ – Intellektuelle führen ja Diskurse und nicht bloß Debatten -, die auch im Sinnlosen, Zerstörerischen, Barbarischen und schier Unglaublichen eine eigene Rationalität erkennen möchten. Natürlich gibt es keine Denkverbote und jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung. Auch die Rechtfertigung von Gewalt mag eine eigene Meinung sein. Was allerdings zum Himmel stinkt, ist der intellektuelle Hochmut zahlreicher Analysen, die den Horizont der 1970er Jahre, als über die Rote-Armee-Fraktion und das „Recht auf Gegen-Gewalt“ philosophiert wurde, nicht wirklich verlassen haben und immer noch dem revolutionären Traum der „Verdammten dieser Erde“ nachtrauern. Die gleichen Intellektuellen versuchen nun, in die Talkshows zu gelangen, wenn sie versuchen, den „neuen Terrorismus“ zu verstehen.

Liebe Gewaltliebhaber, lasst euch doch mal etwas Neues einfallen!

„Und die Gewalttätigen reißen es an sich“

Die Titelseite von „Charlie Hebdo“ vom 7. Januar 2015 thematisierte den am gleichen Tag erschienenen Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq. In der Redaktionskonferenz am Morgen des 7. Januar 2015 war „Unterwerfung“ dementsprechend das zentrale Streitthema. Philippe erinnert sich, wie er und sein Freund Bernard die Einzigen waren, die das Buch verteidigten: „Fast alle schwiegen oder attackierten es“ (Seite 67).

Es dauert bis zum Ende des Romans, als Philippe auf Houellebecq trifft. Philippe war seinem Gesprächsthema vom 7. Januar 2015 noch nie begegnet. Philippe beschreibt Houellebecq als „zerstörte, mineralische und mitfühlende“ Erscheinung. Als jemand, der aussieht, mit alters- und geschlechtslosem Gesicht, wie jemand, der „die Verzweiflung der Welt auf sich nahm“. Houellebecq wechselte mit Philippe ein paar unverständliche Wörter und zitierte dann die Bibel:

„Und die Gewalttätigen reißen es an sich“ (Seite 540).

Warum verwendet Houellebecq, der Mann mit alters- und geschlechtslosem Gesicht, diesen Vers aus dem Matthäus-Evangelium, wenn er Philippe Lançon, dem Mann mit unterkieferlosen Gesicht, begegnet?

Machen wir einen kleinen „theologischen Ausflug“, der auch für den Nicht-Gläubigen aufschlussreich sein könnte: Ich interpretiere diese Aussage von Houellebecq als ein großes Lob an Philippe – aber zugleich als eine versteckte, unheimliche Warnung. Um diese Interpretation zu belegen, schauen wir uns den kompletten Vers an, denn Houellebecq hat nur die zweite Hälfte des Verses zitiert:

„Von der Zeit an, als Johannes der Täufer auftrat, bis zum heutigen Tag bricht sich das Himmelreich mit Gewalt Bahn, und Menschen versuchen mit aller Gewalt, es an sich zu reißen“ (Neue Genfer Übersetzung).

Kein anderer Prophet wird von Jesus so sehr gelobt wie Johannes der Täufer: „Unter allen Menschen, die je geboren wurden, hat es keinen Größeren gegeben als Johannes der Täufer“ – so lautet es im Vers unmittelbar vor dem „Houellebecq-Vers“. Johannes der Täufer war der Vorläufer des Messias. Seine Predigten an das Volk unterschieden sich fundamental von den Predigten der Pharisäern und Schriftgelehrten. Doch das einfache Volk mochte ihn, wollte Buße tun und sich von ihm taufen lassen. Das gefiel den stolzen und hochmütigen Pharisäern und Schriftgelehrten nicht. Er wurde für seinen aufrichtigen Glauben ins Gefängnis gesteckt und hingerichtet: durch Enthauptung.

Houellebecq vergleicht damit Philippe mit dem Vorläufer des Messias. Offensichtlich ein großes Lob. Er war der Lieblingsprophet von Jesus. Doch er wurde enthauptet. Philippe wurde zwar nicht enthauptet, aber ein Drittel seines Gesichts wurde weggefetzt. Was kann also noch Schlimmeres für Philippe kommen? Hoffentlich wird Philippe nie mehr Gewalt angetan.

Fazit: schwere Kost, aber es lohnt sich

Darf man das Buch eines Mannes kritisieren, dem ein Drittel des Gesichts weggefetzt wurde?

Durch die Lektüre des Buches lernt man Philippe kennen. Und wenn man sich darauf einlässt, ihn wirklich kennenzulernen, dann kann man behaupten, dass der neue Philippe sich über diese Frage ärgern würde. Vielleicht aber auch eher über sich selbst, weil die Lektüre seines Buches den Leser emotional dazu bringt, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Philippe ist Literaturkritiker und wahrscheinlich würde er einen Roman wie „Der Fetzen“, wenn er nicht von ihm selbst geschrieben worden wäre, heftig kritisieren. Literaturkritik kann oder sollte zwar ausreichende Sensibilität haben, sollte jedoch nicht ins Sentimentale verfallen.

In diesem Sinne wagen wir uns mutig an eine ketzerische Frage: Ist „Der Fetzen“ wirklich ein Roman?

Julia Encke bezeichnete den „Fetzen“ in einer Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.03.2019) als ein Buch „das kein Roman und doch ergreifender, dichter und literarischer ist als so viele der neuen Romane dieses Frühjahrs.“ In der Tat besteht die literarische Qualität des „Fetzens“ besteht nicht zuletzt darin, dass man Jahre brauchen würde, um die ganze Literatur und Werke aufzuarbeiten, die er in seinem Roman zitiert: Franz Kafka, Thomas Mann, Baudelaire, Marcel Proust, Honoré de Balzac usw. Vielleicht bewirkt der reiche Schatz an Literatur, der im „Fetzen“ steckt“ auch Ärger beim Leser: Wie viele der in „Der Fetzen“ zitierten Werke stehen schon lange ungelesen im eigenen Bücherregal?

An der Universität hat mal ein Dozent im Fachbereich Politikwissenschaft einen Satz geprägt, der bei mir hängen geblieben ist: „Lesen Sie Karl Marx, Max Weber und Sigmund Freud. Das reicht aus, um die nächsten 15 Jahre lang nur noch Déjà-vu-Erlebnisse zu haben.“ Und genau dieses Gefühl hatte ich bei der Lektüre von Philippes „Roman“ nicht.

Reicht das als Grund aus, ihn zur Lektüre zu empfehlen?

Die Antwort ist ein klares „Ja“.


Genre: Erzählung, Roman
Illustrated by Tropen

Die rechtschaffenen Mörder

Prinz Vogelfrei

In seinem neuen Roman «Die rechtschaffenen Mörder» stellt Ingo Schulze einen ebenso kauzigen wie charismatischen Antiquar in den Mittelpunkt. Ein Setting also, das bei einer ‹literarischen› Leserschaft durchweg angenehme Assoziationen auslösen dürfte, dreht sich hier doch alles um anspruchsvolle, klassische Literatur. Handlungsort ist Dresden, zeitlich ist der Roman vor und nach der Wende angesiedelt, soziales Milieu ist das Bildungsbürgertum. Neben dem Preisträger der diesjährigen Leipziger Buchmesse, Lutz Seilers «Stern 111», ist dies von den fünf Büchern der Shortlist ein zweiter Roman mit Wende-Thematik, die auch nach dreißig Jahren literarisch noch längst nicht abgearbeitet ist.

Im ersten, knapp zwei Drittel des dreiteiligen Romans umfassenden Teil wird die Geschichte von Norbert Paulini erzählt, stimmig beginnend mit den Worten «Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar …» Von seiner früh verstorbenen Mutter hatte Norbert nicht nur die Leidenschaft für Bücher geerbt, sondern auch den umfangreichen Bestand ihres Antiquariats. Nach einer Buchhändlerlehre eröffnet er 1977 mit dem sorgsam gehüteten Bücherschatz, der ihn schon als Kind ans Lesen gebracht hat, in der elterlichen Wohnung sein eigenes Antiquariat. Schnell wird er in den einschlägigen bibliophilen Kreisen bekannt und erwirbt sich durch seine immense Belesenheit einen geradezu legendären Ruf. Zu welchem nicht wenig auch sein literarischer Salon beiträgt, der regelmäßig Intellektuelle aller Couleur zu Lesungen und zum Fachsimpeln bei ihm versammelt. Nach der Wende bricht der Markt für seine antiquarischen Schätze schlagartig zusammen, die Geschäfte laufen schlecht, er muss Gelegenheitsjobs annehmen und zieht schließlich sogar in die sächsische Provinz. Seinem Metier jedoch bleibt er unbeirrt treu, er stellt sich ganz auf Internethandel um. Der eigensinnige Kauz vereinsamt immer mehr und zieht sich verbittert in die innere Emigration zurück. Am Ende befragen ihn zwei Kriminalbeamte, wobei vage ein rechtsradikaler Hintergrund angedeutet wird, Verhör und erster Teil enden dann aber mitten im Satz, alles bleibt offen. Der bisher kaum erkennbare personale Erzähler tritt im zweiten Teil dann deutlich als Ich-Erzähler namens Schultze (sic) auf, – mit tz allerdings! Er berichtet jetzt aus dieser neuen Perspektive über den Eigenbrödler, erzählt von der Entstehung seiner Paulini-Novelle, von seinen Gesprächen mit dem Antiquar und von seiner Liaison mit dessen Lebensgefährtin. Anschließend erzählt im kurzen dritten Teil Schultzes Lektorin von ihren eigenen Recherchen über den Helden der noch nicht veröffentlichten Novelle, eine zweifache Metafiktion also.

Diese kunstvolle Verschachtelung dreier Erzählebenen und ebenso vieler Genres, vom Bildungsroman zum Künstlerroman bis zum Krimi, hebt «Die rechtschaffenen Mörder» deutlich ab vom konventionellen Erzählgestus. Norbert Paulini erinnert als Figur an den Magister Tinius, Inbegriff der Bibliomanie, auf den auch eine Romanfigur namens Gräbendorf hinweist. Eine der Stärken dieses Buches ist jedenfalls seine üppige Intertextualität, wobei mich, soviel Anekdotisches sei erlaubt, gleich zu Beginn die Erwähnung von Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» erfreut hat, den ich unmittelbar zuvor gelesen und rezensiert habe. Paulini nämlich weist in einem Gespräch darauf hin, Thomas Mann habe damit einige Schwierigkeiten gehabt, weil ihm nicht bewusst war, dass es zwei Fassungen davon gibt, in denen er wohl abwechselnd immer wieder mal gelesen hat.

Ärgerlich ist auch hier mal wieder der Klappentext, der vom Revoluzzer spricht und von fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Prinz Vogelfrei, wie Paulini sich nach dem Gedicht Nietzsches selbst nennt, liefert nämlich für den Rechtsruck in Ostdeutschland keinerlei Erklärung. «Die Dichter müssen lügen» ist Paulinis Credo, der intertextuell ambitionierte Roman über ihn aber scheitert, grandios überdeterminiert, an seiner eher verwirrenden Vieldeutigkeit.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Verlag

Der grüne Heinrich

Ein kanonischer Roman

Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich» ist einer der berühmtesten Bildungsromane, das vierbändige Werk erschien in der ersten Fassung 1855/56 und war zunächst außerhalb der Schweiz so gut wie unbekannt. Er habe sich vorgenommen, so sein Autor, «einen kleinen traurigen Roman zu schreiben über den Abbruch einer jungen Künstlerlaufbahn». Gemeint war damit die eigene, denn seine Geschichte sei, wie der 23Jährige bekannte, nicht erfunden, es sei «sogar das Anekdotische darin so gut wie wahr». In Stil des damals aufgekommenen bürgerlichen Realismus schildert er die Kindheit seines Alter Ego Heinrich Lee bis hin zum gescheiterten Künstler. Kellers Begegnung mit Ludwig Feuerbach bildet das Schlüsselerlebnis seiner weltanschaulichen Umorientierung, und so ist dessen ‹Wende zur Diesseitigkeit› denn auch das zentrale Thema dieses Romans. Sein ‹Schicksalsbuch›, denn es hatte dem perfektionistischen Schriftsteller jahrzehntelang nicht genügt und ihn zu einer Neubearbeitung veranlasst, die erst 1879/80, fast fünfundzwanzig Jahre später, als zweite Fassung erschienen ist.

Nach dem frühen Tode des Mannes lebt eine sparsame Witwe mit ihrem Sohn Heinrich in einfachen Verhältnissen, jahrelang schneidert sie die Kleidung des Jungen aus der grünen Uniform des Vaters, was ihm prompt den Spitznamen «Der grüne Heinrich» einbringt. Durch eine Intrige von der Schule verwiesen und damit von höherer Bildung ausgeschlossen, schickt ihn seine Mutter zum Onkel aufs Land, damit er sich dort in Ruhe über seine Zukunft klar werde. Er verliebt sich in ein zartes Mädchen, lernt aber auch die sinnenfrohe junge Witwe Judith kennen und ist zwischen beiden hin und her gerissen. Schließlich kehrt er nach Zürich zurück, um Landschaftsmaler zu werden. Über verschiedene Stationen verfolgt er nun seine künstlerische Ausbildung, begegnet dabei Dilettanten und Könnern, absolviert schließlich auch seinen Militärdienst und nutzt die Zeit dort, seine Jugendgeschichte aufzuschreiben. Trotz materieller Nöte schickt ihn die Mutter anschließend auf die Kunstakademie nach München, wo er jedoch schon bald erkennen muss, dass es ihm an Talent mangelt. Als Bohemien vertrödelt er nun nutzlos seine Zeit, bis die Schulden erdrückend werden und er notgedrungen eine Arbeit annehmen muss. Nach sieben Jahren endlich entschließt er sich zur Heimkehr, findet auf der langen Wanderung erschöpft und ausgehungert freundliche Aufnahme im Schloss eines Grafen, womit sich auch sein Schicksal wendet und er unverhofft zu viel Geld kommt. Und auch hier vermag der bindungsunfähige Heinrich der schönen Adoptivtochter des Grafen seine Liebe nicht zu gestehen.

«Der grüne Heinrich» wird von seinem Antihelden chronologisch und einsträngig in Ich-Form erzählt, wobei viele Motive sich aus den Dialogen heraus entwickeln, immer wieder ergänzt um breit angelegte Überlegungen und tiefschürfende Grübeleien als Bewusstseinsstrom. Der Plot ist geradezu vorbildlich aufgebaut mit einer reichhaltigen Leitmotivik, zu der zum Beispiel auch der auf dem heimatlichen Gottesacker gefundene Totenschädel gehört, den Heinrich unbeirrt auf seinen Reisen mit sich herumschleppt. An die Vaterlosigkeit als Ursache all seiner Irrwege gemahnen leitmotivisch der selbstlose Onkel und der wohlwollende Schlossgraf als Vaterersatz. Das Motiv der Gottverlorenheit des Helden und die Negierung einer Vorbestimmung im Leben bilden Anlass für köstliche Dispute mit dem Kaplan, der überaus lebensfroh den sprachgewandten Gegenpart zum atheistischen Heinrich bildet.

Zu den Lesefrüchten dieses kanonischen Romans vom Scheitern in der Kunst und vom Verzicht in der Liebe gehören die vielen weltanschaulichen Reflexionen aus der damaligen Zeit, die hier authentisch vorgetragen werden. Ferner erfreut die vollmundige Sprache, die starke Bilder zu erzeugen vermag, außerdem überzeugt auch die durchweg stimmige Figurenzeichnung, bei der als Extreme eine tatkräftige Judith dem ewig zaudernden Grünen Heinrich gegenübersteht.

Fazit: erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Diogenes Zürich

Der Wolkenatlas

Von Kultur zur Barbarei

Mit dem Roman «Der Wolkenatlas» hatte der britische Schriftsteller David Mitchell 2004 seinen literarischen Durchbruch, er ist bis heute sein bekanntestes und erfolgreichstes Werk, das mit seiner fragmentarischen Erzählweise charakteristisch ist für diesen Autor. So gibt es hier nicht nur sechs eigenständige Erzählebenen, fünf davon sind auch noch in jeweils zwei Hälften geteilt, deren zweite sich in umgekehrter Reihenfolge an den durchgehend erzählten Mittelteil anschließt. Die Unterbrechungen erscheinen willkürlich, in einem Fall endet der erste Teil sogar mitten im Satz und setzt sich ebenso unvermittelt nach nicht weniger als 562 Seiten im zweiten Teil fort, an genau dieser Textstelle und ganz einfach mit dem nächsten Wort. Diese sechs Erzählungen sind inhaltlich auf verschiedene Art miteinander verbunden, durch ein Déjà-vu-Erlebnis zum Beispiel oder andere narrative Details. Zudem unterscheiden sie sich radikal im Duktus voneinander und sind zeitlich in ganz unterschiedlichen Epochen angesiedelt, vom 19ten Jahrhundert über die Jetztzeit bis in eine ferne, post-apokalyptische Zukunft hinein. Dass ein derart unkonventionell aufgebauter Roman umstritten ist, das liegt auf der Hand.

Es beginnt mit dem Tagebuch eines Anwalts, der zur Zeit des Goldrauschs Mitte des 19ten Jahrhunderts auf der Heimfahrt von Australien nach San Francisco die christliche Seefahrt mit all ihren Beschwernissen und Gefahren schildert. Es schließt sich der Briefzyklus eines schwulen Musikstudenten an, der sich 1931 im belgischen Städtchen Zedelgem als Assistent eines berühmten Komponisten verdingt, allerlei Irrungen und Wirrungen miterlebt und ganz nebenbei ein ultramodernes Sextett mit dem Titel «Wolkenatlas» komponiert. Die dritte Geschichte aus den 1970er Jahren ist ein furioser Krimi um eine Journalistin, die im Milieu der Atom-Mafia in den USA einem Skandal auf der Spur ist. Ein alternder Verleger schließlich hat großen Erfolg mit «Faustfutter», dem Roman eines Autors, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt, und wird nach allerlei fiesen Machenschaften in die Psychiatrie weggesperrt. Der dystopische fünfte Teil ist eine Geschichte um Klone und Duplikanten, die in Form eines Verhörs erzählt wird und inhaltlich allenfalls für enthusiasmierte Genreleser goutierbar ist, die Mehrheit muss sich frustriert durchbeißen oder aufgeben. In noch fernerer Zukunft schließlich, nach der Apokalypse, ist im durchgehend erzählten Mittelteil die Menschheit auf eine äußerst primitive Lebensform zurückgeworfen. Diese in Ich-Form und in einem radikal vereinfachten Slang von einem Ziegenhirten auf Hawaii erzählte Geschichte berichtet vom barbarischen Ende der Zivilisation.

David Mitchell hält der Menschheit, die unbelehrbar primitivsten Ur-Instinkten folgend nach Macht giert, was dann stets Unterdrückung und Ausbeutung nach sich zieht, mit diesem deprimierenden Roman den Spiegel vor. Dabei zeigt er das permanente Unrecht nur auf, ohne es zu erklären oder gar die Moralkeule zu schwingen. Die mangelnde menschliche Einsicht verdeutlicht er durch die chronologische Abfolge seiner Geschichten, in denen sich die Missstände und Probleme der verschiedenen Gesellschaftsstufen jeweils verschärfen statt verringern.

Es gibt zahlreiche narrative Verbindungen innerhalb des Romans und auch etliche intertextuelle Bezüge. Auf die Reinkarnation als Thematik weist bereits der Romantitel hin, der als Metapher für die Kartographie der wandernden Seelen benutzt wird. Die überaus kreative Erzähltechnik ist sicherlich das wesentlichste Merkmal dieses außergewöhnlichen Romans, der narrativ alles will und es mit der Postmoderne denn doch ziemlich übertreibt. Letztendlich also L’art pour l’art, diesem virtuosen Balanceakt zwischen Kultur und Barbarei mangelt es nämlich schlicht an Substanz, um Kontemplation beim Leser anzuregen. Anders als an einer Stelle im Buch zitiert geht es in der Literatur tatsächlich doch nicht nur um das ‹Wie›, sondern auch um das ‹Was›!

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Rowohlt

Die Elixiere des Teufels

Klösterliche Identitätssuche

Der erste Roman des vielseitig begabten E.T.A. Hoffmann, der erfolgreich als Jurist, Schriftsteller, Kapellmeister, Komponist und Zeichner tätig war, gilt als eines der bedeutendsten literarischen Werke der Schwarzen Romantik. In zwei Teilen 1815/16 erschienen, hat diese fiktive Autobiografie eines Kapuzinermönches zunächst eine sehr zwiespältige Aufnahme gefunden. Goethe nannte, als Sprachrohr quasi für die breite Ablehnung in der Wissenschaft, den Autor einen «krankhaft Verirrten» und warnte ausdrücklich vor der Wirkung seiner verderblichen Phantasie. Hebbel hingegen lobte in seinem Tagebuch den Roman als «ein höchst bedeutendes Buch», das eine eigene Gattung begründe. Wie auch immer, sein Status als Klassiker der Weltliteratur wird auch nach zweihundert Jahre eindeutig bestätigt durch regelmäßige Neuauflagen, die das anhaltende Interesse der Leser widerspiegeln, meines eingeschlossen!

Franz findet nach einer glücklichen Kindheit Aufnahme in einem Kapuzinerkloster, nimmt dort den Namen Medardus an und wird wegen seiner beispielhaften Frömmigkeit mit der Verwaltung der Reliquien betraut, unter denen sich auch ein Elixier befindet, das vom heiligen Antonius stammen soll. Er wird zudem weithin berühmt für seine aufwühlenden Predigten, was ihn bald hochmütig werden lässt. Als nun eines Tages die schöne Aurelie, die dem Bildnis der heiligen Rosalia in der Kapelle zum Verwechseln ähnlich sieht, ihm im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht, stürzt der fromme Mann in einen verheerenden Strudel von leiblicher Begierde und quälenden Schuldgefühlen. In seiner Verzweiflung trinkt er von dem Teufelselixier, er will Aurelie unbedingt wiederfinden. Als der Abt aber seinen inneren Zwiespalt bemerkt, schickt er ihn kurzerhand mit einem Auftrag nach Rom.

Was folgt ist eine verwirrende Geschichte mit vielen Figuren, von denen sich nach und nach herausstellt, dass die meisten entfernt verwandt sind mit Bruder Medardus. Wobei sein Ururgroßvater Francesco der Maler, der auch öfter mal als Untoter im violetten Mantel erscheint, durch eine teuflische Buhlschaft schwere Schuld auf sich geladen hat, ein in der väterlichen Linie weitervererbtes Verhängnis, das auch auf ihn selbst fällt. In einem nebulös zwischen Traum und Wirklichkeit wechselnden Geschehen begegnen ihm auf seinen Wanderungen die wundersamsten Menschen. Zu denen gehört auch sein wahnsinniger Doppelgänger, der fortan, in buntem Wechsel mit ihm, kaum unterscheidbar als Protagonist des Romans fungiert. Als Tochter eines Schlossherrn findet er auch Aurelie wieder, schließlich aber verführt ihn deren lüsterne Stiefmutter. Sein teuflischer Doppelgänger schlüpft in die Rolle des Grafen Viktorin, vormals Liebhaber der Schlossherrin, und ermordet sie.

Wir lesen als Buch die Aufzeichnungen des Bruders Medardus, E.T.A. Hoffmann versteckt sich in seinem virtuosen Plot hinter der Rolle des Herausgebers, ein typisches Merkmal dieses Romans. Denn auch der Mönch erfährt vieles aus seiner eigenen Lebensgeschichte nur durch Berichte anderer, zu denen vor allem aufgefundene Schriften des Malers gehören, die seine Triebhaftigkeit als Erbschuld aufzeigen. In einer barock ausgeschmückten Sprache wird hier von Wiedergängern und Nebelgestalten berichtet, von wundersamen und grausigen Erscheinungen, von tiefster Frömmigkeit und Selbstgeißelung. Die zum Teil lustigen Figuren sind allesamt sehr anschaulich beschrieben, ihre Dialoge werden in einer überhöhten Kunstsprache geführt, die blumenreich, aber mit gedanklicher Tiefe, das irrlichternde Geschehen vorantreiben. Natürlich ist all das nicht nur sprachlich abgehoben von der schnöden Lebensrealität, alles scheint sich total durchgeistigt in höheren Sphären abzuspielen. Selbst der Kampf des Protagonisten mit seinem teuflischen Doppelgänger findet zumeist rein gedanklich im tiefsten Inneren statt. Die verzweifelte Suche des Kapuziners nach seiner wahren Identität ist auch stilistisch als bereichernde Lektüre durchaus zu empfehlen.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Dunkle Gesellschaft

Im Bann der Untoten

Die «Dunkle Gesellschaft», ein «Roman in zehn Regennächten», wie es im Untertitel heißt, nimmt im vielseitigen Œuvre von Gert Loschütz durch seine virtuose Erzähltechnik eine Sonderrolle ein. Es ist ein Erinnerungsroman, der in zehn Kapiteln aus dem bewegten Leben eines Binnenschiffers erzählt, dem in jeder Episode immer wieder die schwarz gekleideten Männer und Frauen mit weißen Gesichtern begegnen. Vor diesen Gestalten hatte ihn schon sein Großvater gewarnt, weil sie Unglück bedeuten.

Der alleinstehende Ich-Erzähler Thomas hat sich nach dem Verlust seines Patents für Fluss- und Küstenmotorschiffe resigniert in die ländliche Einsamkeit der niedersächsischen Provinz zurückgezogen. Die ungewohnte Ereignislosigkeit auf dem flachen Lande jedoch treibt den ruhelosen Mann, der die längste Zeit seines Lebens an Bord verbracht und auch immer nur am Wasser gewohnt hat, in schlaflosen Nächten zu langen Spaziergängen aus dem Haus, bei Wind und Wetter. Dabei erinnert er sich an mysteriöse Begebenheiten in seinem unsteten Leben zurück, in denen die «Dunkle Gesellschaft» der Schwarzgekleideten jeweils bevorstehendes Unheil symbolisiert, – Menschen verschwinden spurlos, Morde geschehen, Unglücke und Katastrophen ereignen sich. Ebenso symbolisch bildet der pausenlose, allmählich sintflutartig anschwellende Regen bei all diesen Episoden den Hintergrund. Er bringt dem lebenslang mit diesem Element Verbundenen das Wasser zurück in sein binnenländisches Refugium und vertreibt ihn schließlich nach zehntägiger Dauer, als Opfer einer verheerenden Überschwemmung, fluchtartig wieder von dort.

Geradezu symptomatisch beginnen die Erinnerungen während der Ausbildung von Thomas auf dem Naval College mit der Geschichte von einem Geisterschiff auf der Themse. Er erzählt ferner von seinen mysteriösen Erlebnissen als Schlafwagenschaffner, von undurchsichtigen Ereignissen auf einem Schloss und von einem geheimnisvollen Verwechslungsspiel um den vermeintlichen, messiasähnlichen Erlöser einer Geheimgesellschaft von Flagellanten. Mit Katharina kommt eine rätselhafte Frau ins Spiel, deren Eltern eine große Sammlung historischer Rechenmaschinen besitzen, sie will ihn durch ein selbstgestochenes Tattoo an sich binden. Auf seinem Laptop erscheint plötzlich beim Einschalten die anonyme, orakelhafte Nachricht «Null vierzig», ein merkwürdiger Junge hält Thomas für seinen Vater und verfolgt ihn. Beim wetterbedingten, unfreiwilligen Stopp im Wiener Hafen Albern gerät er zufällig in eine Live-Sexshow und trifft in einer Werkstatt auf eine seltsame Frau, die Opfer eines für Freitag angekündigten Mordes wird. In der letzten Geschichte hat er eine aufs rein Sexuelle reduzierte Affäre mit der Frau des Nachbarn, der offensichtlich einverstanden ist und heimlich voyeuristisch partizipiert. Als Thomas schließlich wegen der Überflutungen evakuiert wird, ist auch dieses Nachbarpaar im Bus und steigt am Ziel zögernd in einen anderen Bus mit schwarzen Scheiben um, der rasch davonfährt.

Die disparaten Motive dieses Romans erlauben keine stimmige Deutung, gemeinsames Merkmal ist ihre unheilschwangere Atmosphäre, die das rätselhafte, düstere Geschehen permanent mit einer geradezu albtraumhaften Spannung auflädt. In dieser finsteren Welt tauchen als geisterhafte Figuren immer wieder Schattengestalten oder Wiedergänger auf, die das phantastische Geschehen für den Leser vollends undurchschaubar machen. Anders als beim Erzählstil des magischen Realismus fehlt hier jedwede rationale Grundlage. Gert Loschütz benutzt eine unprätentiöse, klare Sprache für seine oft unscharfen, manchmal lose verbundenen Traumbilder, die fragmentarisch die Erfahrungen seines Protagonisten schildern, ohne sie in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen oder gar zu deuten. Das also bleibt dem Leser selbst überlassen, – falls der sich nicht lieber ganz einfach dem Rausch der Bilder in seinem Kopfkino überlässt, die ihm einige anregende Stunden im Bann der Untoten bescheren.

Fazit: erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Macht und Widerstand

Ungleichheit als Nährboden

Mit dem Gegensatzpaar «Macht und Widerstand» hat Ilija Trojanow treffend bereits im Titel seines Romans den Kern seiner Geschichte umrissen. In Bulgarien stehen sich während der kommunistischen Diktatur der Apparatschik Metodi Popow als Geheimdienstagent und der Anarchist Konstantin Scheitanow unversöhnlich gegenüber, – selbst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch. Es sind keine historisch verbürgten Figuren, die hier aufeinandertreffen, die Beiden repräsentieren vielmehr als Archetypen zwei konträre politische und moralische Geisteshaltungen. In den Figuren des opportunistischen, bestens vernetzten Geheimdienstlers und späteren skrupellosen Geschäftsmannes und des intellektuellen Regimekritikers und unbeugsamen Widerstandskämpfers als Antipoden verkörpert sich exemplarisch die politische Gemengelage Bulgariens über eine Zeitraum von mehr sechzig Jahren hinweg, bis ins beginnende neue Jahrtausend hinein.

Schon während der Schulzeit fällt Konstantin den Organen der Staatssicherheit wegen seiner aufrührerischen Gesinnung auf und wird fortan permanent beobachtet. Als er zusammen mit einigen Komplizen 1953 ein Stalindenkmal sprengt, wird er zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, die er in Gefängnissen und Arbeitslagern verbringt. Sein Verfolger vom Geheimdienst, den er schon als Schüler kannte, ist als Major an den vielen Verhören beteiligt, mit denen die kommunistischen Schergen Auskünfte über seine Komplizen und die Ziele ihrer oppositionellen Bewegung aus ihm herauspressen wollen. Konstantin erweist sich als harter Brocken, der Überzeugungstäter bleibt standhaft auch in den härtesten Verhören und während der schlimmsten Schikanen und Strafen. An dieser Unbeugsamkeit scheitert später auch seine Ehe, als seine Frau in ihrer Dissertation wider besseres Wissen auf die offizielle Linie der Staatsmacht einschwenkt in einer moralischen Frage. Metodi Popow als sein skrupelloser Antagonist weiß sich geschickt allen Richtungswechseln und Stimmungslagen im Geheimdienst-Apparat anzupassen und macht unaufhaltsam Karriere, er heiratet sogar die unnahbare Sekretärin des allmächtigen Staatschefs. Während Metodi nach dem Zusammenbruch des Ostblocks als Geschäftsmann mit Hilfe alter Seilschaften in dem neu etablierten, mafiosen Kapitalismus reüssiert, führt Konstantin einen jahrelangen, erbitterten Kampf um seine Rehabilitierung. Er erlangt als scharfzüngiger Kritiker in der Öffentlichkeit den Status eines politisch außergewöhnlich gebildeten, unangepassten Querdenkers, der alle Repressalien überstanden hat, weil er jederzeit bereit war, für seine Überzeugungen auch zu sterben.

In Ich-Form wird hier aus ständig wechselnder Perspektive, mit großen Zeitsprüngen in beide Richtungen, kapitelweise in relativ kurzen Abschnitten und unter deren Vornamen aus dem Leben der beiden Antagonisten berichtet. Ergänzt werden diese vielen, oft als innere Monologe angelegten Schilderungen durch typografisch kenntlich gemachte Schriftstücke der Behörden. Zusätzlich gibt es noch diverse, jeweils mit den Jahreszahlen betitelte Berichte über historische Geschehnisse dieser Zeit, in denen es meist ebenfalls um den Antagonismus «Macht und Widerstand» geht.

Als Zeitdokument einer totalitärer Diktatur und ihrer noch Jahrzehnte andauernden Nachwirkungen ist das Opus magnum von Ilija Trojanow eher ein historisches Werk als ein unterhaltsamer, bereichernder Roman. Überraschend ist, dass die Figur des selbstzufriedenen Bösewichts sympathischer ‹rüberkommt› als die des verbiesterten Anarchisten, dessen persönliche Tragik nicht mal ansatzweise thematisiert wird. Das Ganze wirkt völlig statisch, die beiden Erzählstränge laufen nahezu verbindungslos nebeneinander her. Zur Katharsis mag letztendlich die Erkenntnis Konstantins dienen, dass unabhängig von der Staatsform, also auch in der Demokratie, die Ungleichheit zwischen den Privilegierten und der Masse fortbesteht und unverändert als fruchtbarer Nährboden für den Widerstand wirkt.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main

Applaus für Bronikowski

Finale als Klamauk

Der zweite Roman «Applaus für Bronikowski» von Kai Weyand ist für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert worden, der bislang größte Erfolg für den Schriftsteller aus Freiburg. Durchaus ungewöhnlich ist das Milieu, in dem seine Geschichte angesiedelt ist und von der schon das Buchcover kündet, das Gewerbe der Bestattungsunternehmen. Eine sensible Thematik, die hier mit großem Einfühlungsvermögen als Geschichte eines liebenswerten Außenseiters erzählt wird, ein Balanceakt zwischen Pietät und Komik.

Protagonist des Romans ist der 31jährige Nies, dessen Eltern den Halbwüchsigen nach ihrem Lottogewinn in die Obhut seines fünf Jahre älteren, gerade volljährig gewordenen Bruders gegeben haben und nach Kanada ausgewandert sind. NC, wie er sich seitdem trotzig nennt, Abkürzung für No Canadian, seinen Protest bekräftigend, findet nach Irr- und Umwegen in anderen Berufen durch puren Zufall einen Job als Bestatter. Zum Entsetzen seines Bruders, der inzwischen als Banker in London Karriere gemacht hat. Und auch seine Eltern sind ebenso entsetzt, er hat sie seit langem nicht gesehen und nur noch losen Briefkontakt mit ihnen. Seine Ex-Freundin ist ebenfalls ohne jedes Verständnis für diese in ihren Augen makabre Tätigkeit und bricht den sporadischen E-Mail-Kontakt mit ihm endgültig ab. Der Inhaber seiner neuen Firma erweist sich als netter, verständnisvoller Chef, wie übrigens auch dessen kleinwüchsige Frau, die auf jeden Kalauer über ihre Körpergröße eine schlagfertige Replik parat hat. Mit der molligen Frau März in der Bäckerei verbindet ihn ein absonderlicher Einkaufsritus, bei dem er ihr die Auswahl seiner täglichen ‹Süßen Stückchen› überlässt. Auf dem Weg zur Arbeit hilft er in der Straßenbahn einem Schüler, der von seinen Kameraden ständig gehänselt und gemobbt wird, indem er dem Rädelsführer die Nase blutig schlägt. Er begegnet auch häufig einem alten Mann, der mit seinem dreibeinigen Hund spazieren geht.

Wunderbar stimmig ist sein bärtiger Chef als Abraham Lincoln-Typ umschrieben, ein kluger, nachdenklicher Mann, für den die Würde der Toten allerhöchste Priorität hat bei der Arbeit. NC findet sich schnell zurecht in seiner neuen Tätigkeit, erlernt die thanatopraktischen Arbeiten, – er arbeitet nicht nur zur Zufriedenheit seines Chefs, sondern auch der Hinterbliebenen. Die erkennen dankbar an, mit welch tiefem Respekt und Einfühlungsvermögen er äußerst pietätvoll seinen Aufgaben nachkommt. In seinem ereignislosen Privatleben hingegen baut der lebensuntüchtige, verschrobene junge Mann Wut oder Frust durch kindliche Streiche ab, indem er zum Beispiel in dunkler Nacht die Fassade des gegenüberliegenden Hauses mit Eiern oder Tomaten bewirft. Er ist ein genauer Beobachter, zerlegt und hinterfragt sprachsensibel Wörter wie Bäckerei-fach-verkäuferin, nimmt scheinbar naiv Diskrepanzen wahr zwischen den Dingen und den Wörtern, die sie bezeichnen. So wundert er sich auch über den Namen Frühlingsstraße, denn die besteht nur aus hässlichen, trostlosen grauen Häusern.

In einer bildhaften, leicht lesbaren Sprache erzählt Kai Weyand amüsant, oft in grotesken Szenen, von der schwierigen Selbstverwirklichung seines Antihelden. Erstaunlich ist, wie poetisch hier die Verlorenheit eines melancholischen jungen Mannes beschrieben wird und wie selbstverständlich der Autor mit einem so sensiblen Thema wie dem Tod umgeht. Stärkste Momente waren für mich die kontemplativen Gedankengänge des sinnierenden Helden, der permanent die Welt hinterfragt, was dem Roman letztendlich einiges an Tiefgang verleiht. Diese tragikkomische Geschichte verliert sich aber leider zum Ende hin in eindeutig überzeichneter Absurdität. Beim Erfüllen eines mutmaßlich letzten Wunsches nach Seebestattung und beim desaströsen Abgang des titelgebenden Schauspielers Bronikowski, der von Applaus gekrönt wird, gerät der Plot im Finale zum puren Klamauk, mit dem wenig überzeugend die partielle Unzurechnungsfähigkeit des Helden verdeutlicht werden soll. Schade!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Wallstein Göttingen

Der Pfau

Manchmal ist weniger mehr: Das beweist Isabel Bogdan (1968) in ihrer schottischen Gesellschaftssatire um einen hormonverwirrten Pfau, der alles Blaue und Glänzende attackiert, da er in besonnten Müllsäcken und frisch lackierten Autos „Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt“ wittert (S. 1).

Der Megabestseller handelt von einer Gruppe Investmentbanker aus London, die den Westflügel eines heruntergekommenen Anwesens in den schottischen Highlands beziehen. Die ländliche Idylle wollen sie für ein Teambuilding-Seminar nutzen, um nachhaltig ihre Zusammenarbeit zu fördern. Dafür haben sie die Psychologin Rachel engagiert, sowie die Köchin Helen, die für ihr leibliches Wohl sorgen soll. Verwöhnte Kapitalisten in primitiver Umgebung, meilenweit abgeschnitten von Zivilisation, ohne funktionierende Internetverbindung: Soweit die vielversprechende Ausgangssituation in „Der Pfau“ von Isabel Bogdan, die sich bislang als Übersetzerin von Schriftstellern wie Jane Gardam und Nick Hornby einen Namen gemacht hat und 2016 mit diesem humoristischen Kammerspiel ihr Romandebüt gab.

Lord und Lady McIntosh, die Erben dieses ehemals luxuriösen Landsitzes samt einer Handvoll Cottages, sind erfreut über so hohen Besuch, wo sie doch die Einnahmen für eine umfassende Sanierung dringend benötigen. Als der verrückt gewordene Pfau wieder einmal Probleme bereitet, da er den metallic-blauen Sportwagen der Investmentbankchefin Liz demoliert, sind die McIntoshs alarmiert. Der Lord beschließt kurzerhand, dem Viech ein für alle Mal den Garaus zu machen. Diese Art der Problemlösung bleibt nicht ohne Folgen, denn auch im nicht-lebendigen Zustand bringt der Vogel das Zusammenleben aller Beteiligten aus dem Gleichgewicht.

Die überschaubare, aber kurzweilige Handlung zeichnet sich durch menschlich agierende Figuren aus, die allesamt Macken und Schwächen besitzen, für die man sie schnell lieb gewinnt. Bogdan zeigt Beobachtungsgabe, da sie stets einen prägnanten Typus Mensch einzufangen vermag, den jeder Leser aus seinem Umfeld her kennt. Die individuellen Figuren und inneren Monologe, ihre Interaktionen und Beziehungen zueinander sowie das Netz aus Intrigen und Lügen, in das man sich verstrickt, sorgen für ein subtil-witziges Klima, das durchweg zum Schmunzeln anregt. Um einen „Reigen an unvergesslichen Figuren“ zu erschaffen, wie die Jury des Hamburger Förderpreises lobpreist, bedarf es allerdings einer detaillierteren Ausarbeitung der Figuren, die auf 248 Seiten schwer umzusetzen ist.

Die gute Laune, die Bogdans warmherziger Schreibstil versprüht, macht dieses Werk zu einem amüsanten Lesevergnügen, das auch dadurch nicht beträchtlich gedämpft wird, dass statt direkter ausschließlich indirekte Rede verwendet wird, wodurch die Konversationen weniger lebhaft erscheinen. Auch negativ fällt die Umgangssprache und sprachliche Redundanz auf, die den britischen Charme unterstreichen soll, nichtsdestominder den Eindruck banaler Prosa erweckt.

Wenngleich die Lektüre intellektuell nicht sonderlich bereichernd ist, gelingt Bogdan mit geringem Aufwand und verknappter Handlung ein erheiterndes Gute-Laune-Buch mit kulinarischen Inspirationen und einer netten Schlusspointe.

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Genre: Humor und Satire, Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Lucia Binar und die russische Seele

Psychotherapeut ohne Waffenschein

Der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib hat in seinem 2015 publizierten Roman «Lucia Binar und die russische Seele» nach der Migration als autobiografisch grundierte Thematik hier ein eher gesellschaftskritisches Thema aufgegriffen. Seine Geschichte ist im zweiten Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt angesiedelt, einst Zentrum des jüdischen Lebens in Österreichs Hauptstadt. Aber auch hier prägen die russisch-jüdischen Wurzeln des Autors wieder seinen Erzählstoff, «Ich habe mich bemüht, die einzigartige, gleichsam irritierende wie inspirierende Atmosphäre des zweiten Bezirks in meinem Roman einzufangen». Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis bedeutete für ihn, wie er bekannte, «eine große Bestätigung für mein Schreiben, die mir auch viel Kraft für die Zukunft gibt».

In zwei Handlungssträngen entwickelt Vladimir Vertlib seine amüsante Geschichte um eine 83jährige ehemalige Lehrerin, die von einem androgynen Wesen an der Wohnungstür um ihre Unterschrift für eine Petition gebeten wird. Lucia Binar ist empört, will doch eine örtliche Anti-Rassismus-Initiative aus falsch verstandener Political Correctness ernstlich die Große Mohrengasse, in der sie von Geburt an wohnt und auch zu sterben gedenkt, in große Möhrengasse umbenennen lassen. Die schlagfertige alte Dame verweigert mit bissigen Bemerkungen ihre Unterschrift und schickt den Aktivisten empört weg, nicht ohne das androgyne Wesen vorher noch nach seinem Vornamen gefragt zu haben. Moritz ist Student, und wie sich schon bald herausstellt, ein netter, hilfsbreiter Mensch, mit dem sie sich bald anfreundet und später sogar duzt. Und er steht ihr dann auch bei, als ihr gewissenloser Vermieter auf perfide Art versucht, durch kostenlose Überlassung bereits lange leerstehender, heruntergekommener Wohnungen an üble, asoziale Störenfriede die Altmieter aus dem Haus zu ekeln, um es nach einer Luxus-Sanierung dann teuer wieder neu vermieten zu können. Diese Handlungsebene wird von der resoluten Ich-Erzählerin mit dem wahrhaft denkwürdigen ersten Satz eingeleitet: «Wenn ich jetzt sterbe, dann kann ich damit leben».

Von einem auktorialen Erzähler werden in der zweiten Handlungsebene weitere zum Teil sehr skurrile Figuren eingeführt. Zu denen gehört auch die unfreundliche Call-Center-Dame, bei der sich Lucia Binar über die ausgebliebene Lieferung von ‹Essen-auf-Rädern› beschwert hatte. Mit der hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen, weiß aber leider nur ihren Vornamen, und wie sich bald herausstellt, gibt es nicht weniger als sechs Mitarbeiterinnen mit dem Namen Christine. Die sucht sie nun alle nacheinander auf, wobei Moritz sie begleitet. In einem turbulenten, slapstickartigen Plot münden die eng ineinander verschlungenen Handlungsfäden in ein ins Absurde abgleitendes Finale, bei einer wahrlich aberwitzigen Séance ist Viktor Viktorowitsch Vint die zentrale Figur. Nach eigenem Bekunden «Magier, Vermittler von Selbsterfahrungen, Experte für die russische Seele, Psychotherapeut ohne Waffenschein, also ein Scharlatan auf hohem Niveau», oder, wie er an anderer Stelle beschrieben wird, «eine Mischung aus Rasputin und Wladimir Kaminer». Er erinnert den Leser ein bisschen an Bulgakows faunische Figur ‹Wolant› in «Meister und Margarita».

Mit viel schwarzem Humor und in den soziologischen Aspekten oft sarkastisch wird hier leichtfüßig eine Geschichte erzählt, deren realistische Komplexität aber im Verlauf immer deutlicher wird. Ziemlich störend sind die vielen eingestreuten Lyrik-Zitate, die sich einem eingeschworenen Prosaleser kaum erschließen können. Sogar die Protagonistin Lucia Binar ist lyrikbegeistert und vermag bei Gelegenheit jeweils einige passende Gedichtzeilen zu rezitieren. Größte Stärke des Romans ist jedenfalls diese zentrale Figur, die sich ebenso tapfer wie schlau allen Widrigkeiten entgegenstellt und schlagfertig niemandem eine – oft ironische – Antwort schuldig bleibt, man kommt aus dem Schmunzeln kaum noch raus als Leser.

Fazit: lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Deuticke Wien

89/90

Baseballschläger und Punkrock

Schon vom Titel her als Wende-Roman erkennbar, wurde Peter Richters autobiografisch geprägte Coming-of-Age-Geschichte «89/90» für den Frankfurter Buchpreis 2015 nominiert. Er gehört zu einem literarischen Genre, das sich offensichtlich großer Beliebtheit erfreut, auch der diesjährige Preisträger der Leipziger Buchmesse schildert ja in seinem prämierten Roman die Zeit vor und nach der Wende. Von Ostalgie kann dabei aber keine Rede sein, das unrühmliche Ende der DDR wird in beiden Romanen eher als heilloses Chaos beschrieben.

Der Ich-Erzähler ist ein wohlbehüteter, zu Beginn 15jähriger Schüler aus dem Mittelstand, dessen rebellische Adoleszenz vom Punkrock im FDJ-Jugendklub sowie von den erbitterten Straßenkämpfen mit den glatzköpfigen Neonazis geprägt ist. Zeitlicher Rahmen der Handlung ist der Sommer vor der Wende, mit dem Mauerfall am 9. November 1989 als Zäsur, und endend beim gesetzlichen Vollzug der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, von Stund an ‹Tag der Deutschen Einheit›. Seine Generation erlebt – und erleidet – als letzter Jahrgang, neben dem Wehrunterricht als Schulfach, dann auch noch das zweiwöchige Wehrlager bei der Nationalen Volksarmee. Eine erzählbare Handlung gibt es praktisch nicht in diesem Wenderoman, der Plot folgt emotionslos, ziemlich ungerührt aus sicherer Distanz, dem historischen Geschehen aus der grotesk verengten Perspektive eines aufmüpfigen Schülers. Man erfährt gleichwohl herzlich wenig von ihm, es wird über seine Reisen berichtet, auch ins sozialistische Ausland natürlich, zum Balaton beispielsweise, und nach dem Mauerfall besucht er mit Freundin L. sogar Paris. Sie ist allerdings wenig beeindruckt und stellt ihm die ketzerische Frage, was daran so wichtig sei, nach Paris reisen zu können, welcher Zuwachs an Lebensqualität sich daraus für ihn denn wirklich ergebe.

Und Frau K. schließlich fragt im Staatskundeunterricht, «was die Leute eigentlich treibt, für ein paar Bananen und Fernreisen alles einfach wegzuschmeißen, was wirklich wichtig ist im Leben: Familie, Sicherheit, Zukunft, einen Arbeitsplatz, Heimat, nicht zuletzt ihren Anstand und ihre Würde». Immer wieder von solchen dialektischen Diskursen unterbrochen wird hier anekdotenreich und mit unglaublich vielen Details das DDR-Leben aus der sehr speziellen Perspektive eines Heranwachsenden beschrieben, der als Figur jedoch ziemlich konturlos bleibt – und namenlos obendrein. Aber auch für alle anderen Figuren im Roman gibt es keine Namen, alle werden nur mit ihrem Anfangsbuchstaben benannt. Da läuft dann der beste Freund S. mit der Pfarrerstochter G. auf der ‹Rue› genannten Hauptstrasse der Stadt und trifft den T., der ihn auffordert, heute Nacht doch ins Freibad zu kommen, der W. käme auch. Und obwohl dort nackt gebadet wird, findet Sex nicht statt in diesem Roman, trotz des testosteronträchtigen Alters des Helden. Der ist neben den brutal ausgetragenen, blutigen Gruppenrivalitäten nur noch am Punkrock interessiert, zusammen mit S. träumt er von einer Musikerkarriere, obwohl sie beide ja nur zwei Akkorde spielen können auf der Gitarre. Die Erzählung nervt geradezu mit der nicht enden wollenden, sinnlosen Nennung gefühlt hunderter obskurer Bandnamen wie ‹Die Faschisten› oder ‹Hammer und Eichel›.

In einer jugendlich frischen Sprache wird hier, zuweilen recht amüsant, mit lexikalischer Ausführlichkeit durchaus Erwartbares erzählt, wobei den Wessis unter den Lesern ein umfangreicher Fußnotenapparat den fehlenden Erfahrungshintergrund ersetzen muss. Formal ziemlich willkürlich, mit fehlender Kohärenz, werden gesellschaftliche Umbrüche aus der Sicht eines Baseballschläger schwingenden, jugendlichen Anarchisten beschrieben, ohne dass sich daraus irgendwelche relevanten Erkenntnisse ergeben würden. Hingegen ahnt man als Leser am Ende, wie sich aus dieser sozialen Gemengelage heraus, scheinbar aus dem Nichts, eine bisher erfolgreich unterdrückte, politisch ultrarechte Gesinnung derart ausbreiten konnte.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by btb München

Risiko

Es lebe der Zufall

Mit dem Namen eines auf Clausewitz zurückgehenden, militärischen Strategiespiels deutet der Roman «Risiko» von Steffen Kopetzky auf sein Thema hin. Es handelt sich um die wie ein Hasardspiel anmutende Afghanistan-Expedition der Mittelmächte Deutschland und Österreich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die es als ‹Niedermayer-Hentig-Expedition› tatsächlich gegeben hat. Angeregt dazu wurde der Autor, wie er im Interview erklärte, durch das Buch «East of Constantinople» von Peter Hopkins, in dem er ein Foto von Oskar von Niedermayer in Kabul entdeckte, der darauf aussah «wie aus einem Karl-May-Roman entsprungen». Das reale historische Geschehen ist hier fiktional angereichert zu einem dickleibigen Abenteuerroman, der vor allem durch seine Gutmenschen und sein Draufgängertum an den mit Abstand auflagestärksten deutschen Schriftsteller aller Zeiten erinnert, Kara Ben Nemsi lässt grüßen!

Als junger, aus München stammender Marinefunker erlebt Sebastian Stichnote den Kriegsbeginn im Mittelmeer auf dem Kleinen Kreuzer ‹Bremen›, der vor der britischen Übermacht nach Konstantinopel fliehen muss und dort umgeflaggt in die Kriegsmarine der neutralen Türkei eingegliedert wird. Der technisch gewiefte Funker schließt sich daraufhin einer geheimen Expedition nach Kabul an, deren Ziel es ist, den Emir von Afghanistan zum Kriegseintritt gegen die Engländer zu bewegen. Im Ringen um die Vorherrschaft der Großmächte in Zentralasien geht der in Berlin ausgeheckte Plan davon aus, man könne die islamischen Völker dort zum Dschihad aufhetzen, zum Heiligen Krieg, um dadurch endlich die Vormacht der Briten zu brechen. Die 5000 Kilometer lange Reise der anfangs knapp hundertköpfigen Expedition führt sie vom Bosporus zunächst mit der Eisenbahn quer durch das Osmanische Reich über Aleppo nach Bagdad und von dort als Karawane über Isfahan und durch die Kewir-Wüste in Persien an den Hindukusch, nach Kabul.

Stichnote als Held der Geschichte ist der unangefochtene Großmeister des als Metapher für den gesamten Roman dienenden, militärischen Strategiespiels um die Weltherrschaft. Im Laufe der Expedition muss er seine schweren Funkgeräte zurücklassen und auf seine Brieftauben zurückgreifen, mit denen er Berichte an die zurückgebliebene Etappe schickt. Bei seinem im Prolog geschilderten Mordanschlag fungiert ein von ihm aufgelassener, weißer Jagdfalke als Startsignal. Man merkt dem Roman an solchen Details eine sorgfältige, umfassende Recherchearbeit an, deren Ergebnisse in dieses überreiche narrative Gemenge aus Fakten und Fiktion einfließen. «Risiko» enthält alle Zutaten für einen unterhaltsamen Roman, zu denen hier zuvorderst natürlich die Abenteuerlust gehört. Aber auch Verrat, Missgunst, Kameradschaft, Strapazen, Rückschläge, Beinahe-Katastrophen, Kämpfe und unzählige andere Ereignisse gehören zu diesem üppigen Erzählkosmos. Wirklich ganz am Rande dieser ansonsten ziemlich alkoholseligen, archetypischen Männerwelt, als geschickt eingebaute, erzählerische Klammer lediglich, gehört sogar die Liebe dazu. Sie führt denn auch prompt zu einem im Epilog verschämt angedeuteten, kitschigen Ende, – an den großen Kollegen aus Radebeul erinnernd.

Es hätte diesem Roman wirklich nicht geschadet, die maritime erste Hälfte einfach ganz wegzulassen und sich auf die Expedition als den eigentlichen Erzählstoff zu beschränken, für den es ja eine interessante historische Vorlage gibt. Sprachlich überzeugend ohne Schnörkel wird hier eine Geschichte erzählt, deren üppiger Plot sich in hemmungsloser Phantasie von Abenteuer zu Abenteuer stürzt und dabei ungeniert von den unwahrscheinlichsten Zufällen lebt. Ungebremst mäandernd muss hier selbst das allerkleinste Detail dann unbedingt auch noch erzählt werden, – vieles von dieser stofflichen Überfülle aber ist einfach nur störender, manchmal sogar ärgerlicher Ballast! Abenteuer liebende Leser werden ihren Spaß haben an diesem Roman, andere hingegen werden sich ziemlich langweilen oder entnervt abbrechen!

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Klett-Cotta Stuttgart

Siebentürmeviertel

Schlechte Übersetzung aus dem Türkischen?

Feridun Zaimoglu, Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, hat in seinem zeitlich perfekt auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 erschienenen Roman «Siebentürmeviertel» die Migration aus reziproker Sicht dargestellt. Der sechsjährige Wolf nämlich, der seine Mutter früh verloren hat, muss 1939 mit seinem Vater vor den Nazis aus Deutschland fliehen. Sie finden Aufnahme bei einem ehemaligen Kollegen des Vaters in dem titelgebenden Istanbuler Stadtteil, einem Schmelztiegel von Türken, Armeniern, Tschetschenen, Griechen, Juden, Zigeunern und anderen Ethnien.

Bald jedoch stellt sich die als vorübergehend gedachte Einquartierung als längerfristig heraus, der Zweite Weltkrieg zieht sich hin, an eine Rückkehr ist nicht zu denken. Als schließlich Gerüchte aufkommen, der verwitwete junge Deutsche habe ein Verhältnis mit der selbstbewussten Tochter des Hauses, geht Wolfs Vater mit Rücksicht auf die Familienehre seiner Gastgeber nach Ankara, er hat dort eine Stellung als Übersetzer gefunden. Wolf ist fortan als Ziehsohn in die Familie aufgenommen, er kommt in die Schule, gewinnt schnell Freunde im Viertel und weiß sich zu behaupten bei den Jugendlichen, die ihn immer nur «Arier» oder «Hitlersohn» nennen. In seinem Roman schildert Feridun Zaimoglu das quirlige, raue Leben in diesem prekären Stadtteil in allen seinen Facetten. Er beleuchtet diesen spannungsgeladenen, von Rivalitäten geprägten, stets gewaltbereiten multiethnischen Mikrokosmos aus der Sicht seines kindlichen Ich-Erzählers. Dabei spielt der Plot praktisch keine Rolle. Was da in 99 Kapiteln geschildert wird, die allesamt mit den schönsten, im Koran vorkommenden Namen Allahs betitelt sind, das mutet an wie der kühne Versuch, zusammenhanglos alles und jeden zu beschreiben, – der Anhang zählt allein 77 Figuren auf. Genau in der Mitte dieses dickleibigen Buches springt die Erzählung ins Jahr 1949, Wolf ist in der Adoleszenzphase, geht auf eine höhere Schule in einem besseren Viertel, hat erste Kontakte zum anderen Geschlecht. Allmählich durchschaut er auch die zwielichtige Rolle, die sein Ziehvater im prekären Siebentürmeviertel spielt und die sogar Wolf selbst gefährlich zu werden droht.

Während dieser üppige, arabeskenreiche Roman unermüdlich versucht, das turbulente, oft geheimnisvolle Geschehen mit seinem bunten Figurenensemble in immer neuen Szenen dem Leser nahe zu bringen, gerät der an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit und ermüdet von Seite zu Seite mehr. Daran ist nicht allein das trotz Personenverzeichnis kaum überschaubare, monströse Panoptikum obskurer Figuren schuld, sondern und vor allem ein Erzählstil, der sprachlich wie eine schlechte Übersetzung aus dem Türkischen wirkt, – obwohl der Verfasser sein Buch ja in Deutsch geschrieben hat. Man fühlt sich von Anfang an unbehaglich in diesem sprunghaften, hölzern klingenden Erzählstrom mit seinen zumeist an den Haaren herbeigezogenen Metaphern, und das ändert sich auch bis zur letzten Seite nicht, so man die denn überhaupt erreicht. Zur Verdeutlichung der Empfindungen eines Zugewanderten in fremder Umgebung ist diese oft sehr deftige Kunstsprache kaum geeignet, sie erscheint viel zu gedrechselt dafür, vor allem im ersten Teil mit seinem sechsjährigen Ich-Erzähler. So geschwollen, in Gleichnissen auch noch, redet kein Kind! Was der Autor damit bezweckt, hat sich mir nicht erschlossen.

Auch das soziale Milieu des Siebentürmeviertels wird durch die drastischen Schilderungen von roher Gewalt, Blutrache, Krüppeln, Getier, Unrat und Gestank nicht glaubhaft und anschaulich verdeutlicht, naive Mythen zudem und allgegenwärtiger Aberglaube sind im Erzählten nur angedeutet und kaum erkennbar in die Geschichte integriert. Weder das fremdartig schillernde Istanbul noch die politischen Zeitläufte werden thematisiert, lediglich ein archaischer, unverständlich bleibender Mikrokosmos erwartet den – ob des Romantitels erwartungsvollen – Leser. Dieser Roman ist gründlich misslungen!

Fazit: miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln

Stern 111

Der Shigulimann

Auch der zweite Roman von Lutz Seiler, «Stern 111», räumte auf Anhieb einen Buchpreis ab, diesmal den der Leipziger Buchmesse 2020, der in absentia im Radio verkündet werden musste, der fiese Corona-Virus hatte ja die Absage der Messe erzwungen. Vielleicht bringt nun die erzwungene Muße in deutschlandweit verordneter oder freiwilliger Quarantäne den einen oder anderen Büchermuffel doch wieder zum Lesen! Zum Beispiel dieses Romans, über den die Jury schreibt: «Lutz Seilers große kunstvolle Erzählung zieht in den Bann des Möglichkeitsraums Berlin nach ´89, zu Kellerkneipe und klammem Kohleofenaltbau. Literarische Geschichtsschreibung zwischen Traumwandeln und Hausbesetzen – hier wird sie eindringlich im allerbesten Sinne». Der Protagonist des erfolgreichen Debütromans «Kruso» hat auch hier einen kurzen Auftritt als ‹Commandante›. In beiden Romanen wird leitmotivisch ein Radio als Verbindung zur Außenwelt verwendet, hier das titelgebenden DDR-Kofferradio «Stern 111», im Kruso ist es die ‹Viola›, die den Schankraum des ‹Zum Klausner› dauerberieselt. Und auch das Milieu der schmuddeligen Kneipe mit den gastronomischen Hiwis als skurriler Truppe dient hier wieder als originelle Bühne für das Geschehen, der Autor hat also seine einschlägigen Erfahrungen als Kellner erneut eingearbeitet in seinen Stoff.

Die Eltern des Protagonisten Carl Bischoff verlassen zwei Tage nach Fall der Mauer überstürzt die DDR, alles zurücklassend bis auf das Nötigste, alles was eben gerade noch in den Rucksack passt. Es treibt sie die Angst, die plötzliche Freizügigkeit könne auch schnell widerrufen werden, wer weiß, denn schließlich seien ja auch noch die Russen da. Carl, gelernter Maurer und heimlicher Lyriker, verlässt nach einiger Zeit ebenfalls das Haus in Gera und fährt im Shiguli des Vaters, dem russischen Fiat-124, nach Berlin. Das robuste Auto wird zum Symbol seiner Unabhängigkeit, es dient dem Eigenbrödler anfangs als Schlafstelle, mit ihm als Schwarz-Taxi verdient er zunächst auch sein Geld. So lernt er schließlich dann das lose Kollektiv künstlerisch veranlagter Freidenker kennen, das sich «kluges Rudel» nennt und ihn bei sich aufnimmt, er ist für sie fortan der «Shigulimann». Sie sehen sich nicht als Hausbesetzer, sie machen vielmehr dutzende leerstehender Wohnungen und ganze Häuser «bewohnbar», führen sie also einer sinnvollen Nutzung zu.

In parallelen Handlungssträngen folgt der Plot, quasi als Roadtrip, der Odyssee des Ehepaars von Gera über diverse Zwischenstationen an ihren letztendlich überraschenden Sehnsuchtsort. Der aber bis zum Schluss ihr Geheimnis bleibt, in welches sie auch ihrem Sohn nicht einweihen, – und als Rezensent nenne ich ihn, dem potentiellen Leser zuliebe, ebenfalls nicht! Erst dort schließlich treffen sie nach sechzehn Monaten in einer Art Showdown erstmals wieder als Familie zusammen. In einer zweiten Ebene erleben wir Carl zuerst als Maurer und dann als Kellner in der ‹Assel›, der Kellerkneipe dieses antikapitalistischen Hausbesetzer-Kollektivs am Prenzlauer Berg. Dessen anarchische Figuren verkörpern, in ihrem permanenten Kommen und Gehen, eine abstruse Gegenkultur, die sich aus Stadtguerilla und Boheme gleichermaßen zusammensetzt, Weltverbesserer, Kleinganoven, Nutten, russische Soldaten, erfolglose Künstler und schräge Vögel aller Couleur.

Im Epilog dieses Wenderomans berichtet Carl aus der Ich-Perspektive im Rückblick, was danach noch geschah, erzählt von seiner verlorenen Liebe, von seinen vergeblichen Ambitionen als Lyriker und davon, wo Dodo, die allgegenwärtige Ziege von ‹Hoffi, dem Hirten›, abgeblieben ist. Stilistisch markant ist Lutz Seilers ausgesprochen poetische Sprache, mit der es ihm mühelos gelingt, die besondere, teilweise mystische Stimmung zwischen Anarchie und Romantik dieser Zeit für den Leser erlebbar zu machen. Gewisse Längen, insbesondere bei den Underground-Szenen mit ihrem irren Personal, schmälern leider ein wenig das ansonsten reichlich gebotene Lesevergnügen.

Fazit: erfreulich

Meine Website: http://ortaia.de


Genre: Roman
Illustrated by Suhrkamp Berlin

Allegro Pastell

Literatur als Symptom

Der vierte Roman von Leif Randt erzählt mit autobiografischem Setting unter dem Titel «Allegro Pastell» von der Liebe zweier Kreativer im Hier und Heute. Der Autor hat seine eigenen beruflichen Aktivitäten und doppelten Wohnorte solidarisch auf seine beiden Protagonisten aufgeteilt. Jerome ist als freiberuflicher Webdesigner auf Video Content spezialisiert und wohnt ländlich in Maintal nahe Frankfurt, Tanja ist erfolgreiche Schriftstellerin und lebt in Berlin-Kreuzberg, mit Blick auf die Hasenheide. Die trendige Beziehungskiste zwischen den Beiden ist Thema dieses Romans einer gescheiterten Liebe. Ganz knapp vor der Pandemie erschienen, hätte man dem Buch wenige Wochen später zur Betonung seines ultra-aktuellen Zeitbezugs doch glatt den Titel ‹Die Liebe in den Zeiten des Corona› geben können.

Letzter darin anstehender Termin ist nämlich der März 2020, spätestens dann wird für Jerome endgültig eine Zeitenwende beginnen, und damit auch für Tanja. Sie wird dreißig während der Erzählzeit 2018/19 und erlebt mit dem 33jährigen Jerome einige intensive Monate des Glücks. Ihre Fernbeziehung ist dank der digitalen Kommunikation nicht weniger innig, als würden sie zusammen wohnen und sich täglich sehen. Sie besuchen sich wechselseitig und fahren auch gemeinsam in Urlaub. Als Tanja nach einigen Monaten psychisch eine Auszeit braucht, fängt ihre Beziehung an zu bröckeln, beide haben kurze Affären, finden dann aber doch wieder zusammen. Als Jerome aber mit einer alten Schulfreundin anbandelt, droht der Liebesbeziehung mit Tanja das Aus, obwohl beide von den Affären des jeweils Anderen wissen und sie scheinbar ungerührt tolerieren, Eifersucht ist ihnen völlig fremd.

Dieser banal erscheinende, in drei «Phasen» erzählte Plot bildet nur den äußerer Rahmen für eine im Kern dem Zeitgeist gewidmete Geschichte, deren dem Mittelstand entstammende, finanziell sorgenlose Figuren den Lifestyle der beginnenden Zwanzigerjahre verkörpern. Da ist Spirituelles mit den Realitäten in Einklang zu bringen, der Freigeist mit der Moral, die sexuelle Libertinage mit dem Wunsch nach Geborgenheit. Das Leben ist für sie eine einzige Dauerparty mit Sex und Drogen, in der flippiges Outfit, schräge Musik, angesagte Clubs, Sternrestaurants und Imbissbuden gleichermaßen das Ambiente bilden. Dieses trendige Milieu wird narrativ überlagert von dem pseudo-intellektuellem Dauergeschwafel der jungen, hippen Romanfiguren, die sich ständig selbst beobachten und zu analysieren versuchen. Ihnen scheint die Welt offenzustehen, sie bilden sich ein, immer cool alles unter Kontrolle zu haben bei ihrer permanenten Sucht nach Wohlfühlmomenten, Alkohol und Drogen helfen ihnen dabei. Zupackende Spontaneität wechselt in der spleenig wirkenden Lebensweise der jungen Leute mit Phasen lähmender Lethargie ab, purer Ennui wird lässig als Lifestyle zelebriert.

Als Sittengemälde der Berliner Republik scheint der Roman, wie eine kritische Milieustudie, die gegenwärtigen Lebensverhältnisse einer Generation von Wohlstandskindern abzubilden. Die artikulieren ihre Befindlichkeiten mit Anglizismen wie «cute» oder «nice» und sind emotional ihr eigener Coach. Dem Milieu geschuldet ist auch der Gebrauch von Emojis im Romantext, Tanja ist nicht geil sondern «horny», an anderer Stelle hat jemand 0% Interesse, man wünscht sich ein Wörterbuch des Neusprech als Nichtdreißigjähriger. Aber auch bei den IT-Begriffen muss man oft nachschlagen, und Gipfelpunkt der Technikversessenheit dürfte die Powerpoint-Präsentation sein, in der Jerome seiner schwangeren Freundin akribisch die Vor- und Nachteile auflistet, wenn sie ihr Kind austrägt. Negativ wäre unter anderem die CO2-Blianz durch den neuen Erdenbürger, positiv wäre beispielsweise, dass man künftig immer eine gute Ausrede hätte bei unliebsamen Einladungen. Mir kommt diese keinesfalls satirisch gemeinte Geschichte geschwätziger Selbstreflektionen wie Wirklichkeit gewordene Virtual-Reality vor, Literatur als Symptom des Heute.

Fazit: mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Kiepenheuer & Witsch Köln