Die Tochter

Ambivalenz weiblicher Entscheidungen

Der zweite, jüngst unter dem Titel «Die Tochter» auch auf Deutsch erschienene Roman der hierzulande kaum bekannten mexikanischen Schriftstellerin Guadalupe Nettel behandelt ein sensibles Thema. Es geht dabei um den Kinderwunsch, der in den modernen Gesellschaften, an den niedrigen Geburtenraten deutlich erkennbar, stark zurückgegangen ist. Ein schwieriges Thema, bei dem die Meinungen jedenfalls, quer durch die Gesellschaft, stark auseinander gehen. Diesen Gegensatz macht sich die Autorin hier zueigen, indem sie von zwei eng miteinander verbundenen Freundinnen das ‹Für und Wider› aus konträren Perspektiven vertreten lässt.

Ich-Erzählerin Laura und ihre beste Freundin Alina hatten sich schon sehr früh geschworen, keinesfalls die gängige gesellschaftliche Erwartung zu erfüllen und Mütter zu werden. «Anders als in der Generation meiner Mutter, für die es undenkbar war, keine Kinder bekommen zu wollen, entschieden sich in meiner Generation viele dagegen. Meine Freundinnen ließen sich in zwei gleich große Gruppen aufteilen: Die einen wollten ihre Freiheit aufgeben und sich für den Erhalt der Spezies opfern. Die anderen waren bereit, in den Augen von Gesellschaft und Familie in Ungnade zu fallen, um ihre Autonomie zu bewahren». Beide Frauen hatten große Pläne, in denen ihre Unabhängigkeit und damit auch das Vorhaben, dem Leben so viel wie möglich abzugewinnen, unverrückbar feststanden. Nun sind sie beide Ende zwanzig, aber es kommt anders als gedacht: Alina wird eben doch schwanger! Das wirkt auf Laura, die studiert hat und schon fleißig an ihrer Dissertation arbeitet, – als wichtiges Sprungbrett in ihre berufliche Karriere, nun jedenfalls wie ein Verrat. Sie selbst hat sich nämlich konsequent schon früh sterilisieren lassen, ein Kind wird ihr Leben jedenfalls nicht belasten, das ist sicher!

Nun erzählt Alina ihrer neugierigen Freundin vom Mutterwerden und von ihren Empfindungen während der Schwangerschaft. Ihre Freundschaft ist zumindest nicht daran zerbrochen, dass Alina sich anders entschieden hat und nun völlig in ihrer Schwangerschaft aufgeht. Laura wiederum beobachtet auf ihrem Balkon ein Taubenpärchen, das sich rührend um den Nachwuchs in ihrem Nest kümmert. Obwohl anfänglich wütend auf die gurrenden Tauben, entfernt Laura das Nest nicht, beobachtet vielmehr erstaunt die Vögel bei der Brutpflege – und putzt nun geduldig den Vogeldreck weg, der täglich neu ihren Balkon verschmutzt. Wand an Wand mit ihr wohnt eine allein erziehende Mutter, deren Sohn oft wild herumschreit, Gegenstände an die Wand wirft und völlig unbeherrscht dann kaum noch zu bändigen ist von der Mutter. Die vernachlässigt ihn ganz offensichtlich. Laura freundet sich mit dem Jungen an, lernt auch die Mutter kennen und bekommt näheren Einblick in eine sehr schwierige Mutter/Sohn-Konstellation, in der vor allem der abwesende Vater eine unheilvolle Rolle zu spielen scheint. Alinas glückliche Schwangerschaft erweist sich nach einiger Zeit als problematisch, der Embryo habe eine extrem seltene Wachstums-Störung des Gehirns, lautet die Diagnose. Die Ärzte kommen zu der festen Überzeugung, das Mädchen, dem Alina schon den Namen Inés gegeben hat, werde spätestens bei der Geburt sterben, es sei nicht lebensfähig.

An diesen beiden doch sehr unterschiedlichen Frauen-Schicksalen entlang entwickelt die Autorin ihre Geschichte vom Frau-Sein in unserer Gesellschaft, die beide Protagonistinnen auf ganz unterschiedliche Weise verändert, ihre fundamentalen Überzeugungen und unverrückbaren Gewissheiten jedenfalls gehörig ins Wanken bringt. Leider bleiben beide Hauptfiguren dieses feministischen Romans trotz der emotional aufrüttelnden Thematik doch ziemlich blutleer, ihre innere Verfasstheit ist ihnen angesichts der herauf beschworenen, seelischen  Katastrophen kaum anzumerken. Die Ambivalenz solch weiblicher, folgenreicher Entscheidungen allerdings wird hier durchaus stimmig herausgearbeitet, der Plot als solcher hingegen entwickelt keinerlei Lesesog!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Luchterhand

Die Ladenhüterin

In Nippon kein Ladenhüter

Die japanische Schriftstellerin Sayaka Murata beschäftigt sich auch in ihrem Roman mit dem seltsamen Titel «Die Ladenhüterin» wieder mit der gesellschaftlichen Rolle, die den Frauen in Nippon traditionell zugewiesen wird. Ihre Protagonistin scheitert an diesen scheinbar unverrückbaren Erwartungen der Mitmenschen. Keiko kann sich schon als Kind nicht in der Gesellschaft zurechtfinden, wird deshalb in der Schule als Außenseiterin angesehen und zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, um ihr Problem zu verstecken, dem Mobbing der Mitschüler zu entgehen.

Prompt bricht sie denn auch ein auf Wunsch der Eltern begonnenes Studium ab und nimmt lieber in einem Konbini, einem Supermarkt für Gemischtwaren, eine Stelle als Aushilfs-Verkäuferin an. In einem Vorbereitungs-Lehrgang wird sie mit den Usancen in der überregionalen Supermarkt-Kette vertraut gemacht, trainiert regelrecht den Umgang mit Kunden und wird auf alle eventuell auftretenden Probleme mit ihnen vorbereitet. Sie ist begeistert von den ritualisierten Arbeitsbedingungen und ahmt das Verhalten der anderen Mitarbeiter und des Chefs bis zur Perfektion nach. Fast schon militärisch geregelt beginnt jeder Tag dort mit einem Morgenappell und einer Einweisung des Chefs auf die anstehenden Arbeiten, die in den Vordergrund zu rückenden Sonderangebote des Tages und eventuelle Ausfälle von Mitarbeitern, die durch andere kompensiert werden müssen, damit alles läuft wie am Schnürchen. Die Konbinis sind nach dem Motto 24/7 rund um die Uhr täglich und auch Feiertags geöffnet. Keiko hat Freitag und Sonntag frei, ist aber selbstlos immer bereit, einzuspringen, wenn durch den chronischen Arbeitskräfte-Mangel mal wieder ein personeller Engpass droht. Was ihr leicht fällt, denn so etwas wie ein Privatleben ist ihr fremd, sie hat fast nur mit den Eltern und ihrer verheirateten Schwester engeren Kontakt.

Mittlerweile ist sie 37 Jahre alt, hat noch nie woanders gearbeitet und hatte auch nie eine Beziehung zu einem Mann. Weil sie dafür immer wieder mit Vorhaltungen konfrontiert wird, ergreift sie die Gelegenheit, als sie Shiraha, einen ehemaligen Kollegen, wieder trifft, der wegen Faulheit und beruflichem Unvermögen fristlos aus dem Konbini entlassen wurde. Er ist arbeitslos und lebt auf der Straße, sie bietet ihm spontan an, zunächst mal bei ihr unter zu kommen. In ihrer winzigen Wohnung schläft er fortan in der Badewanne, und sie füttert ihn auch mit durch, denn sie bekommt abgelaufene Lebensmittel oder verbeulte Dosen supergünstig, zu essen ist immer was da bei ihr. Die Verwandtschaft jubiliert, und man überredet sie schließlich sogar, im Supermarkt zu kündigen, sich einen besseren Job zu suchen und Shiraha zu heiraten. Als sie auf dem Weg zu einem Bewerbungs-Gespräch allerdings an einem Konbini vorbeikommt und entsetzt feststellt, wie schlampig da gearbeitet wird, greift sie zum Erstaunen der Mitarbeiter beherzt ein und sorgt für die gebotenen Ordnung. Für ein «normales» Leben ist sie ungeeignet, das wird ihr schlagartig klar!

Der Roman ist eine bitterernste Satire auf eine gleichgeschaltete Gesellschaft, die unter hohem Druck einseitig auf ökonomische Effizienz getrimmt ist. Wer da nicht mithalten kann wird ausgegrenzt, wird geächtet als Mitbürger. Dementsprechend hoch ist die Suizidrate unter Schülern und Studenten, deren Leistungen unter dem Durchschnitt liegen und damit eine berufliche Karriere fast unmöglich machen. Sayaka Murata erzählt ihre Geschichte in einer distanzierten Sprache, wobei sie mit der Wahl von Keiko als Ich-Erzählerin diese Distanz völlig konterkariert. Die starren japanischen Verhaltensmuster, die ihr Roman schildert, erscheinen westlichen Lesern geradezu absurd, prägen aber nach wie vor die gesellschaftlichen Normen im Land der aufgehenden Sonne. Dort war das Buch übrigens kein «Ladenhüter», sondern ein Bestseller, hierzulande hingegen sind die Feuilletons wie auch die Leser-Kommentare sehr verhalten!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Aufbau Berlin

Der Reiz des Unerreichbaren

Vor einem Jahr habe ich einen Exkurs in den Bereich gehobene Liebesromane gewagt und war von Ellis Marants Debütroman „Jenseits der Hitze“ nicht nur angetan, sondern regelrecht positiv überrascht. Am Schluss meiner damaligen Rezension standen zwei Fragen: „War das ein Glückstreffer?“ und „Wer ist Ellis Marant?“

Nun ist sein zweites Buch erschienen und ich – das gestehe ich ohne jegliche Schamesröte – gehörte sicherlich zu den ersten Käufern.

Die Überraschung setzte sich beim Lesen uneingeschränkt fort. „Der Reiz des Unerreichbaren“ hat die Qualitäten des ersten Romans bestätigt und sogar noch erweitert.

Ein vom Leben verwöhntes, aber sehr sympathisches Luxuspärchen lässt sich von Kinofilmen inspirieren und gibt seinem Leben einen ganz neuen Kick, indem es Kunstgegenstände raubt. Der Rausch des Erfolges und die Erkenntnis, dass man ganz neue Erfahrungsdimensionen vorstoßen kann, lassen das erlesene Hobby schnell zur Sucht werden. Vor allem maximale Sicherheitsmaßnahmen sind für Sie keine Abschreckung, sondern eine willkommene, ja sogar erwünschte Herausforderung. Ihre Hybris gipfelt darin, dass sie überall als eine Art Signatur einen Ein-Dollar-Schein zurücklassen. Bis sich da dieser Kunstermittler an ihre Fersen heftet und beginnt, Muster zu erkennen. Akribie ist sein zweiter Vorname und dann sieht er offensichtlich auch noch gut aus (versteckter Hinweis für die weiblichen Leser dieser Zeilen).

Soweit so gut. Schon mal ganz netter Plot, könnte man sagen. Aber diese Kriminalstory ist nicht nur gut und sehr spannend konstruiert, sondern lebt auch von den Schauplätzen der Handlung. Oman, Hawaii, Japan, Singapur, Bilbao – da tauchen schon unweigerlich Bilder auf. Sehr schön ist es, dass es nicht bei bunten Kulissen bleibt, sondern dass man überall, mal fast beiläufig, mal sehr fokussiert, ein wenig über Land und Leute erfährt.

Sehr schön wird sprachlich auf der Klaviatur der Möglichkeiten gespielt – schnelle Abfolge der Wörter und Sätze in sich zuspitzenden Situationen, wohltuend langsames Erzähltempo in nachdenklichen Abschnitten mit teilweise fast schon lyrischer Prosa.

Von diesen Inhalten mit Tiefgang gibt es erfreulich viele. Man sieht sich mit aktuellen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen konfrontiert, über die man eigentlich im Augenblick des Lesens selbst etwas intensiver nachdenken sollte. Vielleicht sollte man den Satz am besten nochmals lesen, aber man kann es ja nicht oder ist zumindest massiv hin- und hergerissen, weil man ja unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Und dann spielen natürlich auch Beziehungsdinge eine Rolle. Auch ein Hauch Erotik ist inklusive. Aber es geht bei Ellis Marant auch in diesem Roman bei weitem nicht um die üblichen Liebesklischees, sondern immer wieder auch um Grenz- und Graubereiche. Wie hätte ich da wohl entschieden? Wie sattelfest ist der menschliche Moralkodex in bestimmten Lebenssituationen?

Themen, die unter die Haut gehen und bisweilen einen fast schon philosophischen Anspruch haben, Liebe, Spannung, Orte rund um den Globus, eine unterhaltsame, oft humorvolle Geschichte, sehr angenehmer literarischer Stil. Wann hat man in den letzten Jahren oder überhaupt schon mal solch eine Kombination in einem Buch gefunden? Ich kann mich nicht wirklich erinnern. Kann sich Literatur vielleicht doch noch neu erfinden?

Aber eine Frage bleibt: Wer ist Ellis Marant? Zumindest über die Motivation und Intention erfährt man etwas im Nachspann: „Weil diese Art des Erzählens auf dem Buchmarkt immer seltener zu finden war, begann Ellis Marant, selbst solche Romane zu schreiben.“ Zum Glück.


Genre: Gesellschaftsroman, Kriminalliteratur, Liebesroman, Roman, Romantik
Illustrated by tredition

Selbstregulierung des Herzens

Kaum bereichernd, kaum erfreulich

Von der Schriftstellerin Peggy Mädler ist unter dem sperrigen Titel «Selbstregulierung des Herzens» kürzlich ein zweiter Roman erschienen, der wieder dem Leben in der DDR gewidmet ist. Der Titel spielt darauf an, dass der letztendlich überdeutlich gewordene, ökonomische Misserfolg im Sozialismus tatsächlich auf seine starre, zentral regulierte Wirtschaftsform zurück zu führen ist. Anders als im Kapitalismus, wo ja jeder einzelne Markt-Teilnehmer autonom und eigen-verantwortlich handelt und das ganze System innerhalb gesetzlich vorbestimmter Leitplanken sich ausschließlich «selbst reguliert». Damit ist er der Steuerung durch bürokratische Apparatschicks im kommunistischen Zentralismus haushoch überlegen.

Als zentrale Figur fungiert in diesem Panorama vom Leben in der DDR der Kybernetiker Georg, der hofft, mithilfe seiner Wissenschaft und den faszinierenden Möglichkeiten der ersten Computer würde das entscheidende Manko der sozialistischen Zentralwirtschaft überwunden werden können. Mit Mona, einer weiteren zentralen Figur, sind auch eine Künstlerin und ihr Malerfreund Konrad in das vielfältige Geschehen des Romans eingebunden. Zu den handelnden Figuren gehört mit Roland zudem ein illusionsloser Intellektueller, der in den Westen flüchten will. Außerdem auch Marlies, die scheinbar unerschütterlich an den Sozialismus glaubt und ihn von innen heraus reformieren will. Ort des Geschehens ist ein Dorf in der Nähe von Wandlitz in Brandenburg, in dem seltsame, geheime Bautätigkeiten stattfinden. Die erweisen sich dann letztendlich als die aus guten Gründen geheimen Rückzugsorte der Prominenz aus dem Politbüro der DDR, die in diesen Villen ‹heimlich Wein trinkt und öffentlich Wasser predigt›! Deren Luxusleben passt so gar nicht zur allgegenwärtigen Tristesse in der real existierenden Mangelwirtschaft und zu den überall in der Republik plakatierten Durchhalte-Parolen des kläglich gescheiterten, ersten «Arbeiter- und Bauernparadieses» auf deutschem Boden.

Zeitlich über etwa dreißig Jahre hinweg schildert Peggy Mädler in ihrem Roman, der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert wurde, multiperspektivisch vom schwierigen Leben unter diesen Bedingungen. Als das Künstlerpaar Mona und Konrad sich eine Datsche kaufen, ist sie das Symbol für eine freie Lebensweise abseits aller staatlichen Bevormundungen. Binnen kurzem dient dieser private Mikrokosmos als Refugium auch für ihren intellektuellen Freundeskreis. Man liefert sich dort nicht nur heftige politische Diskussionen beispielsweise über den Prager Frühling, der vielen als Hoffungsschimmer erscheint, sondern auch über die profanen Folgen einer unfähigen Planwirtschaft, in welcher der Tauschhandel wilde Blühten treibt. Man beklagt die kruden Arbeitsbedingungen und die latent hohe Bleibelastung, unter der viele Arbeiter in der örtlichen Chemiefabrik malochen müssen. Auch die ganz privaten Probleme und Ereignisse werden von Peggy Mädler stimmig beschrieben, werden aber aus einer deutlichen Distanz heraus thematisiert, was den Roman wegen kaum erkennbarer Emotionen doch ziemlich nüchtern erscheinen lässt, er wirkt als Narrativ geradezu seelenlos.

Letztendlich lotet Peggy Mädler auch mit ihrem neuen Roman wieder die Handlungs-Spielräume aus, die dem Bürger in einem derart repressiven Staat bleiben. Mona aber empfindet am Schluss des Romans, nach der so genannten «Wende», sogar die politische «Aufarbeitung» der Ex-DDR, ihr durch den Beitritt nahezu restloses Aufgehen in der Bundesrepublik Deutschland, als total respekt- und rücksichtslose «Privatisierung». Zur sprachlichen Nüchternheit des Romans kommt die weitgehend fehlende Spannung des Plots hinzu, was zusammen genommen für ein Werk der Belletristik denn doch – mutmaßlich bewusst – «gegen sämtliche Konventionen» konstruiert erscheint. Weder unterhaltsam zu sein und noch wegen der literarisch bereits mehr als gründlich aufgearbeiteten DDR-Thematik auch kaum bereichernd, dürfte dieses Buch nur für eine überschaubar kleine Leserschaft wirklich eine lesenswerte Lektüre sein!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Galiani

Gulistan

Surrealer Schreibstil

Die im Nordirak geborene und mit ihrer Familie 1997 als Migrantin nach Deutschland gekommene Karosh Taha hat ihren Roman nach dessen Protagonistin «Gulistan» benannt. Damit wollte sie in ihrem dritten Werk wohl auch gleich daran erinnern, dass es nicht nur im Irak ein Volk der Kurden gibt, die vergebens von einem vereinigten Kurdistan träumen. Dieses nicht genau umrissene Siedlungsgebiet erstreckt sich neben dem Irak auch über Teile der Türkei, Irans und Syriens. Sie alle haben keinerlei Interesse daran, den Kurden zu einem eigenen Staat zu verhelfen und ihnen dafür die von ihnen besiedelten Staatsgebiete abzutreten. Denn ein ethnisch homogenes Kurdistan ist eine Illusion, die Völker sind durchmischt, an dem ewigen Gebietsstreit mit den anderen dort lebenden Ethnien würde sich nichts ändern, – ein politisches Dilemma!

Gulistan und ihr Mann Çiya, der eine Schneiderei betreibt, werden als Kurden von der einheimischen Bevölkerung ständig verfolgt. Er hat sein Geschäft nach seiner Frau benannt, über dem Schaufenster prangt in großen Buchstaben «Gulistan». Eines Tages tauchen zwei Männer dort auf, die ganz offensichtlich zum Geheimdienst in Saddam Husseins diktatorischem Regime gehören. Sie fragen ihn aus, warum er denn sein Geschäft so genannt habe. In ihren Augen sei das eine Provokation dem Staate Irak gegenüber, denn lautmalerisch klingt Gulistan ja ähnlich wie Kurdistan, und Kurdistan ist ein rotes Tuch für den Diktator. Die Geheimdienstler empfehlen Çiya dringend, das Ladenschild sofort abzuhängen. Schon am nächsten Tag ist Çiya spurlos verschwunden! Sofort begibt sich Gulistan auf die Suche nach ihrem Liebsten. In den Krankenhäusern wird sie sehr unfreundlich behandelt, aber sie erfährt immerhin, dass er nicht  eingeliefert wurde. Auch die Polizei wimmelt sie nur ab, sie könne nichts tun.

Gulistan merkt, wie ohnmächtig sie ist dem diktatorischen System gegenüber, aber sie forscht unentwegt weiter. Bis sie Çiya schließlich in einer Menschenmenge entdeckt, er steckt in der Uniform des Diktators und fungiert, vom Äußeren her entsprechend zurecht gemacht, als einer von dessen Doppelgängern, mit denen Attentäter verunsichert werden sollen. Sie wird verhaftet, erfährt später, dass sie schwanger ist, agiert immer panischer und gleitet angesichts ihrer Ohnmacht dem Unrechtsregime gegenüber langsam in den Wahn ab.

Wer das Buch erstmals aufschlägt, wird auf den ersten zwei Seiten gleicht mit einem merkwürdigen Schriftbild überrascht. In einem eigenwilligen Layout sind da einzelne Worte oder Satzbestandteile scheinbar willkürlich über die ganze Seite verstreut. Im gesamten Roman wendet die Autorin zudem stilistisch eine auf Punkte am Satzende reduzierte Schreibweise an, – mehr Interpunktion gibt es nicht! Die fehlenden Kommas, Sonder- und Anführungszeichen stören allerdings den Lesefluss nur wenig, man gewöhnt sich überraschend schnell daran. Die erste Seite beginnt so:

 

he was so gentle

so considerate and he is

he is very clever

to       to notice

every small

bits

 

Diese rätselhaften Layout-Spielchen durhziehen den gesamten Roman. All die spleenigen, für die Autorin als typisch geltenden, surreal anmutenden Erzählmuster sind hier auf die Spitze getrieben. Es mag ja Leser geben, die damit etwas anfangen können, – ich gehöre definitiv nicht dazu!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by DuMont

Die Perserinnen

Identitäten, Revolution und Migration

Die in Teheran geborene und in den USA aufgewachsene Iranerin Sanam Mahloudji hat unter dem Titel «Die Perserinnen» mit ihrem Debütroman ein vielschichtiges Familienepos vorgelegt, welches nicht zuletzt auch wegen des Krieges heute hochaktuell erscheint. Am Schicksal von fünf Frauen aus drei Generationen, die teils bei Ausbruch der islamischen Revolution 1979 aus dem Land geflüchtet sind, schildert die Autorin einerseits das Leben im Exil und berichtet andererseits von den restriktiven Verhältnissen im Mullah-Regime. Wobei die Politik selbst nicht im Mittelpunkt steht, sondern das extrem unterschiedliche Leben der fünf weiblichen Roman-Figuren, aus deren spezieller Perspektive hier jeweils erzählt wird.

Der Roman beginnt 2005 mit dem alljährlichen Familientreffen der steinreichen iranischen Familie Valiat im mondänen Skiort Aspen in Colorado. Dort kommt es zum Eklat, weil die anfang-fünfzigjährige Shirin sich voller Übermut in einer Bar spaßeshalber für sehr viel Geld einem Mann angeboten hat, der sich dann aber als Polizist in Zivil herausstellt und sie wegen Anbahnung von Prostitution ins Gefängnis bringt. Neben Shirin, deren Leben den wichtigsten Erzählstrang des Romans bildet, sind mit «Die Perserinnen» deren Schwester Sima, ferner die um 1940 herum geborene Elisabeth, Mutter der beiden, und die Enkelinnen Bita und Niaz gemeint. Die Familie Valiat wurde durch den als «Großer Krieger» bezeichneten und hoch verehrten Großvater unermesslich reich, wobei an dessen Händen aber auch viel Blut klebte. Zeitlich umfasst diese Geschichte eine Zeitspanne von etwa 60 Jahren mit all den politischen Umbrüchen dieser wild bewegten Zeit.

Als der persische Schah 1979 fliehen musste, hat Shirin sich entschlossen, ebenfalls das Land zu verlassen, – vermeintlich nur vorübergehend, in Wahrheit aber für immer! Ihre Mutter Elisabeth blieb im Land, und auch die damals sechsjährige Niaz wollte nicht fort und lebt fortan bei der Oma in Teheran. Die Flüchtenden gelangen schließlich in die USA, wo aber niemand sich dafür interessiert, dass sie aus der schon fast monarchistisch auftretenden Familie Valiat stammen. Der Reiz dieser Erzählung liegt im extremen Kontrast der Lebensumstände, die da anschaulich geschildert werden. Es wird umfassend beschrieben, wie sie geprägt sind und über verschiedene Lebensphasen hinweg nun unter den total veränderten Verhältnissen notgedrungen klarkommen müssen. Damit tun sich sowohl die Großmutter Elisabeth in Teheran schwer wie auch ihre Tochter Shirin, die in den USA ein exaltiertes Leben führt und damit alle vor den Kopf stößt. So lässt sie sich in Aspen beispielsweise spontan von einem Juwelier seine teuersten Uhren vorlegen. Als sie gefragt wird, welche sie denn nun wolle, sagt sie «alle»! Die dreißigtausend Dollar, die das kostet, sind kein Problem, und wenig später schon wirft sie die Tüte mit den Uhren in den Schnee, weil sie die ja gar nicht braucht, sie hat doch schon genug davon. Als zentrale Figur des Romans ist sie maßlos in allem und wirkt dadurch nicht gerade sympathisch.

Scharfsinnig beobachtend schreibt die Autorin, zuweilen sogar humorvoll, über Migration und dessen Einfluss auf die Identitäten ihres Personals, das zudem durch familiäre Mythen und faustdicke Lügen geprägt ist. Mit seinen wechselnden Perspektiven und häufigen Zeit- und Orts-Sprüngen fordert der Roman volle Aufmerksamkeit, ist also trotz seines lockeren, ‹amerikanisch› anmutenden Schreibstils keine leichte Lektüre. Ein Manko dürfte zudem das weitgehende Fehlen des Politischen sowohl im Iran als auch in der Wahlheimat USA sein, man muss andere Quellen hinzuziehen, will man die Hintergründe mancher Ereignisse wirklich verstehen. Aber auch der unermessliche Reichtum spielt eine ziemlich negative Rolle in dem Geschehen. Er bewirkt durch den schon fast verächtlichen Umgang damit unwillkürlich eine ziemliche Distanz zu den handelnden Personen, bei denen in diesem feministisch angelegten Roman den Männern nur sehr bescheidene Nebenrollen zugewiesen sind.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Piper Verlag München

Wer möchte nicht im Leben bleiben

Wunderkind-Syndrom

Für ihren dritten Roman hat HeleneBukowski mit «Wer möchte nicht im Leben bleiben» den Titel eines schwülstigen Pionierliedes der FDJ gewählt. Schon der Klappentext verrät, dass es hier um Suizid geht, begangen von einem Wunderkind, dem als Pianistin eine große Karriere in der DDR prophezeit war. Die Autorin ist in einem Nachlass zufällig auf dieses Schicksal gestoßen, das dreißig Jahre zurück liegt und sie nun nicht mehr loslässt. Voller Eifer stürzt sie sich in die Recherche für einen neuen Roman, den sie zu dieser Thematik zu schreiben gedenkt.

Schon die selten anzutreffende Erzählperspektive in der zweiten Person zeigt auf, wie sehr sie sich dabei ihrer Protagonistin Christina in deren tragischer Geschichte verbunden fühlt. Die Autorin schreibt sich damit quasi selbst in ihren Roman hinein, daran muss man sich dann erst mal gewöhnen als Leser. «Du sitzt im Übungszimmer, stürzt dich in die Revolutionsetüde, hämmerst mit aller Gewalt auf den Flügel ein, zerlegst den Raum und explodierst wie Leuchtfeuer am Himmel. Später stehst du auf dem Gang, bist brav, still, lächelst. Deine Wut findet nur in den Noten Platz». Die Erzählerin sieht dem Geschehen zwar manchmal nur zu, öfter jedoch tritt sie mit ihrer Protagonistin gemeinsam auf, stellt sich Dinge vor, die passieren könnten. Sie wünscht sich auch manches für ihre Hauptfigur und spekuliert offen über den Fortgang ihres gegen Ende hin zunehmend fiktionalisierten Plots.

Christina wird 1961 in Leipzig geboren, kurz bevor die Eltern sich ein neues Klavier angeschafft haben. Ihr Vater, ein ehemaliger Tenor, kam traumatisiert aus dem Krieg zurück. Eine wichtige Quelle für diese phantasievoll ergänzte Biografie ist ein Notizbuch von ihm, dem zufolge die Eltern ihrer Tochter «Pianistenhände» attestiert haben. «Christina konnte singen bevor sie sprechen lernte», steht darin. An anderer Stelle ergänz die Autorin: «Einmal willst du nicht üben, schreibt dein Vater in der Chronik. ‹Dann gibt es wohl heute auch nichts zu essen›!». Es ist also nichts anderes als das altbekannte Wunderkind-Syndrom, von dem hier sehr feinfühlig erzählt wird. Erstaunliches Talent auf der einen Seite, rücksichtslose Überforderung durch ehrgeizige Eltern auf der anderen, – sie wollen letztendlich mit Hilfe ihrer Kinder nur ihre eigene Bedeutungslosigkeit kompensieren. Auf dem als Trouvaille empfundenen Nachlass mit Notizbuch, Briefen, eifrig geknipsten Fotos und Kompaktkassetten mit Klavier-Aufnahmen als Quellen fußend, ergibt sich in diesem Roman das behutsam und mitfühlend gezeichnete Bild eines Lebens voller Licht und Schatten. Nicht zufällig wird hier sicherlich auch auf die rigide Kunstförderung im ehemaligen «Arbeiter-und-Bauern-Paradies» DDR hingewiesen mit ihren Kaderschmieden, seien es die in Berlin oder in Moskau.

Es ist bewundernswert, wie Helene Bukowski Musik und Natur kunstvoll ineinander verflicht, der Musik Substanz und der Natur Klang verleiht. Ein Konzert gerät da erzählerisch schon fast zu klingender Lyrik: «Du greifst nach den Händen der Anwesenden, ziehst sie in den Schatten zwischen Bäumen. Eure Schritte federn auf dem Moos, versinken in Farnen, kreiselnd treibt ihr in die Tiefe, wuchert in Mulden, perlt von hoch stehenden Halmen. Zwischen den Wurzeln sammelt sich der Applaus». Die alldem zugrunde liegende reale Biografie hat bei aller Beklemmung etwas extrem anziehendes bei der Lektüre, man kennt zwar das Ende, aber wie es letztendlich dazu kam ist trotzdem spannend zu lesen. Wobei diesem Ende dann leider ein Manko innewohnt, wenn da nämlich eine gynäkologische Diagnose plötzlich eine Rolle spielen soll, quasi als Auslöser für das mit Depressionen wegen Überforderung ja doch schon hinreichend erklärte Suizidmotiv. Man könnte also mit einiger Berechtigung einwenden, dass die Autorin übergriffig eine im Grunde reale und traurige Biografie für ihre Phantasien ausgebeutet hat, was im Endeffekt denn leider doch etwas ernüchternd wirkt. Gleichwohl, dieser so behutsam und feinsinnig geschriebene Roman ist eine lang nachwirkende, bereichernde Lektüre!

Fazit:   lesenswert

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Sanditz

Mystik und Molltöne

Mit «Sanditz», seinem dritten Roman, hat Lukas Rietzschel das Kunststück geschafft, in wahrhaft epischer Breite ein Kammerspiel ostdeutscher Befindlichkeiten zu schreiben, das in zwei Zeitebenen vom Ende der DDR bis fast in die Gegenwart reicht. Es ist ein Panorama deutscher Geschichten (Plural), nicht deutscher Geschichte, die er örtlich in einer fiktiven Kleinstadt am Rande der Republik angesiedelt hat. So ist ein Roman entstanden, der dann gleich ziemlich unkonventionell mit einem überraschenden Prolog beginnt. Auf den ersten acht Seiten wird da nämlich voller Mystik ein Blick auf den Ort des Geschehens geworfen, der einige sehr ungeduldige Leser zum vorzeitigen Abbruch der Lektüre veranlassen könnte. Was schade wäre, denn dieser Einstieg hat rein gar nichts mit der eigentlichen, überaus realistischen Geschichte zu tun!

Der in 67 Kapiteln erzählte Roman beginnt im Jahre 2021 unter der Überschrift «Die Nachricht», als unter ungeklärten Umständen in Sanditz eine Denkmal von Otto von Bismarck zerstört wird. Die von dort stammende Journalisten Maria Wenzel ist vor Ort und schreibt den ersten Bericht darüber. Sie hatte in Kassel studiert und war es dann aber bald leid, im Westen ständig als Ossi angesehen zu werden mit all den damit verbundenen Klischees. «Sie war selten zu Hause in jener Zeit, aber dass sie noch von einem Zuhause sprach, wenn sie an das flache Haus an der Straße bei Sanditz dachte, bedeutete vielleicht etwas. Alles, was sie kannte, ihre Begriffe von der Welt, hatten sich im Osten zu einem Wörterbuch geformt». Also war sie reumütig bald wieder zurückgezogen in die Lausitz, in ihre Heimat. Personell stehen drei Generationen der Familie Wenzel im Zentrum des Geschehens, zu der neben Maria ihr Onkel Dirk, ihre Mutter Marion und ihr Zwillingsbruder Tom gehören. Ihre Erlebnisse, Enttäuschungen und familiären Spannungen bilden den thematischen Rahmen des Romans, der zeitliche reicht bis ins dritte Coronajahr 2023, immer wieder aber unterbrochen durch vielerlei Rückblenden, die bis ins Jahr 1978 reichen. Mit «Fuck Putin» als Überschrift wechselt der Schauplatz des Geschehens gegen Ende des Romans erstmals zu den Nebenschauplätzen, nach Krakau zunächst, wenn Marias Zwillingsbruder Tom als Freiwilliger von dort aus in den Ukrainekrieg weiterzieht.

Wie alle aus dem «sozialistischen Musterstaat» sind auch die Leute von Sanditz enttäuscht, die «blühenden Landschaften», die ihnen der westdeutsche Bundeskanzler versprochen hat, sind nirgends zu erkennen, überall herrscht eine tiefe Enttäuschung. Schon vor der Wende waren sie um ihre Hoffungen betrogen worden, als sie aus dem Braunkohlerevier umgesiedelt werden mussten und ihnen ein schönes neues Dorf versprochen wurde. Was sie dann bekommen haben war eine namenlose Kolonie an der Landstraße zwischen zwei Ortschaften, bestehend aus vier reizlosen Bungalows. Geschäfte, Schule, Kirche oder Friedhof, nichts davon gab es hier, der Frust ist riesengroß. Der Traum von einer besseren Welt ist nicht in Erfüllung gegangen!

Der Roman handelt die altbekannten DDR-Klischees ab, ohne wirklich neue Aspekte zu liefern, vieles hat man schon mal anderswo gelesen. Es ist auch hier vom Militärdienst in der NVA, dem Fall der Mauer bis zum Kampf um die drohende Vernichtung der Stasiakten alles enthalten, und, schlimmer noch, der wirtschaftliche Niedergang hinterlässt auch hier deutliche Spuren. Der weite Erzählradius reicht dann am Ende bis in die Schützengräben des Ukrainekriegs. Mit großer Sorgfalt wird in diesem Roman ein üppiges personelles Tableau präsentiert, alle Figuren sind stimmig gezeichnet bis hin zu den vielen Nebenfiguren, und die Dialoge passen stimmig dazu. Auffallend ist das weitgehende Fehlen von Kindern, es sind die älterem Erwachsenem. die das weit verzweigte Geschehen in diesem unsentimentalen Heimatroman prägen. Man hat als Leser allerdings den Eindruck, dessen Handlungsort könnte überall sein, vergleichbare Situationen und Probleme gibt es reichlich, auch im Westen. Trotz vieler Klischees ist die Lektüre dank eines rasant vorwärts drängenden Plots niemals langweilig – und manchmal sogar bereichernd.

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by dtv München

Wut

Gründlich daneben gelungen

Als letzter der bisher vier Romane des Journalisten und Schriftstellers Harald Martenstein ist 2021 mit «Wut» ein Werk erschienen, dass nach Bekundung des Autors «keine Biografie und keine Reportage» sei. Er hat aber hinzugefügt. «Ein Anderer als ich konnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet». Durch diese Einlassung hat der Autor, ein wenig «um die Ecke argumentiernd», autobiografische Bezüge dieses Romans explizit ja gerade «nicht» in Frage gestellt.

«Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, morgen kommen Möbelpacker. Sie ist jetzt im Heim und versteht nicht mehr, was um sie herum geschieht». Der Ich-Erzähler Frank, ein Mann in mittleren Jahren, berichtet im kursiv gesetzten Prolog zu diesem Roman von seiner Mutter, die er immer nur Maria nennt, und beschreibt dann im ersten Kapitel unter der Überschrift «Maria» zunächst, wie es zu der beiderseits wutgeladenen Mutter/Sohn-Beziehung gekommen ist. Er schildert Maria als hin und her gerissen zwischen Liebe und Hass, bei ihr konnten Küsse und Liebkosungen blitzschnell umschlagen in wilde Ausbrüche mit heftiger Prügelstrafe. Frank vermutet, seine Mutter habe als Kind selbst kaum Liebe empfangen, denn die Großmutter war erst achtzehn Jahre alt, als sie selbst schon Mutter wurde – und damit dann prompt auch restlos überfordert war. Insoweit kann Frank seine eigene Mutter zwar verstehen, aber ihr liebloses und teilweise grausames Verhalten ihm als Sohn gegenüber entschuldigen kann er trotzdem nicht.

Marias eigenes Leben war von ihrem unbeherrschten, aufbrausenden Temperament geprägt, das sie oft in Schwierigkeiten gebracht hat. Sie war aber ausgesprochen intelligent und hätte vieles erreichen können in ihrem Leben. Stattdessen brach sie das Gymnasium vor dem Abitur ab und heiratete schon bald. Nach vielen damals ja noch illegalen Schwangerschafts-Abbrüchen, die jeweils ihr Schwiegervater als Tierarzt durchgeführt hat, kam schließlich Frank zu Welt. Er war es, der sie daran hinderte, frei zu sein und zu leben wie sie wollte, er hatte Schuld, dass ihr Leben endgültig verpfuscht war. Frank macht sie nun seinerseits verantwortlich für seine emotionalen Defizite, er sieht sich selbst als ein unheilvoll Getriebener und entwickelt ebenfalls eine ungute innere Wurt auf seine Mutter. «Maria sagte immer, dass ich alles ihr verdanke, dass ich nur ihre Kreatur bin, mein Talent, mein Geld, der Erfolg, alles ihr Erbe, ihre harte Schule, und in gewisser Weise hat sie damit recht. Ich verdanke ihr alles, was ich bin, im Guten und Schlechten». Wobei Frank ständig an seiner Fähigkeit zur Erinnerung zweifelt und damit Vieles gleich wieder in Abrede stellt, was er bei seinen Grübeleien herausgefunden zu haben glaubt.

Der in den 50er und 60er Jahren angesiedelte Plot des Romans weist einiges an Spannung auf, was die vielen unvorhersehbaren Wendungen im emotionalen Verarbeitungsprozess des Ich-Erzählers anbelangt. Der erweist sich damit, nebenbei gesagt, in jeder Hinsicht auch als ein typischer Vertreter des «unzuverlässigen Erzählers», was erhöhte Aufmerksamkeit des Lesers erfordert, um diesen narrativen Kniff zu durchschauen. Wenig überzeugend, ja enttäuschend geradezu ist letztendlich aber der Schluss des Romans, der einiges nachträglich ungeschehen macht und damit für die Deutung des Gelesenen kaum noch konkrete Anhaltspunkte übrig lässt. Man könnte als Botschaft allenfalls mitnehmen, dass nicht alles, was uns als Menschen ausmacht, jeweils auch auf die familiäre Herkunft zurückgeführt werden kann, – eigentlich ja eine Binsenweisheit! Die psychologischen Tiefenschürfungen zum Thema «Wut», denen hier nur die Hoffnung entgegensteht, führen leider zu keinem plausiblen Fazit. Entgegen der mutmaßlichen Intention des Autors steht lediglich fest, dass diese Abrechnung eines psychisch geschädigten Sohnes nicht nur von seiner wutgetriebenen Mutter geprägt ist, sondern auch von der Gesellschaft. Nicht nur deshalb ist dieser Roman leider «gründlich daneben gelungen»!

Fazit:   miserabel

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Genre: Roman
Illustrated by Ullstein Berlin

Stars

Was für eine herrliche Persiflage auf die Astrologie-Szene – und mit einigen Seitenhieben auch auf jene Esoterik, die sich gerne um sie herum versammelt. Katja Kullmann nimmt in ihrem ersten belletristischen Roman „Stars“ eine Welt aufs Korn, in der die Sehnsucht nach Orientierung offenbar umso größer wird, je weniger Orientierung die Wirklichkeit zu bieten hat. Und sie tut das erfreulicherweise nicht mit dem Degen, sondern mit dem Florett.

Die Protagonistin Carla Mittmann hätte eigentlich das geistige Rüstzeug, um gegen kosmische Heilsversprechen einigermaßen immun zu sein. Sie hat Philosophie studiert, ist belesen, intelligent und mit den großen Denkern der Geistesgeschichte bestens vertraut. Nur mit dem eigenen Leben weiß sie nicht so recht etwas anzufangen. Aus einer Mischung aus mangelnder Initiative, Bequemlichkeit und den Zufällen des Lebens landet sie in der Serviceabteilung einer Möbelfirma. Dort bleibt sie neun lange Jahre hängen. Ihr Leben ist nicht wirklich schlecht, aber es findet irgendwie auch nicht statt.

Nebenher betreibt Carla eine Horoskop-Website. Nicht, weil sie an Astrologie glaubt, sondern eher zum Spaß und als kleinen Zuverdienst. Dann steht eines Tages ein Schuhkarton vor ihrer Tür, gefüllt mit 10.000 Dollar und ohne erkennbaren Absender. Carla nimmt das als Wink des Schicksals – oder zumindest als willkommene Gelegenheit, einen solchen darin zu sehen – und gibt ihrem Leben endlich eine neue Richtung, indem sie aus der Hobby-Astrologie ein Geschäftsmodell macht.

Und siehe da: Es funktioniert.

Aus der trägen, gelangweilten Angestellten wird eine erfolgreiche „Astrophilosophin“ mit kontinuierlich wachsender Expertise und fast unangreifbarer Professionalität, schließlich eine gefragte Star-Astrologin mit zahlender Kundschaft, Medienauftritten und Zugang zu gesellschaftlichen Kreisen, von denen sie vorher weit entfernt war. Das eigentlich Vergnügliche daran ist jedoch, wie sich dabei die Grenze zwischen Hochstapelei und Überzeugung immer weiter verschiebt. Carla beginnt schließlich, selbst an das zu glauben, was sie ursprünglich mit reichlich Distanz ihren Kunden verkauft hat. Oder glaubt sie nur, dass sie daran glaubt? Genau diese Unsicherheit zieht sich eigentlich durch den ganzen Roman. Ein amüsanter Spannungsbogen.

Kullmann erzählt dabei nicht nur eine Geschichte über Astrologie. Sie erzählt über Menschen, die bereitwillig viel Geld dafür bezahlen, dass ihnen jemand eine Geschichte über ihr eigenes Leben erzählt. Eine Geschichte, die erklärt, warum sie sind, wie sie sind, warum Dinge geschehen und was als Nächstes kommen könnte. Dass dafür heute statt eines Philosophen auch einmal Saturn, Pluto oder ein Aszendent zuständig sein können, gehört zu den wohl sehr realistischen Absurditäten unserer Zeit.

Im ersten Drittel hätte „Stars“ allerdings durchaus etwas Straffung vertragen. Die Geschichte braucht eine Weile, bis sie Fahrt aufnimmt. Manche philosophische Abschweifung und manche Beschreibung von Carlas Angestelltendasein ist länger geraten, als es für den Roman unbedingt notwendig gewesen wäre. Auffällig ist zudem der Erzählstil: Über weite Strecken wird mit indirekter Rede gearbeitet. Das schafft Distanz und ist zunächst gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber zunehmend einen eigenen Rhythmus und Charakter. Einen Punktabzug in der B-Note gibt es leider dafür – und das ist sicher etwas ganz Subjektives -, dass eine Kerngeschichte des Plots unaufgeklärt bleibt.

Aber alles in allem ist Katja Kullmann eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin. Bisweilen erinnert die Art, mit der sie ihre Protagonistin von einer eigentlich ziemlich gewöhnlichen Ausgangslage immer tiefer in eine zunehmend absurde Lebensgeschichte hineinmanövriert, sogar ein wenig an Jonas Jonasson – nur deutlich moderner und intellektueller. Kullmann kommt schließlich aus dem Essayistischen und Journalistischen und versteht es entsprechend gut, gesellschaftliche Beobachtungen beinahe beiläufig in eine Geschichte einzubauen. Dass sie schreiben kann, hatte sie ohnehin lange vor ihrem Romandebüt bewiesen: Für „Generation Ally“ erhielt sie bereits 2003 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie Sachbuch.

Besonders gelungen ist der Schluss. Gerade als man meint, Carla habe sich von ihrer eigenen Geschäftsidee endgültig überzeugen lassen und sei vom astrologischen Saulus zum kosmischen Paulus geworden, schlägt Kullmann noch einmal einen Haken. Mehr soll darüber nicht verraten werden. Nur so viel: Die letzten Seiten lassen manches, was vorher geschah, noch einmal in einem etwas anderen Licht erscheinen – und verraten vielleicht auch ein wenig mehr über Kullmanns eigene Haltung zur Astrologie, als sie sich auf den gut 250 Seiten zuvor anmerken lässt.

Ein kluger, amüsanter und wunderbar zeitgemäßer Roman über Orientierungslosigkeit, Lebensunlust, Astrologie, Selbsttäuschung, Geschäftssinn und die so verbreitete und unverwüstliche Sehnsucht danach, dass irgendwo da draußen doch jemand – oder wenigstens irgendein Planet – einen Plan für unser Leben haben möge.


Genre: Roman
Illustrated by Hanser

Moskau – Die Grenze

Nach “Mendelsohn auf dem Dach” und “Leben mit dem Stern” veröffentlicht Wagenbach nun auch Jiři Weils umstrittensten Roman, sein Debüt, das im Moskau der dreißiger Jahre spielt. Die Hauptfiguren: Ri und Jan Fischer.

Jiří Weil: Ein verbotener Schriftsteller

Jiří Weil selbst kann durchaus als Überlebender zweier totalitärer Regime bezeichnet werden. 1900 als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy geboren, ging er 1933 – vorerst vom Kommunismus begeistert – nach Moskau und kehrte schon 1935 nach Prag zurück. Als die Nationalsozialisten 1939 seine Heimat besetzten, konnte er sich der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord entziehen. Aber nach dem Krieg erging es ihm nicht viel besser. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis Jiří Weil schließlich 1956 endlich rehabilitiert wurde. Allerdings starb er schon drei Jahre später an Leukämie. Sein schriftstellerisches Werk war nicht nur durch ein siebenjähriges Publikationsverbot stark eingeschränkt worden, sondern auch zensiert. “Moskau – die Grenze” erschien erstmals 1937 in Prag, wurde aber nach 1945 als “zersetzendes Werk” aus den tschechoslowakischen Bibliotheken entfernt. Weil selbst wurde wegen seiner Kritik an den stalinistischen Prozessen aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und musste sich schließlich sogar von seinem Romandebüt distanzieren. Die Auslieferung einer zweiten Ausgabe 1969 wurde verboten. Die erste deutsche Ausgabe erschien erst in Berlin 1992. Für bedeutende Schriftsteller wie Josef Škvorecký, Ladislav Fuks, Ivan Klíma oder Jiří Kolář wurde Jiří Weil zum Vorbild und heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur.

“Das wahre Leben ist nur in der Fabrik”

“Ja, ohne Kaffee wird es schwer sein”, heißt es da schon auf der ersten Seite und der Hinweis wiegt schwer, denn er umschreibt treffend die kulturellen Unterschiede zwischen Mitteleuropa und Russland. Der Mann von Ri, der Protagonistin des ersten Teils des vorliegenden Romans, arbeitet als Vertragsingenieur in der SU, um den Sozialismus aufzubauen. Aber Kaffee gibt es dort keinen, weil dort keiner getrunken wird. “…bald endet Europa, und dann kommt die Grenze (…). Hier begann schon Asien, und es konnte mancherlei geschehen”. Aber erst beschreibt Weil Ri’s Zeit im Kibbuzim in Israel, wo sie Eisenfuss, einem “tollwütigen Kommunisten” begegnet, der die eigentlichen wie im wahren Kommunismus lebenden Kibbuzbewohner aufwiegeln würde, als ob es hier Kapitalisten geben würde. Ri sei ein “süßes Kätzchen” sagt Karl, denn sie wisse nicht, dass “Kommunisten schlimmer sind als Engländer, Araber und die Malaria zusammen”. “Wenn sie nur nicht ständig zweifeln müsste, dass auch dieser Traum vergeht, wie der Traum der Brüderschaft aller in Palästina vergangen ist und dahinter die widerwärtige Fratze Asiens hervorguckt, von Aussatz zerfressen.”Aber anders als sich aus diesen Sätzen schließen lässt, entwickelt sich Ri gegen Ende ihres Kapitels doch noch zu einer strammen “Aktivistin”. Aber dann “berührt” Jan Fischer “was sie längst vergessen glaubte, und er hatte in ihr nebelhafte und dennoch verlockende Bilder wachgerufen, die immer noch auf sie wirkten”.

“Pioniere weinen nicht”

Den sozialistischen Alltag von Ri beschreibt Jiří Weil, wohl so, wie er ihn Anfang der Dreißiger Jahre auch selbst erlebt hatte. Bestechend ist vor allem wie Weil seine Protagonistin mit dem neuen Vokabular des neuen Russlands bekannt macht. Da gibt es etwa die Domrabotniza, die “blat” (Bestechung), ein Wort aus der Gaunersprache oder die vielen Abkürzungen wie Partorg, Komsorg oder Insnab (Geschäfte für Ausländer, später als Intershops bekannt geworden). Das Ausfüllen vieler Fragebögen, die überbordende Bürokratie, die wohl auch durch die eingeforderten Denunziationen viel zu tun bekam, sind weitere Kennzeichen eines unmenschlichen Systems, in dem sich Ri auch durch die “Habichtsaugen Stalins” (noch lange vor Orwell’s großem Bruder) beobachtet sieht. Der traurigste und wohl eindringlichste Abschnitt zu den Säuberungen gemahnt auch an die Absurditäten eines totalitären Systems in dem die Partei immer recht hat und der Einzelne nichts bedeutet. Selbst die großen industriellen Errungenschaften werden von
Zwangsarbeitern gebaut, wie etwa Ri angesichts eines Kanals ihres Ingenieurmannes, Robert, bemerkt. Mangelwirschaft (keine Flaschen in Apotheken) oder dass sie einmal in einer Moskauer Straßenbahn zum Sitzen kommt, kommt einem Wunder gleich. Und bei der Großen Parade? Zuletzt kommen die “nicht Organisierten” vors Publikum”: kleine Handwerker, Schuhputzer, Mützenmacher, Verkäufer.. für sie interessiert sich aber keiner mehr. Zwei weitere Kapitel zeigen wie Jan Fischer und Rudolf Herzog den Sozialismus erleben. Im Nachwort von Bettina Kaibach kommen nochmals alle jene zu Wort, die der Sozialismus vergessen hat.

Jiří Weil
Moskau – Die Grenze
Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
2026, gebunden, 384 Seiten
ISBN 978-3-8031-3394-6
Wagenbach
32,– €


Genre: Roman
Illustrated by Wagenbach

Die Riesinnen

Kontemplativ bereichernd

Der vierte Roman von Hannah Häffner mit dem Titel «Die Riesinnen» verlässt mit dem Schwarzwald als Setting das Meer als bevorzugten Schauplatz ihrer Erzählungen. In einem fiktiven Örtchen namens Wittemoos spielt sich dort das Leben dreier Frauen ab, Mutter, Tochter und Enkelin. Sie gleichen sich rein äußerlich auf fatale Weise, denn alle Drei sind ungewöhnlich hoch gewachsen und gertenschlank, zudem ziert sie alle auch noch ein störrisch abstehender, kupferroter Haarschopf. Schon vom Erscheinungsbild her kennt sie also jeder im Dorf, man nennt sie nur die «Riesinnen».

Deren Geschichte beginnt Anfang der sechziger Jahre mit Liese Riessberger, die mit einem gewalttätigen Metzger verheiratet ist, der den Betrieb seiner Eltern übernommen hat. Als ihm mit Cora eine Tochter geboren wird, ist er zutiefst enttäuscht und beachtet sie kaum. Die kleine Cora ist hochintelligent und schreibt in der Schule nur beste Noten, wird aber von den anderen Schülern gemobbt und verkapselt sich immer mehr in sich selbst. Als der Vater bei einem Unfall stirbt, muss Liese die Metzgerei mit 12 Mitarbeitern übernehmen, was ihr wider Erwarten mit viel Fleiß und Ausdauer schließlich auch gelingt. Zwei gute Freunde fordern sie eines Tages auf, sie zu der Demonstration am geplanten AKW Wyhl zu begleiten, – ein Projekt übrigens, das später dann ja tatsächlich gescheitert ist. Ihr tut  sich dort eine völlig neue Welt auf. sie beginnt sich ebenfalls politisch zu engagieren und über den Tellerrand der engen Dorfgemeinschaft hinaus zu denken.

Das färbt auch auf die inzwischen erwachsene Cora ab, die es in die weite Welt hinaus zieht, sie möchte etwas erleben, ihren eigenen Weg ins Leben finden. Natürlich rät ihr die Mutter dringend ab, aber Cora startet letztendlich doch und setzt sich unbeirrt in den nächstbesten Zug, der nach Süden fährt. Zuerst landet sie am Mittelmeer, schließt sich dort anderen vagabundierenden jungen Leuten an und taucht schließlich für längere Zeit in die Boheme von Paris ein. Als sie schwanger wird und nicht weiß, von wem, kehrt sie kleinlaut nach Wittemoos zurück und macht sich fortan im der Metzgerei der Mutter nützlich. Mit Eva bringt sie dann eine Tochter zur Welt, die zwar äußerlich der Mutter und Großmutter wieder wie aufs Haar gleicht, sich innerlich aber konträr sowohl zur Rationalität und strengen Arbeits-Disziplin der Großmutter als auch zum aufmüpfigen Weltenzorn von Cora, ihrer eigenen Mutter entwickelt. Eva ist nämlich, wie sich langsam herausstellt, mit Leib und Seele in ihrer Heimat und dem Schwarzwald verwurzelt, – sie hat keinerlei Probleme mit der Enge ihres Dorfes, ganz im Gegenteil: Hier allein fühlt sie sich geborgen, und in der Schwarzwald-Natur hat sie  alles, was ihr das Leben lebenswert macht.

Hannah Häffners Protagonistinnen sind nicht nur körperlich «Riesinnen», sie sind es auch mental. Als unangepasste Frauen sind sie allein die wahren Heldinnen in diesem Roman, in dem Männer allenfalls eine Nebenrolle spielen, so wie denn auch das Sexuelle hier praktisch keine Bedeutung hat. Damit ist die Liebe als Thematik also strikt auf die engere Familie begrenzt. Sei es der Herzschmerz, wie er in anderen derartigen «Frauen»-Romanen üblich ist, oder auch der Feminismus als soziales Thema, beides ist in diesem Roman nicht mal ansatzweise vorhanden. Es geht strikt immer nur um die menschliche Größe, wie sie sich in verschiedenen Ausprägungen unter den Bedingungen einer geschlossenen, engen Dorfgesellschaft exemplarisch ausformen kann. Diesen klug durchdachten, literarischen Versuchsaufbau hat die Autorin stilistisch in eine adäquate Prosa umgesetzt, die zwar wenig elegant erscheint, dem ländlichen Milieu aber – ganz besonders durch die stimmigen Dialoge – bestens  angepasst ist. Nicht nur die drei Heldinnen, auch das übrige personelle Ensemble wird glaubhaft beschrieben, sie alle passen als teils sehr sympathische Typen in die raue Schwarzwald-Landschaft. Die dann ja am Ende bei Eva nicht nur absolut im Vordergrund steht, sondern sich auch wohltuend für die Seele erweist, – und damit durchaus auch als ermutigend für den am Ende kontemplativ bereicherten Leser!

Fazit:   erfreulich

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Die nicht sterben

Nichts für schwache Nerven

«Die nicht sterben» ist ein Roman der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin Dana Grigorcea, der vom Genre her verschiedenste Zuordnungen erlaubt. Er ist einerseits eine Melange aus post-kommunistischem Gesellschafts-Roman und politischem Schauermärchen, andererseits aber auch ein Geschichts-, Künstler- und Fantasy-Roman. Das für den diesjährigen Frankfurter Buchpreis nominierte Werk der literarisch vielseitigen Autorin wurde im Feuilleton als neuartige literarische Gattung durchweg positiv besprochen, die Aufnahme beim Lesepublikum ist bisher eher verhalten, aber das könnte sich im weiteren Prozess der Preisvergabe schnell ändern.

Wie schon im Titel anklingt, geht es um die Geister der Vergangenheit, die Untoten, zu denen als nationaler rumänischer Mythos auch Vlad Dracula gehört, der Pfähler. Eine Figur der Legende, die Bram Stocker in seinem 1897 veröffentlichten Vampir-Roman entscheidend geprägt hat. Mit dem Anfangssatz «Ich kann nicht umhin, diese Geschichte zu erzählen, zumal ich sie aus nächster Nähe erlebt habe» wird eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin etabliert, die nach ihrem Kunststudium in Paris ihre Großtante in einer Kleinstadt Transsylvaniens am Fuß der Karpaten besucht. Weil sie seinen zweifelhaften Ruhm nicht zusätzlich befördern wolle, will sie den Ort nur B. nennen, auch «weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral». Die Geschichte ist in der Jetztzeit angesiedelt, die nach der Jagdgöttin benannte Villa Diana war während ihrer Jugend ständiges Ziel ihrer Ferienaufenthalte, ist ihr aber inzwischen fremd geworden. Sie hat ein inniges Verhältnis zu ihrer jugendlichen Großtante Margot, die sie früher Mamargot nannte und deren großbürgerliches Haus immer voller illustrer Gäste war.

Die Erzählung wird dramatisch, als in der nahe gelegenen Familiengruft das Grab Draculas identifiziert wird, weil eine grauenhaft geschändete Leiche darauf abgelegt war. Mit dem schrecklichen Fürsten wird wieder die blutrünstige Vergangenheit heraufbeschworen, die Heldin beginnt spontan, seine Geschichte zu erzählen. Dabei ist für sie die erstarrte rumänische Gesellschaft von heute mit dem grausamen Schreckensreich von Dracula schicksalhaft verbunden, sie sieht ihn in einer Linie mit dem kommunistischen Diktator Ceaușescu. Im Interview hat die Autorin erklärt, dass der Dracula-Mythos im Buch für die Sehnsucht der Menschen nach einer starken Hand stehe. Als Beispiel hat sie Vladimir Putin genannt, es gehe letztendlich um den sozialen Vampirismus. Und im Roman sei die Malerei Beleg für den als Fanal wirkenden, zentralen Satz «nichts kann uns brechen». Kunst sei nun mal kontemplativ ein starkes Bollwerk gegen äußere Zumutungen. Und wie ihre malende Protagonistin, so erweist sich auch die Autorin als eine äußerst genaue Beobachterin. Sie vermag Bilder sehr stimmig zu beschreiben, seien es gegenständliche von der grandiosen Landschaft oder abstrakte wie der desaströse Zustand, in dem sich das von Korruption gebeutelte Rumänien heute immer noch befindet. Und natürlich werden auch die knallhart servierten Schauergeschichten wirkungsvoll geschildert, wobei deren Realistik starke Nerven erfordert.

Als die Ich-Erzählerin irgendwann seltsame Veränderungen im Haus bemerkt, der Plattenspieler plötzlich von selbst Musik abspielt, gewinnt der magische Realismus als Erzählstil endgültig die Oberhand. Die Heldin kommt in Kontakt mit dem ersten Untoten, erhebt sich in die Lüfte und beschreibt schließlich den Horror aus der Vogelperspektive. Die mit poetischer Kraft erzählte Geschichte von den vergangenen und gegenwärtigen Dämonen, die den Leser durch direkte Ansprache eng mit einbezieht, ist ebenso bizarr wie konfus. Sie ist der kreative Versuch, die Misere des Heute aus den Verbrechen der Vergangenheit herzuleiten und die Apathie einer ganzen Nation damit zu erklären. Dass Kriterien wie Political Correctness dabei nicht maßgeblich sind, liegt bei einem Fantasy-Roman auf der Hand.

Fazit  lesenswert


Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Tanzende Frau, blauer Hahn

Ein esoterischer Plot

Mit «Tanzende Frau, blauer Hahn» hat die rumänischstämmige, heute in Zürich wohnende Schriftstellerin Dana Grigorcea einen Roman geschrieben, der von den Feuilletons beispielsweise als «sommerlich leichte Liebesgeschichte» oder «bukolische Sommeridylle» bezeichnet wurde. Die Handlung ist in der kleinen rumänischen Bergstadt Buşteni in den Karpaten angesiedelt, 135 Kilometer entfernt von Bukarest. Jahr für Jahr verbringt Roxana dort, im Sommerhaus der Familie, mit Oma und Großtante ihre Ferien. Dabei lernt sie schon bald Camil kennen, der in einer herunter gekommenen Eisenbahner-Siedlung wohnt, und freundet sich schnell an mit ihm. Zusammen beobachten die beiden Heranwachsenden aufmerksam das Leben in dem beschaulichen Ort, wobei ihr Augenmerk besonders auf den verschiedenen Spielarten des Liebeslebens seiner Bewohner liegt, die sie hier intensiv analysieren können.

Der in Rückblenden erzählte Roman beginnt im Prolog mit einem Paukenschlag: Die Ich-Erzählerin hat in einer spanischen Zeitung gelesen, dass ihr Freund Camil in Valencia bei einem Einbruch auf einem verlassenen Industrieschiff von einem Stromschlag getötet wurde, als er dort Kupferkabel stehlen wollte. «Er war mein bester Freund, mein erster», klagt sie gleich zu Beginn dieses ersten Erzählstrangs. Ebenfalls im Prolog wird – kursiv gesetzt – in einem zweiten Strang davon berichtet, wie die Ich-Erzählerin mit dem deutlich älteren Pianisten Thierry als Begleiter auf einer Konzert-Lesereise durch Deutschland unterwegs ist, auf der sie die Liebes-Geschichte, die wir hier lesen, der intensiveren Wirkung wegen musikalisch untermalt vorträgt, – ein klassisches Roman-im-Roman-Konstrukt mithin. Es ist die Zeit nach der Wende 1989, der Kommunismus ist Vergangenheit, die örtliche Papierfabrik musste geschlossen werden, viele stürzten in die Arbeitslosigkeit ab. Das Firmengelände verrottet seither und wuchert immer mehr zu.

Es sind eine Menge schrulliger Figuren, von denen da erzähl wird, gleich zu Beginn von einer cleveren Rechtsanwältin aus der Hauptstadt, die hier nun aufopfernd ihren kranken Mann pflegt. Als Madame Samar eines Tages beim Aufräumen entdeckt, dass hinter einem Schrank ein winziges Bäumchen durch das Parkett hindurch gewachsen ist, beschließt sie, es dort weiter wachsen zu lassen. Sie öffnet das Parkett, lässt störende Wände einreißen und schließlich auch das Dach abdecken, als das Kirschbäumchen zwei Meter hoch gewachsen ist. Ihren kranken, lebenslang notorisch untreuen Mann aber hat sie in einen ungeheizten Schuppen verbannt, wo er schon bald stirbt. Ein seltsames Paar bildet auch Frau Helman mit ihrem kleinwüchsigen Mann, der immer mit einer riesigen Sense herumläuft. Am Zeitungskiosk sind sie auf eine versteckte Ausgabe des ‹Playboy› gestoßen, auf dessen Cover die Darstellerin der brasilianische Telenovela «Sklavin Isaura» in der gleichnamigen Fernsehserie hüllenlos mit einer Schlange zu sehen ist. Noch nie habe er so viele Exemplare dieser Zeitschrift verkauft, erklärt der Kioskmann. und zu jedem ‹Playboy› sei dann auch noch eine Tageszeitung hinzugekommen, – damit der Kunde ihn diskret darin verstecken konnte! Frau Helman sieht dem Covergirl des ‹Playboys› übrigens zum Verwechseln ähnlich! Es ist aber auch von Ana Maria die Rede, einer aus armen Verhältnissen stammenden Kinderfreundin, deren Hund auf den Hinterbeinen laufen muss, weil er die vorderen bei einem Unfall verloren hat, – sie wird deswegen von manchen sogar gehänselt.

Makabres mischt sich in diesem schwebend leicht erzähltem Roman mit vordergründig Harmlosem, mit Ferienereignissen, Familiengeschichten, Adoleszenzfragen und wundersamen Begebenheiten, – Politik und Klassenfragen bleiben dabei subtil im Hintergrund. Bei aller dem melancholischen Text innewohnenden Sehnsucht bleibt diese Erzählung letztendlich in ihren Banalitäten stecken. Der Roman verzettelt sich zudem mit seinem schwer durchschaubaren narrativen Konstrukt, dieser Plot dürfte vielen Lesern als Lektüre deutlich zu  esoterisch sein!

Fazit:   mäßig

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Genre: Roman
Illustrated by Penguin

Sturmhöhe

Ein Byron’scher Held

Die unter dem Pseudonym Ellis Bell schreibende Pfarrerstochter Emily Brontë hat mit «Sturmhöhe» im Jahre 1847 ihren einzigen Roman veröffentlicht. Vom damaligen Lesepublikum weitgehend abgelehnt, gilt er heute als Klassiker der britischen Romanliteratur des 19ten Jahrhunderts. Der Roman wird in vier narrativen Ebenen mit Vor- und Rückblenden und von mehreren Personen in direkter und indirekter Rede bis zu vierfach ineinander verschachtelt erzählt. Diese komplexe Erzählstruktur und das sich über drei Generationen hinweg ersteckende Geschehen in zwei schicksalhaft miteinander verbundenen Familien auf dem Lande erfordern vom Leser erhöhte Aufmerksamkeit, will er das komplizierte Seelenleben der vielen Figuren jederzeit stimmig nachvollziehen können.

Schauplatz der Erzählung ist neben dem titelgebenden, einsam gelegenen Farnhaus «Wuthering Heights» in Yorkshire, das einem äußerst unsympathischen Eigentümer namens Heathcliff gehört, mit «Thrushcross Grange» auch ein ihm ebenfalls gehörendes, in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenes Anwesen. Dessen neuer Pächter, der junge und gebildete Einzelgänger Lockwood, sucht dort als Städter ländliche Ruhe. Er beobachtet interessiert das ihn nicht betreffende Geschehen aus sicherer Distanz, seine tagebuchartige Aufzeichnung dieser Geschichte bildet wie eine Klammer, jeweils in Form einer Augenblicks-Aufnahme, 1801 den Beginn und 1802 das chronologische Ende dieses Romans. Die wichtigste Ich-Erzählerin aber ist seine Haushälterin Ellen Dean, die ihm mündlich in langen, immer wieder neu angesetzten Rückschauen von dem dramatischen Geschehen in den schicksalhaft miteinander verbundenen Farmhäusern berichtet, in denen sie lange tätig war.

Dabei lässt sie häufig die jeweiligen Personen, von denen sie berichtet, ihrerseits zu Wort kommen, als Ergänzung zu dem von ihr mündlich Vorgetragenem eine weitere Stufe der erzählerischen Verschachtelung. Was wir letztendlich dann im Buch lesen, das ist Lockwoods schriftlicher Bericht davon. Dieses komplizierte, narrative Konstrukt bewirkt einen noch größeren Abstand der Autorin vom Erzählten. Nelly ist als Vertrauensperson mit nahezu allen Interna des dramatischen Geschehens und dem Seelenzustand der jeweils betroffenen Figuren bestens vertraut. Gutmeinend wie sie ist, versucht sie auch unermüdlich, das seelisch grausame Geschehen manipulativ zu beeinflussen, also besänftigend, notfalls durch Halbwahrheiten oder gezieltes Verschweigen, positiv einzuwirken auf die Figuren, um das Schlimmste zu verhindern, – was ihr letztendlich aber meistens doch nicht gelingt. Der erzählerische Horizont des Romans reicht von einer Hochzeit 1757 bis zu einer geplanten im Jahre 1803.

Mit dieser damals absolut ungewöhnlichen Erzählform waren die Leser in viktorianischen Zeiten natürlich überfordert, nicht wenige der heutigen dürften es sogar auch jetzt noch sein! Hinzu kommt, dass die Autorin sich in ihrer dramatischen Geschichte moralischer Wertungen ihrer teils bösartigen Figuren enthält. Sie überlässt vielmehr ihre Deutungen und Wertungen Nelly, der dominanten Ich-Erzählerin, – ohne sich aber erkennbar mit ihr zu identifizieren, sie bleibt stets unbeirrt ambivalent. Deutungen von «Wuthering Heights», das sich von den zeitlich vorhergehenden, ausgesprochen realistischen Romanen einer Jane Austen total unterscheidet, und insbesondere auch von dessen Hauptfigur Heathcliff reichen von ‹Satan in Menschengestalt› bis zum kapitalismus-kritischen ‹Rächer der Unterprivilegierten›, – der dann aber selbst zum Unterdrücker wird. Er gilt mithin als typischer Vertreter eines Byron’schen Helden in der britischen Literatur, der hier aber auch als Verkörperung der wilden, elementaren Naturgewalten gesehen werden kann. Modernere Interpretationen widmen sich mehr den psychologischen Deutungen der verschiedenen Romanfiguren. Wie auch immer, ohne Zweifel gehört dieser Roman zu den zeitlosen Klassikern, der stilistisch raffiniert und in einer stimmig ins Deutsche übertragenen Sprache nicht nur angenehm unterhält, sondern durchaus auch bereichernd wirkt, was seelische Abgründe anbelangt!

Fazit:   erstklassig

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Genre: Roman
Illustrated by Hanser Verlag München